Animal Spirits

Rationalität und Emotion in den Wirtschaftswissenschaften


Seminararbeit, 2011
21 Seiten, Note: 1,0

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Animal Spirits
2.1 Confidence
2.2 Fairness
2.3 Corruption and Bad Faith
2.4 Money Illusion
2.5 Stories

3 Schlussbemerkung

4 Bibliographie

1 Einleitung

In den Wirtschaftswissenschaften wird im Allgemeinen davon ausgegangen, der Mensch sei ein rational handelnder und nutzenmaximierender Akteur. Diese pa­radigmatische Leitlinie kann bis auf die klassische Theorie von Adam Smith zurück­verfolgt werden, in der das eigennutzige wirtschaftliche Handeln jedes einzelnen dank einer metaphorischen ,Unsichtbaren Hand‘ zu einer optimalen Allokation von Kapi­tal (und Arbeit) führt (vgl. Smith (1974): 369). Auch in anderen Gesellschaftswissen­schaften wie der Politikwissenschaft und der Soziologie, wo die Annahme rational handelnder Akteure in Form der Rational Choice-Theorie sogar als einzig echtes Paradigma angesehen wird (vgl. Hill (2002): 73), hat das Menschenbild des homo oeconomicus breite Anwendung und Akzeptanz gefunden. Die paradigmatische Stel­lung des rationalen Akteurs ist jedoch in der Politikwissenschaft und der Soziologe nicht unwidersprochen geblieben und ist weiterhin Gegenstand von Diskussion und Kritik (vgl. Green und Shapiro (1994)). Insbesondere wird die Divergenz von An­nahmen sowie Prognosen der Modelle einerseits und den Ergebnissen empirischer Untersuchungen andererseits kritisiert (vgl. z.B. Turski (2008)).

Eine aühnliche Diskussion wurde 2009 von George Akerlof und Robert Shiller mit ihrem Buch ,Animal Spirits‘ in der Volkswirtschaftslehre angestoßen. Bereits mit dem Titel des Bandes beziehen sich Akerlof und Shiller auf ein Konzept John May­nard Keynes, mit dem dieser 1936 in seiner grundlegenden ,General Theory of em­ployment, interest, and money‘ nicht-rationale Elemente wirtschaftlichen Handelns beschrieb. Wüahrend sich aus Keynes Betrachtungen uüber die gesamtwirtschaftliche Nachfrage als volkswirtschaftliche Basisdeterminante ein eigener Zweig der Volks­wirtschaftslehre und entsprechende Anwendungen in der Fiskalpolitik entwickelten, fanden seine Uüberlegungen zu Emotionen bei wirtschaftlichen Interaktionen in den Wirtschaftswissenschaften kaum Resonanz. Nach wie vor basieren volkswirtschaft­liche Modelle in der vorherrschenden Neoklassik auf der Annahme des homo oeco- nomicus. Das bei Keynes fragmentarisch und vage gebliebene Konzept der Animal Spirits als Umschreibung fuür emotionale, nicht-rationale Handlungen wurde nun von Akerlof und Shiller auch vor dem Hintergrund der letzten Finanzmarkt- und Wirt­schaftskrise ausgearbeitet. Ihr Werk kulminiert in der Forderung:

„It is necessary to incorporate animal spirits into macroeconomic theory in order to know how the economy really works“ (Akerlof und Shiller (2009): 168).

Diese Arbeit verfolgt das Ziel, dem Werk Akerlofs und Shillers durch eine zugespitz­te Darstellung der Diskrepanz zwischen neoklassischer Makroökonomie und Empirie zusatzliches Gewicht zu verliehen.

Nach einem Überblick öber Keynes Beitrag zum scheinbar konfliktualen Verhaltnis zwischen Rationalitöt und Emotionen werden die fíinf von Akerlof und Shiller iden­tifizierten Animal Spirits dargestellt und jeweils zu Theorien der zeitgenössischen Volkswirtschaftslehre sowie empirischer Evidenz in Bezug gesetzt. Dabei stutzt sich der empirische Teil der Betrachtung auf Erkenntnisse der Soziologie, der Psychologie sowie der Politikwissenschaft.

2 Animal Spirits

Der Begriff der Animal Spirits bleibt bei Keynes (1936) recht vage formuliert. In seiner Theorie der Investitionsentscheidungen spielen die Erwartungen der Investo­ren an die zukünftige Entwicklung von Wertanlagen eine entscheidende Rolle, wobei sich aus der in der Regel schlechten Informationslage von Investoren die Frage nach Unsicherheit oder Risiko einer Entscheidung ergibt. Angesichts von Investitionsent­scheidungen, die aufgrund schlechter Informationen oft unter Unsicherheit getroffen werden mussen, wird die Beriicksichtigung von Animal Spirits notwendig.

Laut Keynes ist die Kenntnis der Determinanten einer Investition bei Anlageent­scheidungen extrem gering und oft sogar vernachlassigbar (vgl. Keynes (1936): 149), was auch eine Folge der Auflösung der Personalunion von Unternehmensfuhrung und Unternehmenseignern in der modernen Aktiengesellschaft ist (vgl. ebd.: 153). Der innere Wert einer Unternehmensaktie ergibt sich aus den könftig zu erwartenden Ge­winnen des Unternehmens, uber welche in der Gegenwart auf Basis der vorhandenen Informationen mehr oder weniger akkurate Prognosen abgegeben werden können, die jedoch auch von kunftigen, naturgemöß unbekannten Faktoren beeinflusst wer­den. Ferner sind spekulative Elemente von Bedeutung, sodass der innere Wert eines Wertpapiers nicht immer durch die tatsöchliche Marktbewertung widergespiegelt wird. Fur eine Anlageentscheidung ist daher die Antizipation dessen, was die an­deren Marktteilnehmer fur den wahren Wert der Anlage halten, wichtig. Keynes veranschaulicht diesen Gedanken anhand eines Beispiels, dem zufolge der Kauf ei­ner Aktie fur 25$, deren inneren, ,wahren‘ Wert man bei 30$ sieht, keinen Sinn ergibt wenn man davon ausgeht, dass der Markt diese Aktie in drei Monaten ledig­lich mit 20$ bewerten wird.[1] Mit dem Hinweis auf die Diskrepanz zwischen innerem Wert einer Anlage einerseits und auf kurzfristigen Antizipationen öber das Verhalten anderer Marktteilnehmer andererseits basierenden Marktbewertungen umschreibt

Keynes zwei Handlungsweisen von Finanzmarktakteuren, die heute als langfristiges ,Investing‘ und kurzfristig ausgerichtetes ,Trading‘ bekannt sind und von Keynes treffend als ,speculation‘ bzw. ,enterprise‘ bezeichnet werden (vgl. ebd.: 158).

Die Bewegung von Aktienkursen ist laut Keynes nicht nur auf die genannten Fak­toren, sondern auch auf die Instabilität der menschlichen Natur zurückzuführen. Demzufolge ist ein Großteil positiver Aktivitat nicht das Resultat mathematisch und quantitativ ermittelter Erwartungen gleich welcher Natur, sondern Folge spon­tanen Optimismus‘ bzw. eines spontanen Drangs zur Handlung wider die Untatigkeit (vgl. ebd.: 161). Ohne diese Animal Spirits, ohne irrationalen Optimismus wärde Keynes zufolge unternehmerische und investierende Tätigkeit absterben. Die Not­wendigkeit der Existenz dieser Animal Spirits wird mit der Unmöglichkeit mathe­matischer Berechnung von Erwartungen angesichts unzureichender Informationen begriindet. Sich auf die Knightsche Unterscheidung zwischen Risiko und Unsicher­heit (vgl. Knight (1964) (1921)) beziehend postuliert Keynes, dass wirtschaftliche Entscheidungen mangels Kenntnis von Wahrscheinlichkeiten und damit Erwartun­genswerten unter Unsicherheit getroffen werden und zum Treffen von Entscheidun­gen daher irrationale, emotionale Impulse notwendig sind. Welcher Gestalt diese Impulse sind lässt Keynes jedoch offen.

Im Folgenden wird nun die Ausarbeitung des Konzepts der Animal Spirits durch Akerlof und Shiller präsentiert und diskutiert.

2.1 Confidence

Das Konzept der Confidence (Zuversicht) umschreibt eine Art von Optimismus und ist damit derjenige der funf Animal Spirits von Akerlof und Shiller, welcher Keynes Vorstellung von Animal Spirits am nächsten kommt (vgl. Akerlof und Shiller (2009): 11-18). Confidence ist demzufolge eine Erwartung an die Zukunft, die nicht nur auf den gegenwärtig verfugbaren Informationen beruht, sondern auch das Resultat von Vertrauen und Glaube an die Zukunft ist. Demnach geht Confidence notwendiger­weise uber das Rationale hinaus. Eine wirklich vertrauende Person ignoriert oder diskontiert vorhandene Informationen, deren rationale Verarbeitung zu einer weniger optimistischen Prognose der Zukunft fuhren wurde. Falls die Ausprägung der Zuver­sicht, welche in der Neoklassik keine Rolle spielt, im Zeitverlauf variiert, sei Akerlof und Shiller zufolge offensichtlich, welche Implikationen dies auf die wirtschaftliche Entwicklung habe.[2] In guten Zeiten sind die Menschen zuversichtlich und treffen Entscheidungen, sich instinktiv des Erfolgs gewiss, spontan. In schlechten Zeiten hingegen verschwindet die Zuversicht und die Aktivität verebbt. Um bedeutende Investitionsentscheidungen zu treffen, muss der Mensch also voller Zuversicht sein. Damit ziehen Akerlof und Shiller eine direkte Parallele zu Keynes, bei dem die ge­samtwirtschaftliche Nachfrage eine entscheidende Determinante fur wirtschaftliche Konjunkturzyklen ist.

Diese Ansicht steht im Widerspruch zur Entscheidungstheorie der Wirtschaftswis­senschaften, welche hier kurz skizziert werden soll: Im rationalen Paradigma evaluie­ren Menschen alle ihnen zur Verfìigung stehenden Optionen und deren potenziellen Nutzen. Nach einer Abschätzung der Erfolgswahrscheinlichkeit wird diejenige Opti­on gewählt, welche den gräßten Erwartungsnutzen bietet. Eine Handlung, die nicht dieser Entscheidungsregel folgt, sondern auf Zuversicht und Vertrauen beruht, wird von dieser Theorie nicht beriicksichtigt.

Dass Zuversicht fur wirtschaftliche Entscheidungen von Bedeutung ist kann anhand des sog. Keynesianischen Multiplikators demonstriert werden, welcher ein Modell fur den gesamtwirtschaftlichen Effekt eines anfanglichen, von der Regierung gesetzten, Konjunkturstimulus bietet und mit der folgenden Formel dargestellt werden kann:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Die Summe des Effekts ist demnach der anfangliche Stimulus (1$) sowie jedweder Konsum, der auf diesen Stimulus zuriickzuhihren ist (MPC$ + MPC2$ + [...] + MPCn$). Dabei beschreibt die Variable MPC (Marginal Propensity to Consume) den Anteil des Stimulus, der in den Konsum fließt. (1 — MPC) ist demnach der An­teil des Stimulus, der gespart wird. Die Variable MPC kann leicht als das Ausmaß der Zuversicht interpretiert werden. Ist die Zuversicht groß wird ein entsprechend großer Teil des Stimulus für den Konsum verwendet. So läst der Stimulus eine starke Nachfragesteigerung aus, die ihrerseits nachfragesteigernd wirkt usw. Ist die Zuver­sicht jedoch gering wird die Nachfragesteigerung des Stimulus ebenfalls gering sein.

[...]


[1] Keynes (ebd.: 156) veranschaulicht diesen Gedanken mit einer faszinierenden Metapher indem er auf das Gewinnspiel einer Zeitung verweist, bei dem die Teilnehmer aus 100 Portraits diejeni­gen sechs auswahlen sollen von denen sie glauben, dass die Gesamtheit der Teilnehmer sie als am attraktivsten bewerten wird. Da jeder Teilnehmer vor derselben Aufgabe steht, nämlich die Präfe­renzen aller anderen Teilnehmer zu antizipieren die ihrerseits annahmegemäß die Präferenzen aller anderen Teilnehmer antizipieren, ergibt sich theoretisch ein infiniter Regress aus Antizipationen.

[2] In einem aktuellen Standardwerk zur Makroökonomie (Burda und Wyplosz (2005)) gibt es kein Kapitel, das Zuversicht behandelt. Der Begriff ,confidence‘ und Synonyme wie ,trust‘, ,faith‘ und ,belief sind nicht im Index zu finden.

Ende der Leseprobe aus 21 Seiten

Details

Titel
Animal Spirits
Untertitel
Rationalität und Emotion in den Wirtschaftswissenschaften
Hochschule
Universität Hamburg  (Institut für Soziologie)
Veranstaltung
Rationales Entscheidungshandeln unter Risiko
Note
1,0
Autor
Jahr
2011
Seiten
21
Katalognummer
V178257
ISBN (eBook)
9783656001904
ISBN (Buch)
9783656002321
Dateigröße
556 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
George Akerlof, Robert Shiller, Homo Oeconomics, John Maynard Keynes, Rational Choice, Neoklassik, Rationalität, Emotion, Makroökonomie, Animal Spirits
Arbeit zitieren
Malte Turski (Autor), 2011, Animal Spirits, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/178257

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