Die Bedeutung von User-Generated Content für die Fernsehnachrichten des öffentlich-rechtlichen Rundfunks, demonstriert am Beispiel der Love Parade-Katastrophe 2010


Hausarbeit, 2011
54 Seiten, Note: 1,7

Leseprobe

Gliederung:

1. Einführung

2. Erläuterungen zum Begriff User-Generated Content

3. Beispiele für User-Generated Content

4. Hauptteil: Auswertung und Analyse des Korpus
4.1. Analyse zum Tag des Unglücks
4.2. Analyse zu Tag 1 nach dem Unglück
4.3. Analyse zu Tag 2 nach dem Unglück
4.4. Zusammenfassung der Ergebnisse

5. Schlussgedanke

6. Bibliografie

7. Quellen des Videomaterials der Daten-DVD

1. Einführung

Was als fröhliche Party begann, endete in einer Katastrophe: Bei der Love Parade im Juli 2010 in Duisburg starben bei einer Massenpanik 21 Menschen - ein Unglück, das Tage und Wochen auf der Nachrichtenagenda in Deutschland weit oben stand. Die Bilder von der Massenpanik werden sich wohl in die Köpfe der Menschen eingebrannt haben: Es sind Bilder aus einem Tunnel, in dem sich eingepferchte Menschenmassen drängen und Videoausschnitte, die andeuten, wie Menschen zerquetscht und tot getreten werden. Dabei handelt es sich um Material, das Besucher der Love Parade mit Kameras und Handys selbst generierten und ins Netz stellten, sogenannter User-Generated Content (UGC). Diesen UGC nutzten Fernsehsender für ihre Berichterstattung über die Katastrophe. Da es im Tunnel, in dem es zur Massenpanik kam, keine Videoüberwachung gab, war es für die Berichterstatter quasi unmöglich, frühzeitig den genauen Verlauf nachzuzeichnen. Erste Videos aus dem „Todestunnel“ und solche, die die Treppe zeigen, an der Menschen zu Tode kamen, erreichten den Rundfunk erst Stunden später.

Diese Arbeit soll zeigen, wie die Nachrichten- und Sondersendungen der öffentlich- rechtlichen Fernsehanstalten ARD und ZDF mit Hilfe von UGC über die Love Parade berichteten. So sollen anhand dieser Analyse zum einen die Eigenschaften und Funktionen des UGC herausgearbeitet, aber auch Rückschlüsse darauf gezogen werden, welche Rolle dieser UGC für die Nachrichten des Öffentlich-Rechtlichen spielen kann. Darüber hinaus wird ein Vergleich zwischen ARD und ZDF bezüglich ihres Umgangs mit UGC im Zuge der Berichterstattung über die Love Parade angestellt. Letztendlich soll die Analyse Hinweise darauf geben, wie sich das Rollenverständnis des professionellen Journalisten durch die Einbeziehung von UGC ändert. Zu Beginn wird der Begriff UGC definiert, erklärt und an kurzen Beispielen veranschaulicht. Den Hauptteil dieser Arbeit bildet die Analyse und Interpretation der Nachrichtensendungen von ARD und ZDF und der Sondersendungen beider Sender zur Love Parade, die am Tag der Katastrophe und den beiden darauf folgenden Tagen ausgestrahlt wurden. An diese Analyse knüpft eine tiefer gehende Zusammenfassung der wichtigsten Erkenntnisse an, bevor ein Fazit die Arbeit abschließt.

2. Erläuterungen zum Begriff User-Generated Content

Der Begriff „User Generated Content“ (nach Mitchelstein auch „ User-Authored Content “ genannt) wurde als Hauptaspekt des Web 2.01 bekannt. „UGC bezeichnet alle Inhalte oder Medien, die auf Webseiten von den Benutzern selbst erstellt bzw. eingestellt werden“ (Utz 2010). UGC entspricht also allen Informationen, die von klassischerweise als „Rezipienten“ bezeichneten Verbrauchern produziert und publiziert werden. Es gibt verschiedene Formen, in denen UGC auftreten kann: Blogs, Wikis (zum Verfassen von Lexikonartikeln), social network sites (facebook), Video- und Bilderdienste (YouTube, Flickr), Podcasts, Plattformen (z.B. Suchmaschinen), aber auch Foren und Nachrichtenportale jeglicher Art gelten als Plattformen für UGC (vgl. ebenda). Aufgrund des begrenzten Umfanges konzentriert sich diese Arbeit auf UGC aus Video- und Bilderdiensten.

UGC ist ein so genanntes “new media [phenomenon]” (Schweiger und Quiring 2009: 3): “Actually, the term ‘user-generated-content’ was created as a label for user contributions within the new media environment. Digitalization and new media brought along some changes that made it much easier for media users and producers to interact in the process of the creation of public content” (ebenda). Unter den Internetnutzern ist dieses Phänomen beliebt, da „UGC is low-cost content and thus can help to fill sites with content quite economically” (Schweiger und Quiring 2009: 9). Laut dem „Journal du Net“ wird die Zahl der UGC-Produzenten ansteigen: „En 2011, ce nombre pourrait atteindre 253 millions dans le monde“ (Le Journal du Net: 2007). Dabei ist zu beachten, dass laut einer Studie von Rubicon Consulting „en effet, d’après l’étude, 80 % des contenus générés par les utilisateurs ne sont produits que par 10 % des internautes“ (Jacobs 2009). Wenige User produzieren also eine Vielfalt von Material. Der User hat die Möglichkeit, an der öffentlichen Kommunikation teilzunehmen und selbstständig Beiträge zu erstellen, um diese durchaus auch zu bereichern. UGC ist in der Regel „unique“ (einmalig), schließlich produzieren die User ihre Inhalte nach individuellem Belieben (Content.net: 2010).

3. Beispiele für User-Generated Content

UGC gewann seine Popularität mit der Tsunami-Katastrophe in Südostasien, denn „gerade bei aktuellen Ereignissen wie der Tsunami-Katastrophe 2004 waren es Beiträge des Citizen Journalism, insbesondere in der globalen Blogosphäre, [die] für die Themensetzungen, für ein globales Agenda Setting gesorgt haben, das sich auch in den traditionellen Medien widergespiegelt hat“ (Bleicher 2010: 77). Zum einen waren es Blogeinträge, die die Medienagenda bestimmten, aber auch zahlreiche selbst gedrehte Videos von Augenzeugen, die in den Nachrichtensendungen rund um den Globus zu sehen waren. Ein weiteres Beispiel für das Auftreten von UGC ist der Flugzeugabsturz in den New Yorker Hudson River im Jahr 2009. Die besondere Wirkung des UGC wurde abermals unterstrichen, als die Notlandung auf dem Hudson River in der Hitliste der besten Bilder 2009 bei Pro7 „Galileo Big Pictures“ auf Platz 1 landete (Schlüter 2010). Diese Beispiele zeigen, wie „regular citizens are increasingly performing ‘random acts of journalism’, having witnessed an event” (Stassen 2010: 6). Weitere Beispiele sind unter anderem Videos von Augenzeugen der Terroranschläge auf das World Trade Center am 11. September 2001, oder auch Videos vom Absturz einer Concorde-Maschine in Paris im Jahr 2000, welche ebenfalls als footage2 in Nachrichtensendungen integriert wurden. Ähnliches gilt auch für die Love Parade 2010. Das Besondere an diesem Fall ist für die Forschung, dass es bis jetzt kaum ein Event oder Unglück in Deutschland gab, bei dem so stark auf UGC in den Nachrichten zurückgegriffen wurde, wie die folgende Analyse beweist.

4. Hauptteil: Die Auswertung des Korpus

Der Korpus setzt sich aus elf Videos zusammen: 3-mal ARD Tagesschau, 3-mal ZDF Heute- Sendung, 2-mal ZDF Spezial und 3-mal ARD Brennpunkt. Abgedeckt wird der Zeitraum vom Tag der Katastrophe und der beiden folgenden Tage. Die Auswahl begründet sich darin, dass die Sondersendungen nur in der Zeit gesendet wurden, als das Thema noch zu den „breaking news“ gehörte. Material aus der Folgezeit wurde nicht mehr verwendet, da es sich im Wesentlichen zu wiederholen begann. Außerdem ist es Ziel dieser Arbeit, den Wert des UGC in einer „breaking news“-Situation zu beleuchten. Natürlich wuchs mit der Zeit die Zahl der Inhalte, aber diese „schafften“ es nicht mehr in die Berichterstattung. Die Auswertung erfolgt über die Interpretation des Transkriptes zu den jeweiligen Sendungen, gekoppelt an die UGC-Videoausschnitte in den Sendungen. Die Sendungen wurden tagesweise und nach der zeitlichen Abfolge der Ausstrahlung analysiert [beginnend mit ZDF „heute“ (19 Uhr), dem ZDF Spezial (19.10 Uhr), der ARD Tagesschau (20 Uhr), abschließend mit ARD Brennpunkt (20:10 Uhr)]. Den Analysen über die Berichterstattung jedes einzelnen Tages folgen jeweils Zwischenfazits und schließlich ein Gesamtfazit, das Charakteristika und Unterschiede zwischen der Berichterstattung von ARD und ZDF zum Love Parade-Unglück beschreibt.

4.1 Der Tag des Unglücks

Bei der Auswertung des Materials, das am Unglückstag verwendet wurde, ist zu beachten, dass es sich bei der Nachricht von der Katastrophe um eine Eilmeldung handelte. Das Unglück geschah gegen 17:15 Uhr. Wichtig dabei ist die kurze Zeitspanne bis zur ersten Nachrichtensendung um 19:00 Uhr im ZDF. Die Heute-Sendung berichtete, eine Spezial- Sendung gab es aber nicht, da die Faktenlage anscheinend nicht ausreichend für eine derartige Sendung war. Anzunehmen ist, dass das komplette Ausmaß der Katastrophe noch nicht zu abzusehen war.

ZDF HEUTE: Aufgrund des Umstandes, dass „heute“ zwei Stunden, nachdem sich die Katastrophe ereignet hatte, auf Sendung ging, war die Zeit zur Beschaffung von Videomaterial und Information begrenzt. Problematisch war, dass die Telekommunikationsnetze in Duisburg zusammengebrochen und keine Videobilder vom Unglück verfügbar waren. Ein ZDF-Korrespondent, der live in die Sendung geschaltet wurde, bestätigte, dass „ die Handy-Netze kurz nach dem Unglück,äh, zusammengebrochen [sind],äh, auch da gibt es auch noch Verständigungsprobleme. “3 Diese Aussage dient als Erklärung dafür, dass noch kein UGC-Material vom Unglücksort vorlag. Fotos und Videos können über Smartphones versendet oder direkt ins Internet hochgeladen werden, nicht aber, wenn das Netz zusammenbricht. Deswegen gab es in dieser Sendung keinerlei Bildmaterial von der Katastrophe bis auf Fotos, die das ZDF am Unglücksort schoss.

ARD Tagesschau: Die Tagesschau, die eine knappe Stunde mehr Zeit zur Recherche hatte, profitierte ebenfalls nicht von UGC. Hier liegt ebenfalls die Erklärung nahe, dass noch kein UGC im Netz zu finden war, auf den die Rundfunkanstalt hätte zugreifen können. Außerdem waren die Rettungsaktion als auch die Veranstaltung noch in vollem Gange: Die Vermutung liegt nahe, dass viele Raver4, die die Massenpanik hautnah mit erlebten und so auch Material hatten (z.B. auf ihren Kameras, Handys), möglicherweise noch ärztlich versorgt wurden, auf dem Heimweg waren oder noch keine Möglichkeit gehabt hatten, ihre Aufnahmen ins Netz zu stellen.

ARD Brennpunkt: Die ARD sendete eine Sondersendung. Während einer Schalte zur Love Parade beschreibt Reporter Thomas Bug die dünne Informationslage: „ In diesem Tunnel, wo zunächst keiner wusste, was da drin passiert ist. Wir wissen auch jetzt von Augenzeugen , [ … ] dass einfach diese Massenpanik entstand, weil nichts mehr vorwärts und rückwärts ging..."5 Die ARD beruft sich also auf die Aussagen von Augenzeugen, die die Massenpanik beobachtet hatten. Eine Kamera selbst hatte das Geschehen nicht verfolgt, deswegen berufen sich die Reporter auf die Bilder, die ihnen Augenzeugen schilderten. Moderator Jörg Schönenborn geht ebenfalls auf die in diesem Fall so wichtigen Augenzeugen ein: „ Augenzeugen schildern die Situation im Tunnel als furchtbar. “6 Das einzige Material, das zur Verfügung stand, waren Aussagen von Augenzeugen. Weiterhin ist es anzunehmen, dass es Ziel der Sondersendung war, über die aktuelle Lage zu informieren und die wichtigsten Fakten dieser „breaking news“ vorzustellen.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Quelle: eigene Darstellung

4.2 Tag 1 nach dem Unglück

ZDF HEUTE : „ Schon vor Wochen haben [ … ] Blogger im Internet detailliert gewarnt, das Gelände sei zu klein und der Zugangüber nur einen Tunnel k ö nnte zur Falle werden “7, so heißt es an Tag 1 nach der Katastrophe. Internetrecherchen haben inzwischen ergeben, dass es vor der Love Parade bereits Hinweise auf eine mögliche Katastrophe gab. „ [ … ] auch in der Raver-Szene selbst große Zweifel schon Wochen vor der Love Parade. (Barbara Hahlweg zitiert: ) „ Die wollen ernsthaft den Zugangüber ‘ nen einspurigen Tunnel leiten? Ich fass es nicht! Ich seh schon Tote , wenn nach der Abschlusskundgebung alle auf einmalüber diese mickrige Straße das Gelände verlassen wollen. “8 In der gesamten Medienberichterstattung über die Love Parade hat sich wohl dieses Zitat, das immer und immer wieder von den Medien zitiert wurde, in die Köpfe der Zuschauer eingebrannt. Nachdem das Ausmaß der Katastrophe weitestgehend bekannt war, stand thematisch die

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 1: Einblendung des Zitats, das Hahlweg vorliest mit „derwesten.de“ als Quelle (Quelle: ZDF Heute, Sendung vom Samstag, 24.7.2010 (19:00 Uhr), Podcast)

Aufklärung des Unglückes oben auf der Medienagenda. Als Quelle diente das Internet. In der Zwischenzeit sind offensichtlich auch zahlreiche user-generated videos im Netz (z.B. auf YouTube) aufgetaucht, welche die Situation im Unglückstunnel schildern. Es existiert eine Vielzahl von Videos: Wenn man in die Suchmaske von YouTube die Stichworte "Love Parade Duisburg" eingibt, werden mehr als 5000 Treffer angezeigt.9

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 2: Synopse von Screenshots aus den gezeigten UG videos (Quelle: ZDF Heute, Sendung vom Samstag, 24.7.2010 (19:00 Uhr), Podcast)

Das ZDF blendete mehrere Videoausschnitte ein, die verschiedene Perspektiven der Massenpanik zeigen: den Unglückstunnnel, die Treppe, an der zahlreiche Opfer zu Tode gedrückt wurden und andere Bilder, auf denen zu erkennen ist, wie die Menschen über Absperrungen flüchten. Angesichts der Qualität („verpixelte“ Videos) und der Kameraführung (verwackelte Aufnahmen) lässt sich darauf schließen, dass es sich hier mit hoher Wahrscheinlichkeit um UGC handelt und nicht um professionelle Kamerabilder. Eine explizite Quellenangabe gibt es nicht, die Produzenten der Videos bleiben anonym.

ZDF Spezial: Die Sondersendung zur Love Parade-Katastrophe im Anschluss an die Heute- Sendung benutzt ebenfalls Ausschnitte von user-generated videos aus dem Tunnel, um die Katastrophe zu dokumentieren. Die Sendung widmet sich eingehender dem Phänomen des UGC, indem eine Internetexpertin konsultiert wird. Diese Expertin fungiert hier als typischer Gatekeeper, die den UGC zuvor exemplarisch ausgewählt hat und ihn jetzt anmoderiert, kommentiert und einordnet. Durch die Fokussierung auf das Phänomen UGC wird es offenbar auch als Begleiterscheinung des Unglücks identifiziert. Wie der folgende Transkript- Auszug zeigt, soll der UGC dazu dienen, herauszufinden, wie sich die Massenpanik zugetragen hat:

Norbert Lehmann [Moderation]: „ Sonja, im Internet, im Netz, da gibt es ja unheimlich viel zu lesen. Da gibt es Augenzeugenberichte , da gibt es Fotos , ganz viele Videos , die eingestellt worden waren. Kriegt man dadurch Klarheit, was da eigentlich genau passiert ist [ … ]?"

Sonja Schünemann [Internetexpertin]:

"Mittlerweile haben viele der Menschen, die bei der Love Parade [ … ] waren, bei YouTube Videos hochgeladen und zeigen uns ein bisschen, was da passiert ist , wie eng es zum Beispiel war auf diesen Zugangsstraßen. Das

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 3: Video, das die Enge des Tunnels zeigt [Quelle: ZDF Spezial, Sendung vom Sonntag, 25.7.2010 (19:10 Uhr)]

Quelle gekennzeichnet werden.

sieht man in diesem Video ganz [ … ] gut "10 (siehe Abbildung 3). Auffallend in dem Video ist, dass die UGC neuerdings mit einer "[ … ] hier sieht man , dass viele sich hier oben auf diesem Damm flüchten. [ … ] hier wird eine Frau mit Müh und Notüber diese Treppe gerettet . (siehe Abbildung 4) Die Videos stellen die Leute rein, um die

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 4: Video zeigt, wie eine

Wahrheit zu zeigen. Das schreiben viele auch explizit dazu."11 An dieser Stelle tritt der UGC auf eine neue Frau über eine Treppe gerettet wird (Quelle: siehe Abbildung 3)

Ebene: „Innerhalb der bestehenden Vielfalt des User Generated Content tritt an die Seite des klassischen Journalismus der „Citizen Journalism“ durch Menschen ohne journalistische Ausbildung, die einfach schreiben, was ihnen wichtig ist“ (Bleicher 2010: 77). Was Bleicher hier ausführt, ist auch in diesem Fall geschehen, nämlich dass User Videos hoch laden, „weil [es] ihnen wichtig ist“ (ebenda) und „um die Wahrheit zu zeigen“, wie es Schünemann ausführt. Das Hauptmotiv, UGC zu erzeugen und zu publizieren, liegt laut Bughin in der Kommunikation (weitere Motive sind die „Sehnsucht nach Ruhm, Spaß, Wissen zu teilen“).12 Wie in der vorangegangenen Heute-Sendung erwähnt auch Schünemann das Zitat „Ich seh’ schon Tote“, von dem bereits die Rede war und ordnet es ein. „[…] da sagen im Netz natürlich viele, Entschuldigung, wenn das einem ganz normalen User von einem Nachrichtenportal auffällt, warum dann nicht den Organisatoren?"13

Das Internet spielt laut Moderator Norbert Lehmann eine wichtige Rolle insofern, als dass es helfen könne "über diese Sache hinwegzukommen"14, mit Hilfe von digitalen Kondolenzbüchern, Hilfs- und Suchangeboten. Laut Schünemann wurde vor allem Twitter "ganz exzessiv"15 genutzt, um vermisste Personen wiederzufinden. Deswegen resümiert Schünemann, dass "das Netz [...] da ‘ ne ganz klassische Hilfestellung [ist]" (ebenda). Im Vergleich zum Vortag ist es offensichtlich, dass sich die Quellen- und Faktenlage verbessert haben und UGC-Material in einer Vielfalt im Netz vorhanden ist. Inhaltlich geht es an Tag 1 nach der Katastrophe darum, den Hergang des Unglücks nachzuzeichnen. Dazu wird der UGC genutzt, der „echte“ Bilder vom Unglück.

ARD Tagesschau: Dem Videomaterial nach zu urteilen, sendet die Nachrichtensendung augenscheinlich keinen UGC zu dem Thema Love Parade, jedoch sind Ausschnitte von UGC womöglich zu sehen, als ein Unterbrechungsbild (siehe Abbildung 5) eingeblendet wird. UGC tritt bei einer Meldung zum zehnjährigen Jahrestag

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 5: Unterbrechungsbild

des Absturzes einer Concorde-Maschine bei Paris auf; ein UG video wurde eingespielt, das den Absturz zeigt. Das Video ist bereits zehn Jahre alt. Es unterstreicht zum

(Quelle: ARD Tagesschau, Sendung vom Sonntag, 25.7.2010 (20:00 Uhr), erhältlich als Podcast

einen wieder, dass UGC sich in Ausnahmesituationen hervortut, aber auch, dass dieses Phänomen kein neues ist. „For many producers and editors, user generated content is seen - and often treated - as a continuation of this tradition [of user participation]” (Bradshaw 2010).16

ARD Brennpunkt: UGC spielt auch in der Sondersendung der ARD am Tag nach dem Unglück eine Rolle. Ein Bericht zeigt zwei Jugendliche, die die Love Parade besucht hatten, und sich „ immer wieder [ … ]ihr Handy-Video an[sehen] “17. Offenbar setzen sich die Jugendlichen mit dem Geschehenen auseinander, um die traumatischen Ereignisse zu verarbeiten. Der Beitrag suggeriert, dass UGC eine weitere Funktion

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 6: Jugendliche sehen sich Video auf PC an [Quelle: ARD Brennpunkt, Sendung vom Sonntag, 25.7.2010 (20:10 Uhr)]

übernehmen kann (Unterstützung bei der Trauerarbeit und der Verarbeitung der tragischen Erlebnisse).

In einem weiteren Bericht der Sendung taucht wieder Material aus dem Internet auf. Darin heißt es, Polizei und Veranstalter seien gewarnt gewesen. Denn „ schon vor Tagen tauch[t]en im Internet Warnungen auf wie diese: „ Ich sehe schon Tote, wenn nach der Abschlusskundgebung alle auf einmalüber diese mickrige Straße das Gelände verlassen wollen. “18 Die ARD geht mit diesem Inhalt ganz ähnlich um wie das ZDF (eine Kamera filmt den Bildschirm, der das Zitat auf einer

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 7: Video zeigt, wie sich Männer auf der Treppe zu retten versuchen [Quelle: siehe Abbildung 6)

Website zeigt). Bei der Erläuterung des zweiten Vorwurfes, das Gelände sei völlig ungeeignet gewesen, werden Videoausschnitte von UGC aus dem Unglückstunnel gezeigt. Weiteres Material kommt wiederum zum Einsatz bei Vorwurf 3, die Organisatoren und Veranstalter hätten schwere Fehler bei der Durchführung gemacht. Man kann resümieren, dass die von Nutzern generierten Inhalte in der Sendung „angekommen“ sind. Auch im Abspann, der immer die wichtigsten Bilder zeigt, taucht UGC auf (siehe Abbildung 7).

Zwischenfazit zu Tag 1 nach der Katastrophe:

Beide Sondersendungen verwenden Videoausschnitte von UGC Das ZDF Spezial beschäftigt sich tiefgründiger mit dem Phänomen durch die Konsultierung einer Internetexpertin in der Sendung

Die ZDF-Nachrichten verwenden UGC-Material zur Thematisierung der Love Parade-Katastrophe, die ARDNachrichten hingegen nicht

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Quelle: eigene Darstellung

4.3 Tag 2 nach dem Unglück

ZDF heute: An Tag 2 nach dem Unglück spielt UGC offenbar eine wichtigere Rolle für die Berichterstattung des ZDF über die Love Parade. Schon bei der Vorstellung der Themen des Tages tauchen zur Love Parade UGC-Bilder auf. Das Internet spielt eine immens große Rolle im Umgang mit den Ereignissen der Love Parade, sichtbar an der „ große[n] Anteilnahme auch im Internet. Tausende schildern dort ihre Erlebnisse und verleihen ihrer Trauer Ausdruck. “19

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 8: UG Videos, die zu Beginn der Sendung eingeblendet werden (ZDF Heute, Sendung vom Montag, 26.7.2010 (19:00 Uhr), Podcast

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 9: Synopse der Videoausschnitte, die „heute“ verwendet (Quelle: siehe Abbildung 8)

UGC wird fast immer eingeblendet, um die Aussagen von Augenzeugen und Interviewpartnern zu bebildern (siehe Abbildung 9). Diese Videoausschnitte werden z.B. verwendet, wenn das Gedränge in dem sogenannten Unglückstunnel angesprochen wird.

„ [U]nter heute.de k ö nnen Sie mit verfolgen, wie das Netz als Zeuge des Unglücks dient. “20 Die Bedeutung des UGC und des Internet für den Umgang mit der Katastrophe manifestiert sich in der Wichtigkeit, die das ZDF diesem Phänomen einräumt.

ZDF Spezial: In der Sendung wird eine weitere Eigenschaft des UGC deutlich: „ Die Staatsanwaltschaft ermittelt und das wird dann genau dokumentiert werden. Es gibt sehr viele Filme bei YouTube z.B., die Einzelbilder zeigen. “21 Das von Usern generierte Material kann somit auch als Beweismittel dienen. UGC bekommt eine zusätzliche Funktion und erfährt dadurch eine Aufwertung.

Tagesschau: In dem Video ist wieder ein Unterbrechungsbild zu sehen. Davon ausgehend profitierte die Sendung anscheinend nur eingeschränkt von UGC, welcher - dies lässt sich vermuten - lediglich zur Unterstützung des Sprechertexts verwendet wurde (z.B. zur Beschreibung der Massenpanik im Tunnel).

Brennpunkt: Der Brennpunkt beschäftigt sich an Tag 2 nach der Katastrophe eingehender mit dem Internet und UGC: „ Wer nicht selbst nach Duisburg fahren kann oder will, geht online. Nutzt das Internet, um die eigenen Gedanken loszuwerden, um Gefühle und Ä ngste mit anderen zu teilen “22, z.B. in digitalen Kondolenzbüchern, auf facebook oder durch das Hochladen und Kommentieren von YouTube-Videos. Um die Betroffenheit der Nutzer im Netz zu illustrieren, werden in einem Beitrag Foreneinträge zitiert und gleichzeitig abgefilmt, wie z.B.: „ Ich habe keine Worte für das, was da am Samstag passiert ist. Schreibt Carsten aus Wesel. “23

Zwischenfazit zu Tag 2 nach der Katastrophe:

Videoausschnitte von UGC-Material werden von beiden Anstalten in den Sondersendungen zahlreich verwendet ZDF Heute nutzt UGC an mehreren Stellen, während die Tagesschau nahezu auf UGC verzichtet

Die Aktivitäten von Usern auf social networking sites, in Foren und digitalen Kondolenzbücher spielen eine wichtige Rolle

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Quelle: eigene Darstellung

4.4 Zusammenfassung der Ergebnisse

Der Zeitfaktor: Die Analyse zeigt, dass UGC erst mit zunehmendem Zeitverlauf in der Nachrichtenberichterstattung auftritt. Es ist deutlich geworden, dass erst am Tag nach der Katastrophe UGC-Material in den öffentlich-rechtlichen Nachrichten- und Sondersendungen ausgestrahlt wurde. Die Vermutung liegt nahe, dass der Zeitfaktor in diesem Fall eine tragende Rolle spielt: Das Material gelangte erst einen Tag nach der Katastrophe und nicht noch am gleichen Abend in die Berichterstattung der Öffentlich-Rechtlichen, weil anzunehmen war, dass die Faktenlage sowie Bildquellen zu letzterem Zeitpunkt noch nicht ausreichend vorhanden waren, um eine Sondersendung zu füllen. Augenzeugen, die auch zu Produzenten von UGC über die Massenpanik wurden, luden ihr Material anscheinend erst im Laufe der Nacht und des Folgetages auf den einschlägigen Plattformen hoch; der Ausfall der Telekommunikationsnetze hat dies noch weiter hinausgezögert. Die Annahme lässt weiterhin darauf schließen, dass zur Abendsendezeit am Folgetag ausreichend UGC- Material vorhanden war - es entpuppte sich als das einzige Material, da wohl keine einzige Kamera professionelle Bilder von der Massenpanik liefern konnte.

Eigenschaften und Funktionen von User-Generated Content „Augenzeugenschaft“ und Authentizität: Die Vorkommnisse um die Love Parade unterstreichen eine wichtige Eigenschaft des UGC, die „Augenzeugenschaft“, wie ich sie fortan bezeichne. Menschen wurden zu Zeugen des Geschehens und hielten sozusagen ihre Handykameras und Digitalkameras in den entscheidenden Momenten „drauf“. Dadurch beglaubigten sie ihre Rolle als Zeugen. Vielmehr aber noch trat ihr selbst generiertes und publiziertes Material bedeutsam hervor, da Journalisten dieses Material nicht besaßen. Denn „the only reader material that is given similar status to material produced by the news organisation is reader photos of breaking news events“ (Paulussen und Ugille 2008: 26). Dem UGC-Material wird Authentizität eingeräumt und gibt dem Rezipienten Aufschluss über das subjektive Empfinden des UGC-Produzenten zu einem bestimmten Ereignis und lässt den Zuschauer das Erlebte nachempfinden. Durch diese Authentizität eignet sich UGC, wie auch das Web 2.0 als hilfreich für die User - beispielsweise für die Trauerarbeit, die Verarbeitung des Geschehenen und um die Emotionen eines Augenzeugen nachempfinden zu können.

UGC als „Beweismittel“: UGC ist auch über die Berichterstattung der Love Parade hinaus bedeutsam, denn das Material soll staatsanwaltschaftlichen Ermittlungen dienen, um den Hergang der Massenpanik nachzuzeichnen. UGC mit seinem Dokumentationscharakter dient also als Beweisstück.

Vergleich zwischen ARD und ZDF: Generell stellt man einen Unterschied zwischen Nachrichten- und Sondersendungen fest. So beschäftigen sich die Sondersendungen der beiden Sender intensiver mit der Love Parade, beinhalten mehr Beiträge und deutlich mehr Interviews als die Nachrichtensendungen. Es fällt aber auf, dass sich das ZDF eingehender mit UGC-Material beschäftigt als die ARD. Im ZDF greift sogar eine Internetexpertin das Phänomen auf. Dr. Kai Gniffke, Erster Chefredakteur von ARD-Aktuell liefert einen Grund, warum die ARD weniger aufgeschlossen gegenüber der Nutzung von UGC ist:

„Die Entwicklung von technischen Möglichkeiten zur Aufzeichnung von bewegten Bildern durch die Nutzer und Rezipienten wird für die Nachrichten höchstens eine Ergänzung in Ausnahmefällen darstellen, die Tagesschau hat ein ausgezeichnetes Korrespondentennetz, so dass User-Generated- Content eine zu vernachlässigende Größe in der Berichterstattung des Qualitätsjournalismus bleiben wird.“ (Krambeck 2008: 26)

Die Aussage erklärt den Einsatz von UGC in der ARD insofern, als dass es sich bei der Love Parade offensichtlich um einen Ausnahmefall handelt, bei dem kein professionelles Material vorhanden war. Weiterhin erklärt das Zitat, warum UGC in der Tagesschau relativ spärlich eingesetzt wurde und zeigt auch gleichzeitig die Position der ARD zu UGC. An dieser Stelle wird “journalists’ scepticism about (the quality of) user contributions” (Chung 2006: 8; Paulussen und Ugille 2008: 29) sichtbar. Die ARD setzt offenbar mehr auf ihre Korrespondenten als auf UGC, um Qualitätsjournalismus zu garantieren. Das wirft natürlich die Debatte auf, inwiefern von Nutzern generierte Inhalt Qualitätsjournalismus ermöglichen; darauf an dieser Stelle einzugehen, würde allerdings den Rahmen dieser Arbeit sprengen.

Das ZDF hingegen sei UGC gegenüber offener, führt der Redaktionsleiter der ZDF-Heute- Redaktion Elmar Theveßen aus. Gewisse journalistische Standards seien wichtig, wie z.B. die Einhaltung des Pressekodex‘, so Theveßen. „Vor diesem Hintergrund […] ist denkbar User-Generated-Content in die Berichterstattung zu integrieren, wenn nachvollziehbar ist, nach welchen Kriterien dieser entstanden sind“ (Krambeck 2008: 33). Jedoch sind die der Produktion zugrunde liegenden Routinen von UGC oftmals weniger transparent. „Some researchers emphasize that users differ from journalists because their contributions are not necessarily guided by established editorial norms, such as objectivity and expertise (Mitchelstein und Boczkowski 2009: 34). Diese Überzeugung teilt auch Brockus; sie sagt, „stories not written in journalistic style are immediately suspect.“ (Brockus 2010: 1)

[...]


1 Unter Web 2.0 versteht Tim O’Reilly die Nutzung des Internet als Plattform sowie die Einbeziehung der kollektiven Intelligenz der Nutzer, sprich, von Benutzern geschaffene Strukturen oder die Zusammenarbeit von Benutzern auf jegliche Art und Weise (vlg. Alby 2007: 15).

2 Erklärung: ungeschnittes Filmrohmaterial (vgl. Monian 2010) Seite 5 von 54

3 Siehe: Transkript Seite 4

4 Erklärung: Ein Raver, ist ein Mensch, der sich für elektronische Musik interessiert. Die Love Parade ist ein Musikfestival der elektronischen Musik. Die Besucher werden von der Fachwelt und den Medien als Raver bezeichnet.

5 Siehe: Transkript Seite 21

6 Siehe: Transkript Seite 22

7 Siehe: Transkript Seite 5

8 Siehe: Transkript Seite 6

9 (Stand: 20. Dezember 2010)

10 Siehe: Transkript Seite 9

11 Siehe: Transkript Seite 10

12 vgl. Bughin, Jacques (2007:1)

13 Siehe: Transkript Seite 9

14 Siehe: Transkript Seite 9

15 Siehe: Transkript Seite 10

16 In der Vergangenheit gab es bereits Nutzerpartizipation, z.B. im Printbereich über Leserbriefe und Zuschriften oder im Radio über Höreranrufe).

17 Siehe: Transkript Seite 27

18 Siehe: Transkript Seite 30

19 Siehe: Transkript Seite 37

20 Siehe: Transkript Seite 15

21 Siehe: Transkript Seite 17

22 Siehe: Transkript Seite 35

23 Siehe: Transkript Seite 35

Ende der Leseprobe aus 54 Seiten

Details

Titel
Die Bedeutung von User-Generated Content für die Fernsehnachrichten des öffentlich-rechtlichen Rundfunks, demonstriert am Beispiel der Love Parade-Katastrophe 2010
Hochschule
Universität Trier  (Medienwissenschaft: Print/ Online)
Veranstaltung
Seminar: Online-Journalismus
Note
1,7
Autor
Jahr
2011
Seiten
54
Katalognummer
V178636
ISBN (eBook)
9783656008002
ISBN (Buch)
9783656007746
Dateigröße
1245 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Online;, Journalismus;, Online-Journalismus, User-Generated Content;, öffentlich-rechtlicher Rundfunk;, Fernsehen;, Nachrichten;, TV;, Love Parade;, Katastrophe;, Web 2.0, ARD, ZDF;, ARD Brennpunkt;, Heute Spezial
Arbeit zitieren
Julia Harrer (Autor), 2011, Die Bedeutung von User-Generated Content für die Fernsehnachrichten des öffentlich-rechtlichen Rundfunks, demonstriert am Beispiel der Love Parade-Katastrophe 2010, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/178636

Kommentare

  • Noch keine Kommentare.
Im eBook lesen
Titel: Die Bedeutung von User-Generated Content für die Fernsehnachrichten des öffentlich-rechtlichen Rundfunks, demonstriert am Beispiel der Love Parade-Katastrophe 2010


Ihre Arbeit hochladen

Ihre Hausarbeit / Abschlussarbeit:

- Publikation als eBook und Buch
- Hohes Honorar auf die Verkäufe
- Für Sie komplett kostenlos – mit ISBN
- Es dauert nur 5 Minuten
- Jede Arbeit findet Leser

Kostenlos Autor werden