Die IBA Emscher Park. Eine Untersuchung ihrer regionalökonomischen Effekte aus Sicht der Geographie

Analyse des Leitthemas "Arbeiten im Park"


Bachelorarbeit, 2011
76 Seiten, Note: 2,1

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Abbildungsverzeichnis

Tabellenverzeichnis

Abkürzungsverzeichnis

1. Einleitung
1.1 Einführung in das Thema
1.2 Forschungsleitende Fragestellung
1.3 Einordnung in die Geographie
1.4 Definition der Fachbegriffe
1.5 Reflexion des Forschungsstandes
1.6 Aufbau und Methodik

2. Geschichtliche Ursachen für Strukturpolitik
2.1 Rückblick – Vorangegangene strukturpolitische Maßnahmen
2.2 Merkmale der Emscherregion – Hemmnisse und Chancen

3. Die IBA Emscher Park
3.1 Leitthemen der IBA Emscher Park
3.2 Organisation und Finanzierung der IBA Emscher Park
3.3 Planungsparadigma der IBA Emscher Park

4. Kooperation zwischen LEG und IBA GmbH
4.1 Geschichte des „Arbeiten im Park“-Ansatzes
4.2 Modifikation des „Arbeiten im Park“-Konzeptes durch die IBA GmbH
4.3 Die Rolle der LEG bei der Umsetzung des „Arbeiten im Park“-Leitthemas
4.4 Umsetzung des „Arbeiten im Park“-Konzeptes im Rahmen der IBA Emscher Park

5. Der Gründer- und Technologiepark Wissenschaftspark Rheinelbe
5.1 Fallbeispiel Wissenschaftspark Rheinelbe
5.2 Umsetzung, Planung und Vermarktung des Gewerbeparks
5.3 Ökonomische Wirkung des Projekts auf mikroregionaler Ebene

6. Beurteilung des Leitthemas „Arbeiten im Park“
6.1 Impulse für die Regionalpolitik
6.2 Ökonomische Wirkung auf das Planungsgebiet der IBA Emscher Park
6.3 Veränderung der Standortattraktivität
6.4 Effekte auf die Beschäftigungsstruktur des RVR

7. Zusammenfassung und kritische Bewertung der Ergebnisse
7.1 Zusammenfassung der Ergebnisse
7.2 Fazit und kritische Auseinandersetzung

8. Literaturquellen

9. Internetquellen

Anhang:
I Abbildungen
II Fotographien

Abbildungsverzeichnis

Abb. 1 Lange Wellen der ökonomischen Entwicklung

Abb. 2 Konzept des regionales Lebenszyklus

Abb. 3 Produktlebenszyklustheorie

Abb. 4 Kennzeichen von Altindustrieräume

Abb. 5 Doppelte Finanzschwäche und Auswirkungen auf die Kommune

Abb. 6 Kontinuum der harten und weichen Standortfaktoren

Abb. 7 Entwicklung der Arbeitslosenquote während des Entwicklungsprogramm Ruhr

Abb. 8 Zonale Gliederung des Regionalverbandes Ruhr

Abb. 9 Zentrale Leitthemen der IBA Emscher Park

Abb. 10 Projekte der IBA Emscher Park

Abb. 11 Die 20 „Arbeiten im Park“-Projekte während der IBA Emscher Park

Abb. 12 Planungsgebiet des Wissenschaftsparks Rheinelbe

Abb. 13 Verteilung der Nutzungsflächen im Wissenschaftspark Rheinelbe

Abb. 14 Arbeitsschritte der NRW.URBAN (Stand 2009)

Abb. 15 Gewerbesteuersätze in NRW

Abb. 16 Beschäftigungsentwicklung im RVR seit 1989

Abb. 17 Gründer- und Technologiezentren als Instrument für Strukturpolitik

Abb. 18 Entwicklung der Arbeitslosenquote nach 1989

Tabellenverzeichnis

Tab. 1 Gründer- und Technologiezentren der IBA Emscher Park

Tab. 2 Nutzungsprofile ausgewählter Gründer- und Technologiezentren

Tab. 3 Veränderung des Planungsparadigma durch die IBA Emscher Park

Tab. 4 Grün- und Naherholungsparks in „Arbeiten im Park“-Projekten

Abkürzungsverzeichnis

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

1. Einleitung

1.1 Einführung in das Thema

Das Ruhrgebiet galt lange Zeit als der entscheidende Taktgeber der deutschen Ökonomie. Nach dem zweiten Weltkrieg sorgte eine Sonderkonjunktur aufgrund des Wiederaufbaus für enormes Wirtschaftswachstum und führte damit zu einer Steigerung des gesamtdeutschen Wohlstands1. Nach der Kohlekrise im Jahr 1957/1958 fand eine enorme Umstrukturierung des Raumes statt. Infolge des ökonomischen Niederganges der Montanindustrie und dem einsetzenden Strukturwandel, verlor ein Großteil der beschäftigten Bevölkerung ihren Beruf. Das Ruhrgebiet entwickelte sich zum „Sorgenkind“ der Bundes- republik Deutschland.

Die Arbeitslosigkeit war im Verhältnis zu anderen Regionen überproportional stark ausgeprägt. Bestehende Industriebetriebe nutzten ihre großen Bodenflächen, die z.T. stark in das innerstädtische Gefüge eingebunden waren, als Machtmittel und verhinderten über lange Zeit bis in die 1960er Jahren eine Neuansiedlung von anderen Industrien. Mit zunehmender Globalisierung und sinkenden Transportkosten verlor das Ruhrgebiet den Standortvorteil „direkt auf der Kohle zu sitzen“ und konnte somit nicht mehr mit den Weltmarktpreisen für Kohle und Stahl konkurrieren. Ein großer Teil der industriellen Flächen, die in Form von Ze- chen, Kokereien und Stahlwerken genutzt wurde, fiel brach und erzeugte ein innerregionales Nutzungsvakuum.

Die wirtschaftspolitischen Bestrebungen in Zeiten der Kohle- und Stahlkrise beschränkten sich vorwiegend auf eine strukturerhaltende Förderungspolitik. In hohem Maße wurden Subventionen genutzt, um die gewachsene ökonomische Struktur zu erhalten, statt einen langfristig nachhaltigen Wandel herbeizuführen. Erstmalig in den 1980er Jahren voll- zog sich ein Paradigmenwechsel in der Wirtschaftspolitik. Statt einer strukturerhaltenden Wirtschaftspolitik sollte eine innovationsfördernde Politikstrategie das Ruhrgebiet revitalisieren. Die Internationale Bauausstellung Emscher Park sollte durch Impulse einen sozialen, ökonomischen, kulturellen sowie ökologischen Wandel gezielt fördern. Es wurden sechs Leitthemen formuliert und anschließend über 100 Projekte in einem Zeitraum von 10 Jahren verwirklicht. In der vorliegenden Untersuchung liegt ein spezielles Augenmerk auf dem Leitthema „Arbeiten im Park“. Es soll untersucht werden, ob durch gezielte Projekte regionalökonomische Effekte nachhaltig erzeugt werden konnten. Zudem wird analysiert, ob ein Strategiewechsel in der Regionalplanung durch die IBA Emscher Park initiiert wurde. Leitfrage der Untersuchung ist, ob die IBA Emscher Park nötige Beschäftigungseffekte auf regionalwirtschaftlicher Ebene und nachhaltiger Basis erzeugt hat.

1.2 Forschungsleitende Fragestellung

Bei der vorliegenden Analyse liegt der Forschungsschwerpunkt auf dem Leitthema der Internationalen Bauausstellung „Arbeiten im Park“. Anhand von Leitfragen sollen regionale Auswirkungen auf Ökonomie und kommunale Planungsbehörden analysiert werden. Die Betrachtung potenzieller Effekte bezieht sich in erster Linie auf die meso-räumliche Ebene und beschränkt sich auf das Ruhrgebiet mit speziellem Fokus auf die Emscherregion (vgl. Abb. 8). Anhand von sozio-ökonomischen Daten, Statistiken und wissenschaftlichen Publikationen soll überprüft werden, ob sich räumlich quantifizierbare Beschäftigungseffekte messen lassen. Außer quantitativen Aspekten sollen zudem qualitative Effekte für die Region analysiert werden. Eine wirtschaftsgeographische Betrachtung der harten und weichen Standortfaktoren soll eine mögliche Auf- bzw. Abwertung der Ökonomie in der Emscherzone untersuchen. Der zeitliche Untersuchungsraum beginnt mit dem Start der IBA Emscher Park im Jahr 1989 und versucht mögliche Auswirkungen bis heute zu untersuchen.

Hat sich durch die IBA Emscher Park die Kooperation zwischen den Kommunen verbessert? Erzeugt kommunale Kooperation ein Klima der Innovation? Welche Grundpfeiler der regionalen Kooperation wurden durch die IBA Emscher Park gelegt? Setzt das Leitprojekt

„Arbeiten im Park“ neue Akzente im Planungsprozess der kommunalen Behörden? Funktioniert die Verbindung von ökologischen Aspekten mit ökonomischen Zielen? Besitzt die IBA Emscher Park einen innovativen Charakter im Bereich der Nachhaltigkeit? (Gerade das Thema Nachhaltigkeit hat in den vergangenen Jahren aufgrund der globalen Umweltveränderungen an Relevanz gewonnen.) Inwiefern war das Konzept der IBA Emscher Park ihrer Zeit voraus? Welche Rückschlüsse auf die Wirkung von strukturpolitischen Maßnahmen lassen sich feststellen? Wie kann man Steuergelder möglichst effizient einsetzen, um eine Wirkung zu erzielen (Gießkannenprinzip vs. Einzelförderung)?

Die wichtigsten Betrachtungsebenen bei der Untersuchung sind somit einerseits die ökonomischen Effekte der IBA Emscher Park mit dem Augenmerk des Leitthemas „Arbeiten im Park“, sowie die Wirkungen auf die kommunalen Planungsprozesse und Kooperationsmuster.

1.3 Einordnung in die Geographie

Ein wichtiger Aspekt bei der Analyse ist eine Einordnung in die geographische Wissenschaft. Ökonomie und die Auswirkungen auf das räumliche Gefüge auf einen Besiedlungsraum lassen sich aus meso-ökonomischer Perspektive nur ganzheitlich analysieren. Die Geographie fungiert als Schnittstelle zwischen den Geistes- und Naturwis- senschaften und besitzt durch ihre Interdisziplinarität enormes Synergiepotenzial zwischen den jeweiligen Teilbereichen der Wissenschaften. Der ganzheitliche Untersuchungsmaßstab der Geographie eignet sich besonders, um raumwirksame Effekte zu analysieren, ohne dass wichtige Teilaspekte vernachlässigt werden. Effekte, die aufgrund der IBA Emscher Park quantifizierbar sind lassen sich auf multidimensionaler Ebene feststellen. Jedoch beschränken sich viele Effekte nicht auf messbare Zahlen und haben qualitativen Charakter, welcher schwer zu messen ist. Zudem besitzen die Maßnahmen einen raumwirksamen Aspekt auf das Siedlungsgefüge der Städte und wirken in einem zeitlichen Muster. Bei der Analyse der regionalökonomischen Effekte einer strukturpolitischen Maßnahme greifen verschiedene Teilbereiche der Geographie ineinander.

Wichtige Teildisziplinen der Untersuchung sind u.a. die Wirtschaftsgeographie, Stadt- und Sozialgeographie und im Bereich der Transferleistung zwischen Analyse und Anwen- dung die Angewandte Geographie. Nachbardisziplinen sind u.a. die Volkswirtschaftslehre, die Betriebswirtschaftslehre sowie die Sozialwissenschaften. Aus der Wirtschaftsgeographie sind vor allem die dynamisch-zyklischen Standorttheorien (Produktlebenszyklus / vgl. Abb.3) und die theoretischen Ansätze zur Erklärung des strukturellen Wandels (Theorie der Langen Wellen und Konzept des regionalen Lebenszyklus) essentiell, um ein Grundverständnis zum Thema aufzubauen (vgl. Abb. 1 und Abb. 2). Strukturwandel ist ein dynamischer Prozess, der im Zeitablauf unterschiedliche, ungleichmäßige Entwicklungen der Wirtschaft durch Innovationsprozesse auslöst (HAAS und NEUMAIR 2008, S. 76). Das ökonomische Wachstum im Ruhrgebiet beruht auf den Basisinnovationen der zweiten und dritten Langen Welle (vgl. Abb. 1). Jeweilige Basisinnovationen unterliegen einem regionalen Produktle- benszyklus.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb. 1 Lange Wellen der ökonomischen Entwicklung. Quelle: SEDLACZEK 2007 nach STEINBERG 1994 in: GEBHARDT et al. 2007, S. 677 verändert. Entnommen aus: BOLDT, K-W. & GELHAR, M. 2008, S. 40 Layout: R. SPOHNER

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb. 2 Konzept des regionalen Lebenszyklus. Quelle: RÖSCH 1998 in: HAAS und NEUMAIR 2008, S. 78

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb. 3 Produktlebenszyklustheorie. Quelle: NUHN 1985 in: HAAS und NEUMAIR 2008, S. 56

Am Anfang dieses Zyklus ist eine Region aufgrund ihres Vorsprunges in Forschung und Entwicklung kreativ und erzeugt somit notwendige Innovationen, welche vermehrt vom Markt nachgefragt werden (Kohle- und Stahlprodukte). Mit fortschreitender Dauer und nach- lassender Produktdifferenzierung verliert eine Region jedoch die Marktführerschaft und be- ginnt zu stagnieren. In der Stagnationsphase des Ruhrgebiets machte sich die starke Kon- zentration von Monostrukturen deutlich und verstärkte die ökonomischen Schrumpfungspro- zesse. Mit der Kohlekrise ab 1958 stürzte das Ruhrgebiet in die verteidigende Phase. Diese Phase ist geprägt durch eine „besitzstandsorientierte Interessenskoalition aus Politik, Wirtschaftsverbänden und Gewerkschaften“ (HAAS und NEUMAIR 2008, S. 79), deren Ziel in der Verhinderung einer Erosion der Region auf sozialer, ökonomischer und technologischer Ebene bestand. Der einstige Wirtschaftsmotor der Bundesrepublik Deutschland entwickelt sich mit zunehmender Globalisierung und fehlender Perspektive zu einer Altindustrieregion (vgl. Abb. 4). Produktlebenszyklen der Montanindustrie sind an ihrem Ende angelangt und befinden sich in einer Schrumpfungsphase (vgl. Abb. 3). Die Auswirkungen dieses Strukturwandels vollziehen sich nicht nur auf ökonomischer Ebene sondern auch auf sozialer, ökologischer und räumlicher Ebene. Stadtgeographische Aspekte sind nicht nur die Aufgabe der Geographie. Wirkungsweisen des Strukturwandels wirken Vielfältig auf die stadtgeographische Betrachtung ein.

Wichtige Nachbardisziplinen sind u.a. die Politologie (vorherrschendes Verständnis der Marktform), die Raumplanung, die Soziologie (Segregation und Polarisation von Gesellschaftsschichten, zunehmende Heterogenisierung bzw. Pluralisierung von Gemeinschaften), die Architektur bzw. Städtebau (prägendes Leitbild der Architektur) und die Ökonomie (ZEHNER 2001, S. 17).

In dieser Arbeit liegt der Fokus auf der Analyse der politischen Veränderungen bei den raumplanerischen Methoden. Das Spektrum der genutzten Methoden liegt in der Analyse und Bewertung von Primär- und Sekundärliteratur und sozio-ökonomischen Statistiken, welche frei zugänglich sind (wie z.B. „Zahlenspiegel der Metropole Ruhr“ und „IT.NRW“).

1.4 Definition der Fachbegriffe

Angesichts des komplexen Themas ist es durchaus sinnvoll, wichtige Begriffe (Altindustriegebiete, Standortfaktoren, doppelte Finanzschwäche und Strukturpolitik), die in der Ausarbeitung eine bedeutende Rolle spielen, zu erklären und zu definieren. Das wirtschaftspolitische Milieu von NRW war schon immer sehr stark interventionistisch ge- prägt. Landespolitiker versuchten schon seit der Gründung des Bundeslandes die Wirtschaft zu steuern. Jeglicher Einfluss des Staates auf die Entwicklung der Ökonomie ist Wirtschafts- politik. Wenn die Maßnahmen darauf abzielen, die Wirtschaftsstruktur eines Raumes nach- haltig zu ändern, versteht man dies als Strukturpolitik.

Diese differenziert sich zwischen Strukturerhaltungspolitik, Strukturanpassungspolitik und Strukturgestaltungspolitik (www.wirtschaftslexikon.gabler.de). Um ein Mindestmaß inländischer Produktion zu erhalten, werden strukturerhaltende Maßnahmen durchgeführt. Betroffene Branchen sind im Ruhrgebiet Unternehmen aus dem Bereich der Montanindustrie (Kohle und Stahl). Staatliche Interventionen in diese Märkte werden in der Regel durch direkte und indirekte Subventionen getätigt. Strukturanpassungspolitik beabsichtigt, den Abbau von Arbeitsplätzen zu verlangsamen und nötige sozialpolitische Maßnahmen zur Kompensierung der freigesetzten Arbeitskräfte zu verwirklichen.

Beispielsweise wird versucht, die Wettbewerbsfähigkeit einzelner Branchen wiederherzustellen. Als Instrumente für diese Strategie dienen unter anderem Subventionen und der Kapazitätsabbau der betroffenen Branchen. Arbeitnehmern sollen durch Umschulungsmaßnahmen Perspektiven in anderen Tätigkeitsbereichen aufgezeigt werden. Strukturanpassungspolitik entwickelt sich bei Nichterfüllung des gewünschten Effektes zur

Strukturerhaltungspolitik. Maßnahmen wie die IBA Emscher Park fallen unter Strukturgestaltungspolitik. Es wird mit gezielten Leuchtturmprojekten versucht, eine gesamträumliche Wirkung zu erzielen. Die Emscherzone ist eine sogenannte Altindust- rieregion. Auch wenn der Begriff „Altindustrieregion“ bis heute keine allgemeingültige Definition besitzt (GELHAR 2010, S. 4) lassen sich zahlreiche Indikatoren festmachen, welche auf das Ruhrgebiet und speziell auf die Emscherregion übertragbar sind (vgl. Abb. 4).

SCHRADER postulierte 1993, dass es wichtig ist, geeignete Indikatoren und dominierende Kennzeichen zu nennen.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb. 4 Kennzeichen von Altindustrieräume. Quelle: SCHRADER 1993 in: GELHAR 2010, S. 4

Diese Kennzeichen sollten quantitativer Natur und beispielsweise durch das Statistische Bundesamt ermittelbar sein (Arbeitslosenquote, Industriedichte, Beschäftigungsstruktur). Der Förderungsfonds der EU Ziel-2 Förderregionen (Europäischer Sozialfonds, EFRE und Kohäsionsfonds) benutzt ähnliche Indikatoren, um Räume „mit einem sozioökonomischen Wandel in den Sektoren Industrie und Dienstleitungen“ zu definieren. Kennwerte für diese Definition waren hohe Arbeitslosigkeit und ein hoher Anteil an Industriebeschäftigten (GELHAR 2010, S. 4).

In der Wirtschaftsgeschichte der Emscherzone spielten monostrukturierte Großbe- triebe eine prägende sozioökonomische Rolle. Aufgrund des Kohlevorkommens und der räumlichen Nähe zu Absatzmärkten entwickelte sich die Emscherregion relativ früh zu einer Industrieregion. Die Unternehmensstruktur erzeugt einen hohen Anteil an Industriebeschäftigten und die Umweltverschmutzung war dem Gewinnstreben der Unter- nehmen untergeordnet. Aufgrund ökonomischer Krisen und Wettbewerbsverluste durch zu- nehmende Globalisierung brach ein Großteil der industriellen Beschäftigung ein, wodurch eine überdurchschnittlich hohe Arbeitslosigkeit erzeugt wurde. Mit dem Anstieg der Arbeits- losigkeit ergaben sich auch soziale Probleme.

Denn Städte mit hoher Arbeitslosigkeit leiden unter der sogenannten „doppelten Finanzschwäche“. Wegen der Schließung großer Unternehmen fehlen dem kommunalen Haushalt wichtige Gewerbesteuereinnahmen. Gleichzeitige Belastung der Kommune durch hohe Sozialtransferleistungen und selektive Abwanderungstendenzen verstärken diese Abwärtsspirale (ÖKO ZENTRUM 2005, S. 3 und WALZ 1993, S. 98).

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb. 5 Doppelte Finanzschwäche und Auswirkung auf die Kommune. Quelle: WALZ 1993. Eigene Ergänzungen und Entwurf

In dieser Ausarbeitung wird eine Unterscheidung von ökonomischen Effekten aus regionalpolitischer Sicht quantitativer und qualitativer Art vorgenommen. Unter quantitativen Effekten werden messbare Werte verstanden. Aus regionalpolitischer Sicht fallen Veränderungen des Bruttoinlandsproduktes, der Erwerbsquote und der Arbeitslosenquote unter diese Kategorisierung. Qualitative Effekte sind schwer messbar und unterliegen der subjektiven Priorisierung der regionalpolitischen Instanz. So kann das Erreichen eines vorgegebenen Zieles als qualitativer Aspekt gewertet werden. Weitere wichtige Bereiche der ökonomischen Effekte aus Sicht der Arbeitnehmer und Arbeitgeber sind Standortfaktoren.

Diese sind „die maßgeblichen Determinanten der Standortwahl, welche sich positiv oder negativ auf Anlage und Entwicklung eines Betriebes auswirken“ (HAAS und NEUMAIR 2008, S. 13). Tendenziell wird zwischen harten und weichen Standortfaktoren unterschieden.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb. 6 Kontinuum der harten und weichen Standortfaktoren. Quelle: GRABOW et al. 1995 in: HAAS und NEUMAIR 2008, S. 17

Aus der Abb. 6 lässt sich ableiten, dass es keine klare Abgrenzung zwischen harten und weichen Standortfaktoren gibt. Es besteht ein fließendes Kontinuum zwischen harten und weichen Standortfaktoren. Weiche Standortfaktoren sind Faktoren, die „sich auf das individuelle Raumempfinden der Menschen in ihrer Arbeits- und Lebenswelt beziehen“ (SCHORER 1993, S. 499ff.). Harte Standortfaktoren wirken sich direkt auf die betriebswirt-

schaftlichen Kennzahlen eines Unternehmens aus. Zudem unterscheidet die gewählte Per- spektive über die Priorität von Standortfaktoren. Unternehmen haben beispielsweise andere qualitative Ansprüche an eine Region (z.B. Image, Wirtschaftsfreundlichkeit usw.) als Arbeitnehmer (z.B. hohe Wohn- und Lebensqualität). Um nötige Informationen über die Ein- schätzung der Standortfaktoren zu erhalten, werden vorhandene empirische Untersuchungen benutzt.

1.5 Reflexion des Forschungsstandes

Das Planungsmodell der IBA Emscher Park und seine Auswirkungen auf den Emscherraum wurden von verschiedenen Institutionen untersucht. Das Bundesinstitut für Bau-, Stadt- und Raumforschung veröffentliche zum Schlussauftakt der Bauausstellung ein Heft mit vielen Beiträgen. Die Autoren der Artikel stammen aus verschiedenen Milieus (Wissenschaftler, Wirtschaftsförderer, Kulturdezernenten, Stadtplaner, Architekten uvm.) und erlauben eine ausführliche Analyse aufgrund der vielschichtigen Sichtweisen. Weiterhin hat die TU Dortmund einen umfassenden Projektkatalog mit dem Titel „Internationale Bauausstellung Emscher Park – 10 Jahre danach“ veröffentlicht. Diese Veröffentlichung beinhaltet alle Projekte und genaue Informationen über Kosten und Planungsprozesse. Zudem wird zu manchen Projekten ein Fazit über die Wirkung hinzugefügt. Das Fachgebiet „Städtebau, Stadtgestaltung und Bauleitplanung“ der TU Dortmund initiierte das Forschungsprojekt „IBA revisited“ mit den Forschungsschwerpunkten „Arbeiten im Park“, „Wohnen“ und „Impulse“. Das Projekt wurde 2006 begonnen und vergibt regelmäßig Diplomarbeiten an interessierte Studierende der TU Dortmund. Das Institut für Raumplanung veröffentlichte 1999 den Sammelband „Laboratorium Emscher Park – Städtebauliches Kolloquium zur Zukunft des Ruhrgebietes“ mit verschiedenen Beiträgen, welche vor allem die Veränderungen im Planungsprozess einzelner Akteure untersuchte.

Im Jahr 2005 veröffentlichte das Öko-Zentrum NRW Hamm eine umfassende Evaluation des Leitthemas „Arbeiten im Park“. Dabei wurden Fragebögen an die ange- siedelten Unternehmen verschickt und empirisch ausgewertet. Diese Studie erlaubt eine gute Rezension der regionalökonomischen Effekte auf der quantitativen sowie qualitativen Ebene der Ökonomie. Wichtige Erkenntnisse des Forschungsstandes fließen in die vorliegende Ba- chelorarbeit mit ein. Zudem existiert eine Vielzahl von Literatur, welche die IBA Emscher Park als Thema beinhalten und wichtige Sachinformationen zu den Projekten liefern. Die vor- liegende Untersuchung soll mehrere Forschungsergebnisse vernetzen und versucht durch eine geographische Betrachtungsweise neue Erkenntnisse zu generieren. Dabei liefern die Leitfra- gen (vgl. Kap. 1.2) ein nötiges Gerüst, um eine präzise Analyse zu ermöglichen.

1.6 Aufbau und Methodik

Bei der vorliegenden Untersuchung werden vorerst die allgemeinen Leitthemen vorge- stellt und die Ursachen bzw. die Notwendigkeit einer regionalpolitischen Strukturmaßnahme erläutert. Die formulierten Leitfragen sollen die Fragestellung präzisieren und einen roten Faden aufbauen. In einem kurzen geschichtlichen Überblick werden vorangegangene Struk- turmaßnahmen (Kapitel 2) vorgestellt mittels derer dem Leser der Wandel in der Planungs- strategie verdeutlicht werden soll. Zunächst wird im Kapitel 3 die Internationale Bauausstellung Emscher Park als Ganzes vorgestellt. Im Kapitel 4 erfolgt dann ein Fokus auf das Leitthema „Arbeiten im Park“. Zur Beantwortung der Leitfragen wird die Umsetzung des „Arbeiten im Park“-Konzeptes, anhand des Fallbeispieles Wissenschaftspark Rheinelbe vorgestellt und bewertet (Kapitel 5). Gründe für die Auswahl des Wissenschaftspark Rheinelbe sind u.a. die überregionale Bekanntheit durch diverse Auszeichnungen aufgrund des Baudesigns und die umfassend umgesetzte Kombination von ökologischen und ökonomischen Aspekten. Kapitel 6 dient zur Analyse und Bewertung des Gesamtkonzeptes. Dabei spielen Auswirkungen auf die Kommunal- bzw. Regionalpolitik, ökonomische Effekte auf die Emscherzone und dem Planungsgebiet des RVR, sowie Impulse für die Standortqualität eine wichtige Rolle. Anhand der Vorstellung dieser Indikatoren soll verdeutlicht werden, dass strukturpolitische Maßnahmen nicht alleine an ihren quantitativen Beschäftigungseffekten gemessen werden sollten.

Im Schlussteil erfolgt eine kurze Zusammenfassung und eine ausgiebige kritische Auseinandersetzung mit dem Konzept „Arbeiten im Park“ bzw. der IBA Emscher Park (Kapitel 7). Die kritische Betrachtung ist nötig, um potenzielle Verbesserungsvorschläge zu entwickeln, welche ein wichtiges Instrument bei der angewandten Geographie darstellen. Geographische Analyse- und Betrachtungsweisen sind prädestiniert, um kommunale Entscheidungen zu hinterfragen und zu verbessern. Zur Bewertung der Beschäftigungseffekte werden Daten benutzt, die sich auf das gesamte Gebiet des RVR beziehen (vgl. Abb. 8).

Explizite Daten über Beschäftigung und Arbeitsmarktstruktur sind ungleichmäßig in den einzelnen Emscherkommunen erhoben worden und entsprechend schwerer verfügbar, als die Daten des RVR, welche bis in das Jahr 1960 verfügbar sind. Weiterhin ergibt es mehr Sinn, die Beschäftigungseffekte auf der räumlichen Ebene des RVR zu betrachten, als nur auf die Emscherzone. Die Konzeption der IBA Emscher Park beinhalten auch Kommunen, die nicht explizit in die Emscherzone gehören. Weil die Planer der IBA Emscher Park den „polyzentrisch organisierten Agglomerationsraum des Ruhrgebiet als einheitliche Region“ (TU Dortmund 2008, S. 8) verstanden haben, macht es Sinn, die Datengrundlage des RVR zu nutzen.

2. Geschichtliche Ursachen für Strukturpolitik

2.1 Rückblick – Vorangegangene strukturpolitische Maßnahmen

Mit den ersten Zechenschließungen im Zuge der Kohlekrise im Jahr 1957/1958 wurde die Notwendigkeit einer staatlich koordinierten Strukturpolitik erkannt und zunehmend forciert. Es folgte eine kurzzeitige Phase der unkoordinierten sektoralen Strukturpolitik, welche vorwiegend strukturerhaltende Ausprägung besaß. 1968 wurde das „Entwicklungsprogramm Ruhr“ von der Landesregierung mit einer Laufzeit von 1968 bis 1974 beschlossen. Das Planungsparadigma unterlag der „geschlossenen Planung“. Dabei handelt es sich um ein „Gott-Vater-Modell“, bei dem der Staat aus seiner Sicht vollständige Informationen besitzt und diese nutzt, um ein widerspruchsfreies Ziel zu verfolgen (IBERT und SIEBEL 1999, S. 163). Dabei sorgt die staatliche Planungsinstanz für eine Koordination von öffentlichen und privaten Akteuren, um langfristig und flächendeckend die formulierten Ziele zu erreichen. Aufgrund der großräumlichen Planungsperspektive und dem Zeitraum wurde diese Planungsmethode als „Integrative Strukturpolitik“ bezeichnet. Die definierten Leitziele waren u.a.:

1. Innerregionale Mobilisierung
2. Mobilisierung von Kapital und Boden
3. Geistige Mobilisierung

Erhebliche finanzielle Mittel wurden vorwiegend in Schnellstraßen und in den ÖPNV investiert um die soziale Mobilität der Bevölkerung zu erhöhen. Die städtebaulichen Leitbil- der wie „autogerechte Stadt“ und „Urbanität durch Dichte“ prägten das Ruhrgebiet nachhaltig (vgl. Anhang Abb. 2). Durch das Zechensterben entstanden innerstädtische Brachflächen, welche nach Möglichkeit für eine Neuindustrialisierung genutzt werden sollten. Mit dem Aufbau von Universitäten und Fachhochschulen sollte das Qualifikationsniveau gehoben und den Erfordernissen neuer Produktionsstrukturen angepasst werden (www.rvr-online.de).

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb. 7 Entwicklung der Arbeitslosenquote während des Entwicklungsprogramm Ruhr. Eigener Entwurf

Die Bilanz dieses Strukturprogramms ist nicht durchweg positiv zu sehen. In diesem Zeitraum wurden 8,4 Milliarden DM2 (davon 4,6 Milliarden DM für Infrastruktur) investiert (www.protokolle.archive.nrw.de). Die Ansiedlungsstrategie ist bis auf die Opel GmbH in Bochum gescheitert und die Arbeitslosigkeit fiel am Ende des Programms beträchtlich höher aus als vorher (1968: 2,0 % 1975: 4,0 %). Der Rückgang der Arbeitslosigkeit während des Programmes ist auf „Strohfeuereffekte“3 zurückzuführen, welche durch die enorme Bautätigkeit entstanden sind.

Die Ölkrisen in den Jahren 1973 sowie 1978 und eine daraus folgende globale Wirtschaftskrise verstärkten die Arbeitslosigkeit im Ruhrgebiet (1975: 4,0 %; 1986: 14 %). Das Planungsparadigma verschob sich in eine dialogorientierte Planungsmethode, in der Ver- treter von Wirtschaft, Wissenschaft, Politik und Gewerkschaft zusammen über mögliche Maßnahmen diskutierten und sich austauschten. Das Nordrhein-Westfalen Programm wurde 1975 vorgestellt und als „zentralisierte Strukturpolitik“ für das gesamte Bundesland verwirklicht. Erstmalig sollte ein Spagat zwischen strukturerhaltender und strukturanpassender Wirtschaftspolitik vollzogen werden. Dazu sollten vorhandene Schlüssel- branchen gestärkt und Zukunftstechnologien und Innovationen außerhalb des Montansektors gefördert werden. Weiterhin wurde zur Aufhebung der Bodensperre4 die Landesentwicklungsgesellschaft (LEG) gegründet, welche später während der IBA Emscher Park im Leitthema „Arbeiten im Park“ eine tragende Rolle bei der Erschließung und Ver- marktung von Gewerbeflächen spielten sollte. Die LEG besaß notwendige juristische Kom- petenzen und praktisches Know-How, um Brachflächenrecycling mit kontaminierten Boden- flächen durchzuführen. Insgesamt wurde erkannt, dass es sich vorwiegend um Probleme struktureller Art (Monostrukturierung, mangelnde Wettbewerbsfähigkeit, mangelnde Attraktivität) handelt, die losgelöst von der konjunkturellen Entwicklung einen ökonomischen Abwertungsprozess des Ruhrgebiets verstärkten. Es wurde deutlich, dass Strukturpolitik mit keynesanischer5 Prägung weitestgehend wirkungslos ist gegen die Folgen des Strukturwandels. Die Änderung der Strukturpolitik war notwendig, um neue Akzente zu setzen.

Ein Novum stellte die Ruhrgebietskonferenz im Jahr 1979 in Castrop-Rauxel dar. Das „Aktionsprogramm Ruhr“ beinhaltete das Maßnahmenbündel des „Entwicklungsprogramms Ruhr“ und ergänzte es um weitere Punkte, welche vor allem auf die endogenen Potenziale und speziell auf die Verbesserung der Lebensqualität der Region abzielten (ZÖPEL 1988, S. 5). Ein weiterer wichtiger Schritt, der zu einer Neuausrichtung der staatlichen Entwicklungs- und Strukturpolitik führte war die Entstehung der „Zukunftsinitiative Montanregion“ im Jahr 1987 (ÖKO-ZENTRUM HAMM 2005, S. 5).

Eine Regionalisierung der Planung wurde dadurch ermöglicht. Die Strategie bestand darin, bestehendes Recht flexibel anzuwenden und Förderanreize zu schaffen (ZÖPEL 1999, S. 19). Die Veränderung des Paradigma von der geschlossenen bis hin zur offenen Planung war damit vollzogen und wichtige Grundlagen für die IBA Emscher Park, die im Jahr 1989 initiiert wurde, waren gelegt. Nordrhein-Westfalen war damit Vorreiter für neue Ansätze der räumlichen Planung. Der Grund für die Entwicklung neuer strukturpolitischer Ansätze ist das Zusammentreffen der wohlfahrtsstaatlich-interventionistischen Grundhaltung des Landes und der Handlungsdruck, der durch den Strukturwandel auf das Ruhrgebiet wirkte (ROMMELSPACHER 1999, S. 157).

Die Planungskultur war von kleinschrittiger Vorgehensweise geprägt, welche sich vorwiegend auf Einzelmaßnahmen beschränkte und eine selektive Privilegierung von einzelnen Interessensgruppen (Montanindustrie, Gewerkschaften und politische Elite) ermöglichte (ROMMELSPACHER 1999, S. 157). Der Startschuss für die Internationale Bauausstellung Emscher Park fiel am 10. Mai 1988 durch den Beschluss der Landesregierung von NRW und sollte weitere wichtige Änderungen der Planungskultur hervorrufen. Die Initiatoren wollten die positiven Erfahrungen aus der IBA Berlin 1984 auf einen größeren räumlichen Maßstab übertragen. Der Fokus der IBA-Initiative wurde auf die Emscherregion gelegt. Denn das nördliche Ruhrgebiet war im besonderen Maße von dem Strukturwandel betroffen und besaß im Vergleich zur Hellwegzone schwerwiegendere sozio-ökonomische Probleme. Trotzdem galten keine starren räumlichen Grenzen für die Planer der IBA-Projekte und konnten somit auch außerhalb der Emscherregion umgesetzt werden.

2.2 Merkmale der Emscherregion – Hemmnisse und Chancen

Die Emscherregion wurde innerhalb einer kurzen Zeitspanne von kaum mehr als 100 Jahren stark industrialisiert. Im Gegensatz zu den Hellwegstädten, die schon im Mittelalter entstanden und gewachsene historische Stadtkerne mit funktionalen Stadtvierteln besaßen, waren Städte in der Emscherzone auf die jeweiligen Zechen und Hochöfenstandorte ausge- richtet. Chaotische Raumstrukturen und enorme ökologische Schäden (Benutzung des Emscherflusses als „Kloake des Ruhrgebiets“) kennzeichneten die Emscherregion (ROMMELSPACHER 1999, S. 158). Mit dem Strukturwandel wurde zwar aufgrund des Zechensterbens die Luftqualität besser. Jedoch hinterließ die Montanindustrie ein Erbe ökologischer (kontaminierte Böden, Gewässer), ökonomischer (Arbeitslosigkeit) und sozialer

(Abwanderung) Art, welches bei fehlender Intervention seitens des Staates die Probleme der Region verstärkt hätten. So ist die Bevölkerungszahl der Emscherregion von 1970 bis 1990 um 15 % zurückgegangen (SIEVERTS 1991, S. 7), während die Arbeitslosigkeit im Durchschnitt über dem damaligen Bundesdurchschnitt lag.

In einzelnen Stadtteilen lag die Arbeitslosigkeit sogar bei über 30 %. Aufgrund der siedlungsgeschichtlichen Entwicklung der Emscherstädte fehlte es an attraktiven Stadtzentren und nahgelegenen Erholungsflächen. Städtische Lebensqualität, Urbanität und Stadtkultur waren nicht vorhanden.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb. 8 Zonale Gliederung des Regionalverbandes Ruhr. BUTZIN, B in: PROSSEK et al. 2009, S. 27

Die Emscherstädte waren in der Regel reine Wohngebiete für die Beschäftigten der nah gelegenen Montanindustrie. Weiche Standortfaktoren waren so schlecht ausgeprägt, dass viele Investoren trotz niedriger Grundstückspreise und guter infrastruktureller Anbindung die Region mieden. Der industrielle Bedeutungsverlust der Region ging einher mit einem erheblichen Imageverlust.

[...]


1 In der Öffentlichkeit bekannt als das „Wirtschaftswunder“

2 Betrag ist nicht inflationsbereinigt

3 „kurzzeitige ökonomische Wirkung, die aber langfristig nicht erhalten bleibt und in der Regel keine strukturellen Probleme löst.“ (WILDMANN: S. 115)

4 Unternehmen aus dem Montansektor hielten bis zu 30% der gesamten Fläche einzelner Ruhrgebietsgemeinden und besaßen dadurch enorme ökonomische Macht, indem sie Neuansiedlungen verhindern konnten. (www.rvr- online.de)

5 Keynesanismus ist eine nachfrageorientierte Wirtschaftspolitik, welche staatliche Investitionen und „deficit spending“ bejaht, um kurzfristige konjunkturelle Rezessionsphasen zu überwinden. Dabei wird Nachfrage durch Erhöhung der Staatsquote (Anteil der staatlichen Ausgaben am Gesamtbruttoinlandsprodukt) erreicht.

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Details

Titel
Die IBA Emscher Park. Eine Untersuchung ihrer regionalökonomischen Effekte aus Sicht der Geographie
Untertitel
Analyse des Leitthemas "Arbeiten im Park"
Hochschule
Universität zu Köln  (Geographisches Institut der Universität zu Köln)
Note
2,1
Autor
Jahr
2011
Seiten
76
Katalognummer
V179008
ISBN (eBook)
9783656012801
ISBN (Buch)
9783656012597
Dateigröße
8498 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Strukturpolitik, Wirtschaftsförderung, Wirtschaftsgeographie, Volkswirtschaftslehre, Wirtschaftspolitik, Strukturprogramm, Ruhrgebiet, Städtebau, Revitalisierung von Brachflächen, Brachflächenmanagment, Gewerbeparks, Kommunale Kooperation, Stadtentwicklung, Standortfaktoren, Regionalpolitik, Standortvermarktung
Arbeit zitieren
Daniel Udayanan (Autor), 2011, Die IBA Emscher Park. Eine Untersuchung ihrer regionalökonomischen Effekte aus Sicht der Geographie, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/179008

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