Über Richa Nagars „Communal Discourses, Marriage, and the Politics of Gendered Social Boundaries among South Asian Immigrants in Tanzania“

Überlegungen zur Aktualität und Anwendbarkeit elf Jahre nach Forschungsabschluss


Seminararbeit, 2011
12 Seiten

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Einleitung

Die vier historischen Phasen nach Nagar

Beispiele aktueller Veränderungen und ihre Bedeutung für südasiatische ImmigrantInnen in Tansania

Erneute Interviews? - Fazit

Bibliographie

Einleitung

Anhand von Richa Nagars Text „Communal Discourses, Marriage, and the Politics of Gendered Social Boundaries among South Asian Immigrants in Tanzania“[1] sollen hier Aktualität und Anwendbarkeit der Erkenntnisse des Textes betrachtet werden. Mit Verweis auf die Ergebnisse von Nagars zu Grunde liegender Forschungsarbeit von 1991 bis 2000 soll hier eingrenzend nur dieser eine Text diskutiert werden, der in drei kleinen Abschnitten die Beziehung von Gender[2], innergemeinschaflichen Diskursen und sozialen Grenzen[3] hervorhebt („To highlight the relationship between gender, communal discourses and social boundaries […]. I present three brief vignettes that give a glimpse of these complex processes.“[4] ). Dabei wird nicht der Anspruch gestellt, Nagars eigene Umsetzung der Ergebnisse in ihrer aktuelleren Arbeit (zum Beispiel an dem Buch „Playing with Fire: Feminist Thought and Activism Through Seven Lives in India“[5] ) zu beurteilen, sondern vielmehr die Frage fokussiert, ob es Erkenntnisse bringen und möglich sein könnte, heute – elf Jahre nachdem Nagar ihre Forschungsarbeit abgeschlossen hat[6] – anzusetzen, wo sie aufhörte und mit einer Anwendung beziehungsweise Umsetzung ihre Tätigkeit fortsetzte („My scholarship since 2000 deploys these insights[...]“[7] ). Konkrete Fragestellungen sind: Wo hört Nagar auf? Wie haben die äusseren Umstände sich seit Abschluss der letzten erarbeiteten historischen Periode verändert? Welche Bedeutung könnten diese Veränderungen für Lebenswelten innerhalb des transnationalen Komplexes und konkret für einzelne Frauen haben? Welche Methodik wäre zur Beantwortung dieser Fragen geeignet? Inwieweit hängt die Forschung Nagars mit ihrer Person zusammen und welche Rolle könnten Sprachbarrieren bei dem Versuch einer Fortführung beziehungsweise Weiterentwicklung von Nagars Forschung spielen? Und abschliessend: Gibt es aktuell eine Forschungslücke, wie Nagar sie nach den 50 Interviews (1973, 1974) von Martha Honey 1991 gesehen hat und die sie dann mit 58 Lebensläufen und 150 Kurzinterviews (1991-1993)[8] zu schliessen ansetzte? (Nicht problematisch ist hier die Frage nach einem ethischen Konflikt, der aus dem Forschungsansatz resultieren könnte, nach dem aber laut Bernard gefragt werden muss[9].)

Seit Nagars letztem Interview zu dieser Arbeit sind erneut 18 Jahre vergangen[10]. Aus diesem Grund wird der Text „Communal Discourses, Marriage, and the Politics of Gendered Social Boundaries among South Asian Immigrants in Tanzania“[11] im Folgenden durch Überlegungen zu den eben genannten Einzelfragen in Bezug auf Aktualität und Anwendbarkeit erörtert.

Die vier historischen Phasen nach Nagar

Nagar beschreibt in ihrem Text vier grosse Phasen der Entwicklung Tansanias und der Biographien südasiatischer Migrantinnen und Migranten in Ostafrika von 1888 bis 1993[12]. Diese sollen zur Verdeutlichung wie Veränderung in Wirtschaft und Politik mit Bewegung in den Migrantengruppen korrespondieren kurz zusammengefasst werden. Die historische Einteilung schafft einen guten Überblick über die jüngere Geschichte der MigrantInnen aus dem südlichen Asien in Tansania.

In der ersten Phase (von 1888 bis 1914) prägen Kolonisation und die weitestgehende Einhaltung der indischen Klassen- und Kastenhierarchie[13] in Ostafrika, Verhältnisse mit afrikanischen Frauen und primäre Beschäftigung im Bereich Handel das Leben südasiatischer Migranten in Tansania. Ehefrauen aus Ober- und Mittelschicht blieben tendenziell eher in Indien, wohingegen Männer der unteren sozialen Schicht ihre Frauen mitnahmen oder keine Inderin ehelichten.

In der zweiten Periode (zwischen den Weltkriegen) werden Asiaten zunehmend als Verwaltungsangestellte in einfache Dienste eingestellt, der Handel wird seitens der britischen Kolonialmacht gefördert, der prozentuale Landbesitz der Südasiaten in Tansania nimmt zu, sozial entwickeln sich viele Migranten hin zu höheren Stati und mehr Familienleben in Ostafrika (Nachzug einiger Ehefrauen aus Indien, erhöhte Anzahl arrangierter Ehen von Indern und Inderinnen in Ostafrika, gesteigerter Attraktivität eines „Ausgewanderten“ auf dem „Heiratsmarkt“ in Indien). Für Goanesen und Sikh bleibt die Situation jedoch tendenziell prekärer (Ehefrauen bleiben mangels günstiger Bildungsmöglichkeiten für Kinder in Ostafrika in Indien beziehungsweise Ehen zwischen Indern und Ostafrikanerinnen werden geschlossen).

In der Zeit vom zweiten Weltkrieg bis zur Unabhängigkeit Tansanias 1961 hat neben dem Abzug vieler junger Engländer, die in Europa an der Front eingesetzt wurden, auch die Staatsgründung Pakistans (1947) Einfluss auf das Leben der MigrantInnen aus Indien. Zum einen werden höher bezahlte Verwaltungspositionen mit Indern besetzt, zum anderen steigt die Zahl der Einwanderer an. Parallel entwickeln sich Sonderurlaubsmodelle für Eheschließungen in Indien, ein überhöhtes Aussenbild der „Goldmine Ostafrika“, ein partieller Wandel des Idealbildes einer Ehefrau (von reiner Keuschheit hin zu elitär Auftretenden, „Westernizing: a country, place or person has adopted ideas and behaviour typical of Europe and North America, rather than preserving the ideas and behaviour that are traditional in their culture.“[14] ) bei Aufrechterhaltung des Klassen- und Kastendenkens.

Die vierte und letzte Phase nach Nagar ist vom Zusammenschluss Tansanias und Sansibars (Sansibar Revolution 1964[15] ), dem günstigen Verkauf von Grundstücken aus ehemaligem Kolonialbesitz und einem vermehrten Weiterziehen von InderInnen nach Europa oder in die USA geprägt, weil im Zuge der Unabhängigkeit zum Teil Aggressionen gegen AsiatInnen, die sich mit den Kolonialherren „verbrüdert“ haben und von der Unterdrückung der OstafrikanerInnen profitierten, das Leben in Ostafrika erschweren. Dadurch werden auch Ehefrauen britischer oder amerikanischer Staatsbürgerschaft attraktiv für Inder, Beziehungen zwischen Tansanierinnen und Indern schwieriger (problematisches vorurteilsgeprägtes[16] Promiskuitätsbild von der „afrikanischen“ Frau, Stereotypisierung der Tansanierinnen[17] ), obwohl sich - trotz langsamerer Modifikation der Heiratsbeziehungen als in Indien - tendenziell eine Diversifikation einstellt.

[...]


[1] Nagar, Richa (2000): Communal Discourses, Marriage, and the Politics of Gendered Social Boundaries among South Asian Immigrants in Tanzania. In: Gender and Migration. Hrsg. v. Willis, Katie und Yeoh, Brenda, Edward Elgar Publishing, Cheesenham, S.228-250.

[2] Anmerkung: Der Genderbegriff Nagars kann unter anderem mit dem Judith Butlers verglichen werden, nach der „Geschlechteridentität nichts von Natur aus Gegebenes ist, sondern durch performative Akte erzeugt wird“ (Butler, Judith (1990): Gender Trouble. Feminism and the Subversion of Identity. In: Anthropologie – Geschichte Kultur Philosophie. Hrsg. v. Wulf, Christoph, Rowohlt Verlag, Reinbek bei Hamburg, S.188.

[3] Anmerkung: Uebersetzung der Verfasserin.

[4] Ebenda, S.228

[5] Anupamlata, Ramsheela, Ansari, Singh, Shashibala, Vaish, Surbala, Bajpayee (2004). In: Playing with Fire: Feminist Thought and Activism Through Seven Lives in India. Hrsg. v. Nagar, Richa, University of Minnesota Press, Minnesota.

[6] Nagar, Richa: http://www.tc.umn.edu/~nagar/SOI.html, letzter Zugriff: 15.09.2011, 18:00 Uhr.

[7] Ebenda.

[8] Nagar, Richa (2000): Communal Discourses, Marriage, and the Politics of Gendered Social Boundaries among South Asian Immigrants in Tanzania. In: Gender and Migration. Hrsg. v. Willis, Katie und Yeoh, Brenda, Edward Elgar Publishing, Cheesenham, S.232.

[9] Bernard, H. Russel (2006): Research Methods in Anthropology – Qualitative and Quantitative Approaches, AltaMira Press, Lanham, S.70.

[10] Nagar, Richa: http://www.tc.umn.edu/~nagar/SOI.html, letzter Zugriff: 15.09.2011, 18:00 Uhr.

[11] Nagar, Richa (2000): Communal Discourses, Marriage, and the Politics of Gendered Social Boundaries among South Asian Immigrants in Tanzania. In: Gender and Migration. Hrsg. v. Willis, Katie und Yeoh, Brenda, Edward Elgar Publishing, Cheesenham, S.228-250.

[12] Nagar, Richa (2000): Communal Discourses, Marriage, and the Politics of Gendered Social Boundaries among South Asian Immigrants in Tanzania. In: Gender and Migration. Hrsg. v. Willis, Katie und Yeoh, Brenda, Edward Elgar Publishing, Cheesenham, S.228-250.

[13] Haller, Dieter (2005): Kastensysteme. In: dtv – Atlas Ethnologie, Hrsg. v. Haller, Dieter, Deutscher Taschenbuch Verlag, Muenchen, S.179.

[14] Collins Cobuild Advanced Learner's English Dictionary: Westernizing. In: Fourth Edition, Hrsg. v. Sinclair, John, Ernst Klett Sprachen, Stuttgart, S.1654.

[15] Vgl. dazu auch: Bruschke. Gerhard: Tansania. In: Das Bertelsmann Lexikon, Hrsg. v. Lexikographsichen Institut, Verlagshaus Stuttgart, S.9601.

[16] Vgl. dazu analog auch: Boness, Christian Martin und Mayer, Claude-Helene (2004): Interkulturelle Mediation und Konfliktbearbeitung – Bausteine deutsch-afrikanischer Wirklichkeiten, Waxmann Verlag, Muenster, S.65.

[17] Vgl. dazu analog auch: Arndt, Susan und Hornscheidt, Antje (2009): Worte können sein wie winzige Arsendosen – Rassismus in Gesellschaft und Sprache, In: Afrika und die deutsche Sprache – Ein kritisches Nachschlagewerk. Hrsg. v. Arndt, Susan und Hornscheidt, Antje, Unrast Verlag, Muenster, S.11-17.

Ende der Leseprobe aus 12 Seiten

Details

Titel
Über Richa Nagars „Communal Discourses, Marriage, and the Politics of Gendered Social Boundaries among South Asian Immigrants in Tanzania“
Untertitel
Überlegungen zur Aktualität und Anwendbarkeit elf Jahre nach Forschungsabschluss
Hochschule
Ruhr-Universität Bochum
Autor
Jahr
2011
Seiten
12
Katalognummer
V179097
ISBN (eBook)
9783656013945
ISBN (Buch)
9783656014294
Dateigröße
467 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
über, richa, nagars, communal, discourses, marriage, politics, gendered, social, boundaries, south, asian, immigrants, tanzania, überlegungen, aktualität, anwendbarkeit, jahre, forschungsabschluss
Arbeit zitieren
Désirée Langenbrink (Autor), 2011, Über Richa Nagars „Communal Discourses, Marriage, and the Politics of Gendered Social Boundaries among South Asian Immigrants in Tanzania“ , München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/179097

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