Rezension zu Gesterkamp, Thomas (2010): Die neuen Väter zwischen Kind und Karriere


Rezension / Literaturbericht, 2011
9 Seiten, Note: 2,3

Leseprobe

Thomas Gesterkamp formuliert den eigenen Anspruch an sein Buch „Die neuen Väter zwischen Kind und Karriere“ (2010) als Ideensammlung „für eine gelungene Vereinbarkeit von Beruf, Familie und Partnerschaft“ für Männer (Rückseite Buchumschlag). Bei der hier zu rezensierenden Fassung handelt es sich um eine leicht erweiterte Neuauflage seines 2007 erschienenen Buchs „Die neuen Väter zwischen Kind und Karriere. So kann die Balance gelingen“. Das Fehlen des Untertitels in der neueren Fassung hat durchaus seinen Grund, worauf am Ende dieser Rezension noch näher eingegangen wird.

Gesterkamp ist Journalist und Autor wohnhaft in Köln, hat Soziologie, Pädagogik und Publizistik studiert und zum Thema „Männliche Arbeits- und Lebensstile in der Informationsgesellschaft“ promoviert. Mittlerweile hat er sich im Genre der Männer- und Väterliteratur einen Namen gemacht und veröffentlicht seit mehr als 15 Jahren Bücher und Aufsätze in dem geschlechterspezifischen Bereich. Im Buch selbst wird auf seine Spezialisierung auf Berichte „aus der Arbeitswelt und geschlechterpolitische Themen“ hingewiesen (151). Der Mitbegründer des Väter-Experten-Netz Deutschland hält außerdem Vorträge und arbeitet als Hochschuldozent und Moderator.

Die vorliegende Ausgabe umfasst 152 Seiten und ist im Verlag Barbara Budrich 2010 erschienen. Schon das Layout in leuchtendem Rosa und grüner Schrift löst sich deutlich von der eher biederen Aufmachung der alten Auflage in orange. Auch die Fotoauswahl des Covers wurde bewusst überarbeitet und näher ans Thema gerückt. Während die Vorderseite der Erstauflage einen Mann zu Hause auf dem Sofa sitzend zeigt, gleichzeitig mit Laptop und Kind auf den Beinen, macht das neue Cover die Balance zwischen Arbeit und Familie noch deutlicher. Abgebildet sind zwei Kinder und deren Vater, welcher im Anzug kniend seinem Sohn die Schuhe bindet, während die Tochter mit (Schul-)Rucksack ausgerüstet wartet, bevor sich die Kinder in die Schule bzw. den Kindergarten verabschieden und der Vater zur Arbeit muss.

Das Buch gliedert sich in 10 Kapitel. Diese Kapitel werden im Inhaltsverzeichnis entweder mit kurzen Wortgruppen oder mit Fragen umrissen. Die meisten der Passagen werden mit Zitaten oder Anekdoten eingeleitet und schließen mit einem Interview ab. Die Auswahl der Befragten reicht dabei vom Familienforscher, über einen Gewerkschafter, bis hin zur Mediatorin. Sowohl Frauen als auch Männer aus unterschiedlichsten Bereichen, die mit dem Thema direkt korrespondieren, bringen hierbei ihre Expertise ein und ergänzen damit teils wirklich sinnvoll und horizonterweiternd die Aussagen von Gesterkamp. Die dabei entwickelte Perspektivenvielfalt ist ein deutlicher Vorteil des Buches. Die zwischengeschobenen Interviews brechen die formale Struktur des Buches auf angenehme Art und Weise auf.

Auch im inhaltlichen Bereich geht der Autor kreative Wege und nutzt unterschiedlichste Möglichkeiten um sein Thema dem Leser näher zu bringen. Dazu gehören eigene Erfahrungsberichte, fiktive Erzählungen und Beispiele, Rückgriffe auf Zeitungs- und Zeitschriftenartikel, griffige Zitate aus der themenspezifischen Literatur, Verweise auf mehr oder weniger bekannte Studien und provozierende Meinungen.

Thematisch ordnet sich das Buch zum einen in das Gebiet der Familienforschung ein (allerdings kann der Begriff „Forschung“ hier nur mit Vorsicht genutzt werden), da es Gesterkamp gleichermaßen um die Interaktion innerhalb einer Partnerschaft geht, wie auch um die gelingende Interaktion zwischen Vater und Kind, auf die er allerdings selbst nicht eingeht, sondern deren Umstände er nur beschreibt. Zentral behandelt wird dabei das Thema soziale Elternschaft im Hinblick auf den Vater und die Veränderungen dieses Gegenstandes in den letzten Jahren. Zum anderen wird auch der Bereich des Arbeitsplatzes häufig angesprochen und somit auch die Veränderung der Erwerbswelt bezüglich Arbeits- und Beziehungsverhältnissen zum Gegenstand dieses Buches.

Gesterkamp beginnt sein Buch mit einem Vorwort, das er gewissermaßen als Resümee der letzten drei Jahre gestaltet und damit die Neuauflage begründet. Er führt dabei den titelgebenden und in der Gesellschaftsliteratur schon vor einigen Jahren geprägten Begriff der „neuen Väter“ ein. Die sich in den vergangenen Jahren entwickelte Akzeptanz der Väterzeit hält der Autor für einen „Kulturbruch in der geschlechterpolitischen Debatte“ (10). Das Vorwort nutzt Gesterkamp ebenso als Einführung für die wichtigen Fragen, die sein Buch beleuchten soll. Er fordert mehr Möglichkeiten für Väter ihre Vaterrolle aktiv ausleben zu können. Dabei hat er vor allem die Bildungseinrichtungen und die Erwerbswelt im Blick. Sein zentrales Argument ist in diesem Zusammenhang, dass die Babymonate zwar einen Einstieg in ein Umdenken ermöglichen, die nachfolgenden Jahre sich aber als sehr schwierig erweisen können und dort Verbesserungen Einzug halten müssen. Gesterkamp hinterfragt die Ratgeberkultur im Bereich der Väterliteratur, da er meint, dass sie sich maßgeblich an Klischees und Vereinfachungen orientiert. An diesem Anspruch selbst gemessen, kann man dem Autor bescheinigen, dass er von derartigen Mitteln kaum Gebrauch macht.

Im zweiten Kapitel schildert der Verfasser einerseits die Veränderungen im Bewusstsein der Gesellschaft rund um das Thema Vaterschaft in den letzten zwanzig Jahren, andererseits aber auch seine ganz eigenen Erfahrungen. Dabei nimmt er exemplarisch Bezug auf seine eigene Erwerbsumwelt, den Journalismus. Dort wurden Beiträge aus der Rubrik „Vaterschaft“ noch vor kurzer Zeit als „Weiberthema“ und „Gedöns“ abgetan. Derartige Grundeinstellungen fanden sich auch in den Köpfen vieler anderer Arbeitgeber wieder, was zu häufig auftretenden Problemen im Spagat zwischen Kind und Karriere führte. Dabei kritisiert Gesterkamp, dass junge Väter schon bei der Nutzung gesetzlicher Angebote schief angesehen werden, geschweige denn, wenn sie gar auf Teilzeit oder eine reduzierte Stelle ausweichen wollen und somit ihre Berufsrolle hinten anstellen wollen. Er wirbt in diesem Zusammenhang passend mit dem Slogan des nordrhein-westfälischen Familienministeriums „Verpass nicht die Rolle deines Lebens“.

Im dritten Kapitel bedient sich der Autor eines realitätsnahen Beispiels eines Paares, auf welches er im Weiteren noch zurückgreift. Anhand der Paarbeziehung von Max und Sandra (deren Namen auch das Kapitel bezeichnen) beschreibt Gesterkamp treffend das Dilemma heutiger Partnerschaften, welche trotz guter Ausgangslagen und gegensätzlicher Einstellungen aufgrund heutiger gesellschaftlicher Normen oftmals doch in traditionellen Verbindungen mit Alleinverdiener und Hausfrau enden. Gesterkamp rundet das Kapitel mit einer Typologie von Väterrollen ab, die ohne zu stark zu werten eine (Selbst-)Verortung ermöglicht.

Das vierte Kapitel widmet sich dem blumigen Titel „Der Traum vom Märchenprinzen“ und fragt nach, ob Frauen denn überhaupt „neue“ Männer wollen. Dabei wird zuerst das Modell eines „Doppelkarrierepaars“ mit Kindern vorgestellt. Allerdings belegt der Autor, dass in Deutschland mehr als die Hälfte der Beziehungen dem traditionellen Versorgermodell zuzuordnen ist (42), trotz gegenteiliger Einstellungen der Beteiligten. Ein paradoxes Verhalten, was eine Beantwortung der Eingangsfrage erschwert. Gesterkamp erklärt diesen Trend dem Pragmatismus geschuldet, dem die Ideale – besonders der Frauen – geopfert würden. Er weist im gleichen Atemzug aber auf das vorhandene Konfliktpotential dieses Modells hin und macht dies am Beispiel getrennt lebender Männer als reine „Zahlväter“ nochmals deutlich. Zu diesem Thema wird im Anschluss eine Anwältin für Familienrecht interviewt, die diesbezüglich ihre Erfahrungen weitergibt.

„Das Väter-Dilemma“ heißt das fünfte Kapitel und widmet sich den Arbeitszeiten von Männern. Gesterkamp geht besonders auf die Vielfalt ein in der sich Vaterschaft heute ausprägen kann und die es erschwert unterschiedliche Lebenskonzepte besonders hinsichtlich der Arbeitszeiten mit der Kindererziehung unter einen Hut zu bekommen. Er setzt diese Fülle auch den plakativen Aussagen entgegen, die Männer und insbesondere Väter über einen Kamm scheren. Gesterkamp ruft Väter dazu auf von alten Rollenbildern mit dem Vater als bloßem Juniorpartner ohne Zeit in der Familie Abstand zu nehmen. Der Autor weist aber ebenso auf gängige wirtschaftliche Zwänge hin, wie befristeten Arbeitsverträgen, die derartige Bemühungen auf eine harte Probe stellen. Das Elterngeld wertet der Verfasser als guten Einstieg in die ungewohnte Rolle, geht aber gleichsam davon aus, dass Väter mit der Elternzeit den Wert, Zeit mit ihren Kindern zu verbringen, erst richtig verdeutlicht bekommen. Er kritisiert zu Recht, dass „beidseitige volle Erwerbstätigkeit und Familiengründung in Deutschland nahezu unvereinbar ist“ (53).

Kapitel 6 beleuchtet die Blockaden innerhalb von Betrieben, die einer aktiven Vaterrolle entgegenstehen können. Gesterkamp stellt dabei die Betriebsmentalität als Hauptproblem heraus. So seien sogenannte „Dinosaurier-Dads“ (dieser Begriff überschreibt auch das Kapitel), also Vorgesetzte im traditionellen Beziehungsmuster, oftmals irritiert von den Bestrebungen ihrer jüngeren Kollegen und sähen dabei ihre eigenen Lebensentwürfe ins Wanken geraten. Der Status „Verheiratet“ sei auch heute in Zeiten von Liberalisierung der Erwerbswelt noch ein Garant für die Flexibilität und Zuverlässigkeit eines Arbeitnehmers, da eine Frau im Hintergrund den Mann entlastet. Somit steht ein familienfreundliches Image oft im genauen Gegensatz zur Realität, die engagierte Väter als unsolidarisch deklariert oder gar diskriminiert. Der propagierte Eigennutzen, den Unternehmen durch mehr Familienfreundlichkeit erreichen könnten, würde nicht genügen um den festgefahrenen Paradigmen zu begegnen. Im anschließenden Interview bestätigt Arbeitsmarktforscherin Alexandra Wagner diese Beobachtungen, bescheinigt aber auch, dass das Thema mittlerweile in der Wirtschaft Fuß fassen würde.

[...]

Ende der Leseprobe aus 9 Seiten

Details

Titel
Rezension zu Gesterkamp, Thomas (2010): Die neuen Väter zwischen Kind und Karriere
Hochschule
Technische Universität Dresden  (Institut für Soziologie)
Veranstaltung
Mikrosoziologie II: Interaktion und Persönliche Beziehung
Note
2,3
Autor
Jahr
2011
Seiten
9
Katalognummer
V179254
ISBN (eBook)
9783656015208
ISBN (Buch)
9783656370130
Dateigröße
432 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
rezension, gesterkamp, väter, kind, karriere, neue Väter, Rolle, thomas, zweite Auflage, 2010
Arbeit zitieren
Christian Hochmuth (Autor), 2011, Rezension zu Gesterkamp, Thomas (2010): Die neuen Väter zwischen Kind und Karriere, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/179254

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