Das Ideal der binären Geschlechter


Seminararbeit, 2010

13 Seiten, Note: 2,0


Leseprobe

INHALTSVERZEICHNIS

1. Einleitende Bemerkung

2. Entstehung der sozialen Vorstellung von den binären Geschlechtern
2.1. Besonderheit
2.2. Funktion

3. Realitätsgehalt der Aussagen über die „Geschlechtscharaktere“

4. Verbreitung und Sicherung der „Geschlechtscharakteren“

5. Schlusswort

ANHANG

LITERATURVERZEICHNIS

1. Einleitende Bemerkung

„Wäre der Mensch geschlechtslos, gäbe es nicht Mann und Weib, dann könnte man träumen, daß die Völker der Erde zu Freiheit und Gleichheit berufen seyen.“ (Riehl, S.3)

Riehl macht hier auf ein Phänomen aufmerksam, das seit jeher das gesamte soziale und kulturelle Leben in unserer Gesellschaft strukturiert: Das Geschlecht als Schranken setzende soziale Konstruktion. So wird jedem Mensch direkt nach der Geburt anhand seiner physischen Merkmalen eins von zwei binären Geschlechtern zugewiesen, männlich oder weiblich. Das dem Individuum zugewiesene Geschlecht ist von immenser Bedeutung für seinen weiteren Lebensverlauf, da es von nun an immer eine Rolle spielen wird. Beginnend mit der elterlichen Erziehung wird das Kind geschlechtsspezifisch behandelt, auch in der Schule, der Ausbildung und im Beruf macht das Geschlecht einen Unterschied. Unsere Gesellschaft hält für jedes Geschlecht ein Ensemble der kulturellen, Erwartungen bereit, das uns Schranken in unserer Entwicklung setzt und im Normalfall die Entstehung einer nur wenig variablen geschlechtlichen Identität veranlasst. Es wird erwartet, „dass sich Frauen und Männer von der Art der Bekleidung bis zu ihren Lebensentwürfen unterscheiden“(Nummer-Winkler, S.267). Desweiteren wird von den Geschlechtern erwartet, dass sie das traditionelle Geschlechtsverhältnis aufrechterhalten, welches den Mann gegenüber der Frau sozial besser stellt. Da angeblich ein Großteil der Bevölkerung davon ausgeht, dass das Geschlechtsverhältnis biologisch bedingt ist, wird dieses auch nur selten hinterfragt. (ebd.S.266ff /Ostner, S.84ff)

Diese Ausarbeitung hat das primäre Ziel aufzuzeigen, dass die aktuelle Vorstellung von den Geschlechter und der damit zusammenhängend den Geschlechtsverhältnissen vielmehr eine soziale Konstruktion darstellt, als eine natürliche Gegebenheit. Dabei ist es notwendig die Quelle dieser Vorstellung darzustellen, womit ich mich im ersten Kapitel befassen werde. In diesem Zusammenhang werde ich mich auch mit der Besonderheit und Funktion dieser Vorstellung auseinandersetzen. Desweiteren werde ich mich in den folgenden Kapiteln mit deren Realitätsgehalt und Verbreitung beschäftigen. An dieser Stelle ist noch anzumerken, dass ich mich im Rahmen dieser Hausarbeit hauptsächlich auf den Aufsatz „Die Polarisierung der Geschlechtscharakter – Eine Spiegelung der Dissoziation von Erwerbs- und Familienleben“ von Karin Hausen beziehen werde. Da sich die Aussagen in diesem Aufsatz ausschließlich auf die in Deutschland beobachteten Phänomene bezieht, wird dies auch in meiner Ausarbeitung der Fall sein.

2. Entstehung der sozialen Vorstellung von den binären Geschlechtern

Das heutige soziale Verständnis von den Geschlechtern lässt sich, nach Hausen, auf eine „Erfindung“ im letzten Drittel des 18. Jahrhunderts zurückführen,: die „Geschlechtscharaktere“. Neuartig hierbei war nicht die Kontrastierung von Mann und Frau, schließlich sollen „in patriarchalischen Gesellschaften seit eh und je Aussagen über das andere Geschlecht gängige Muster der männlichen Selbstdefinition“ (Hausen,S.162) gewesen sei. Zuvor wurden die Geschlechter über ihre soziale Position und den damit zusammenhängenden Tugenden, Rechten und Pflichten definiert und unterschieden. So verstand man noch im Jahre 1735 unter „Frau oder Weib eine verehelichte Person, so ihres Mannes Willen und Befehl unterworfen, die Haushaltung führet, und in selbiger ihrem Gesinde vorgesetzt ist“ (Zedler, 1735). Dem lässt sich entnehmen, dass die Frau erst als solche gesellschaftlich anerkannt war, wenn sie verehelicht war, dann stand sie in der sozialen Hierarchie unter ihrem Mann und über ihrem Hauspersonal und hatte die Pflicht den Haushalt zu führen. Durch die Entstehung der „Geschlechtscharaktere“ veränderte sich das Bezugssystem der Aussagen über die Geschlechter, d.h. an die Stelle der Standesdefinitionen traten Charakterdefinitionen. Aus den Konversationslexika des beginnenden 19. Jahrhundert lässt sich entnehmen, dass der „Geschlechtscharakter“ als ein Gemisch aus Biologie und natürlicher Bestimmung verstanden wurde. Dabei wurden aus den körperlichen Merkmalen von Mann und Frau erstmals Charaktereigenschaften abgeleitet und in ein dual gedachtes Zuordnungschema eingeordnet. Dieses Schema schreibt Mann und Frau jeweils gegensätzliche Charaktereigenschaften und Tätigkeitsbereiche zu, so dass es auch als „Kontrastprogramm“(Hausen, S 161) verstanden werden kann. Demnach steht der Mann für Aktivität und die Frau für Passivität. Diese Behauptung wurde aus dem Geschlechtsakt entnommen. Desweiteren steht der Mann für den öffentlichen Bereich, gesellschaftliche Produktion, Rationalität und gilt als das allgemeine Geschlecht, das Individuum, der Erwachsene. Hingegen wird die Frau mit dem häuslichen Bereich, der privaten Reproduktion und Emotionalität verbunden. Diese Aussagen wurden hauptsächlich aus der Gebärfähigkeit der Frau hergeleitet. Die Gegensatzpaare; Aktivität-Passivität und Rationalität-Emotionalität, stellen die Hauptkategorien des Zuordnungsschemas dar und sind mit einer Vielzahl Unterkategorien versehen[1]. Durch die Kombination der einzelnen Kategorien lässt sich das idealtypische Wesensbild des jeweiligen Geschlechts zu der damaligen Zeit konstruieren, welches im Fall des Mannes einem „Kulturwesen“ und im Fall der Frau einem „Geschlechtswesen“ (Weber,S.300) entsprechen dürfte. (Hausen,S.161ff)

Im Verlauf des 19. Jahrhunderts soll diese Vorstellung über die Geschlechter erhalten, zusätzlich wissenschaftlich untermauert[2] und sehr erfolgreich verbreitet worden sein. So dass etwa ein Jahrhundert später unter „Geschlechtseigentümlichkeiten“ im Großen Konversationslexikon Meyer folgendes stand:

„Auch psychische Geschlechtseigentümlichkeiten finden sich vor; beim Weib behaupten Gefühl und Gemüht, beim Mann Intelligenz und Denken die Oberhand; die Phantasie des Weibes ist Lebhafter als die des Mannes, erreicht aber selten die Höhe und Kühnheit wie beim letzterem.“ (Meyer, 1904)

Auffallend ist, dass diese Entstehung und Entwicklung der „Geschlechtscharaktere“ zeitlich mit vielen bedeutsamen sozialen Entwicklungen zusammenfällt. Zum einem fand zu dieser Zeit in Deutschland der sog. „erste demographische Übergang[3] “ statt, der unteranderem den Übergang von „ganzen Haus“ zur „bürgerlichen Familie“ (Schwab, S.253) und damit auch eine tiefgreifend Veränderung der sozialen Verhältnisse mit sich brachte. Zum anderen wurde im Zuge der Revolution[4] der Kirche die staatliche Herrschaft[5] entzogen und damit verloren theologische Ansichtsweisen immer mehr an Geltung in der Gesellschaft. Im selben Zeitraum findet die Epoche der Empfindsamkeit statt. So lässt ich die Entstehung der „Geschlechtscharaktere“, nach Karin Hausen, als ein „historisch signifikantes Phänomen“(Hausen,S.163) interpretieren. (Hausen, S.162ff/ Geißler, S.32ff/ Schäfers,S.39ff)

2.1. Besonderheit

Bei Betracht der Geschlechtsdefinitionen vor und nach der Erfindung der „Geschlechtscharaktere“ stellt sich die Frage, inwiefern diese Entstehung eine Veränderung mit sich brachte, gab es doch schon zuvor eine Kontrastierung von Mann und Frau, die den Mann über die Frau positionierte. Hierzu ist anzumerken, dass das tatsächlich Neuartige nicht die Kontrastierung an sich war, sondern ihre Qualität. Indem Standesdefinitionen durch Charakterdefinitionen ersetzt wurden, entstand ein universelles und sehr viel beständigeres Zuordnungsprinzip der Geschlechter, das in seinen Teilen noch bis zum heutigen Tage wirkt. Zum einem bezogen sich nun die Aussagen über Mann und Frau nicht mehr nur auf „Hausvater und Hausmutter“ (Hausen, S.163), sondern auf das gesamte weibliche und männliche Geschlecht. Und zum anderem hatten die „Geschlechtscharakter“, da sie wie bereits erwähnt als ein Gemisch aus Biologie und natürlicher Bestimmung interpretiert wurden und den Geschlechtern „natürliche“ Charaktereigenschaften zuordneten, die Eignung die Unterschiede zwischen Mann und Frau „als Wesensmerkmal in das Innere des Menschen“ (ebd., S.162) zu verlagern und sie dort zu verankern. (ebd., S.161ff)

[...]


[1] Abb.: im Anhang: Beispielhafte Darstellung des Zuordnungsschemas der „Geschlechtscharaktere“ mit möglicher Herleitung aus der Natur

[2] Durch Medizin, Anthropologie, Psychologie und Psychoanalyse

[3] Frühes 19.Jh, Übergang von der vorindustriellen zur industriegesellschaftlichen Bevölkerungsweise

[4] 1789, Beginn der franz. Revolution, die sich dann auch auf Dt. auswirkte - 1918, Novemberrevolution bedeutet das Ende der Monarch in Dt.

[5] 1803 Säkularisierung (Bertelsmann, Band 15, S.227)

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Details

Titel
Das Ideal der binären Geschlechter
Hochschule
Eberhard-Karls-Universität Tübingen
Note
2,0
Autor
Jahr
2010
Seiten
13
Katalognummer
V179336
ISBN (eBook)
9783656016908
ISBN (Buch)
9783656016618
Dateigröße
507 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Gender, Ideal, Geschlecht, Mann, Frau, Hausfreu, Kariere, Geschichte, soziale Ungleichheit, Hausfrau, Arbeit, Kinder
Arbeit zitieren
Katharina Kibjakova (Autor), 2010, Das Ideal der binären Geschlechter, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/179336

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