Wie aristotelisch ist der aristotelische Sozialdemokratismus Martha Nussbaums?


Seminararbeit, 2011

17 Seiten


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Martha Nussbaums aristotelischer Sozialdemokratismus

3 Kritik an Nussbaums Aristotelischem Sozialdemokratismus

4 Aristoteles - Ein Sozialdemokrat? Metakritik

5 Fazit

6 Literaturverzeichnis

1 Einleitung

„Economists are good at many things, but arguing for a particular conception of the ultimate ends of human life does not seem to be among them (Nussbaum 2000: 107).” Martha Nussbaum argumentiert gegen die ökonomische Position, ein gutes menschliches Leben ausschließlich an monetären Faktoren messen zu können (Vgl. Nussbaum und Sen 1993: 1). Stattdessen sucht sie nach einer Bestimmung eines guten und lebenswerten menschlichen Lebens abseits der ökonomischen Theorien und legt eine Antwort in Form des aristotelischen Sozialdemokratismus (ASD) vor.

In dieser Arbeit geht es um die Frage, inwieweit Martha Nussbaums ASD eine valide Interpretation Aristoteles‘ Vorstellung einer idealen Polis entspricht. Meine Arbeit wird sich vor allem auf Nussbaums Wirken in den 1990er Jahren und den beginnenden 2000er Jahren fokussieren, da sie diese Phase im Besonderen der Erforschung des guten Lebens widmete. Die Untersuchung auf weitere Episoden Nussbaums Schaffen auszudehnen, hieße, zahlreiche Wandlungen in ihrem Denken nachzuzeichnen. Meine bewusst vorgenommene Reduktion erlaubt es mir, Nussbaums Position aus dieser Episode in aller Deutlichkeit anderen Autoren gegenüberzustellen[1].

Mit der Namensgebung ASD wird deutlich, dass Nussbaum ein Programm verfolgt, das sich an dem Denken Aristoteles‘ orientiert. Aufgrund der enormen Wirkmächtigkeit von Aristoteles Schriften, ist es kaum verwunderlich, dass Nussbaums Aristotelesinterpretation viele Kritiker findet (Vgl. u.a. Sturma 2000: 257). Manuel Knoll -der sich ihnen einreiht- stellt eine kritische Frage, der ich im Laufe dieser Arbeit aus unterschiedlichen Perspektiven nachgehen möchte: „Ist Nussbaums Auffassung wirklich zutreffend, daß Aristoteles als Vordenker eines sozialdemokratischen Politikverständnisses begriffen werden muss (Knoll 2009: 15)?“ Um diese Frage beantworten zu können, werde ich die Frage klären, ob Aristoteles‘ Denken überhaupt demokratisch zu nennen ist. Erst wenn diese Klärung vorgenommen ist, ließe sich die berechtigte Frage stellen, ob Aristoteles als Sozialdemokrat zu bezeichnen ist und ob sich Martha Nussbaum wissenschaftlich haltbar Aristoteles‘ Denken bedient hat.

Nach Veröffentlichung ihres ASD in „Gerechtigkeit oder das gute Leben“ im Jahr 1999 haben sich Anfang des neuen Jahrtausends besonders in der angloamerikanischen wissenschaftlichen Debatte zahlreiche Kritiker gefragt, ob Nussbaum in treffender Weise auf Aristoteles Bezug nimmt (Vgl. Arneson 2000; Mulgan 2000; Antony 2000). Mit den Standpunkten dieser Kritiker werde ich mich im 3. Kapitel auseinandersetzen.

Da die Diskussion um den ASD gleichzeitig die Debatte berührt, ob und in welcher Weise es berechtigt ist, essentialistische Positionen in den Geistes- und Sozialwissenschaften geltend zu machen, werde ich diese Debatte in das Kapitel 2 einflechten. Somit wird klar, dass sich die Kritik an Nussbaums Theorie sowohl auf ihre Interpretation Aristoteles‘, als auch im Bezug auf ihren essentialistischen theoretischen Standpunkt an sich angebracht wird. Beide Positionen beschäftigen sich gleichsam mit der Frage, wie aristotelisch Nussbaums ASD eigentlich ist. In Kapitel 4 werde ich mich auf Passagen Aristoteles‘ Politik beziehen, um zu untersuchen, ob sich hier sozialdemokratische Elemente ausmachen lassen. Im abschließenden Fazit werde ich resümieren, welche Schlüsse sich aus der hier vorgestellten Debatte ziehen lassen.

2 Aristotelischer Sozialdemokratismus

Der Bezug auf Aristoteles‘ Philosophie ist in Deutschland nach dem Zweiten Weltkrieg vor allen Dingen von Vertretern des normativ-ontologischen Ansatzes, wie Eric Voegelin und Hannah Arendt, wieder aufgenommen worden (Knoll 2009: 12). In der angloamerikanischen Debatte spielt Aristoteles „Renaissance“ gerade im Widerstreit zwischen Anhängern des Liberalismus und des Kommunitarismus in den 1980er Jahren eine entscheidende Rolle (Sturma 2000: 257)[2]. Auf diese Debatte werde ich im Folgenden immer wieder zur Verdeutlichung des Standpunktes Martha Nussbaums zu sprechen kommen.

Für eine erste definitorische Annährung möchte ich zunächst verdeutlichen, warum Martha Nussbaum eine essentialistische Theoriebildung wie sie sie mit dem aristotelischen Sozialdemokratismus verfolgt, zu einem Kernbestandteil ihres Programms macht. Nussbaum verspürt in der heutigen Politik ein Bedürfnis nach Essentialismus, dass sie folgendermaßen formuliert: „Wir können nicht sagen, wie es einem Land geht, solange wir nicht wissen, wie die Menschen dort im Hinblick auf die zentralen menschlichen Funktionen aktiv sein können (Nussbaum 1993: 246).“ Sie nimmt damit eine Position ein, die einer nach ihrer Einschätzung verbreiteten Form des Relativismus gegenübersteht. So beobachtet Nussbaum, dass einige ihrer Kolleginnen aus postkolonialer Perspektive essentialistische Positionen dahingehend kritisierten, dass sie ethnozentristisch vorgingen und Differenzen zwischen der westlichen Welt und nicht-westlichen Kulturen missachteten. Sie schildert, dass eine Kollegin die Einführung der Pockenschutzimpfung in Indien durch Engländer dahingehend geißelte, dass sie einen indigenen Kult zur Vertreibung der Pocken verschwinden lassen habe. Dieses könne nach Einschätzung der Kollegin, deren Namen nicht genannt wird, als Beispiel dafür gelten, dass der westliche Standpunkt nur in binären Dimensionen denke. Der Tod stehe dem Leben gegenüber, die Krankheit der Gesundheit. Erst wenn man diese Denkweise überwunden habe, könne man die radikale Andersartigkeit anderer Kulturen erkennen und verstehen (Vgl. Nussbaum 1993: 324-325). Nussbaum verdeutlicht ihre scharfe Kritik am Relativismus in Bezugnahme auf eine ihrer Kolleginnen. Nussbaum zeigt auf, dass die Hinnahme der Andersartigkeit im Fall der Pocken bedeute, dass die betreffenden Menschen mitunter sterben müssten, da sie nicht geimpft wurden. Aristotelikerinnen, zu denen sie sich zählt, würden daher die Verbesserung der Gesundheit dem Verlust eines Kultes vorziehen. Es sei nach Nussbaum unabdingbar, universale menschliche Eigenschaften zu finden, um globale ethische Maßstäbe zu extrahieren (Vgl. Nussbaum 1993: 327).

Martha Nussbaum stellt ein politisches Konzept vor, dass zentrale Gedanken aus Aristoteles‘ Vorstellung vom guten menschlichen Leben für ihre eigene Konzeption fruchtbar macht. Die Aufgaben des Staates werden laut Nussbaum nur erfüllt, wenn die „Gestaltung“ der staatlichen Ordnung „jedem Bürger die materiellen, institutionellen und pädagogischen Bedingungen zur Verfügung“ stelle und ihm damit einen Zugang zum guten menschlichen Leben verschaffe (Vgl. Nussbaum 1999: 24).

Nussbaum vertritt dabei eine normative Position, die darauf abzielt die Lebensverhältnisse für Menschen speziell in Entwicklungsländern zu verbessern (Vgl. Jörke 2005: 88-89). Sie interpretiert das aristotelische Staatsideal so, dass „alles so geregelt [ist], dass jeder Bürger zu jedem Zeitpunkt mit dem Lebensnotwendigen versorgt ist“ (Nussbaum 1999: 27). Damit richtet sich Nussbaums Anthropologie besonders gegen ökonomische Theorien, die das gute Leben lediglich an quantitativen ökonomischen Kennziffern messen würden. Diese Betrachtung sei verkürzt, da sie nichts über die eigentliche Lebensqualität einzelner Menschen aussage; etwa über die Zugangschancen zu Bildung oder die ärztliche Versorgung (Nussbaum und Sen 1993: 1). Laut Nussbaum könnten Fragen des menschlichen Wohlergehens auf den Begriff commitment zusammengefasst werden, der Verpflichtung, Engagement und Bindungen umfasst. Die ökonomische Theorie widme sich diesen Phänomenen nicht. Die Bedeutung von reiner Nutzenkalkulation werde bei Fragen menschlichen Wohlergehens seitens ökonomischer Vertreter überbewertet (Vgl. Sturma 2000: 264). Desweiteren kritisiert Nussbaum ebenfalls sogenannte social-choice Theorien, die lediglich die individuelle Bedürfnisbefriedigung von Individuen für ausschlaggebend für die Angemessenheit von politischen Maßnahmen hält (Vgl. Jörke 2005: 89). Diese Perspektive vergesse laut Nussbaum, dass Menschen oftmals nicht über ihre wahren Bedürfnisse aufgeklärt wären. Exemplarisch führt sie hier den Fall eines bengalischen Dorfes an, in dem unter Frauen eine sehr geringe Alphabetisierungsrate herrschte. Mit diesem Beispiel verdeutlicht Nussbaum im Folgenden ihren theoretischen Ansatz, indem sie den aristotelischen Standpunkt gegen ein utilitaristisches und ein liberales Verständnis von Entwicklungshilfe abgrenzt. Das folgende Fallbeispiel verdeutlicht gleichsam, dass Nussbaum für ihre Idee des guten Lebens auch praxisnahe Bezüge findet, wie sie sie bei der Methodik Aristoteles positiv hervorhebt (Vgl. Nussbaum 1999: 31)[3].

Für jenes bengalische Dorf wurden zunächst utilitaristische Überlegungen zu Grunde gelegt. Ausgangsidee eines „wunschorientierten“ oder utilitaristischen Ansatzes sei es laut Nussbaum, dass, solange Handlungsbetroffene keinen Wunsch nach etwas verspürten und Bedürfnisse artikulierten, kein Handlungsbedarf für eine Regierung abgeleitet werden könne. Nachdem die Frauen im bengalischen Dorf angaben, mit ihrer derzeitigen Bildungssituation zufrieden zu sein, sah sich die Regierung folglich nicht in der Position zu handeln. Nussbaum weist hier auf den kulturellen Kontext der Frauen hin, deren Erfahrungswelt Bildung bis dahin vollkommen verschlossen blieb. Die Frauen kannten keine Alternative zu ihrem bisherigen Leben. Darüber hinaus lastete auf den Frauen in dem Dorf ein hoher kultureller Druck, der die öffentliche Artikulation des Wunsches nach Bildung nahegehend unmöglich machte (Vgl. Nussbaum 1999: 43).

Als nächstes, so berichtet Nussbaum, wurde ein liberaler Ansatz seitens der Entwicklungshilfeorganisationen angewendet. Das liberale Programm unterliege laut Nussbaum der Prämisse, dass „Freie und Gleichgestellte“, dann gleiche Behandlung erführen, wenn sie dieselben Ressourcen zur Verfügung gestellt bekämen (ebd.: 45). In der Folge wurden umfangreiche Unterrichtsmaterialien in das Dorf geschafft, um den Frauen Zugang zu Bildung zu ermöglichen. Allerdings wurde keine Rücksicht darauf genommen, dass die Lebensbedingungen der Frauen einen Gebrauch dieser Materialien gar nicht erlaubten. An die pädagogische Unterstützung der Hilfsleistungen wurde nicht gedacht (Vgl. Nussbaum 1999: 44).

Nach dem Scheitern des Projekts setzten sich Forscher, die den aristotelischen Ansatz verfolgten im Dialog mit den ortansässigen Frauen über die Frage von Bildungschancen auseinander. Die daraufhin gegründeten Frauenkooperativen erkannten im Erwerb der Schreib- und Lesekompetenz die Möglichkeit, ihre untergeordnete Stellung innerhalb der Gesellschaft zu verbessern. Dies beeinflusste nachhaltig sowohl die Produktionsverhältnisse, als auch das Verständnis der Geschlechterverhältnisse. Nussbaum bewertet die utilitaristische als auch die liberale Vorgehensweise für unzulänglich, da sie nicht danach fragten, was ein gutes Leben bedeutete. „Ohne die Frage nach dem Guten, nach der vollen Entfaltung der menschlichen Fähigkeiten (…), wäre es nicht zu wertvollen sozialen Veränderungen gekommen (ebd.: 44-45)“. Einmal mehr verweist Nussbaum hier auf ihr Konzept des guten Lebens, dessen Konkretisierung ich im Folgenden ausführen möchte.

Nussbaum extrahiert mittels mythischer, literarischer und philosophischer Quellen, das, was den Menschen als menschliche Wesen ihrer Ansicht nach auszeichnet (Vgl. Jörke 2005: 93)[4]. Mit der Idee einer starken, vagen Theorie des Gute n bemüht sich Nussbaum bewusst nur um einen „Umriss“ des guten Lebens in Anlehnung an Aristoteles[5]. Der Aristoteliker ließe „sich bei seinem Vorgehen von der Überzeugung leiten, dass es besser ist mit vagen Aussagen richtig, als mit genauen Aussagen falsch zu liegen (Nussbaum 1999: 46)“. Diese Aussagen sollten möglichst alle Bereiche des menschlichen Lebens umfassen und sich in vielfacher Weise konkretisieren lassen. Nussbaum verfolgt, wie sie selbst schreibt, eine narrative Methodik. Ihre Herangehensweise lässt daher Raum für vielfältige anschlussfähige Fortschreibungen und Spezifizierungen ihrer Theorie[6]. Diese geht von „zwei Tatsachen“ aus (Vgl. Nussbaum 1993: 333). Erstens würden sich Menschen trotz ihrer tiefgreifenden kulturellen Unterschiede gegenseitig als Menschen anerkennen. Daher listet sie Eigenschaften auf, von denen sie annimmt, dass sie an jedem beliebigen Ort als menschliches Leben anerkannt würden. Auf diese Liste werde ich im Folgenden noch zu sprechen kommen. Als eine zweite „Tatsache“ begreift Nussbaum die medizinische und mythologische Verständigung darüber, unter welchen Umständen ein menschliches Leben nicht mehr als ein solches gelten kann. Sie fragt also danach, was den Menschen als Gattungswesen etwa vom Tier oder einem Gott unterscheidet. Hier weist Nussbaum darauf hin, dass eine entsprechende Liste bewusst endlos sei, sodass sie im besten Sinne anschlussfähig für alle kulturellen Einflüsse sei (Vgl. Nussbaum 1993: 333-334). Nussbaum unterscheidet hier zwischen zwei Ebenen der dicken, vagen Konzeption des guten Lebens. Die „Ebene 1“ beschäftigt sich mit der „Gestalt der menschlichen Lebensform“[7], während die zweite Ebene „elementare menschliche Funktionsfähigkeiten“ ableitet (ebd.: 334-340).

Zur menschlichen Lebensform zählt Nussbaum zunächst einmal die Sterblichkeit. Das Bewusstsein sterben zu müssen trügen alle Menschen in sich. Alle teilten sich auch eine generelle „Abneigung gegen den Tod“ (ebd.: 335). Der eigene Tod sowie das Ableben vertrauter Menschen führe bei Menschen allgemein zu „Kummer und/oder Angst“ (ebd.). Als nächstes wendet sich Nussbaum dem menschlichen Körper zu, der direkt die Möglichkeiten und die Verletzlichkeit eines Menschen determiniere. Körperliche Erfahrungen und deren Wahrnehmung seien zwar kulturell durchaus verschieden, täuschten aber nicht über die Tatsache hinweg, dass der menschliche Körper ein wiedererkennbares Wesensmerkmal darstelle. Hunger und Durst und das Bedürfnis nach Essen und Trinken wäre zudem ein gemeinsames menschliches Merkmal, so Nussbaum. Kein Mensch wolle Hunger oder Durst leiden[8]. In einem nächsten Schritt formuliert sie das Bedürfnis nach Schutz. Abgeleitet von der relativen Verletzlichkeit des menschlichen Körpers sieht sie es als ein menschliches Wesensmerkmal, sich vor extremer Witterung schützen zu wollen. Einen weiteren entscheidenden Grund für die gegenseitige Wahrnehmung als Menschen erkennt Nussbaum im sexuellen Verlangen. Sie verweist auf Aristoteles, der einem Menschen ohne sexuelles Verlangen eine Ferne vom „Menschsein“ unterstellt. Mobilität ist für Nussbaum ein weiteres Merkmal für den Menschen als Gattungswesen. Sie sagt, dass der Wille zur ausreichenden Bewegungsfreiheit bei Menschen so ausgeprägt sei, dass ihm ohne diesem Bedürfnis nachzukommen etwas an etwas mangele. Die Fähigkeit zum Erleben von Freude und Schmerz gelten für Nussbaum ebenso als konstitutive Wesensmerkmale wie kognitive Fähigkeiten. Hier nennt sie Wahrnehmen, Vorstellen und Denken. Zwar ließe sich schwer bestimmen, welches Ausmaß an Ermangelung sinnlicher Fähigkeiten menschlichen Lebens nicht mehr als ein solches bestimmbar mache, doch wäre eine Gesellschaft ohne kognitive Leistungen nicht denkbar[9]. Durch die Erfahrung „extremer Abhängigkeit, Bedürftigkeit und Zuwendung“ teilten die Menschen Erfahrungen, die sie in der frühkindlichen Erziehung erlebt hätten (ebd.: 53). Diese Phase würde für alle Menschen die emotionale Genese entscheidend beeinflussen. Alle Menschen haben nach Nussbaum die Fähigkeit von ihrer praktischen Vernunft Gebrauch zu machen. Dies bedeute, dass Menschen sich alle Gedanken nach „dem Guten und dem erstrebenswerten Leben stellen und beantworten“ (Nussbaum 1999: 53). Obwohl sich die praktische Vernunft auf vielfältige Weise kulturell unterscheide und sehr komplex von jeweiligen Kontextbedingungen abhänge, wäre nach Nussbaum ein menschliches Leben ohne praktische Vernunft nicht denkbar. In Anlehnung an Aristoteles behauptet Nussbaum, dass eine Verbundenheit mit anderen Menschen von jedem Menschen in irgendeiner Weise empfunden würde. Alle Menschen lebten in irgendeiner Weise auf andere Menschen bezogen und würden sich auch dem Verhalten anderer anpassen. Ein Leben ohne soziale Kontakte werde gemeinhin als nicht lebenswert erachtet. Die Verbundenheit mit anderen Arten und mit der Natur beschreibt Nussbaum, indem sie darauf hinweist, dass alle Menschen, aber in sehr unterschiedlichen Ausprägungen, erkannt hätten, dass sie nicht allein auf der Welt lebten. Dies hätte zur Folge, dass alle Menschen ein Mindestmaß an Verständnis für die Existenz anderer Arten hätten und ein Gefühl dafür entwickelten ihrer Umwelt „pflegliche Behandlung“ schuldig zu sein (ebd.: 54)[10]. Humor und Spiel sind nach Nussbaum insoweit Teil des menschlichen Lebens, als dass diese Eigenschaften ein entscheidendes Erkennungsmerkmal des Menschen seien. Sie möchte den Leser zu der Vorstellung anregen, sich ein Kind auszumalen, das nicht spiele und lache. Darüber hinaus sei es für den Menschen wichtig, sich von Zeit zu Zeit Erholung zu gönnen. Mit Getrenntsein möchte Nussbaum verständlich machen, dass das menschliche Leben letztlich niemals zu einer vollständigen Verschmelzung von zwei Menschen oder gar einer ganzen Gesellschaft kommen kann. Sie argumentiert, dass jeder Mensch letztlich als Individuum lebe und sterbe. Dies gelte ebenfalls für Gesellschaften, die sich stark an einem Kollektiv orientierten, da trotzdem noch jede ihre eigenen Sinnesempfindungen hätte und ihre eigene körperliche Vereinzelung dadurch spüre, dass es leicht zu bestimmen wäre, wo der eigene Körper aufhöre und ein anderer anfange.

Nussbaum schließt die zweite Ebene die Grundfähigkeiten des Menschen an, wobei sie betont, dass es sich hierbei lediglich darum handeln könne, Tätigkeiten möglich zu machen, nicht auf ihre tatsächliche Ausübung zu bestehen (Vgl. Nussbaum 1999: 49-55)[11].

Das aristotelische Programm spricht sich somit also für ein institutionalisiertes Wohlfahrtssystem aus, dass jedem Menschen eine gute Lebensführung ermöglicht. Aristoteles selbst plädierte laut Nussbaum für umfassende Gesundheits- und Erziehungssysteme, was in im Folgenden weiterhin diskutiert wird (Vgl. ebd.: 62).

[...]


[1] Nussbaum selbst gibt an: „my thinking has undergone numerous shifts (…) (Nussbaum 2000: 102).“

[2] Sturma verweist darauf, dass Aristoteles Wirkungsgeschichte, angesichts zahlloser Theoretiker, die sich auf ihn bezogen haben, beispiellos ist. Allenfalls Jean-Jacques Rousseau hätte einen vergleichbaren Einfluss auf die Rezeptionsgeschichte gehabt (Vgl. Sturma 2000: 257).

[3] Dieses Beispiel entnimmt Nussbaum Martha Chens Werk A Quiet Revolution: Women Transition in Rural Bangladesh, Dhaka 1986.

[4] Nussbaum zu Folge ließen sich aus literarischen Quellen die internen „normativen Qualifizierungen menschlicher Daseinsform“ erkennen, denen ihr Interesse gilt. Allerdings verzichtet sie bei ihrer Analyse auf naturwissenschaftliche Bezüge (Jörke 2005: 93).

[5] Schon begrifflich ist Nussbaums starke, vage Theorie eine Antwort auf die „schwache Theorie“ John Rawls‘.

[6] Mit dieser Herangehensweise sieht sie sich allerdings, wie sie selbst schreibt, dem liberalen Vorwurf der bewussten Selektivität konfrontiert. Liberale würden jede Form einer „substanzielle Konzeption“, wie sie die dicke, vage Theorie des Guten darstellt als „paternalistisch“ kritisieren. Nussbaum nimmt insoweit zu dieser Kritik Stellung, als dass sie vorschreibt, dass jeder Aristoteliker seinen Begriff vom Guten offenlegen muss, zeigen muss, was dieser „politisch zu leisten vermag“ und darzulegen wie er abgeleitet wurde (Vgl. Nussbaum 1999: 45-46).

[7] Da Nussbaum selbst von einer „offenen Liste“ spricht, der man einige Aspekte hinzufügen könne und andere vernachlässigen könne, werde ich auf die Punkte eingehen, die mir wichtig erscheinen (Nussbaum 1999: 56)

[8] Nussbaum verweist allerdings darauf, dass sich ein Mensch durchaus dazu entschließen könne zu Fasten (Nussbaum 1999: 51).

[9] Menschen „streben nach Wissen“, zitiert Nussbaum Aristoteles aus seiner Metaphysik (Nussbaum 1999:52).

[10] Hier verweist sie allerdings, wahrscheinlich mit Blick auf massive Umweltverschmutzungen, darauf hin, dass man diese Position möglicherweise noch einmal überdenken müsse (Vgl. Nussbaum 1999: 54).

[11] Unter den Grundfähigkeiten des Menschen fasst Nussbaum
„1. Die Fähigkeit, ein volles Menschenleben bis zum Ende zu führen; nicht vorzeitig zu sterben oder zu sterben, bevor das Leben so reduziert ist, dass es nicht mehr lebenswert ist.
2. Die Fähigkeit, sich guter Gesundheit zu erfreuen; sich angemessen zu ernähren; eine angemessene Unterkunft zu habe; Möglichkeiten zur sexuellen Befriedigung zu haben; sich von einem Ort zum anderen zu bewegen.
3. Die Fähigkeit, unnötigen Schmerz zu vermeiden und freudvolle Erlebnisse zu haben.
4. Die Fähigkeit, die fünf Sinne zu benutzen, sich etwas vorzustellen, zu denken und zu beurteilen.
5. Die Fähigkeit Bindungen zu Dingen und Personen außerhalb unserer selbst zu haben; diejenigen zu lieben, die uns lieben und dafür zu sorgen, und über ihre Abwesenheit traurig zu sein; allgemein gesagt: zu lieben, zu trauern, Sehnsucht und Dankbarkeit zu empfinden.
6. Die Fähigkeit, sich eine Vorstellung vom Guten zu machen und kritisch über die eigene Lebensplanung nachzudenken.
7. Die Fähigkeit, für andere und auf andere bezogen zu leben, Verbundenheit mit anderen Menschen zu erkennen und zu zeigen, verschiedene Formen von familiären und sozialen Beziehungen einzugehen.
8. Die Fähigkeit, die Verbundenheit mit Tieren, Pflanzen und der ganzen Natur zu leben und pfleglich mit ihnen umzugehen.
9. Die Fähigkeit, zu lachen, zu spielen und Freude an erholsamen Tätigkeiten zu haben.
10. Die Fähigkeit, sein eigenes Leben und nicht von jemand anderem zu leben.
10a. Die Fähigkeit, sein eigenes Leben in seiner eigenen Umgebung und seinem eigenen Kontext zu leben (Nussbaum 1999: 57-58).“

Ende der Leseprobe aus 17 Seiten

Details

Titel
Wie aristotelisch ist der aristotelische Sozialdemokratismus Martha Nussbaums?
Hochschule
Universität Hamburg  (Institut für Politische Wissenschaft)
Veranstaltung
Politische Anthropologie
Autor
Jahr
2011
Seiten
17
Katalognummer
V179600
ISBN (eBook)
9783656021469
ISBN (Buch)
9783656021841
Dateigröße
506 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Politische Theorie, Aristoteles, Nussbaum, Sozialdemokratie
Arbeit zitieren
Jasper Finkeldey (Autor), 2011, Wie aristotelisch ist der aristotelische Sozialdemokratismus Martha Nussbaums?, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/179600

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