O le tatau - Tatauieren in Samoa


Seminararbeit, 2011
31 Seiten, Note: 5.5

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Vorwort

2. Einleitung

3. Überblick über die Tatauierungstradition in Polynesien

4. Die Tätowierungstradition in Samoa
4.1 Begriffsbezeichnung tatau
4.2 Mythenerzählung über die Herkunft des Tätowierens

5. Einblick in die ethnographischen Berichte über das Tatauieren um
5.1 Ethnographische Beschreibung einer samoanischen Tätowierungszeremonie
5.2 Das Tatauierungsinstrument

6. Interkulturelle Austauschbeziehung mit der westlichen Welt
6.1 Beginn der Kolonialisierung und der ersten Einflüsse auf Polynesien
6.2 Christliche Missionierungen im Kampf gegen die heidnische Praktik des Tätowierens
6.3 Die Anwendung der Praktik an Europäern
6.4 Die Wilden in der europäischen Sichtweise

7. Die zeitgenössische Tatauierungstradition im globalen Austausch
7.1 Sa Su‘a Tulou‘ena und die zeitgenössische Kunstausübung
7.2 Sa Su‘a Sulu‘ape und die zeitgenössische Tatauierungstradition
7.2.1 Ornamente
7.2.2 Tätowierungsinstrumente
7.2.3 Titelverleihung
7.3 Tradition und Moderne im Vergleich

8. Schlusswort

9. Literaturverzeichnis

Vorwort

Seit tausenden von Jahren existiert im samoanischen Archipel die Kunstform des Tatauierens. Im westlichen Kontext besser bekannt als T ä towieren, bei der permanente Farbmuster mithilfe spezialisierter Instrumene in die Haut eingeschlagen werden. Diese Muster bedecken den halben Körper. Sie werden in äusserst schmerzvollen Ritualen, durch Fachmänner im zeitlichen Abstand von mehreren Wochen am Körper von jungen samoanischen Männern und Frauen ausgearbeitet. Als einzige Tätowierungstradition Polynesiens hat sie seit der Besiedlung der pazifischen Inselgruppen bis heute fortgehend bestanden. Dies trotz Versuche der Europäer seit der Kolonialisierung und der Missionierung, diese Praktik zu vernichten.

Die Muster und Linien der Tätowierung haben wichtige symbolische Bedeutung für die samoanische Bevölkerung, da sie das Wissen ihrer Vorfahren beinhalten. Vor allem unter emigrierten Samoanern wächst das Bedürfnis, als Rückbesinnung auf die eigene Kultur, sich tätowieren zu lassen. In den letzten zwei Jahrzehnten gewann diese Kunstform immer mehr an Aufmerksamkeit. Das Tatauieren erweckte ein weltweites Interesse, dass als ,Tattoo Renaissance‘ bezeichnet wurde. Verstärkt liessen sich auch Menschen tätowieren, die nicht unmittelbar mit der samoanischen Kultur in Verbindung standen. Dies führte innerhalb der samoanischen Gesellschaft zu starken Kontroversen.

Einleitung

Ich habe in meiner Arbeit ,O le tatau - Tatauieren in Samoa‘ versucht, eine Verbindung zwischen der Tradition und der Moderne herzustellen, indem ich die Kunstform und ihre Ausübung untersucht habe. Wie sie vor 100 Jahren stattgefunden hat und inwiefern sie heute noch in derselben Weise praktiziert wird. In erster Linie war es mir wichtig aufzuzeigen, wie stark die Tradition in der moderneren Entwicklung noch präsent ist. Dies indem ich sie mit der frühen Durchführung verglich, und was aus entwicklungsgeschichtlicher Hinsicht diese Tätowierungstradition beeinflusst hat. Auch heute noch ist sie keine moderne Praktik, sondern eine sehr traditionelle, die teilweise umgeändert, in modernisierter Weise, fortbesteht. Ich will aufzeigen, wie eine traditionelle Kunstform im globalen Kontext unserer modernen Gesellschaft an Nachfrage gewinnt, und wie die Rückbesinnung auf die eigene Tradition wieder wichtiger wird. Ausserdem will ich anhand einer empirischen Problemstellung aufzeigen, was von der Tradition im entwicklungsgeschichtlichen Verlauf in der Moderne noch übrig geblieben ist.

Beginnend mit einem Überblick über die gesamtpolynesische Kunstausführung, habe ich den Schwerpunkt wegen der kontinuierlichen Ausführung auf Samoa gesetzt. Nach der Einführung spreche ich über die samoanische Tätowierungstradition und erläutere die mythische Überlieferungsgeschichte ihrer Tradition, wie sie im samoanischen Kontext verstanden und noch heute erzählt wird. Danach versetze ich mich in die Geschichte zurück und beschäftige mich mit ersten ethnographischen Studien über Samoa, in denen sehr detailliert über das Tätowieren berichtet wird. Der Ausgangspunkt meines Vergleichs beinhaltet die Beschreibung verschiedener Aspekte des zeremoniellen Vorgangs bei der Tätowierung eines Häuptlingssohns.

Weiterführend erläutere ich, wie sich die interkulturellen Austauschbeziehungen der Samoaner zu anderen Inseln und zu den Europäern aufgrund der Kolonialisierung verfestigten. Zu unterscheiden ist zwischen dem Austausch mit den frühen Seefahrern, den Missionaren und den Europäern, die sesshaft wurden. Ich versuche aufzeigen, wie es den Samoanern trotz Missbilligung seitens der Kirche gelang, ihre Kultur weiter zu führen und wie sie die Europäer in ihrer Kunstausführung beeinflussten. Danach folgt eine Ausführung über das Bewusstsein bzw. die Haltung, welche sich seit der Zeit der ersten Seefahrten in der westlichen Welt über das Tätowieren und die damit in Verbindung stehenden ,Wilden‘ gebildet hat. Ich versuche darzulegen, inwiefern das Tattoo zum Stigmata der Personen aus der unteren Gesellschaftschicht wurde, bis es ab den 1980er Jahren neu entdeckt wurde.

In der zeitgenössischen Kunstausübung, auf die ich als letzten Hauptpunkt näher eingehe, sind zwei samoanische Familien sehr wichtig, welche beide den Anspruch erheben, seit der Frühzeit der Besiedelung der polynesischen Inseln als Tätowierungsmeister tätig zu sein. Ich gehe auf beide Linien näher ein, um parallel zu erläutern, was für Personen heutzutage tätowiert werden wollen, inwiefern die Arbeit mit der Arbeit vor 100 Jahren vergleichbar ist, was sich alles verändert hat und welchen Schwierigkeiten sich traditionelle Tätowierer im modernen Globalisierungszeitalter ausgesetzt sehen müssen.

Schliesslich versuche ich den aufgespannten Bogen wieder zu schliessen, indem ich den Vergleich zu konkretisieren versuche, inwiefern die Tradition in der Moderne noch präsent ist und deshalb auch inwiefern die moderne Gesellschaft Rückbezug auf ihre Tradition nimmt.

In der Ausführung dieser Punkte wechsle ich zwischen dem tahitianischen Begriff tatau und dem englischen bzw. deutschen Begriff tattoo. Obwohl ich anfangs meiner Arbeit ausschliesslich tatau verwenden wollte, wurde mir vor allem im Gespräch mit Tomasi Sulu‘ape bewusst, dass heutzutage kaum mehr tatau im westlichen Verständnis verwendet wird. Aus diesem Grund verwende ich zu Beginn, bei der Erläuterung der Frühzeit des Tätowierens, oft den Ausdruck tatau, dieser wird jedoch mit der späteren Entwicklung fast vollständig durch Tattoo ersetzt.

Überblick über die Tatauierungstradition in Polynesien

Das Tätowieren ist ein charakteristisches Merkmal für Polynesien. Das Schmücken und Präsentieren des Körpers gilt seit Jahrtausenden als essentieller Ausdruck ihrer Kunst und Kultur. Zu finden ist die Körperbemalung in Form von Tätowierungen in fast allen Kulturen. Diese Kunstform geniesst seit jeher einen sehr hohen Stellenwert in den polynesischen Gesellschaft in ihrer variationsreichen Ausübungsform.1 Am Prägnantesten und Beständigsten war sie aber auf Samoa, gefolgt von weiteren südpazifischen Gesellschaften wie den Maori auf Neuseeland, den Tonganern, den Hawai‘ianern, auf Rapa Nui sowie bei den Südpazifikinsolanern der Marquesas und der Gesellschaftsinseln. Diese Tradition im Allgemeinen zu definieren und in ihrer weiten Verbreitung als eine einzige Tätigkeit zu beschreiben ist überaus kompliziert. Sie weist ausser des visuellen Erscheinungsbildes in Form von Farbe, die sich permanent auf der Haut abzeichnet, sowie der gemeinsamen Herkunftsgeschichte, keine Vereinheitlichung der Traditionsausübung auf. Das Tätowieren variiert von Region zu Region in seiner Form, seiner Ausdrucksweise, sowie in der Zuschreibung von Bedeutung und dessen Symbolkraft.2

Die Herkunft des Tätowierens ist bis heute nicht vollständig geklärt, da es sich um eine sehr weit in der Geschichte zurückführende Tradition handelt. Jedoch als wahrscheinlich gilt die Annahme, dass die Tattoowierungspraktik von den frühesten Seefahrern und Vorfahren der Polynesier abstammt.3 Durch archäologische Fundgegenstände aus der Zeit um 1500 v. Ch., insbesondere in der Form einzigartig dekoriertem Porzellan der Lapita, dessen Muster und Motive in stylistischer Ähnlichkeit auch bei zeitgenössischen Tätowierungen zu finden sind, lässt sich dies rückschliessend erahnen. In Ausgrabungsstätten auf Tonga, bei denen Lapita Porzellan entdeckt wurde, fand man auch Meisseln die als Tätowierungsinstrumente dienten.4

Auf den Marquesas wurde, von allen polynesischen Kunstformen am Grossflächigsten, fast der ganze Körper mit Ausnahme des Kopfes, tätowiert, um damit den Status, den Reichtum und das Geschlecht des Einzelnen zu kennzeichnen. Der Körper wurde dabei zunächst symmetrisch in Zonen aufgeteilt, diese dann unterteilt in Gebiete, in die einzelne Muster und Abb.2: Portrait eines neuseeländischen Maori mit Symbole eingearbeitet wurden. Diese definierten die Gesichtstätowierung Person in ihrer sozialen Identität und waren Zeugnis der Stärke für die Schmerzen, die beim Tätowieren ausgehalten werden mussten. Desweiteren galten sie als Verbindung zu Kriegergruppen. Sie wurden erstellt bei Honorierungen, wie beispielsweise der Teilnahme an einem Festessen oder als Erinnerung an Siege. Unterschiedlich dazu waren die Tätowierungen der Hawaiianer asymmetrisch. Als kakau i ka uhi bezeichnet wurden Tätowierungen, die nur auf einem Bein bzw. Arm oder nur einer Gesichtshälfte vollbracht wurden. Beim Maui Chief tätowierte man ein pahupahu, ein Muster, bei dem die eine Seite des Körpers vollständig schwarz war. Tätowieren war für die Hawaiianer eine Form der Schutzgebung, insbesondere Tätowierungen auf dem rechten Arm als Symbol des Schutzes der Krieger, die mit diesem Arm ihren Speer hielten. Am Bekanntesten aller südpazifischen Formen des Tätowierens sind die Gesichtstätowierungen der Maori auf Neuseeland (siehe Abb.:2, S.5). Die Ehre, das Gesicht zu tätowieren, wurde ausschliesslich dem jeweiligen Chief zuteil. Die Männer trugen ein weiteres Tattoo von den Hüften abwärts bis zu den Knien, die Frauen hatten ein kleineres Gesichtstattoo von den Lippen bis zum Kinn. Ähnlich wie auf den Marquesas wurde der Körper in Zonen aufgeteilt. Ein ta moko, wie die Körperverzierung genannt wurde, gab Aufschluss über die Identität des Trägers. Auf Tonga, den Gesellschaftsinseln und Samoa finden sich weitere Ausdrucksformen des Tätowierens, welche häufig als Zeichen der Mannbarkeit während der Pubertät durchgeführt wurden.5

Die polynesischen Gesellschaften standen seit jeher in einer kulturellen Austauschbeziehung zu den benachbarten Inselgruppen. Weiter ab dem 18. Jahrhundert mit den europäischen Seefahrern, gefolgt von den christlichen Missionaren und Emigranten aus Europa, die sich kontinuierlich auf den einzelnen Inseln ansiedelten. Die Tätowierungtradition wurde vor allem von den Missionaren geächtet, verbannt und sogar gesetzlich verboten, so dass sie in vielen polynesischen Gesellschaften in Vergessenheit geriet. Mit der Unabhängigkeit der Inselstaaten in den letzten Jahren, sowie globalen Veränderungen, insbesondere durch Emigrationsbewegungen mit Rückbesinnung auf die eigene Herkunft, erlebt die Kunstform des Tätowierens eine Art Renaissance.

Die Tätowierungstradition in Samoa

Die samoanische Tätowierungstradition ist fester Bestandteil der Gesellschaft und hat eine tiefe Bedeutung in der Identitätsbildung und sozialen Anerkennung für dessen Träger. Sie hat von Anfang an bis heute als einzige Tautauierungstradition Polynesiens fortgehend existiert.6 In der samoanischen Tatauierungstradition wird dem Mann ein sogenanntes pe ‘ a tätowiert, dass von den Hüften bis zu den Knien reicht. Charakterstisches Merkmal eines pe ‘ a sind seine feinen Linen, die parallel zueinander angeordnet sind, sowie darin eingefügte geometrische Figuren und verschiedenartige Motive. Junge Männer, die sich tätoowieren liessen, werden als soga ‘ imiti bezeichnet. Dieser Ausdruck steht für die Verantwortung, zu der die Männer innerhalb der Gesellschaft verpflichtet sind, sowie für die Übernahme von Ämtern und Aufgaben, die ihnen vom matai auferlegt werden. Das Tattoo für die Frau wird als malu bezeichnet, und reicht von den Knien über den ganzen Oberschenkel. Auf den ersten Blick

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb.3: traditioneller samoanischer tufuga ta tatau bei der Arbeit

erscheinen diese Muster als relativ ähnlich. Es handelt sich jedoch bei jeder Tätowierung um sehr differenzierte Unikate, dessen familieninterne Bedeutung nicht preisgegeben wird.7 Das malu hat weniger schwarze Stellen als das pe‘a, sein Name hat es von einem wichtigen Zeichen auf dem Knie, dass bei der männlichen Tätowierung nicht vorkommt. Malu bedeutet, Schutz und Sicherheit zu geben, oder auch Zuflucht.8

4.1 Begriffsbezeichnung tatau

Die Bezeichnung Tattoo stammt von dem tahitianischen Begriff tatau, eines nachgeahmten Naturlautes,9 dessen Bedeutung übersetzt ,richtig‘ bzw. ,kunstgerecht‘ ist. Auch im samoanischen Sprachgebrauch wird dieser Begriff verwendet. Der vollständige Begriff ta tatau bedeutet, ,richtig schlagen‘ oder auch ,in vierkanten Figuren‘, da die samoanischen Tatauierer keine gekrümmten Linien, wie beispielsweise Kreise, tatauierten. Des weiteren wird tatau im samoanischen Sprachgebrauch für richtig bzw. korrekt ausgeführte Tätigkeiten verwendet. Beispielsweise benützt man den Begriff, falls etwas in Ordnung gebracht wurde oder wenn etwas lot- oder waagrecht ist. Eine richtig angelegte Zeichnung oder ein Schema, in dem Sinne auch eine Hautzeichnung, kann als Tatau bezeichnet werden.10

Aus dem Begriff Tatau entstand durch Verballhornisierung das englische Wort Tattow, welches durch die europäischen Seefahrer unter Cook in den westlichen Wortschatz gekommen ist. In der englischen Sprache wurde der erste ,a‘ als ,ä‘ ausgesprochen, was wiederum von der deutschen Sprache übernommen wurde und in Tattoo umgewandelt wurde. Interessanterweise hat die englische Sprache die deutsche Form rückübernommen und schliesslich das Wort Tattoo (tätu gesprochen) gebildet.11 Obwohl die Berichterstattung über die Seefahrten von James Cook das Begriffswort ,Tatau‘ für eine bestimmte Praktik ins europäische Bewusststein einführte, ist die Körperkunst an sich unter den Europäern bereits bekannt gewesen. Diese ist aber durch die interkulturellen Beziehungen zu Polynesien verstärkt zum Ausdruck gekommen, bzw. stimuliert worden.12

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb.4: Zeichnung des Oberschenkel Musters eines pe‘a

Als Tatauieren bezeichnet man eine Tätigkeit, bei der unlöschbare Pigmentspuren unter die Haut gestochen werden. Das Tatauierungsinstrument durchsticht die Haut und gibt Tinte frei, die von der Haut aufgenommen wird und auch dort bleibt. Von der Aussenseite her ist sie unzulänglich, aber sichtbar, als ob eine durchsichtige Schutzschicht über der Farbe liegen würde. Oftmals wurden Tatauierungen von den Europäern fälschlicherweise als Körperbekleidung interpretiert, da sie wie eine künstliche Haut über dem Körper ausgebreitet waren. Nichtsdestotrotz sahen auch die Polynesier ihre Tatauierungen als Schutz gegen aussen, als Bedeckung und als Körperschmuck an.13 Die linguistische Rekonstruktion von tatau verweist auf die Frühzeit der Ansiedlung der Polynesier im Südpazifik.14

4.2 Mythenerzählung über die Herkunft des Tätowierens

Die Samoaner verstehen die Herkunft ihrer Tätowierungstradition als eine von ihren Vorfahren an sie überreichte Gabe, deren Handhabung wenigen Auserwählten vorenthalten ist und nur über die genealogische Linie weitergegeben werden kann. Die Herkunftsgeschichte basiert auf einem Mythos, der seit Jahrhunderten erzählt wird.

„ Zwei Fitifrauen kamen auf ihrer Reise nach Samoa, und sie sangen ihren (ihrer beider) Gesang folgendermassen: T ä towiert die Weiber und lasst die M ä nner. Die Frauen kamen seew ä rts von Falealupo an. Eine der Frauen schaute hinunter (auf den Meeresboden) und sah daselbst eine Tridacna-Muschel. Darauf tauchten die Frauen nach derselben und brachten sie in ihr Boot. Darauf sagte die eine Frau: Wie ist nur unser Lied? Darauf erwiderte die andere Frau: Unser Lied heisst so: T ä towiert die M ä nner und lasst die Weiber. Darauf kamen die Frauen in Safotu an. Sie gingen nun dorthin, wo der H ä uptling Lavea schlief. Die Frauen riefen nun: Heda! wir haben ein Handwerk hier, das wir beide mitgebracht haben. Darauf gingen die Frauen weiter und gelangten nach Salelavalu, zu dem ali ‘ i Mafua. Aber auch er wollte von dem Handwerk der Frauen nichts wissen. Darauf gingen sie weiter nach Safata und kamen nach dem Haus des H ä uptlings Su ‘ a; aber er war gerade fort bei der Arbeit. Darauf ging die Tochter des H ä uptlings um zu bestellen, dass die Frauen gekommen seien. Darauf kam der H ä uptling herunter zu dem Strand zu den Frauen. Darauf sprachen die Frauen: Freund, wir haben ein Handwerk hier, das wir mitgebracht haben. Der H ä uptling antwortete: Danke. Darauf brachten sie Rindstoffe und Curcumagelb den Frauen. Die Frauen antworteten: Dies ist der Beh ä lter und darinnen alle die T ä towierh ä mmer. Diese H ä mmer hier sind unser Handwerkszeug. Sie brachten nun auch die Kokosschale und f ü llten sie mit Kawa, und die Frauen sagten: Wenn man Kawa verteilt, so erh ä ltst du zuerst den Becher. Wenn du nicht trinkst, so sind dies deine Worte: Die ‘ ava trinke (der aitu). Wenn du in einem grossen H ä uptlingskreise sitzest, so bekommst du doch zuerst den ipu (Kr ä mer 1902: S.102). “

Die Erzählung berichtet von einem siamesischen Zwillingspaar namens Taema und Tilifaiga, die auf einer ihrer Irrfahrten Fiji berührten und von dort die Tatauierkunst nach Samoa mitgebracht haben. Interessanterweise soll das Zwillingspaar zunächst gesagt haben, dass man die Frauen und nicht die Männer tatauieren soll, da es so der Brauch war auf Fiji, bis sie auf dem Meeresboden eine Riesenmuschel, eine Tridacna, fanden,15 nach deren Fleisch sie hungerten. Sie tauchten in den Ozean ein um sie zu holen und als sie wieder an die Oberfläche kamen, haben sie den genauen Wortlaut vergessen und sangen darum, dass man die Männer tatauieren soll und nicht die Frauen.16 In einer weiteren Interpretation steht, dass die Göttinnen die Kunst, Frauen zu tatauieren, während ihrer Fahrt über den Ozean von Meistern erlernt haben sollen.17 Die Göttinnen kamen zunächst in Falealupo an, dem westlichsten Punkt des samoanischen Archipels, dem Ort, der im Glauben der Samoaner als Platz für den Eintritt ins samoanische Paradies, pulotu, und in die Unterwelt, Salafe ‘ e, steht.18

Die Geschichte kann vielfältig gedeutet werden und wird im zeitgenössischen samoanischen Kontext variantenreich erzählt, so dass relativ unklar bleibt, welche Auslegung dem Wahrheitsanspruch am Gerechtesten wird. Insbesondere bei der Vergabe von Rechten wie der Erlaubnis zu Tätowieren erweist sich die richtige Auslegung der Geschichte als grundlegend. Unterschiedlich ausgelegt wird in erster Linie der Teil, in dem es um die Vergabe der Rechte seitens der Fidschianerinnen an einen Samoaner geht, wobei die Geschichte dann zugunsten der eigenen Abstammungslinie erzählt wird.

Beispielsweise ist in einer Version der Erzählung bereits in Falealupo die Rede von der Übergabe der Körperkunst von den Göttern an die Menschen. In der oben ausgeführten Version ist dies erst in Safata der Fall. Diese Variante wird von der Tulouena Linie nicht getragen. Die Familie besteht darauf, die richtige Variante sei diejenige, in der die fidschianisch Göttinnen bereits in Falealupo einen Matai gefunden haben, der ihre Kunst anerkannte, deren Linie sie abstammen.19 In der Sua Sulu‘ape Tradition sind Taema und Tilifaiga ein Geschwisterpaar der Familie Sulu‘ape, dessen Bruder beauftragt ist, die Mädchen zu beschützen. Als dieser ungeachtet im Wald mit einem Stock nach den Wurzeln der Kavapflanze sucht, verschwinden die Mädchen im Meer und schwimmen nach Fiji, wo sie bereits von einem Schreiner erwartet werden, der von Göttern die Instrumente überreicht bekommen hat, um sie dem siamesischen Geschwisterpaar auszuliefern. Diese schwimmen zurück nach Samoa, finden aber unterwegs diese Muschel, nach der sie tauchen und dabei, wie in der oben erwähnten Auslegung, den genauen Wortlaut ihrer Botschaft vergassen.20 Im weiteren Sinne wird auch darüber spekuliert, ob die Frauen (ob sie Göttinnen waren oder ein siamesisches Zwillingspaar aus Samoa) ihre Kenntnisse aus Fiji haben, und damit einen nicht indigenen Herkunftsort des samoanischen Tätowierens andeuten, einer immer wieder als ,typisch samoanisch‘ bezeichneten kulturellen Praktik, oder ob eventuell ursprünglich von Fiti-uta, auf der östlichsten Insel Manu‘as die Rede war.21 Unkenntnis existiert auch darüber, ob die Frauen geschwommen sind oder in einem Kanu unterwegs waren.22

In der samoanischen Tradition werden die Personen immer als Paar tätowiert, in Rückbezug auf die zwei Frauen, welche diese Kunst nach Samoa brachten.23

Weiter wird erwähnt, dass der erste tufuga, dem diese Gabe von den Göttinnen überreicht wurde, zunächst die Samoaner tatauierte und niemand Schmerzen bei der Tatauierung erleiden musste. Bis er diese göttliche Gabe missbraucht habe, um damit Frauen zu beeindrucken und für sich zu gewinnen. Von da an sind die Samoaner mit Schmerzen bestraft worden. Der tufuga hat danach Reue gezeigt und die Göttinnen um Gnade gebeten. Diese liessen die Schmerzen weiter zu, aber erlaubten dem tufuga, als Ersatzpartner einzustehen, falls eine Person keine zweite gefunden hat, die sich mit ihr zusammen tatauieren lassen wollte.24 Weiterführend ist über die Authentizität der Überlieferungstradition zu erwähnen: „ [..], dass n ä mlich diese Geschichten [..] nicht von einzelnen erfunden [worden sind], sondern Gemeingut des samoanischen Volkes sind. Denn sieht man ab von den Variationen, [..] so bleibt doch der Kern allenthalben in gleicher G ü te vorhanden (Kr ä mer 1903: S.3). “

Einblick in die ethnographischen Berichte über das Tatauieren um 1900

Die ethnographischen Aufzeichnungen der polynesischen Tatauierungstradition geschrieben von Dr. Augustin Krämer um 1900 gelten als die erste wichtige Quelle, die Zugang zu der samoanischen Tatauierungstradition in Form von Illustrationen und Text ermöglicht.25 In der traditionellen samoanischen Gesellschaft sind Männer in ihrer Pubertät erst durch bestimmte rituelle Praktiken heiratsfähig geworden. Im Alter zwischen 14 und 18 Jahren wurden sie als Zeichen ihrer Mannbarkeit beschnitten. Anschliessend liessen sie sich tatauieren, um die Tradition zu erfüllen und im Einverständnis der Samoaner eine Frau heiraten zu dürfen. Dieser Initiationsritus galt als Umbruchphase im Leben eines Mannes und wurde in einer aufwendigen Prozedur, die sich über Wochen hinzog, und bei der die gesamte Verwandschaft beteiligt war, vollzogen. Die Zeremonie führte den jungen Mann in ein zukünftiges Leben ein, in welchem er als Erwachsener Verantwortung innerhalb des sozialen Umfeldes wahrnehmen musste.26 Auch bei den Mädchen hat man im geschlechtsreifen Alter Tatauierungen vollzogen.27 Dem manaia, dem Häuptlingssohn, war es als Einzigem erlaubt, den Zeitpunkt für das Tatauieren selber festzulegen. Um zu vermeiden, dass seine Tatauierung durch den Wachstum verblasste oder sich verzerrte, wurde er meist erst im Erwachsenenalter tatauiert. Das Muster der samoanischen Tatauierung bezeichnete man häufig als eines der Schönsten und Formvollendetsten. In vielen polynesischen Gesellschaften ist der ganze Körper tatauiert, bei den Samoanern hingegen reichen die Muster bei dem Mann häufig von der Hüfte bis zu den Knien und lassen den Anschein erwecken, dass man Kleider trägt. Den samoanischen Frauen sind die Kniekehlen tatauiert worden, da diese unter dem Bastrock zu sehen sind und Sinnbild ihrer erotischen Ausstrahlung und Attraktivität darstellen. Die Tatauierung wird als malu ( beschützen) bezeichnet, um zu verdeutlichen, dass die Nacktheit ihrer Kniekehlen beschützt wird. Frauen haben auch oft die Rückenflächen der Hände tatauiert. Sie treten besonders in Sitztänzen zur Geltung wenn sie diese dem Beobachter hinstrecken. Die Tatauierung „ [..] gew ä hrt neben dem Hauptzweck des Schmuckes vornehmlich auch den, die Nacktheit, die Bl ö sse der schamhaften K ö rperstellen soviel als m ö glich zu verdecken (Kr ä mer, 1903: s. 65). “ Der Tatauierung wird keine religiöse Bedeutung zugeordnet.28

5.1 Ethnographische Beschreibung einer samoanischen Tätowierungszeremonie

Durchgeführt wurde eine traditionelle Tatauierung von einem Ältesten bzw. einen Tatauiermeister, der Tufuga Tatatau genannt wird (siehe Abb.3: S.6). Das Kunsthandwerk wurde innerhalb der eigenen Familie häufig vererbt. Aufgrund ihrer Kunst genossen Tatatauiermeister eine besondere Anerkennung in der Gesellschaft, diesbezüglich nannte man sie auch agaiotupu,Werkleute des Königs‘. Der Matai bzw. Meister, auch tufuga oder auti o tufuga genannt, wurde bei seiner Arbeit durch Gehilfen, ‘ autufuga, unterstützt. Die Gehilfen mischten die Farbe (siehe auch Abb.5), sie wischten das Blut ab, tauchten Instrumente ein und tupften sie ab. Sie reinigten die Tatauierhämmer oder schärften diese und sie spannen die Haut. Als

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb.5: Tatauierungskamm in der Haut

Lehrlinge lernten sie von ihrem Meister hauptsächlich die Kunst des Tatauierens. Beim Vorgang waren auch Frauen anwesend, die die Jünglinge unterstützen sollten und ihnen Mut zusprachen. Sie hielten den Leib des zu Tatauierenden, damit sich seine Muskeln lockerten und sich die Bemalung nicht verziehen konnte.

[...]


1 Kaeppler, 2008: s.114

2 ebd.: s.111

3 ebd.: s.114

4 Mallon, 2005: S.147

5 Kaeppler, 2008: s. 114 ff

6 Gell, 2004: s. 42

7 Mallon, 2005: s. 145

8 Mallon, 2005: s.145

9 Thomas, 2005: s.7

10 Krämer,1903; s. 65

11 Krämer, 1903: s. 64

12 Thomas, 2005: S.7

13 Gell, 2004: s.42 ff

14 Mallon, 2005: s.148

15 Krämer, 1903: S.64 ff

16 Mesenhöller, 2006: s.1

17 ebd.

18 Va‘a, 2006: s.308

19 Va‘a, 2006: s. 309

20 Vgl. Gespräch vom 11.Mai 2011 mit Sulu‘ape, Tomasi

21 Mallon, 2005: S.148

22 ebd.: s.148

23 Vgl. Gespräch vom 11.Mai 2011 mit Sulu‘ape, Tomasi

24 Va‘a 2006: S.308

25 Mallon 2005: s.160

26 Krämer 1903: S.62

27 ebd.: s. 63

28 ebd.: s.66

Ende der Leseprobe aus 31 Seiten

Details

Titel
O le tatau - Tatauieren in Samoa
Hochschule
Universität Luzern  (Kultur- und Geisteswissenschaften)
Note
5.5
Autor
Jahr
2011
Seiten
31
Katalognummer
V179656
ISBN (eBook)
9783656021438
ISBN (Buch)
9783656021797
Dateigröße
24686 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
tatauieren
Arbeit zitieren
Fabienne Gsponer (Autor), 2011, O le tatau - Tatauieren in Samoa, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/179656

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