Stalinismus als gesellschaftliches Phänomen zwischen den Zeilen


Hausarbeit (Hauptseminar), 2008

37 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

I. Einleitung

II. Die Logik des Terrors

III. Der Machtkampf um Lenins Erbe und die Gesellschaft verändert sich
a) Der Neue Mensch und die Sowjetkultur
b) Von der Nachfolge Lenins Tod bis zum Parteitag der Sieger

IV. Der Massenterror
a) Der ,Parteitag der Sieger', Kirows Ermordung und der Erste Schauprozess
b) Massenterror und weitere Schauprozesse

V. Schlussbetrachtung

VI. Literaturverzeichnis

I. Einleitung

Mitte der 1930er Jahre, in einem der berühmtesten Theaterbauten der Welt lauscht das Publikum den gefühlvollen Klängen des Schwanensees von Tschaikowski. Fast immer ist auch der erste Mann des Staates - Josef Stalin - unter den Zuschauern im Bolschoi-Theater dabei, bevor er sich im Anschluss an die Vorstellung wieder an die Arbeit macht. Denn er arbeitet vor allem nachts. In jenen Jahren finden sich immer wieder Todesurteile auf seinem Schreibtisch, die zu unterzeichnen sind, Todesurteile gegen Mitstreiter der Revolution von 1917, Todesurteile gegen prominente Wissenschaftler und Künstler, Todesurteile gegen führende Militärs, Todesurteile gegen einstige Freunde und Anweisungen für Todesurteile gegenüber zigtausenden von Sowjetbürgern. Diese Periode in der Geschichte der Sowjetunion ist auch einschlägig bekannt als sogenannter ,Großer Terror'. Mehrere Millionen Menschen werden im Verlauf dessen als ,Schädlinge', ,Saboteure' und ,Spione' erschossen oder in Straflager verbannt. Ein riesiger Lagerkomplex entsteht, der Archipel GULag. Zwangsarbeiter schuften sich unter widrigen Bedingungen in Bergwerken, beim Straßen- und Schienenbau oder bei wahnwitzigen Projekten[1] zu Tode. Auch die Arbeiter werden in das strenge System mit eingegliedert: für mangelnde Arbeitsleistungen, das Fehlen oder Zuspätkommen zum Arbeitsplatz und für geringere Vergehen werden teils drakonische Strafen eingeführt.

Assoziationen werden wach, die bei einer Untersuchung des Themas des ,Großen Terrors' große Fragen aufwerfen und nur schwer beantwortet werden können, obwohl es eine umfangreiche Literatur über die ,Säuberungen', die ,Moskauer Prozesse' und das Lagersystem gibt.

In der älteren Geschichtsschreibung über die Sowjetunion ,ruht' der Terror vor allem auf Stalins Paranoia[2] und dem Kalkül, seine persönliche Macht auszuweiten und Konkurrenten ausschalten zu können.[3] Aber nur Stalin als alleinige Ursache zu betrachten, ist grundlegend falsch. Vielmehr muss fokussiert werden, wo der Stalinismus zu verorten ist. Weshalb entstand auf der Basis der Oktoberrevolution jenes monströse Phänomen des Stalinismus, welches die Idee des Sozialismus in den Augen von Millionen Menschen weltweit zerstörte? Wie sahen die Bedingungen aus, die den Rahmen für jenes Verhältnis vorgegeben haben?

Im ersten Kapitel versucht die vorliegende Arbeit der ,Logik des Terrors' nachzugehen. Anschließend wird die Entwicklung von den frühen 1920er Jahren bis in die Mitte der 1930er Jahre aufgezeigt, in der sich Stalin in einem Machtkampf gegen seine Widersacher und Konkurrenten durchzusetzen und schließlich ganz zu ,entledigen' vermag. Darüber hinaus wird eine Annäherung an das Thema über die Alltagsgeschichte unternommen. Wie werden die Ereignisse an der Spitze der neuen Gesellschaft und innerhalb der Bevölkerung, an der Basis, verarbeitet und weiter, welche Notizen und Aufzeichnungen finden sich in den Tagebüchern über den Terror im Alltag? Trotz eines Verbotes von Tagebüchern und persönlicher Notizen, konnten nach der Öffnung der sowjetischen Archive in Recherchen etwa zweihundert Tagebücher zusammengetragen werden. Als unmittelbare

Momentaufnahmen sollen diese Einträge einen privaten Blick auf die Ereignisse jener Periode der Geschichte der Sowjetunion ermöglichen.[4] Mit der Arbeit soll ein Einblick vermittelt werden, in den Alltag der gravierenden Veränderungen der 1920er Jahre und den Alltag des permanenten Terrors der 1930er Jahre, in ein von der Außenwelt abgeschnittenes und nach innen gleichgeschaltetes Leben innerhalb dieses riesigen Sowjetreiches. Vorliegende Arbeit fußt auf den Grundlagen der sogenannten „Dritten

Transformationsphase", wie sie im Rahmen des Hauptseminars im Wintersemester 2007/08 an der TU-Dresden untersucht wurden.[5] In den Mittelpunkt der Betrachtung soll die neue stalinistische Gesellschaft gerückt werden. Inwieweit war ein solcher - der ,Große Terror' möglich?[6] Wurzelt die Stabilität des Regimes nicht ausschließlich im Terror von oben, sondern auch in der Unterstützung von Seiten breiter Bevölkerungsgruppen - besonders jener Bevölkerungsgruppen, die dem stalinistischen System ihre Existenz verdanken? So wird sowohl aufgezeigt, welche Veränderungen und Kontinuitäten sich einerseits mit der Nachfolge Lenins an der Staatsspitze vollzogen haben, aber auch das Funktionieren der Gesellschaft - des Menschen, andererseits.

II. Die Logik des Terrors

In der älteren Geschichtswissenschaft unterschied man nicht zwischen dem Bolschewismus und dem Stalinismus, so wie zum Beispiel Cohen beschreibt, dass sie in ihren politischen und ideologischen Wesen ein und dasselbe sind.[7] Oft wurden demnach Gewaltketten von ,Henkern' dargestellt: zunächst Lenin, Trotzki, Swerdlow und Dserschinski als die Vorgänger von Stalin, Jagoda, Jeschow, Wyschinski und Berija, um anschließend die Henker, die zu Opfern wurden, erneut zu nennen. Demnach hätten die Bolschewiki der Oktoberrevolution und des Bürgerkrieges ihr eigenes Schicksal unausweichlich selbst vorbereitet?[8] Die Frage nach der konkreten Gewalt, macht dann auch, so Plaggenborg, die Frage nach einem Terror ,von oben' oder ,von unten' müßig.[9]

Die Ursachen der Gewalt werden oftmals in der psychopathischen Persönlichkeit Stalins gesucht, was in Anbetracht der Irrationalität des Terrors auch durchaus sinnvoll erscheinen mag, dennoch lässt sich allein auf dieser Grundlage nicht ein solches menschenverachtendes System erklären. Erst Mitte der achtziger Jahre rückte die Alltagsgeschichte in den Mittelpunkt der Stalin-Forschung. Anhand derer wurde versucht, „der sozialen Dynamik und den Trägerschichten des stalinistischen Systems auf die Spur zu kommen."[10]

Die Öffnung der sowjetischen Archive zu Beginn der neunziger Jahre ermöglichte es den Historikern sich eine bessere Vorstellung vom Leben im inneren Kreis der Macht zu verschaffen.[11] So zeichnet Baberowski einen Weg auf, der in seinem ,Roten Terror' in der von Gewalt dominierten russischen Gesellschaft und in der kommunistischen Revolution zu Beginn des 20. Jahrhunderts vorgezeichnet war - und demnach Stalin und seine Helfer sich als kulturell rechtmäßig handelnde Exekutoren empfinden mussten. Leider lässt er bei dem kulturhistorischen Ansatz seiner Studie den ,Nerv der Zeit' außen vor und sich somit in seinen Schlussfolgerungen teilweise auf eine scheinbar ideologisch geprägte Ebene zurückfallen. Denn, und dies ist evident, lebte der ,Neue Mensch' nicht nur in der Vorstellung der Bolschewiki und später auch der Stalinisten. Der neue Mensch und mit ihm die neue Gesellschaft war Ausdruck am Schnittpunkt zwischen der bekannten großbürgerlichen Gesellschaft und der verstärkt auftretenden modernen

Massengesellschaft. Die Verwerfungen des Individuums - welches sich mehr und mehr in seiner Zerrissenheit zwischen dem ,Wir' und dem ,Ich' hin zu einem Dividuum entwickelte - in der sich verändernden Gesellschaft und die damit verbundenen Prozesse, sind die großen Themen des frühen 20. Jahrhunderts. Doch während im deutschen Kulturkreis die Ideen von einem ,neuen Übermenschen' vorwiegend am rechten politischen Rand auftauchten, war in Russland diese Strömung eher dem linken Pathos zuzurechnen. Deutlich wird dieser Umstand schon allein zwischen den bürgerlichen' Menschewiki und den radikal nach ,vorne' drängenden Bolschewiki.[12]

Eine völlig neu zu errichtende, auf der Arbeiterklasse ruhende, Gesellschaft war das übergeordnete Ziel der Bolschewiki. In Gesprächen mit dem Nobelpreisträger Iwan Pawlow (1849-1936), dem Entdecker des unbedingten Reflexes, soll sich Lenin über die Möglichkeiten informiert haben, wie das Verhalten der ,Masse' gezielt koordiniert werden könne. Eine Disziplinierung und Zurichtung des Menschen lag nach Ansicht des Psychologen Pawlow in der Hand des Menschen selbst.[13] Auch die spätere stalinistische Kulturrevolution war demnach der Versuch, einen völlig neuen Menschen zu schaffen. Man verschrieb sich ganz und gar der neuen Ordnung durch Selbstdisziplinierung.[14] Im Mittelpunkt der neuen Gesellschaft stand der Proletarier, zudem derjenige wird, der die Last der Vergangenheit von sich wirft und bereit ist, in das Stadium des Selbstbewusstseins einzutreten.[15]

Martyn Latsis (1888-1938), Stellvertreter der Tscheka, erklärte in der Zeitschrift ,Der Rote Terror':

„Wir führen nicht Krieg gegen einzelne. Wir vernichten die Bourgeoisie als Klasse. Während
der Untersuchung suchen wir nicht nach Beweisen, dass der Beschuldigte in Worten und
Taten gegen die Sowjetmacht gehandelt hat. Die ersten Fragen, die gestellt werden müssen,
lauten: Zu welcher Klasse gehört er? Was ist seine Herkunft? Was ist seine Bildung und sein
Beruf? Und es sind diese Fragen, die das Schicksal des Beschuldigten bestimmen sollten.
Darin liegen die Bedeutung und das Wesen des roten Terrors."[16]

Aussagen wie diese zeigen mehr als deutlich auf, warum man den Gang der ,Gewalt- Geschichte' der Sowjetunion nur allzu oft als selbstverständlich darstellt. Doch gibt sie auch keine Antwort auf das ,warum' oder auf ein ,warum in diesem Ausmaß des Terrors' gegenüber der gesamten Bevölkerung! Welche Motive hatte die sowjetische Parteiführung, Millionen von Menschen zu vertreiben, in Gulags zu deportieren oder in Arbeitslager einzusperren?

Die Forschungen zu einem weiteren großen Gewaltregime des 20. Jahrhunderts, dem Nationalsozialismus, haben gezeigt, dass ,oben' und ,unten' immer aufeinander angewiesen sind. Ohne Anstachelung oder zumindest ohne eine Legitimierung von oben kann eine Gewalt unten nicht solche Ausmaße annehmen. Und ohne die grundsätzliche Bereitschaft von ,unten' Gewalt auszuüben, können die Impulse von ,oben' keine Wirkung zeigen. Stalin radikalisierte diese Auseinandersetzung. Aber der Ursprung der Gewalt war er nicht.[17]

Ziel war es, die Apparate vollständig und unbedingt einer, und zwar seiner Person zu unterstellen. Dabei war es weniger relevant, wer verfolgt und eingesperrt oder erschossen wurde, sondern vielmehr, dass es jederzeit jeden treffen konnte. Es sollte ein spezifisches, von permanenter Angst, geprägtes Klima geschaffen werden, das auch dem kleinsten, vom Zentrum am weitesten entfernten Funktionär, die Allmacht Moskaus vor Augen führte. Dass dabei auch gezielt unliebsame Führungsfiguren ausgeschaltet wurden, dürfte im Angesicht der Moskauer Schauprozesse deutlich sein.

Das Hauptaugenmerk lag allerdings auf der Verbreitung von Angst und Schrecken in der
Breite des Apparates. Doch dabei sollte es nicht bleiben. Bis über die Ära Stalin hinaus gab es Vertreibungen und Terror im Gebiet der Sowjetunion, die auch in den folgenden Jahrzehnten auf weitere Staaten und Regionen ausgriff.[18]

III. Der Machtkampf um Lenins Erbe und die Gesellschaft verändert sich

a) Der Neue Mensch und die Sowjetkultur

Die Geschichte, die nach Marx eine Geschichte von gesellschaftlichen Widersprüchen und Klassenkämpfen darstellt, sollte in der klassenlosen Gesellschaft des Kommunismus münden. Da die große Weltrevolution Anfang der 1920er Jahre jedoch ausblieb, gestaltete sich auch der ,Gang ins Paradies' vor allem unter der Führung des Proletariats etwas schwieriger.

Auch weit nach 1917 blieb der ,Neue Mensch' eine utopische Vorstellung. Der Ansicht Lenins entsprechend, hatte man die Sklavenmoral noch nicht überwunden. Weit verbreitet, auch über die Partei hinaus, waren utopische und chiliastische Vorstellungen beziehungsweise Hoffnungen auf eine neue Gesellschaft. Alexander Blok (1880-1921), als wichtiger Vertreter des russischen Symbolismus, wurde berühmt wegen seines 1918 verfassten Poems ,Die Skythen' - eine Hymne auf das Neue Russland. Wladimir Majakowski (1893-1930)[19] wendete sich als führender Vertreter des russischen Futurismus gegen die ,Alte Kunst' und klassische Traditionen. Auch war er ein wichtiger Aktivist und Agitator im Sinne der Revolution, vor allem bei seinen vielen Auslandsreisen. Viele weitere Vertreter müssten genannt werden, hier nur die wichtigsten Vertreter der radikalen Intelligenz: Welimir Chlebnikow (1885-1922), Alexei Krutschonych (1886-1968) und David Burljuk (1882-1967). Allgemein waren die 1920er Jahre eine Zeit utopischer Denkentwürfe.

Als ein wichtiges Indiz für das System und dessen Anerkennung innerhalb der Gesellschaft, kann die Gründung des ,Proletarskaja Kultura'[20] gesehen werden. Mit ihren rund 700.000 Mitgliedern hatte sie nicht nur deutlich mehr Anhänger als beispielsweise die Partei selbst, sondern war gleichzeitig die größte Organisation im Land.[21] Auch war man zu Beginn der 1920er Jahre der materialistischen Auffassung, dass die Gesellschaft ausschließlich von der Umwelt geformt wird. Der neue Mensch könne also erst im Zuge der industriellen Erneuerung geschaffen werden. Der stalinistische Mensch hingegen, sollte sich jedoch nicht länger der Umwelt unterwerfen. Er gestaltete die Umwelt und erneuerte sich dadurch selbst ebenfalls neu: der Aufbau einer neuen Gesellschaft konnte nur stattfinden, bei einer gleichzeitigen Transformation eines jeden Menschen.

So zog auch eine Sowjetunion en miniature in den Wohnbereich. Überall in den Städten entstanden zu Beginn der 1920er Jahre Kommunalwohnungen: Fremde mussten miteinander wohnen und sich Küche, Bad etc. teilen.[22] Außerdem kam jene neue Form des Zusammenlebens sehr dem stalinistischen Denunzierungsmoment entgegen. In jedem Haus entstand die Position des Vorsitzenden des Hauskomitees. Überwachung und Zuteilung des Wohnraumes waren streng geregelt und eine gegenseitige Bespitzelung an der Tagesordnung. Illegale Aufenthalte in der Stadt waren demzufolge so gut wie nicht mehr möglich.

Die Ingenieure und Funktionäre aus ,einfachen' Verhältnissen sollten das Fundament für die Entwicklung des ,Neuen Systems' bilden und damit auch die Entfaltungsmöglichkeiten des Neuen Menschen. Die neuen Aufsteiger arrangierten sich also mit dem System und bildeten die wichtigsten Grundbausteine zum Funktionieren, den weiteren Aufbau und den Erhalt des Staates. Hier sei auf Stephen Kotkin verwiesen, der in seiner, in den 1990er Jahren erschienen, Untersuchung den Stalinismus als Lebensform, als ein gewaltiges Projekt zur Schaffung einer neuen Lebenswelt beziehungsweise des Neuen Menschen begreift.[23]

Wie sehr allein Lenin angebetet und immer wieder götzenhaft auf ihn verwiesen wurde, zeigt ein Ausspruch Majakowskis nach dessen Tod: „Wir sagen Lenin und meinen die Partei.

Wir sagen die Partei und meinen Lenin.“[24] Der Kult am alten Führer wurde auch zur Grundlage des neuen - Josef Stalin.

Darüberhinaus war vor allem die Schaffung einer sowjetischen Identität unabdingbar. Charakteristisch wurde das Präfix ,-um', welches an Permanenz in Zeitungen und Propaganda gewann: Abschnitte ohne einen ,Umbau', ein ,Umschmieden', eine ,Umerziehung' oder ein ,Umkrempeln' waren kaum noch zu finden.

Besaß die Partei im Jahre 1919 gerade einmal 313.000 Mitglieder, erreichte sie fünfzehn Jahre später einen Stand mit rund 1.874.000 Mitgliedern.[25] Auch in der sozialen Zusammensetzung sind große Unterschiede zu verzeichnen: 1922 gehörten 44% der Arbeiterklasse an, 27% der Bauernschaft und 29% waren aus weiteren Schichten vertreten - bis 1932 verschob sich die Verteilung aufgrund von Massenbeitritte und angepasster Lebensläufe auf 65% zu 27% und 8%.[26]

Im universitären Bereich kam es zur Neugründung der ,Roten Akademie'. Hier wurde beispielsweise die Geschichtswissenschaft von der sogenannten Pokrowski-Schule dominiert.[27] Die russische Geschichte wurde als ein mechanisches Produkt der Entwicklung der Produktionsmittel und des Klassenkampfes gedeutet. Schon vor der Revolution gehörte Michail Pokrowski (1868-1932) zur sogenannten linken Fraktion, welche im Konflikt mit Lenin stand. Doch in seiner 1920 veröffentlichten ,Kleinen Geschichte Rußlands', schrieb Lenin das Vorwort, worin er seine große Anerkennung für jenes Werk zum Ausdruck brachte. In der Philosophie führte Abram Deborin (1881-1963) das Wort. Im Gegensatz zu dem Mechanisten sah der die Philosophie als Universalwissenschaft ganz in der Tradition von Engels oder Plechanow. Berühmt wurden die Kontroversen über den dialektischen und mechanistischen Materialismus, welche er mit Nikolaj Bucharin (1888-1938) führte.[28]

Im Jahr 1929 wurde die ,Russische Assoziation Proletarischer Schriftsteller' (RAPP) unter der Führung des Literaturkritikers Leopold Auerbach (1903-1939) gegründet. Seine Doktrin: die Literatur müsse von Proletariern, zumindest aber von Marxisten dominiert werden.[29]

Die Partei verzeichnete zwischen 1929 und 1933 abermals einen massiven Zuwachs. Die Zahl der Parteimitglieder wuchs in diesem Zeitraum von 1,5 auf 3,5 Millionen an.[30] Gleichzeitig verwandelte sich das eigentlich strenge Selektionsverfahren des Eintritts zum bloßen politischen Tauschhandel. Parteimitgliedschaften wurden nicht unter ideologischen Gesichtspunkten, sondern unter Aspekten von Gewinn und Verlust, persönlichen Beziehungen und individuellen Interessen der lokalen Parteiapparate vergeben.[31] So kommt es, dass ein Großteil der zwei Millionen neuen Mitglieder der beginnenden 1930er Jahre nichts mit dem Ideal des Berufsrevolutionärs' gemein hat. Ihnen ging es nicht um den Kommunismus, sondern vielmehr um die Privilegien und den Schutz, den eine Mitgliedschaft in dieser Zeit mit sich brachte.

In den Großstädten, vor allem aber in Moskau, kam es Ende der 1920er Jahre zu einem enormen Bevölkerungsanstieg: Allein zwischen 1929 und 1932 stieg die Einwohnerzahl sprunghaft von 2,2 Millionen auf 3,7 Millionen an. Durchschnittlich standen im Jahr 1931 gerade einmal 4,9m2 Wohnraum für jede Person in Moskau zur Verfügung. Anfang des Jahres 1933 wurden schließlich städtische Pässe eingeführt, mit einer Bindung an Wohnung und Arbeitsplatz.

Zu gleichen Zeit wird auch die Kultur ,auf Linie' gebracht. Die Zeitschrift ,Proletarskaja Revoljucija' (Proletarische Revolution) hatte auf bestimmte Fehler Lenins während der Zweiten Internationale hingewiesen. Stalin antwortete darauf hin, dass Lenin und die Partei niemals Fehler gemacht haben; darüber hinaus, dass er bei der Oktoberrevolution Lenins engster Mitarbeiter und er selbst den sozialistischen Aufbau als sein Nachfolger vollenden werde. Daraus ergab sich, dass der Trotzkismus und andere politische ,Abweichungen' keine Parteigeschichte sind.[32] Alsbald, nach dem Tod von Pokrowski, wurden auch dessen Werke verboten, da er einen konsequent marxistischen Ansatz verfolgte und damit im Widerspruch zu Stalins Herrschaftsausübung stand. Auch erschien das vorrevolutionäre Russland heldenlos und herabgesetzt, also demoralisierend für die Bürger des neuen Staates. Die erste sozialistische Gesellschaft der Welt sollte ihren Ursprung in einem ruhmreichen Russland haben! Zwar war dies ein deutlicher Widerspruch in sich selbst, dennoch wurden einstige Herrscher Russlands als Vorbilder herangezogen, wie zum Beispiel Peter I. (1672-1725) oder Iwan IV. (1530-1584), und zu Helden stilisiert.

Auch die RAPP wird 1932 aufgelöst und der neue staatliche Schriftstellerverband (Sojuz pisatelej)[33] geschaffen, unter dem Chefideologen Andrei Schdanow (1896-1948). [34] Von nun an gab es nur noch eine literarische Strömung - den Sozialistischen Realismus. Auch in der 1936 gegründeten Union der Filmschaffenden und dem Verband der Komponisten und jenem der Bildenden Künste galt diese Doktrin. Wer sich verweigerte riskierte Sanktionen und Lagerhaft, wie zum Beispiel Ossip Mandelstam (1891-1938) oder Isaak Babel (1894-1940). Waren in den 1920er Jahren noch Avantgardisten präsent, wurde ein Jahrzehnt später der Sozialistische Realismus obligatorisch.[35] Bei den Naturwissenschaften war jene kulturelle Gleichsetzung weitaus schwieriger, sodass diese weitgehend autonom blieben, doch wurde beispielsweise Einsteins Relativitätstheorie als ,Idealismus in der Physik' verurteilt. Nach 1938 war nahezu jeder Lebensbereich von der Wirtschaft bis zur Kultur in die Politik integriert.

b) Von der Nachfolge Lenins Tod bis zum Parteitag der Sieger

Aus marxistischer Sicht war Russland zutiefst rückständig, denn 80% der Bevölkerung lebten 1918 als Bauern auf dem Lande. Die kommunistische Partei erhob demgemäß den Anspruch das proletarische Bewusstsein zu verkörpern.

Im Sinne der ,Einen Partei' wurde 1921 der Beschluss gefasst, innerhalb der Partei jede Fraktionsbildung zu verbieten. Zum Prinzip des demokratischen Zentralismus wurde also hinzugefügt, dass Selbstorganisationen gegenüber höheren Stellen nicht mehr agieren konnten beziehungsweise von vornherein unterbunden wurden.[36]

Dennoch war klar, dass es zu politischen Verbindungen' kam. 1923 schlossen sich Grigori Sinowjew (1883-1936) und Lew Kamenew (1883-1936) zusammen, um gegen den wohl einflussreichsten Politiker nach Lenin agieren zu können, Leo Trotzki (1879-1940). Als Lenin im Jahre 1924 starb, brach der Machtkampf offen aus. Trotzki versäumte es nicht nur zur Beerdigung Lenins zu erscheinen, vielmehr war er sich seiner Nachfolge so sicher, dass er ein Hervorheben seiner Persönlichkeit als legitimer Erbe gar nicht in Betracht zog. Diesen Part übernahm der bis dahin in der Öffentlichkeit noch relativ unbekannte Josef Stalin (1878-1953), der sich auch alsbald offen auf die Seite von Sinowjew und Kamenew stellte. [37]

1926 entschied sich die Partei auf der XV. Parteikonferenz mit großer Mehrheit dafür, „in minimaler historischer Frist das Niveau der industriellen Entwicklung der führenden kapitalistischen Länder zu erreichen, und danach zu überholen". Der Einspruch der Parteilinken, dass eine solch kurze Frist nur zu Lasten der Bauern durchgesetzt werden könne, wurde mit fehlendem Glauben an das Proletariat abgewiesen. [38] In der Auseinandersetzung innerhalb der politischen Führung, inwiefern die klassenlose Gesellschaft erreicht werden kann, setzte sich die Gruppe um Stalin durch. Dieser plädierte für einen ,Aufbau des Sozialismus in einem Lande', im Gegensatz Trotzki, welcher weiterhin der Vorstellung einer weltweiten Revolution nachhing, im Sinne der ,Theorie der permanenten Revolution'.[39] Auf einem Plenum distanzierte sich Stalin offiziell von Sinowjew und Kamenew sowie deren Forderung, Trotzki aus dem Politbüro und der Partei auszuschließen, aber sein Amt als Kriegskommissar entzog er ihm dennoch. Sinowjew, Kamenew und Trotzki verbündeten sich nun gezwungenermaßen, wurden aber nacheinander aus dem Politbüro und der Partei ausgeschlossen. Sinowjew wurde unter Reuebezeugungen wieder aufgenommen, kurz darauf erneut ausgeschlossen und nach Sibirien verbannt. Trotzki wurde schließlich nach Kasachstan verbannt und 1929 ganz aus der Sowjetunion ausgewiesen. Kamenew wurde bereits 1928 wieder in die Partei aufgenommen. Sein einstiger Miststreiter durfte erst 1933 unter öffentlich bekennender Abkehr jeglicher Oppositionsbestrebung in die Partei zurückkehren. Diesen Moment der öffentlichen Reue, Selbsterniedrigung und des Eingeständnisses der eigenen Fehlleistungen nutzte Stalin in den kommenden Jahren geschickt aus, um seine Macht gänzlich zu festigen

Auch seitens der Geheimpolizei erfuhr er mehr und mehr Unterstützung. Half ihm zunächst Felix Dserschinski (1877-1926) als Chef der Tscheka und Volkskommissar für Innere Angelegenheiten nur zögerlich bei seinen Konflikten gegen Trotzki, Kamenjew und Sinowjew - Dserschinski war nicht bereit die GPU bei innerparteilichen Ausnahmesituationen einzusetzen - änderte sich dies nach dessen plötzlichen Tod im Jahre 1926. Denn fortan leiteten nur noch stalintreue Personen den Sicherheitsdienst.[40]

1927 begann die sogenannte Kulturrevolution. Geistliche wurden als ,sozial fremde Elemente' stigmatisiert, in Listen eingetragen und für vogelfrei erklärt. Vermutlich bis zu 80.000 Geistliche aller Konfessionen kamen so ums Leben.[41] Die Diskriminierung richtete sich nicht nur gegen Geistliche als ,sozial fremde Elemente', sondern auch gegen alle ,Ehemaligen' (Gutsbesitzer, Offiziere, Gendarmen, Popen, wohlhabende Bauern alias Kulaken etc.): das Wahlrecht, das Recht auf eine Wohnung, auf eine medizinische Grundversorgung und das Recht auf Lebensmittelkarten wurden entzogen. Eine weitere Verschärfung folgte für circa vier Prozent der gesamten sowjetischen Bevölkerung, die von diesen Brandmarkungen betroffen waren, im Jahr 1934 durch die Einführung des neuen

Passgesetzes, welches einen Aufenthalt der ,deklassierten Elemente' illegal machte.[42] Die Hauptaktionen richteten sich jedoch gegen die Kulaken, und dies bereits vor der Verkündung der Kollektivierung. Viele Bauern, und keineswegs nur Kulaken, begannen ihr Vieh zu schlachten, das Land unbestellt zu lassen und sich auf die Subsistenzproduktion zu beschränken. Der folgende dramatische Einbruch in der Agrarproduktion zog unmittelbare Strafmaßnahmen nach sich und zielte auf die Liquidierung der Kulakenbetriebe ab.

Nikolai Bucharin, ein Gegner jener Methode, war der nächste prominente Abweichler. Er lehnte eine erzwungene Kollektivierung ab und erhielt Unterstützung von dem Ministerpräsidenten Alexei Rykow (1881-1938) und dem Gewerkschaftsführer Michail Tomski (1880-1936). Gehörten seine Vorgänger als Oppositionelle dem linken Flügel der Partei an, war in Bucharin und seinen Unterstützern die ideale Personifizierung des ,Rechtsabweichlertums' gefunden. Als solche deklariert, behielten sie zwar ihre Sitze im ZK, wurden aber aus dessen Machtbereich gebannt.[43]

Die Terminologie des historischen Materialismus deckte 1928 nur noch mühsam die Verschwörungstheorien ab. Im Sommer 1928 wurden sogenannte ,spezy' (Spezialisten) in einem Schauprozess, als Feinde und Saboteure, vorgeführt und verurteilt.[44] Circa fünfzig Ingenieuren aus dem ukrainischen Kohlebecken bei Schachty wurde öffentlich der Prozess gemacht, welcher auch deswegen als ,Schachtyprozess' bezeichnet wird. Alle Angeklagten bekannten sich schuldig der Sabotage im Dienst des internationalen Kapitals - fünf wurden hingerichtet.[45] Es war der Beginn einer wahren Hexenjagd, um die letzten Reste der bürgerlichen Intelligenz durch das neue sowjetische Pendant zu ersetzen - eine Jagd die ihr Ende erst in den Moskauer Prozessen und den Großen Säuberungen Mitte der 1930er finden sollte.

Zu Beginn des Jahres 1929 stand die Partei vor dem Dilemma, dass der reale Verlauf nicht den prophezeiten Gesetzmäßigkeiten entsprach, jedoch sich selbst verpflichtet war, jenen Gesetzmäßigkeiten folgen zu müssen. Es schien die Zeit gekommen, gestaltend in den Lauf der Geschichte einzugreifen und den Aufbau des Sozialismus zu erzwingen. Somit wurde rückwirkend zum 1. Oktober 1928 der erste Fünfjahresplan verkündet.[46]

Der ,Große Sprung nach vorn' wurde als Kampf an zwei Fronten verstanden: der Landwirtschaft und der Industrie, später kam die Kulturfront hinzu, die sich vor allem gegen den Analphabetismus richtete. Auch die Feinde an den Fronten waren klar: die einstigen NEP-Leute, die ,Spekulanten' und bürgerlichen Spezialisten sowie alle ,Schädlinge' und ,Saboteure'.[47] Die wirtschaftliche Konzentration fiel der Schwerindustrie zu: Hüttenindustrie für die Stahlgewinnung sowie die Automobil- beziehungsweise die LKW und Traktoren­Produktion. In der Prawda wurde am 31.10.1929 die „totale Kollektivierung" angekündigt.[48] Das Kulakentum als Klasse galt es zu liquidieren und die Dörfer sollten mit Gewalt dem Willen der Partei unterworfen werden. Als Kulak galten nicht nur die Großbauern, sondern jeder der sich der Kollektivierung widersetzte.[49] Die Kollektivierungskampagne wurde genau in jenem Moment entfesselt, als auch die letzte innerparteiliche Opposition zerschlagen war. Zum einen aus Machterhalt, aber sicherlich auch zum anderen aus Furcht vor einem Wiedererstarken der bürgerlichen und bäuerlichen Schichten.[50]

Acht Wochen nach Beginn der Offensive wurde verkündet, dass über die Hälfte der russischen Landwirtschaft kollektiviert sei. Abermals begannen die Bauern mit dem einzig möglichen Widerstand - der Selbstliquidierung ihres Besitzes. Mit einer kurzen Unterbrechung für die Frühjahrssaat sank die Quote bis zum Herbst 1930 auf 23 Prozent, bis schließlich die Kampagne erneut anlief; wieder griffen die Bauern zur Selbstliquidierung, sodass Russland rund die Hälfte seines Viehbestandes verlor.[51]

Am 4. Februar 1931 hielt Stalin auf der ersten Unionskonferenz der Funktionäre der sowjetischen Industrie folgende Rede:

„Nein, das Tempo der Industrialisierung verlangsamen kann man nicht, Genossen [...] Das Tempo verlangsamen, das bedeutet Zurückbleiben. Und Rückständige werden geschlagen. Wir aber wollen nicht die Geschlagenen sein. [...] Die Geschichte des Alten Russland bestand unter anderem darin, dass es wegen seiner Rückständigkeit fortwährend geschlagen wurde. Es wurde geschlagen von den mongolischen Khans. Es wurde geschlagen von den türkischen Begs. Es wurde geschlagen von den schwedischen Feudalen. Es wurde geschlagen von polnisch-litauischen Pans. Es wurde geschlagen von englisch-französischen Kapitalisten. Es wurde geschlagen von japanischen Baronen. Es wurde von allen geschlagen wegen seiner Rückständigkeit. Wegen seiner militärischen Rückständigkeit, seiner kulturellen Rückständigkeit, seiner staatlichen Rückständigkeit, seiner industriellen Rückständigkeit, seiner landwirtschaftlichen Rückständigkeit. Es wurde geschlagen, weil das einträglich war und ungestraft blieb. Erinnern Sie sich der Worte des vorrevolutionären Dichters Nekrasov: ,Du bist armselig und reich, mächtig und ohnmächtig zugleich, Mütterchen Russland.'[...] Darum sagte Lenin am Vorabend des Oktober: Entweder Tod oder die fortgeschrittenen kapitalistischen Länder einholen und überholen.' Wir sind den fortgeschrittenen Ländern um 50 bis 100 Jahre zurückgeblieben. Wir müssen diese Distanz in zehn Jahren durchlaufen. Entweder bringen wir das zuwege, oder wir werden zermalmt. "[52]

Die Folgen können nur als katastrophal bezeichnet werden. Etwa zwei Millionen Menschen wurden bis 1934 in Arbeitslager gesteckt, circa fünf bis sieben Millionen starben während der Hungerskatastrophe vor allem in den Jahren 1932/33[53]. Bis zum Jahr 1936 waren 90% der Bauernwirtschaften in 240.000 Kolchosen organisiert.[54]

Aus dem Tagebucheintrag von Leonid Potjomkin ist (allerdings rückblickend) [55] zu entnehmen:

„Ursprung meines inneren Lebens war die kindliche Erfahrung von Not. Jedes Frühjahr ging uns das Brot aus. Wir sammelten die letzten Mäusekrümel in den Schränken zusammen. Im Hungerjahr aßen wir Melde, Krähen und einen bläulichen Lehm."[56]

Erst 1933, nach einem erfolgreichen Ernteabschluss als auch das Anlaufen der Produktion in der künstlich geschaffenen Industriestadt Magnitogorsk ließ die Partei aufatmen, und auf dem XVII. Parteitag den Parteitag der Sieger verkünden. Die Mehrzahl der Parteilinken stellte sich hinter Stalin, um bei dem weiteren Aufbau des Sozialismus nicht ausgeschlossen zu werden. So wurde u. a. Georgi Pjatakow (1890-1937) Stellvertreter im Industrieministerium. Und der rechte Flügel der Partei (v. a. Bucharin), der sich nach wie vor zum Markt und zu den Bauern bekannte, vermied ebenfalls einen erneuten Bruch, weil auch er und weitere ,rechte Vertreter' von der großen Offensive nicht ausgeschlossen werden wollten. Keiner der prominenten Politiker verurteilte die Gewalt und das Vorgehen der Partei oder kehrte ihr gar den Rücken.56 [57]

Stepan Podlubny hält am 12. März 1933 folgende Gedanken in seinem Tagebuch fest:

„Oft, wenn ich mich hinsetze, um meine Lage zu überdenken ...,
wenn ich da sitze, nachdenke und keinen geeigneten Ausweg finde,
kommt mir ein Gedanke: Nicht in Moskau bleiben! Das ist nicht gut! Gebt mir die

Freiheit!

Ich werde am Ende der Welt leben! In Archangelsk! In der Tundra!

Ganz egal, gebt mir nur die Freiheit, damit mir niemand mehr vorwerfen kann:
,Du bist also einer von denen, wir wissen, wer du bist usw. ',
was sie eben in so einem Fall sagen. "[58]

Podlubny ist Arbeiter bei der Prawda in Moskau und litt die meiste Zeit darunter, aufgrund seiner ,Kulaken-Herkunft' entlarvt zu werden. Als er erfährt, dass ein Arbeitskollege ,entlarvt', nicht jedoch verhaftet oder mindestens entlassen wurde, schreibt er am 2. März 1935 folgendes in sein Tagebuch:

„Dies ist ein historischer Augenblick.

Vielleicht beginnt sich von jetzt an meine neue Weltanschauung zu bilden. Der Gedanke, dass man mich zu einem Bürger wie alle anderen in der Familie der UdSSR gemacht hat, verpflichtet mich, jene zu lieben, die das bewirkt haben [...]

Ich bin genauso wie alle anderen.

Deshalb muss ich auch das gleiche Interesse
für die verschiedensten Belange aufbringen,
so wie es ein Hausherr in seiner Wirtschaft tut,
und nicht wie ein Knecht für seinen Herrn. "[59]

Die Identität ist also abhängig vom Staat geworden. Aus der Pflicht für den Staat zu arbeiten, resultiert der eigene Wille und der sowjetische Mensch besitzt keine privaten Interessen abseits der Allgemeinheit mehr. Der sowjetische Mensch der 1930er denkt öffentlich und nur durch die Arbeit für den Staat verwirklicht er sich selbst.

IV. Der Massenterror

Wir Lebenden spüren den Boden nicht mehr,
Wir reden, dass uns auf zehn Schritt keiner hört,
Doch wo wir noch Sprechen vernehmen, -
Betrifft's den Gebirgler im Kreml.

Seine Finger sind dick und, wie Würmer, so fett,
Und Zentnergewichte wiegts Wort, das er fällt,
Sein Schnauzbart lacht Fühler von Schaben,
Der Stiefelschaft glänzt so erhaben.
Schmalnackige Führerbrut geht bei ihm um,
Mit dienstbaren Halbmenschen spielt er herum,
Die pfeifen, miaun oder jammern.

Er allein schlägt den Takt mit dem Hammer.
Befehle zertrampeln mit Hufeisenschlag:

In den Leib, in die Stirn, in die Augen, - ins Grab.
Wie Himbeeren schmeckt ihm das Töten -
Und breit schwillt die Brust des Osseten.[60]

a) Der .Parteitag der Sieger*. Kirows Ermordung und der I. Schauprozess

Noch zu Beginn der 1930er Jahre soll man sich erzählt haben, dass sich die bolschewistischen Führer der ,Alten Garde' beim Ausbruch der Revolution geschworen haben, komme was kommen möge, niemals gegeneinander die Guillotine in Bewegung zu setzen.[61] Doch wie bereits aufgezeigt, gelang es Stalin, alle möglichen Kontrahenten gegeneinander auszuspielen. Im Jahr 1929 entschloss er sich, Trotzki aus dem Land auszuweisen. Denn wäre er im Land geblieben, sei es nur in der sibirischen Verbannung, hätte er dennoch ein Oppositionspotential für ihn abgegeben. Als dessen ehemaliger Sekretär Jakob Bljumkin (1898-1929)[62] Trotzki auf einer Auslandsreise im türkischen Exil besuchte und nach seiner Rückkehr im November erschossen wurde, war er der erste hohe politische Agitator, der aufgrund seiner Sympathie zur Opposition mit dem Leben bezahlen musste.

Im Laufe des Jahres 1932 wurden die einstigen ,Gegner' Sinowjew und Kamenjew und viele weitere mit ihnen erneut verbannt und auch erneut aus der Partei ausgestoßen. Eine kleine Plattform hatte sich gebildet: man forderte offen den Rücktritt Stalins. Iwan Smirnow (1881-1936) - einer der engsten Vertrauten von Sinowjew wurde verhaftet, so auch Martemjan Rjutin (1890-1936) - der Chef des Propaganda-Amtes. Alexei Rykow (1881-1938), Michail Tomski (1880-1936) und Bucharin leugneten ihre Sympathien für das Dekret und schworen den eigenen Ansichten ab. Stalin forderte die Todesstrafe für den Wortführer Rjutin und die weiteren siebzehn Unterzeichner, konnte sich aber gegen Sergei Kirow (1886-1934), den Wortführer im Politbüro nicht durchsetzen und zog sich zurück.[63] Auf dem ,Parteitag der Sieger', dem XVII. Parteitag zu Beginn des Jahres 1934, wurde Stalins Autorität erneut in Frage gestellt: er wurde in einer geheimen Wahl des Zentralkomitees von über 200 Delegierten nicht gewählt.[64]

Ende des Jahres, am 1. Dezember 1934 wurde Kirow, der Parteichef von Leningrad, unter heute noch immer ungeklärten Umständen, von Leonid Nikolajew (1904-1934) ermordet. Am 6. Dezember 1934 notiert Leonid Potjomkin, Jahrgang 1914 und Sohn eines Postangestellten in sein Tagebuch: „Die Beisetzung Kirows. Die Straßen überflutet ein Meer von Trauernden. Ich studiere Kirows Persönlichkeit als führender Revolutionär, Redner. Als Vorbild, in dem ich mein Ideal sehe."[65]

Da der junge Nikolajew bereits ein paar Jahre zuvor aus der Partei ausgeschlossen worden war, nutzte Stalin diesen Sachverhalt und deklarierte den Attentäter als Teil einer Oppositions-Verschwörung - für ihn stand fest, dass sein Sieg über alle möglichen Oppositionen noch nicht ausreichend war. Nikolajew wurde ohne Prozess hingerichtet, unmittelbar im Anschluss weitere 116 angebliche Attentäter. Stalin verlangte, entgegen der Einwände des NKWD (hier sei vor allem Jagoda genannt), dass man die Mörder Kirows unter den Sinowjewisten zu suchen habe - und jene auch dort finden solle.[66] Er versuchte also die Verantwortung an seine ehemaligen Kontrahenten weiterzugeben, um sie endgültig auszuschalten. Wichtig war ihm, ein Schuldbekenntnis von ihnen zu erhalten - eines, das sie durch ihre damalige Oppositionstätigkeit zur Degeneration, eben solcher Verbrecher wie Nikolajew, erheblich beigetragen haben. Stalin konnte so von der Unterdrückung auf dem Lande ablenken und fand die Schuldigen für die Unzufriedenheit in der Bevölkerung. Eine fieberhafte Jagd nach weiteren Gegnern in seiner unmittelbaren Umgebung setzte ein. [67]

Bereits Anfang des Jahres 1935 war man auch in der Bevölkerung durch eingehende Propaganda überzeugt, dass die ehemaligen Widersacher Stalins, die Hauptschuld am Tode Kirows tragen, so schreibt in jener Zeit Potjomkin in sein Tagebuch:

„Das Referat über die Sinowjew-Gruppe als Abschaum der Gesellschaft hielt Professor Grebenjow, Lehrstuhlinhaber für Gesellschaftswissenschaften und ehemaliger Deborin- Anhänger, der weder widerrufen noch Fehler eingestanden hatte. Nebenbei gesagt, er vermochte mich durch nichts zu fesseln und gefiel mir nicht einmal. Man spürte keine Parteilichkeit, es fehlte an revolutionärer Klarheit, Zielstrebigkeit und Begeisterung."[68]

Und weiter am 24. März:

„Ich ging ins Kino, sah den Film ,Die Piloten' und hörte die Rede des Genossen Stalin. Sie machte auf mich einen starken Eindruck durch ihre Schlichtheit, die Vertrautheit durch den mir bekannten nationalen Akzent, und mobilisierte mich zu gesellschaftlich-politischer Aktivität. "[69]

Zur gleichen Zeit wurden Zehntausende an Verdächtigen mitsamt ihren Familien von Leningrad nach Nordsibirien verbannt und ein neuer Massen-Terror gegenüber der Bevölkerung eingeleitet. [70] Jeschow legte am 17. Mai 1935 den Entwurf über ,Die konterrevolutionäre Organisation Sinowjews und Kamenjews' vor, später wurde diese Arbeit, nach mehrfachem Umarbeiten umbenannt in: ,Von der Fraktionsmacherei zur offenen Konterrevolution.'[71]

In der zweiten Hälfte des Jahres 1935 bis weit in das Folgejahr hinein, war die politische Aufmerksamkeit auf den Zweiten Fünfjahresplan und die bevorstehende Verfassungsreform gerichtet. Blieb es ,oben' ruhig, ging es hingegen in den ,niederen' Rängen der Partei unentwegt weiter mit der ,Säuberungsaktion'.

Im Januar des Folgejahres begann schließlich die Voruntersuchung' zum Prozess gegen das antisowjetische vereinigte trotzkistisch-sinowjewistische Zentrum' - diese dauerte bis zum 10. August 1936 an. [72] Die Verhaftung von Sinowjew und Kamenew war bereits 1935 erfolgt, im Sommer gleichen Jahres wurden weitere 110 Kreml-Angestellte verhaftet. Erklärungsversuche wurden nicht angenommen, lediglich vollständige Unterwerfungsgebaren.[73] Am 10. Februar erschien in der Prawda der Artikel ,Über ein faules Konzept', in dem Nikolai Bucharin aufgefordert wird, sich von seiner antileninistischen Theorie zu distanzieren. Bucharin veröffentlicht in der Iswestija vom 14.02.1936 eine selbstkritische Stellungnahme. Vom 23. bis zum 25. Juli 1936 wurden Sinowjew und Kamenjew erneut ,verhört', diesmal über die geplante Ermordung Stalins. Mit den ,neu gewonnenen Erkenntnissen' wurde bei namentlicher Abstimmung im Zentralkomitee beschlossen, Grigori Sokolnikow (1888-1939), ehemaliger Botschafter in London und Volkskommissar für Forstwirtschaft, aus der Partei auszuschließen - dieser wurde noch am selben Tag, den 26. Juli 1936 verhaftet.[74]

Der ,Erste Große Schauprozess' wurde schließlich vor der Augen der Öffentlichkeit vom 19. bis zum 24. August 1936 ausgetragen. Chefankläger war (wie auch über die gesamten Prozess-Jahre hinweg) der Generalstaatsanwalt der Sowjetunion - Andrei Wyschinski (1883-1954). Neben Sinowjew und Kamenew wurden noch weitere vierzehn Funktionäre angeklagt. Wirkliche Beweise wurden keine vorgelegt. Konspirative Treffen sollen beispielsweise mit Trotzki 1932 in Kopenhagen stattgefunden haben - und zwar in einem Hotel, welches bereits 1917 abgerissen wurde. Eklatante Widersprüche erregten jedoch weder die Aufmerksamkeit des Staatsanwaltes, noch die anderer Prozessbeteiligter, geschweige denn die Presse. Die Angeklagten wurden nicht dessen angeklagt, was sie tatsächlich taten, sondern im Auftrag ausländischer Geheimdienste gehandelt zu haben, Agenten der Gestapo oder einfach nur Spione und Saboteure zu sein, die mit Trotzki und Agenten des kapitalistischen Auslands zum Zwecke der Unterminierung der Sowjetmacht (§ 58) in Verbindung standen.[75] Mit den Prozessen sollte erreicht werden, dass die Anschauungen, die ,Anschauungen aller' wurden - wenn der Feind selbst in den oberen Gremien saß, dann musste es ihn ja, wie prophezeit, auch wirklich geben.[76] Im September 1936 - die beiden Hauptangeklagten waren bereits hingerichtet worden - wird von André Breton die Erklärung ,Die Wahrheit über den Moskauer Prozeß' in Paris verlesen:

„ Wir bestreiten mit euch auf das entschiedenste die Stichhaltigkeit der Anklage, die angesichts des Vorlebens der Angeklagten und trotz der angeblichen Geständnisse, die die meisten von ihnen abgelegt haben, gar nicht erst überprüft werden braucht. Wir halten die Inszenierung des Moskauer Prozesses für einen niederträchtigen Übergriff der Polizei, der an dem Ausmaß und der Tragweite denjenigen, der zum sogenannten Reichstagsbrand-Prozess führte, bei weitem übertrifft. Wir sind der Ansicht, dass derartige Übergriffe einem Regime für alle Zeiten zur Schande gereichen. Wir schließen uns, ohne seine politischen Beurteilungen insgesamt zu unterschreiben, doch wenigstens in seinen vorgestern in Le Populaire geäußerten hellsichtigen Schlussfolgerungen dem Artikel von Otto Bauer an: Was sich in Moskau abgespielt hat, ist mehr als ein Irrtum, mehr als ein Verbrechen, es ist ein entsetzliches Unglück, das den Sozialismus in der ganzen Welt trifft, egal welchen Geistes und welcher Tendenz."[77]

b) Massenterror und weitere Schauprozesse

Parallel zum Ersten Prozess liefen auch schon die Voruntersuchungen für den nächsten großen Schauprozess gegen das Antisowjetische vereinigte trotzkistisch-sinowjewistische Zentrum'. Bereits Mitte März ließ Nikolai Jeschow (1895-1940) nicht nur Unterlagen gegen Sinowjew und Kamenjew zusammentragen, sondern auch gegen Bucharin, Radek und nahestehende Mitarbeiter aus der Akademie der Wissenschaften.[78] Es ging also von Anfang an nicht nur um ,trotzkistische' Abweichler, sondern gegen jede mögliche Opposition. So kam es am 8. September 1936 zur Gegenüberstellung Bucharins und Rykows im Beisein von Lasar Kaganowitsch (1893-1991), Jeschow und Wyschinski mit Sokolnikow. Dieser hatte ausgesagt, die ,Rechten' hätten einen Block mit dem Vereinigten Zentrum gebildet. Bucharin und Rykow dementieren und fordern eine Veröffentlichung in der Zeitung. Zwei Tage später wird während einer namentlichen Abstimmung im ZK über den Parteiausschluss von Pjatakow entschieden. Er wird einen Tag später verhaftet. Das gleiche Schicksal trifft Radek ein paar Tage später.[79]

Jeschow betonte in seiner Rede während des eines ZK-Plenums im Frühjahr 1937, dass bereits ein Jahr zuvor, die „Trotzkisten und Sinowjewisten zum aktiven Kampf übergegangen waren".[80] So war es nicht verwunderlich, dass Stalin erneut im September 1936 einen Bericht (initiiert von Jeschow) über Genrich Jagodas (1891-1938) Nachgiebigkeit bei der Verfolgung der Trotzkisten' erhielt. Bereits ein paar Tage später schlug Stalin Kaganowitsch und Molotow vor, Jagoda in seinem Amt als Volkskommissar für Inneres abzulösen und Jeschow zum Vorsitzenden des NKWD zu ernennen, was auch einen Tag später geschah.[81] Bis März arbeitete sich Jeschow in sein neues Amt ein, erst dann schlug er vor, 238 der engsten Mitarbeiter seines Vorgängers zu entlassen und größtenteils verhaften und verurteilen zu lassen.[82] Als man genug ,Beweise' in Form von Aussagen und Geständnissen gesammelt hatte, begann am 23. Januar 1937 der ,Zweite öffentliche Schauprozess'. Diesmal gegen das sowjetfeindliche trotzkistische Zentrum'', also gegen Pjatakow, Sokolnikow, Radek und vierzehn weitere Funktionäre, da jene von den ,Schuldigen" des Ersten Prozesses vom August 1936 als ,Reservezentrum' bezeichnet worden waren.[83] Bei diesem Prozess, der sich über eine Woche bis zum 30. Januar hinzog, sagte u. a. Radek gegen Bucharin aus. Bereits einige Wochen zuvor wurden zahlreiche Mitglieder der sogenannten ,Bucharin- Schule' (u. a. Astrow, Zetlin, Maretzki und Alexandrow) verhaftet[84] - die innere Logik dieses gesamten ,Systems der Säuberung' lässt sich spätestens ab diesem Zeitpunkt sehr gut nachvollziehen. Bucharin weist zwar noch auf einem Plenum des ZK am 20. Februar 1937 jede Schuld von sich[85], doch ist längst klar, dass seine Lage seit geraumer Zeit aussichtslos ist. Dies unterstreichen auch Stalins Ausführungen vom März 1937, in welchen er einen Vergleich zu einem Referendum von 1927 heranzieht:

„Von 854.000 Parteimitgliedern wandten sich 730.800 gegen die Trotzkisten. 123.000 waren zum Zeitpunkt der Abstimmung auf Arbeit oder im Urlaub. 4000 haben für die Trotzkisten Partei ergriffen. 2600 haben sich der Stimme enthalten. Von den 123.000 hätten 10% für die Trotzkisten stimmen können. Das sind ca. 11000. Zählen wir die 4000 und die Stimmenenthaltungen dazu, kommen wir auf ca. 18000, dazu noch 10.000 Sinowjewanhänger und sie haben 28.000, nehmen sie noch einige Rechte hinzu und sie sind bei 30.000. 18.000 haben wir zur Zeit verhaftet. Da heißt, es bleiben noch 12.000 unerkannte Feinde.“[86]

Einen Tag später vermeldet die Prawda den beschlossenen Partei-Ausschluss Bucharins.[87] Die Welle der Denunziationen war so stark, dass sogar Kaganowitsch, einer der vehementesten Befürworter des Terrors und Vertrauter Stalins, von ihr erfasst wurde. Die Sowjetunion wurde in einen permanenten Ausnahmezustand versetzt. Der Terror richtete sich gegen jedermann, gegen die Eliten, ebenso wie gegen die Bauern und Arbeiter. Mit ihm brach auch unweigerlich jeder Versuch individueller Selbstkoordinierung ab. Denn es gab nur noch eine ,Welt aus Feinden'. Sämtliche Kontakte zu ,äußeren Feinden' wurden gekappt und der ,innere Feind', der die Menschen daran hinderte auf dem Weg der Selbstreinigung der Neue Mensch zu werden, jener innere Feind, wurde überall gesucht und mittels Denunziation und Stigmatisierung auch zur Genüge gefunden. Im ,Kreis der Macht' konnte nur bleiben, wer bereit war, der ,Sache' auch Freunde und Angehörige zu opfern.[88] Auf der breiten Bevölkerungsebene, ging dieser ,Wahnsinn' soweit, wie sich Wolfgang Leonhard erinnert, dass man sich schon vorgefertigte Schuldbekenntnisse ausdachte, um bei einem möglichen Fall einer Verhaftung ,nur mit ein paar Jahren Lagerhaft' bestraft zu werden, aufgrund eines Geständnisses und somit mildernder Umstände.[89]

Ab dem Frühjahr 1937 geriet auch die Armeeführung ins Visier der Sowjetführung. Der Marschall Michail Tuchatschewski (1893-1937) soll das Haupt einer trotzkistischen Militärorganisation gewesen sein. Ende Mai 1937 wurde er auf direkten Befehl von Stalin verhaftet.[90] Der Prozess gegen ihn war - weil er in den Voruntersuchungen' kein Geständnis ablegte - nicht öffentlich. Vor einem Militärtribunal, dem auch die Marschälle Blücher (1889-1938) und Bojonny (1883-1973) angehörten, wurde er der ,Leitung antisowjetischer und trotzkistischer Organisationen innerhalb der Roten Armee' sowie die ,Spionage für eine fremde Macht' angeklagt. Er wurde, nachdem ihm alle militärischen Ränge aberkannt worden waren, am 12. Juni 1937 hingerichtet. Dies war der Auftakt der ,Säuberungen' innerhalb der Armee, in deren Verlauf drei Marschälle, dreizehn Generäle und circa 5.000 Offiziere hingerichtet wurden - ein Desaster, welches seine Ausmaße deutlich im Verlauf des kommenden Krieges aufzeigte.

Hatten bis dahin Bucharin und und Rykow ein gefordertes Geständnis kategorisch verweigert, ist anzunehmen, dass unter dem Eindruck des Schicksals von Tuchatschewski, ihre ,Einsicht' sich dahingehend geändert hatte.[91] Zur gleichen Zeit wurde die Bildung von sogenannten ,Troikas' beschlossen, um den massenhaften Verurteilungen möglichst schnell Herr zu werden.[92]

Bis Ende Juli 1937 nahm die Intensität des Terrors stetig mehr zu: Jeschow verlangte immer wieder, die Zahl der zu Repressierenden zu erhöhen; in dem ,Ergänzungsbefehl 00447' wurde festgelegt, dass weitere 258.950 Personen zu Strafen der Kategorie I und II zu verurteilen seien.[93] Massenoperationen des NKWD gegen ehemalige Kulaken, Mitglieder antisowjetischer Parteien, Weißgardisten, ehemalige Gendarmen und Beamte des zaristischen Russlands, Banditen, Teilnehmer antisowjetischer Organisationen, Re-Emigranten, Geistliche und Rückfalltäter und gegen die Angehörigen, die Ehemänner beziehungsweise Ehefrauen und die Kinder der Repressierten waren die Folge. Die Urteile, es gab nur die beiden Kategorien, also die Todesstrafe oder 8-10 Jahre Arbeitslager, wurden in der Regel im Schnellverfahren von den ,Troikas' gefällt. Um die Prozedur zu beschleunigen, wurde am 11. August 1937 gar die Bildung von ,Dwoikas' beschlossen.[94] George Bosse schreibt in seinen Erinnerungen im September 1937, nachdem sein Vater ein paar Wochen zuvor vom NKVD verhaftet wurde:

„Ich war noch nicht 14 Jahre alt und hatte schon ein Delo. Jeder Bürger im Lande des wissenschaftlichen Sozialismus hatte ein Dossier und wurde beobachtet, das war die sozialistische Wachsamkeit. Dostojewski hatte das in seinem ,Dämon' vorausgesagt: Jeder würde jeden bespitzeln, aber alle würden gleich sein"[95]

[...]


[1] Wie zum Beispiel der Bau der Weißmeer-Ostsee-Kanals binnen 20 Monaten durch 120.000 Häftlinge.

[2] Vgl.: Baschanow, Boris: Ich war Stalins Sekretär, Süderbrarup 1989, S. 132.

[3] Vgl.: Fainsod, Merle: Wie Rußland regiert wird, Köln 1965, S. 487.

[4] Vgl.: Garros, Véronique: Das wahre Leben. Tagebücher aus der Stalin-Zeit, Berlin 1998, S. 7.

[5] Hauptseminar: Die Russen als Verlierer des 20. Jahrhunderts oder was war der Sowjetsozialismus? Dozent: Prof. Dr. Karl-Heinz Schlarp.

[6] „Wie war dies möglich" fragen auch: J. Arch Getty und Oleg V. Naumov in: The Road to Terror. Stalin and the Self-Destruction of the Bolsheviks, 1932-1939, New Haven/London 2002.

[7] Vgl.: Cohen, Stephen: Rethinking the Soviet Experience, Oxford 1985, S. 39.

[8] Vgl.: Rogowin, Wadim: Gab es eine Alternative, Essen 1996, S. 16f.

[9] Vgl.: Stefan Plaggenborg, Stalinismus als Gewaltgeschichte, in: Ders. (Hg.), Stalinismus. Neue Forschungen und Konzepte, Berlin 1997, 71-112, 77.

[10] Vgl.: Baberowski, Jörg: Wandel und Terror: die Sowjetunion unter Stalin 1928 - 1941. Ein Literaturbericht, in: JfGOE, 45 (1995) 1, S. 97 - 129, S. 102.

[11] Vgl.: Baberowski, Jörg: Der rote Terror, Die Geschichte des Stalinismus, München 2003, S. 11.

Hier seien vor allem die Bedeutung und Rezeption des nietzscheanischen Werkes in jener Zeit genannt, so u. a.: ,Also sprach Zarathustra' mit dem zentralen Motiv des ,Übermenschen'.

[13] Vgl.: Rüting, Torsten: Pavlov und der Neue Mensch. Diskurse über Disziplinierung in Sowjetrussland, München 2002.

[14] Vgl.: Baberowski: Rote Terror, S. 94.

[15] Vgl.: ebd., S. 95

[16] G. Legget: The Cheka. Lenin's Political Police, Oxford 1981.

[17] Vgl.: Stefan Plaggenborg, Gewalt im Stalinismus. Skizzen zu einer Tätergeschichte, in: Manfred Hildermeier (Hg.), Stalinismus vor dem Zweiten Weltkrieg. Neue Wege der Forschung, München 1998, 193-208, 206.

[18] Vgl. Hodos, George: Schauprozesse, Stalinistische Säuberungen in Osteuropa 1948 - 1954, Frankfurt am Main 1988.

[19] Majakowski begeht am 14.4.1930 Selbstmord.

[20] Vgl.: Malley, Lynne: Culture oft he Future: The Proletkult Movement and the Russian Civilwar, Berkely 1990.

[21] Vgl.: Trotzki, Leo: Proletarische Kultur und proletarische Kunst. Berlin 1991.

[22] Vgl.: Baberowski: Rote Terror, S. 104.

[23] Vgl.: Kotkin, Stephen: Magnetic Mountain. Stalinism as a Civilisation, Berkeley 1995.

[24] Vgl.: Majakowski, Wladimir: Werke, Bd. 2, Frankfurt am Main 1980, S. 284.

[25] Vgl.: Holzer, Jerzy: Der Kommunismus in Europa. Politische Bewegung und Herrschaftssystem, Frankfurt am Main 1998, S. 53.

[26] Vgl.: ebd., S. 54.

[27] Vgl.: Malia: Vollstreckter Wahn. Rußland 1917 - 1991,Stuttgart 1994, S. 267.

[28] Vgl.: Bucharin, Nikolai/Deborin, Abram: Kontroversen über dialektischen und mechanistischen Materialismus, Frankfurt am Main 1995.

9 1926 erschien sein Werk „Über die Proletarische Literatur", in welchem er u.a. Bulgakow stark angriff. Es ist daher sehr wahrscheinlich, dass er als Figur des Ariman in dem Roman „Der Meister und Margarita" wieder aufgegriffen wird.

[30] Vgl. Baberowski, Rote Terror, S.156. Im Laufe der Folgejahre sank diese Zahl um ein Erhebliches, auch aufgrund des „Großen Terrors".

[31] Vgl. ebd., S.157.

[32] Vgl.: Malia: Vollstreckter Wahn, S. 270.

[33] Vgl.: Groys, Boris: Stalins Gesamtkunstwerk, München 1988.

[34] Dessen Sohn Juri Schdanow heiratet 1949 Stalins Tochter Swetlana Alliluyeva.

[35] Vgl.: Holzer: Kommunismus, S. 60

[36] Vgl.: Holzer, Kommunismus, S. 55.

[37] Vgl.: Baberowski, Roter Terror, S. 79.

[38] Nolte, Hans-Heinrich: Kleine Geschichte Rußlands, Bonn 2005, S. 223.

Nach Kurt Lenk entstand diese Theorie im Austausch zwischen Alexander Parvus und Leo Trotzki, siehe: Lenk, Kurt: Theorien der Revolution, München 1981, S. 182.

[40] Vgl.: Holzer: Kommunismus, S. 61.

[41] Vgl.: Baberowski: Roter Terror, S. 113.

[42] Vgl.: Werth, Nicolas: Ein Staat gegen sein Volk. Das Schwarzbuch des Kommunismus - Sowjetunion, München 2002, S. 150.

[43] Vgl.: Baberowski: Roter Terror, S. 82.

[44] Vgl.: Koenen, Gerd: Utopie der Säuberung. Was war der Kommunismus, Berlin 1998, S. 157.

[45] Vgl.: Malia: Vollstreckter Wahn, S. 225.

[46] Vgl.: ebd., S. 226.

[47] Vgl.: ebd., S. 228.

[48] Vgl.: Koenen: Utopie, S. 161.

[49] Vgl.: Malia: Vollstreckter Wahn, S. 230.

[50] Vgl.: Koenen: Utopie, S. 147.

[51] Vgl.: Malia: Vollstreckter Wahn, S. 232.

[52] Aus: Malia: Vollstreckter Wahn, S. 209f.

[53] Vgl.: Koenen: Utopie S. 165.; Holzer und Conquest gehen sogar von 14,5 Millionen Toten für die gesamte Kollektivierungsphase aus: siehe: Conquest, Robert: Ernte des Todes. Stalins Holocaust in der Ukraine 1929 - 1933, München 1992, S. 367.

[54] Vgl.: Malia: Vollstreckter Wahn, S. 233.

[55] Er schrieb diese Zeilen am 31. Juli 1935 auf.

[56] Aus: Garros: Das wahre Leben, S. 295.

[57] Aus: Malia: Vollstreckter Wahn, S. 258.

[58] Aus: Garros: Das wahre Leben, S. 256

[59] Aus: ebd., S. 362.

[60] Dieses Gedicht wurde 1934 von Ossip Mandelstam unter dem Eindruck des Terrors in der Sowjetunion geschrieben, der alsbald darauf verhaftet wurde und Ende des Jahres 1938 in einem Arbeitslager verstarb.

[61] Vgl.: Deutscher, Isaac. Stalin. Eine politische Biographie, Berlin 1990, S. 445

Bljumkin war als Agent der Tscheka u. a. an der Ermordung des deutschen Botschafters Mirbach in Moskau beteiligt.

[63] Vgl.: Tucker, Robert: Stalin an der Macht. Die Revolution von oben. 1928 - 1941. London 1990, S. 211.

[64] Vgl.: Holzer: Kommunismus, S. 44.

[65] Aus: Garros: Das wahre Leben, S. 269.

[66] Vgl.: Hedeler, Wladislaw: Moskauer Schauprozeß gegen den „Block der Rechten und Trotzkisten", Berlin 1998, S. 22.

[67] Vgl.: Deutscher: Stalin, S. 459.

[68] Aus: Garros: Das wahre Leben, S. 272.

[69] Aus: Garros: Das wahre Leben, S. 291f.

[70] Vgl.: Deutscher: Stalin, S. 459.

[71] Vgl.: Hedeler: Schauprozeß, S. 23.

[72] Vgl.: Hedeler, Wladislaw: Moskauer Schauprozesse. 1936 - 1937 - 1938. Planung. Inszenierung und Wirkung. Eine Chronik, Berlin 1996, S. 3.

[73] Vgl.: Baberowski: Roter Terror, S. 148f.

[74] Vgl.: Hedeler: Chronik, S. 10.

[75] Vgl.: Rogowin, Alternative, S. 32f.

[76] Vgl.: Baberowski: Terror, S. 150f.

[77] Vgl.: Hedeler, Chronik, S. 13.

[78] Vgl.: ebd., S. 17.

[79] Vgl.: ebd., S. 14.

[80] Aus.: ebd., S. 15.

[81] Vgl.: ebd., S. 30.

[82] Vgl.: Baberowski: Roter Terror, S. 180.

[83] Vgl.: Leonhard, Wolfgang: Die Revolution entlässt ihre Kinder, Köln 2000, S. 56ff.

[84] Vgl.: Hedeler, Chronik, S. 34.

[85] Vgl.: ebd., S. 36.

[86] Vgl.: ebd., S. 37.

[87] Vgl.: ebd., S. 40.

[88] Vgl.: ebd., S. 42.

[89] Aus: Bosse, George: Jene Zeit in Charkow 1936 - 1941. Eine Jugend unter Stalin, Berlin 1997, S. 127f.

[90] Aus: Leonhard: Die Revolution, S. 49.

[91] Vgl.: Hedeler: Chronik, S. 42

[92] Der Prozess ging vom 2. bis zum 13. März 1938.

[93] Galina Stange wurde 1885 in St. Petersburg als Tochter eines Ingenieurs geboren. Seit 1934 lebte sie in Moskau. Ihr Tagebuch befindet sich heute Im Russischen Staatsarchiv für Kunst und Literatur in Moskau

[94] Aus: Garros: Das wahre Leben, S. 212.

[95] Vgl.: Baberowski: Roter Terror, S. 200.

Ende der Leseprobe aus 37 Seiten

Details

Titel
Stalinismus als gesellschaftliches Phänomen zwischen den Zeilen
Hochschule
Technische Universität Dresden  (Institut für osteuropäische Geschichte)
Veranstaltung
Die Russen als Verlierer des 20. Jahrhunderts oder was war der Sowjetsozialismus?
Note
1,0
Autor
Jahr
2008
Seiten
37
Katalognummer
V179687
ISBN (eBook)
9783656021056
ISBN (Buch)
9783656021643
Dateigröße
639 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Schlagworte
Russland, Stalin
Arbeit zitieren
Paul Jeute (Autor), 2008, Stalinismus als gesellschaftliches Phänomen zwischen den Zeilen, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/179687

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