Der Iran: Hegemon im Nahen Osten?

Anwendung der Theorie der Hegemonialen Stabilität auf den Iran


Hausarbeit, 2008

20 Seiten, Note: 2,0


Leseprobe

Gliederung

1. Einleitung

2. Theorie der hegemonialen Stabilität (TdHS)
2.1 Was ist Hegemonie bzw. ein Hegemon?
2.2 Theorie der hegemonialen Stabilität
2.3 Kritik an der TdHS

3. Iran
3.1 Allgemeines über das Land
3.2 Staatsaufbau, politisches System
3.3 politische Kultur

4. Anwendung der TdHS auf den Iran
4.1 Politik
4.2 Wirtschaft
4.3 Militär/Atomprogramm

5. Fazit/Ausblick

6. Literatur/Quellen

1. Einleitung

Der Iran ist derzeit in aller Munde. Sei es nun durch sein Atomprogramm, den Konflikt mit den USA, EU und UN, Einflussnahmen im Irak und Libanon, Anfeindungen mit den arabischen Staaten oder wenn es um religiösen Fanatismus geht - immer ist der Iran großes Gesprächsthema in den Medien, aber auch in der politikwissenschaftlichen Diskussion. Dabei lassen sich neben sachlichen Informationen und besonnenen Betrachtungen auch aufgeregte und besorgte Kommentare und Artikel finden. Insofern drängt sich die Frage auf: Wie groß sind Macht und Einfluss des Irans wirklich? Hat er bald oder vielleicht sogarjetzt schon die politische, wirtschaftliche und militärische Macht um eine Führungsrolle im Nahen Osten einzunehmen und Europa und den USA ernsthaft entgegenzutreten? Inwieweit verfolgt er diese Interessen überhaupt? Dies ist die grundlegende Fragestellung, der ich mich in meiner Arbeit widmen will. Diese werde ich theoretisch einbetten mit Hilfe der Theorie der hegemonialen Stabilität (TdHS).

Zunächst werde ich also erklären was ein Hegemon ist, um dann konkret auf die TdHS zu sprechen zu kommen und auch ihre verschiedenen Ausprägungen darzustellen. Außerdem werde ich auch Kritikpunkte an der TdHS darstellen.

Im dann folgenden Teil soll es darum gehen, das Land Iran vorzustellen, um einen Eindruck von den politischen und gesellschaftlichen Gegebenheiten dort zu bekommen, der für die Einschätzung der Hegemoniefrage unerlässlich ist.

Dementsprechend werde ich dann unter Punkt 4 versuchen die Frage zu beantworten, ob der Iran die Kriterien der hegemonialen Stabilität erfüllt bzw. als Hegemon bezeichnet werden kann. Dazu werde ich die drei entscheidenden Bereiche Politik, Wirtschaft und Militär genau betrachten. Beim Punkt des Militärs werden dann auch die Ereignisse um das Atomprogramm zur Sprache kommen.

Abschließend werde ich im Fazit die Verknüpfung von Empirie und Theorie vornehmen, also versuchen die Frage zu beantworten ob man den Iran als Hegemon betrachten kann oder nicht.

Die TdHS kann natürlich auch auf kleinere Herrschaftsbereiche bezogen werden, wie z. B. Vorherrschaft in einer bestimmten Region oder einem Kontinent. In dieser Arbeit geht es um eine mögliche regionale Hegemonie des Irans, nicht um eine weltweite, da diese Annahme zum jetzigen Zeitpunkt absolut utopisch ist. Selbstverständlich kann eine regionale Hegemonie aber Basis einer weltweiten Vorherrschaft sein, insofern ist damit der weltpolitische Zusammenhang nicht völlig vom Tisch gewischt.

Zu Beginn lässt sich aufjeden Fall festhalten, dass in der breiten Öffentlichkeit nur rudimentäre Kenntnisse der innenpolitischen Verhältnisse im Iran vorhanden sind und bestimme Dinge zu kritisch gesehen werden, wie gesellschaftliche Entwicklungen und die politische Rhetorik, manche aber auch unterschätzt wie zum Beispiel die militärischen Potentiale und die strategischen Verbindungen des Iran zu anderen Staaten (Syrien, China, Russland, Irak) und zu Terrororganisationen wie der Hisbollah. Ohne Zweifel hat der Einfluss des Irans in der Region in den letzten Jahren stark zugenommen. Der Irak ist durch den Angriff der USA als Konkurrent ausgeschaltet, Saudi-Arabien hat innenpolitische Probleme und kann vor allem militärisch nicht mit dem Iran mithalten und die anderen Staaten der Region sind zu klein (Bahrain, Oman, Vereinigte Arabische Emirate, Kuwait) um ernsthaft weitergehende Ansprüche anzumelden (s. FAZ 11.01.2007 S. 8). Die iranische Führung hat diese günstige Gelegenheit erkannt und versucht nun diese Chance zu ergreifen.

2. Theorie der hegemonialen Stabilität (TdHS)

2.1 Was ist Hegemonie bzw. ein Hegemon?

Das Wort „Hegemon“ kommt aus dem Griechischen und bedeutet „Führer“ oder „Anführer“ Hegemonie ist in der internationalen Politik die Vormachtstellung eines Staates gegenüber anderen. Sie gründet sich auf die Anerkennung der politischen (ideologischen), militärischen, wirtschaftlichen und/oder kulturellen Überlegenheit eines Staates seitens anderer Staaten. Hegemonie geht über bloße Einflussnahme hinaus, endet aber unterhalb der Schwelle unmittelbarer Herrschaftsausübung. Im Gegensatz zu einem mit Gewalt erzwungenen Über- und Unterordnungsverhältnis schließt Hegemonie - idealtypisch gesehen - das Moment der Freiwilligkeit und Gleichberechtigung der Partner innerhalb des Hegemoniesystems ein. In der politischen Realität überschreitet die Hegemonie eines Staates über anderejedoch oft die Schwelle zur Herrschaft im Sinne einer Über- und Unterordnung. (s. Meyers Online Lexikon)

Ein Hegemon überragt alle anderen Akteure (die anderen Staaten) seiner Handlungskapazität nach bei weitem, das heißt er ist ihnen vor allem politisch, wirtschaftlich und militärisch überlegen (s. Bühl 1978, S. 192). Typischerweise ist die Überlegenheit so groß, dass er seine Führungsstellung über Jahre und Jahrzehnte aufrechterhalten kann. Bestes Beispiel der letzten Jahre sind die USA, die nun schon seit mindestens 60 Jahren diese Vormachtstellung innehaben (s. Kirchlechner 1978, S. 55) und deren Überlegenheit sich vor allem im militärischen Bereich bemerkbar macht, da viele Staaten sich vom militärischen Schutz der USA abhängig machen (s. Spiegel-Online 28.07.2007). An ihnen zeigt sich aber auch, dass es gewaltiger finanzieller und strategischer Anstrengungen bedarf, diesen Status über längere Zeit zu bewahren, da der Hegemon sich logischerweise einer Fülle von Staaten gegenüber sieht, von denen viele nur auf seine Schwächen lauern um ihn anzugreifen und vom Thron zu stoßen.

Allerdings ist es trotz der eben genannten Kriterien schwer, Hegemonie präzise einzugrenzen, da man kaum festlegen kann, wie groß das Maß der Überlegenheit sein muss, um von einer Hegemonie zu sprechen. Dies erschwert es auch, hegemoniale Machtwechsel zeitlich genau zu bestimmen (s. Kirchlechner 1996, S. 40 f.).

2.2 Theorie der hegemonialen Stabilität

Grundlegend sagt die TdHS, dass die Existenz einer hegemonialen Macht notwendig und hinreichend ist, um stabile Regelwerke für die internationale Ordnung zu schaffen (Zürn 1987, S. 61). Bei der TdHS handelt es sich allerdings nicht um eine geschlossene Theorie, sondern um eine Theoriedebatte zwischen Vertretern verschiedener Theorieschulen. Ich werde im Folgenden die ursprüngliche Formulierung und die beiden Mainstream-Varianten der TdHS vorstellen.

Der Grundstein für die TdHS wurde im wirtschaftswissenschaftlichen Bereich gelegt und zwar von dem Ökonom und Finanzhistoriker Charles P. Kindleberger. Er veröffentlichte 1973 die Abhandlung „The World in Depression, 1929-1939“. Dort behauptete Kindleberger, dass die Weltwirtschaftskrise von 1929 nur deshalb ihre Dimension annehmen konnte, weil Großbritannien nicht mehr und die Vereinigten Staaten von Amerika (USA) noch nicht in der Lage waren, für die Stabilisierung des internationalen Wirtschaftssystems zu sorgen. Seine Kernthese lautet also: Ohne einen Hegemon, einen dominanten führungswilligen Staat, lässt sich Ordnung im internationalen System nicht aufrechterhalten. Sogenannte „Öffentliche Güter“ würden dann nicht mehr bereit gestellt (s. Robel 2001, S.4). Öffentliche Güter sind dadurch gekennzeichnet, dass siejedem gleichermaßen zum Konsum bereit stehen und die Nutzung des Gutes durch einen Konsumenten nicht die qualitative Nutzbarkeit für einen anderen vermindert (s. Kirchlechner 1996, S. 47). Die Führung kann nur ein Staat ausüben, der die notwendigen Ressourcen und den Willen dazu hat. Die drei zentralen Komponenten der TdHS sind also: Die internationale Ordnung wird als ein öffentliches Gut verstanden, der Niedergang von Ordnung im internationalen System wird mit dem Abstieg des Hegemons verknüpft und man schlussfolgert, dass hegemoniale Systeme aufDauer instabil sind (s. Robel 2001, S. 4 f.) Die schwächeren Staaten (Sekundärstaaten) folgen dem Hegemon bzw. ordnen sich unter, da sie die vorherrschende Ordnung als nützlich empfinden und diese deshalb akzeptieren. Dies bezieht sich vor allem auf den Bereich Sicherheit, die vom Hegemon garantiert wird (s. Kirchlechner 1996, S. 43).

Kindleberger legt außerdem einen Fokus auf wirtschaftliche Kriterien: So muss der Hegemon eine stabile Wirtschaftsordnung garantieren, z.B. durch die Erhaltung offener Märkte, die Bereitstellung von Kapital und die Gewährung von Liquidität (s. Kirchlechner 1996, S. 48).

Doch nun kurz zu den beiden wichtigsten Richtungen im Rahmen der Theoriedebatte zur TdHS.

Die neorealistische Version wurde durch den Politikwissenschaftler Robert Gilpin geprägt. Er teilt Kindlebergers grundlegende Thesen, differiert mit ihmjedoch hinsichtlich der Einschätzung der Motivation des Hegemons, eine liberale, stabile Weltwirtschaftsordnung zu konstruieren. Er sieht dort weniger altruistische Ziele als grundlegend an, sondern spricht von „wohlverstandenem Eigeninteresse“ des Hegemons. Er bringt eine etwas andere Akzentuierung ins Spiel, indem er sagt, dass ein internationales System stabil ist, wenn kein Staat der Auffassung ist, dass es lohnend wäre den Versuch zu unternehmen das System zu verändern. Insofern betont er stärker, dass die anhängigen Staaten den Hegemon und sein System nur weiter stützen, solange sie sich davon konkrete Vorteile versprechen. Für den Niedergang der Vormachtstellung ist laut Gilpin im heimischen Konsum und den Kosten, das System militärisch zu verteidigen, begründet. (s. Robel 2001, S.5-7)

Die neoliberal-institutionalistische Variante der TdHS geht auf Robert O. Keohane zurück, der auch der Namensgeber der Theorie war. In seinem Werk „After Hegemony“ unterzog er die TdHS einem politikfeldbezogenen empirischen Test und kam über die Kritik an der neorealistischen Variante zu einer eigenen Position. Ihre Kernthese lautet, dass Kooperation mittels internationaler Regime (dies sind institutionalisierte Formen der Kooperation zwischen Staaten und anderen internationalen Akteuren, die aus Prinzipien, Normen, Regeln, Entscheidungsverfahren sowie Programmaktivitäten bestehen und das Verhalten internationaler Akteure in einem Problemfeld dauerhaft steuern) auch ohne die Existenz eines Hegemons möglich ist. Seiner Meinung nach kann eine hegemoniale Stellung eines Staates zwar eine internationale Ordnung schaffen, muss aber nicht notwendige Bedingung sein. (Robel 2001, S.8f.)

2.3 Kritik an der TdHS

Die Kritik an der TdHS hat sich vorwiegend auf den Erklärungswert der unabhängigen Variablen, die Verifizierbarkeit der Theorie sowie die Verbindung mit der Theorie öffentlicher Güter bezogen.

So basiert die Theorie auf nur einer unabhängigen Variablen, nämlich der Existenz oder Nichtexistenz eines Hegemons, was den Erklärungswert der Theorie mindert und sie wenig ausdifferenziert erscheinen lässt. (s. Kirchlechner 1996, S. 54 f.)

Außerdem ist die Theorie schwer zu testen und zu verifizieren. Wie vorhin schon erwähnt lässt sich trefflich diskutieren, was eine Hegemonie ausmacht und wie sie genau funktioniert; so bleibt offen welche wirtschaftlichen, politischen und militärischen Indikatoren einen Hegemon bestimmen und wann exakte Zeitpunkte hegemonialer Machtübergänge festzustellen sind. (s. Kirchlechner 1996, S. 55)

Des Weiteren ist die Verbindung mit der Theorie der öffentlichen Güter problematisch. So werden die damit verbundenen Thesen kritisiert, dass eine auf Freihandel basierende globale Wirtschaftsordnung ein öffentliches Gut darstelle und zweitens der Hegemon es sei, der diese Ordnung etabliert. Freihandel stellt in den Augen der Kritiker nicht per se ein öffentliches bzw. wünschenswertes Gut dar. So würden die Prinzipien der Nicht- Ausschließbarkeit und Nicht-Rivalität in vielen Wirtschaftsbereichen verletzt. Freihandel brächte zudem den kleinen Staate mehr Vorteile als dem Hegemon, insofern sei es fraglich ob er wirklich so sehr am Aufbau einer hegemonialen Ordnung interessiert sei. Eine stabile wirtschaftliche Ordnung sei außerdem auch ohne einen Hegemon zu schaffen, wenn z. B. mehrere mächtige Staaten eine bestimmte Weltordnung errichten (s. Kirchlechner 1996, S. 57 -59).

Weiterhin wirt der TdHs vorgeworfen, dass sie die Reduzierung des Hegemonialbegriffs auf einige wenige volkswirtschaftliche Bestandsgrößen betreibe, keine Bereitschaft zur Interdisziplinarität habe sowie innergesellschaftliche Faktoren bei der Bewertung hegemonialer Qualität vernachlässige. (s. Robel 2001, S.17)

Trotz dieser Kritik ist die TdHS eine interessante und wichtige Theorie und hat in den letzten Jahrzehnten gerade in Bezug auf die USA in der politikwissenschaftlichen und wirtschaftswissenschaftlichen Diskussion eine große Rolle gespielt.

3. Iran

3.1 Allgemeines über das Land

Der Iran ist mit 1.648.000 km2 das 17.-größte Land der Welt und steht mit rund 67 Mio. Einwohnern in Sachen Bevölkerung an 18. Stelle. In der Region ist der Iran damit allerdings das größte Land. Der Iran ist der einzige persische Staat der Region und der einzige mit einer klaren schiitisch-muslimischen Mehrheit, 90% der Bevölkerung gehören dieser Glaubensströmung an (s. Fischer Weltalmanach). Die sprachlich und kulturell vorherrschende Gruppe der persischsprachigen Iraner (Perser) macht ca. die Hälfte der Bevölkerung des Landes aus, die andere Hälfte setzt sich hingegen aus Angehörigen nicht­persischer Bevölkerungsgruppen zusammen.

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Ende der Leseprobe aus 20 Seiten

Details

Titel
Der Iran: Hegemon im Nahen Osten?
Untertitel
Anwendung der Theorie der Hegemonialen Stabilität auf den Iran
Hochschule
Universität Hamburg  (Politische Wissenschaften)
Veranstaltung
Der Nahe Osten - Sicherheit in nationalen und transnationalen Konstellationen
Note
2,0
Autor
Jahr
2008
Seiten
20
Katalognummer
V179750
ISBN (eBook)
9783656023302
ISBN (Buch)
9783656023005
Dateigröße
453 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Iran, Naher Osten, Hegemon, Iranisches Atomprogramm
Arbeit zitieren
Gunnar Wett (Autor), 2008, Der Iran: Hegemon im Nahen Osten?, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/179750

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