Personalisierung in der Politik

Bundes- und Landesebene im Vergleich


Hausarbeit, 2009

24 Seiten, Note: 1,7


Leseprobe

Gliederung

1. Einleitung

2. Personalisierung auf Bundesebene
2.1 Bundeskanzler
2.2 Gerhard Schröder
2.3 Bundestagswahlkampf 2005
2.4 Umfragedaten zur Bundestagswahl 2005

3. Personalisierung auf Landesebene
3.1 Ministerpräsidenten
3.2 Christian Wulff
3.3 Landtagswahlkampf Niedersachsen 2008
3.4 Umfragedaten zur Landtagswahl 2008

4. Fazit

5. Literatur / Quellen

1. Einleitung

Ludwig dem XIV. wird der Spruch zugeschrieben „Der Staat bin ich!“ Damals zur Zeit des Absolutismus in Frankreich stimmte das wohl auch, heutzutage würde kein Politiker mehr diesen Satz unterschreiben bzw. offen zugeben, dass er sich für so wichtig hält. Dennoch haben Personen in der Politik immer schon eine große Rolle gespielt und nicht wenige Wissenschaftler und Beobachter der Politik sind der Meinung, dass die Personalisierung in der Politik in den letzten Jahren noch stärker zugenommen hat.

Doch was meint Personalisierung in diesem Zusammenhang genau? Was macht sie aus und wie nutzen Spitzenpolitiker, genauer gesagt Amtsinhaber in Bund und Ländern, dieses Moment für sich? Das sind die Fragen, denen ich in meiner Arbeit auf den Grund gehen will. Letztlich will ich die Frage beantworten, wo Personalisierung stärker wirkt bzw. besser gelingt, ob auf Bundes- oder Landesebene. Dazu sei hier gleich gesagt, dass es in so einer kurzen Arbeit natürlich nicht möglich ist, einen wirklich umfangreichen, empirisch tragfähigen Vergleich durchzuführen oder gar das Thema erschöpfend zu behandeln. Aber zumindest einige Beobachtungen und Tendenzen werde ich aufzeigen können und einen Überblick über dieses vielschichtige Feld geben können.

Grundsätzlich stellt sich die Frage, wie es dazu kommt, dass man im Zusammenhang mit einem Ministerpräsidenten von einem „Landesvater“ spricht, aber nicht von einem „Bundesvater“ im Zusammenhang mit einem Bundeskanzler. Auch die eher positive Medienberichterstattung über Ministerpräsidenten legt den Verdacht nahe, dass es ihnen besser gelingt sich positiv darzustellen als den Kanzlern. Deshalb ist eine wichtige These, dass Personalisierung auf Landesebene erfolgreicher ist als auf Bundesebene.

Im Verlauf der Arbeit geht es dann darum, die beiden Ebenen Bund und (Bundes-) Land miteinander zu vergleichen. Dabei werde ich erst etwas zur allgemeinen Rolle von Kanzlern bzw. Ministerpräsidenten sagen, um dann auf zwei konkrete Beispiele einzugehen, nämlich den ehemaligen Bundeskanzler Gerhard Schröder (SPD) und den amtierenden niedersächsischen Ministerpräsidenten Christian Wulff (CDU). Dieser Part wird aus jeweils zwei Teilen bestehen: Einmal werde ich die beiden Personen allgemein vorstellen und insbesondere auf ihr Verhalten als Amtsinhaber eingehen, um dann zu untersuchen, wie sie sich im Wahlkampf präsentiert haben. Dabei werde ich schwerpunktmäßig ihre beiden letzten Wahlkämpfe betrachten, also für Gerhard Schröder im Jahr 2005 gegen Angela Merkel (CDU) und für Christian Wulff im Jahr 2008 gegen Wolfgang Jüttner von der SPD. Den Abschluss der beiden Teile bildet der Blick auf Umfragedaten zu den beiden Personen, auch im Vergleich zu ihren jeweiligen Konkurrenten.

Abgerundet wird die Arbeit naturgemäß durch ein Fazit der Ergebnisse, bei dem es zu klären gilt, wo Personalisierung stärker wirkt bzw. umgesetzt werden kann, auf Landes­oder auf Bundesebene. Außerdem werde ich eine Einschätzung geben, wie groß die Bedeutung des Themas Personalisierung in der Politik heute ist.

2. Personalisierung auf Bundesebene

2.1 Bundeskanzler

Der Bundeskanzler der Bundesrepublik Deutschland hat die Richtlinienkompetenz in der Bundesregierung und ist der oberste Repräsentant der Bundesregierung in der Öffentlichkeit. Doch von diesen formalen Voraussetzungen abgesehen ist er vor allem die Hauptfigur seiner Partei und der Fixpunkt von Medien und Öffentlichkeit in Deutschland. Dies gibt der Person des Kanzlers eine herausragende Bedeutung im politischen Bereich und es bietet sich für die Kanzlerpartei geradezu an, im Wahlkampf hauptsächlich auf seine Person und seine Fähigkeiten zu setzen.

Das Hauptmerkmal der Kanzlerdemokratie ist die Personalisierung. Der amtierende Kanzler steht im Mittelpunkt der Kommentare in den Massenmedien. Das persönliche Prestige des Kanzlers ist somit von großer Bedeutung. Im Bundestagswahlkampf des Jahres 2002 war bei den SPD-Wählern für 42 % der Spitzenkandidat der wahlentscheidende Faktor. (s. Niclauß 2004, S. 88)

Medien fixieren sich in ihrer Berichterstattung auf die Exekutive und insbesondere auf den Regierungschef (s. Sarcinelli 2005, S. 281). Für Amtsinhaber ist eine Präsidialstrategie und ein Themen- und Kompetenzwahlkampfbesonders geeignet (s. Focke 2007, S.159).

Kanzlerkandidaten haben es deutlich schwerer als der Amtsinhaber, da ihnen lediglich sekundäre Macht beschieden ist, wie z.B. die Macht als Partei- oder Fraktionsvorsitzender. Der amtierende Kanzler kann auf bisherige Erfolge verweisen und sich insbesondere bei außenpolitischen Auftritten als Staatsmann und Machtmensch inszenieren, dies bleibt dem Kandidaten verwehrt. Der Herausforderer lebt quasi von Optionen, von Versprechen für die Zukunft und dem Vertrauen darauf, die Probleme des Landes meistern zu können. Dies sind schwer messbare persönliche Ressourcen, die sich der Kandidat nicht in wenigen Monaten aufbauen kann. (s. Forkmann 2007, S.18 f.)

Der Amtsinhaber hat also klare strategische Vorteile und versucht diese entsprechend zu nutzen.

2.2 Gerhard Schröder

Gerhard Schröder sei ein mutiges „political animal“, sagte Erhard Eppler über ihn, ein politisches Tier, instinktsicher und mit feinem Gespür, die Beute witternd und nicht berechenbar. Bela Anda geht soweit zu sagen, dass Schröder eine Pop-Ikone in der nüchternen Polit-Arena sei. (Graw 1998, S. 9 f.)

Der Inszenierungsartist Schröder weiß genau, wo die Kameras stehen, in die er lächeln muss, damit die potentiellen Wähler positive Bilder geliefert bekommen. Häufig nutzt er antrainierte Siegerposen. Dabei reißt er beide Arme ausgestreckt nach oben, winkt mit den Händen oder bildet das Victory-Zeichen. Insgesamt gibt er sich meist locker und entspannt, wirkt durch joviale Stimme und geschulte Gestik. (s. Klormann 2008, S. 22 f.) Durch sein Auftreten überzeugt er, selbst wenn man mit seiner politischen Linie nicht (völlig) einverstanden ist. Dies ist im Übrigen ein wichtiger Punkt, den eine Partei über Personalisierung erreichen will, nämlich Wechselwähler und sogar Anhänger des politischen Gegners für sich zu gewinnen.

Schröder sagte einmal, er brauche zum Regieren nur „Bild, BamS und Glotze“. Dies ist ein gutes Beispiel dafür, dass er gern lockere Sprüche brachte und dabei oftmals am Rande der Flapsigkeit vorbeischrammte. Er absolvierte Auftritte bei der Unterhaltungsshow „Wetten Dass...?“ und der Daily-Soap „Gute Zeiten, Schlechte Zeiten“ und zeigte sich so auch in nicht-politischen Sendungen. Aufsehen erregte, dass er Werbung für Brioni-Anzüge machte und offen zu seiner Vorliebe für teure Zigarren stand. In die Reihe der seichten Themen reihte sich auch die Diskussion um eine angebliche Haarfärbung Schröders. Die Medien nahmen sein Spiel auf und verpassten ihm - wenig schmeichelhafte - Etikettierungen wie „Genosse der Bosse“ und „Basta-Kanzler“.

Schröder machte durch die Verwendung von Schlagworten auf sich aufmerksam, wie „Neue Mitte“, „Agenda 2010“ und „Politik der ruhigen Hand“. Zwar konnte er diese Begriffe nur kurzzeitig positiv besetzen, aber es gelang ihm so immerhin, seine Politik in wenigen Worten zu veranschaulichen und den Leuten im Gedächtnis zu verankern.

Durch die häufige Verwendung von Machtworten und Druck über die Vertrauensfrage im Bundestag wollte Schröder zeigen, dass er der starke Mann in der Regierung ist und die Leitlinien bestimmt. Er regierte vielfach offenkundig an der Partei vorbei und sprach direkt das Elektorat an. Die fortwährende Popularität seiner Person erlaubte ihm, dieses Prozedere so durchzuziehen, da die SPD wusste, dass sie ohne ihn bei den Wahlen erhebliche Schwierigkeiten bekommen würde.

Gerhard Schröder kam immer schon entgegen, dass er ein Menschenfänger und leutselig ist, in Wahlkämpfen und bei wichtigen Reden blüht er förmlich auf. Er verwendet expressive und abwechslungsreiche Mimik und Gestik und hat einen engagierten, an den richtigen Stellen lauten Sprechstil, der teilweise aggressiv, aber auch emotional und fesselnd wirkt. Er hat immer einen lockeren Spruch auf den Lippen, lockert auch seine Reden egal bei welchem Anlass mit Witzen auf. So sagt Ansgar Graw über ihn:

„Schröder stellt sich seismographisch auf das jeweilige Auditorium ein. So kokettiert er bei Arbeitern mit den „ einfachen Verhältnissen “, aus denen er stamme. Wenn er einen Termin mit Wirtschaftsleuten hat, lässt er sich im Dienst-Audi Vorfahren, wenn er einen Termin bei einfachen Leuten hat geht er gerne die letzten Meter zu Fuß. Bei Auftritten hat er immer ein freundliches Lächeln parat. Er redet bei Wahlveranstaltungen frei; dabei moduliert er die Stimme, baut unter anderem durch Lautstärke Spannung auf und macht Kunstpausen.“ (s. Graw 1998, S. 179f.)

Spontaneität ist das Hauptgeheimnis seines Erfolges vor der Kamera bzw. allgemein in der Öffentlichkeit. Herr Schöppner von Emnid sagt dazu: „Keiner kann so gut, ruhig, witzig und bedacht mit dem Fernsehen umgehen wie er.“ (s. Graw 1998, S. 224)

Gerhard Schröder hat ähnlich wie Ex-Bundeskanzler Helmut Kohl Stimmungen früh gespürt, oftmals sogar früher als die Medien. Er hat wenn nötig auch gegen die Partei agiert, Parteiprogramme oder traditionelle Werte der Partei waren ihm nicht so wichtig. Er ist autonom von prinzipiellen Überzeugungen und somit sehr pragmatisch orientiert. Er war der erste Kanzler, der seinen Aufstieg im Medienzeitalter absolviert hat und für den der Umgang mit den Medien selbstverständlich und wichtig war (s. Graw 1998, S. 205). Dies brachte aber auch Nachteile: Übergreifende Visionen und Programmentwürfe wurden Schröder nicht abgenommen (wie z.B. das Konzept des „Dritten Weg“ oder die „Agenda 2010“). Solche Dinge waren mit dem Oberflächenbild des stromlinienförmigen Medienkanzlers nicht vereinbar. (s. auch Anda 2002, S. 251)

Mit der Schröder-zentrierten Kampagne gewann zugleich ein anderes Element der Selbstdarstellung an Bedeutung, das zwar Ende der neunziger Jahre ebenfalls nicht mehr neu war, nun aber zu einer systematischen Strategie entwickelt wurde: Der Kandidat empfiehlt sich gezielt auch durch persönliche, rollenferne Charakteristika für das politische Amt und setzt zudem seine private Seite - Ehefrau, Familie - für die Imagewerbung ein. Die SPD ließ Gerhard Schröder 1998 in einem Fernsehspot auftreten, der wegen seiner Ähnlichkeit zur Werbung für das norddeutsche Bier schnell als "Jever-Spot" bezeichnet wurde: Verpackt mit schönen, emotionalen Bildern vom Nordseestrand im Sonnenlicht spricht der Kandidat über sein Verhältnis zur Politik und seine Visionen und vermittelt damit den Eindruck persönlicher Nähe. (s. Holtz-Bacha 2006)

Gerhard Schröder verkörpert einfach als Person Politik, er kann auf verschiedenen Klaviaturen spielen, was nicht viele Politiker beherrschen. So bietet er dem Publikum Abwechslung und hat für jede Situation den richtigen Auftritt parat. (s. Herres 1998, S. 227)

2.3 Der Bundestagswahlkampf 2005

Der Wahlkampf folgte zwei sehr unterschiedlichen Mobilisierungsstrategien. Auf der einen Seite kämpfte der Bundeskanzler mit der Macht seines Kanzler-Bonus, obwohl sich seine Regierung in den Augen der Bevölkerung - nach der Abstimmung über die Vertrauensfrage - in der Abwicklung befand. Selten sah man eine derartig perfektionierte, authentische Ein-Mann-Show als Aufholjagd aus demoskopischen Tiefen. Die doppelte Kapitulation des Bundeskanzlers nach dem für die SPD desaströsen NRW-Wahlergebnis- sowohl vor der eigenen Mehrheitsfraktion im Bundestag als auch vor den Mehrheitsverhältnissen im Bundesrat - geriet vollkommen in Vergessenheit. Den konzeptionellen Gegenansatz zu Schröder verkörperte auf der anderen Seite die Kanzlerkandidatin Angela Merkel (CDU). Sie hatte als gefühlte Kanzlerin aus Sicht der Wähler bereits im Wahlkampf ein Regierungsprogramm zu verteidigen. Ihr Rollentausch mit dem Kanzler erfolgte im Duktus des rationalen Überzeugen-Wollens. Bewusst darstellungsarm zog sie nüchtern argumentierend von Marktplatz zu Marktplatz. Gegensätzlicher hätten die Mobilisierungsangebote für den Wähler nicht ausfallen können. Dem medialen Charismatiker stand einer Kandidatin mit protestantischer Demutsethik gegenüber. (s. Korte 2005)

In diese Richtung zielte auch der öffentlich-rechtliche Fernsehspot der SPD, der auf Schröder zugeschnitten war und mit verschiedenen Themen dem Publikum nahe legte: "Deutschland braucht einen Bundeskanzler, der (...)". Dieser wie auch der für das kommerzielle Fernsehen produzierte Spot, der komplett von Schröder gesprochen wurde, schloss mit einem Kandidatenstatement, das die Politik der Partei wiederum personalisierte: "Deutschland ist auf dem richtigen Weg. Es ist der sicherste und gerechteste Weg in eine gute Zukunft. Dafür stehe ich.“ (s. Holtz-Bacha 2006)

Alles, was den Eindruck eines Wettbewerbs zwischen „Frau und Mann“ erwecken konnte, wurde vermieden, weil sich dieser für Schröder, der sich bis dahin gerade in der weiblichen Wählerschaft starker Unterstützung erfreute, negativ ausgewirkt hätte. Schlagwörter wie die „Merkel-Steuer“ oder die Rede vom "Professor aus Heidelberg" unterstrichen den negativen Unterton der Kampagne, demonstrierten zugleich aber auch, dass solche Strategien insofern erfolgreich sind, als sie die Aufmerksamkeit der Medien finden und damit ds Potenzial haben, Images von Politikerinnen und Politikren zu beeinflussen. (s. holtz-Bacha 2006)

[...]

Ende der Leseprobe aus 24 Seiten

Details

Titel
Personalisierung in der Politik
Untertitel
Bundes- und Landesebene im Vergleich
Hochschule
Ruhr-Universität Bochum  (Politikwissenschaft)
Veranstaltung
Landtagswahlen: Testwahlen für Berlin?
Note
1,7
Autor
Jahr
2009
Seiten
24
Katalognummer
V179752
ISBN (eBook)
9783656023296
ISBN (Buch)
9783656022992
Dateigröße
477 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Wahlen, Personalisierung, Ministerpräsident, Bundeskanzler, Parteien, Gerhard Schröder, Christian Wulff
Arbeit zitieren
Gunnar Wett (Autor), 2009, Personalisierung in der Politik, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/179752

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