Auch ein kroatischer Wilder Westen ist ein guter Wilder Westen

Eine funktionale Landschaftsanalyse im Film "WINNETOU I"


Seminararbeit, 2010
18 Seiten, Note: 5.5

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Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Methodik

3 Fünf Merkmale eines Landschaftsmotivs
3.1 Zeitrahmen
3.2 Herkunft
3.3 Bedeutsamkeit
3.4 Authentizität
3.5 Funktion

4 Fünf charakteristische Komponenten einer Westernlandschaft

5 Das Winnetou-Land Kroatien
5.1 Auswahl der drei Filmausschnitte
5.2 Gebirgslandschaft mit Goldversteck
5.3 Steinwüste mit Eisenbahnbau
5.4 Prärie mit Verfolgungsjagd

6 Interpretation

7 Fazit

8 Literaturverzeichnis

9 Abbildungsverzeichnis

1 Einleitung

Nach der äusserst erfolgreichen Verfilmung von ‹Der Schatz im Silbersee› kommt anfangs der 1960er-Jahre die Karl-May-Filmwelle richtig ins Rollen. In seriell gefertigter Massenproduktion reiht sich nun Film an Film um Mays wohl populärste Indianerfigur Winnetou. Schauplatz dieser Filme ist nach der Buchvorlage der amerikanische Wilde Westen zur Pionierzeit, doch die Filmemacher um Produzent Horst Wendlandt finden in der Gebirgslandschaft von Kroatien1 eine verblüffend echte Imitation. Die im Film vorgeführten Landschaftsmotive werden nicht nur als ein echter Westen wahrgenommen, sie entwickeln sich zu wahren Kultstätten. So pilgern nach über 40 Jahren noch heute jährlich zahlreiche Anhänger der Winnetou-Filme an ganz bestimmte Drehortplätze in Kroatien. Die vorliegende Arbeit hat diese bedingungslose Akzeptanz zum Thema und fragt nach den Gründen, weshalb ein kroatisches Double so gekonnt den amerikanischen Westen reproduzieren kann. Anschauungsmaterial bilden drei Filmausschnitte aus ‹Winnetou I› von 1963. Zum Einstieg werden fünf Merkmale eines Motivs einer Westernlandschaft aufgezählt, die den Forschungsgegenstand eines Landschaftsbildes genauer eingrenzen. Anschliessend werden fünf charakteristische Komponenten einer Westernlandschaft als Klassifikationsschema erläutert. Mittels der Methode des hermeneutischen Verstehens werden die drei Filmausschnitte bezüglich dieses Schemas analysiert und interpretiert. Die gewonnenen Ergebnisse sollen die Forschungsfrage, weshalb ein kroatischer Wilder Westen tatsächlich ein echter Wilder Westen ist, beantworten.

2 Methodik

Die wissenschaftliche Herangehensweise zur Funktionalität der Landschaft im Film ‹Winnetou I› erfolgt mittels der Methode der Hermeneutik. Im Besonderen wird das von Dilthey beschriebene methodische Verfahren des Verstehens angewendet.2 Das Verstehen - so Dilthey - ist ein Vorgang, indem von äusserlichen Erscheinungen eines Gegenstands auf innere Kennzeichen wie ein Motiv oder eben eine Funktion geschlossen wird. Dieser Schluss auf ein Inneres ist etwas ganz persönliches und unterliegt der Subjektivität. Dennoch werden im Ergebnisteil möglichst objektive Interpretationen angestrebt, die einen gewissen Grad an Verallgemeinerung zulassen. Dazu wird folgende Grundvoraussetzung von Dilthey übernommen:

«[…], dass in keiner fremden individuellen Äusserung etwas auftreten kann, das nicht auch in der auffassenden Lebendigkeit enthalten wäre. Dieselben Funktion und Bestandteile sind in allen Individualitäten […]. Dieselbe äussere Welt spiegelt sich in ihren Vorstellungsbildern.»3

Demnach schafft das visuelle Bild eines Films den äusseren Rahmen jeglicher Interpretation von hineinprojizierenden individuellen Imaginationen. Folglich wird beim Film ‹Winnetou I› nur innerhalb des Visualisierten auf Logik und Stimmigkeit der Figuren und Landschaft interpretiert. Als Folge dieser Interpretationen ergibt sich die für diese Arbeit zu interessierende Hauptfrage, inwiefern die gezeigte kroatische Landschaft den amerikanischen Wilden Westen zu imitieren vermag. Für diese Analyse werden die von Mumford Jones fünf charakteristischen Komponenten herangezogen: Erstaunen, Reichtum, Unendlichkeit, Widersprüchlichkeit und Melancholie.4 Diese fünf Komponenten sind zweidimensional gestrickt. Zum einen beziehen sie sich auf die Landschaft des Westens und zum andern auf das Western- Genre. Die zur Untersuchung anstehenden drei Filmausschnitte werden anhand dieser fünf Komponenten auf ihre Funktionalität in einer typischen Westernlandschaft analysiert. Bei der Auswahl der drei Ausschnitte wird darauf geachtet, dass sich die Szenen im Landschaftsmotiv und im Handlungsgerüst voneinander unterscheiden und es somit bei der Interpretation drei verschiedene Komponentenprofile auszuwerten gibt. Trotz der Explikation solcher Profile, entzieht sich die Interpretation einer subjektiven Sichtweise nicht, zumal die in dieser Arbeit gewonnene Erkenntnis lediglich Anfang eines langen zirkulären Prozesses ist. Auch das Komponentenprofil ist nur ein Ansatz, das als ein Klassifikationsschema bestimmte Rahmenbedingungen einer Untersuchung festlegt. Ein umfassendes Verstehen bleibt im Vorhinein ausgepaart.

3 Fünf Merkmale eines Landschaftsmotivs

Welche Merkmale charakterisieren die Landschaft des Wilden Westens? Gibt es typische Landschaftsmotive, die einen authentischen Westen abbilden? Wenn ja, wie sehen diese aus? Kurzum: Wie sieht ein echter Wilder Westen aus? Diese Frage ist so alt wie sein Genre selbst. Edward Buscombe bringt diese Frage auf einen simplen aber äusserst wirkungsvollen Punkt: «The West, after all, was a big place.»5 Anscheinend ist die Typologie und Vielfältigkeit einer Westernlandschaft so gross, dass sie für die Verfilmung von ‹Winnetou I› sogar in Kroatien wiedergefunden wird.

3.1 Zeitrahmen

Untersuchungsgegenstand ist anfangs des 19. Jahrhunderts die weite meist noch unberührte Landschaft des Wilden Westens zu Beginn der Pionierzeit. Noch hält sich der Mensch an das Diktat der Natur und menschliches Handeln ist auf das Erforschen und Aufbauen beschränkt. Grenzgänger und Westerner erkunden meist als Einzelgänger die Landschaft für den aus dem Osten unaufhörlich folgenden Menschenstrom. Der Westen im Film ‹Winnetou I› befindet sich in der wilden Zeit der ‹dark and bloody grounds›6, wie ihn Karl May trefflich kennzeichnet.

3.2 Herkunft

In Europa prägten bereits anfangs des 19. Jahrhunderts erste Indianerportraits von George Catlin und Karl Bodmer7 die Vorstellung über Indianer und den Wilden Westen. So auch jenes von Karl May.8 Seither verändert die Kunst nicht nur das Bild des Indianers fortwährend, sondern auch jenes der Landschaft, so dass es zunehmend schwieriger wird das Echte vom Falschen zu unterscheiden. Doch was ist echt? Für manchen Rezipienten gilt das von John Ford oft gezeigte Monument Valley als ‹die› Westernlandschaft schlechthin. Die Frage bleibt ungeklärt. Klar hingegen erscheint die Tatsache, dass heute keine neuen Landschaftsbilder mehr entdeckt werden können. Diese Ausschöpfung von Bildmotiven beschreibt French wie folgt: «The traditions of American art, of photography, of the Western genre itself, interpose themselves.»9

3.3 Bedeutsamkeit

Weite Prärien, trockene Savannen und schroffe Gebirgsketten sind Spielplätze unzähliger Indianer- und Westerngeschichten in Film und Literatur. Im Gegensatz zur Stadt, in der Recht und Ordnung herrscht, ist die Wildnis ein noch unbefleckter leerer Raum, den es erst zu entdecken und im Sinne des Pioniergeistes mit kulturellen Erzeugnissen zu füllen gilt. Im Dienste der Siedlungskolonien wird die Stadt-Land- Grenze durch erste Kundschaftende über vorübergehende Behausungen bis zur Errichtung von dauerhaften Siedlungen zunehmend nach Westen verschoben. Diese stetige Grenzverschiebung verändert das Land und zugleich die Menschen und wird so zu einem unverkennbaren Charakteristikum von Wild-West-Geschichten. Somit ist auch die Landschaft bei der Rezeption eines glaubwürdigen Westerns zu einem unabdingbaren Faktor geworden. Philip French schreibt hierzu folgendes: «[…] the landscape has been an integral part of the Western both as an ingredient in the genre’s popular appeal and for its role in shaping the dramatic action.»10

3.4 Authentizität

Bereits in Porters Zugüberfall im Kurzfilm ‹The Great Train Robbery› aus dem Jahre 1903 wird der gespielte Westen in New Jersey im Osten von Amerika gedreht.11 Die im östlichen Teil von Amerika produzierten Westernfilme werden aber bald als nicht authentische ‹Eastern Westerns› abgetan, die dem richtigen Western aus dem Westen nicht ebenwürdig sind. Es fragt sich aber was die als Original empfundene echte Westernlandschaft denn ausmacht? Übereinstimmend mit der Siedlungsgeschichte wird die Maxime aufgestellt, dass das gesamte westlich des Mississippis gelegene Territorium mit den charakteristischen Merkmalen wie den Great Plains oder den Rocky Mountains echt ‹Western› ist. Nichtdestotrotz findet die deutsche Rialto-Filmproduktion anfangs der 1960er-Jahre für die Winnetou-Filme den amerikanischen Wilden Westen in Kroatien und doubelt ihn gekonnt. Sogar Nscho-tschi-Darstellerin Marie Versini meint zum landschaftlichen Double: «Genauso unheimlich und wild hatte ich mir das Indianerland vorgestellt […].»12

3.5 Funktion

Ein Landschaftmotiv gibt einer Handlungssequenz einen passenden Kontext und wird dadurch zum Bestandteil einer als glaubwürdig empfundenen Geschichte. Daher werden bereits bei der Drehortsuche wesentliche Entscheidungen bezüglich der Motive gefällt. French schreibt hierzu: «[…] the visual aspect of the Western is largely a matter of the direct confrontation between the film-maker and the landscape, […]».13 Jedes einzelne Motiv ist funktional mit ganz spezifischen Zeichen von etablierten Handlungsregeln- und vorkehrungen verknüpft, die innerhalb des Genres Gültigkeit besitzen. Werden diese Regeln verletzt, bricht man mit dem Western. Der Film ‹Winnetou I› ist in diesem Sinne kein Genrebruch, vielmehr imitiert er bei der Adaption von Mays Werk bereits verzerrte Wirklichkeit.

[...]


1 Kroatien war 1963 zur Zeit der Filmproduktion von ‹Winnetou I› Teilrepublik der sozialistischen föderativen Republik Jugoslawien.

2 Die folgenden theoretischen Ausführungen beruhen im Wesentlichen auf Koller 2003, 83-85.

3 Ebd., 83.

4 Howard Mumford Jones, zit. bei Seesslen, Roloff und Taube 1980, 18.

5 Buscombe 1995, 88.

6 Vgl. May 1908, 129.

7 Vgl. Handbuch Indianermuseum Zürich 1996, 9-15.

8 Vgl. Schmiedt 1987, 205.

9 French 1973, 112.

10 French 1973, 100.

11 Vgl. Buscombe 1995, 87.

12 Marie Versini, zit. bei Petzel 2001, 10.

13 French 1973, 112.

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Details

Titel
Auch ein kroatischer Wilder Westen ist ein guter Wilder Westen
Untertitel
Eine funktionale Landschaftsanalyse im Film "WINNETOU I"
Hochschule
Universität Zürich  (Institut für Populäre Kulturen)
Veranstaltung
Der Westerner in Literatur, Film und Fernsehen
Note
5.5
Autor
Jahr
2010
Seiten
18
Katalognummer
V179849
ISBN (Buch)
9783656025382
Dateigröße
687 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Merkmale von Landschaftsmotiven, Komponenten einer Westernlandschaft, Edward Buscombe, Howard Mumford Jones, Winnetou I, Karl-May-Verfilmung
Arbeit zitieren
Lukas Keller (Autor), 2010, Auch ein kroatischer Wilder Westen ist ein guter Wilder Westen, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/179849

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