Wissenskulturen in der Psychologie - Identität und Konsens an der Grenze zweier Wissenskulturen


Hausarbeit, 2011

23 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Inhalt

1. Einleitung

2. Definition Wissenskulturen
2.1 Neuropsychologie als Wissenskultur
2.2 Tiefenpsychologie als Wissenskultur
2.3 Unterschiede zwischen Neuropsychologie und Tiefenpsychologie

3. An der Grenze zweier Wissenskulturen: Interview mit Dr. Marta H
3.1 Identität und Wissenschaftlichkeit
3.2 Konsens
3.2.1 Relativierter Wahrheitsanspruch beider Wissenskulturen
3.2.2 Aspekte, die beide Wissenskulturen teilen
3.2.3 pragmatischer Ansatz in der Praxis
3.2.4 Reduktion auf die biologische Ebene

4. Fazit

Literatur

1. Einleitung

Die Psychologie ist eine wissenschaftliche Disziplin, die den Menschen in seinem Erleben und Verhalten verstehen und erklären will. Bei dieser Definition wird schnell klar, dass das Erleben und Verhalten des Menschen von verschiedenen Perspektiven aus betrachtet werden kann. Hierfür gibt es entsprechend verschiedene Ansätze. Allein die heutige Schulpsychologie teilt sich in verschiedene Bereiche auf: Einmal untersucht sie menschliche Phänomene auf einer biologisch kognitiven Grundlage, wozu bspw. die heutige Bio-, Kognitions- und Neuropsychologie gehören. Die andere Grundlage ist die der intra- und interpersonellen Prozesse, worunter bspw. die Entwicklungs-, Sozial- und Differentialpsychologie subsumiert werden. Es gibt aber noch völlig andere Ansätze, die nicht der heutigen Schulpsychologie angehören, bspw. die Tiefenpsychologie, deren prominenteste Schule die Psychoanalyse darstellt. Sie besaß noch vor 50 Jahren einen sehr starken Erklärungsanspruch in Bezug auf das Verhalten und Erleben des Menschen (Dührssen, 1994). Diese Disziplin machte es sich zur Aufgabe, den Menschen u.a. aus seiner unterbewussten Triebstruktur heraus zu erklären. Die Schulpsychologie, welche ihren methodologischen Ansatz auf statistischen Zusammenhängen zwischen empirischen Phänomenen gründet, und die Tiefenpsychologie, deren Methode die Introspektion und Analyse freier Assoziationen von Gedanken beinhaltet, scheinen auf den ersten Blick nicht viel gemeinsam zu haben. Dennoch wollen beide das Erleben und Verhalten des Menschen verstehen und erklären.

Um die Unterschiedlichkeit beider Phänomene verständlich zu machen und in einen konzeptionellen Rahmen zu passen, bietet sich der wissenskulturelle Ansatz aus der Wissenssoziologie von Karin Knorr Cetina an. Dieser theoretische Rahmen basiert darauf, dass die Gültigkeit des Wissens stets an den Kontext seiner Erzeugung gebunden ist. Die Hauptidee ist hierbei, dass verschiedene Wissenskulturen nebeneinander existieren können, wobei beide voneinander epistemisch verschieden sind. Doch in der Wissenschaftspraxis befinden sich oft Personen, die sich zwischen beiden Kulturen verorten. So gibt es Psychologen, die sich nach ihrem Studium entschließen, eine Therapieausbildung in der Tiefenpsychologie zu absolvieren. Ähnlich ist das bei den Psychiatern, die nach ihrem Medizinstudium eine Therapieausbildung in der Tiefenpsychologie abschließen. Wenn man davon ausgeht, dass die Schulpsychologie sowie die Tiefenpsychologie epistemisch voneinander verschieden sind, welche Auswirkungen kann das für die Individuen haben, die sich in beiden Wissenskulturen bewegen? Wirft diese „Mittel“-Position einerseits nicht unlösbare Konflikte auf, mit denen die Individuen täglich konfrontiert werden? Aber vielleicht lassen sich auch andererseits gänzlich neue Perspektiven in Bezug auf beide

Kulturen aufmachen, die das Verständnis unseres Untersuchungsgegenstandes (Erleben und Verhalten des Menschen) zusätzlich erweitern? Mit diesen Fragen wird sich dieser Aufsatz beschäftigen.

Im ersten Teil werde ich die Position der Wissenskulturen weiter ausführen. Daran anschließend werden die Neuropsychologie als ein Hauptvertreter der Schulpsychologie sowie die Tiefenpsychologie jeweils als Wissenskultur eingeführt. Dies ist notwendig, um verständlich zu machen, dass es sich bei diesen Disziplinen um tatsächlich epistemisch voneinander verschiedene Kulturen handelt. Der zweite Teil dieses Aufsatzes beschäftigt sich mit der Auswertung eines Interviews von Frau Dr. Marta H.[1], einer Psychiaterin mit tiefenpsychologischer Therapieausbildung. Sie stellt jenen Akteur dar, der sich an der Grenze zwischen den beiden Wissenskulturen der Neuropsychologie und der Tiefenpsychologie befindet. Hierbei wird ihr Verständnis der jeweiligen Kultur herausgearbeitet und ermittelt, inwieweit ihre „Mittel“-Position Konflikte hervorruft aber auch neue Perspektiven auf beide Wissenskulturen zulässt.

2. Definition Wissenskulturen

Wie in der Einleitung erwähnt, ist Wissen kontextuell gebunden, und entsprechend ist auch die wissenschaftliche Erkenntnis nicht unabhängig vom Kontext ihrer Erzeugung. Was genau ist damit gemeint? Schließlich wird Wissen bereits seit Platon als wahre, gerechtfertigte Überzeugung definiert. Muss diese Definition modifiziert werden?

Bereits 1935 stellt Ludwik Fleck fest, dass Wissenschaft ein sozialer Prozess ist. Was zu einem bestimmten Zeitpunkt als wissenschaftliche Tatsache gilt, lässt sich nicht eindeutig aus den Forschungsergebnissen entnehmen, sondern geht in letzter Begründung auf einen Konsens der Wissenschaftlergemeinde bzw. des „Denkkollektivs“ zurück:

„Historische und stilgemäße Zusammenhänge innerhalb des Wissens beweisen eine Wechselwirkung zwischen Erkanntem und dem Erkennen: bereits Erkanntes beeinflusst die Art und Weise neuen Erkennens, das Erkennen erweitert, erneuert, gibt frischen Sinn dem Erkannten. [...] Der Satz: „jemand erkennt etwas" verlangt analog einen Zusatz z. B.:

„auf Grund des bestimmten Erkenntnisbestandes" oder besser „als Mitglied eines bestimmten Kulturmilieus" oder am besten „in einem bestimmten Denkstil, in einem bestimmten Denkkollektiv". Definieren wir „Denkkollektiv" als Gemeinschaft der Menschen, die im Gedankenaustausch oder in gedanklicher Wechselwirkung stehen, so besitzen wir in ihm den Träger geschichtlicher Entwicklung eines Denkgebietes, eines bestimmten Wissensbestandes und Kulturstandes, also eines besonderen Denkstiles.

Hiermit gibt das Denkkollektiv das fehlende Glied der gesuchten Beziehung." (Fleck, 1980: 54f)

Durch diese Gedanken inspiriert, entwickelt Thomas Kuhn (2001) später seinen Paradigmenbegriff. Dieser beschreibt den Konsens, den eine Wissenschaftlergemeinde zu einem bestimmten Zeitpunkt hat und der die gegebene Wissenschaft dominiert. Das Paradigma gibt meist eine implizite Handlungsanleitung darüber, mit welchen Methoden und Instrumenten der jeweilige Erkenntnisgegenstand zu erforschen ist. Dadurch entsteht innerhalb eines Paradigmas nicht nur Konsens darüber, was in einer bestimmten Disziplin als richtig angesehen wird, sondern auch was überhaupt wahrgenommen werden kann[2]. Hierbei spielen soziale Prozesse eine entscheidende Rolle. Mit dem Ziel, diese Paradigmen oder Bezugssysteme genauer unter die Lupe zu nehmen, entsteht in den 1960ern der wissenssoziologische Zweig der Wissenschaftssoziologie (vgl. Sell, 2010: 3). Einen starken Forschungszweig in dieser neuen Disziplin stellen die Laborstudien dar, die den Prozess der Wissensgewinnung im Labor untersuchen. Einer der prominentesten Vertreter dieser Laborstudien ist Karin Knorr Cetina. Sie untersuchte u.a. die Forschungspraxis in der Hochenergiephysik und Molekularbiologie. Ihr Fazit aus ihren qualitativen Studien war, dass beide Disziplinen auf gänzlich unterschiedliche Art und Weise Wissen herstellen und validieren. Hierbei entwickelte Knorr Cetina ihren Ansatz der Wissenskulturen, um dieses Phänomen verständlich zu machen. Sie definiert Wissenskulturen als „diejenigen Praktiken, Mechanismen und Prinzipien, die gebunden durch Verwandtschaft, Notwendigkeit und historische Koinzidenz, in einem Wissensgebiet bestimmen, wie wir wissen, was wir wissen“ (Knorr Cetina, 2002: 11). Zusammenfassend kann man sagen, dass Wissenskulturen sich darin unterscheiden, was sie als Wissen ansehen und wie es generiert werden kann. Im Unterschied zu Kuhns Paradigmenbegriff gibt es nach Ansicht Sandkühlers nicht nur eine Wissenskultur, die in einer Disziplin vorherrschend sein kann, sondern eine Fülle von „Ensembles epistemischer und praktischer Kontexte, die bei der Entstehung und in der Dynamik von Wissen wirksam sind und Geltungsansprüche und Standards der Rechtfertigung von Wissen bestimmen“ (vgl. Sandkühler, 2009). Wichtig ist hierbei der Aspekt, dass die Validität der Erkenntnis immer an die jeweilige Kultur und ihre Erzeugung gebunden ist. Daraus folgt, dass in anderen Wissenskulturen bestimmte Erkenntnisse ungültig sein können, da ihnen andere Kriterien der Validierung und Erkenntniserzeugung zugrunde liegen.

Im Folgenden werden nun die Neuropsychologie als einer der Hauptvertreter der Schulpsychologie sowie die Tiefenpsychologie als jeweils eigene Wissenskulturen vorgestellt.

Es wird darauf eingegangen, wie beide Kulturen eine andere Auffassung davon haben, was als Wissen angesehen werden kann und mit welchen Methoden das Wissen generiert werden soll.

2.1 Neuropsychologie als Wissenskultur

Da die Neuropsychologie eine Subdisziplin der Schulpsychologie darstellt, teilt sie die Grundannahmen zum „korrekten“ methodischen Vorgehen mit ihr. Das momentane Verständnis von Wissen und Wissensschaft in der Schulpsychologie bezieht folgende Gesichtspunkte in ihre Definition mit ein: die Minimierung der Urteilsverzerrung durch Standardisierung, operationale Definitionen und die Prüfung von Hypothesen durch Experimente (vgl. Zimbardo & Gerring, 2004: 29ff). Die heutige Schulpsychologie oder akademische Psychologie versteht sich als empirische Wissenschaft, die ihren Untersuchungsgegenstand mittels quantitativer Methoden erfassen will. Somit hat sich in der akademischen Psychologie ein methodisch-deduktives Vorgehen herauskristallisiert, welches nach folgendem Schema abläuft: Zunächst wird innerhalb eines theoretischen Rahmens eine Hypothese aufgestellt, wobei genau definiert sein muss, welche Variable von welcher anderen Variable bzw. von welcher Menge an Variablen abhängig ist. Daraufhin wird ein methodisches Forschungsdesign entsprechend der Forschungsfrage entwickelt, welches je nach Design entweder ein Experiment (Kausalaussagen) oder bspw. eine Feldforschung (keine Kausalaussagen) sein kann. Das Forschungsdesign beinhaltet u.a. die Angabe, wie eine bestimmte Stichprobe ausgesucht werden soll, wobei eine zufällige Auswahl der Stichprobe angestrebt wird um Störfaktoren zu vermeiden. Die zu untersuchenden Konstrukte müssen operationalisiert werden, d.h. anhand empirisch beobachtbarer Sachverhalte messbar gemacht werden. Ist das Forschungsdesign aufgestellt, erfolgt die Erhebung und anschließend die statistische Auswertung. Die ausgewerteten Daten werden dann dahingehend interpretiert, ob die anfänglich aufgestellte Hypothese zutrifft oder nicht (vgl. Sarris & Reiß, 2005). Diese Art des methodischen Vorgehens soll Ergebnisse erlauben, die so intersubjektiv wie möglich hergestellt wurden.

Der Mensch wird in der Neuropsychologie als biopsychosoziales Wesen betrachtet, wobei sein Verhalten nur nachvollziehbar gemacht werden kann, wenn das Zusammenspiel seiner Subelemente (Organe und Zellen) verstanden wird. Die Neuropsychologie verfolgt daher einen reduktiven Ansatz und geht davon aus, dass es keine Gedanken und Vorstellungen ohne ihre materielle Grundlage, das Gehirn, geben kann. Eine der Hauptfragen, die sich dementsprechend die Neuropsychologie stellt, ist die nach neuronalen Korrelaten geistiger Prozesse. So arbeitet sie mit funktionell-bildgebenden Verfahren wie der fMRT (funktionelle Magnetresonanztomographie) oder der PET (Positronen-Emissions-Tomographie). Beim fMRT-Verfahren werden bspw. mehrere Bilder vom Gehirn der jeweiligen Person erzeugt, wobei die momentane Hirnaktivität in einer bestimmten Region im Gehirn mit einer bestimmten geistig-mentalen Aktivität korreliert wird. Dieses Vorgehen soll Aufschlüsse über die jeweiligen neuronalen Korrelate geistiger Prozesse geben.

2.2 Tiefenpsychologie als Wissenskultur

Die Tiefenpsychologie ist ein Sammelbegriff für psychologische und psychotherapeutische Ansätze, die das Unbewusste in das Zentrum für die Erklärung menschlichen Verhaltens und Erlebens stellen. Die Tiefenpsychologie subsummiert verschiedene Schulen, wozu die Psychoanalyse (Sigmund Freud), die Analytische Psychologie (Carl Gustav Jung) sowie die Individualpsychologie (Alfred Adler) gehören. Die Psychoanalyse kann dabei als die prominenteste Schule der Tiefenpsychologie beschrieben werden, und ich werde mich daher hauptsächlich auf die Beschreibung der Psychoanalyse beziehen. Die psychoanalytische Vorgehensweise, die in diesem Abschnitt beschrieben wird, gilt gleichzeitig auch für eine Vorgehensweise in der Tiefenpsychologie im Allgemeinen. Auch wenn sich die einzelnen Schulen in verschiedenen Aspekten[3] unterscheiden, teilen sie neben dem Unbewussten gemeinsame wichtige Konzepte wie die Verdrängung, die Bedeutung der frühen Kindheit und die Idee der Übertragung und Gegenübertragung [4] (vgl. Elhardt, 2006).

Den Begriff der Tiefenpsychologie verwendete Freud erstmals ab 1913, um zu unterstreichen, dass die von ihm gegründete Psychoanalyse sich von der damaligen Schulpsychologie unterschied.

Der Psychoanalytiker Wolfgang Mertens zieht bereits am Anfang seines Lehrbuchs die Grenze zwischen Psychoanalyse und der Schulpsychologie:

"Es gehört zu den grotesken Fehlrepräsentationen der Psychologie, Psychologie mit der Psychoanalyse gleichzusetzen [...]. Tatsächlich gibt es kaum ein Gebiet, das dem Geist akademischer Psychologie [Schulpsychologie] konträrer ist, als die Psychoanalyse" (Mertens, 2005: 13).

[...]


[1] Bei dem hier verwendeten Namen Marta H. handelt es sich um eine Anonymisierung einer interviewten Ärztin und Psychotherapeutin aus Bielefeld.

[2] Bereits Fleck beschreibt in seinem Werk „Die Entstehung wissenschaftlicher Tatsachen" (1935) am Beispiel der Streptokokken den wichtigen Aspekt wie die Methodenwahl den Erkenntnisgegenstand beeinflusst.

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[3] Jung nahm u.a. an, dass es neben dem persönlichen Unterbewussten (wie von Freud postuliert) noch ein kollektives Unterbewusstes geben müsse. Adler hingegen stellte die menschliche Beziehung in den Mittelpunkt und betonte die Notwendigkeit, nach dem Zweck von Symptomen zu fragen, wohingegen Freud die Frage nach den Gründen in den Vordergrund stellte (Elhardt, 2006).

[4] Das Konzept der Übertragung beschreibt den Umstand, wenn eine Person Erwartungen oder Wünsche, die aus früheren wichtigen Beziehungen stammen, an das Verhalten oder an Eigenschaften anderer Personen richtet. Die Gegenübertragung beschreibt dann die emotionale Reaktion des Analytikers auf die Erwartungen der Person, die diese Erwartungen auf den Analytiker richtet.

Ende der Leseprobe aus 23 Seiten

Details

Titel
Wissenskulturen in der Psychologie - Identität und Konsens an der Grenze zweier Wissenskulturen
Hochschule
Universität Bielefeld
Veranstaltung
Wissenskulturen - Wissenschaft und Praxis
Note
1,0
Autor
Jahr
2011
Seiten
23
Katalognummer
V180048
ISBN (eBook)
9783656026518
ISBN (Buch)
9783656026099
Dateigröße
1078 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Knorr Cetina, Wissenskulturen, Wissenschaftssoziologie, Psychologie, Kuhn, Tiefenpsychologie, wissenschaftliche Praxis, Neuropsychologie, epistemische Grenze
Arbeit zitieren
Maxi Becker (Autor), 2011, Wissenskulturen in der Psychologie - Identität und Konsens an der Grenze zweier Wissenskulturen, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/180048

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