Das stalinistische Lagersystem der Sowjetunion in der Zeit zwischen den Weltkriegen


Seminararbeit, 2009

16 Seiten, Note: 1,7


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung
1.1 Untersuchungsgegenstand und Zielsetzung
1.2 Gang der Untersuchung

2 Charakter der Straflager
2.1 Die Vorläufer
2.2 GULag und die Insassen

3 Die Bedeutung der GULag und die Rolle der Zwangsarbeit
3.1 Funktion des Lagersystems
3.2 Wirtschaftliche Bedeutung und Arbeitskraftausnutzung

4 Auflösung des stalinistischen Lagersystems
4.1 Lageraufstände 1948-1952
4.2 Folgen und Auswirkungen des Lagersystems auf die sowjetische Gesellschaft

5 Fazit
5.1 Zusammenfassung der Ergebnisse
5.2 Rezeption im In- und Ausland

Literaturverzeichnis

Abkürzungsverzeichnis

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

1 Einleitung

1.1 Untersuchungsgegenstand und Zielsetzung

„Gulag“ ist die russische Bezeichnung für die Hauptverwaltung der Besserungsarbeitslager und benennt das System der Zwangsarbeits- und Straflager, Gefängnisse und Verbannungsorte in der Sowjetunion. Sie ist das Symbol für Unrecht, Sklavenarbeit und Willkür in der sowjetischen Gesellschaft der stalinistischen Ära. Das Lagersystem Gulag hatte seine festen Wurzeln in der Zeit vor dem Machtantritt Stalins. Die Verbindung zwischen Sowjetsozialismus und Zwangsarbeitslager begann 1918 unter Lenin und dauerte bis in die jüngste Gegenwart an. Bereits Ende 1919 gab es in Russland 21 Lager[1] und die Zahl stieg jedes Jahr rapide weiter. Die Inhaftierung der Kriminalverbrecher und politischer Gegner des bolschewistischen Regimes in unterschiedliche Orte seit der Entstehung des Lagersystems gilt als besonderes Merkmal der Lager. Im Zuge der Industrialisierung und Kollektivierung der Landwirtschaft Ende der zwanziger und Anfang der dreißiger Jahre nahm das Ausmaß der Repressionen rapide zu und erforderte eine Ausweitung von Inhaftierungsorten und den verstärkten Einsatz der Häftlinge als Arbeitskraft. Ab etwa 1929 gibt Stalin den Lagern eine neue Bedeutung. Er beschließt Zwangsarbeiter einzusetzen, um die Industrialisierung der Sowjetunion zu beschleunigen und neue Gebiete im Norden des Landes zu erschließen. Die politische und ökonomische Rolle des Lagersystems, eines gewaltigen Herrschaftsinstruments in der Sowjetunion, ist der Gegenstand dieser Arbeit. Auch wenn „die Befreiung der Arbeit die wichtigste Errungenschaft der russischen Revolution war“[2], wurde dennoch die Zwangsarbeit zu einem der wichtigsten Faktoren der wirtschaftlichen Entwicklung in der UdSSR. Es gilt, die Ursachen für den jahrelangen Ausbau des sowjetischen Lagersystems und die Bedeutung der Zwangsarbeit für die Sowjetunion und ihre Gesellschaft herauszuarbeiten. Dabei werden politische, ökonomische und gesellschaftliche Auswirkungen der Lagerarbeit in den Fokus gestellt.

1.2 Gang der Untersuchung

Im zweiten Kapitel dieser Arbeit wird der besondere Charakter der stalinistischen Straflager und seine Vorläufer vorgestellt. Des Weiteren werden die unterschiedlichen Insassengruppen der Lager genannt. Im nächsten Kapitel wird die zentrale Fragestellung, also die Bedeutung der Zwangsarbeit und der Lager herausgearbeitet. Dabei wird die gesellschaftliche und vor allem die wirtschaftliche Rolle des Systems diskutiert. Das vierte Kapitel widmet sich der Auflösung der stalinistischen Lager, den Lageraufständen nach dem Zweiten Weltkrieg und den gesellschaftlichen Auswirkungen dieser. Im letzten Kapitel wird ein zusammenfassender Überblick der Thematik gegeben und auf die Rezeption im In- und Ausland eingegangen.

2 Charakter der Straflager

2.1 Die Vorläufer

Die Organisation und Versorgung der Vollzugsanstalten unmittelbar nach der Oktoberrevolution waren größtenteils durch das im zaristischen Russland geschaffene System vorgegeben. Im Russischen Reich des Jahres 1917 wurden die meisten Gefängnisse von der Hauptverwaltung der Gefängnisse (GTU) des Justizministeriums in Zusammenarbeit mit den Behörden des Innenministeriums geleitet und waren vor Ort den Gefängnisabteilungen der einzelnen Gouvernements unterstellt.[3] Nach der Oktoberrevolution wurde das Justizministerium in das Volkskommissariat für Justiz (NKJu) umbenannt. Die neue Gefängnispolitik arbeitete nach zwei Hauptprinzipien: durch die Einnahmen aus der Häftlingsarbeit sollten die Haftanstalten finanziert und eine vollständige Umerziehung der Häftlinge angestrebt werden. Allerdings wurden die verantwortlichen Institutionen dieser Aufgaben nicht gerecht. Sowohl die Arbeitsbeschaffung als auch die Häftlingsaufsicht stellten sich als problematisch heraus. In den 20-ger Jahren wurden zahlreiche Dekrete zur Organisation und Ordnung der Haftanstalten erlassen. Die Entwicklung des Lagersystems verlief jedoch chaotisch und unsystematisch.

Die Haftanstalten waren Ende 1919 auf drei Behörden verteilt. Den NKJu und NKWD unterstanden Gefängnisse, Arbeitskolonien und Zwangsarbeitslager, die man „Besserungsarbeitseinrichtung“ mit gewöhnlichen Kriminelle als Insassen nannte. Die ČK und ihre Nachfolgeorganisationen GPU und OGPU verwalteten Sondergefängnisse und Konzentrationslager für politische Gegner.[4] Die Zahl der Insassen der Lager aller drei Behörden war wesentlich geringer als die des gesamten Lagergebietes der Stalinzeit. „Die ab 1921 gegründeten SLON (die Nördlichen Lager zur besonderen Verwendung) sind als Urzelle des späteren sowjetischen Lagersystems der Stalinzeit anzusehen“.[5] Sie galten zunächst als Politisolatoren und waren vor allem durch den besonders grausamen Umgang mit den Insassen bekannt.

In den Strafvollzugssystemen der zwanziger Jahre entwickelte sich das Wissen über Organisation und Methoden, das ab Ende der zwanziger Jahre im GULag der Stalinzeit systematisch genutzt wurde. In den dreißiger Jahren begann die Geheimpolizei der Sowjetunion die Kontrolle aller Strafanstalten zu übernehmen. Im Jahre 1930 wird laut Befehl der OGPU die Lagerverwaltung eingerichtet. Zur gleichen Zeit taucht die Bezeichnung GULag auf.[6] Die OGPU errichtete in diesen Lagern ein Regime, das sich fundamental von dem der früheren Politisolatoren und der Zwangsarbeitslager des NKWD unterschied. Die Lageordnung wurde härter, die Strafen reichten von Prügel über unterschiedliche Foltermethoden bis zu Hinrichtungen. Das stalinistische Lagersystem dehnte sich schließlich über ein riesiges Territorium in ganz Sowjetunion aus. Im Jahre 1934 wurde durch „das Dekret über die Bildung eines Volkskommissariats für Inneres der gesamten Sowjetunion“ die Hauptverwaltung der Lager (GULag) begründet[7]. Seit dieser Zeit unterstanden alle Haftanstalten dem NKWD.

2.2 GULag und die Insassen

Die GULag war nur eine Form des sowjetischen Lagersystems. Das Volkskommissariat für innere Angelegenheiten bestand aus insgesamt fünf Hauptverwaltungen. Eine dieser Hauptverwaltungen war GULag. Sie entwickelte sich von 1934-1956 zur größten Hauptverwaltung innerhalb der NKWD und MWD, war zentralisiert und besaß keine Untergliederungen in den Republiken und Gebieten. Die einzelnen Lagerebenen waren hierarchisch strukturiert und wurden von der Moskauer GULag - Zentrale aus geleitet. Das gesamte Lagersystem blieb innerhalb des NKWD völlig autonom.

In den GULag-Lagern entstanden verschiedene Lagerkategorien. Die drei wichtigsten waren Besserungsarbeitslager (ITL), Katorga-Lager, die ab 1943 innerhalb der ITL angesiedelt waren, und die Speziallager, die ab1948 für Konterrevolutionäre vorgesehen waren.[8] Weitere Lagerkategorien waren: Straflager, Geheime Lager, Invaliden-, Frauenlager, Scharaschkas usw. Es gab außerdem Kolonien für Kinder und Minderjährige und innerhalb des Verbannungssystems die Zwangssiedlungen. Ungefähr 80% aller Häftlinge in den Lagern machten „Politische“ und „Konterrevolutionäre“ aus, ca. 20% waren Kriminelle. Noch bevor sich das Lagesystem zum GULag der Stalinzeit gewandelt hatte, waren die Angehörigen der Elite aus vorkommunistischer Zeit, die den Bürgerkrieg überlebt hatten, zu Häftlingen gemacht worden. Dazu gehörten Pfarrer, Diplomaten, Hochschullehrer, Offiziere und Beamte. Als Konterrevolutionäre nicht an körperliche Arbeit gewöhnt, gehörten sie meist zu den ersten, die noch in den Konzentrationslagern an Erschöpfung starben.

Ab Mitte der dreißiger Jahre hat man die Häftlinge unterschiedlichen Kategorien zugeordnet. Es gab nichtpolitische Häftlinge und „Konterrevolutionäre“. Zu den „Politischen“ zählten Sozialrevolutionäre, Menschewiki und Anarchisten. Zu den „Konterrevolutionären“ zählten Mitglieder reaktionärer Parteien, wie z. B. die Konstitutionell-Demokratische Partei, zaristische Offiziere, leitende Beamte, Wohlhabende, Priester, „Nationalisten“, Auslandsrussen, Kronstadt-Matrosen, Geschäftsleute, Schwarzhändler und andere Untergruppen. In der ersten Hälfte der zwanziger Jahre waren die „Politischen“ an der Spitze der Häftlingshierarchie. Erst ab 1926 kamen größere Kontingente an Kriminellen in die Lager und wurden zur Lageraristokratie. Sie arbeiteten mit der Häftlingsselbstverwaltung und der OGPU eng zusammen. Die Politischen galten als besonders gefährlich und wurden daher strenger bewacht, besonders grausam behandelt und vor allem von Kriminellen schikaniert. Es existierten viele Unterkategorien, wie nationale und soziale Herkunft, religiöse Überzeugung, unterschiedliche Vergehen, die zur Inhaftierung führten. Hinzu kamen die Unterteilungen nach der Art der verrichteten Arbeit.

Im Jahre 1928 betrug die Zahl der Inhaftierten in allen Strafvollzugsanstalten des Landes ca. 200.000 Menschen, 1934 ist die Zahl auf fast 1.000.000 Menschen angestiegen.[9] In den dreißiger Jahren gab es einen gewaltigen Zuwachs an Häftlingen, es entstanden immer mehr Lager auch in den weit entlegenen Regionen wie Sibirien, Zentralasien und Ferner Osten. Daraus resultierte das Sprichwort: „Wer noch nicht deportiert ist, wird es noch werden.“[10] Nach dem Krieg gab es zahlreiche neue Inhaftierungen von allen, die wegen Spionage oder Terrorismus verurteilt wurden und außerdem die Trotzkisten, Menschewiken, Anarchisten, Nationalisten, „weiße“ Emigranten und Menschen mit antibolschewistischen Ansichten.[11]

3 Die Bedeutung der GULag und die Rolle der Zwangsarbeit

3.1 Funktion des Lagersystems

Das Lagersystem der Stalinzeit hatte zwei Wurzeln: den Besserungsarbeitsgedanken der Leninzeit, der in dem Zwangsarbeitslagesystem der russischen Volkskommissariate der NKJu und des NKWD realisiert wurde, und das Konzentrationslagersystem der Sicherheitsorgane ČK, GPU und OGPU.

Die wichtigsten Aufgaben der stalinistischen Lager waren die Isolation oder Vernichtung politischer Feinde. Straftäter sollten inhaftiert, vermeintliche und tatsächliche Gegner oder Konkurrenten sollten isoliert werden, die Sowjetbevölkerung sollte eingeschüchtert und die kommunistische Herrschaft gesichert werden. Die weitere Aufgabe war, die Arbeitskraft der Lagerinsassen in umfassender Weise der staatlichen Wirtschaftsplanung verfügbar zu machen und so einen Beitrag zum wirtschaftlichen Aufbau, aber auch zur Siedlungspolitik zu leisten. In den dreißiger Jahren ging es nicht mehr wie bei Lenin primär um die Umerziehung der Insassen, sondern vielmehr um die optimale Ausnutzung der Häftlinge für die politische und wirtschaftliche Entwicklung der Sowjetunion.

Mittels oben genannter Organisationsstrukturen wurde seit dem Oktobersturz während der zwanziger Jahre die Grundlage dafür geschaffen, dass mit der Einführung der Planwirtschaft ein wirtschaftlich bedeutsames Lagersystem aufgebaut werden konnte. Für den Unterhalt der Haftanstalten gewann die Häftlingsarbeit in den zwanziger Jahren zunehmend an Bedeutung. Das erklärte sich sowohl aus dem Machtkampf der Behörden, als auch aus der chronischen Unterfinanzierung durch den Staat, was zu einer drastischen Verschlechterung der materiellen Versorgung in den meisten Haftanstalten führte. Die Regierung betonte im Jahre 1929, dass die Produktivität der Gefangenenarbeit erhöht werden müsse. Zu diesem Zeitpunkt hatte die OGPU bereits viele Erfahrungen in der Organisation von Gefangenenarbeit in entfernten Regionen und verschiedenen Wirtschaftsbereichen, u. a. bei der Holzgewinnung gesammelt. Damals war Holz einer der wichtigsten Exportartikel der UdSSR. Die GULag gliederte sich in Hauptverwaltungen nach dem jeweiligen Wirtschaftszweig, z. B. Hauptverwaltung der Lager der Bergwerks- und Hüttenindustrie u. a. Außerdem gab es viele Abteilungen beispielsweise für bürokratische Angelegenheiten. Die Verwaltungen waren sehr kompliziert strukturiert und die Hierarchie war sehr schwer durchschaubar, was für die Leitung der Lager von Vorteil war, da die Gefangenen in diesem Systemlabyrinth am besten überwacht werden konnten.

Da es in den dreißiger Jahren nicht mehr primär um die Umerziehung der Insassen ging, sondern vielmehr um die optimale Ausnutzung der Häftlinge für die politische und wirtschaftliche Entwicklung der Sowjetunion, konnten nun aus dem Einsatz der Häftlinge Einnahmen erzielt werden, welche für die Erfüllung des Fünfjahresplanes dringend benötigt wurden. Mit den Vorbereitungen für die Erschließung von Erdölvorkommen in der ASSR der Komi unternahm die OGPU 1929 einen wichtigen Schritt, um die Einbeziehung von Häftlingsarbeit im Fünfjahresplan zu verankern. Seit 1930 vollzog sich der Ausbau des Lagersystems im Einklang mit den wichtigen wirtschaftspolitischen Entscheidungen. Als wichtigstes Beispiel für die Zwangsarbeit kann wohl die Grabung des Weißmeer-Ostsee-Kanals genannt werden. Eine sehr große Anzahl der Häftlinge war an diesem Projekt beteiligt und eine ebenfalls große Anzahl von ihnen kam dabei ums Leben.

Der Strafvollzug wurde somit den Industrialisierungszielen unterworfen und die von der GULag geleiteten Zwangsarbeitslager als integrale Bestandteile der Sowjetwirtschaft fest in die gesamtwirtschaftliche Produktionsplanung eingebunden. Seitdem stieg die Bedeutung der wirtschaftlichen Funktion immer mehr an. Das Lagersystem hatte also „die Doppelfunktion eines Herrschaftsinstruments und eines Wirtschaftsystems“.[12]

3.2 Wirtschaftliche Bedeutung und Arbeitskraftausnutzung

Die wachsenden Häftlingszahlen widersprachen den Ankündigungen des Marxismus. Doch die Hauptschwierigkeit war nicht ideologischer, sondern finanzieller Natur. Unter den Bedingungen der Neuen Ökonomischen Politik (NEP), in der Zeit der Massenarbeitslosigkeit, des Mangels an wirtschaftlichen Großprojekten, waren die „Lager-Unternehmen“ nicht konkurrenzfähig. Sie hatten keinen stabilen Absatzmarkt, die Qualität der Produkte ließ weiterhin zu wünschen übrig, die Produktionskosten waren zu hoch, was teilweise mit den hohen Ausschussraten zu tun hatte. Eine Wirtschaftlichkeit der Vollzugsanstalten wurde nicht erreicht, und für jeden neuen Häftling mussten zusätzliche Mittel aufgebracht werden. Diese Mittel wurden jedoch für die geplante Industrialisierung gebraucht. Die Leitung der Hauptverwaltung für Haftanstalten begriff, dass ohne den massenhaften Einsatz von Häftlingen bei ungelernten Arbeiten eine Wirtschaftlichkeit nicht erreicht werden konnte.

Die Häftlinge wurden für ihre Arbeit nicht mehr entlohnt und stellten außerdem den Ausgleich für die fehlenden Maschinen dar. Nicht nur das gesamte Lagersystem mit seinen Untergliederungen war fest in die gesamtwirtschaftliche Produktionsplanung, also in die Fünfjahrespläne, integriert, sondern nun auch die Planung der Gefangenenzahl. Die Erfüllung des Planes war oberstes und fundamentales Prinzip der GULag-Verwaltung und der Lagerleitungen. Die Verabschiedung des ersten Fünfjahrplanes Mitte 1929 sowie die radikale Kollektivierung in den Jahren 1930-1932 veränderten die Situation im Lande grundlegend. Bereits 1929 ging die Arbeitslosigkeit stark zurück und war 1930 komplett beseitigt. Um die Pläne der KPdSU in den 30er Jahren umzusetzen, mussten alle bedeutenden Ressourcen, also auch die Arbeitskräfte, auf den Baustellen der großen Industrie- und Transportprojekte eingesetzt werden. Große Besserungsarbeitslager, die in entlegenen und dünn besiedelten Regionen einzurichten waren, bildeten die Grundlage für das neue System, wobei bestehende Lager gleichzeitig ausgebaut werden sollten. Diese Lager sollten als Zentren angelegt werden, von denen die Besiedlung der umliegenden Region ausgehen sollte. Man beabsichtigte eine gezielte Ansiedlung von Häftlingen, die in die freie Ansiedlung überführt wurden. Zur wichtigen Produktionsaufgabe wurde die Gewinnung der natürlichen Rohstoffe mit Hilfe der Arbeitskraft von Gefangenen. Auf Befehl sollte jeder, der auch nur im Geringsten zu physischer Arbeit taugte und dessen Haftzeit ab drei Jahren aufwärts betrug, zu Arbeiten eingesetzt werden.

Die Lagerinsassen waren für die Sowjetunion in erster Linie Zwangsarbeitskräfte. Sie trugen dazu bei, den Arbeitskräftemangel in den Bereichen Bauwirtschaft, Holzwirtschaft, Bergbau und Rüstungsindustrie zu reduzieren. Die Nettoarbeitsleistung war kostengünstiger. Der Verpflegungs- und Versorgungsaufwand bewegte sich auf unterstem Niveau. Löhne wurden nicht oder nur in minimaler Höhe gezahlt, Arbeitsabwesenheit und andere Disziplinprobleme gab es infolge des strengen Lagerregimes kaum. Besonders wichtig wurde die Funktion der Zwangarbeitslager als Arbeitkraftreservoir für die neu erschlossenen Industriegebiete des Nordens und Ostens in der Endphase des Krieges und während der Nachkriegsjahre. Die Lagerzwangsarbeit wurde zum härtesten Mittel der Zwangsansiedlung und neben der Verbannung in verschiedene Arten von Zwangssiedlungen sowie dem Erlass vom Oktober 1940 über die Zwangsversetzung das wichtigste Instrument, um die Kolonisation des Hohen Nordens und anderer rohstoffreicher Gebiete voranzutreiben.[13] Für die Mehrzahl solcher Großprojekte wie Kola, Petschora-Workuta-Gebiet, BAM-Zone und Norilsk wurde der Grundstock durch den Großeinsatz von Häftlingen in der Stalinzeit gelegt. Zum Urbanisierungsprozess in bislang unbesiedelten Gebieten im Hohen Norden des europäischen Russlands, im nördlichen Teil Sibiriens und im Fernen Osten Russlands trugen die Zwangsarbeitslager erheblich bei. Sie gründeten viele Städte und waren an deren Errichtung maßgeblich beteiligt.

Es liegen keine Angaben vor, ob und wann der GULag die an ihn gestellten Normen erfüllt hat. Die von den Lagerverwaltungen gemeldeten Ergebnisse und Normerfüllungen waren, wie auch in der freien Sowjetwirtschaft, oft übertrieben und gefälscht. Die Gewinne des GULag seien vermutlich nicht für Investitionen des Staates, sondern zur Finanzierung des NKWD-Systems, zum Beispiel der NKWD-Streikräfte, verwandt worden.[14] Der stalinistische Terrorapparat und seine Unterorganisation GULag schädigten die Wirtschaft der Sowjetuinion im höchsten Maße. Die Zwangsarbeit bot indes die Möglichkeit, den Terrorschaden zu reduzieren, die Volkwirtschaft in Problembereichen nachhaltig zu unterstützen und die infrastrukturelle Erschließung des Nordens und Ostens voranzutreiben.

4 Auflösung des stalinistischen Lagersystems

4.1 Lageraufstände 1948-1952

Der grundlegende Umbruch im Herrschafts- und Wirtschaftssystem GULag fand in der ersten Hälfte der fünfziger Jahre statt. Ausgangspunkte der ersten Änderungen im Lagersystem waren zum einen Bemühungen um Verbesserung des Lebensstandards im Lager und zum anderen der Zusammenbruch der Lagerhierarchien und die damit verbundene Unruhen. Die Sowjetunion litt in der Nachkriegszeit erneut an einem enormen Arbeitskräftemangel, nicht zuletzt wegen vieler Kriegstoten. Die Versorgungssituation verschärfte sich in der Nachkriegszeit enorm. Da das System vor der Gefahr stand, seine volkswirtschaftlich bedeutsame Funktion zu verlieren, wurden die Existenzbedingungen der Häftlinge seit ca. 1948 erheblich verbessert. Es gab mehr Lohn, die Verpflegung wurde reichhaltiger und die medizinische Versorgung verbessert.

Trotz aller Verbesserungen stieg die Zahl der Befehls- und Arbeitsverweigerungen, Streiks und Rebellionen enorm an. Hungerstreiks, Arbeitsniederlegungen und politische Forderungen hatte es bereits am Ende der dreißiger Jahre gegeben. Diese endeten meist mit Erschießungen. Später kamen auch bewaffnete Aufstände dazu, erstmals während des Zweiten Weltkrieges und unmittelbar danach. Viele alteingesessene Häftlinge dachten, dass mit dem Kriegsende auch das Ende des sowjetischen Regimes kommen würde. Umso größer war die Verbitterung, als diese Hoffnungen enttäuscht wurden. Viele Lagerinsassen fielen der großen Hungersnot 1947/48 zum Opfer. Zu diesem Zeitpunkt saßen in den Lagern viele kriegserfahrene und widerstandsfähige Häftlinge, unter anderem Offiziere, Generäle und Partisanen. Sie waren nicht bereit, sich den herrschenden Strukturen zu fügen und sich den Hierarchien unterzuordnen. Solženicyn beschreibt einen dieser durch die russischen Militärmänner initiierten Aufstände 1948 in seinem berühmten Werk „Archipel-GULag“. Er berichtet über einen Aufstand, der offensichtlich ausweglos, jedoch es wert war, gegen das „Dahinvegetieren“ im Lager zu protestieren.[15] Seit 1948 entbrannten viele Massenaufstände in Workuta, in der Kolyma-Region, auf der Insel Sachalin, in der Republik Komi, in Karaganda, Krasnojarsk und in vielen anderen Orten. Gekämpft wurde vor allem gegen Willkür und miserablen Haftbedingungen. Zwar wurden alle Aufstände niedergeschlagen, aber die Lagerleitung hatte keine richtige Kontrolle mehr über die Einrichtungen. Schließlich endeten die Streiks mit einer Serie von Amnestien und langfristig mit einer Reorganisation und Neustrukturierung des gesamten Lagersystems.

Auflösung der Lager

Seit 1953 nach dem Tode Stalins wurde im MWD unter Berija, der seit 1938 das NKWD leitete, damit begonnen, Vorbereitungen dazu zu treffen, die Zahl der Zwangsarbeitslager zu reduzieren. Das Lagesystem wurde reformiert und die Sowjetführung begann die Insassenzahl der Lager durch eine Reihe von Amnestien zu verringern. Allerdings waren die politischen Häftlinge von dieser Amnestie ausgeschlossen. Es waren vor allem zwei Ereignisse, die das Lagesystem nachhaltig erschütterten: der Sturz Berijas im Juni 1953 und Lageraufstände 1953 und 1954.[16] In den Jahren 1954-56 wurde das Lagerregime erheblich erleichtert. Schon seit Jahren erhobene Forderungen der Insassen wurden nun erfüllt. Die Häftlingsnummern und die Gitter an den Barackenfenstern wurden entfernt. Den Häftlingen wurde erlaubt die Haare länger wachsen zu lassen. Arbeitslöhne hat man mit Geld ausgezahlt. Es wurde erstmals Besuchserlaubnis erteilt. Insgesamt gesehen, endet die Geschichte der stalinistischen Speziallager im Jahre 1954. Die zentralisierte GULag verlor in der Wirtschaftspolitik Chruschtschows, die auf Dezentralisierung ausgerichtet war, an wirtschaftlicher Bedeutung.

Im Mai 1956 wurde die GULag offiziell abgeschafft.[17] Die Auflösung war weniger ein politisches Zeichen, sondern die Folge der Dezentralisierung und Umorganisation des gesamten Staataufbaus. Das System der Lager war nicht nur aufgrund von Aufständen in eine Krise geraten, sondern auch in wirtschaftlicher Sicht, da das MWD nicht die festgesetzten Pläne erfüllen und letztlich auch keine positive Rentabilität der Lager ausweisen konnte. Nach sowjetischen Angaben sollen bis Mai 1957 rund 70 Prozent der Lagerinsassen entlassen worden sein. Die Entlassungen zogen sich über mehrere Jahre hin. Gesamtwirtschaftlich wichtige Lagerkomplexe wie Kolyma und Workuta arbeiteten zunächst normal weiter, wurden nach und nach abgebaut und erst Anfang der 60-ger Jahre geschlossen. Die Auflösung der GULag bedeutete nicht das Ende des GULag. Die Sowjetunion verfügte bis zu ihrem Zusammenbruch in 1991 über ein weitläufiges Lagersystem, welches weiterhin wirtschaftliche Aufgaben erfüllte. Die Lager wurden in Besserungsarbeitskolonien umbenannt.

[...]


[1] vgl. Applebaum, Anne (2003) : Der Gulag, Berlin : Siedler, S. 48

[2] A. Tjurina in D. Dahlmann/G.Hirschfeld (1999): Lager, Zwangsarbeit, Vertreibung und Deportation : Dimensionen der Massenverbrechen in der Sowjetunion und in Deutschland 1933 bis 1945, 1. Aufl., Essen : Klartext-Verl., S. 267

[3] vgl. Stettner, Ralf (1996): "Archipel GULAG": Stalins Zwangslager - Terrorinstrument und Wirtschaftsgigant : Entstehung, Organisation und Funktion des sowjetischen Lagersystems 1928 - 1956, Paderborn: Schöningh, S. 50 ff.

[4] vgl. Stettner, Ralf (1996), S. 50

[5] Stettner, Ralf (1996), S. 76

[6] vgl. Jakobson, Michael in Dahlmann, Dittmar (1999), S. 213 f.

[7] vgl. Kotek, Joël (2001): Das Jahrhundert der Lager : Gefangenschaft, Zwangsarbeit, Vernichtung, Pierre Rigoulot, Berlin, München: Propyläen Verl., S. 143

[8] vgl. Stettner, Ralf (1996), S. 194 ff.

[9] vgl. Jakobson, Michael in Dahlmann, Dittmar (1999), S. 207

[10] Kotek, Joël (2001), S. 142

[11] vgl. Kotek, Joël (2001), S. 145

[12] Stettner, Ralf (1996), S. 323

[13] vgl. Stettner, Ralf (1996), S. 329 ff.

[14] vgl. Stettner, Ralf (1996): S. 337 ff.

[15] vgl. Solženicyn, A. I. (2009): Arhipelag GULAG. 1918-1956: Opyt xudožestvennogo isledovanija. Moskva, PROZAiK, Band 3: Teil 5-7, S. 231 ff.

[16] vgl. Stettner, Ralf (1996): S. 350 ff.

[17] vgl. Stettner, Ralf (1996): S. 358

Ende der Leseprobe aus 16 Seiten

Details

Titel
Das stalinistische Lagersystem der Sowjetunion in der Zeit zwischen den Weltkriegen
Hochschule
Universität Mannheim  (Slavisches Seminar)
Veranstaltung
Übungsseminar: Sowjetunion in der Zeit zwischen den Weltkriegen
Note
1,7
Autor
Jahr
2009
Seiten
16
Katalognummer
V180700
ISBN (eBook)
9783656037613
ISBN (Buch)
9783656037958
Dateigröße
497 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
lagersystem, sowjetunion, zeit, weltkriegen
Arbeit zitieren
Tatjana Baron (Autor), 2009, Das stalinistische Lagersystem der Sowjetunion in der Zeit zwischen den Weltkriegen, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/180700

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