Männliche Hegemonie in der Türkei

Frauen zwischen Moderne und patriarchalischer Tradition


Hausarbeit, 2011
26 Seiten, Note: 1,7
Martina Sellis (Autor)

Leseprobe

INHALTSVERZEICHNIS

1. EINLEITUNG
1.1.ZUM THEMA
1.2.ZIEL UND AUFBAU DER ARBEIT

2. BEGRIFFLICHE ABGRENZUNG
2.1.HEGEMONIALE MÄNNLICHKEIT
2.2.PATRIARCHAT

3. DIE ENTWICKLUNG DER GLEICHBERECHTIGUNG IN DER MODERNEN TÜRKEI
3.1.GLEICHBERECHTIGUNG NACH DEM ZIVILGESETZ 1923
3.2.GLEICHBERECHTIGUNG NACH DEN JÜNGSTEN REFORMEN 2002, 2005
3.3.MANGEL AN GLEICHBERECHTIGUNG

4. DIE GLEICHBERECHTIGUNG DER FRAUEN IM ISLAM
4.1.DIE ÜBERLEGENHEIT DER MÄNNER GEGENÜBER FRAUEN
4.2.KONTROVERSE GLEICHBERECHTIGUNG IM ISLAM

5. DIE STELLUNG DER FRAU IN DER TÜRKISCHEN FAMILIE UND KULTUR
5.1.DIE STELLUNG DER FRAU IN DER FAMILIE
5.2.EXKURS: DIE EHRE ALS „MARKE“ DER FRAU

6. FAZIT

7. AUSBLICK

8. LITERATURQUELLEN

9. INTERNETQUELLEN

1. EINLEITUNG

1.1. ZUM THEMA

In der Türkei existieren Defizite im Bereich der Menschenrechte besonders im Hinblick auf die Gleichberechtigung der Geschlechter (Männle, 2005 und Falter, 2006). Seit der Regierungszeit von Kemal Atatürk räumt die Gesetzgebung nur in wesentlichen Punkten die Rechte der Frauen ein. Der Zusatz „Die Regierung ist verantwortlich für die Herstellung und Sicherung der Gleichberechtigung von Mann und Frau“ wurde erst mit den Vorbereitungen auf die EU Beitrittsverhandlungen im Frühjahr 2004 in der türkischen Verfassung notiert. Dabei sind die Reformen der Verfassung unabdingbare Voraussetzung für die Entwicklung der zivilen Gesellschaft. Viel wichtiger ist jedoch, die Änderung und Wahrnehmung der Gleichberechtigung von Männern und Frauen im Bewusstsein der Bevölkerung und der gelebten politischen Kultur zu verankern (Niebler, 2005).

Die Gleichstellung der Frauen in der modernen Türkei ist als prekär zu betrachten, da sie nicht nur von gesetzlichen, sondern auch von religiösen, gesellschaftlichen und regional-kulturellen Differenzen abhängt. Zusätzlich spielen der sozioökonomische sowie der ethnische Status eine wichtige Rolle, inwieweit die Frau ihre Rechte ausleben kann (Männle, 2005). Damit wird aber die Situation der Frauen nicht determiniert, denn darüber hinaus bestehen in der türkischen Gesellschaft das patriarchalische Denken und der Ehrenkodex, welcher einen hohen Stellenwert einnimmt und die Gleichberechtigung der Geschlechter sowie ihre tatsächliche Umsetzung nur schwerlich verarbeiten lässt.

1.2. ZIEL UND AUFBAU DER ARBEIT

„1:0 für Männer“ lautet ein türkisches Sprichwort. Warum beginnt das „Spiel der Geschlechter“ in einem Land, das als Vorbild für die arabischen Länder genannt worden ist (Pick, 6.2.2011), mit eins zu null für die Männer? Diese Frage bringt noch weitere mit sich: Wie sieht die rechtliche Gleichstellung in der Türkei aus? Welche Rolle spielt der Islam dabei? Wie wirkt sich das auf die gesellschaftlichen Normen aus? Welche Folgen hat das für die reale Lebenswelt in den Familien?

Hier soll die paradoxe Stellung der Frauen zwischen Moderne und patriarchalischer Tradition umrissen und die dominierende Macht der Männer im Leben der türkischen Frauen hervorgehoben werden. Dabei liegt der Untersuchungszeitraum zwischen dem Ende des Osmanischen Reichs und dem Beginn der Moderne mit der Gründung der Republik im Jahre 1923 bis hin zur Gegenwart.

Nach der Definition der wissenschaftlichen Begriffe (Kapitel 2) wird zunächst die Gleichstellung der Frau im gesetzlichen Recht (Kapitel 3) sowie im Islam (Kapitel 4) untersucht. Da die Familienstruktur und Kultur (Kapitel 5) einen wichtigen Einfluss auf die Gleichberechtigung der Geschlechter ausüben, soll zusätzlich darauf eingegangen werden. Ein kleiner Exkurs in die kulturelle Bedeutung der „Ehre“, aus dem Blickfeld der Geschlechtergleichberechtigung, wird dabei hilfreich sein.

2. BEGRIFFLICHE ABGRENZUNG

2.1. HEGEMONIALE MÄNNLICHKEIT

Eines der bedeutendsten theoretischen Konzepte in der Geschlechterforschung ist das soziologische Modell der „hegemonialen Männlichkeit“ von Robert Connell (1987). Connell greift auf den Hegemoniebegriff der Klassentheorie von Antonio Gramsci zurück, welcher ein Herrschaftsverhältnis unter Zustimmung des Beherrschten beschreibt. Unter „hegemonialer Männlichkeit“ ist keine individuelle Charaktereigenschaft zu verstehen, sondern das „Ergebnis konkreter sozialer Praktiken“ (Somersan, 2008:342), welche durch die Variabilität in einer sich wandelnden Struktur von Beziehungen gekennzeichnet ist (Brandes, 2002; Meuser, 2006b).

„Männlichkeit“ ist Connell zufolge durch eine doppelte Relation bestimmt: die zum eigenen und die zum anderen Geschlecht (Meuser, 2010). „`Hegemonic masculinity` is always constructed in relation to various subordinated masculinities as well as in relation to women” (Connell, 1987:183). Darunter ist eine männliche Suprematie gegenüber Frauen, wie auch eine Binnenhierarchie zwischen Männern zu verstehen (Connell, 1987, 2000). In dieser Hierarchie wird die Männlichkeit nach hegemonial und nicht-hegemonial unterschieden, wobei die nicht-hegemonialen nach „untergeordnet“, „komplizenhaft“ oder „marginalisiert“ unterschieden werden. Als „untergeordnete“ versteht man homosexuelle Männer (Connell, 2000; Meuser, 2006b). Die komplizenhafte Männlichkeit bezieht sich auf diejenige Männlichkeit, die der hegemonialen Männlichkeit nicht entsprechen (können), sie aber unterstützen. Untergeordnete Klassen, wie auch ethnische Zugehörigkeit, sind geprägt von der „marginalisierten“ Männlichkeit.

In der türkischen Gesellschaft spalten sich die Männer je nachdem, ob sie sich feminin oder wie ein Macho verhalten, in die Kategorien „Light Boy“ oder „richtiger Mann“[1]. Daher wird die weibliche Unterstützung der Männer in ihren Familien vor der Öffentlichkeit verheimlicht. Damit wird ihr Ansehen in der Gesellschaft gesteigert, bzw. nicht herabgesetzt (Bourdieu, 2005).

Unabhängig davon, ob die hegemoniale oder die nicht-hegemoniale Männlichkeitsform (Connell, 1996), geht es in jedem Fall um das gemeinsame Privileg der Männer, gegenüber der Öffentlichkeit ihre Unabhängigkeit von Frauen zu demonstrieren. Und damit genießen Männer offiziell ihre Überlegenheit gegenüber Frauen im Allgemeinen (Pohl 2004, Scholz 2004, Egert; Hagen; Powalla; Trinkaus, 2008). Diesen Aspekt bezeichnet Connell als „patriarchale Dividende“ (Connell, 1999:100).

Während Connell eher über die Beziehungsverhältnisse zwischen den Geschlechtern und unter Männern informiert, entwirft Pierre Bourdieu (2005) in seinem Ansatz der männlichen Herrschaft eine permanente Reproduktion männlicher Macht. Er erklärt anhand des „männlichen Habitus“ das Prinzip der sogenannten „libido dominandi“. Damit beschreibt Bourdieu eine grundsätzliche männliche Handlungsmotivation, die in erster Linie darauf abzielt, andere Männer zu dominieren. Erst in zweiter Hinsicht wird in diesem „symbolischen Kampf“ um öffentliches Ansehen unter Männern, die Dominanz über die Frau ein Mittel zum Zweck. Wer sich öffentlich nicht über seine eigene Schwester, Frau, Tochter erheben kann - wäre anderen Männern erst Recht unterlegen (ebd).

Connell und Bourdieu beschreiben beide die „doppelte Distinktions- und Dominanzstruktur von Männlichkeit“ (Meuser, 2006b). Ihr Fokus liegt auf der unterschiedlichen Auffassung der Herrschaftsdimension. Bei Bourdieu liegt er auf der homosozialen und bei Connell in der heterosozialen (ebd.). Doch bei beiden Konzepten liegt eine Kritik der begrifflichen Definition zugrunde.

2.2. PATRIARCHAT

Patriarchat stammt aus dem griechischen „Vaterherrschaft“ und taucht um 1900 auf. Der Begriff fasst die Vorherrschaft des Vaters oder auch die Vorrangstellung des Mannes in einer bestimmten Sozialstruktur zusammen. Die Erscheinungsformen des Patriarchats sind wie folgt registriert (Brockhaus Enzyklopädie, 2006):

1. Die Entscheidungsgewalt des Vaters über die Kinder.
2. Die privilegierte, auf Autorität und Fürsorge einerseits, und pietätvollem Gehorsam andererseits, basierende Vater-Sohn-Beziehung.
3. Die Weitergabe von Herrschaft und Besitz durch den Vater an den Sohn.
4. Die Kontrolle über die weibliche Sexualität.
5. Die Schutz- und Fürsorgepflicht sowie die Strafgewalt des Vaters.

Als wissenschaftliches Konzept gewann der Begriff durch die neue Frauenbewegung an Bedeutung. Unter dem Begriff Patriarchat versteht sich ein gesellschaftliches System, „in dem das männliche Oberhaupt des Haushalts die rechtliche und ökonomische Macht über die von ihm abhängigen weiblichen und männlichen Familienmitglieder ausübt“ (Lerner, 1991:295). Doch im Rahmen der feministischen Theorie fand diese Definition als Grundkonzept keine universelle Gültigkeit, welche jegliche Formen von Unterdrückung unabhängig der Zeit, der Ethnie und Gesellschaft beschreiben kann. Daher gilt Patriarchat in der feministischen Theorie allgemein als ein gesellschaftliches System, in dem die Machtbeziehungen zwischen den Geschlechtern asymmetrisch verteilt sind, „in which men dominate, oppress and exploit woman“ (Walby, 1990: 20; Cyba, 2010). In ihrer Analyse der Männerherrschaft in der türkischen Gesellschaft verwendet Kandiyoti (1991) den Begriff des „klassischen Patriarchat“ als „Summe institutioneller und kultureller Praxen“, „die zur Unterdrückung der Frauen führen“ (Kandiyoti, 1991:315). Dabei erklärt sie die Ehe und Familie als die wichtigsten Institutionen von patriarchalischen Beziehungen und unterstreicht die unmittelbare Legitimierung dieser Familienstrukturen in der staatlichen Gesetzgebung und deren Bedeutung für die Gesellschaftsform.

3. DIE ENTWICKLUNG DER GLEICHBERECHTIGUNG IN DER MODERNEN TÜRKEI

Die Gleichberechtigung der Frauen beruft sich nicht etwa auf die aktive Forderung von Frauen, sondern zunächst auf den „männlichen Feminismus“ (Kandiyoti, 1991:319) und später auf den „Staatsfeminismus“ (Tekeli, 1991:40) als Instrument des „nation-buildings“ (Kreile, 1997:256). Gegen Ende des 19. Jahrhunderts, als die gebildete Eliteschicht die Rettung des bedrohten Osmanischen Reichs mit der Emanzipation der Frau als Modernisierung identifizierte, rebellierten die Männer gegen das absolute Patriarchat des osmanischen Reichs und forderten die Freiheit vor konventionellen Traditionen (Kandiyoti, 1991). Daraufhin folgte 1908 eine nationalistische Bewegung aus dem Komitee „Einheit und Fortschritt“, die für eine Familienpolitik plädierte, welche die völlige „Gleichberechtigung zwischen den Eheleuten in einer monogamen und demokratischen Familie“ (Kandiyoti, 1991:321) einführen sollte. Im Kern dieser Veränderungen standen die Ausdehnung des ideologischen Konzepts der Säkularisierung sowie der staatlichen Kontrolle in den privaten Bereich der Familie. Nach dem neuen Familienmodell von 1917 wurde die „Nationale Familie“ definiert als eine monogame Kernfamilie im Gegensatz zur traditionellen osmanischen patriarchalischen Familie (Kreile, 1997). Für ihre Rolle als Mutter wurde der Emanzipation der Frauen eine tragende Rolle zugesprochen, da sie „für das Wohlergehen der Männer und zukünftiger Generationen“ sorgen mussten (Keinert, 2006:7; Berktay, 2001; Yuval-Davis, 2010).

Die ausschlaggebende Wendung für Frauen fand in zwei Reformen in der türkischen Geschichte statt. Die erste ereignete in den 20er Jahren des 20. Jahrhunderts, als Mustafa Kemal Atatürk mit der Republikgründung das islamische Recht, die Scharia,ufhob und stattdessen das schweizerische Zivilgesetz einführte (Agai, 2004):

[...]


[1] Ein „Light Boy“ steht für einen Angsthasen oder auch für einen Mann, der sich feminin verhält. Ein „richtiger Mann“ hingegen symbolisiert Macht und Schutz.

Ende der Leseprobe aus 26 Seiten

Details

Titel
Männliche Hegemonie in der Türkei
Untertitel
Frauen zwischen Moderne und patriarchalischer Tradition
Hochschule
Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf  (Kultur und Medien)
Veranstaltung
Sexuelle Differenz und männliche Herrschaft
Note
1,7
Autor
Jahr
2011
Seiten
26
Katalognummer
V180739
ISBN (eBook)
9783656035893
ISBN (Buch)
9783656035961
Dateigröße
494 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
türkische Frauen, männliche Hegemonie, patriarchat, tradition, ehre, männlicher habitus, männliche herrschaft, bourdieu, connell
Arbeit zitieren
Martina Sellis (Autor), 2011, Männliche Hegemonie in der Türkei, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/180739

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