"Was ist Fatmagüls Verbrechen?" - Vergewaltigung als Thema einer türkischen TV-Serie und ihre Wirkung in der Öffentlichkeit


Studienarbeit, 2011
17 Seiten, Note: 1,7
Martina Sellis (Autor)

Leseprobe

INHALTSVERZEICHNIS

1. EINLEITUNG
A. ZIEL DER ARBEIT
B. METHODISCHES VORGEHEN

2. BEGRIFFLICHE ABGRENZUNG
A. VERGEWALTIGUNG
B. TÜRKISCHE TV-SERIEN
C. ÖFFENTLICHKEIT

3. DIE THEMATIK DER SERIE
A. VERGEWALTIGUNG DURCH VIER MÄNNER
B. DIE VERLORENE EHRE DES OPFERS
C. DIE HEIRAT DES OPFERS MIT EINEM DER TÄTER ALS LÖSUNG
D. DIE BOTSCHAFT DER SERIE

4. DIE WIRKUNG DER SERIE AUF DIE ÖFFENTLICHKEIT
A. DIE SERIE SOLL ZENSIERT WERDEN
B. FATMAGÜL HAT DIE VERGEWALTIGUNG PROVOZIERT
C. ROMANTISIERUNG VON VERGEWALTIGUNG
D. VERMARKTUNG VON VERGEWALTIGUNG DURCH DIE SERIE

5. AKTUELLER BEZUG

6. ZUSAMMENFASSUNG UND DISKUSSION

7. LITERATURVERZEICHNIS

8. INTERNETQUELLEN

9. ABBILDUNGSVERZEICHNIS

1. Einleitung

A. Ziel der Arbeit

„Wenn eine Frau im Dekolleté läuft, dann soll sie sich über eine Vergewaltigung nicht wundern“, (Theologie-Professor Orhan Ceker, 18.2.2011) „Kastrationsstrafe für Vergewaltiger“ (Hürriyet, 9.2.2011); „Vergewaltigung soll normalisiert werden“ (Sabah, 23.11.2010). Mit diesen Schlagzeilen kam das Thema Vergewaltigung in die türkische Mediendebatte. Im Folgenden soll die Diskussion in der Öffentlichkeit rund um das Thema Vergewaltigung untersucht werden. Wer ist schuld an der Vergewaltigung? Der Täter oder das Opfer? Wie schafft es eine Unterhaltungsserie, das Thema in die Tagesordnung der seriösen Nachrichten zu treiben? Diesen Fragen soll im Speziellen in dieser Arbeit nachgegangen werden.

B. Methodisches Vorgehen

Zunächst werden die Begrifflichkeiten Vergewaltigung und Öffentlichkeit im Rahmen des Themas abgegrenzt sowie die Landschaft der Serien im türkischen TV unter besonderer Beachtung sexueller Gewalt präsentiert. Im Anschluss werden die wichtigsten Elemente der Serie „Was ist Fatmagüls Verbrechen?“ wiedergegeben, um die Thematik zu beleuchten. Zur Analyse der Wahrnehmung von Vergewaltigung in der türkischen Öffentlichkeit sollen ausgewählte Pressebeiträge mit den gegensätzlichen Reaktionen der Rezipienten der Serie behilflich sein. Zu diesem Zweck wird außerdem auf YouTube sowie auf Blogkommentare im Rahmen der Vergewaltigungssequenz Bezug genommen werden. Schließlich soll über die Debatte eines realen Vergewaltigungsfalls in der Türkei reflektiert werden, um die tragikomische Realität der fiktiven Serie darzustellen.

2. Begriffliche Abgrenzung

A. Vergewaltigung

Unter dem Begriff Vergewaltigung ist eine sexuelle Nötigung zu verstehen, „die das Opfer besonders erniedrigen“ (Brockhaus Enzyklopädie, 2006:754) soll. Dies liegt vor, wenn der Täter oral oder anal in den Körper des Opfers körperlich oder mit abgenötigten Gegenständen eindringt (Brockhaus Enzyklopädie, 2006). Beachtung fand das Thema in den 70er Jahren, während die Frau als Opfer von Vergewaltigung in das Interesse der Medien rückte. Die wissenschaftliche Literatur zu diesem Thema spezialisierte sich immer mehr. Frauen gruppierten sich, um auf internationaler Ebene Präventions- und Schutzmaßnahmen gegen Vergewaltigung vorzunehmen (Scully, 1994). Sie zielten darauf, Vergewaltigung als Problem der Gesellschaft aufmerksam zu machen. Doch im Endeffekt blieb die Vergewaltigung das Problem der Frauen, aufgrund der Tatsache, dass der Vergewaltigung eine psychopathologische Ursache zugrunde gelegt wurde (Conrad, Schneider, 1980; Bowman, Engle, 1965). Nach dieser Ansicht kann ein Vergewaltiger seinen sexuellen Drang nicht kontrollieren und die Straftat nicht vermeiden. Daher kann er für sein Verhalten nicht verantwortlich sein. Somit impliziert diese Ansicht die Beschuldigung des Opfers als provozierende Instanz und Verantwortliche der Tat, da die Frau in erster Linie mit anreizender Kleidung oder provozierendem Verhalten den Täter zur Vergewaltigung lockt (Scully, 1994; Saim, 2004). Demgegenüber steht die Argumentation, dass der Täter verantwortlich ist, da das Opfer in jedem Fall den psychischen und physischen Schaden erlebt (Saim, 2004).

B. Türkische TV-Serien

Serien sind fiktive Realitäten, das heißt, ausgedachte Inhalte mit einem kleinen Anteil von Realitätsbezug oder Realitätsrekonstruktion, also mit Szenen, wie sie in der sozialen Realität vorkommen könnten. Sie geben eine „idealisierte Version des Alltags“ wieder (Weiß, 2007:147). Damit die Darstellungen nicht völlig unglaubwürdig erscheinen und ihren Erfolg verlieren, werden aktuelle und reale Ereignisse in die Spielhandlung von Serien und Filmen integriert, sodass der “Schein von Realitätsnähe und Realitätswiedergabe auch auf fiktionale Sendungen” (Hickethier, 1994:59) übertragen wird.

In den türkischsprachigen Medien bieten die meisten Sender ein breites Spektrum an Serien, da die türkische Fernsehkultur durch Serien ernährt wird. Für jeden Abend ist eine andere Serie bestimmt, die mindestens 90 Minuten dauert. Anders als im deutschen Fernsehen, werden türkische Serienepisoden routinemäßig in den TV-Nachrichten und in den Printmedien erwähnt, sobald sie sensible Themen berühren. Den Rekord dabei erzielen Serien mit einem hohen Anteil an sexuellen Gewaltszenen, die aus ethisch-moralischen Gründen der türkischen Familienstruktur als besonders gefährlich scheinen. Die jüngsten Diskussionen in der Presse sind der Serie „Fatmagülün sucu ne?“ zu deutsch „Was ist Fatmagüls Verbrechen?“ gewidmet, welche in der vorliegenden Arbeit genauer untersucht wird. In diesem Zusammenhang beschreibt die FAZ (18.12.2010) das türkische TV Angebot folgendermaßen:

„Zappt man in der Türkei durch das abendliche Fernsehprogramm, dann begegnen einem unweigerlich Frauen, die von einem Mann geschlagen werden; die von einem Mann ans Bett gefesselt worden sind; die weinen, während sich ein Mann mit lustverzerrtem Gesicht über sie beugt. Meistens sagt er unsinnige Sätze wie: „Wehr Dich nicht, ich liebe Dich“ oder „Wehr Dich nicht, gleich gefällt es auch Dir“. Das türkische Fernsehen zeigt oft und gerne Gewalt, vor allem zeigt es Gewalt gegen Frauen. Die Einschaltquoten verraten, dass die Zuschauer nichts dagegen haben. Im Gegenteil: Was sie da sehen, gefällt.“

Damit bringt die FAZ die Thematik der Serien auf den Punkt: sie profitieren grundsätzlich durch die Darstellung sexueller Gewalt. Nach dem Erfolg der Vergewaltigungsszene in „Was ist Fatmagüls Verbrechen?“ brach plötzlich eine Vergewaltigungswelle in den türkischen TV-Serien los. Die Thematisierung von Gewalt in Zusammenhang mit sexueller Diskriminierung ist Studien zufolge in türkischen TV-Serien immer gegeben (Celik, 2000; Akdogan, 2004), um traditionelle Geschlechterrollenbilder und die patriarchalische Struktur beizubehalten, doch sexuelle Gewalt hat solch großen Zulauf erlebt, nie wie aktuell.

C. Öffentlichkeit

Etymologisch stammt der Begriff Öffentlichkeit aus dem 18. Jahrhundert, welcher ursprünglich den Bereich kennzeichnet, „der nicht geheim und damit der Allgemeinheit zugänglich ist (Ruhrmann, 1995:19), also den Bereich der politischen und sozialen Sprache (Brockhaus Enzyklopedia, 2006). Im 19. Jahrhundert erweitert sich der Begriff auf das Publikum, die freie Meinungsäußerung und Kritik (Ruhrmann, 1995). Es gibt Konzepte der Kommunikationswissenschaften, die die öffentliche Meinung untersuchen, wie die Schweigespirale ( Noelle-Neumann, 1991). Öffentlichkeit und öffentliche Meinung wird im Alltagsverständnis unterschiedlich verwendet. In dieser Arbeit liegt die Konzentration auf der Bedeutung der über die Massenmedien hergestellten Öffentlichkeit.

3. Die Thematik der Serie

Da die Serie „Was ist Fatmagüls Verbrechen“ aktuell noch im Fernsehen läuft, sollen im Folgenden nur die für die Arbeit relevanten Elemente genannt werden. Die Serie basiert auf einer wahren Geschichte, die Anfang der 80er Jahre von Vedat Türkali als Roman erschien und im Jahre 1986 verfilmt wurde. Seit dem 16. September 2010 wird sie nach einer breiten Werbekampagne auf dem Privatsender Kanal D als TV-Serie neu ausgestrahlt.

A. Vergewaltigung durch vier Männer

Fatmagül, die Protagonistin, ist ein 17jähriges Mädchen, das mit seinem geistig kranken Bruder Rahmi und seiner Schwägerin Mukaddes zusammen in einem Dorf nahe Izmir lebt. Die Vergewaltigung geschieht in der Nacht, als Fatmagül ihren Verlobten Mustafa, der ein Fischer ist, vor der Morgendämmerung zum Abschied zur Arbeit begleiten will. In dieser Zeit befinden sich vier betrunkene Männer, Selim, Erdogan, Vural und Kerim in der Umgebung, um die Verlobung von Selim zu feiern. Durch den hohen Konsum von Alkohol und Drogen verlieren die vier den Verstand, weshalb sie bei Entdeckung des Mädchens über sie herfallen. Erdogan, Selim und Vural, drei aus wohlhabenden Verhältnissen stammende] Cousins vergewaltigen nacheinander das Mädchen, zum Schluss geschieht die Tat Kerims, ein Handwerker, welche aber nicht mehr gezeigt wird.

[...]


Ende der Leseprobe aus 17 Seiten

Details

Titel
"Was ist Fatmagüls Verbrechen?" - Vergewaltigung als Thema einer türkischen TV-Serie und ihre Wirkung in der Öffentlichkeit
Hochschule
Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf  (Kultur und Medien)
Veranstaltung
Wahrnehmung unf Affekt
Note
1,7
Autor
Jahr
2011
Seiten
17
Katalognummer
V180743
ISBN (eBook)
9783656035886
ISBN (Buch)
9783656035954
Dateigröße
882 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Vergewaltigung, Gewalt, TV-Serie, türkische Medien, Fatmagülün sucu ne?
Arbeit zitieren
Martina Sellis (Autor), 2011, "Was ist Fatmagüls Verbrechen?" - Vergewaltigung als Thema einer türkischen TV-Serie und ihre Wirkung in der Öffentlichkeit, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/180743

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