Freitod eines Nihilisten oder ewige Wiederkehr?

Eine Deutung des Endes von Albert Ehrensteins „Tubutsch“


Hausarbeit, 2010

15 Seiten, Note: 2,3


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Der Nihilismus bei Nietzsche und Tubutsch
2.1 Zerfall von Zweck, Einheit und Wahrheit
2.2 Auswege aus dem Nihilismus

3. Der Entwicklung zum Selbstmord
3.1 Die Verbitterung Tubutschs
3.2 Tubutschs Rückzieher vor dem Selbstmord

4. Die Ewige Wiederkehr des Leidens
4.1 Anzeichen auf ewige Wiederkehr in Tubutsch
4.2 Anzeichen ewiger Wiederkehr im Werk Ehrensteins

5. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

„Der Nihilismus als psychologischer Zustand wird eintreten müssen erstens wenn wir einen ‚Sinn‘ in allem Geschehen gesucht haben, der nicht darin ist: so daß der Sucher endlich den Muth verliert.“1

Mit diesen Worten beginnt Nietzsche seine Argumentation in seinem Text Kritik des Nihilism - besser bekannt unter dem Titel Hinfall der kosmologischen Werte. Erscheint diese Aussage - Nietzsche typisch - auf den ersten Blick sehr forsch und verallgemeinernd, so ist sie doch umso interessanter im Vergleich zu Albert Ehrensteins Erzählung Tubutsch. Versucht man Tubutsch zu analysieren und legt dabei sein Augenmerk auf das Ende der Erzählung, so fragt man sich in Hinblick auf Nietzsches Aussage, ob nicht genau dieser psychologische Zustand des Nihilismus bei Tubutsch eintritt. Tubutsch hegt deutlich nihilistische Gedanken, auch wenn er sich selbst nie als Nihilist bezeichnet und im Laufe der Erzählung immer mehr den Mut verliert. Er wird destruktiver, bis er beginnt, über das Morden nachzudenken, und zuletzt scheint auch ein Selbstmord ihn immer weniger abzuschrecken. Dennoch schweigt sich Tubutsch über seinen letztlichen Verbleib aus und die offensichtliche Rahmung der Erzählung scheint nicht auf ein abruptes Ende zu verweisen. Wie passen also Dramatisierung, Selbstmordgedanken und der Verweis auf eine Art der ewigen Wiederkehr zusammen?

Um diese Frage zu erläutern, soll zunächst erörtert werden, inwiefern sich Tubutsch überhaupt als ein Nihilist im Sinne Nietzsches einstufen lässt, um daraufhin erklären zu können, wie es dazu kommt, dass Tubutsch gegen Ende der Erzählung immer mehr den Mut verliert, destruktiver wird und sich sogar immer wieder den eigenen Tod herbeiwünscht. Dabei wird eine Entwicklung aufgezeigt, die in der mir bekannten Forschungsliteratur noch nicht genug erfasst wurde. In der weiteren Analyse wird, unter Einbezug anderer Texte von Ehrenstein und einem Vergleich zu Nietzsches Begriff von ewiger Wiederkehr, erläutert werden, wie sich diese Entwicklung hin zum Selbstmord doch mit der ewigen Wiederkehr vereinbaren lässt.

Die Bezüge zu Nietzsche sollen dabei nicht als Einfluss auf Albert Ehrenstein gewertet werden, sondern lediglich als Hilfe dienen, um Tubutschs Verhalten zu analysieren und mit den Theorien Nietzsches zu vergleichen.

Außerdem werde ich in meinen Erörterungen davon absehen, dass Ehrensteins Erzählung häufig absurde und komische Formen annimmt und damit den Humor, der ohne Frage in dem Text zu finden ist, gezielt ausblenden. Dadurch möchte ich den Abstand zu den Auswirkungen von Tubutschs Gedanken, die der Humor mit sich bringt, verringern um sie besser deuten zu können.

Zuletzt wird leider auch nicht zu klären sein, ob die ewige Wiederkehr bei Ehrenstein sowie bei Nietzsche nun „‚Gedanke‘ ist oder ‚Mythos‘, ob sie eine ‚Erfahrung‘ ist, welche durch ‚Denken‘ nicht ‚eingeholt‘ werden kann[...]“2, oder in welcher anderen Ausprägung sie sich letztendlich deuten lässt.

2. Der Nihilismus bei Nietzsche und Tubutsch

2.1 Zerfall von Zweck, Einheit und Wahrheit

Nach Nietzsche gibt es genau drei Begebenheiten, die dazu führen können, dass der psychologische Zustand des Nihilismus eintritt. Zunächst ist es die erfolglose Sinnsuche. Dem Menschen wird bewusst, dass kein Zweck in den Dingen liegt, dass es keine Ziele gibt, da diese einen Zweck voraussetzen würden, und dass das ganze Werden sinnlos ist. Des weiteren tritt der Nihilismus ein, wenn der Mensch seinem Sein eine Ordnung zu Grunde gelegt hat - ein umfassendes System, dass ihm die Welt begreiflich gemacht hat. Solch eine Ordnung - sei es eine familiäre, staatliche, kirchliche oder andere Struktur - muss zerbrechen, wenn erkannt wird, dass es eine Konstruktion des Menschen ist, die erzeugt wurde, um ihr einen Wert geben zu können, die aber keinen eigenen Wert inne hat. Zuletzt bleibt nur die Ausflucht in die Metaphysik. Der Mensch leugnet die Welt um ihn herum, stellt sie als bloße Erscheinung dar und erdenkt sich eine „wahre Welt“3. Doch nach Nietzsche wird ihm dieser Vorgang der Flucht in jedem Fall irgendwann bewusst. Daraufhin hat der Mensch keine Berechtigung mehr, an diese metaphysische Welt zu glauben, die ihm nur als Ausweg, als psychologisches Bedürfnis gedient hat.

In Ehrensteins Erzählung treten nun genau diese Begebenheiten in Erscheinung. Ständig hinterfragt er den Zweck seines eigenen Handelns und des Handelns anderer Menschen. Indem er einen wissenschaftlichen Essay mit dem Thema: „Von den Wachleuten und ihren Gerüchen“4 plant, stellt er den Sinn von Wissenschaft in Frage. Indem er die Lebensgeschichte seines Schusters wiedergibt, der, nur da ihm der Vater gestorben war, nicht das Gymnasium und die Universität besuchen konnte, dekonstruiert er den Zweck gesellschaftlicher Ideale. Wenn er darüber nachdenkt, einem Einbrecher zuvorzukommen und ihm freiwillig sein Geld und seine Uhr zu überreichen, scheint dies weniger ein Hinweis darauf zu sein, dass er Angst um sein Leben hat, als das ihm einfach der Sinn von Besitztümern verloren gegangen ist. All dies sind Beispiele dafür, wie sinnlos das Leben und Werden von Tubutsch erscheinen.

Ebenso verhält es sich mit typischen Systemen und Ordnungen, die der Mensch sich normalerweise versucht zu erhalten. Schon mit dem kurzen Satz: „Früher besaß ich auch einen entfernten Verwandten“5, zerstört Tubutsch familiäre Strukturen. Die Tatsache, dass einem Verwandten dieser Status nicht durch Worte aberkannt werden kann, ist Tubutsch unbekannt. Er kennt das System nicht mehr und hat somit das Recht, dies aufgrund einer Lappalie zu tun.

[...]


1 Friedrich Nietzsche: Sämtliche Werke. Kritische Studienausgabe in 15 Bänden. Hrsg. von Giorgio Colli und Mazzino Montinari. München: de Gruyter 1999. Bd. 13: Nachgelassene Fragmente. 1887 - 1889. S. 46.

2 Reinhard Knodt: Friedrich Nietzsche - die ewige Wiederkehr des Leidens. Selbstverwirklichung und Freiheit als Problem seiner Ästhetik und Metaphysik. Bonn: Bouvier 1987. S. 137.

3 F. Nietzsche: Sämtliche Werke. Bd. 13. S. 48.

4 Albert Ehrenstein: Tubutsch. Mit 12 Zeichnungen von O. Kokoschka. Wien: Jahoda & Siegel 1911. S. 15.

5 A. Ehrenstein: Tubutsch. S. 22.

Ende der Leseprobe aus 15 Seiten

Details

Titel
Freitod eines Nihilisten oder ewige Wiederkehr?
Untertitel
Eine Deutung des Endes von Albert Ehrensteins „Tubutsch“
Hochschule
Westfälische Wilhelms-Universität Münster  (Germanistisches Institut)
Veranstaltung
Nietzsche und die literarische Moderne
Note
2,3
Autor
Jahr
2010
Seiten
15
Katalognummer
V181079
ISBN (eBook)
9783656042129
ISBN (Buch)
9783656041887
Dateigröße
459 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Der Korrektor bemängelte vor allem das Fehlen eines abschließenden Fazits, auch wenn ich behaupte, dass dieses vorhanden ist. Ich hätte es womöglich deutlicher kennzeichnen müssen. Inhaltlich und argumentativ hielt er die Arbeit für wesentlich besser, als die Note es angibt.
Schlagworte
Tubutsch, Albert Ehrenstein, Friedrich Nietzsche, Wiener Moderne
Arbeit zitieren
Ruben Grimm (Autor), 2010, Freitod eines Nihilisten oder ewige Wiederkehr?, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/181079

Kommentare

  • Noch keine Kommentare.
Im eBook lesen
Titel: Freitod eines Nihilisten oder ewige Wiederkehr?



Ihre Arbeit hochladen

Ihre Hausarbeit / Abschlussarbeit:

- Publikation als eBook und Buch
- Hohes Honorar auf die Verkäufe
- Für Sie komplett kostenlos – mit ISBN
- Es dauert nur 5 Minuten
- Jede Arbeit findet Leser

Kostenlos Autor werden