Restringierter Kode - Eigenschaft weniger gebildeter Menschen oder Alltag?

Eine soziolinguistische und syntaktische Analyse


Masterarbeit, 2011
50 Seiten, Note: 1,0

Leseprobe

INHALTSVERZEICHNIS

1. Einfuhrung

2.. DieKode-Theorie
2.1. Basil Bernstein
2.2. Die Defizithypothese
2.3. Restringierter und elaborierter Kode.

3. Kritik an der Defizithypothese
3.1. William Labov.
3.2. Die Differenzhypothese
3.3. Labovs Untersuchungen

4. Restringiert vs. elaboriert aus neueren Sichten

5 Gesprochene vs. geschriebene Sprache

6.. Grammatische Analyse restringierter Sprache
6.1. Einfuhrung in die Syntax
6.2. Restringierter Kode in Werbungen.
6.3. Elision und Verschmelzung bei dem restringierten Kode
6.4. Elliptische Satze des restringierten Kodes
6.5.Syntaktische Analyse des weniger komplexen Satzbaues im restringierten Kode

7.. Schlussfolgerung

8. Abkurzungsverzeichnis

9.. Literaturverzeichnis

1. EINFUHRUNG

Die Soziolinguistik entwickelte sich als Zweig der Sprachwissenschaft in den sechziger Jahren des zwanzigsten Jahrhunderts, vor allem dank Basil Bernsteins Arbeiten. Im Laufe der Zeit entstanden zwei argumentationsgegnerische Richtungen bezuglich der Interaktion von Sprache und sozialem Status. Die eine des Soziolinguisten Basil Bernstein und unter dem Namen Defizithypothese gefuhrt, die andere des Linguisten William Labov unter dem Namen Differenzhypothese. In unserer Arbeit werden zunachst diese beiden Forschungsansatze dargelegt. In den Mittelpunkt werden dabei der restringierte und der elaborierte Kode gestellt. Sie werden zuallererst aus soziolinguistischer Sicht dargestellt, aber daruber hinaus auch aus syntaktischer. Es wird versucht, die Merkmale des restringierten Kodes anhand von Beispielen zu analysieren, die zum einen aus einer relativ neuen Kommunikationsform, wozu unter anderem Chats sprich Foren und Facebook gehoren und zum anderen aus einer Reality-Show entnommen werden. Das Ziel ist, zu zeigen, dass der restringierte Kode, so wie er von Bernstein definiert worden ist, tatsachlich zum Alltag fast aller Menschen, unabhangig von deren sozialem Status, gehort und dass dies nicht zwangslaufig bedeutet, dass man nebenbei keinen elaborierten Kode benutzen kann, was daher im Gegensatz zur Bernsteins Hypothese steht, die unter anderem besagt, dass die Arbeiter- oder Unterschicht nur den restringierten Kode benutzen kann. Der entscheidende Faktor, der dazu beitragt, welchen Kode man verwendet, ist die soziale Situation, in der man sich gegebenenfalls befindet, was wiederum im Einklang mit Labovs Ansichten steht. Sehr wichtig, um uber den restringierten Kode sprechen zu konnen, ist naturlich die Unterscheidung zwischen gesprochener und geschriebener Sprache, die auch vorgenommen wird. Denn wird sich nicht die Ausdrucksweise eines Schulers, wahrend er mit seinem Lehrer spricht, oder eine Seminararbeit schreibt von derjenigen unterscheiden, die bei einer Unterhaltung mit Freunden in der Pause oder im Chat von ihm verwendet wird?

2. DIE KODE-THEORIE

2.1. Basil Bernstein

Basil Bernard Bernstein war ein britischer Soziolinguist und Padagoge. Er arbeitete an der London School of Linguistics, wo er auch seine Thesen von 1958 bis 1971 entwerfen konnte (Ernst, 1994: 12). Bekannt wurde er durch seine fur die Soziolinguistik pragende Defizithypothese, auch Bernstein-Hypothese oder Kode-Theorie genannt. Insofern pragend, da er einer der ersten Forscher ist, der die Gesellschaft als Einflussfaktor in die Linguistik miteinbezog (Verse, 2009: 4).

2.2. Die Defizithypothese

Basil Bernstein (1979) war der Uberzeugung, dass Menschen aus verschiedenen gesellschaftlichen Schichten Unterschiede in Spracherwerb und Sprachverhalten aufweisen. Er ging naturlich noch weiter und behauptete, dass das Sprachverhalten der Vertreter der Arbeiter- oder Unterschicht defizitar im Gegensatz zu dem der Vertreter der Mittelschicht ist.

Bernstein hat seine Theorien auf den Forschungsergebnissen von Schatzmann und StrauB sowie auf der Relativitatshypothese von Sapir und Whorf aufgebaut.

Schatzmann und StrauB haben eine Untersuchung nach einem groBen Tornado in Arkansas durchgefuhrt, wobei die Befragten uber ihre Erlebnisse und Eindrucke erzahlen sollten (Weber, 2001: 39). Sie hatten damals festgestellt, dass die Angehorigen der Unterschicht ihre Eindrucke uber die Katastrophe anders schilderten als die der Mittelschicht. Diese Ergebnisse erganzte Bernstein durch seine eigenen Beobachtungen und zog daraus die Schlussfolgerung, dass die Unterschicht sich eine offentliche (spater von ihm restringierte genannt) und die Mittelschicht eine formale (spater elaborierte) Sprache aneignet und benutzt (Weber, 2001: 40).

Sapir und Whorf kamen mit ihren Untersuchungen zur Feststellung, dass Sprache, Denken und Wahrnehmung untrennbar miteinander verbunden sind, d.h. ,,Sprache determiniert die Wahrnehmung und das Denken“ (Veith, 2005: 111). Diese und seine (Bernsteins) Forschungen ergaben zusammen eine fur ihn logische Annahme, namlich dass derjenige, der restringiert spricht auch restringiert wahrnimmt, restringiert denkt und dementsprechend ein kognitives Defizit im Unterschied zu den sog. elaborierten Sprechern aufweist (Veith, 2005: 111).

Zunachst soil die von Bernstein vorgenommene Unterscheidung von zwei Sozialschichten erklart werden. Er hat namlich, wie bereits kurz erwahnt worden ist, zwischen der Arbeiter- oder Unterschicht und der Mittelschicht unterschieden, und zwar wie folgt:

Mittelschicht- das sind ,,entweder Familien, in denen eher der Vater hohere Schulbildung oder irgendeine Form von Weiterbildung oder abgeschlossener Berufsausbildung hat, oder Familien, in denen eher die Mutter etwas mehr als Volksschulbildung empfangen hat oder vor der Ehe einen Beruf ausubte, der dem des Vaters uberlegen war (...).“ (Klein, Wunderlich, 1972: 21)

Arbeiter- oder Unterschicht- sie ,,umfasst alle Mitglieder der angelernten und ungelernten Arbeitergruppen auBer jenen, fur die die Art der Familienstruktur typisch ist, die wir als die untere Grenze fur 'Mittelschicht und entsprechende Ebenen' annahmen.“ (Klein, Wunderlich, 1972: 22)

Aus diesen Erklarungen kann man leicht bemerken, dass dies kein genaues, ins Detail gehendes soziologisches Modell ist. Nach Wolfgang Klein und Norbert Dittmar (Klein, Wunderlich, 1972: 22) sind diese Unterscheidungen nicht unmittelbar mit praziseren Einteilungen zu verknupfen, wie ,,Arbeiter vs. Angestellte + Beamte“ usw. Sie bemerken auBerdem, dass die Familienstruktur eine wesentliche Rolle spielt. Bernstein (1979: 151) berichtet, dass, falls die Kinder als ,,kulturell oder linguistisch behindert“ kategorisiert werden, die Eltern ihrer Rolle nicht gewachsen sind. Diese und ahnliche Bemerkungen von ihm zeigen, welchen Standpunkt er vertreten hat. Namlich, dass die Eltern groBen Einfluss darauf haben, wie sich ihr Kind spater ausdrucken wird. Dort wo Gehorsam, Unterordnung, Autoritat zum Vorschein kommen, herrsche der restringierte Kode. Dem Kind wird nicht erklart, warum er etwas nicht tun oder tun soll, Fortschritte werden nicht belohnt, Bestrafungen nicht begrundet. Diese Autoritat lasst keine Diskussionen und damit keine Ausarbeitung in verbaler Kommunikation zu. Solche Art von Erziehung soll bei der Arbeiterschicht vorhanden sein. Bernstein (1979: 26) nennt folgendes Beispiel: Die Mutter sagt zum Kind im Bus: ,,Halte dich fest!“ Das Kind: „Warum?“ Die Mutter: „Halte dich fest!“ Das Kind: „Warum?“ Die Mutter: ,,Ich habe dir doch gesagt, halte dich fest, oder?“. Man kann hier deutlich sehen, dass der Grund, warum sich das Kind festhalten soll, die Autoritat ist, welcher sich das Kind nicht widersetzen darf, sonst wurde wahrscheinlich ein Satz wie folgender dazu kommen: ,,Weil ich es so sage“ oder ,,Weil ich deine Mutter bin“.

Bernstein (1979) hat diese Einteilung mit dem Zugang zu Privilegien gleichgesetzt. Seiner Meinung nach kommuniziere die Mittelschicht expliziter und deutlicher, weswegen fur diese privilegierte Schicht alle Turen offen fur den weiteren Erwerb von Privilegien seien. Wahrenddessen kommuniziere die Unterschicht impliziter, verfuge uber eine weniger leistungsfahige Sprache, was ihr den Zugang zu gesellschaftlichen Privilegien blockiere. Aus solchen und ahnlichen Feststellungen schlieBt Bernstein, dass die Unterschicht gegenuber der Mittelschicht sozial benachteiligt sei.

Entspricht dies der Wahrheit? Genau das war der Angriffspunkt fast aller spateren Kritiken an seiner Arbeit, worauf wir spater zuruckkommen werden. Nun aber wird seine Unterteilung der Sprache in zwei verschiedene Varianten vorgenommen, namlich zum einen die restringierte und zum anderen die elaborierte Sprechweise.

2.3. Restringierter und elaborierter Kode

Das Wort Kode bedeutet im Englischen „Signalsystem“ oder „Chiffrierbuch“ (Veith, 2005: 102). Allerdings benutzte Bernstein diese Bezeichnung fur seine dichotome Unterteilung in zwei Formen des Sprachgebrauchs.

In seinen fruheren Arbeiten nannte er diese verschiedenen Sprechweisen formal und offentlich und zu der Zeit gewannen sie nicht seine volle Aufmerksamkeit. Erst einige Jahre spater kam es zu einer Umbenennung und formal wurde zu elaboriert, wahrend offentlich in restringiert geandert worden ist und irgendwie analog dazu kam auch sein vollstes Engagement fur diese beiden Kodes.

Restringierter und elaborierter Kode unterscheiden sich in vielen verschiedenen Merkmalen, vor allem aber hinsichtlich Wortschatz und syntaktischer Struktur. Wortwahl, grammatische Korrektheit und Komplexitat, Explizitheit, argumentative Strukturierung, Abstraktionsniveau, Vorhersehbarkeit, Kontextabhangigkeit sind alles Merkmale, in welchen sich diese beiden Kodes unterscheiden. Folgende Tabelle zeigt die von Veith (2005: 13) ausgewahlten Merkmale der Bernsteinischen Kodes. Im Nachhinein werden wir diese auch erlautern.

Abb. 1Von Werner Veith ausgewahlte Merkmale der beiden Kodes

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Satzbau- der elaborierte Kode soll sich eines komplexen Satzbaues und eines nicht festgelegten Satzmusters bedienen. Nebensatze, mit deren ublichen Konjunktionen wie 'wegen', 'obwohF, 'weil' usw. sollen standardsprachlich ofters vorhanden und mehr abwechslungsreich sein als beim restringierten Kode, bei welchem Konjunktoren wie 'und', 'oder', 'dann' vorherrschen sollen, also eher nebengeordnete als untergeordnete Satze. Bernstein ging noch weiter in seinen Annahmen und behauptete, dass Kinder aus der Unterschicht kaum noch dazu fahig sind, Nebensatze zu bilden (Dittmar, 1973: 56). Daraus schlieBt Bernstein (1979), dass sich die Mittelschicht, ergo die elaborierten Sprecher komplexer ausdrucken, Probleme werden verhandelt, Sachen erklart, Emotionen erlautert, all dies im Gegensatz zur Unterschicht, zu den restringierten Sprechern, bei denen es keine Erlauterungen, Erklarungen usw. geben soll.

Satzlange- die Unterschicht soil relativ kurze, grammatisch einfache, oft auch unvollstandige Satze verwenden im Gegensatz zur Mittelschicht.

Prapositionen- der restringierte Kode soll eine begrenzte Verwendung von Prapositionen aufweisen, wahrend beim elaborierten die relativ haufige Verwendung derselben logische Beziehungen andeuten soll. Starr und begrenzt soll auch die Verwendung von Adjektiven und Adverbien bei dem restringierten Kode sein. Weil dies nach Bernstein (1979: 70) gesellschaftliche Symbole sind, uber welche die Absichten ubertragen werden, sinkt mit deren Ausfall die verbale Ausarbeitung von Absichten drastisch. Im Gegensatz dazu steht die differenzierende Verwendung derselben bei dem elaborierten Kode.

Variationsbreite- der elaborierte Sprecher verfuge uber eine groBe Breite an Moglichkeiten auf syntaktischer und semantischer Ebene (Beer, 2007: 39), um sich explizit auszudrucken, um seine Wunsche und Emotionen zu verbalisieren und noch Vieles mehr, weswegen seine Aussagen schwer vorherzusagen seien. Die Aussagen des restringierten Sprechers sollen dagegen recht vorhersehbar aufgrund der Annahme sein, dass sie uber weniger Sprachmaterial verfugen.

Pausen- Angenommen wird, dass im elaborierten Kode ,,die AuBerungen laufend neu und hochindividualisiert strukturiert“ sind (Kohler, 2006: 53). Der Sprachfluss soll dementsprechend kontrollierter sein und deswegen sollen Sprechpausen oder auch langeres Zogern entstehen konnen (Beer, 2007: 39). Stattdessen soll der Sprachfluss im restringierten Kode schnell, pausenlos und flieBend durchlaufen (Beer, 2007: 39). Bernstein (1979: 71) bemerkt, dass die Gedanken oft einander folgen ,,wie Perlen auf einer Schnur“, anstatt eine organisierte Sequenz darzustellen, weswegen es leicht zur Wiederholung von Informationen kommen kann. Norbert Dittmar gibt uns eine interessante aber, wie er selber bemerkt, „uberspitzte“ Darstellung dieser Pausentheorie von Bernstein, namlich dass ,,je weniger und je kurzere Pausen jemand macht, desto unorganisierter und unsinniger redet er daher“ (1973: 62-63). Aber letztendlich hangt dies nun wirklich am meisten von der Situation ab. Im Grunde ist es so, dass, wenn man sich beispielsweise wohl fuhlt, redet man dementsprechend ruhiger und uberlegter, aber wenn man sich nun in einer unangenehmen Situation verseht (wie z.B. die typischen „Lampenfiebersituationen“) kann es durchaus geschehen, dass man etwas hastiger redet als ublicherweise.

Ein weiteres wichtiges Merkmal der Unterscheidung ist die Kontextgebundenheit. Loffler (in Verse, 2009: 6) fuhrt an, dass nach Bernstein, der elaborierte Kode nichts dem Kontext uberlasst - „er verbalisiere alles, was mitgeteilt werden soll“. Wahrend der Unterschichtssprecher sehr kontextbezogen spreche. Bernstein (1979: 133-134) zeigt dies an zwei Geschichten von Kindern aus verschiedenen Schichten. Er entnahm diese dem Resultat der Analyse, die sein Kollege Peter Hawkins durchgefuhrt hat. Den Kindern (im Alter von 5 Jahren) wurden vier Bilder gezeigt, die zusammen eine Geschichte ergaben, wobei von ihnen erwartet wurde, spater diese Geschichte zu erzahlen. Das erste Bild zeigte Jungen, wie sie FuBball spielen; auf dem zweiten konnte man einen Ball sehen, wie er das Fenster eines Hauses zerschlagt; das dritte zeigte eine Frau, die durch das Fenster guckt und einen Mann mit einer drohenden Geste und auf dem vierten Bild gehen die Kinder fort. Daraus erfolgten zwei verschiedene Arten von Erzahlungen:

Der elaborierte Kode:

,,Drei Jungen spielen FuBball, einer tritt gegen den Ball. Der Ball fliegt durch die Fensterscheibe, die Jungen schauen diesem nach. Ein Mann kommt heraus und schreit sie an, weil sie das Fenster zerbrochen haben. Auf Grund dessen rennen die Jungen wenige Meter weg. Eine Frau, aufgeschreckt durch den Larm, schaut aus ihrem Fenster und schimpft die Jungen aus.“

Der restringierte Kode:

,,Die spielen FuBball und er tritt dagegen und er fliegt da raus. Er macht das Fenster kaputt und die schauen und er kommt heraus und schreit sie an, weil sie es kaputt gemacht haben. Deswegen rennen sie weg und dann guckt sie raus und beschimpft sie.“

Bernstein (1979: 134) erlautert diese Beispiele wie folgt: Im ersten Fall muss der Leser nicht uber die vier Bilder verfugen, damit er die erzahlte Geschichte verstehen kann. Was man fur den zweiten Fall nicht behaupten kann. Hier brauchte man den Einblick in alle Bilder, um das Gesagte verstehen zu konnen. Demnach ist die erste Geschichte unabhangig vom Kontext, wahrend die zweite wesentlich kontextgebundener ist und deshalb erst verstandlich, wenn man den Kontext kennt.

Bernstein (1979: 77) war der Uberzeugung, dass die Unterschicht nur den restringierten Kode, wahrend die Mittelschicht neben dem elaborierten auch den restringierten Kode in einigen Gelegenheiten benutzen kann. Die besondere Form einer gesellschaftlichen Beziehung hat den Einfluss darauf, was man sagt, wann man es sagt und wie man es sagt. Wenn ein Erwachsener mit einem Kind reden soll, wird er eine einfache Sprache mit einfacher Syntax und Wortwahl wahlen wollen. Genauso wird sich die Sprache der Mitglieder einer Militareinheit im Manover von der Sprache derselben Menschen, aber bei einer abendlichen Plauderstunde, unterscheiden, so Bernstein (1979: 54). Demnach ist der elaborierte Kode fur formelle und der restringierte fur nichtformelle Gesprache geeignet.

Wegen all dieser Merkmale, welche der restringierte Kode aufweist, schliefit Bernstein, dass die Unterschicht eine ,,mangelnde sprachliche Fahigkeit“ hat (Dittmar, 1973: 72). Diese fehlende Sprachfahigkeit soll den Misserfolg in Beruf und Schule determinieren. Daraus resultierte, dass diese explizite, komplexe, grammatisch korrekte, wortschatz-reiche, wohlorganisierte und kontextunabhangige Sprache der Mittelschicht als Norm fur gutes Sprechen gewertet wurde. All dies hatte (was man auch nachvollziehen kann) eine drastische Schlussfolgerung zum Ergebnis. Den Vertretern der Unterschicht wurde namlich unter anderem geringere Intelligenz vorgeworfen.

3. KRITIK AN DER DEFIZITHYPOTHESE

3.1. William Labov

William Labov ist ein amerikanischer Linguistik-Professor. Sein Forschungsgebiet ist vor allem Sprachwandel und Sprachvariation, insbesondere der Dialekt in Philadelphia und NewYork (Konig, 2009: 2). Er beschaftigte sich vor allem mit der Sprache von Kindern eines amerikanischen Schwarzenviertels. Sein Interesse galt dem Unterschied zwischen einem sog. Nonstandard-Neger-Englisch (abgekurzt NNE) und dem Standard-Englisch (SE), das unter WeiBen ublich ist, so Ursula Weber (2001: 44). Er ist der wichtigste Kritiker an der Defizithypothese und somit der bekannteste Vertreter der Differenzhypothese. Wolfgang Klein (1972: 92) fuhrt an, dass sein Aufsatz Die Logik des Nonstandard-Englisch (von welchem spater die Rede sein wird) die scharfste und detaillierteste Kritik an der Defizithypothese darstellt.

3.2. Die Differenzhypothese

Die Differenzhypothese ist wesentlich neutraler aufgebaut als die Defizithypothese. Weber (2001: 38) erklart, dass die Vertreter dieser Hypothese auch davon ausgehen, dass zwischen verschiedenen sozialen Gruppen Unterschiede in Sprachverhalten und Sprachgebrauch vorhanden sind. Aber es besteht dabei ein wesentlicher Unterschied. Namlich verfugen diese Gruppen nicht uber mehr oder weniger Sprachfahigkeit, sondern sie besitzen nur eine ,,andersartige Fahigkeit, sich sprachlich zu verhalten“. Dies bedeutet, dass diese Unterschiede im Sprachgebrauch zwischen verschiedenen Gruppen nicht als defizitar kategorisiert werden, sondern als Unterschiede grundsatzlicher Art, als, wie die Bezeichnung der Hypothese selbst sagt, eine Differenz. Des Weiteren erlautert Weber, dass wahrend die Defizithypothese die Untrennbarkeit von Sprache und Denken (die bereits erwahnte Sapir- Whorf-Hypothese) voraussetzt, nehmen die Vertreter der Differenzhypothese nicht so sehr Bezug auf diese Betrachtungsweise, sondern vielmehr auf die Erscheinungen, die sich in verschiedenen Varietaten von Sprache nachweisen lassen.

Bei der Differenzhypothese fallt leicht auf, dass keine Sprachnorm besteht, nach der sich Sprecher richten sollen, wie es bei der Defizithypothese der elaborierte Kode sein soil, sondern hier wird das Nebeneinanderbestehen der beiden Sprachkodes anerkannt. Also: tatsachlich bestehen beide Kodes, sie sind aber gleichwertig. Diese Hypothese besagt, dass keiner dieser beiden Kodes leistungsfahiger oder uberlegener ist, sie sind beide funktional aquivalent.

Preul (in Kohler, 2006: 53) bemerkt, dass jeder Mensch beide Kodes benotigt. Des Weiteren, dass ein Unterscheid nur in Bezug auf den Grad besteht, in dem Menschen uber den einen oder anderen Kode verfugen und in der Lage sind, beide Kodes auch situationsadaquat anzuwenden.

William Labov wollte mit seinen Studien beweisen, dass sprachliche Varietaten keine Abweichung vom Regelfall sind und dass es sich somit auch um keine defizitare Sprechform handelt, sondern diese stellen ebenso eine eigene Sprache mit eigenen Elementen dar. Dies soll im folgenden Kapitel anhand von Klein/Wunderlichs (1972: 92-95) Zusammenfassung Labovs Aufsatzes Die Logik des Nonstandard-Englisch gezeigt werden.

3.3. Labovs Untersuchungen

- Defizithypothese: Mit restringiertem Code kann man die Wirklichkeit nicht komplett abbilden - man kann „nicht alles ausdrucken“.
- Differenzhypothese: Der restringierte Code kann ebenso viel ausdrucken wie der elaborierte, nur mit anderen Mitteln.[1]

Labov wendet sich in seinem Aufsatz gegen die Ansicht der Autoren zur Defizithypothese, dass Kinder in Ghettos geringere verbale Fahigkeit aufweisen, nicht logisch und abstrakt denken konnen, ihre Satze nicht gut genug strukturiert werden usw. Dies mochte er anhand folgender vier Kriterien beweisen:

1) Ausdrucksfahigkeit
2) Wortreichtum
3) Grammatikalitat
4) Logik

Ausdrucksfahigkeit- Im Rahmen dieses Kriteriums geht Labov davon aus, dass die soziale Situation den starksten Einfluss auf das Sprachverhalten ausubt. Zu diesem Schluss kam er aufgrund seines Forschungsprojekts, welches Interviews mit dem achtjahrigen schwarzen Jungen Leon umfasste.

Zunachst wurde Leon von einem Schwarzen interviewt, der seine Sprache sprach und noch dazu ein Thema auswahlte, mit welchem der kleine Leon vertraut war. All dies sollte dazu fuhren, dass Leon sich wohl fuhlt, doch trotz allem bringt er kaum ein Wort heraus. Labov war der Ansicht, dass dies aufgrund der „asymmetrischen“ Situation Kind- Erwachsener geschehen ist.

Deswegen wahlte er als Nachstes eine vollig andere Situation aus. Der Interviewer brachte Leons besten Freund zum Interview mit und dazu noch einige Spielsachen, welche, wie beschrieben wird, das Interview in eine Art Party umwandelten. In der neugeschaffenen Atmosphare kam auf einmal ein ,,lebendiges, den Regeln des NNE entsprechendes, korrektes grammatisches Sprachverhalten“ zumVorschein.

Aus diesem Grund schliefit Labov, dass, wie oben schon kurz erwahnt worden ist, die soziale Situation, in der man sich befindet, von entscheidender Bedeutung fur die Ausdrucksfahigkeit ist. Das Kind muss sich in einer fur ihn angenehmen sozialen Situation befinden, damit der Erwachsene herausfinden kann, wozu es fahig ist und uber welches Sprachvermogen es verfugt. „Gerade dies ist es aber, was die meisten Lehrer nicht konnen“, sagt er und fugt noch hinzu, dass dementsprechend zwischen der Art und Weise, wie sich die Kinder auf der Strafie ausdrucken, und ihrer Leistungen in der Schule kein Zusammenhang besteht.

„ ... Das Ziel der sprachwissenschaftlichen Erforschung der Gemeinschaft muss sein, herauszufinden, wie Menschen sprechen, wenn sie nicht systematisch beobachtet werden; wir konnen die notwendigen Datenjedoch nur durch systematische Beobachtung erhalten. Dieses Problem ist naturlich nicht unlosbar: wir mussen entweder Mittel und Wege finden, die

[...]


[1] Beide Zitate aus Ernst, 2004: 276

Ende der Leseprobe aus 50 Seiten

Details

Titel
Restringierter Kode - Eigenschaft weniger gebildeter Menschen oder Alltag?
Untertitel
Eine soziolinguistische und syntaktische Analyse
Hochschule
Universität Belgrad
Note
1,0
Autor
Jahr
2011
Seiten
50
Katalognummer
V183008
ISBN (eBook)
9783656073390
ISBN (Buch)
9783656073130
Dateigröße
617 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Da diese Arbeit an der Philologischen Fakultät der Universität Belgrad geschrieben und benotet wurde, entspricht die Benotung natürlich auch den Regeln der serbischen Universität und eine 10 (1,0 dt. Notensystem) ist die höchste Note an der serbischen Universität.
Schlagworte
restringiert, elaboriert, gesprochene Sprache, geschriebene Sprache, Defizithypothese, Differenzhypothese
Arbeit zitieren
M.A. Marina Vuković (Autor), 2011, Restringierter Kode - Eigenschaft weniger gebildeter Menschen oder Alltag?, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/183008

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