Frauenkörper - zwischen sozialem Konstrukt und individueller Leiblichkeit


Magisterarbeit, 2003
155 Seiten, Note: 2,0

Leseprobe

Inhalt

Vorwort

A: Frauenkörper als soziales Konstrukt
1. Die Konstruktion von FRAU
1.1. Sozialkonstruktivistische Geschlechtertheorie
1.1.1. Sex und Gender
1.1.2. Doing Gender
1.1.3. Geschlecht, Identität, Sozialisation
1.2. Hierarchie und Zweigeschlechtersystem
1.2.1. Historische Entstehung
1.2.2. Strukturmomente des hierarchischen Zweigeschlechtersystems heute
2. Körper
2.1. Körperunterdrückung und Körperkult
2.2. Körperkonstruktion
2.2.1. Körper denken
2.2.2. Somatische Kultur und Habitus
3. FRAUENkörper /Frauenkörper - Grundzüge sozialer Konstruktion und ihr Ausdruck in somatischen
Kulturen
3.1. Attraktivität und Schönheit
3.2. Sexualisierung und Gewalt
3.3. Herrschaft und Unterwerfung in der Körpersprache

B: Der Frauenkörper als individueller Leib
4. Leib-Sein
4.1. Leiblichkeitsphänomenologie
4.1.1. Phänomenologie als Methode
4.1.2. Den Leib denken
4.1.3. Den Leib spüren
4.2. Körper haben und Leib sein
4.2.1. Das Verhältnis von Leib und Körper
4.2.2. Leib und Konstruktion
5. Leib-Sein und Frau-Sein
5.1. Attraktivität und der eigene Leib
5.1.1. Die Perspektive wechseln
5.1.2. Leibhaftig schön
5.2. Sexualisierung, Leiberleben, Körpergrenzen
5.3. Körpersprache - Sprache des Leibes
Schlusswort - auf dem Weg zu einer Kultur leibhaftiger Frauen
Literaturverzeichnis
Anhang

Vorwort

Den Beitrag dieser Arbeit zur Pädagogik begreife ich als die Erarbeitung einer theoretischen Grundlage, die Impulse geben kann für eine zeitgemäße feministische Leibespädagogik. Feministisch bedeutet mir, mich parteiisch für das Wohlergehen von Frauen einzusetzen. Im pädagogischen Feld heißt dies, dem anerkannten Ansatz der geschlechtsspezifischen Förderung von Mädchen und, in der Erwachsenenbildung, von Frauen zu folgen. Darin enthalten ist das erklärte Ziel, Mädchen und Frauen zu stärken, in einer Gesellschaft, die nach wie vor von männlicher Dominanz geprägt ist. Leibespädagogik beinhaltet die Vorannahme, dass ich es für nötig erachte für den Umgang mit dem eigenen Leib pädagogische Angebote bereitzustellen. Das heißt nicht Frauen zu einer bestimmten Körperlichkeit erziehen zu wollen, sondern Angebote zu machen, wie Frauen ihre Leiblichkeit jenseits von hergebrachter Leibeserziehung und reiner Sportpädagogik, sowie jenseits tiefgreifenderer und einengender Normen, d.h. sozial konstruierter Umgangsformen mit dem Körper, erfahren können. Erziehung, Edukation, bedeutet wörtlich “Hinausführen”. In diesem Sinne soll Leibespädagogik Körperedukation sein - ein Weg hinaus aus begrenzenden Körpervorstellungen und -praktiken, die fremdbestimmt sind und oft ungeprüft übernommen werden und die Frauen an der Annahme des eigenen, individuellen (unteilbaren) Leibes und damit an einer vollen Selbstwert- und Kraftentfaltung des eigenen Wesens hindern. Inwieweit die Akzentverschiebung des Verständnisses vom Körper zu dem des Leibes Grundlage für ein neues Verständnis von Körperedukation/Leibespädagogik sein kann, möchte ich hier beleuchten.

Methodisch beinhaltet dies eine Gegenüberstellung von konstruktivistischen (aus der Geschlechterforschung und bezüglich des Körpers) und phänomenologischen Ansätzen (Leibphänomenologie). Dabei wende ich übergeordnet eine hermeneutische Herangehensweise an, indem ich die Erkenntnisse beider Ansätze auf Teilbereiche des alltäglichen Umgangs mit dem eigenen Körper/Leib von Frauen zurückzuführen suche. Ich möchte also, in einem begrenzten Rahmen, verstehen und interpretieren wie Frauen ihre Körperlichkeit/Leiblichkeit erleben und/oder anders erleben könnten. Die sehr unterschiedlichen zentralen Sinnzusammenhänge aus diesen Theorien werde ich mit Blick auf körperliche Erfahrungen von Frauen aufeinander beziehen und so ein erweitertes Verständnis gewinnen, wie diese Erfahrungen geartet sind, wie und unter welchen Bedingungen sie zustande kommen und wie sie eventuell veränderbar sind. Dabei stütze ich mich nicht auf eine empirische Untersuchung, sondern auf verschiedene Literatur zu den jeweiligen Unterthemen, die zum Teil auf empirischen Daten und auf Theorien basieren.

Ich kann in diesem Rahmen zusätzlich zu dem Literaturüberblick keine eigene empirische Untersuchung beisteuern. So setzen sich empirische Daten aus Erhebungen zu Teilbereichen des Themas Frauenkörper zusammen, die ich nur zur Stütze der im Vordergrund stehenden hermeneutischen Erkenntnis von Zusammenhängen verwenden kann. So kann diese Arbeit auch als erster Schritt einer Theoriebildung für eine noch zu konzipierende empirische Überprüfung gesehen werden.

Im ersten Teil der Arbeit wird, ausgehend von der sog. neuen Geschlechterforschung, untersucht, wie “Frauen” und “Körper” im herrschenden , hierarchischen Zweigeschlechtersystem gedacht und bewertet werden. Ausgehend von Theorien zur Konstruktion von Geschlecht wird entfaltet, wie Frauen zu dem werden (oder nicht werden), was wir uns unter Frauen vorstellen und welche Auswirkungen dies auf ihre Sicht auf und den Umgang mit ihrem eigenen Körper hat; z.B. wie sich ihr FRAU-Sein dabei tatsächlich in ihre Körper einschreibt (z.B. in Haltung, Bewegung, Gestik und Mimik). Das soziale Konstrukt Frauenkörper, das dabei entsteht, etabliert eine Schicht der gelebten Körperlichkeit, die wohl fast allen Frauen unserer Kultur (mehr oder weniger hinterfragt) eigen ist. Dem gegenübergestellt wird im zweiten Teil der Arbeit das Konzept der Leiblichkeit, das den Ansatz der sozialen Konstruktion des Körpers nicht aufhebt, ihn aber durch die andersgewichtete Denkfigur des Leibes erweitert, in der der Blick auf den Körper von außen eine Ergänzung erhält durch die gespürte Wahrnehmung des eigenen Leibes von innen. Das Leib-Sein in der Welt im Gegensatz zum Körper-Haben kann eine andere Wahrnehmung des eigenen, wie auch anderer Körper, zur Folge haben. Es ermöglicht unter anderem einen Blick auf die Vielfältigkeit individueller Frauenkörper in verschiedensten Figuren und Haltungen, jenseits des Schönheitsideals “Hauptsache schlank”, und kann ein Weg zu mehr Selbstakzeptanz des und Selbstbestimmung über den eigenen Körper/Leib für Frauen sein.

Dass die sog. Frauenbewegung in der westlichen Zivilisation bereits viel erreicht hat, dass gerade auf normativer und gesetzlicher Ebene bereits einige Gleichberechtigung erreicht wurde (vom Wahlrecht bis zum aktuellen Gendermainstreaming) ist unbestreitbar (was nicht bedeutet, dass es nichts mehr zu verbessern gäbe). Doch diese Erfolge verleiten dazu zu verkennen, dass „symbolische Gewalt“ (Bourdieu, 1997) die Mechanismen der „männlichen Herrschaft“(ebd.) über die Frauen weiterführt. Dies geschieht durch die Einschreibung der vergeschlechtlichten Machtstrukturen in die Körper. „Daran liegt es, dass die Befreiung der Opfer symbolischer Gewalt nicht per Dekret geschehen kann. Es ist sogar zu beobachten, dass die inkorporierten Grenzen dann besonders deutlich werden, wenn die äußeren Zwänge beseitigt und die formalen Freiheiten (das Wahlrecht, das Recht auf Bildung, der Zugang zu allen Berufen, die politischen inbegriffen) erworben sind: der Selbstausschluss und die (negative wie positive) ’Berufung’ bzw. ’Bestimmung’ treten dann an die Stelle des ausdrücklichen Ausschlusses.“ (Bourdieu, Pierre, 1997, S.170). Daher ist die Analyse der Einschreibung von Herrschaftsverhältnissen in Frauenkörper, der Frauenkörper als soziales Konstrukt und sein konkreter Ausdruck in Habitus und somatischer Kultur, eine Vorraussetzung für eine feministische Leibespädagogik und diese ein Versuch den Selbstausschluss zu verhindern. Denn „vieles deutet darauf hin, dass (...) vielmehr der Körper der Frau in den westlichen Industrienationen am Ende dieses Jahrtausends zu einem entscheidenden Kampfplatz geworden ist, auf dem das zunehmende weibliche Selbstbewusstsein zurückgeschlagen werden soll: Schlankheits- und Jugendlichkeitswahn, die Expansion der sog. Schönheitschirurgie sowie Pornographie und Pornographisierung des Alltags sind Motor und Ausdruck dieser Entwicklung.“ (Freytag, Gabriele, 1992, S.73).

Die Inkorporierung althergebrachter Herrschaftsverhältnisse führt also nicht “von selbst” zu ihrer Reproduktion, sondern Feministinnen (wie z.B. Freytag und Wolf) stellen einen zunehmenden Druck auf Frauen fest, diese Herrschaftsverhältnisse über den „Schönheitsmythos“ (Wolf, Naomi, 1991) zu verkörpern. Es wird also zuerst darum gehen, die Zusammenhänge zwischen der Konstruktion von Geschlecht und der Konstruktion von Körper und die Folgen für Frauen von heute herauszuarbeiten. Dazu dienen mir als Grundlage die konstruktivistischen Körperansätze von Bourdieu (Habitus) und Luc Boltanski (somatische Kultur), sowie Literatur aus der mittlerweile recht umfangreichen neuen Geschlechterforschung (gender studies). Diese entwickelte sich in den 1990er Jahren aus der Frauenforschung (womens studies) der 1970er Jahre im angelsächsischen Raum. Ging es hier zuerst einmal darum „Frauen überhaupt erst sichtbar zu machen, ihre systematische Verdrängung oder Verkennung durch die aus einer eingeschränkten, unreflektiert männlichen Sicht auf Frauen forschende Wissenschaft zu dokumentieren.“ (Mühlen Achs, Gitta, 1998, S.21), so weitete sich diese Forschungsrichtung schnell sowohl inhaltlich, als auch räumlich, quantitativ, wie qualitativ, stark aus. „Frauen- und Geschlechterforschung ist inzwischen an allen bundesdeutschen Universitäten ein nicht mehr wegzudenkendes Forschungsgebiet, und dessen Förderung ist Bestandteil von Hochschulpolitik und Hochschulplanung geworden.“ (Bock, Ulla, 1998, S.103). Inhaltlich wird die Kategorie “Frau” nicht mehr als einfach gegebene soziale Tatsache behandelt, sondern die soziale Konstruktion von Geschlecht (gender) an sich wird thematisiert. Eine Frau zu sein ist keine biologische Naturgegebenheit mehr, sondern eine gesellschaftliche Konstruktion, die abgekoppelt vom biologischen Geschlecht (sex) analysiert werden kann (vgl. Mühlen Achs, ebd., S.21). Am radikalsten weitergedacht wurde dieser konstruktivistische Ansatz von Judith Butler, die letztlich nicht mehr nur die Frau (und den Mann) als psychologische und soziale Erscheinung zum Konstrukt erklärt, sondern „die herausarbeitet, dass Begriffe wie Frau, körperliche Materie oder Geschlechtsidentität keine objektive Realität jenseits ihrer sozialen Konstruktion sind.“ (Villa, Paula-Irene, 2000, S.125). Diese diskurstheoretische Dekonstruktion des Körpers (und des biologischen Geschlechts) führte zu Kritik, die einwandte, „es müsse einen materiellen ’Rest’ an Körperlichkeit geben, den dieses Theoriegebäude ebenso wenig wie (geschlechts-) spezifische Leiberfahrungen erfasse. ( ) Ein Brückenschlag zwischen radikaler Dekonstruktion und einem bloßen Beharren auf leiblich-körperlichen Erfahrungen kann durch die Rückbesinnung auf Ansätze, wie sie Helmuth Plessner, Maurice Merleau-Ponty und Herrmann Schmitz auf verschiedene Weise ausgearbeitet haben, ermöglicht werden.“ (Fleig, Anne, 2000, S.9). Durch die Konzentration auf das Thema des Frauen körpers werde ich im zweiten Teil der Arbeit von der sozialkonstruktivistischen, wie auch der geschlechtsspezifischen Perspektive vorerst Abstand nehmen und die „Leiblichkeit als Fundament unserer Weise des Zur-Welt-seins“, wie sie Maurice Merleau-Ponty formuliert hat, beleuchten. Zwar habe ich mir nicht die Diskussion der radikalen Dekonstruktion von Körper und Geschlecht einer Judith Butler zur Aufgabe gemacht, jedoch ist die Rückbesinnung auf die Phänomenologie Merleau-Pontys, Schmitz und Plessners sicher auch fruchtbar für den Vergleich mit sozialkonstruktivistischen Ansätzen und den Blick auf Muster und Möglichkeiten von Verkörperungen von Frauen in der Welt. Es gilt zu untersuchen a) welche Einsichten und Bereicherungen sie in ihrer Sicht des Körpers als Leib für das Körperverständnis von Frauen und damit für ihren Umgang mit dem eigenen Körper und den Körpern anderer bieten; b) wie der Leib mit dem Körper, als sozialem Konstrukt, zusammenhängt, d.h. auch, wie Sozialkonstruktivismus und Leibphänomenologie zusammenzudenken sind und c) wie die Kombination beider Ansätze Frauen helfen kann zu erkennen , zu was ihre Körper gemacht werden (bzw. zu was sie selbst ihre Körper machen) und was ihr Leib darüber hinaus sein kann (bzw. wie sie selbst ihre Körper als lebendige Leiber denken und erfahren können).

A: Frauenkörper als soziales Konstrukt

1. Die Konstruktion von FRAU

„ Nicht jedes Menschenweibchen ist also notwendigerweise eine Frau; es muss erst an jener geheimnisvollen und gef ä hrdeten Wirklichkeit teilhaben, die man Weiblichkeit nennt. “ (de Beauvoir, Simone, 1951, S.7).

Dieses Zitat aus Simone de Beauvoirs „Das andere Geschlecht“ enthält bereits einen zentralen Gedanken der modernen feministischen Theorie zur - sozialen/ kulturellen/ diskursiven- Konstruktion von Geschlecht. Was macht ein „Menschenweibchen“ (Kategorie sex) zu einer „Frau“ (Kategorie gender)? Wie sieht die „geheimnisvolle und gefährdete Wirklichkeit Weiblichkeit“ aus? Wie, wozu und von wem wurde sie geschaffen? Und dagegen immer wieder: ist sie, die „Weiblichkeit“, nicht doch eine natürliche, respektive biologische, Erscheinung, nur eine Erweiterung der Beschaffenheit des „Menschenweibchens“, ihrer Natur, ihrer Hormone, ihrer Gene?

Seit 1951 haben in der sog. zweiten und dritten Welle des Feminismus diese Fragen mannigfaltige Antworten, Theorien, Diskurse, heftige Streits und eine Fülle weiterer Fragen aufgeworfen. Den Feminismus gibt es nicht mehr, es gab und gibt verschiedenste Strömungen mit unterschiedlichen Schwerpunkten, aber auch kontroversen Standpunkten zu einzelnen Fragen, es gibt verschiedene Feminismen: „liberaler Feminismus, Entwicklungsfeminismus, Radikalfeminismus, lesbischer Feminismus, psychoanalytischer Feminismus, Standpunktfeminismus, multikultureller Feminismus, Männerfeminismus und sozialkonstruktivistischer Feminismus.“ (Lorber, Judith, 1998, S.40ff). Wahrscheinlich finden sich selbst in diesen noch nicht alle FeministInnen wieder und andere wiederum vereinen mehrere Standorte in ihrem Denken. Eine Grundlage der Theoriebildung für diese Feminismen bildet die neue Geschlechterforschung (gender studies); oft ist auch diese selbst Teil eines erklärten feministischen Standpunktes. Die Literatur und die Themenvielfalt ist mittlerweile unüberschaubar reichhaltig, da Geschlechterforschung auch als Wissenschaftskritik ausgeübt wird und in jeder wissenschaftlichen Disziplin angewandt werden kann und wird, um Androzentrismen aufzudecken, die durch jahrhundertlang fast ausschließlich von Männern ausgeübte Philosophie und Wissenschaft Forschungsergebnisse und das Bild der Wirklichkeit, verzerrt haben und oft noch immer verzerren. Ich beschränke mich daher auf eine, sozialkonstruktivistische, Perspektive von Geschlecht, die mir zentral und wichtig erscheint, um den Anschein der Natürlichkeit von Weiblichkeit zu brechen und um - gerade im Bereich des Körpers, der ja zuerst einmal als etwas völlig Privates, Persönliches erlebt wird - eine umfassendere, soziokulturelle Sicht auf die Körper von Frauen zu ermöglichen. Andere wichtige Schwerpunkte, die auch zum Prozess der Konstruktion von Weiblichkeit beitragen, wie z.B. die ökonomischen Verhältnisse und die Arbeitsteilung, oder große Diskurse, wie die zur Schnittstelle von Natur (Biologie) und Kultur (diskursive Konstruktion), kommen vor und werden beschrieben, soweit sie unverzichtbar für die Kontextbestimmung sind, können aber nicht ihrer Bedeutung und ihrem Umfang angemessen bearbeitet werden.

Unter dem Titel Frauen körper wäre eine Auseinandersetzung mit der, derzeit wieder intensiv geführten, Debatte um biologische und evolutionäre Bedingtheiten von Geschlechtsspezifika naheliegend. Da diese aber ein immenses Feld eröffnet und für meine Fragestellung nicht zentral ist (was nicht bedeutet, dass sie keinerlei Einfluss auf das körperliche Erleben von Frauen hätte) kann ich den aktuellen Stand dieser Diskussion nicht miteinbeziehen (vgl. dazu z.B.: Bischof-Köhler, Doris, 2002; Fausto-Sterling, Anne, 1988; Reimers, Thekla, 1994). Ich habe mich entschieden, mich auf die Leiblichkeitsphänomenologie und die eine sozialkonstruktivistische Perspektive von Geschlecht und Körper zu beziehen, und kann daher die vielfältigen Gegenpositionen zu dieser nicht alle diskutieren. Die, durch die gewählte Perspektive sichtbar werdenden, Zusammenhänge zwischen Habitus bzw. somatischer Kultur von Frauen und der systemimmanten Hierarchie des Zweigeschlechtersystems können meines Erachtens Geltung beanspruchen, unabhängig von der Diskussion über die Natur oder diskursive Konstruiertheit der Geschlechterdifferenz.

Mit der Konzentration auf Frauen körper befinde ich mich bereits im Kontext der Geschlechter differenz, die als Denkmodell zunehmend kritisiert wird, da allein die starke Betonung der Differenzen zwischen Frauen und Männern den „schematisierenden Dualismus von männlich-weiblich“ reproduziert (Bilden, Helga,1990, S. 279). Ich stimme mit dieser Auffassung überein, und halte es mit Bilden auf dem aktuellen Stand der Geschlechterforschung für bedeutsam, den Blick zu erweitern, hin zu den, im Vergleich mit den Differenzen viel größeren Ähnlichkeiten der Geschlechter und zu Differenzen zwischen Frauen und Frauen (und Männern und Männern). Letztlich ist es auch ein Ziel dieser Arbeit, Frauen einen annehmenden Blick auf die Vielfalt ihrer Körper, auf ihre Differenz untereinander, zu ermöglichen, ohne sich dabei vom sog. “male gaze” (z.B. in Mühlen Achs, 1998, S.37), dem “männlichen Blick”, der sich unter anderem im Schönheitsideal destilliert, leiten zu lassen. Da dieses Schönheitsideal, wie auch andere körperrelevante Bedingungen, im Kontext des hierarchischen Zweigeschlechtersystems für Frauen jedoch völlig andere Ursachen und Auswirkungen als für Männer hat, halte ich die Konzentration auf nur ein Geschlecht in dieser Arbeit für berechtigt und nötig. Die dichotome Geschlechterdifferenz ist so konstitutiv für die bestehenden Machtverhältnisse, die Denkmuster und Bewertungen von Geschlecht und Körper in unserer Kultur, dass ihre Nachzeichnung Vorraussetzung für ihre Überwindung ist. Eine Vernachlässigung ihrer tiefgreifenden Wirkung, gerade auch im Bereich des Körpers, führt meines Erachtens nicht zu einer Weiterentwicklung in Richtung einer Auflösung der Dichotomie, geschweige denn zu einer echten Alternative zur hierarchischen Struktur, sondern höchstens zu neuen Symbolisierungen von Weiblichkeit, z.B. indem Frauen sog. männliche Werte (wie Leistung und Kraft), und evtl. auch entsprechende Umgangsformen mit dem Körper, übernehmen, die dann im Gegensatz zu früheren Zeiten durchaus als “weiblich” gelten können. Die Inhalte der Begriffe “Weiblichkeit” und “Männlichkeit” sind ja nicht an Frauen und Männer qua “Natur” gekoppelt, sondern variieren kulturell und historisch ; und inwieweit ein Insistieren auf Gleichheit (im Sein, nicht im Sinne von Gleichwertigkeit und Gleichberechtigung!) nur eine Übernahme von Inhalten von “Männlichkeit” für Frauen zur Folge hat, und /oder ob sie Frauen wirklich einen Fortschritt bringt, ist eine weitere große Streitfrage des Feminismus, die nicht umfassend behandelt werden kann. Zur Klärung meines Standpunktes erwähne ich hier ganz kurz, dass ich jegliche neuen Möglichkeiten für Frauen - also auch diese - als Erweiterung ihres Handlungsspielraumes begrüße, dass ich jedoch bezweifle, dass das Wertesystem der hegemonialen Männlichkeit damit berührt wird, und dass zu überprüfen ist, inwieweit solche Errungenschaften tatsächlich mehr Wahlfreiheit und Definitionsmacht beinhalten (statt Nur-Hausfrau muss “die Frau” jetzt erfolgreiche Berufstätige und Mutter sein, um dem Ideal zu entsprechen?!).

Um der Gefahr der Reproduktion von Stereotypen möglichst zu entgehen möchte ich, zusätzlich zu den Begriffen des sozialen Geschlechts (gender) und der Weiblichkeit eine Schreibweise übernehmen, die Robin Morgan in ihrem Buch „Anatomie der Freiheit” verwendete (Morgan, Robin, 1985). Ich unterscheide zwischen Frauen, unter die ich die lebendigen, vielfältigen, unterschiedlichen, realen Frauen fasse, d.h. alle, die bei ihrer Geburt aufgrund ihrer Geschlechtsmerkmale als weiblich klassifiziert wurden (in der Kategorie des sex), und FRAUEN, welche nicht real existierende Frauen meinen, sondern Konstrukte des hierarchischen Zweigeschlechtersystems und aus den Zuschreibungen ebendieses Systems zu Weiblichkeit bestehen (Kategorie gender). Eine Frau kann sich mehr oder weniger mit diesen Zuschreibungen identifizieren und kann diese extrem, teilweise oder gar nicht verkörpern. Eine Frau kann also mehr oder weniger FRAU sein. In dieser Schreib- und Denkweise könnte das eingangs genannte Zitat heißen: „Nicht jede Frau ist eine FRAU, sie muss erst an jener geheimnisvollen und gefährdeten Wirklichkeit teilhaben, die MANN Weiblichkeit nennt.“ Diese Schreibweise versinnbildlicht meines Erachtens am klarsten, dass eine Gleichsetzung realer Frauen mit Stereotypen von Weiblichkeit nie gemeint sein kann (am Rande: auch keine Gleichsetzung von realen, nicht immer dominanten Männern mit der Dominanz der MÄNNER), und sie ermöglicht auch wenn die Erwartung FRAU zu sein an alle Frauen herangetragen wird - dass, trotz der notwendigen Nachzeichnung der Geschlechterdifferenz und einiger Stereotype, der differenzierte Blick für die Vielfältigkeit und die Veränderbarkeit von Frau-Sein erhalten bleibt. Bevor ich nun zur Theorie der Konstruktion von Geschlecht komme, muss ich noch erwähnen, dass sich meine Ausführungen leider fast ausschließlich auf weiße Frauen der westlichen, industrialisierten, kapitalistischen Gesellschaften beziehen, da Material zu ethnischen und kulturellen Ausprägungen der Geschlechterkonstruktion in anderen Gesellschaften noch rar ist und die Theorien und empirischen Ergebnisse, auf die ich mich beziehe, in diesem Kontext entstanden sind. Sofern Schichtunterschiede thematisiert wurden und eine Rolle spielen werde ich sie berücksichtigen (meist bezieht sich die Literatur auf Mittelschichtfrauen), insgesamt versuche ich aber eher große Linien der Körperthematik für Frauen nachzuzeichnen, die ihren Ursprung im schichtübergreifenden System des hierarchischen Zweigeschlechtersystems haben. Was davon für lesbische Frauen zutrifft und was nicht, bzw. wie diese die einzelnen Erwartungen FRAU zu sein erleben, ist sicher eine eigene Arbeit wert. Da Heterosexualität als Norm ebenfalls zu den konstitutiven Merkmalen des dichotomen, bipolaren Geschlechtersystems gehört und ich mich weitgehend beschränken muss, kann ich, ohne ausschließlich von heterosexuellen Frauen sprechen zu wollen, doch kaum angemessen auf spezielle Wechselwirkungen bei lesbischen Frauen eingehen.

1.1. Sozialkonstruktivistische Geschlechtertheorie

Es ist nicht möglich von der sozialkonstruktivistischen Geschlechtertheorie als einer Einheit zu sprechen. Die Aktualität und immer neue Weiterentwicklungen, sowie unterschiedliche Standpunkte selbst von WissenschaftlerInnen, die sich alle aus sozialwissenschaftlicher und konstruktivistischer Perspektive mit Geschlecht befassen, lassen die Postulierung einer einheitlichen Theorie nicht zu. Trotzdem kann die folgende Sicht als eine sozialkonstruktivistische Perspektive auf Geschlecht eingeordnet werden, deren Verankerung im Kontext des Konstruktivismus hier kurz, aufgrund der Zusammenfassung von Villa (Villa, 2000, S.61-65), skizziert werden soll:

Ausgangspunkt aller konstruktivistischen Ansätze ist der Radikale Konstruktivismus: „Wovon sich der radikale Konstruktivismus verabschiedet, ist der ’metaphysische’ Begriff der Wirklichkeit, der davon ausgeht, dass es eine objektive, ontologische, selbstevidente Realität gibt, die wissenschaftlich ’entdeckt’ werden kann. ( ) ‚Der radikale Konstruktivismus beruht auf der Annahme, dass alles Wissen, wie immer man es auch definieren mag, nur in den Köpfen von Menschen existiert und dass das denkende Subjekt sein Wissen nur auf der Grundlage eigener Erfahrungen konstruieren kann. Was wir aus unseren Erfahrungen machen, das allein bildet die Welt, in der wir leben.’ (von Glasersfeld, 1997:22). ( ) Knorr-Cetina bezeichnet diese ‚ontologische Färbung’ (1989:87) als eine der Charakteristika des Sozialkonstruktivismus, wie er bei Berger/Luckmann entwickelt wurde; eine Färbung, die letztlich in allen Varianten des Konstruktivismus zu finden ist. Demnach machen sozialkonstruktivistische Ansätze ontologische Aussagen (d.h. Aussagen, die sich auf das Sein eines Phänomens beziehen) darüber, wie die Realität von Phänomenen zustande kommt. Anders ausgedrückt: eine Realität jenseits des Tuns und jenseits der Wahrnehmung gibt es nicht.“ (Villa, ebd., S.61/62).

Zumindest können wir nicht wissen, ob es eine solche gibt, da die Dinge nicht zu uns sprechen. Das bedeutet, dass wir über die Übereinstimmung des von uns Wahrgenommenen mit einer sog. objektiven Realität, sollte eine solche existieren, nichts wissen können, da unsere Wahrnehmung die Grenze unserer Erkenntnisfähigkeit ist. Wird also die Untrennbarkeit von Wahrnehmung und Wahrgenommenem in Bezug auf soziale Phänomene, und hier im speziellen auf Geschlecht, ernstgenommen, so sagt sozialkonstruktivistische Geschlechtertheorie, dass „die Wirklichkeit des Geschlechts und des Geschlechtskörpers durch Menschen und ihr sowohl kognitives wie unbewusstes Tun und Erleben konstruierte Wirklichkeiten sind. Gerade der Körper als Basis und letzte Wahrheit des Geschlechts ist - als eine der wohl hartnäckigsten Konstruktionen des Alltagswissens (...) aus sozialkonstruktivistischer Sicht eine konstruierte Wirklichkeit.“ (Villa, ebd., S.63). Individuen konstruieren sich durch ihre Wahrnehmung, ihr Denken und Tun also selbst ihre Wirklichkeit, auch die des Geschlechts und des Körpers. „Die konstruktivistische Geschlechterforschung distanziert sich (...) von der Basisannahme, dass Zweigeschlechtlichkeit ein natürliches, präkulturelles Faktum sei, und wendet sich stattdessen Fragen wie der folgenden zu: Wie vollzieht sich eine Wahrnehmung, die unentwegt damit beschäftigt ist, Menschen in Männer und Frauen zu sortieren?“ (Lindemann 1996: 148, in: Villa, ebd., S.63/64).

Die Frage nach dem Wie der Konstruktion, die allen sozialkonstruktivistischen Ansätzen gemein ist, wird auf verschiedenen Ebenen untersucht und dementsprechend unterschiedlich beantwortet: von rein diskursiver und symbolischer Konstruktion, über Institutionalisierung und Strukturalisierung bis zur Konstruktion auf den persönlichen Ebenen der Kognition, der Emotion, des Handelns, der Interaktion und der körperlichen Erscheinung. Trotz divergierender Auffassungen über die Bedeutungen der verschiedenen Ebenen, sowie gradueller Unterschiede in der Radikalität der konstruktivistischen Auffassung von Geschlecht, ist sozialkonstruktivistischen Geschlechterperspektiven gemein, dass sie „Geschlecht als eine gesellschaftsübergreifende Institution [betrachten], die in alle maßgeblichen Organisationen von Gesellschaft eingebaut ist. Als soziale Institution determiniert Geschlecht die Verteilung von Macht, Privilegien und ökonomischen Ressourcen. In der sozialkonstruktivistischen feministischen Theorie wird Geschlecht an sich von Ungleichheit bestimmt: Frauen und Männer werden sozial differenziert, um ihre Ungleichbehandlung zu rechtfertigen. ( ) Gesellschaftlich geprägtes individuelles Handeln und institutionelle Strukturen konstruieren und verstärken sich wechselseitig. Beständig bringen Menschen die in Arbeit und Familienstruktur eingebauten vergeschlechtlichten Normen, Erwartungshaltungen und Verhaltensmuster aufs neue hervor und erhalten sie dadurch aufrecht.“ (Lorber, 1998, S.48/49).

1.1.1. Sex und Gender

„ Das Geschlecht dient in modernen Industriegesellschaften, und offenbar auch in allen

anderen, als Grundlage eines zentralen Codes, demgem ä ss soziale Interaktionen und

soziale Strukturen aufgebaut sind; ein Code, der auch die Vorstellungen der Einzelnen von ihrer grundlegenden menschlichen Natur entscheidend pr ä gt. “ (Goffman, Erving, 1999, S.105).

Das eigene Geschlecht, und mit ihm versteckte, unausgesprochene Regeln des Verhaltens, der „zentrale Code“, werden im Alltag von den meisten Menschen unhinterfragt angenommen. Die Tatsache, dass ein Mensch eine Frau oder ein Mann ist, wird als natürliche Gegebenheit gesehen, und das Verhalten einer Person wird stets auf diese Gegebenheit, die untrennbar mit Vorstellungen über MÄNNER und FRAUEN verknüpft ist, hin bewertet. Die Leistung, die das Erlernen des “richtigen”, “weiblichen” oder “männlichen” Verhaltens bedeutet, wird zwar selbstverständlich erwartet, wird aber als solche nicht erkannt. Selbst die Existenz von Individuen, die diese nicht in der erwarteten Form erbringen, wie sog. feminine Männer oder unweibliche Frauen, oder - ganz besonders - Transsexuelle, führt nicht dazu, dass die Naturgegebenheit des bipolaren Geschlechtersystems bezweifelt wird. Solche Individuen werden daher als Ausnahmen, als „unzureichend“ oder gar „krank“ klassifiziert (Mühlen Achs, 1998, S.28). Dass Männer und Frauen verschieden sind, und zwar nicht nur bezüglich ihrer biologischen Geschlechtsmerkmale und reproduktiven Funktionen, sondern ebenso- bzw. deswegen - auch in ihren psychologischen Eigenschaften, Fähigkeiten und Bedürfnissen, steht in den Alltagsvorstellungen wohl der meisten Menschen noch immer außer Frage. Die biologische Differenz legitimiert also geschlechtstereotypes, unterschiedliches Benehmen von Frauen und Männern als natürlich - und dies betrifft alle Lebensbereiche vom Umgang mit dem eigenen Körper bis hin zu Berufswahl und Lebensentwürfen. Diese “natürliche” Differenz wird in sich ergänzenden Polaritäten gedacht und erscheint damit auch als die natürliche Ursache der geschlechtlichen Arbeitsteilung, der „Aufspaltung der gesellschaftlich notwendigen Arbeiten in einen Sektor bezahlter Erwerbsarbeit, der als Männerdomäne gilt, und in einen Sektor unbezahlter Haus- und Familienarbeit, der als Frauendomäne gilt.“ (Mühlen Achs, ebd., S.23). Auch die Liebe, deren Ausdruck die “normale” Sexualität, nämlich die Heterosexualität, ist, basiert in diesem Denken auf Differenz und polarer Ergänzung, die zu Erotik, zu Anziehung zwischen den Geschlechtern, führt.

Problematisch wird die polare Differenz, abgesehen von der grundsätzlichen Beschränkung auf nur zwei Geschlechter, vor allem durch die ungleiche Wertung und damit Hierarchie, die in ihr bereits enthalten ist. Das duale, polare Denken, die Einteilung der Welt in männlich und weiblich, Licht und Schatten, Geist und Körper, Bewusstsein und Materie, außen und innen, hart und weich, stark und schwach, aktiv und passiv etc., bezieht sich auf alle Erscheinungen. Die Polarität gut/schlecht wird dabei auf alle anderen Gegensatzpaare übertragen. Es gibt immer die gute Seite eines Paares, die als höherwertig angesehen wird. Bei den Geschlechtern war dies von jeher der MANN, dem dann auch alle “guten” Seiten zugeordnet wurden (Licht, Geist, Bewusstsein, außen, hart, stark, aktiv). Diese über Jahrhunderte gewachsene dual-polare Weltauffassung kann als eine Basis des gesamten philosophischen Denkens der westlichen Hemisphäre bezeichnet werden, welches - früher stärker und offensichtlicher als heute- auch mit den theologischen Wissenschaften zusammenhing. Doch noch heute beherrschen fast ausschließlich männliche Gottesbilder (Vater, Sohn und heiliger Geist) unser Denken, „ebenso die christliche Trennung von Leib (sündiges Fleisch, Natur) und Seele (die Natur beherrschender Geist). Diese dualistische Denkweise war und ist für die Dichotomie der Geschlechter mitbestimmend: Zum einen wurde traditionell die Frau mehr der Natur, der Mann dem Geist zugeordnet, was gleichzeitig dessen Höherwertigkeit bedeutete. Heute noch wird im öffentlichen Leben Rationalität höher und eher als ’männlich’ bewertet, Empfindsamkeit und Gefühl als ’weiblich’ und für öffentliche Belange dysfunktional empfunden.“ (Kugelmann, Claudia, 1996, S.27). Derartig umfassend und über lange Zeiträume im Denken verankert, sitzen solch dualistische und hierarchische Bewertungen von Frauen und Männern tief und finden sich, trotz einiger Wandlungen in der Konstruktion von FRAU und MANN in der Geschichte, noch in unseren heutigen Geschlechtsstereotypen wieder.

Ein wichtiger Schritt zur Lösung des, lange auch in der Wissenschaft unhinterfragten, im Alltag als selbstverständlich empfundenen, Konglomerats aus Naturalisierung, Geschlecht und hierarchischer Ordnung war (und ist) die Unterscheidung zwischen „sex“, dem biologischen Geschlecht, und „gender“, dem sozialen Geschlecht. Sie stammt ursprünglich von Stoller (1968), wurde aber zu einem die gesamte neue Geschlechtertheorie prägenden Denkmodell. Unter sex wird dabei das „biologische Rohmaterial“ verstanden, das „Morphologie, Hormone, Anatomie oder andere Aspekte der Physiologie“ umfasst, „wohingegen das soziale Geschlecht (gender) die kulturellen Wertungen, Deutungen, Verwendungen, usw., schlicht Überformungen des sex meint.“ (Villa, 2000, S.55). Die Schwierigkeit, die in dieser Aufspaltung liegt, ist ein Ansatzpunkt neuerer Geschlechterdiskurse, die sich letztlich um die Unmöglichkeit einer klaren Unterscheidung zwischen Natur und Kultur drehen. Sie manifestieren sich in zwei Hauptrichtungen: einmal in einer Kombination neuerer biologischer Erkenntnisse mit Geschlechterfragen (diese wird oft von Biologinnen geschrieben, Literatur siehe S.8, vgl. auch Mühlen Achs, ebd., S.26). Zum Teil stellt sich hier Geschlecht als, auch biologisch, durchaus differenziertes, nicht einfach in zwei Kategorien einordnenbares Phänomen dar und Fragen z.B. nach der wechselseitigen Beeinflussung von Hormonen und sozialer und psychischer Situation lassen die Denkweise von der “Natur als Ursache” fragwürdig werden. Andererseits fragen diskursanalytisch und philosophisch orientierte (De-) Konstruktivistinnen (vor allem Butler, 1990 und 1995), ob nicht jegliche “Natur” schon ein kulturelles Konstrukt ist, und werfen dem sex/gender-Modell eine biologistische Grundannahme vor, die letztlich unhaltbar und kontraproduktiv sei.

Ohne behaupten zu wollen, dass das biologische Geschlecht völlig außerhalb kultureller Prägung liegt (schließlich ist die Klassifikation bei der Geburt in nur zwei Geschlechter auch ein kulturell bestimmtes Phänomen), geschweige denn, dass das biologische Geschlecht eine nat ü rliche Ursache für irgendwelche Zuschreibungen sein kann, möchte ich für diese Arbeit die Unterscheidung in sex und gender doch beibehalten. Und zwar vor allem, da ich mich hier auf Auswirkungen der Konstruktion von sozialem Geschlecht bei Frauen konzentriere, womit ich bereits die Kategorie des sex benutze, um eine Gruppe zu konstruieren, von der diese Arbeit handelt. Ich übernehme also eine, bereits kritisierte, Kategorisierung (in der Grundannahme der

Kategorie sex), allerdings in dem Wissen, dass es sich um eine solche, und nicht um ein rein biologisches Faktum handelt. Ich verstehe auch unter sex nicht per se alles Physiologische, sondern fasse Frauen als das biologische Geschlecht auf, als jene, die bei ihrer Geburt, aufgrund ihrer primären Geschlechtsmerkmale als Frauen klassifiziert wurden. So kann unter die Kategorie sex letztlich nur noch das Vorhandensein von Vagina, Eierstöcken, Gebärmutter und später Brüsten gezählt werden. In dieser Hinsicht uneindeutige Geschlechtskörper möchte ich hier nicht subsumieren, da es für sie keine Kategorie gibt, d.h. sie werden trotzdem in eine der zwei bestehenden Kategorien eingeordnet, als Mädchen oder Junge definiert (sog. Zwittern, dem eindeutigsten Beispiel biologisch uneindeutiger Menschen, wird gesellschaftlich keine eigene Kategorie zuerkannt). „Dieser Vorgang folgt keiner natürlichen Gegebenheit, sondern ist eine prototypische soziale Klassifikation, denn er beruht auf der (...) weitgehend unbegründeten Annahme, dass Geschlecht eine Kategorie mit nur zwei Ausprägungen sei, die als binäre Opposition angelegt ist.“ (Mühlen Achs, ebd., S.26). Im folgenden ist daher mit Geschlecht primär das soziale Geschlecht (gender) gemeint. Es beschreibt „die Gesamtheit aller Vorstellungen und Erwartungen, die in einer Kultur in Bezug auf Geschlecht existieren und die nachweislich - in keinem unmittelbaren Zusammenhang mit biologischen Aspekten von Weiblichkeit und Männlichkeit stehen. Der Begriff bezieht sich also auf all jene Aspekte, (...) die in bestimmten Kulturen, Gesellschaften, Regionen, historischen Zeiträumen etc. auftreten bzw. erwartet werden.“ (Mühlen Achs, ebd., S.24). Unter das soziale Geschlecht fallen aber auch die Folgen dieser Erwartungen, um die es im Bereich des Körpers hier geht. Frauenkörper werden also Teil des sozialen Geschlechts indem sie sich durch diese Vorstellungen formen - sie werden zum lebendigen sozialen Konstrukt in dem Maße, wie sie sich an FRAUENkörper angleichen. So „werden auch die körperlichen Erscheinungsformen von Geschlecht (mit Ausnahme der Geschlechtsorgane selbst) als kulturelle Konstruktionen aufgefasst, die den Prozess der symbolischen und sozialen Konstruktion von Geschlecht logisch vollenden und abschließen. Dahinter steht der Gedanke, dass sich Kultur sozusagen nicht nur in die Köpfe, sondern auch und vor allem in die Körper der Menschen einschreibt (...).“ (Mühlen Achs, ebd., S.24/25). Beispielsweise können nach Mühlen Achs (ebd.)die durchschnittlich größere Körperkraft und größe von Männern darauf zurückgeführt werden, dass die kulturellen Vorstellungen von Männlichkeit deren somatische Kultur derart geprägt haben (und prägen), dass sie mehr und andere Nahrung zu sich nahmen (nehmen) und mehr und anderer körperlicher Anstrengung ausgesetzt waren (sind) als Frauen. Über Tausende von Jahren können sie dadurch eine andere Statur als Frauen entwickelt haben. „Vervollständigt wird diese Konstruktion durch das gesellschaftliche Bewertungssystem, dem zufolge große und kräftige, robuste, selbst dickleibige Männer eher als kleine und zierliche (...) als ’richtige’ Männer betrachtet werden und dementsprechend schmale, schlanke, zierliche Frauen eher als große, kräftige und robuste als ’richtige’ Frauen.“ (Mühlen Achs, ebd., S.25). In diesem Verständnis können also weite Bereiche des Physiologischen unter die Kategorie des sozialen Geschlechts, als Kategorie aller sozial konstruierten Phänomene, zählen.

Insgesamt kann das soziale Geschlecht, gender, als sozialkonstruktivistischer Begriff die Naturalisierung der Geschlechterdifferenz durchbrechen. Wenn Frauen, abgesehen von ihren Genitalien und deren Funktionen, nicht von Natur aus anders sind als Männer, sondern kulturelle Überzeugungen und Überformungen zu unterschiedlichen Verhalten, somatischen Kulturen und körperlichen Erscheinungen führen, können sich diese Überzeugungen, und mit ihnen Verhalten, Körper und Macht- und Geschlechterverhältnisse ändern. Diese Möglichkeit zu eröffnen war und ist ein Ziel des sozialkonstruktivistischen Feminismus, der „die Struktur der vergeschlechtlichten Gesellschaftsordnung als ganze im Blick [hat] und die Prozesse, die zu ihrer Konstruktion und Aufrechterhaltung beitragen.“ (Lorber, ebd., S.48). Doch dieser Wandel gestaltet sich aus mehreren Gründen, die in ebendieser Struktur angelegt sind schwierig. Erstens ist die Hierarchie, die Höherbewertung des Männlichen in den dual-polaren Denkmustern unserer Kultur, auf eine Weise tief verankert, in der sie praktisch alle Bereiche der Wahrnehmung, des Denkens und Handelns formt, und ist somit dem Zweigeschlechtersystem auf einer symbolischen Ebene immanent, die sich nicht auf das Thema der Geschlechter beschränkt. Zweitens wird der Herrschaftscharakter des Zweigeschlechtersystems verschleiert und unsichtbar gemacht, indem die zwei Geschlechtskategorien und ihre Bewertungen, aus denen das Machtgefälle zwischen Männern und Frauen resultiert, als natürlich gegeben dargestellt und wahrgenommen werden (vgl. Mühlen Achs, ebd., S.26). Und drittens wird Geschlecht nur zu einem geringen Teil auf rein symbolischer und bewusster Ebene hergestellt; eine nicht zu unterschätzende Wirksamkeit entfaltet der Körper und seine, durch Sozialisation geprägte, (somatische) Kultur, wodurch bestehende Geschlechterverhältnisse unbewusst reproduziert werden (siehe Kap.2 und 3). Bourdieu spricht von einem „regelrechten Wahrnehmungs-, Bewertungs- und Handlungsprogramm (...), das in seiner vergeschlechtlichten und vergeschlechtlichenden Dimension (...) wie eine (zweite, kultivierte) Natur funktioniert (...). Indem es auf alle Dinge in der Welt angewendet wird, angefangen bei der biologischen Natur des Körpers (...), konstruiert (...) dieses naturalisierte gesellschaftliche Programm den Unterschied zwischen den biologischen Geschlechtern den Einteilungsprinzipien einer mythischen Weltsicht entsprechend : Prinzipien, die wiederum das Produkt der willkürlichen Beziehung der Herrschaft der Männer über die Frauen sind, die als die fundamentale Struktur der sozialen Ordnung in die Realität der Welt eingeschrieben ist. Dadurch lässt sie den biologischen Unterschied zwischen dem männlichen und dem weiblichen Körper (...) als unanfechtbare Rechtfertigung des gesellschaftlich konstruierten Unterschieds zwischen den Geschlechtern erscheinen.“ (Bourdieu, ebd., S.169).

1.1.2. Doing Gender

„ Das Zwei-Geschlechtersystem strukturiert grundlegend Gesellschaft, Interaktion und

individuelle Psychodynamik. (...). Der Erwerb einer unver ä nderlichen Geschlechtsidentit ä t ist Grundvoraussetzung (und Folge) der Teilhabe am sozialen Leben. (...). Indem wir als Frauen und M ä nner handeln, M ä nnlichkeit und Weiblichkeit darstellen, arbeiten wir permanent an der Produktion des Geschlechtersystems mit. “ (Bilden, 1990, S.294). Das hierarchische Zweigeschlechtersystem, genauso wie die Gesellschaft, ist nicht etwas außerhalb der Individuen, dem sie nur passiv ausgeliefert sind, sondern Männer und Frauen sind letztlich die Gesellschaft und (re-)produzieren durch ihr Handeln das Geschlechtersystem. Zwar werden sie in dieses hineingeboren und darin sozialisiert, doch bereits die Sozialisation ist kein einseitiger Prozess, der nur aus der Übernahme von Bewertungs-, Wahrnehmungs- und Handlungsmustern bestünde. Bilden kritisiert die, dem Sozialisationskonzept immanente, Annahme der „Trennung von Individuum und Gesellschaft, sowie die Vorstellung, das sich bildende Individuum sei Objekt von Sozialisationsprozessen (...)“ und favorisiert „stattdessen eine sozialkonstruktivistische Sichtweise, die materialistisch (Geschlechterverhältnis, Arbeitsteilung, Macht/Dominanz,...) und kultur- und symboltheoretisch (Kultur als Einheit von materieller und symbolischer Produktion in sozialen Praktiken; Symbolisierung von Weiblichkeit/Männlichkeit auf gesellschaftlicher und psychodynamischer Ebene) fundiert ist. Zentral ist die Annahme, dass wir unsere Wirklichkeit andauernd in sozialen Praktiken produzieren.“(Bilden, ebd., S.279/289). Sie spricht von „Selbst-Bildung in sozialen Praktiken” und bezieht sich dabei auf „den Symbolischen Interaktionismus (Mead 1968, Blumer 1973) [als] das Konzept des Handelns und der Selbst-Bildung aufgrund symbolischer Bedeutungen, die interpretiert werden müssen und Gegenstand von Verhandlung sein können.“ (ebd.). Damit wird sowohl der aktive Anteil der Individuen an der Konstruktion von Wirklichkeit, und Geschlecht, betont, als auch Raum für Interpretation und Verhandlung geschaffen, der eine Wandelbarkeit von stereotypen Geschlechtszuschreibungen ermöglicht. Vor allem wird deutlich, dass Geschlecht von Individuen in Interaktionen aktiv produziert wird. In diesem Sinne ist auch das, von West und Zimmermann (1987) geprägte, Konzept des „doing gender” zu verstehen: als „interaktive Konstruktion des sozialen Geschlechts“ (Kolip, Petra, 1997, S.63). Doing gender meint, dass Geschlecht nicht etwas ist, was wir sind, sondern etwas, was wir tun (vgl.ebd.). Dieses Tun findet in sozialen Interaktionen statt, beinhaltet also immer mindestens zwei aktive Personen (z.B. auch Kind und Sozialisationsagent), die beide zwei Aktionen leisten müssen: Geschlechtsattribution und Geschlechtsdarstellung (nach Hirschauer, 1989, in: Villa, 2000, S.77). Die soziale Interaktion ist dabei geprägt von symbolischen Bedeutungen von Geschlecht, die interpretiert - dem Gegenüber wird ein Geschlecht zugewiesen (Attribution) - und dargestellt werden m ü ssen. Dieser interaktive Prozess lässt zwar Spielraum für Verhandlungen über symbolische Bedeutungen, so dass z.B. Abweichungen von rigiden Geschlechtsstereotypen möglich sind und in die Selbst-Bildung einfließen können (bei entsprechend positiver Attribution und Interpretation des Gegenübers), doch die Kategorie Geschlecht als zentraler Code macht es unmöglich, Geschlecht nicht darzustellen.

Hierbei spielt der Körper als „Träger kultureller Symbole“ (Kolip, ebd., S.74) eine zentrale Rolle. Sofern soziale Interaktionen aus Begegnungen mit irgendwie gearteter Beteiligung des Körpers bestehen (und dies ist trotz der Utopie vom Verschwinden des Körpers in virtuellen und Cyborgwelten meistens, z.B. auch im Fernsehen oder am Telefon mittels der Stimme, der Fall) wird Geschlecht immer (mit-) ausgedrückt. Über Habitus und somatische Kultur (siehe Kap.2) ist das Geschlecht in den Körper eingeschrieben, so dass die Geschlechtsdarstellung in der Interaktion nicht nur unvermeidlich, sondern auch größtenteils nicht bewusst steuerbar ist. Die Wahl der Kleidung als kulturelles Symbol kann z.B. noch bewusst geschlechtstypisch oder -atypisch gewählt werden, doch schon bei der Art zu gehen, sich zu bewegen und der Mimik ist eine bewusste Steuerung nahezu unmöglich. Studien mit Transsexuellen „wie jene von Garfinkel (1967) oder Hirschauer (1989, 1993) belegen eindrücklich, wie mühsam der Prozess der Aneignung geschlechtsspezifischer Attribute wie Gestik, Mimik, Bewegung und die Reaktion auf andere (...) ist. Gerade bei Transsexuellen zeigt sich, dass die quasi-natürliche Darstellung des Geschlechts bis in die Details hinein erlernt ist.“ (Kolip, ebd., S.64). Da gender also das wichtigste kulturelle Schema zur Klassifizierung von Individuen und als solches omnirelevant ist, lässt sich „in Abwandlung eines Aphorismus von Paul Watzlawick ‚Man kann nicht nicht kommunizieren’ (Watzlawick, Beavin& Jackson, 1969) behaupten: Man kann nicht nicht Geschlechtlichkeit ausdrücken.“ (Kolip, ebd., S.75). So konstruieren Männer und Frauen in sozialen Interaktionen permanent aktiv ihr soziales Geschlecht.

„Das zugrundeliegende lebensweltliche Deutungsmuster der

Zweigeschlechtlichkeit, auf das Akteur/innen beim ‚doing gender’ zurückgreifen, wird von Kessler/McKenna unter Rückbezug auf Garfinkel folgendermaßen zusammengefasst:

‚ 1.Es gibt zwei und nur zwei Geschlechter (weiblich und männlich).
2. Das Geschlecht ist invariabel (ist man männlich/weiblich, war man schon immer männlich/weiblich und wird man immer männlich/weiblich sein).
3.Genitalien sind die essentiellen Indizien des Geschlechts (eine Frau ist eine Person mit Vagina, ein Mann ist eine Person mit Penis).
4.Jedwede Ausnahme bezüglich der zwei Geschlechter kann nicht ernsthaft sein (es muss sich um Scherze, Pathologien, etc. handeln).
5. Es gibt keinen Wechsel von einem Geschlecht zum anderen, außer ritualisierte Inszenierungen (Masken).
6. Jede Person muss einem Geschlecht zuzuordnen sein (es gibt keine geschlechtslosen Fälle).
7. Die Dichotomie männlich/weiblich ist ’natürlich’ (Männer und Frauen existieren unabhängig von der Wahrnehmung durch ’Wissenschaftler’ oder andere Personen und ihrer Kriterien).
8.Die Mitgliedschaft in einem der beiden Geschlechter ist ’natürlich’ (weiblich oder männlich zu sein ist unabhängig von der persönlichen Entscheidung.).’

(Kessler/McKenna 1978:113f., Übersetzung d.V.).“(Villa, ebd., S.73).

Durch diese Basisannahmen über Geschlecht ist jedes Individuum gezwungen immer eindeutig einem Geschlecht anzugehören und dies auch darzustellen. Individuen müssen ihr Geschlecht darstellen, und wollen dies auch, da sie (meist) ihr (biologisches) Geschlecht bestätigt bekommen wollen. Die Bestätigung der eigenen Geschlechtsdarstellung ist ein identitätsstiftendes Moment, da die persönliche Identität untrennbar mit der Geschlechtsidentität verknüpft ist (siehe Kap.1.1.3). Menschen „essen und trinken wie ein Mann oder wie eine Frau, sie kleiden und verhalten sich wie ein Mann oder wie eine Frau, sie denken und fühlen wie ein Mann oder eine Frau, sie sprechen und handeln wie ein Mann oder eine Frau.“ (Mühlen Achs, 1998, S.30). All diese Praktiken, von körperlichem Ausdruck über Verhalten, Denken und Fühlen bis zum Handeln tragen, zum Grossteil unbewusste, geschlechtsspezifisch unterschiedliche Züge, die der Geschlechtsdarstellung dienen. In diesem Sinne können sämtliche Phänomene, die im 3. Kapitel besprochen werden und beschreiben, wie sich Frauen über ihre Körper als FRAUEN konstruieren, auch als doing gender aufgefasst werden. „ ,Doing gender means creating differences between girls and boys and women and men, differences that are not natural, essential or biological. Once the differences have been constructed, they are used to reinforce the essentialness of gender.’ (West & Zimmermann, 1987, S.187). Das Geschlecht ist also sowohl Grundlage, als auch Ergebnis sozialer Interaktion.“ (Kolip, 1997, S.72).

1.1.3. Geschlecht, Identität, Sozialisation

Die Unumgänglichkeit der Geschlechtsdarstellung ist außerdem der Tatsache geschuldet, dass die Aneignung des sozialen Geschlechts derart eng mit der Identitätsbildung eines Individuums verknüpft ist, dass es zu einem, vielleicht dem, identitätsstiftenden Teil der Persönlichkeit wird; zugehörig zu einem Kern, der selbst in Zeiten, in denen Individuen mehrere gleichzeitige oder wechselnde Identitäten zugeschrieben werden, seine Eindeutigkeit in den allermeisten Fällen behält. „Geschlecht erhält von psychologischen Forscher/innen zunehmend den Status einer zentralen kognitiven Kategorie zugebilligt, mit deren Hilfe das Individuum Informationen organisiert : Duveen und Lloyd (1986) sehen Geschlecht als eine der wichtigsten sozialen Repr ä sentationen, welche die Konstruktion einer ersten sozialen Identität über die Geschlechtszugehörigkeit leitet. Die Selbst-Konstruktion des Kindes als Mädchen oder Junge (...) ermöglichen seine Einordnung in die soziale Welt.“ (Bilden, ebd., S.282). Die „Einordnung in die soziale Welt“ beginnt mit der Klassifikation in eine der zwei Ausprägungen der Kategorie des biologischen Geschlechts spätestens bei der Geburt (meist schon vorher mittels Ultraschalluntersuchung). Die Klassifikation als weiblich oder männlich ist unwiderruflich und gilt lebenslänglich. Das Neugeborene wird damit von Anfang an als Mädchen oder Junge behandelt. „In allen Gesellschaften bildet die anfängliche Zuordnung zu einer Geschlechtsklasse den ersten Schritt in einem fortwährenden Sortiervorgang, der die Angehörigen beider Klassen einer unterschiedlichen Sozialisation unterwirft. Von Anfang an werden die der männlichen und die der weiblichen Klasse zugeordneten Personen unterschiedlich behandelt, sie machen verschiedene Erfahrungen, dürfen andere Erwartungen stellen und müssen andere erfüllen. Als Folge davon lagert sich eine geschlechtsspezifische Weise der äußeren Erscheinung, des Handelns und Fühlens objektiv über das biologische Muster, die dieses ausbaut, missachtet oder durchkreuzt.“ (Goffman, 1999,S.109). Diese Überlagerung kann, laut Goffman, als soziales Geschlecht bezeichnet werden, welches auch bei ihm als ein zentrales Merkmal der persönlichen Identität erkannt wird, wobei Goffman auch sieht, dass dieses erkannt und erlernt werden muss (Genderisierung) : „Insoweit nun das Individuum ein Gefühl dafür, was und wie es ist, durch Bezugnahme auf seine Geschlechtsklasse entwickelt und sich selbst hinsichtlich der Idealvorstellung von Männlichkeit (oder Weiblichkeit) beurteilt, kann von einer Geschlechtsidentität (gender identity) gesprochen werden. Anscheinend ist diese Quelle zur

Selbstidentifikation eine der wichtigsten, die unsere Gesellschaft zur Verfügung stellt (...).“ (Goffman, ebd., S.110).

Das Erlernen einer „Geschlechtsidentität”, die Verknüpfung von sex und gender, wird Genderisierung genannt, wenn das zum biologischen Geschlecht passende soziale Geschlecht angenommen wird, d.h. also die Beurteilung des Selbst aufgrund geschlechtstypischer Idealvorstellungen stattfindet. Dieser Prozess kann graduell abgestuft auch “fehlschlagen”, wie z.B. bei Transsexuellen, aber auch bei Frauen und Männern, die sich nicht genügend mit Idealvorstellungen identifizieren wollen oder können. Die Ausbildung der Geschlechtsidentität ist ein „hochkomplexes, soziales Geschehen (...), an dem eine Vielzahl von Sozialisationsinstanzen und gesellschaftlichen Institutionen beteiligt sind - angefangen von den Eltern, Geschwister, Freundesgruppen über Kindergärten und Schule bis hin zu den Massenmedien.“ (Mühlen Achs, ebd., S.27).

Die sog. „Baby-X-Studien“, in denen verschiedenen Erwachsenen derselbe Säugling einmal als Mädchen, einmal als Junge zur Interaktion übergeben wurde, zeigen, dass es „schon gegenüber Säuglingen Erwartungen, Verhaltensinterpretationen und Interaktionsformen [gibt], die mit dem angenommenen Geschlecht des Kindes variieren.“ (Bilden, ebd., S.281). Bewusst und unbewusst wirksame Geschlechtsinterpretationen Erwachsener, und bald auch der Kinder selbst (peers), verunmöglichen eine geschlechtsneutrale Sozialisation. Bis Kinder also kognitiv überhaupt wissen, dass sie ein Mädchen oder ein Junge sind, haben sie bereits eine prägende körperliche und emotionale geschlechtsspezifische Sozialisation erlebt. Kognitiv müssen sie bis zum Alter von 6 Jahren außerdem die Grundannahmen über Geschlecht internalisieren. Anknüpfend an die „Garfinkel`schen Axiome” (vgl. Kap. 1.1.2.) hat Hagemann-White (1984) diese als 5 Lernschritte formuliert. Ich zitiere die Zusammenfassung von Kolip (1997): „ + Sie müssen erkennen, dass sie ein Mädchen oder Junge sind. Die Aneignung dieses Wissens steht im Zusammenhang mit dem Spracherwerb und basiert nach Kohlberg (1966) auf der Wahrnehmung von Ähnlichkeiten zwischen den Merkmalen der eigenen Person und geschlechtstypischer Merkmale anderer Personen (vor allem Kleidung und Frisur). + Sie lernen, dass alle Menschen entweder weiblich oder männlich sind. Zu dieser Klassifikation sind Kinder im Alter von 2 bis 3 Jahren fähig.

+ Sie müssen die Merkmale im Erscheinen und Verhalten erkennen, die einen Hinweis auf die Geschlechtszugehörigkeit liefern (Erlernen von Geschlechtsstereotypen). Dieses - zum Teil subtile - Wissen erwerben Kinder schwerpunktmäßig zwischen dem 3. und 6. Lebensjahr. +Sie lernen, dass das Vorhandensein des Penis das ausschlaggebende Merkmal für die Klassifikation ist (und dies, obwohl die Genitalien anderer nur in Ausnahmesituationen sichtbar sind ; McConaghy, 1979).

+ Sie müssen begreifen, dass das Geschlecht unveränderbar ist.“ (Kolip, ebd., S.58).

Kinder übernehmen in diesem Lernprozess auch eine aktive Rolle, sie evozieren Situationen, in denen sie ihr Geschlecht (und seine Darstellung) bestätigt bekommen können (oder Ablehnung erfahren können, wenn sie sich geschlechtsuntypisch verhalten).

Die, von den Kindern selbst vorgenommene und bis zum 6. Lebensjahr immer rigider werdende, stereotype Zuordnung z.B. von Spielzeug, Berufen, Kleidung und Frisuren, aber auch von Verhaltensformen, dient der, dem kognitiven Niveau angepassten, Aneignung des sozialen Geschlechts. Zwar flexibilisieren sich, besonders bei Mädchen, diese Zuordnungen nach dem 6. Lebensjahr wieder, doch eine erste Identifizierung hat stattgefunden und die Basis für die weitere lebenslange, interaktive Konstruktion des sozialen Geschlechts ist gelegt. „Baur (1988) rekonstruiert in einem Überblick, wie die Sozialisation durch männliche bzw. weibliche NormalLebensläufe schon vom frühen Kindesalter an, verstärkt in Schul- und Jugendalter, geschlechtsspezifische ‚Körperkarrieren’ hervorbringt. Die Charakterisierungen, die sie hervorhebt, entsprechen der geschlechtsspezifischen Arbeitsteilung, männlicher Dominanz und dem heterosexuellen Arrangement (dem sexuellen Dasein und Attraktivsein der Frauen für den Mann). ( ) Der männliche Körper wird grobmotorisch und bewegungsintensiv sozialisiert, in material- und raumexplorierenden Aktivitäten, leistungs- und funktionsbezogen; der weibliche Körper eher feinmotorisch und ästhetisch-attraktivitätsfördernd, durch Einwirken von ‚Sozialisationsagenten’ und in Selbstbearbeitung.“ (Bilden, ebd., S.284). Letztlich ist, laut Kolip, „die Frage, wie sich Kinder ab der Geburt in das zweigeschlechtliche System hineinfinden und es sich aneignen (...) ungeklärt.“ (Kolip, ebd., S.60). Kolip nimmt das Zusammenwirken folgender Faktoren an : 1. die Interpretation bereits kindlicher Verhaltensweisen als typisch männlich oder weiblich durch Erwachsene, 2. die bewusste, vor allem aber auch unbewusste Vermittlung geschlechtstypischen Verhaltens, 3. die Imitation des Kindes von geschlechtstypischem Verhalten und 4. die aktive Herstellung von Situationen, in denen geschlechtsspezifisches Verhalten gefordert wird durch das Kind, wodurch es sich aktiv Rückmeldung über seine Geschlechtszugehörigkeit und Geschlechtsdarstellung holt (vgl. Kolip, ebd.). Im doing gender führen wir diese Faktoren in modifizierter Form ein Leben lang fort : wir bewerten und werden bewertet als männlich oder weiblich aufgrund unseres Verhaltens (Geschlechtsattribution), wir vermitteln uns gegenseitig in Interaktion, und auch in bewusster

Auseinandersetzung und durch Medien, welches Verhalten geschlechtsangemessen bis - typisch ist, wir stellen dementsprechend unser Geschlecht dar, und wir sind, wenn der Wunsch nach Anerkennung durch andere als Prämisse akzeptiert wird, weiterhin angewiesen auf positive Rückmeldungen bezüglich dieser Geschlechtsdarstellung, die auch Erwachsene noch evozieren. Zwar können sich rigide Geschlechtsstereotype mehr und mehr flexibilisieren, in Interaktionen können komplexere und auch abweichende Zuschreibungen ausgehandelt werden und entsprechende Geschlechtsdarstellungen, zumindest in bestimmten Milieus positiv interpretiert werden, doch der Geschlechtsdarstellung an sich - und zwar überall und immer - und seiner engen Verknüpfung mit der eigenen Identität ist nicht zu entkommen. Dementsprechend können „idealtypische Verhaltenszumutungen (...) bei denjenigen Frauen und Männern, die sich (...) nicht mit einer so eindeutigen Geschlechtsrolle identifizieren wollen oder können - und das sind in unserer gegenwärtigen, durch Individualisierungsprozesse charakterisierten Gesellschaft viele Irritationen in der Persönlichkeitsentwicklung bis hin zu krankmachender Orientierungslosigkeit erzeugen. Migräne, Depressionen, Magersucht sind typische Frauenkrankheiten, von denen man annimmt, dass sie durch Identitätskonflikte und Selbstzweifel verursacht werden.“ (Kugelmann, 1996, S.55). Kugelmann fasst die enge Verknüpfung von Geschlecht und Identität im Kontext des hierarchischen Zweigeschlechtersystems und seiner Weiblichkeitsstereotype mit Knapp (1989) als „Weiblichkeitszwang“ auf, der „die Richtung der erwünschten Verortung der Frauen in der Gesellschaft“ vorgibt (Kugelmann, ebd.). Dass für Frauen ein gewisser Zwang zur Darstellung von Weiblichkeit besteht, sollte aus dem vorangegangenen ersichtlich geworden sein. Das Hauptproblem hierbei stellt die hierarchische Ordnung dar, die Frauen eine untergeordnete Position zuweist, welche sie mit ihrem sozialen Geschlecht mit annehmen.

1.2. Hierarchie und Zweigeschlechtersystem

1.2.1. Historische Entstehung

„ Die ganze Erziehung der Frau muss daher auf die M ä nner Bezug nehmen. Ihnen gefallen und n ü tzlich sein, ihnen liebens- und achtenswert sein, sie in der Jugend erziehen und im Alter umsorgen, sie beraten, trösten und ihnen das Leben angenehm machen und vers üß en: das sind zu allen Zeiten die Pflichten der Frau, das m ü ssen sie von ihrer Kindheit an lernen. “ (J.J. Rousseau, Emile, 1762).

Die zweite Hälfte des 18ten Jahrhunderts war eine Wendezeit im Verständnis von Geschlecht. Hier entstand zeitgleich mit umwälzenden sozialen und erkenntnistheoretischen Veränderungen (Aufklärung, Französische Revolution, Fabriksystem und Neustrukturierung der geschlechtlichen Arbeitsteilung, die Entstehung der bürgerlichen Familie, etc.) das bipolare, hierarchische Zweigeschlechtersystem, wie es in moderner, modifizierter Form noch heute gedacht wird. Rousseaus Erziehungsroman „Emile“ war ein typischer und einflussreicher Beitrag zu der Konstruktion eines völlig neuen Verständnisses von FRAU und MANN. Doch wie wurde Geschlecht zuvor gedacht, wenn nicht als zwei bipolare Geschlechter? Laqueur (1992) beschreibt eindrücklich, dass von der Antike bis ins 18te Jahrhundert ein Ein-Geschlecht-Modell der Maßstab der Wahrnehmung von Frauen und Männern war: „In dem über zwei Jahrtausende anatomischen Denkens dominanten Ein-Geschlecht-Modell wurde die Frau als umgedrehter Mann verstanden: Der Uterus war das weibliche Scrotum, die Eierstöcke waren die Hoden, die Vulva war die Vorhaut und die Vagina der Penis.“ (Laqueur, ebd., S.267). Dabei war der Mann der Maßstab aller Dinge, der eigentliche, voll ausgereifte Mensch, die Frau aber ein unter - bzw. fehlentwickelter Mann. Galen “wies” im 2ten Jahrhundert “nach”, dass „Frauen im Grunde genommen Männer sind, bei denen ein Mangel an vitaler Hitze - an Perfektion - zum Zurückbehalten von Strukturen im Inneren des Leibes geführt hat, die bei Männern äußerlich sichtbar sind.“ (Laqueur, ebd., S.16 , Herv. d.V.) Es ist schwer vorstellbar - und mit der heutigen Bedeutung der Worte Frau und Mann eigentlich nicht zu beschreiben - wie die, uns so natürlich erscheinende, grundlegende physische Differenz der Geschlechter als ein Kontinuum innerhalb eines Geschlechts wahrgenommen werden konnte. Gerade dies deckt jedoch den Charakter der Konstruktion unserer Wirklichkeit, der physischen, wie der des Geschlechts damals und heute auf. Vorstellbarer wird das Ein-Geschlecht-Modell, wenn wir wissen, dass es „über zwei Jahrtausende hin (...) für den Eierstock - ein Organ, das seit dem frühen 19. Jahrhundert zum pars pro toto für die Frau wurde - nicht einmal einen eigenen Begriff [gab]. Galen belegt ihn mit demselben Wort, das er für den männlichen Hoden verwendet, orcheis, und überlässt es dem Kontext, zu klären, von welchem Geschlecht er gerade handelt. ( ) Genauso wenig gibt es im Lateinischen oder Griechischen oder in einer der europäischen Umgangssprachen bis um 1700 einen Fachausdruck für die Vagina (...).“ (Laqueur, ebd., S.17). Dies war möglich, da es, bzw. ist Indiz dafür, dass es, die Frau, wie wir sie heute kennen, nicht gab, aber auch dass die Biologie als Grundlage von Geschlecht (wie in der Kategorie des sex), wie sie uns Heutigen selbstverständlich erscheint, so nicht von Bedeutung war. „Ein Mann oder eine Frau zu sein, hieß, einen sozialen Rang, einen Platz in der Gesellschaft zu haben und eine kulturelle Rolle wahrzunehmen, nicht jedoch, die eine oder andere zweier organisch unvergleichlicher Ausprägungen des Sexus zu sein.“ (Laqueur, ebd., S. 21). Was wir heute mit gender bezeichnen, war also die Kategorie von Geschlecht.

Laqueur zeigt außerdem, dass die Vorstellung, wissenschaftliche Erkenntnisse bewirkten die Geschlechtsmodelle und ihre Änderung, verkürzt ist. Wissenschaftliche Erkenntnisse können nur produziert oder zumindest auf breiter Basis wahrgenommen werden und sich durchsetzten, wenn sie mit machtpolitischen und soziokulturellen Notwendigkeiten und Interessen der Mächtigen korrespondieren, so Laqueur. Daher ist die Hierarchie, die Aufrechterhaltung der Dominanz des MANNES (eine machtpolitische Frage) den Denkweisen von Geschlecht immanent. „Dieses ’eine Fleisch’(...) hat man in der Antike erdacht, um die außerordentliche kulturelle Durchsetzung des Patriarchats, des Vaters, angesichts des vom Sensorischen her evidenteren Anspruchs der Mutter mit Worten zu besetzen.“ (Laqueur, ebd., S.33). Es ist offensichtlich, dass die Hierarchie, die Überlegenheit des MANNES, also historisch bereits vor dem Zwei-Geschlechtersystem in der Denkweise von FRAU und MANN vorhanden war. Mit Laqueur: „Niemandem war sehr daran gelegen, in der Anatomie oder in konkreten physiologischen Unterschieden zwischen Männern und Frauen nach Anzeichen für zwei distinkte Geschlechter Ausschau zu halten, bis derartige Unterschiede politisch wichtig wurden. ( ) Bis zu diesem Zeitpunkt [Mitte des 18. Jahrhunderts] hatte es nur eine Grundstruktur des menschlichen Körpers gegeben, und diese Struktur war männlich. Wenn jedoch nun Unterschiede aufgedeckt wurden, dann tragen sie, allein schon durch die Art und Weise ihrer Darstellung, immer schon die tief eingegrabenen Spuren der Machtpolitik zwischen den soziokulturell abgegrenzten Geschlechtern.“ (Laqueur, ebd., S.23).1

Diese Machtpolitik, die bereits etablierte Dominanz des Männlichen, musste nun in einem neuen Geschlechtermodell manifestiert werden. Die Ziele der Aufklärung beinhalteten aus der Sicht der meisten (nicht aller) Männer die Gefahr, Frauen die bürgerlichen Rechte zugestehen zu müssen. Die Eignung der Frauen zur Erfüllung bürgerlicher Rechte (Wahlrecht) und Pflichten, sowie zu geistiger Tätigkeit wurde zu einem vieldiskutierten Thema : Gottsched, Olympe de Gouges (beide dafür), Kant, Schiller, Rousseau (dagegen), letztlich alle Geistesgrößen und auch Mediziner nahmen hierzu einen Standpunkt ein. Beide Seiten argumentierten nun mit der (neuen) geschlechtlichen, physiologischen, geistigen Andersartigkeit (der “Natur”) der Frau, mit dem Zweigeschlechtersystem. Kant schließt in seinem Gleichheitspostulat die Frauen explizit aus:

„(...) die dazu erforderliche Qualität ist, außer der nat ü rlichen (dass es kein Kind, kein Weib sei), die einzige, dass er sein eigener Herr (sei juris) sei (...).“ (Kant, „Über den Gemeinspruch“, zit. in: Bovenschen, 1979, S.72). Der Ausschluss der Frauen aus der “brüderlichen Gleichheit” der Aufklärung wurde also von nun an mit ihrer “Natur” begründet. Die Biologie als Grundlage der Geschlechterdifferenz war geschaffen, und diese Differenz wurde sofort auf alle anderen Bereiche übertragen. Ihre “Natur” und - paradoxerweise - auch ihre Aufgabe, war von nun an, die Ergänzung des Mannes zu sein, sein ihn komplettierendes Gegenteil (unschuldig, kind- oder engelsgleich, schön, empfindsam, natürlich, d.h. nicht durch geistige Auseinandersetzung verfälscht, tugendhaft, naiv). Dazu Kant: „Daraus muss folgen, dass die Zwecke der Natur darauf gehen, den Mann durch die Geschlechterneigung noch mehr zu veredeln, und das Frauenzimmer durch eben diese noch mehr zu verschönern. Ein Frauenzimmer ist darüber wenig verlegen, dass sie gewisse hohe Einsichten nicht besitzt, (...) sie ist schön und nimmt ein und das ist genug.“ (Kant, „Betrachtungen über das Gefühl des Schönen und Erhabenen“ 1764, zit. in: Bovenschen, ebd., S.73). Von der Vielzahl politischer, sozialer und erkenntnistheoretischer Entwicklungen (z.B. auch die Arbeitsteilung der bürgerlichen Familie) erzeugt, etablierte sich die neue Denkweise der dichotomen Zweigeschlechtlichkeit in den Diskursen zu den „universalistischen Forderungen nach menschlicher Freiheit und Gleichheit während der Aufklärung“ und „selbstverständlich schafften jene, die gegen einen Zuwachs an ziviler und persönlicher Macht der Frauen waren - die übergroße Mehrheit der wortmächtigen Männer - Belege für das körperliche und geistige Ungenügen von Frauen für derartige Fortschritte herbei.“ (Laqueur, ebd., S.221/222). Diese “Belege” beriefen sich auf die “Natur”, so dass nun 1. Frauen aufgrund ihrer Biologie als genuin anders und minderwertig galten, und dass 2. diese “minderwertige Natur” erweitert wurde auf alle Bereiche weiblichen Seins, d.h. die Grundlage für bis ins 21te Jahrhundert verbreitete Ansichten von typisch weiblichen (Un-) Fähigkeiten (körperlich, emotional und geistig) und Zuständigkeiten (Arbeitsteilung/ Beschränkung auf Hausarbeit und Kinderaufzucht, Attraktivität/ Repräsentation, Dasein für den MANN) geschaffen wurden.

Rousseaus Arbeiten sind zwar nur ein Beispiel wie dieses neue Frauenbild geschaffen wurde, doch „Rousseaus Sicht der Geschlechterverhältnisse wurde ja nicht relativiert oder abgewiesen. Vielmehr lassen sich in der französischen und in der deutschen Tradition (Herder, Goethe, Schiller) ganz analoge Konstruktionen aufzeigen. Die Idealisierung der weiblichen Unschuld ist von einem deutlichen Aggressionsschub gegen ältere, intellektuell gleichrangige und sexuell aktive Frauen begleitet. Die geistige Elite des ausgehenden 18. Jahrhunderts feierte den Autor des Emile.“ (Prokop, 1989, S.95). „In der Tat argumentiert er im gesamten Emile, dass natürliche Unterschiede zwischen den Geschlechtern in der Form moralischer Unterschiede repräsentiert und vergrößert sind, welche die Gesellschaft nur zu ihrem Schaden beseitigt.“ (Laqueur, ebd., S. 227). Schon bei der Geburt der FRAU als eigenes Wesen im radikalen Dimorphismus des Zweigeschlechtersystems wurde sie also als das (vom MANN) Differente, das „Andere“, das ihm Gegensätzliche, ihn polar Ergänzende, das „Besondere“, und das ihm Unterlegene, das „Mindere“ erschaffen.2

1.2.2. Strukturmomente des hierarchischen Zweigeschlechtersystems heute

Die Manifestation des Status der „Besonderen, Minderen, Anderen” der FRAU in der heutigen Gesellschaft, zeigt sich in unzähligen Bereichen, so wird er auch auf der körperlichen Ebene ( Kap.3) sichtbar. Er wird aufrechterhalten durch einige zentrale „Strukturmomente” (Bilden, ebd., S.291) des hierarchischen Zweigeschlechtersystems. Diese Strukturmomente prägen, teils sehr direkt, teils indirekt und in komplexen Zusammenhängen, Frauenkörper mit. Die geschlechtliche Arbeitsteilung ist ein sehr wichtiges Strukturmoment, dessen direkter Einfluss auf Frauenkörper meines Wissens noch nicht explizit erforscht wurde, das jedoch den Kontext bildet, in dem Frauen in und mit ihren Körpern leben.

Die bisher erreichte Gleichberechtigung hat durchaus noch nicht zu gleichwertiger Berufstätigkeit von Frauen und Männern geführt. Die allgemeine Höherbewertung des öffentlichen (Produktions-) Bereiches und dessen Zuordnung zum Männlichen, in dem auch de facto Männer ihre geschlechtsidentitätsstiftende und anerkannte Arbeit verrichten, gilt ungebrochen (in der immer stärker auf Leistung ausgerichteten, kapitalistischen Gesellschaft vielleicht mehr denn je). Frauen bleiben dabei, trotz (angeblich) gleichberechtigtem Zugang zu diesem Bereich weiter allein verantwortlich für den ihnen von jeher zugeordneten privaten (Reproduktions-) Bereich, in dem sie ihre geschlechtsidentitätsstiftende, nicht als “Arbeit” anerkannte und unbezahlte (Haus-) Arbeit verrichten. Daraus resultiert für berufstätige Frauen eine Doppelbelastung, der Männer so gut wie nie ausgesetzt sind (vgl. Bilden, ebd.). Sog. Hausarbeit wird noch immer, da Re produktion nicht als wirtschaftlich produktiv gilt erheblich unterschätzt.

„Der Zeitaufwand für Haus- und Familienarbeiten von Frauen in Paarhaushalten mit Kindern unter

15 Jahren übersteigt mit durchschnittlich 54 Stunden pro Woche die ’normale’ Arbeitswoche einer erwerbstätigen Person um etliches.“ (Bundesamt für Statistik, Schweiz, 2002). Darin sind höchstwahrscheinlich die Reproduktionsdienste der Frauen für ihren jeweiligen Mann nicht miteingerechnet. „Hausarbeit” beinhaltet die Verantwortung für alle Arten von Reproduktion: die biologische (Schwangerschaft, Kinderpflege, Erziehung), die alltägliche der Mittel (Kochen, Putzen, Waschen, Nähen, Einkaufen, etc.), sowie die psychische des Mannes (Beziehungsarbeit), manchmal inklusive sexueller Dienste (Geschlechtsverkehr “um des Friedens willen“). (vgl. Böhm/ Daams/ Eichenbrenner, 1977). Zwar ist Vergewaltigung in der Ehe inzwischen ein Straftatbestand und die Nichterfüllung der “ehelichen Pflicht” ist kein Scheidungsgrund mehr (wie noch 1977), doch die Zuständigkeit der FRAU für das Wohl der Familie, inklusive des Wohls des Mannes, wie sie Rousseau noch offen ausspricht, wirkt fort und manifestiert sich heute, als ein, durch Sozialisation und geschlechtstypische Erwartungen tief verinnerlichtes Muster. „Hausarbeit in Form von emotionalen und sexuellen Liebesdiensten“ (Böhm/ Daams/ Eichenbrenner, ebd., S.46ff) ist weder mess- noch bezahlbar, sie wird in den persönlichen, freiwillig leistbaren (oder zu unterlassenden) Bereich eingeordnet, und doch ist sie ein Tun, das offensichtlich den meisten Frauen gemeinsam ist, das im Familien-, aber auch schon im heterosexuellen Arrangement erwartet wird und das reproduktive, regenerierende Wirkung für die Produktivkraft des Mannes hat. Die Bewertung emotionaler und sexueller Dienste als Arbeit ist noch weniger als die biologisch reproduktive Hausarbeit (“natürlich”) und die alltägliche der Mittel (“nicht produktiv”) denkbar, da dies außerdem den romantischen Vorstellungen, die mit einem weiteren Strukturmoment des Zweigeschlechtersystems einhergehen - der Zwangsheterosexualität zuwiderläuft.

Doch fassen wir zuerst die wichtigsten Merkmale des Strukturmoments Arbeitsteilung zusammen:

1. Die Trennung in öffentlichen Produktionsbereich als Männerdomäne und privaten Reproduktionsbereich als Frauendomäne,
2. Die grundsätzliche Höherbewertung des Öffentlichen, des Produktiven und des Männlichen,
3. Die bleibende alleinige Zuständigkeit der Frauen für den gesamten Reproduktionsbereich,
4. Ungleiche, d.h. schlechtere, Bedingungen für Frauen im Produktionsbereich, da dieser auf die Bedürfnisse der MÄNNER ausgerichtet ist, wie Doppelbelastung, Teilzeitarbeit, hierarchisch niedrigere Positionen, geringere Aufstiegschancen, Unterbrechungen der Berufslaufbahn, durchschnittlich niedrigere Löhne, häufigere Arbeitslosigkeit (vgl. Bundesamt für Statistik, Schweiz, 2002) .
5. Die Strukturierung des Produktionsbereiches nach Frauen- und Männerberufen, wobei

“Frauenberufe” zum großen Teil als Erweiterung der Hausarbeit auf den produktiven Bereich angesehen werden können, z.B. in Form von sozialen Berufen, Dienstleistungstätigkeiten (bei denen Attraktivität zum Einstellungskriterium wird) und monotonen Tätigkeiten in der Reinigungs-, Nahrungsmittel- oder Textilindustrie. Dabei finden sich Frauen hier, wie auch in anderen Berufen, prozentual am häufigsten auf den unteren Hierarchieebenen. Je höher und machtvoller die Positionen werden, desto geringer wird der Frauenanteil. „Machtpositionen in Wirtschaft, Politik, Justiz und für die Produktion der symbolischen Kultur in Wissenschaft, Bildungswesen und Medien“ sind nach wie vor hauptsächlich von Männern besetzt. (Bilden, ebd., S.292). Hier zeigt sich auch das Phänomen der sog. gläsernen Decke, das beschreibt, wie selbst beruflich sehr erfolgreiche Frauen an einem Aufstieg in die höchsten Ebenen der Hierarchie scheitern, respektive gehindert werden (vgl. Mühlen Achs, 1998, S.12). Unter diesen Vorraussetzungen verwirklichen Frauen ihre individuellen Lebensentwürfe, in denen sie auf unterschiedliche Weise mit der permanent zu leistenden Geschlechtsdarstellung in Konflikt geraten können. So kann z.B. einer Frau in einer Führungsposition unterordnendes Verhalten, das zu idealtypischer Weiblichkeitsdarstellung gehört, in die Quere kommen, wogegen eine durch Doppelbelastung und Verrichtung harter, monotoner Arbeit überlastete Frau darunter leiden kann, dem Attraktivitätsprinzip nicht mehr entsprechen zu können.

Unterordnendes Verhalten und die Verkörperung von Schönheit (siehe Kap.3) sind Darstellungen von Weiblichkeit, die eng mit dem zweiten zentralen Strukturmoment des Zweigeschlechtersystems - der „Zwangsheterosexualität“ oder „Heterosexualitätsnorm“ (Bilden, ebd., S.292) - zusammenhängen. Diese ist Ursache und Ziel der bipolaren Geschlechtscharaktere mit denen die „ ,soziale Organisation sexueller und emotionaler Anziehung’ (Carrigan, Connel & Lee 1985)“ (Bilden, ebd.) erreicht wird. „Sozialhistorische Frauenforschung hat die Konstruktion polar-komplementärer ’Geschlechtscharaktere’ als biologisch-psychologische Legitimation der kapitalistischen Arbeitsteilung und der Zu- und Unterordnung der Frau unter den Mann belegt (Hausen 1978, Rang 1986).“ (Bilden, ebd.). So ergänzen sich Arbeitsteilung und Heterosexualitätsnorm perfekt in der umfassenden Konstruktion der geschlechtlichen Hierarchie. Die Verbindung von Weiblichkeit und Unterordnung und ihre Verankerung auf der persönlichen, emotionalen und sexuellen Ebene in der Heterosexualität erschwert eine Veränderung des hierarchischen Geschlechterverhältnisses auch für Frauen (und Männer), die auf der Ebene der Gleichberechtigung im öffentlichen Leben bereits erfolgreich Egalität verwirklichen. „Das asymmetrisch konstruierte Ideal einer heterosexuellen Paarbeziehung, das durch Machtrelationen bestimmt ist, wurzelt in traditionellen Männlichkeits- und Weiblichkeitsidealen, die durch ihre Verankerung im individuellen Selbst naturalisiert werden und damit als Aspekt individueller Identität in Erscheinung treten. ( ) Das gesellschaftliche

Arrangement der Geschlechter wirkt bis in die psychosexuellen Strukturen hinein, indem es das erotische Begehren lenkt und strukturiert.“(Mühlen Achs, 1998, S.15). So finden sich beispielsweise fast immer größere und ältere Männer mit kleineren und jüngeren Frauen zusammen, sodass das hierarchische Verhältnis symbolisiert und reproduziert wird. Durchschnittlich eher kleine Männer suchen dabei meist eine Frau, die noch kleiner ist als sie, und große Frauen bevorzugen einen mindestens gleichgroßen, oder älteren, reichen und mächtigen Mann (Mühlen Achs, 1993, S.46ff). Heterosexualität als Norm ist also auch problematisch, da in ihrer idealtypischen Konstruktion die Unterordnung der FRAU immanent ist. Sie begründet die Fixierung von FRAUEN auf den MANN, dem heterosexuellen Modell folgend, nachdem die FRAU ihren (Selbst-) Wert erhält, indem sie für den MANN attraktiv ist und, in dem sie, wird sie von ihm “erwählt”, seinen gesellschaftlichen Status erhält (“Frau Doktor” wird teilweise noch heute die Ehefrau des Doktors genannt, ungeachtet ihrer Ausbildung). Außerdem ist mit der Aufwertung der Heterosexualität zur Norm natürlich eine Abwertung von Homosexualität und deren Verortung als Abweichung gegeben, was trotz großer Erfolge der politischen Homosexuellenbewegung eine Bewertung vor allem von lesbischen Frauen als doppelt anders, besonders und minderwertig zur Folge haben kann. Wie eng die Erfüllung von Weiblichkeitsdarstellung mit Heterosexualität verbunden ist, und wie sehr lesbische Frauen von Menschen mit diesen Denkmustern abgewertet werden, zeigt sich in der Beschimpfung von atypisch und (an einem Mann) uninteressiert sich verhaltenden Frauen als “Lesbe”. Solche Beschimpfungen, die einer Frau in der Öffentlichkeit jederzeit widerfahren können, gehören bereits zu dem Thema, das, meiner Meinung nach, ebenfalls als Strukturmoment des hierarchischen Zweigeschlechtersystems gezählt werden muss - die Gewalt von Männern gegen Frauen. Die Dominanz des Männlichen äußert sich in vieler Hinsicht subtil, weitet sich jedoch in erschreckendem Masse aus bis zur Anwendung körperlicher und sexueller Gewalt. Die umfassende Sexualisierung und damit Degradierung der Frau zum Objekt bzw. ihre Reduzierung auf ihre sexuelle Funktion f ü r den Mann (nicht ihre eigene Sexualität) kennzeichnet Gewalt gegen Frauen auf fast allen Ebenen - von einer allgegenwärtigen, latenten Gefährdung von Frauen in der Öffentlichkeit (durch Beschimpfung oder Anmache bis zur Vergewaltigung), über die Verbreitung von sexistischen Medienproduktionen (z.B. auch Werbung, der sich niemand entziehen kann bis zu Pornografie) und sexuelle Belästigung am Arbeitsplatz bis zur erschreckenden Häufigkeit sexuellen Missbrauchs von Mädchen und Frauen in den Familien. Aufgrund der großen Dunkelziffern gibt es unterschiedlichste Angaben, in Deutschland wird eine Zahl von 300 000 Fällen sexuell motivierter Gewalttaten an Kindern unter 14 Jahren angegeben, d.i. jedes dritte Mädchen und jeder neunte Junge ( in: Mühlen Achs, 1993, S.186/187). Sexualisierung und Gewaltanwendung, die das Recht auf körperliche Unversehrtheit bedrohen und viel zu oft tatsächlich brechen, sind als Extremformen männlicher Dominanz letztlich ein systemimmanentes Strukturmerkmal des hierarchischen Zweigeschlechtersystems.

Zwar bleiben Männer, aufgrund der Höherbewertung des Männlichen an sich, immer Nutznießer dieses Systems, trotzdem gilt es festzustellen, dass es sich strukturell nicht um eine Dominanz aller realen Männer handelt, sondern um das Prinzip der „hegemonialen Männlichkeit”. Dieser Begriff meint eine „historisch in sozialen Praktiken konstruierte und sich verändernde Form von Männlichkeit, die sich über die Unterordnung von Frauen, aber auch vieler Gruppen von Männern konstituiert. Männlichkeit ist also intern differenziert, hierarchisiert nach Schicht/ Klasse, Rasse, Ethnie, nach Hetero- und Homosexualität“ (Bilden, ebd., S.292). Auch Männer können so von der Dominanz hegemonialer Männer betroffen sein und stehen unter einem Männlichkeitszwang. Dies kann aber niemals eine Rechtfertigung für Dominanzverhalten gegenüber Frauen, geschweige denn für Sexualisierung oder Gewalt, sein. Außerdem bleiben selbst subdominanten Männern, wie homosexuellen oder sog. femininen Männern, in der Interaktion mit Frauen die Vorteile der Höherbewertung des Männlichen erhalten. Hierarchieverhältnisse können nicht aufgerechnet werden, in dem Sinne, dass z.B. ein schwarzer, homosexueller Mann unterdrückter sei als eine weiße, heterosexuelle Frau. Sie etablieren sich und wirken in konkreten Interaktionen, in denen wahrscheinlich in unserer Kultur (auch dies ist kontextabhängig) der schwarze, homosexuelle Mann einem weißen Mann (jeglicher Sexualität) gegenüber subdominant ist, jeglicher Frau gegenüber aber, notfalls neben anderen Machtmechanismen (wie Status oder Kapital) seine dominante Position als Mann behält.

2. Körper

„ Die moderne Frau mit eigenem Gehalt, einem Appartement f ü r sich allein, dynamischsportliche Erscheinung im Schneiderkost ü m ist eine zu eilige Selbstfabrikation. ( ) Gleichheit erlangt sie nur entlang m ä nnlicher Normen und Standards - Selbstsicherheit, rationales Denken, emotionale Distanz, funktionales Verh ä ltnis zum eigenen Körper. “

(Woesler-dePanafieu, Christine, 1983, S.60).

Der Versuch einer eindeutigen Verortung des Körpers in unserer heutigen Gesellschaft scheitert an verschiedensten widersprüchlichen Phänomenen, für die der FitnessBoom, dies Ideal einer „dynamisch-sportlichen Erscheinung” nur ein Beispiel ist. Einerseits leiden immer mehr Menschen unter Bewegungsmangel und seinen Folgeerkrankungen, andererseits wird mit dem Fitness-Boom eine Haltung des “alles-ist-machbar” erzeugt und „ein funktionales Verhältnis zum eigenen Körper“ ist Teil des Fitness-Programms; für Frauen kann Fitnesstraining die Erfahrung der eigenen Kraft und eine Erweiterung des Bewegungsraumes bedeuten, genauso kann es aber vor allem der Erfüllung fremdbestimmter Schönheitsideale dienen. Der Körper ist zuerst einmal da, jede(r) “hat einen Körper”, daher scheint er begreif-bar, weil greif-bar, materiell vorhanden, eindeutig umrissen, durch die Haut begrenzt. Literatur zu Körperthemen gibt es seit einigen Jahrzehnten immer zahlreicher - sowohl aus wissenschaftlicher und philosophischer, als auch aus populärer Perspektive, doch eine Eindeutigkeit, wie sie der Be-griff des Körpers nahelegt, ist nicht im geringsten gegeben. Veröffentlichungen unter Körpertiteln beinhalten Texte zu so unterschiedlichen Themen wie Sexualität, Sport, Ernährung, Psychologie, Geschichtswissenschaft, Kunst, Medizin, Theater, Therapie, Soziologie, Literaturwissenschaft, Anthropologie, Geschlechtertheorie, etc.. Dies reflektiert, dass der Körper als Basis unserer Existenz in allen Lebensbereichen eine Rolle spielt und dass das Wie dieser Rolle fragwürdig geworden ist, sich verändert, Antworten verlangt. „Ohne Körper geht nichts“ (Koch,G./ Naumann,G./ Vaßen,F., 1999), und die „Wiederkehr des Körpers ist kein Gegenstand einer wissenschaftlichen Disziplin, sondern hat ihren Ort jenseits aller Expertenkompetenz.“ (Kamper,Dieter/ Wulf,Christoph, 1982, S.11). Quantitativ zunehmende und zum Teil qualitativ neue Körperpraktiken in unserer Gesellschaft werden sehr unterschiedlich bewertet, oft sind sie gegeneinander und ineinander widersprüchlich. Beispiele solcher Körperpraktiken sind: Fitnesstraining, Wellness, Jogging, Outdoor- und Risikosportarten (Mountainbiking, Rafting, Bungeejumping, etc.), asiatische Körperpraktiken (Yoga, Aikido, Tai Chi, etc.), Körpertherapien und sog. Körperarbeit (z.B. Bioenergetik, Feldenkrais, Rolfing, Hakomi, etc.), Ernährungslehren (biologisch-dynamisch, vegetarisch, vegan, makrobiotisch, ayurvedisch, etc.), Körperkunst (sog. body art), kosmetische Chirurgie, Pornografie, MenschMaschine-Techniken (Herzschrittmacher, künstliche Organe, Chipimplantate, Cyborgs, etc.), Organproduktion und -transplantation, Genforschung und -technik und künstliche Befruchtung, Leihmutterschaft, Samenspende, und vieles mehr. Diese Liste ist sicher um einige Themen erweiterbar und jedes einzelne Thema wird in Bezug auf die Bedeutung des Körpers in unserer Gesellschaft kontrovers diskutiert. Dieses Konglomerat und die zugehörigen wissenschaftlichen Debatten verstehe ich unter “Körperboom”. Der Körper verliert seine Eindeutigkeit sobald er Objekt der Diskussion wird, er vervielfältigt sich sozusagen und wird zu vielen, verschiedenen Körpern und doch bleibt er immer auch der begreifbare Körper, den jeder hat, die Vergleichsbasis, die jeden Menschen zu einem Experten des Körpers macht.

Im Folgenden werde ich eine allgemeine Einschätzung des Körperbooms in Wissenschaft und Gesellschaft vornehmen, d.h. auch meinen Standpunkt klären, warum und in welchem Kontext die Auseinandersetzung mit dem Körper nötig ist (Kap.2.1). Erst danach widme ich mich der Diskussion um den Körperbegriff und wissenschaftlichen Diskussionen zur Beschreibung des Körpers genauer, sodass ein engerer Blickwinkel entsteht, in dem der Körper zunächst als soziales Konstrukt beschrieben wird (Kap.2.2). Dieser bildet sodann die Basis, um, im 3. Kapitel, zu spezifischen Konstruktionsbedingungen und -formen von Frauenkörpern fortzuschreiten.

2.1. Körperunterdrückung und Körperkult

Der Körperkult, in Abgrenzung vom umfassenden Körperboom, die in Praktiken und populärer Literatur meist unkritisch und unreflektiert stattfindende Aufwertung des Körpers wird von zahlreichen Autoren mit einer Unterdrückung des Körpers in unserer Zivilisation in Zusammenhang gebracht (z.B. Lippe, zur, 1976; Kamper/ Wulf, 1982; Dreitzel, 1981; Koch/Naumann/Vaßen, 1999; Klein, 2001). So schreiben Kamper und Wulf (1982): „Von einer Wiederkehr des Körpers zu sprechen unterstellt bereits ein Verschwinden, eine Spaltung, eine verlorene Einheit. Es geht mithin um die Trennung von Körper und Geist, um den Abstraktionsprozess des Lebens mit seiner Distanzierung, Disziplinierung, Instrumentalisierung des Körperlichen als Grundlage des historischen Fortschritts, um die damit einhergehende Entfernung und Ersetzung der menschlichen Natur durch ein vermitteltes gesellschaftliches Konstrukt.“ (Kamper/ Wulf, 1982, S.9) Und auch 2001 ist, in dem Sammelband „Wieviel Körper braucht der Mensch?“ (Hg.: Randow, von, Gero, 2001), der Widerspruch zwischen der Verdrängung des Körpers aus unserer Kultur und einem konstatierten Körperkult die verbindende Frage der Beiträge. Gabriele Klein schreibt in eben diesem Band: „Eine der erstaunlichsten Paradoxien moderner Mediengesellschaften ist die Gleichzeitigkeit von Körperaufwertung und -verdrängung. Ob Piercing, Branding, Tattoos, Body Modification, Fitness- und Muskeltrainings, Diäten, Schönheitsoperationen oder Extremsportarten, Bungeespringen und tagelange Raves, der neue Kult um den Körper hat viele Erscheinungsformen. (...) Während die Kulturkritik die Körperaufwertung als einen Beleg für den Verlust kultureller Konventionen wertet, befürchten andere eher das Verschwinden des Körpers. Ob durch Bio- oder Gentechnologien, Transplantationsmedizin oder durch digitale Medien (...).“

[...]


1 Zwar wird Laqueurs Darstellung des Ein-Geschlecht-Modells zum Teil als vereinfacht kritisiert, doch der hier wichtige Punkt, das historische Verhältnis von Hierarchie und Zweigeschlechtersystem, wird dadurch nicht grundsätzlich betroffen. Kritik und eine komplexere Zugangsweise zur erlebten Leiblichkeit von Frauen in der Historie bietet Duden in all ihren Arbeiten. Exemplarisch 1991: „ Darauf wies Pouchelle hin: bei der Analogie zwischen Männer- und Frauenkörper handelt es sich um eine ’innere’ Metapher, die ich ’haptisch’ oder ’vielsinnig’ (gr. syn-aisthetisch) nennen würde. Es werden nicht nur zwei anatomische Teile des gleichen Körpers in Beziehung gesetzt, sondern es werden die gleichen Regionen des Erlebens an zwei unterschiedlichen Körpern verglichen. Genau daran geht Laqueur vorbei.“ (Duden, 1991, S.118).

2 Die Frau als das „Besondere, Mindere, Andere” ist eine Formulierung von Knapp (1987), die aufgrund ihrer Prägnanz oft zitiert wird.

Ende der Leseprobe aus 155 Seiten

Details

Titel
Frauenkörper - zwischen sozialem Konstrukt und individueller Leiblichkeit
Hochschule
Ludwig-Maximilians-Universität München  (Institut für Pädagogik)
Note
2,0
Autor
Jahr
2003
Seiten
155
Katalognummer
V18315
ISBN (eBook)
9783638226868
Dateigröße
2421 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Eine Untersuchung der Konstruktion von Geschlechtund Körper anhand der aktuellen Literatur aus Geschlechterforschung, Körpertheorien und Leiblichkeitsphänomenologie.Inklusive ausführlicher Erarbeitung spezifisch weiblicher somatischer Kulturen, besonders der weiblichen Körpersprache im Zusammenhang mit Unterdrückungsmechanismen des "Weiblichen" in der heutigen Gesellschaft, sowie möglicher Lösungsansätze durch den Perspektivenwechsel vom "Körper" zum "Leib".
Schlagworte
Frauenkörper, Konstrukt, Leiblichkeit
Arbeit zitieren
M.A. Astrid Berger (Autor), 2003, Frauenkörper - zwischen sozialem Konstrukt und individueller Leiblichkeit, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/18315

Kommentare

  • Noch keine Kommentare.
Im eBook lesen
Titel: Frauenkörper - zwischen sozialem Konstrukt und individueller Leiblichkeit


Ihre Arbeit hochladen

Ihre Hausarbeit / Abschlussarbeit:

- Publikation als eBook und Buch
- Hohes Honorar auf die Verkäufe
- Für Sie komplett kostenlos – mit ISBN
- Es dauert nur 5 Minuten
- Jede Arbeit findet Leser

Kostenlos Autor werden