Timothy Learys Einfluss auf die psychedelische Bewegung


Hausarbeit, 2010

14 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Timothy Learys medialer Einfluss auf die Verbreitung von LSD

3. Der Einfluss von psychoaktiven Substanzen auf die psychedelischen Bewegung im Kontext der Theorien von Timothy Leary

4.Fazit

5. Quellen- und Literaturverzeichnis

1. Einleitung

„Think for yourself. Question authority. Throughout human history as our species has faced the frightening terrorizing fact that we do not know who we are or where we are going in this ocean of chaos it has been the authorities - the political, the religious, the educational authorities - who attempted to comfort us by giving us order, rules regulations - informing, forming in our minds their view of reality. To think for yourself you must question authority and learn how to put yourself in a state of vulnerable open-mindedness - chaotic, confused vulnerabilty to inform yourself. Think for yourself. Question authority.“1

Dieses Zitat stammt von dem amerikanischen Psychologen und Autoren Timothy Leary, der als Mitbegründer der psychedelischen Bewegung gilt. „Psychedelisch“ bedeutet so viel wie „Seele hervorbringend“ und bezieht sich auf die Wirkung einer Substanzklasse psychoaktiver Drogen, der unter anderem LSD angehört. Timothy Leary befürwortete den Konsum dieser Substanzen als Mittel zur persönlichen Entwicklung und Schlüssel zu gesellschaftlichem Wandel, womit er die psychedelische Bewegung der 60er Jahre maßgeblich mitbeeinflusste.

Zusammen mit Richard Alpert, ebenfalls Psychologe und ein Kollege von Leary an der Harvard Universität, widmete sich Leary zu Beginn der 60er Jahre der zunächst der wissenschaftlichen Erforschung von Psilocybin.2

Seine eigene Erfahrung mit Psilocybin nannte er später „the deepest religious experience of [his] life”3. Davon beeinflusst widersprach Leary der in der Medizin damals gängigen Annahme, dass psychedelische Substanzen bei Patienten sogenannte Modellpsychosen auslösen sollten und lehnte diese Sicht als zu negativ behaftet und stark vereinfacht ab:

„We were not to be limited by the pathological point of view. We were not to interpret ecstasy as mania, or calm serenity as catatonia […] nor the visionary state as model psychosis."4

Hierin zeigt sich Learys Anspruch, psychedelische Erlebnisse abseits des medizinischen Paradigmas zu definieren und wahrzunehmen. Er sah in psychedelischen Drogen ein Mittel zur spirituellen Revolution des menschlichen Bewusstseins.

Außerdem stellte Leary die Verbindung zwischen psychedelischen Drogen und der gesellschaftlichen Realität her: "Politics, religion, economics, social structure, are based on shared states of consciousness. The cause of social conflict is usually neurological. The cure is biochemical."5 Er führte soziale, ökonomische und politische Probleme auf kollektive Bewusstseinszustände zurück, die unter anderem auch durch die vorherrschenden Drogen wie Alkohol, Coffein und Psychopharmaka6 negativ beeinflusst wären.7

Für Leary war klar: Die gesellschaftliche Etablierung einer psychedelischen Droge würde der Menschheit Frieden, Freiheit und Erleuchtung bringen, und er war der Überbringer dieser Botschaft.

Leary fand 1962 die seiner Ansicht nach geeignetste Substanz hierfür, als er das hochpotente Psychedelikum LSD zu sich nahm. Leary sagte später, dass dieses LSD-Erlebnis seinen weiteren Weg endgültig vorgezeichnet hat: „From that date of this session it was inevitable that we would leave Harvard, that we would leave American society […] and tenderly, gently disregarding the parochial social insanities.“8

Diese Arbeit beschäftigt sich mit der Frage, wie Timothy Leary die psychedelische Bewegung beeinflusst hat

Trotz der Tatsache, dass die psychedelische Bewegung und die Bedeutung von LSD für die Gegenkultur (insbesondere für die politische Aktivisten der neuen Linken) der 60er Jahre in gängigen Betrachtungen dieses Jahrzehnts eher vernachlässigt werden, stellt dies eine relevante Thematik für die historische Forschung dar.

Die vorhandene Sekundärliteratur schreibt dem von Richard Nixon als „The most dangerous man alive“9 betitelten Timothy Leary einen nicht zu unterstätzenden Einfluss auf die Gegenkultur der 60er Jahre zu und sieht in ihm die wichtigste Persönlichkeit der psychedelischen Bewegung.

Zunächst werde ich auf Learys medialen Einfluss eingehen und dessen Wirkung auf den Massenkonsum von LSD, der die Entstehung der psychedelischen Bewegung zur Folge hatte. Im nächsten Schritt erörtere ich die wesentlichen Wirkaspekte von LSD auf die soziopolitische Gesinnung der Bewegung10 und gehe im Zusammenhang damit auf den ideologischen Kontext ein, in den Leary den LSD-Konsum gesetzt hat. Ein Fazit dient der Zusammenfassung der Ergebnisse.

2. Timothy Learys medialer Einfluss auf die Verbreitung von LSD

Learys unmittelbarer medialer Einfluss begann mit dem Ende seiner akademischen Karriere an der Harvard-Universität. Die Universitätsleitung warf ihm bei einer Sitzung 1962 vor unwissenschaftlich zu arbeiten und nicht im Sinne der Medizin zu forschen, da er im Rahmen seiner Studien Psilocybin und LSD zusammen mit Studenten einnahm. Die US Food and Drug Administration leitete bald darauf eine Untersuchung ein, in der sie LSD als zu gefährlich einstuften für Menschen, die auch den nicht-medizinischen Gebrauch der Substanz befürworteten.12

Die Universitätsleitung verbat alle weiteren Experimente und Leary wurde im Mai 1963 wegen einer Lappalie von der Universität suspendiert. Von dieser Tatsache scheinbar ungetrübt sagte er: „LSD is more important than Harvard“13

Learys Fall wurde in den kommenden Monaten als Skandal in den amerikanischen Medien behandelt. Leary war plötzlich eine Art Drogenguru und die Substanz LSD wurde landesweit bekannt. Journalisten übernahmen oftmals auch die schwärmerischen Beschreibungen von Leary und Alpert:

„The after benefits include a new understanding of beauty and art, more ability to be oneself, and a greater understanding of human relationships. Some speak of finding new directions for their lives“ 14

Berichterstattungen wie diese begünstigten die aufkommende psychedelische Bewegung.15

Mit dem Anspruch die gesamte amerikanische Gesellschaft zu tranformieren, hatte Leary keine andere Möglichkeit, als auf die Mithilfe der Medien zu setzen und sie für seine Zwecke zu nutzen. Er verstand es LSD als Allheilmittel für beinahe jedes Problem anzupreisen und damit eine breite Masse anzusprechen, denn für ihn war LSD immer ein Sakrament, egal in welchem Zusammenhang:

“It doesn't matter who or when or how or why you turn on, it's still a holy cosmic process whether you are a silly thirteen-year-old popping a sugar cube on your boyfriend's motorcycle or a theatrical agent giving pot to a girl to get her horny, or an alcoholic Catholic priest carrying the Viaticum to a hypocritical sinner” 16

Leary setzte LSD beispielsweise in den weiteren Kontext der sexuellen Befreiung und nannte LSD in einem Interview mit dem Playboy das mächtigste Aphrodisiakum, das jemals entdeckt wurde und behauptete: „a woman will inevitably have several hundred orgasms“17, selbst wenn diese nüchtern Probleme dabei hätte.

Leary konnte außerdem für Medieninteresse sorgen indem er zusammen mit Alpert die private Organisation „The International Federation for Internal Freedom“ (IFIF) gründete, die lokale Niederlassungen im ganzen Land hatte und nach kurzer Zeit bereits 3000 Mitglieder zählte.18

Leary sagte zu seiner Organisation: „We see ourselves as modest heroes, an educational tool to facilitate the development of new social forms“19

Diesem Anspruch wollte man gerecht werden, als man zusammen mit einer treuen Gefolgschaft aus ca. 30 weiteren Personen im August 1963 in Millbrook, New York in eine Villa mit großem Garten einzog.

Leary wollte unbedingt vermeiden abgekapselt von der Gesellschaft als Insel für isolierte Intellektuelle betrachtet zu werden. Vielmehr war es sein Ziel als Vorbild für andere zu dienen und im kommunenhaften Miteinander den Wert von psychedelischen Drogen zu vermitteln. 20

Millbrook wurde das spirituelle Zentrum der Ostküste und war ein Magnet für Musiker, Künstler, Autoren und Journalisten.

Regelmäßig waren Fernsehcrews rundum das Grundstück anwesend die für Berichterstattungen im Fernsehen sorgten.21

Weiterhin publizierten Leary und seine Anhänger ein eigenes Magazin, The Psychedelic Review, in dem sie von ihren Ideen und Erkenntnissen berichteten. Das Magazin hatte einen klaren wissenschaftlichen Anspruch, indem es sich z.b mit den biochemischen und pharmakologischen Eigenschaften von Psychedelika oder dem Zusammenhang von Schizophrenie und mystischen Erlebnissen befasst. Das Flugblatt, mit dem man Werbung für das Magazin machte, zeigt mit seiner aufwiegelnden Betextung jedoch, dass man damit auch eine breitere Masse heranwachsender Leser gewinnen wollte:

„Mescaline! Experimental Mysticism! Mushrooms! Ecstasy! LSD-25! Expansion of Consciousness! Phantastica! Transcendence! Hashish! Visionary Botany! Ololiuqui! Physiology of Religion! Internal Freedom! Morning Glory!“ 22

Leary hatte selbestverständlich auch viele Kritiker, die ihn und seine Ansichten in den Medien diffamierten. Seit der Mitte der 60er gab es beinahe täglich neue Medienberichte über Suizide unter LSD-Einfluss, durch LSD ausgelöste Chromosomenbrüche oder dauerhafte durch LSD verursachte psychische Störungen.23

Viele dieser Meldungen, wie beispielsweise LSD-verursachte Chromosomenbrüche, stellten sich als wissenschaftlich nicht haltbar heraus.

[...]


1 Leary, Timothy. Entnommen aus der geführten Meditation How to Operate Your Brain (1994).

2 Psilocybin ist der wirksame Inhaltsstoff der mexikanischen Zauberpilze und hat abseits einer kürzeren Rauschdauer insgesamt ein recht ähnliches Wirkspektrum wie LSD.

3 Huxley,Aldous/Leary,Timothy u.a, „The Religious Experience: Its Production and Interpretation“, in: Psychedelic Review, Vol. 1, No.3, New York 1964, S.1.

4 Leary, Timothy, High Priest, Berkeley 1995, S.66.

5 Leary, Timothy, High Priest, S.340.

6 In den USA gab es 1965 24mio Verschreibungen für Amphetamine und 123mio für Beruhigungsmittel. (vgl. Farber, David, “The Intoxicated State/Illegal Nation: Drugs in the Sixties Counterculture”, in: Imagine Nation: The American Counterculture of the 1960s and ‘70s, hrsg. von Braunstein Peter/Doyle, Michael William, New York 2002, S.19).

7 Vgl. Lee,Martin A./Bruce,Shlain, Acid Dreams, New York 1992, S. 69.

8 Leary, Timothy, High Priest, S.256f.

9 Chepesiuk, Ron, The War on Drugs, An International Encyclopedia, Kalifornien 1999, S. 118.

10 Im Rahmen dieser Arbeit beschränke ich mich auf die jugendlichen bzw. heranwachsenden Vertreter der Bewegung, nicht jedoch auf den stereotypen „Hippie”. Als Teil der psychedelischen Bewegung werte ich all jene deren Konsum von psychedelischen Substanzen wie LSD einen Beitrag zur Entstehung einer später näher ausgeführten soziopolitischen Einstellung leistete. Die relativ weite Definition dieser Einstellung ermöglicht das Miteinbeziehen von realpolitisch aktiven, meist studentischen Repräsentanten der Bewegung.

11 Vgl. Lee/Shlain, Acid Dreams, S. 74.

12 Vgl. Ebd.

13 Stafford, Peter, Psychedelics Encyclopedia, Berkeley 1992, S.51.

14 „Psychic-Drug Testers Living in Retreat”, in: The New York Times, 15.12.1963, S.64.

15 Vgl. Lee/Shlain, Acid Dreams, S. 75.

16 Leary, Timothy, Turn on, tune in, drop out, Berkeley 1999, S. 103.

17 Leary, Timothy, The Politics of Ecstasy, Berkeley 1998, S. 129.

18 Vgl. Ebd. S. 81.

19 Vgl. Ebd.

20 Ebd. S.82.

21 Lee/Shlain, Acid Dreams, S. 95.

22 D. Pichaske, A Generation In Motion. Popular Music and Culture in the Sixties, New York 1979, S. 117.

23 siehe z.b Schmeck,Harold M., „Lsd study shows genetic changes”, in: The New York Times,05.05.1968, S.81.

Ende der Leseprobe aus 14 Seiten

Details

Titel
Timothy Learys Einfluss auf die psychedelische Bewegung
Hochschule
Ruprecht-Karls-Universität Heidelberg
Veranstaltung
he Sixties' Rebellion: "1968" aus transatlantischer Perspektive
Note
1,0
Autor
Jahr
2010
Seiten
14
Katalognummer
V183965
ISBN (eBook)
9783656086536
ISBN (Buch)
9783656086338
Dateigröße
524 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
timothy, learys, einfluss, bewegung
Arbeit zitieren
Jerome Wittemann (Autor), 2010, Timothy Learys Einfluss auf die psychedelische Bewegung, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/183965

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