Dissoziative Identitätsstörung - Eine Überlebensstrategie


Diplomarbeit, 2006

93 Seiten, Note: 1.3


Leseprobe

Fachhochschule Erfurt
- Fachbereich Sozialwesen -
SS 2005
Diplomarbeit
zum Thema
Dissoziative
Identitätsstörung
­ Eine Überlebensstrategie ­
Vorgelegt von:
Katja Macheleidt
Eingereicht am:
19. Januar 2006

2
Vorwort
,,In der Nacht hatte ein Sturm an der Küste gewütet. Am Morgen fand ich am Strand
einen mächtigen schwarzen Stein, von der Wucht der Sturmflut in zwei Teile zerborsten.
Dicht daneben lag eine kleine Muschel, halb geöffnet, doch noch in beiden Hälften zu-
sammenhängend. Vorsichtig hob ich sie auf, spähte hinein ­ und fand eine noch kleine-
re Muschel darin, zartrosa schimmernd und völlig unversehrt.
Auch Menschenkindern gelingt dieses Wunder manchmal. Vor der Wucht der erlittenen
Gewalt beschützen sie ihren zarten Wesenkern, indem sie ihn durch die Schaffung neuer
,,Personen" in sich umschließen" (Michaela Huber 2002, S. 11).
Im ersten Praxissemester meines Studiums empfahl mir meine Praxisanleiterin das
Buch ,,Aufschrei" von Truddi Chase - eine interessante Publikation, in der die Autorin
authentisch ihre eigene Geschichte bzw. ihr Leben mir einer dissoziativen Identitätsstö-
rung beschreibt. So wurde ich zum ersten Mal mit dieser Thematik konfrontiert. In die-
sem Buch wurden oft Dinge beschrieben, die mir unglaublich vorkamen. Seitdem lies
mich die Thematik nicht mehr los, ich las Bücher und sah Dokumentationen. Ich war
beeindruckt von den vielfältigen und hoch kreativen Möglichkeiten, die unser Körper
der Psyche zur Verfügung stellt, um ein (Über-) Leben zu sichern.
In der Literatur werden für diese Thematik die Begriffe ,,Dissoziative Identitätsstörung"
(DIS) und ,,Multiple Persönlichkeitsstörung" (MPS) verwendet. Das DSM-IV
1
verwen-
det seit 1994 nur noch den Begriff ,,Dissoziative Identitätsstörung", während in der
ICD-10
2
weiterhin der Begriff ,,Multiple Persönlichkeitsstörung" beibehalten wird. In
der folgenden Arbeit werde ich den Begriff ,,Dissoziative Identitätsstörung" verwenden,
da er meines Erachtens eine korrektere Beschreibung des Störungsbildes liefert. Denn er
verdeutlicht, dass es sich nicht um reale Personen handelt, die sich zusammen einen
Körper teilen, sondern dass sich verschiedene Anteile eines Menschen als so sehr von-
einander getrennt erleben, dass sie jeweils über eine eigene Identität verfügen. In der
vorliegenden Arbeit wird jedoch nicht durchgängig von Menschen mit einer dissoziati-
ven Identitätsstörung gesprochen, sondern auch den Begriff ,,multipel" verwendet. Dies
1
System zur Klassifizierung von psychiatrischen Krankheiten
2
System zur Klassifizierung von allgemeinen Krankheiten

3
soll zur Vereinfachung beitragen und dem subjektiven Empfinden Betroffener gerecht
werden, die sich selbst oft als ,,multipel" bezeichnen.
Um den Lesefluss dieser Arbeit nicht zu stören, habe ich mich auf das grammatikalische
Geschlecht beschränkt.

4
Inhaltsverzeichnis
1 EINLEITUNG ... 6
2 DISSOZIATION ... 9
2.1
D
IE
G
ESCHICHTE DER
D
ISSOZIATION
... 10
2.3
E
INORDNUNG UND
D
EFINITION DISSOZIATIVER
S
TÖRUNGEN NACH
ICD-10
UND
DSM-IV... 12
2.3.1 Dissoziative Amnesie ... 13
2.3.2 Dissoziative Fugue... 14
2.3.3 Depersonalisationsstörung ... 14
2.3.4 Konversionsstörung ... 15
2.3.5 Dissoziative Trance und Besessenheit... 17
2.3.6 Dissoziative Identitätsstörung... 18
2.3.7 Nicht näher bezeichnete dissoziative Störungen... 18
3 DIE DISSOZIATIVE IDENTITÄTSSTÖRUNG... 19
3.1
D
IE
G
ESCHICHTE DER DISSOZIATIVEN
I
DENTITÄTSSTÖRUNG
... 19
3.2
E
INORDNUNG UND
D
EFINITIONEN DER DISSOZIATIVEN
I
DENTITÄTSSTÖRUNG
NACH
ICD-10
UND
DSM-IV... 23
3.3
E
PIDEMIOLOGIE UND DEMOGRAPHISCHE
A
SPEKTE
... 24
3.4
D
ISKUSSION ÜBER DIE
R
EALITÄT DER
D
ISSOZIATIVEN
I
DENTITÄTSSTÖRUNG
... 26
4 ENTSTEHUNGEN EINER DISSOZIATIVEN IDENTITÄTSSTÖRUNG ... 28
4.1
S
EXUELLER
M
ISSBRAUCH
... 28
4.2
R
ITUELLE
M
ISSHANDLUNGEN
... 31
4.3
W
ICHTIGE
F
AKTOREN BEI DER
E
NTSTEHUNG EINER
D
ISSOZIATIVEN
I
DENTITÄTSSTÖRUNG NACH
H
UBER
... 33
4.4
P
UTNAMS
E
NTWICKLUNGSMODELL
... 38
5 ,,TÄTERKREISE"... 41
5.1
F
AMILIE
... 41
5.2
B
EKANNTENKREIS
... 42
5.3
O
RGANISIERTES
V
ERBRECHEN
... 43
5.4
S
ATANISCHE
S
EKTEN
... 44
6 DIAGNOSTIK DER DISSOZIATIVEN IDENTITÄTSSTÖRUNG... 47
6.1
P
SYCHIATRISCHE
S
YMPTOME
... 48
6.2
N
EUROLOGISCHE UND MEDIZINISCHE
S
YMPTOME
... 51
6.3
D
IAGNOSEINSTRUMENTE
... 52
6.3.1 Screeninginstrumente... 52
6.3.2 Diagnostische Interviews... 53

5
7 DIE ALTER-PERSÖNLICHKEITEN... 55
7.1
A
RTEN VON
A
LTER
-P
ERSÖNLICHKEITEN
... 57
7.2
D
AS
S
YSTEM DER
A
LTER
-P
ERSÖNLICHKEITEN
... 62
7.3
S
WITCHE
... 62
7.3.1 Auswirkungen von Switchen ... 63
7.3.2 Körperliche Veränderungen... 63
7.3.3 Psychische Veränderungen ... 65
8 BEHANDLUNGSMÖGLICHKEITEN ... 66
8.1
P
SYCHOTHERAPIE
... 66
8.2
D
IE
B
EHANDLUNGSRICHTLINIEN DER
ISSD
IM
Ü
BERBLICK
... 67
8.2.1 Die Stabilisierungsphase ... 68
8.2.2 Die Behandlung traumatischer Erinnerungen und Integration der
Teilpersönlichkeiten ... 69
8.2.3 EMDR ... 70
8.2.4 Die Postintegrative Phase... 73
8.3
E
RGÄNZENDE
T
HERAPIEN
... 73
8.3.1 Psychopharmaka ... 73
8.3.2 Videotechniken ... 74
8.3.3 Stationäre Behandlung... 75
9 RELEVANZ FÜR DIE SOZIALE ARBEIT ... 77
9.1
A
NFORDERUNGEN AN DEN
S
OZIALARBEITER IM
U
MGANG MIT MULTIPLEN
M
ENSCHEN
... 78
9.2
S
OZIALARBEITERISCHE
I
NTERVENTIONEN
... 80
9.2.1 Prävention... 80
9.2.2 Beratung, Information und Begleitung ... 81
9.2.3 Krisenintervention ... 83
9.2.4 Selbsthilfegruppen ... 85
9.2.5 Begleitung im Rahmen des betreuten Wohnens ... 86
10 FAZIT ... 88
QUELLENVERZEICHNIS ... 90
INTERNET ­ REFERENZEN... 93

6
1 Einleitung
Seit Anfang der 90er Jahre findet die dissoziative Identitätsstörung in Deutschland zu-
nehmend Interesse in der Öffentlichkeit. Dies hängt vermutlich auch damit zusammen,
dass die Medien häufiger darüber berichten, da die Symptome sonderbar und gelegent-
lich bizarr scheinen.
Die dissoziative Identitätsstörung ist eine der ungewöhnlichsten psychischen Zustände,
die in der Psychologie bekannt sind. Das Vorhandensein scheinbar separater und unab-
hängiger Persönlichkeiten, die abwechselnd das Verhalten eines Menschen bestimmen,
ruft einerseits Faszination, andererseits Protest und Unglauben hervor. Das Existieren
einer solchen Entität stellt grundsätzliche Theorien des modernen Menschenbildes ­ die
Vorstellung einer einheitlichen, in sich geschlossenen Persönlichkeit sowie die einer
zentralen Struktur des Bewusstseins ­ in Frage. Somit stellt die dissoziative Identitäts-
störung nicht nur für die Neurologie, Psychiatrie und Psychotherapie, sondern auch für
die Philosophie und einige Bereiche der Sozialarbeit im Hinblick auf die Natur des
Menschen eine besondere Herausforderung dar.
Menschen, die an einer dissoziativen Identitätsstörung leiden, wurden bereits in frühes-
ter Kindheit sexuellem und/oder körperlichem und/oder emotionalem Missbrauch in
einem unvorstellbaren Maß ausgesetzt. Kinder, die sexueller Gewalt ausgesetzt sind
oder misshandelt werden, erleiden extreme Qualen und werden gezwungen ihre Kör-
pergrenzen aufzugeben. Um das psychische Überleben zu sichern, ist es für die Kinder
die meist einzige Möglichkeit, sich während der Missbrauchssituation mittels Dissozia-
tion von ihrem Körper zu trennen, um die angstauslösenden und schmerzhaften Reize
abzuwehren. Momentan gibt es immer noch nicht ausreichend professionelle Hilfen für
die Betroffenen. Dies liegt unter anderem daran, dass einerseits in der Wissenschaft und
Öffentlichkeit noch sehr wenig Wissen über dieses Störungsbild vorhanden ist, anderer-
seits den Betroffenen aufgrund der extremen Lebensgeschichten oft nicht geglaubt wird.
Selbst in der Fachwelt wird die Diagnose der Dissoziativen Identitätsstörung vielfach
kritisch und teilweise auch sehr emotional diskutiert.
In der Sozialen Arbeit können Professionelle in nahezu allen Bereichen mit Missbrauch
konfrontiert werden. Da Sozialarbeiter in Verantwortung gegenüber rat- und hilfesu-
chenden Menschen stehen, ist es somit ihre Aufgabe, im Bedarfsfall kompetent und
professionell zu handeln. Aus diesem Grund ist es für Sozialarbeiter unerlässlich, sich
theoretisches Wissen über die verschiedenen Arten von Missbrauch anzueignen und

7
über eine Vielzahl von Erkennungsmerkmalen und praktische Leitlinien Bescheid zu
wissen. Dies erst ermöglicht einen professionellen Umgang des Sozialarbeiters mit Be-
troffenen sowie das frühzeitige Erkennen und Schützen der von Missbrauch betroffenen
Menschen. Dementsprechend soll diese Diplomarbeit wichtiges Grundwissen über das
Störungsbild der DIS vermitteln, den Zusammenhang zwischen der meist sehr extremen
Gewalt und der Entstehung von DIS erläutern und Behandlungsmöglichkeiten für Be-
troffene aufzeigen. Darüber hinaus werden relevante Fragen und Aspekte für den Sozi-
alarbeiterischen Bereich bearbeitet. Durch welche Faktoren entsteht eine DIS? Welche
besonderen Kompetenzen werden dem Sozialarbeiter im Umgang mit DIS-Betroffenen
abverlangt? Welche Hilfe-Möglichkeiten gibt es für DIS-Betroffene? Dies sind nur ei-
nige Fragen, die sich ein sachfremder Sozialarbeiter ohne Zweifel stellt. Diese Arbeit
soll die Anforderungen an die soziale Arbeit im Ungang mit DIS-Betroffenen deutlich
machen. Weiterhin soll dem Sozialarbeiter eine Hilfe zur Orientierung und zum Ent-
wurf möglicher Handlungsstrategien gegeben werden.
Im zweiten Kapitel werden zunächst die historischen Wurzeln der Dissoziation und die
verschiedenen dissoziativen Störungsbilder nach ICD-10 und DSM-IV näher erläutert.
Im dritten Kapitel wird auf die Geschichte der Dissoziativen Identitätsstörung näher
eingegangen, das Störungsbild nach ICD-10 und DSM-IV definiert, die Epidemiologie
und demographische Aspekte der DIS werden aufgezeigt und die Frage der Iatrogenität
der Dissoziativen Identitätsstörung behandelt.
Das vierte Kapitel beschäftigt sich mit der Entstehung der DIS. Hier werden wichtige
Faktoren, die zur Entwicklung einer DIS beitragen, nach Huber und ein Entwicklungs-
modell von Putnam vorgestellt.
Im fünften Kapitel wird sich mit einem möglichen Täterkreis auseinandergesetzt. Dieser
kann von der Familie über Bekannte bis hin zum organisierten Verbrechen oder satani-
schen Sekten reichen. Diese Themen sind oft tabuisiert, da sich die Öffentlichkeit oft-
mals Gewalt in einem derartigen Ausmaß und in solcher Form nicht vorstellen kann.
Das sechste Kapitel befasst sich mit der Diagnostik der DIS sowie verschiedenen Diag-
noseinstrumenten. In diesem Rahmen ist es wichtig vorwegzunehmen, dass im psychiat-
rischen Bereich häufig eine Fehldiagnose auftreten kann, da DIS-Betroffene oft eine
große Anzahl unterschiedlicher medizinischer, neurologischer und psychiatrischer
Symptome aufweisen.

8
Das siebte Kapitel beschäftigt sich mit den ,,Alter-Persönlichkeiten". In diesem Zu-
sammenhang werden charakteristische Persönlichkeitstypen näher erläutert und das
Switchen erklärt.
Im achten Kapitel werden verschiedene Behandlungsmöglichkeiten aufgezeigt und nä-
her erläutert.
Abschließend werden im zehnten Kapitel sozialarbeiterische Aspekte behandelt und
Konsequenzen für die Soziale Arbeit aufgezeigt.

9
2 Dissoziation
Nach Fiedler (2001, S. 55) kann die Dissoziation als eine strukturierte Separation men-
taler Prozesse (von Gedanken, Bedeutungen, Erinnerungen oder der Identität) gesehen
werden, die bis dahin in die ganzheitliche Wahrnehmung integriert waren.
Im weitesten Sinne kann Dissoziation so verstanden werden, dass zwei oder mehr zu-
sammengehörige Denkprozesse oder Verhaltensabläufe in Einzelheiten zerfallen, also
nicht miteinander assoziiert werden, obwohl diese Teilbereiche normalerweise in das
Bewusstsein, Gedächtnis oder Selbstbild integriert sind. Von einer Dissoziation können
Gedanken, Erinnerungen, Gefühle, Bewegungsabläufe, Handlungsimpulse oder Körper-
empfindungen betroffen sein (ebd., S. 55f).
Putnam (2003, S. 21) sieht das Interesse an der psychopathologischen Rolle der Disso-
ziation bei zahlreichen psychiatrischen Störungen als neu erwacht. Dies lässt sich mit
der zunehmenden Häufigkeit der Diagnose DIS, dem Interesse an der posttraumatischen
Belastungsreaktion und der öffentlichen Aufmerksamkeit in Bezug auf Kindesmiss-
brauch begründen (Temminghoff 1999, S. 30). Demzufolge wurden eine Anzahl spezi-
fischer dissoziativer Störungen identifiziert und entsprechende Diagnosekriterien festge-
legt. Des Weiteren ist der Anteil des dissoziativen Prozesses an anderen Störungen, wie
z.B. Angststörungen oder posttraumatischen Belastungsstörungen, erforscht worden
(Putnam 2003, S. 21).
Im Zuge dieses neu erwachten Interesses wurde auch erkannt, dass dissoziative Störun-
gen nicht nur als akute, zeitlich beschränkte Reaktionen, die einem traumatischen Er-
eignis unmittelbar folgen, verstanden werden können. So kann es auch eine chronisch
dissoziative Pathologie geben, entweder als primäre Störung (wie bei der dissoziativen
Identitätsstörung) oder als einen im Zusammenhang mit anderen Störungen auftretenden
bedeutenden pathophysiologischen Prozess (wie bei der posttraumatischen Belastungs-
störung) (ebd., S. 21).
Weiterhin sieht Putnam (2003, S. 29) Dissoziation als einen normalen Prozess, ,,der von
den Menschen zunächst defensiv benutzt wird, um mit traumatischen Erfahrungen fertig
zu werden, und der sich erst im Laufe der Zeit zu einem dysfunktionalen oder patholo-
gischen Prozess entwickelt".
Es ist bekannt, dass die Dissoziationsfähigkeit bei Kindern besonders ausgeprägt ist und
mit zunehmendem Alter nachlässt. Geschlechtsspezifische Unterschiede in der Dissozi-
ation lassen sich dagegen nicht nachweisen (ebd., S. 76).

10
Dissoziative Phänomene können auf einem Kontinuum von flüchtigen Alltagserfahrun-
gen über manifeste Symptome bis hin zu schweren psychischen Störungen angeordnet
werden. Zur ,,Normalität" gehören alltägliche Erfahrungen, wie z.B. das Versinken in
Büchern oder Filmen, die Unaufmerksamkeit bei Gesprächen oder beim Auto fahren
(Fiedler 2001, S.60f). Auch manifeste dissoziative Phänomene sind relativ häufig. Sie
kommen vor allem in belastenden Lebenssituationen vor. So kann es bei Überarbei-
tungs- und Erschöpfungssituationen ebenso wie bei traumatischen Erlebnissen (z.B.
schwerer Verkehrsunfall, Tod eines nahe stehenden Menschen) zu Gefühlen von Ent-
fremdung von sich selbst oder der Umgebung kommen (Gast 2002, S. 6). Diese Fähig-
keit zu dissoziieren besitzt jeder Mensch und sie wird auch von jedem Menschen ge-
nutzt (Huber 2002, S. 35f).
Auf die dissoziativen Phänomene im pathologischen Bereich wird im Kapitel 2.3 näher
eingegangen.
2.1 Die Geschichte der Dissoziation
Pierre Janet
3
wird als der erste unter allen Medizinern und Wissenschaftlern gesehen,
der sich mit der Dissoziation beschäftigt hat. Er interessierte sich sehr für die Ideen von
Jean-Martin Charcot, welcher damals versuchte die Hypnose wieder als Gegenstand
wissenschaftlicher Untersuchungen zu legitimieren. Als Janet 1883 in Le Havre Patien-
ten für seine Dissertation suchte, wurde er von einem ansässigen Arzt mit Léonie be-
kannt gemacht. Janet führte mit Léonie verschiedene Experimente durch, welche er in
einem Aufsatz beschrieb. Diese entfachten das Interesse von anderen berühmten Medi-
zinern und Wissenschaftlern jener Zeit. Sie suchten Janet auf, um Léonie persönlich zu
untersuchen und bestätigten Janets Ergebnisse. 1889 kehrte Janet nach Paris zurück und
begann Medizin zu studieren. Währenddessen arbeitete er an Studien über Patienten,
welche unter Amnesie, Fugue, sukzessiven Existenzen (Alter-Persönlichkeiten) und
Konversionssymptomen litten. Janet ging davon aus, dass diese Symptome der Existenz
von abgespaltenen Teilen der Persönlichkeit zuzuschreiben seien, welche unabhängig
leben und sich entwickeln können. Des Weiteren fand er heraus, dass traumatische Er-
3
Pierre Marie Felix Janet (1859 ­ 1947) war ein bedeutender Philosoph, Arzt und Psychotherapeut auf dem Gebiet der
Allgemeinen und Integrativen Lehre. Er verfasste Arbeiten über Hypnotherapie und die Theorie der Dissoziation. Obwohl er seine
Erkenntnisse vor Freud fand und einst berühmter war als dieser, verschwand er zusehends und unverdient im Schatten Freuds. Janet
untersuchte einige der berühmtesten Fälle von dissoziativer Identitätsstörung in Frankreich (Hacking 2001, S. 62f).

11
eignisse der Ursprung dieser dissoziativen Elemente waren, auf denen die Symptome
oder Verhaltensweisen der Patienten basierten. Diese konnten behandelt werden, indem
die abgespaltenen Erinnerungen und Affekte wieder bewusst gemacht und im weiteren
Verlauf der Therapie transformiert wurden (Ellenberger 1996, S. 456ff).
In den USA interessierte sich u.a. Morton Prince für Janets Konzept der Dissoziation.
Er machte es zur Grundlage seiner eigenen Hypothesen über Dissoziation. Princes Ar-
beit mit ,,Miss Beauchamp"
5
, einer Patientin mit multipler Persönlichkeit, trug am meis-
ten zu seinem Bekannt werden bei (Putnam 2003, S. 23).
In den 30er Jahren des 20. Jahrhunderts war die Dissoziation kein seriöser Gegenstand
der wissenschaftlichen Forschung mehr. Sie sank im klinischen Bereich in die Position
eines obskuren, unbedeutenden Phänomens ab. Gründe hierfür waren wichtige Entwick-
lungen im Bereich der Psychiatrie. Mittels dieser wurden die dissoziativen Modelle der
Psychopathologie an den Rand gerückt und die gleichen Symptome aus der psychoana-
lytischen Perspektive der Verdrängung interpretiert. Dieser Konflikt zwischen den psy-
choanalytischen und dissoziativen Modellen hatte sich schon in der Debatte zwischen
Janet und Freud über die Frage, wem die Entdeckung der Mechanismen der Hysterie
zuzuschreiben sei, angekündigt. In den 30er Jahren wurde zwar weiter geforscht und es
wurden auch Entdeckungen im Bereich der Psychopathologie gemacht, aber als Ursache
für die Verbannung von Affekten, Impulsen und Erinnerungen aus dem Bewusstsein
wurde die Verdrängung angesehen. Amnesien und hysterische Symptome wurden für
das Resultat des aktiven Verdrängungsprozesses gehalten, welcher den Menschen vor
unerträglichen Trieben oder Affekten schützt ­ dieser Erklärungsansatz war für Freuds
Idee vom ,,Dynamischen Unbewussten" von zentraler Bedeutung (ebd., S. 25).
Das Wiederaufleben des Interesses an der Dissoziation lässt sich durch das Zusammen-
treffen mehrerer Trends begründen. Das Interesse an der Hypnose ist neu erwacht in
Bezug auf ihre Funktion als therapeutisches Werkzeug und auch auf ihre Rolle in der
Trance bei bestimmten Formen traumatisch induzierter Psychopathologie. Ebenfalls hat
das Interesse der Öffentlichkeit am Problem Kindesmissbrauch und Kindesmisshand-
lung stark zugenommen. Weiterhin haben experimentelle Untersuchungen zur Physio-
logie von DIS und Arbeiten zum Phänomen des verborgenen Beobachters zur Wieder-
aufnahme von Laboruntersuchungen im Bereich der Dissoziation geführt. Im klinischen
Bereich werden dissoziative Psychopathologien, besonders DIS, immer häufiger diag-
nostiziert. (ebd.)
5
Prince, Morton (1978). The Dissociation of a personality. The Hunt for the real Miss Beauchamp. Oxford

12
Zudem hat das momentane Interesse an posttraumatischen Belastungssymptomen die
Aufmerksamkeit auch auf die Rolle dissoziativer Symptome bei anderen Störungen ge-
lenkt (ebd.)
2.3 Einordnung und Definition dissoziativer Störungen nach ICD-10
und DSM-IV
Die folgende Darstellung der einzelnen dissoziativen Störungen orientiert sich am
DSM-IV (APA 1996, S. 546ff) und an der ICD-10 (WHO 2001, S. 168ff), da sich beide
in einigen Aspekten grundlegend unterscheiden.
Tabelle 1: Klassifikation von Dissoziation und Konversion in ICD-10 und DSM-IV
----------------------------------------------------------------------------------------------------------
ICD-10
DSM-IV
F44.0 dissoziative Amnesie
300.12 Dissoziative Amnesie
F44.1 dissoziative Fugue
300.13 Dissoziative Fugue
F44.2 dissoziativer Stupor
F44.3 Trance- und Besessenheitszustände
F44.4 dissoziative Bewegungsstörungen
300.11 Konversionsstörungen
F44.5 dissoziative Krampfanfälle
F44.6 dissoziative Sensibilitäts- und
Empfindungsstörungen
F44.7 dissoziative Störungen
(Konversionsstörungen), gemischt
F44.8 sonstige dissoziative Störungen
F44.80 Ganser-Syndrom
F44.81 multiple Persönlichkeitsstörung
6
300.14 Dissoziative Identitätsstörung
F44.82 vorübergehende dissoziative
Störungen (Konversionsstörungen)
im Kindes- und Jugendalter
F44.88 sonstige nicht näher bezeichnete
Dissoziative Störungen
F44.9 nicht näher bezeichnete Dissoziative 300.15 Nicht Näher Bezeichnete
Störung (Konversionsstörung)
Dissoziative Störungen
F48.1 Depersonalisations-/
300.6 Depersonalisationsstörung gehört zu
Derealisationsstörung (gehört zu
den dissoziativen Störungen)
den Neurotischen Störungen)
6
Die ICD 10 verwendet nach wie vor den Begriff Multiple Persönlichkeit, während im DSM dieser Begriff mit Einführung der
vierten Auflage (APA, 1996) durch die treffendere Bezeichnung Dissoziative Identitätsstörung ersetzt wurde.

13
2.3.1 Dissoziative Amnesie
Nach der WHO (2001, S. 168) ist die dissoziative Amnesie durch eine Unfähigkeit,
sich an wichtige persönliche Informationen zu erinnern, gekennzeichnet. Diese Ereig-
nisse sind zumeist traumatischer oder belastender Natur. Das Ausmaß dieser Störung ist
zu umfassend, als das es mit gewöhnlicher Vergesslichkeit erklärt werden kann.
Entsprechend des qualitativen Ausmaßes der Amnesie werden im DSM-IV (APA 1996,
S. 546f) fünf Formen von Erinnerungsstörungen unterschieden:
Lokalisierte Amnesie:
Gedächtnisverlust, welcher auf eine genau zeitlich ab-
grenzbare Periode beschränkt ist (z.B.: ein Autofahrer
kann sich nach einem Unfall, bei dem ein Familienmit-
glied getötet wurde, nicht an den Unfall und die zwei Tage
danach erinnern, an denen er bei vollem Bewusstsein
war);
Selektive Amnesie:
umfasst nur bestimmte Ereignisse eines umschriebenen
Zeitabschnitts (z.B.: ein Kriegsveteran kann sich nur an
Teile eines zeitlich länger andauernden schweren Gefechts
erinnern);
Systematisierte Amnesie:
Verlust des Gedächtnisses für bestimmte Kategorien von
Informationen ( z.B.: Verlust der Erinnerungen an die Fa-
milie oder eine bestimmte Person);
Generalisierte Amnesie:
Verlust der Erinnerung von einigen Jahren oder (sehr sel-
ten)des gesamten Lebens;
Kontinuierliche Amnesie:
Unfähigkeit sich an Ereignisse von einem bestimmten
Zeitpunkt an bis in die Gegenwart hinein zu erinnern
(ebenfalls sehr selten).

14
2.3.2 Dissoziative Fugue
Im DSM-IV (APA 1996, S. 548) wird die dissoziative Fugue als ein ,,plötzliches, uner-
wartetes Weggehen von zu Hause oder vom gewohnten Arbeitsplatz, kombiniert mit der
Unfähigkeit, sich an seine gesamte oder an Teile der Vergangenheit zu erinnern", be-
schrieben. Dies ist mit einer Verwirrung über die eigene Identität oder mit der Annahme
einer neuen Identität verbunden, wobei die Herausbildung einer neuen Identität äußerst
selten geschieht.
In der ICD-10 wird für die Diagnosevergabe ein strengeres Kriterium gefordert. Hier
muss die Selbstversorgung während der gesamten Zeit weitgehend erhalten bleiben
(WHO 2001, S. 169).
Wird eine neue Identität angenommen, ist diese meist durch geselligere und weniger
zurückhaltende Züge als die frühere Identität gekennzeichnet. Die Person kann einen
neuen Namen annehmen, eine neue Wohnung beziehen und sich in komplexen sozialen
Aktivitäten engagieren und gut integriert sein, so dass das Vorhandensein einer psychi-
schen Störung nicht zu erkennen ist. Die Rückkehr in die Ursprungsidentität kann mit
einer Amnesie für traumatische Erlebnisse in der Vergangenheit, welche die Fugue ur-
sprünglich ausgelöst hatten, verbunden sein. Im Falle einer dissoziativen Fugue sind
diese Phänomene nicht auf den Einfluss von Alkohol, Drogen oder auf organische Ur-
sachen zurückzuführen (APA 1996, S. 548ff).
2.3.3 Depersonalisationsstörung
Die Depersonalisationsstörung ist die am häufigsten vorkommende dissoziative Stö-
rung. Sie gilt als besonders prototypische menschliche Reaktion auf extreme Stress-,
Belastungs- und Traumaerfahrungen.
Allerdings wird die Depersonalisationsstörung in der ICD-10 als eigene Kategorie au-
ßerhalb der dissoziativen Störungen geführt, während sie im DSM-IV eindeutig als dis-
soziative Störung vorgesehen ist, weil fast immer ein Gefühl der Realität und somit ein
wichtiger Bestandteil der Identität verloren geht (Fiedler 2002, S. 5ff).

15
Unter ,,Depersonalisationsstörung" werden im DSM-IV (APA 1996, S. 555f) zwei spe-
zifische Symptombereiche unterschieden:
Depersonalisation:
ist durch eine Erfahrung gekennzeichnet, in welcher es zu einem
subjektiven Gefühl der Fremdheit, Irrealität, Abtrennung und
Ungewohntheit des eigenen Selbst, seinen Handlungen und
seiner Umgebung gegenüber kommt;
Derealisation:
beinhaltet die subjektive Erfahrung von Veränderungen in den
räumlichen und zeitlichen Beziehungen der Umgebung, eine bis-
her neutrale Umgebung erscheint plötzlich sehr bekannt, unbe-
kannt, verzerrt, stumpf oder in anderer Weise verändert.
Des Weiteren gibt es Übergänge von der Selbstentfremdung bis zum Erleben von disso-
ziativen Trancezuständen. Nach Fiedler (2002, S. 5ff.) beschreiben in dieser Situation
die Betroffen, dass sie zeitweise keine/kaum Gefühle empfinden, nicht mehr klar den-
ken können und nicht mehr zu planvollem Handeln in der Lage sind. Darüber hinaus
wirken sie auch in ihren Interaktionen beziehungslos
In der ICD-10 wird (WHO 2001, S. 170f) gibt es für das Tranceerleben zwei Störungs-
kategorien, den bewegungslosen dissoziativen Stupor und die dissoziative Trance, in
welcher Bewegungen ausgeführt werden. Die Betroffenen haben während der Trance
häufig das Gefühl der Selbstentfremdung, weswegen die Trance dem Phänomenbereich
der Depersonalisation zugerechnet.
2.3.4 Konversionsstörung
Zur Konversionsstörung
7
gehören ,,organisch nicht erklärbare Symptome oder Ausfälle
der willkürlichen motorischen oder sensorischen Funktion, die eine neurologische oder
sonstige sensorische Störung nahe legen" (Fiedler 2002, S. 7).
In der ICD-10 und im DSM-IV ist dieses Störungsbild phänomenologisch ähnlich be-
schrieben, aber im DSM-IV wird die Konversionsstörung den somatoformen Störungen
zugeordnet und in der ICD-10 den dissoziativen Störungen.
7
Konversion bedeutet eine Umwandlung eines verdrängten seelischen Konfliktes in ein körperliches Symptom.

16
Im Bereich der Konversionssymptomatik als dissoziative Störungen nimmt die ICD-10
eine Reihe spezieller Unterscheidungen vor, die im DSM-IV nicht zu finden sind:
Konversion: Differenzierungen in der ICD-10:
Dissoziativer Stupor (F 44.2)
Der dissoziative Stupor ist durch eine beträchtliche Verringerung oder das Fehlen will-
kürlicher Bewegungen und der Sprache sowie der normalen Reaktion auf Licht, Geräu-
sche und Berührung gekennzeichnet (WHO 2001, S. 170).
Dissoziative Bewegungsstörungen (F 44.4):
Sie zeigen sich meist in dem vollständigen oder teilweisen Verlust der Bewegungsfä-
higkeit eines oder mehrerer Körperglieder (ebd., S. 172).
Dissoziative Krampfanfälle (F.44.5)
Sie können, in Hinsicht auf ihre Bewegungen, epileptischen Anfällen stark ähneln. Al-
lerdings sind Zungenbiss, Verletzungen beim Sturz oder Urininkontinenz selten. Wei-
terhin kommt es zu keinem Bewusstseinsverlust (ebd., S. 172f).
Dissoziative Sensibilitäts- und Empfindungsstörungen (F 44.6):
Die betroffene Person leidet unter einem teilweisen oder vollständigen Verlust einer
oder aller normalen Hautempfindungen an Körperteilen oder am ganzen Körper. Wei-
terhin kommt es zu einem teilweisen oder vollständigen Seh-, Hör- oder Riechverlust
(ebd., S. 173).
Dissoziative Störungen, gemischt (F 44.7)
Kombination der unter F 44.0 ­ F 44.6 beschriebenen Störungen (ebd., S. 174).
Sonstige dissoziative Störungen (F 44.8)
Dieser Begriff wird verwendet, um andere dissoziative Konversionsstörungen und Zu-
standsbilder anzugeben (psychogene Verwirrtheit, psychogener Dämmerzustand) (ebd.).

17
2.3.5 Dissoziative Trance und Besessenheit
Während im DSM-IV diese Störungsmuster noch im Anhang stehen, werden in der
ICD-10 Trance und Besessenheit ausdrücklich als Störungskategorien im Bereich disso-
ziativer Störungen geführt (F 44.3) (WHO 2001, S. 170).
Dissoziative Trance:
Die
betroffene
Person
zeigt
eine
zeitlich
umschriebene, erhebliche Veränderung des Be-
wusstseinszustandes oder einen Verlust des ge-
wohnten Gefühles der eigenen Identität. Norma-
lerweise ist dieser Zustand mit der Einengung der
Wahrnehmung der unmittelbaren Umgebung oder
mit einer ungewöhnlich eingeengten und selektiven
Fokussierung auf Umgebungsreize verbunden.
Weiterhin kommen stereotype Verhaltensweisen
oder Bewegungen vor, welche außerhalb der eige-
nen Kontrolle erlebt werden (ebd., S.171).
Dissoziative Besessenheitstrance:
Hier kommt es zu einzelnen oder episodischen
Veränderungen
des
Bewusstseinszustandes,
welche
durch charakterisierbar sind, dass eine neue
Identität an die Stelle der gewohnten Identität tritt.
Dieser Zustand wird dem Einfluss einer Kraft,
eines Geistes, einer Gottheit oder einer anderen
Person zugeschrieben (ebd.).
Diese beiden Formen der Dissoziation dürfen erst dann als psychische Störungen diag-
nostiziert werden, wenn sie nicht als normaler Bestandteil religiöser oder kultureller
Bräuche akzeptiert sind und wenn sie in klinisch bedeutsamer Weise Leiden oder Be-
einträchtigungen in sozialen, beruflichen oder anderen wichtigen Funktionsbereichen
verursachen (ebd.).

18
2.3.6 Dissoziative Identitätsstörung
Die dissoziative Identitätsstörung ist Gegenstand dieser Arbeit. Sie ist die schwerste
Erkrankung aus dem Syndrom-Spektrum der dissoziativen Störungen. Im Rahmen die-
ser Störung können alle Elemente der übrigen dissoziativen Störungen auftreten (Put-
nam 2003, S. 37). Mit den Diagnosekriterien und Definitionen der DIS
8
beschäftigt sich
das Kapitel 3.
2.3.7 Nicht näher bezeichnete dissoziative Störungen
Dies ist eine Kategorie für alle dissoziativen Phänomene, die sich denen im DSM-IV
und in der ICD-10 beschriebenen dissoziativen Störungen nicht zuordnen lassen, bei
denen es aber ebenfalls zu einer dissoziativen Veränderung der normalen integrativen
Funktion des Gedächtnisses, des Bewusstseins, der Identität oder der Wahrnehmung
kommt (Putnam 2003, S.36f).
8
Im Folgenden wird für den Begriff der dissoziativen Identitätsstörung ausschließlich die Abkürzung DIS verwendet.

19
3 Die dissoziative Identitätsstörung
Die DIS gilt als eine der ungewöhnlichsten und erstaunlichsten aller psychischen Struk-
turen. Im Grunde beinhaltet sie alle wichtigen Elemente anderer dissoziativer Störun-
gen. Sie ist eine chronische Störung, während alle übrigen dissoziativen Störungen zeit-
lich begrenzt auftreten. Weiterhin können bei einer DIS fast alle Symptome auftreten,
die sämtliche andere psychische Störungen charakterisieren (Putnam 2003, S. 47).
3.1 Die Geschichte der dissoziativen Identitätsstörung
Solange wie sich religiöse Überzeugungen und Verhaltensweisen nachweisen lassen,
existieren die Urtypen der DIS, nämlich Zustände schamanischer Transformation und
Besessenheit (Putnam 2003, S. 48).
Henry F. Ellenberger rekonstruiert in seinem Buch ,,Die Entdeckung des Unbewussten"
(1996) einige historische Fälle von Besessenheit und schlussfolgert daraus: ,,Das Phä-
nomen der Besessenheit, das jahrhundertelang so häufig war, kann man sehr wohl als
eine Variante der >multiplen Persönlichkeit ansehen. Wir haben die zwei Formen der
Besessenheit
[
...] genannt: luzide Besessenheit (in der der Mensch wahrnimmt, wie
zwei Seelen in seiner Brust ringen), und somnambule Besessenheit (bei der der Mensch
das Bewusstsein seiner selbst verliert, während ein geheimnisvoller Eindringling von
seinem Körper Besitz ergreift und als ein Individuum spricht, von dem der Mensch
nichts weiß, wenn er zum Bewusstsein zurückkehrt). Man sieht, welche Parallele, diese
beiden Formen der Besessenheit zu
[
...] der >multiplen Persönlichkeit bilden." (Ellen-
berger 1996, S. 186f). Des Weiteren vermutet Ellenberger (ebd., S. 187), dass es mögli-
cherweise schon lange neben der Besessenheit Fälle von dissoziativer Identitätsstörung
gegeben hat, welche aber unbemerkt blieben.
Gegen Ende des 18. Jahrhunderts und während des ganzen 19. Jahrhunderts wurden
immer wieder Fälle von gespaltener Persönlichkeit bekannt. Diese waren zunächst sehr
seltene, wenn nicht gar legendäre Ereignisse. So ist z.B. der von Charles H. A. Despine,
beschriebene Fall Estelle sehr aufschlussreich. 1836 behandelte Despine ein elfjähriges
Mädchen aus der Schweiz. Ihre Symptome entwickelten sich von einer schweren Para-
Ende der Leseprobe aus 93 Seiten

Details

Titel
Dissoziative Identitätsstörung - Eine Überlebensstrategie
Hochschule
Fachhochschule Erfurt
Note
1.3
Autor
Jahr
2006
Seiten
93
Katalognummer
V186158
ISBN (eBook)
9783869438825
ISBN (Buch)
9783867468978
Dateigröße
943 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
dissoziative, identitätsstörung, eine, überlebensstrategie
Arbeit zitieren
Katja Macheleidt (Autor), 2006, Dissoziative Identitätsstörung - Eine Überlebensstrategie, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/186158

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