Die elektronische Gesundheitskarte - IT-Projekt mit Zukunft?

Ergebnisse einer empirischen Untersuchung


Diplomarbeit, 2007

129 Seiten, Note: 1.3


Leseprobe

Inhalt

Abkürzungsverzeichnis

Abbildungsverzeichnis

Tabellenverzeichnis

1. Einleitung

2. Begriffsbestimmung „elektronische Gesundheitskarte“

3. Die Historie
3.1 Gründe für die Einführung
3.2 Gesetzliche Grundlagen
3.3 Die Ziele der elektronischen Gesundheitskarte
3.3.1 Nutzen der eGK für Patienten
3.3.2 Nutzen der eGK für Leistungserbringer
3.3.3 Nutzen der eGK für Kostenträger

4. Die Akteure und ihre Aufgaben
4.1 Die gematik
4.2 Kostenträger
4.3 Leistungserbringer
4.4 Industrie
4.5 Leistungsempfänger

5. Architektur der eGK
5.1 Technische Infrastruktur
5.2 Prüfverfahren der eGK
5.3 Die Testregionen der eGK
5.3.1 Die Pilotregion Löbau-Zittau
5.4 Zentrale Anwendungen und Aufbau der eGK
5.4.1 Szenario der Datenübertragung am Beispiel eRezept

6. Finanzierung des Gesamtkonzeptes
6.1 Gesundheitsausgaben im Zeitraum 1993 - 2003
6.2 Allgemeiner Überblick der Kostenentwicklung

7. Entwicklungsstand des eGK-Projektes
7.1 Entwicklungsstand National 2007
7.2 Entwicklungstand Modellregionen 2007
7.3 Zukünftige Entwicklungen

8. Empirische Studie zur elektronischen Gesundheitskarte
8.1 Problemstellung und Zielsetzung
8.2 Konzeptionelle Grundlagen der Untersuchung
8.3 Der Fragebogen

9. Empirische Ergebnisse
9.1 Zielerreichungsgrad
9.2 Teilnahmewege zum Modellprojekt
9.3 Ziele der elektronischen Gesundheitskarte
9.3.1 Verbesserung der Versorgungsqualität
9.3.2 Vereinfachung administrativer Prozesse - weniger Bürokratie
9.3.3 Freiwillige Speicherung der Notfalldaten
9.4 Finanzierung und zukünftige Entwicklungen
9.5 Veränderungen im deutschen Gesundheitswesen durch eGK
9.5.1 Auswertung der offenen Fragen
9.5.1.1 Kategorie 1 - Effizienz-Nutzen
9.5.1.2 Kategorie 2 - Notfalldaten
9.5.1.3 Kategorie 3 - Kosten
9.5.1.4 Kategorie 4 - Transparenz der Daten
9.5.1.5 Kategorie 5 - Qualität der Versorgung
9.5.1.6 Kategorie 6 - Akzeptanz
9.6 Motivation für weitere IT-Projekte

10. Diskussion der Ergebnisse

11. Fazit

Nachwort

Anhang

Literaturverzeichnis
Gedruckte Literatur
Internetseiten

Glossar

Abkürzungsverzeichnis

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildungsverzeichnis

Abbildung 1: Historische Meilensteine bis zum Projektstand Januar 2006

Abbildung 2: Kommunikationswege der Akteure zur Telematik-Infrastruktur

Abbildung 3: Heilberufsausweis (HBA)

Abbildung 4: Basiskomponenten der Telematik-Infrastruktur

Abbildung 5: Überblick Primärsysteme und Zugriffskomponente

Abbildung 6: Teststufen der eGK

Abbildung 7: Die 7 Fakten der Testregionen

Abbildung 8: Projektverlauf 2006

Abbildung 9: Landkreis Löbau-Zittau

Abbildung 10: Stufen der Einführung der elektronischen Gesundheitskarte

Abbildung 11: Aufbau der elektronischen Gesundheitskarte

Abbildung 12: Transport des digital signierten Rezeptes, der Zugriffsschlüssel über Papierbeleg

Abbildung 13: Übersicht Authentifizierungs- Autorisierungsverfahren

Abbildung 14: Allokation von Kosten und Nutzen in den "Betriebsteilen"

Abbildung 15: Ergebnisse Forsa-Umfrage eGK

Abbildung 16 : Chronologie der Dokumente und Organisationsentwicklung der Telematik-Inftrastruktur

Abbildung 17: Rücklaufdauer der Fragebögen

Abbildung 18: Alter der Befragten

Abbildung 19: Teilnahmewege der Leistungsträger am Modellprojekt

Abbildung 20: Verbesserung der Versorgungsqualität - schnellere Verfügbarkeit von Informationen

Abbildung 21: Antwortverteilung der niedergelassen Ärzte zur Kategorie schnellere Verfügbarkeit von Informationen

Abbildung 22: Meinung der Apotheker(innen) über die schnellere Verfügbarkeit von Informationen

Abbildung 23: Vereinfachung administrativer Prozesse - weniger Bürokratie

Abbildung 24: Meinung der Apotheker(innen) über weniger Bürokratie durch die Vereinfachung administrativer Prozesse

Abbildung 25: Patient hat Hoheit über seine Daten - Freiwillige Speicherung der Notfalldaten

Abbildung 26: Antwortverteilung der niedergelassenen Ärzte zur Kategorie freiwillige Speicherung der Notfalldaten

Abbildung 27: Meinung der Apotheker(innen) über die freiwillige Speicherung der Notfalldaten

Abbildung 28: Investitionsvolumen für die IT-Infrastruktur

Abbildung 29: Meinung der niedergelassenen Ärzte über das Investitionsvolumen in die IT-Infrastruktur in der Praxis

Abbildung 30: Meinung der Apotheker(innen) über das Investitionsvolumen für die IT- Infrastruktur in ihrer Einrichtung

Abbildung 31: Veränderung im Gesundheitswesen durch die Einführung der eGK

Abbildung 32: Meinung der Apotheker(innen) über zukünftige Veränderungen durch die Einführung der eGK

Abbildung 33: Meinung der niedergelassenen Ärzte über zukünftigen Veränderungen durch die Einführung der elektronischen Gesundheitskarte

Abbildung 34: Verteilung der einzelnen Antworten auf die Kategorien

Abbildung 35: Kategorie 1 - Effizienz - Nutzen

Abbildung 36: Kategorie 2 - Notfalldaten

Abbildung 37: Kategorie 3 - Kosten

Abbildung 38: Kategorie 5 - Qualität der Versorgung

Abbildung 39: Kategorie 6 - Akzeptanz

Abbildung 40: Motivation für weitere IT-Projekte

Abbildung 41: Motivation der niedergelassenen Ärzte(innen) für weitere derartige IT- Projekte

Abbildung 42: Motivation der Apotheker(innen) für weitere derartige IT-Projekte

Tabellenverzeichnis

Tabelle 1: Pauschalen für Investitionen und Zusatzaufwendungen

Tabelle 2: Übersicht Einsparungen eGK

Tabelle 3: Übersicht Investitionen eGK

Tabelle 4: Aspekte aus informellen Telefongesprächen

Tabelle 5: Gesamtverteilung der Pro und Kontra Argumente der Kategorien

1. Einleitung

Ein Patient fühlt sich nicht wohl und sucht aus diesem Grund einen Arzt auf. Der Arzt verlangt vom Patienten den Gesundheitspass. Bevor er den Patienten untersucht, macht er sich ein Bild über die erfolgten Impfungen und Behandlungen im Gesundheitspass. Nachdem er sich informiert hat, untersucht er den Patienten und entscheidet über die weitere Behandlung.

Das war Realität in der ehemaligen DDR. Der Gesundheitspass war ein wichtiger Baustein im damaligen Gesundheitssystem. Längst wurde das deutsche Gesundheitswesen reformiert. Moderne Kommunikations- und Informationstechnik gestaltet heute zunehmend das deutsche Gesundheitswesen. In allen modernen Gesundheitssystemen spielt die Vernetzung auf organisatorischer Ebene eine zentrale Rolle.

Seit Jahren sieht sich das deutsche Gesundheitswesen aus verschiedenen Gründen einem steigenden Kostendruck ausgesetzt. Der demographische Wandel, der damit in Verbindung stehende Fortschritt in der Medizin und die Verbesserung der Versorgungsqualität mit dem Auftrag eine effizientere Patientenversorgung zu erreichen, lassen die Kosten ansteigen. Weder Krankenhäuser noch ambulante Einrichtungen können auf die elektronische Datenverarbeitung verzichten. In letzter Zeit wird kontrovers über das Projekt elektronische Gesundheitskarte diskutiert.

Diese empirische Arbeit soll herausarbeiten wie Leistungserbringer und die Kostenträger einer exemplarischen Modellregion aktuell über das Projekt denken. Im Kern befasst sich die Untersuchung mit den beiden zentralen Fragen:

- Wird die elektronische Gesundheitskarte aus Sicht der Leistungserbringer und Kostenträger zukünftig Bestandteil unseres Gesundheitssystems werden und dieses verändern?
- Wie denken die Experten über die Finanzierung der elektronischen Gesundheitskarte?

Im direkt anschließenden Kapitel folgt zunächst die Klärung des Begriffes der „elektronischen Gesundheitskarte“, um danach anschließend in weiteren Kapiteln die Historie, die beteiligten Akteure des Projektes sowie Aufbau und Funktionen der Karte vorzustellen. Nach Betrachtung der theoretischen Grundlagen behandelt Kapitel acht die empirische Studie an sich und Kapitel neun deren Ergebnisse.

2. Begriffsbestimmung „elektronische Gesundheitskarte“

Die elektronische Gesundheitskarte wird im nicht fachspezifischen Sprachgebrauch als „SmartCard“ oder „Mikroprozessor-Chipkarte“ bezeichnet (Meyer 2004, 9). Eine „SmartCard“ ist eine so genannte intelligente Chipkarte, die „neben den obligatorischen Angaben, ähnlich der Krankenversichertenkarte, in einem Speicherbereich weitere medizinische Daten enthalten können“ (Meyer 2004, 22). In verschieden Quellen findet sich auch die frühere Bezeichnung die „Patient Data Card“ (PDC). Der Begriff stammt aus dem Englischen und wird übersetzt als Versichertenkarte oder Patientenkarte, „[...] die einerseits als Zugangsmittel zur elektronischen Kommunikation im Gesundheitswesendienst und andererseits gesundheitsrelevante Daten des Inhabers aufnehmen kann“ (Meyer 2004, 54).

Auf der Suche nach einer Definition findet sich vielmehr eine Begriffsvielfalt. Die gematik - Gesellschaft für Telematikanwendungen der Gesundheitskarte mbH (siehe Kap. 4.1) schreibt in ihrem Glossar:

„Die elektronische Gesundheitskarte ist gemäß § 291a SGB V eine personenbezogene Identifikationskarte, die Versicherte der Gesetzlichen Krankenversicherung (GKV) zur Inanspruchnahme ärztlicher und zahnärztlicher Behandlung gemäß § 15 SGB V berechtigt. Sie enthält gemäß § 291a SGB V Angaben, die für die Übermittlung elektronisch veranlasster ärztlicher Verordnungen geeignet sind“ (http://www.gematik.de).

Diese erste Definition des Begriffes der elektronischen Gesundheitskarte betrachtet vorwiegend die rechtlichen Aspekte möglicher Deutungsvarianten. Eine weitere, allgemeine Beschreibung des ehemaligen Direktors des DIMDI, Herrn Dr. Warda (s. Glossar):

„Eine elektronische Gesundheitskarte soll verteilt bei Leistungserbringern und Patienten anfallende klinische und gesundheitsbezogene Daten eines Menschen zusammenfassen und diese omnipräsent, lebenslang, unabhängig von Ort und Zeit allen am Behandlungsprozess Beteiligten bedarfsgerecht präsentieren“

(https://www.dimdi.de/static/de/dimdi/public/vortraege/warda0506.pdf, eigene Hervorhebung des Verfassers).

Eine weitere, kurze Begriffsbestimmung:

„Elektronische Gesundheitskarte = Prozessorchipkarte im Besitz des Patienten, die verschiedene telematische Anwendungen im Gesundheitswesen unterstützt“ (Dierks et al. 2003, 116).

Alle drei Definitionen beinhalten den Patienten bzw. den Versicherten, der im Besitz dieser Karte Informationen im medizinischen Behandlungsprozess transportiert und auf gleichem Weg empfängt. Diese Informationen werden auf dem elektronischen Medium, der elektronischen Gesundheitskarte, gespeichert und bei Bedarf bzw. wenn erforderlich abgerufen. Die elektronische Gesundheitskarte ist eine persönliche Identifikationskarte, die der Versicherte omnipräsent (s. Glossar) und lebenslang im medizinischen Behandlungsprozess einsetzen kann.

3. Die Historie

Die Ursprünge dieser neuen Generation von Versichertenkarte gründen auf internationaler Ebene. In den Jahren 1985 bis 1995 gab es verschiedene Pilot- und Modellprojekte, bei denen allen voran Frankreich auf europäischer Ebene frühzeitig den Mikroprozessorchip als elektronisches Medium einsetzte (FORUM Info 2000 1998, 136). Mit der Testung dieser Kartensysteme sollten die Kommunikation und die Informationsverarbeitung sowohl im Gesundheitswesen als auch in der Medizin beschleunigt und somit verbessert werden. Zusätzlich beflügelt wurden die Modellprojekte durch die Regierungschefs der G7- Nationen (s. Glossar). „Sie beschlossen, den Aufbruch der Gesellschaft in das Informationszeitalter mit überzeugenden Projekten für die Bürger dieser Länder - offen für alle Nationen - vorzubereiten und zu begleiten“ (FORUM Info 2000 1998, 137).

Im Jahr 1994 wurde mit der Einführung der Krankenversichertenkarte (KVK) in Deutschland ein weiterer Schritt zu einem neuen Informationszeitalter für das Gesundheitswesen geschaffen. Ein Jahr zuvor hatte auch die private Krankenversicherung ihre Kunden auf freiwilliger Basis mit einer Versichertenkarte (PKV-Card) ausgestattet (FORUM INFO 2000 1998, 140). Parallel zur bundesweiten Einführung der KVK sowie der PKV-Card wurden weitere Kartenprojekte mit unterschiedlichen Zielsetzungen initiiert, um der Vielfalt der Technik und auch der Dateninhalte gerecht zu werden.

Im Jahr 1996 hat die Bundesregierung mit der Gründung der Arbeitsgruppe „FORUM INFO 2000“ ein zentrales Element geschaffen. Das FORUM gehört zum Aktionsplan der Bundesregierung mit dem Titel: „Deutschlands Weg in die Informationsgesellschaft“ (FORUM INFO 2000 1998, 3). Mit der Gründung des FORUM INFO 2000 wurde die Arbeitsgruppe „Gesundheit“ eingerichtet. Die FORUM-Arbeitsgruppe „Gesundheit“ war es auch die vorgeschlagen hat, alle Akteure im Gesundheitswesen in einem „Aktionsforum für Telematik im Gesundheitswesen (ATG)“ zusammenzufassen. Im Jahr 1999 erfolgte dann die Gründung des ATG als gemeinsame Initiative der Selbstverwaltung im Gesundheitswesen. Ziel war es, „[...] eine Konsensplattform für die Weiterentwicklung der Telematik im Gesundheitswesen zu bilden, [...]“ (Rische 2000, 9). In der FORUM­Arbeitsgruppe 7 „Telematik-Anwendungen im Gesundheitswesen“ haben sich zahlreiche Akteure aus dem Gesundheitswesen zusammengeschlossen, um über die Weiterentwicklung moderner Informationssysteme im Gesundheitswesen zu diskutieren.

Die Komplexität der Thematik erforderte es Unterarbeitsgruppen einzurichten. Eine dieser Unterarbeitsgruppe bearbeitete unter anderem das Thema: „Karten im Gesundheitswesen“ (FORUM INFO 2000 1998, 8). Dieser Arbeitsgruppe gehörten Vertreter aus Politik, Selbstverwaltung, Patientenorganisationen und Vertreter der einzelnen Kartenprojekte an. Die Arbeitsgemeinschaft war es auch, die bereits im Jahr 1997 dazu aufgerufen hat, Vorschläge für die Weiterentwicklung der Krankenversichertenkarte zu erarbeiten. Am 24. Oktober 1997 trafen sich die Spitzenverbände der Krankenkassen, um über die Weiterentwicklung der Versichertenkarte zu diskutieren. Für die Krankenkassen gab es verschiedene Beweggründe, sich mit einer neu zu definierenden Versichertenkarte zu befassen. Die im Vorfeld erwähnten Schwachstellen bei der bisherigen Krankenversichertenkarte trugen weniger dazu bei, sich damit auseinander zusetzen, vielmehr war es der möglicherweise daraus resultierende höhere Nutzen.

„Die zu erwartenden Investitionen, sind nur gerechtfertigt, wenn auf der anderen Seite höhere Einsparungen aus einer Neuentwicklung resultieren“ (FORUM INFO 2000 1998, 146).

Die Spitzenverbände stellten vermehrt fest, dass keine ausreichenden Informationen über die Kosten für die notwendige Infrastruktur und den daraus resultierenden Nutzen dieser Massenanwendung vorhanden sind. Die Intention für diesen Aufruf waren vorhandene Schwachstellen, die durch die Nutzung der Krankenversichertenkarte entstanden sind. Von Seiten der Ärzte wurde vermehrt festgestellt, dass Patienten die Karte im gleichen Quartal bei mehreren Allgemein- und Fachärzten vorgelegt haben, was zur Folge hatte, dass Mehrfachverordnungen und -untersuchungen durchgeführt wurden. Um diese Missstände zu beheben, wurde an der Entwicklung einer zweiten Generation dieser Versichertenkarte gearbeitet (FORUM INFO 2000 1998, 144).

Die Bundesregierung erteilte 1997 dem Beratungsunternehmen Roland Berger und Partner den Auftrag für ein Gutachten. Im Januar 1998 veröffentlichte die Firma das Gutachten mit dem Titel: „Telematik im Gesundheitswesen. Perspektiven der Telemedizin in

Deutschland“ (Debold & Lux 2001, 8). Anhand des Gutachtens wurde festgestellt, dass eine häufige Nutzung von telematischen Anwendungen Voraussetzung dafür ist, dass eine notwendige Infrastruktur geschaffen werden kann. „Der wirtschaftliche Nutzen dieser Massenanwendung sollte die Finanzierung der hohen Investitionen und laufenden Kosten ermöglichen“ (Debold & Lux 2001, 8). Im Sommer 2000 wurden zwei Einzelaufträge in Auftrag gegeben. Der Verband der Angesellten Krankenkassen e.V. (VdAK) beauftragte ein Gutachten für die Einführung einer neuen Generation von Versichertenkarte und die Bundesvereinigung Deutscher Apothekerverbände (ABDA) ein Gutachten zum elektronischen Rezept (Debold & Lux 2001, 8-9). Im Jahr 2002 wurde dann bei der 75. Gesundheitsministerkonferenz (GMK) der Länder festgelegt, dass eine flächendeckende Einführung einer elektronischen Patientenakte (ePA), eines elektronischen Arztausweises (eArztausweis) und eines elektronischen Rezeptes (eRezept) als notwendig angesehen wird (Flügge 2007, 8).

Im Jahr 2003 wurde im BMGS unter der Leitung des Staatssekretärs Dr. Klaus Theo Schröder (s. Glossar) eine eigenständige Projektgruppe gegründet, die sich zunächst mit dem elektronischen Heilberufsausweis für Ärzte befasste. Um den komplexen Anforderungen im Bereich Sicherheits- und Anwendungsstruktur der Telemedizin gerecht zu werden, wurde für die technische und wissenschaftliche Begleitung das Projekt „bit4health - bessere IT für bessere Gesundheit“ gegründet. „Dem Projekt „bit4health“ gehören neben IBM Deutschland auch das Fraunhofer Institut für Arbeitswirtschaft und Organisation, SAP-Deutschland AG und Co KG, InterComponentWare AG und die ORGA Kartensysteme GmbH an“ (www.ztg-nrw.de). Das von der Bundesregierung in Auftrag gegebene Gutachten des Beratungsunternehmens Roland Berger hatte bereits 1997 eine digitale Medikamentenakte vorgeschlagen, die (damals auf Diskette) zum Arzt mitgenommen werden sollte, auf dass dieser die Datenbanken durchforste.

„Das sichere Medikations-System sollte über die besagten elektronischen Rezepte finanziert werden: Der Verzicht auf die kostenträchtige Übertragung von Papier auf Computer sollte den Prognosen der Berater zufolge genug Geld sparen“ (http://www.zeit.de).

Aus dieser Idee erarbeitete das Projekt im Jahr 2004 im Auftrag des Bundesministeriums für Gesundheit und Soziale Sicherung eine Strategie zur Einführung der elektronischen Gesundheitskarte (Becker et al. 2006, 66). Es wurde eine Rahmenarchitektur erstellt, die als generelles Regelwerk für die Entwicklung der elektronischen Gesundheitskarte gilt. Auf der Computermesse CeBIT 2004 präsentierte dieses Konsortium (s. Glossar) dann die Rahmenarchitektur. Weiterhin erstellte bit4health eine Architektur und Lösungsskizze auch als „Solution Outline“ bezeichnet, die im Juli 2004 veröffentlicht wurde (http://www.dimdi.de).

„Wenn die Telematikrahmenarchitektur der Bebauungsplan für ein künftiges Medizinnetz war, dann ist die Solution Outline ein erster Vorschlag für das Aussehen der "Gebäude" und den Aufbau der Infrastruktur, in diesem Falle also des Kommunikationsnetzes“ (http://www.dimdi.de, Hervorhebung d. V.).

Die „Solution Outline“ dient der Planung und Umsetzung der Lösungsarchitektur. Bit4health wurde auch damit beauftragt, eine genaue Lösungsarchitektur zu entwickeln. Aus verschiedenen Gründen löste sich das Konsortium noch 2004 auf (http://www.zeit.de). Im November 2004 erhielt die Fraunhofer Gesellschaft die Zuwendung für das Forschungs- und Entwicklungsprojekt (FuE-Projekt) zur Erstellung der Lösungsarchitektur (Becker/Zimolong 2006, 67). Die Vorschläge der „Solution Outline“ wurden mit in die Erarbeitung der Lösungsarchitektur einbezogen.

Noch im gleichen Jahr wurde protego.net auf Grund der gesetzlich festgelegten zeitlichen Vorgaben für die Umsetzung der elektronischen Gesundheitskarte von den beteiligten Organisationen gegründet. Um den zeitlichen Rahmen einzuhalten, haben sich die Spitzenverbände 2004 darauf geeinigt, eine eigenständige Betriebsorganisation zu gründen. Im Jahr 2005 wurde dann die gematik GmbH gegründet (nähere Informationen im Kap. 4.1). Mit dieser Gründung wurde protego.net abgelöst. Auf der CeBIT im März 2005 stellten dann die Fraunhofer Forscher die Lösungsarchitektur vor (http://www.zeit.de). Am 19. Dezember 2005 hat die gematik „[...] eine Spezifikation für die Basisarchitektur der Testvorhaben [...] veröffentlicht“ (Becker/Zimolong 2006 zit. n. Steyer/Tolxdorff, 67). Mit dieser Basisarchitektur wurden die vorhandenen Konzepte zusammengeführt.

3.1 Gründe für die Einführung

Im Jahr 1997 brachte der Pharmakonzern Bayer das Medikament Lipobay in Großbritannien, kurze Zeit später in Deutschland und anderen EU-Ländern auf den Markt. Lipobay mit dem Wirkstoff Cerivastatin, das zur Senkung des Cholesterinsspiegels gegeben wurde, führte in Verbindung mit der gleichzeitigen Einnahme des Cholesterinsenkers Gemfribrozil ein Jahr später zum ersten Todesfall in Deutschland (http://www.wdr.de). Der Pharmahersteller hatte im Beipackzettel nicht ausdrücklich davor gewarnt, dass eine gleichzeitige Einnahme beider Präparate tödlich sein kann. Im Jahr 2005 starben mehr Menschen an den Folgen von unerwünschten Wechselwirkungen von Arzneimitteln als im Straßenverkehr (Schmidt BdM 2005, 19). Die gesammelten Erfahrungen aus der Einführung der bisherigen KVK bekräftigte die Entscheidung der Bundesregierung ein Instrument zu entwickeln, das zukünftig schwerwiegende Fehlmedikationen verhindern und gleichzeitig die Arzneimittelsicherheit erhöhen soll.

3.2 Gesetzliche Grundlagen

Die Rechtsordnung enthält im Artikel 2 Abs. 1 des Grundgesetzes (GG), § 78 a Sozialgesetzbuch X (SGB X) und § 4 Bundesdatenschutzgesetz (BDSG) datenschutzrechtliche Regelungen zur Speicherung von sensiblen Gesundheitsinformationen. Auf Grundlage des Artikel 2 GG wurde auch „Die Selbstbestimmung eines jeden Bürgers über die Verwendung und Preisgabe seiner Daten zu entscheiden, [...] durch ein Bundesverfassungsgerichtsurteil vom 15.12.1983 bestätigt“ (Flügge 2007, 65). Für die Nutzung und Speicherung dieser Daten gelten weiterhin die Landesdatenschutzgesetze (LDSG) der einzelnen Länder (Dierks et al. 2003, 135).

„Die Einführung von telematischen Anwendungen im Gesundheitswesen auf der Grundlage der Einwilligung des Betroffenen ist die Lösung, die die Datenautonomie der Betroffenen am besten wahrt“ (Dierks et al. 2003, 137).

Die Einführung der elektronischen Gesundheitskarte erordert nicht nur eine datenschutzrechtliche sondern auch datenschutztechnische Regelung.

„Um entsprechend des § 9 BDSG vor der Kenntnis unbefugter Dritter schützen zu können, sollen zur Sicherung der Authentizität Schutzmaßnahmen wie verschlüsselte Datenübertragung, Zugriffssicherung auf Geräte und Anwendungen und die elektronische Signatur genutzt werden“ (http://www.dkgev.de).

Die Gesundheitsdaten, die auf der Karte gespeichert werden sollen, erhalten durch die Einführung des Signaturgesetzes Dokumentenkraft (eigene Hervorhebung). Die Einführung war notwendig um die gerichtliche Beweiskraft der elektronischen Dokumente, im eventuellen Streitfall zu stärken. Deutschland galt damit als erstes Land weltweit, das ein Signaturgesetz eingeführt hat, um eine „[...] Grundlage einer rechtsicheren und geschützten Kommunikation im Gesundheitswesen [...]“ zu gewährleisten (FORUM INFO 2000 1998, 142).

Das Gesetz zur Modernisierung der Gesetzlichen Krankenversicherung (GKV- Modernisierungsgesetz - GMG), das am 17. Oktober 2003 die Zustimmung des Bundesrates erhalten hat, bildet die rechtliche Grundlage für das Projekt eGK (http://www.bmg.bund.de, eigene Hervorhebung). Das fünfte Sozialgesetzbuch (SGB V) wurde durch das GKV-Modernisierungsgesetz mit Wirkung zum 1. Januar 2004 geändert (http://www.dkgev.de). Die §§ 67 und 68 SGB V regeln die Finanzierung und Implementierung einer elektronischen Kommunikation im Gesundheitswesen (SGB V 2005, 409). Mit dem GKV-Modernisierungsgesetz wurden verschiedene Reformmaßnahmen festgelegt, die dazu beitragen sollen, die steigenden Leistungsausgaben der gesetzlichen Krankenversicherung zu reduzieren (Lampert et al., 262).

Mit der Verabschiedung des GKV-Modernisierungsgesetzes verpflichtete die Bundesregierung die gesetzlichen Krankenkassen, die bisherige Krankenversichertenkarte zu einer elektronischen Gesundheitskarte zu erweitern. „Die PKV, die nicht dem SGB V unterliegt, befürwortet grundsätzlich die Schaffung einer Telematik-Infrastruktur und hat dieses Vorhaben von Anfang an begleitet“ (http://www.dkgev.de). Zur Anpassung der Rechtslage zur Erweiterung der Funktionalität der KVK wurden die §§ 15 und 291 SGB V geändert bzw. erweitert. „Mit der Änderung des § 291 SGB V und der Neueinführung des § 291 a SGB V wurden die speziellen Regelungen und Anwendungsmöglichkeiten für die eGK gesetzlich fixiert“ (Flügge 2007, 9, eigene Hervorhebung). Bei der Einführung der elektronischen Gesundheitskarte geht es „[...] im Kern um die Modernisierung ihrer Ausweis- und Legitimationsfunktion“ (Debold & Lux 2001, 24).

Datenschutz- und Sicherheitsaspekte übernehmen beim Aufbau einer Infrastruktur - bei den Spezifikationen der Komponenten und bei der Einführung der elektronischen Gesundheitskarte - eine zentrale Rolle. Für die Umsetzung des Großprojektes wurde im Juni 2005 das Gesetz zur Organisationsstruktur der Telematik im Gesundheitswesen eingeführt (eigene Hervorhebung). Dieses Gesetz legt eine Organisationsstruktur fest, in der die Aufgaben aller am eGK-Projekt beteiligten Akteure definiert sind. Im November 2005 hatte die Bundesregierung eine Rechtsverordnung (s. Glossar) zur Umsetzung der Testmaßnahmen festgeschrieben (Laatz 2007, 14, eigene Hervorhebung). Diese Rechtsverordnung wurde im Oktober 2006 vom Bundesministerium für Gesundheit (BMG) durch eine so genannte „Neufassung der Verordnung über Testmaßnahmen für die Einführung der elektronischen Gesundheitskarte“ vom 5. Oktober 2006 ergänzt (http//:www.bmg.bund.de). Die Änderungsverordnung sollte dazu dienen die Testphasen der elektronischen Gesundheitskarte zu beschleunigen (Schellhase 2006, 30). Weitere Ausführungen zur gesetzlichen Schweigepflicht finden sich im Strafgesetzbuch (StGB) und den jeweiligen Berufsordnungen.

Die elektronische Gesundheitskarte sollte gemäß § 291 a Abs. 1 SGB V zum 1. Januar 2006 von den Krankenkassen flächendeckend eingeführt worden sein. Die folgende Abbildung 1 fasst wichtige Meilensteine zusammen

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 1: Historische Meilensteine bis zum Projektstand Januar 2006 Quelle: eigene Zusammenstellung und Darstellung

3.3 Die Ziele der elektronischen Gesundheitskarte

Die Vergangenheit brachte einige erfolgreiche Projekte hervor, unter anderem die im Vorfeld erwähnte KVK. Aus den Erfahrungen, die durch den flächendeckenden Einsatz dieser Karte gemacht wurden bzw. noch gemacht werden und der Analyse der Schwachstellen, die durch den Einsatz aufgedeckt worden sind, wurden die Ziele im § 291 a SGB V festgelegt:

- „[.. ]Verbesserung von Wirtschaftlichkeit,
- Qualität und Transparenz der Behandlung [...]“ (§ 291a SGB V 2005, 584).

Durch die Einführung der elektronischen Gesundheitskarte sollen zukünftig alle medizinischen Einrichtungen schneller und sicherer miteinander kommunizieren können. Die elektronische Gesundheitskarte soll dazu beitragen, die Kommunikation aller am Prozess der gesundheitlichen Versorgung Beteiligten durch eine fall- und einrichtungsübergreifende Dokumentation zu verbessern sowie helfen, Bürokratie abzubauen. Durch die Einführung des elektronischen Rezeptes soll die Arzneimittelsicherheit erhöht werden, um damit gleichzeitig unerwünschte bzw. gefährliche Medikamentenunverträglichkeiten zu reduzieren (BMG 2007, 2-3). Die elektronische Gesundheitskarte soll:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Die Autonomie des Patienten wird durch die neuen gesetzlichen Regelungen gestärkt. Die Informationen, die auf der Karte gespeichert werden, sollen zukünftig dazu beitragen, Risiken sowie Doppeluntersuchungen zu vermeiden. Die elektronische Gesundheitskarte soll „[...] den Versicherten auf verschiedene Weise befähigen, an modernen Formen der Kommunikation im Gesundheitswesen teil zu haben“ (Debold & Lux 2001, 8). Die Einführung dieser Karte soll mit dazu beitragen, den Verwaltungsaufwand in den Krankenhäusern, bei den Krankenkassen oder in den Arztpraxen zu reduzieren. Die wachsende Flut von Informationen soll durch den Einsatz der eGK bewältigt werden, um die Versorgung der Patienten effizienter zu gestalten.

Die Einführung dieser Karte ist ein Gemeinschaftsprojekt mit dem Ziel, eine „[...] zeitgerechte Verfügbarkeit relevanter Daten und Informationen zur Optimierung der Gesundheitsversorgung für die Patienten und zu einer besseren Steuerung des Systems“ zu schaffen (Hess 2000 zit. n. GVG, 37). Die elektronische Gesundheitskarte soll die Mitwirkungsbereitschaft und -initiative sowie die Eigenverantwortung der Patienten stärken (http://www.dimdi.de).

3.3.1 Nutzen der eGK für Patienten

Mit der Einführung der eGK soll eine Verbesserung der medizinischen Behandlungsqualität erreicht werden. Der Patient oder auch der Versicherte bestimmt selbst, welche medizinischen Daten aufgenommen werden und wer darauf zugreifen kann. „Die letzten 50 Zugriffe auf die Karte werden protokolliert und lassen sich im Bedarfsfall kontrollieren“ (http://www.gematik.de). Die Patienten sollen mehr Transparenz erhalten, wenn es um ihre Gesundheitsdaten geht. Sie sollen mit ihrer eGK unter anderem eine bessere Übersicht über den Impfstatus oder erfolgte Vorsorgeuntersuchungen erhalten (http://www.bmg.bund.de). Insbesondere im Notfall, wo jede Minute kostbares Leben retten kann, sollen Ärzte schneller auf Daten zugreifen können. Besonders im Hinblick auf die Arzneimittelunverträglichkeiten kann diese Karte helfen, einen sicheren und zuverlässigen Abgleich der Medikamente durchzuführen (Mentzinis 2007, 44). Die Daten sind bei einem Arztwechsel elektronisch verfügbar. Die Weiterbehandlung des Patienten kann dadurch verbessert werden und unnötige Doppeluntersuchungen werden vermieden.

3.3.2 Nutzen der eGK für Leistungserbringer

Für die Ärzte bringt diese Karte einen schnelleren Überblick über den Gesundheitsstatus des Patienten. Arztbriefe werden digital gespeichert und können von den Kollegen bundesweit eingesehen werden.

„Auch belastende und risikoträchtige Mehrfachuntersuchungen sowie Fehl-, Unter- oder Überversorgung lassen sich durch die elektronische Verarbeitung von Rezepten, Arztbriefen und bildgebenden Verfahren verringern“ (Mentzinis 2007 zit. n. Jäckel, 44).

Durch die Verbesserung der Kommunikation kann eine integrierte Versorgung gewährleistet werden. Ziel der integrierten Versorgung ist es, „[...] mit begrenzten Mitteln das bestmögliche Ergebnis in der medizinischen Behandlung zu erzielen“ (http://www.die- gesundheitsreforn.de). Ein wesentlicher Faktor ist die effizientere Gestaltung der Arbeitsprozesse, die dann mehr Zeit für die Behandlung des Patienten bringen soll.

Für die niedergelassenen Ärzte wird im administrativen Bereich rationalisiert. Die Ärzte können die Abrechnung mit den Krankenkassen digital durchführen. Im Notfalleinsatz ist es für den Arzt einfacher, schneller an wichtige Gesundheitsdaten des Patienten zu gelangen. Dadurch werden Behandlungsfehler reduziert und auch das Haftungsrisiko des Arzte verringert (Flügge 2007, 26).

Für die Apotheken wird die Einführung der eGK „[...] maßgeblich dazu beitragen, dass die Apothekerinnen und Apotheker ihre Kunden besser und zielgerichteter beraten werden können“ (Wolf 2005 zit. n. Wegweiser, 121). Eine bessere Beratung der Kunden trägt mit dazu bei die Anwendung von Arzneimitteln sicherer zu machen.

3.3.3 Nutzen der eGK für Kostenträger

Für die Krankenkassen als Kostenträger werden die größten Einsparungen, vor allem im administrativen Bereich durch Optimierung der Arbeitsprozesse erwartet. „Durch den künftigen Wegfall des alten Systems entfällt auch die damit verbundene jährliche Neuausstellung von Krankenversicherungskarten“ (Flügge 2007, 27). Anhand der Legitimation des Kartenutzers durch das Lichtbild, kann der Kartenmissbrauch verhindert und so auch die anfallenden Kosten durch den Betrug vermieden werden.

„Die Arzneimitteldokumentation trägt dazu bei, dass ungeeignete Medikamente in deutlich geringerem Maß verschrieben werden. Hierdurch entfallen ebenso Kosten wie dadurch, dass weniger nachträgliche Behandlungen aufgrund falscher Arzneimittel anfallen“ (http://www.gematik.de).

Weiterhin werden durch eine verbesserte Kommunikation zwischen den Leistungserbringern unnötige Doppeluntersuchungen vermieden. Die Einführung des eRezeptes führt zum Wegfall der Apothekenrechenzentren. Das wiederum senkt die Kosten der Krankenkassen.

3.3.4 Nutzen für das deutsche Gesundheitswesen

Für das deutsche Gesundheitswesen sollen sich durch die Einführung der elektronischen Gesundheitskarte diese Veränderungen ergeben:

- „Bessere Verzahnung der unterschiedlichen Anbieter von Gesundheitsleistungen auf ambulanter, stationärer und rehabilitativer Ebene.
- Beitrag zur Verbesserung der Kompatibilität von vorhandenen und sich entwickelnden Telematikanwendungen.
- Bessere Grundlagen zur Generierung von Strukturdaten“ (Meyer 2004, 53).

Die Einführung der Karte soll für mehr Qualität, mehr Effizienz und mehr Sicherheit für das deutsche Gesundheitswesen beitragen (BMG 2007, 2). Weiterhin wird durch die eGK der Aufbau einer Telematik-Infrastruktur ermöglicht, die Ausgangsbasis für weitere innovative Lösungen darstellt (Wegweiser 2005, 7). Für den Wirtschaftsstandort Deutschland soll diese Karte für mehr nationalen und internationalen Wettbewerb sowie für Innovation und Wachstum beitragen.

4. Die Akteure und ihre Aufgaben

Für die Umsetzung dieses Großprojektes war der Aufbau einer Organisationsstruktur, eine klare Verteilung der Aufgaben und die Beteiligung aller wichtigen Akteure eine Grundvoraussetzung. Die Abbildung 2 stellt die Akteure und deren Beziehungen untereinander in der Telematik-Infrastruktur dar.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 2: Kommunikationswege der Akteure zur Telematik-Infrastruktur Quelle: http://www.dkgev.de

Zentraler Anlaufpunkt der in Abbildung 2 vorgestellten Kommunikationswege ist die Telematik-Infrastruktur. Alle Akteure, die hier die Kommunikationswege nutzen, übernehmen im Großprojekt der elektronischen Gesundheitskarte wichtige Funktionen. Die nachfolgenden Abschnitte stellen die einzelnen Akteure und ihre Aufgaben vor.

4.1 Die gematik

Die Betriebsorganisation gematik - Gesellschaft für Telematikanwendungen der Gesundheitskarte mbH - wurde von den Spitzenorganisationen der Selbstverwaltung im Gesundheitswesen am 10. Januar 2005 gegründet. Mit Gründung der gematik wurde das Interimsprojektbüro protego.net abgelöst.

Zu den Gesellschaftern der gematik GmbH, die die Leistungserbringer im Gesundheitswesen vertreten, gehören, die Bundesärzte- und Bundeszahnärztekammer, die Kassenzahnärztliche Bundesvereinigung, die Deutsche Krankenhausgesellschaft und der Deutsche Apothekerverband. Die Kostenträger werden durch die Spitzenverbände der Krankenversicherung, dazu zählen die Gesetzliche Krankenversicherung und die Private Krankenversicherung (GKV und PKV), die Bundesverbände der Krankenkassen AOK, IKK, BKK, die Bundesknappschaft, die See-Krankenkasse, den Verband der Angestellten­Krankenkassen ( VdAK) und den Arbeiter-Ersatzkassen-Verband (AEV) vertreten. Zu den Vertretern gehören nicht nur die Kostenträger und Leistungserbringer, sondern auch Patientenvertreter sowie das Bundesamt für Sicherheit in der Informationstechnik (BSI) und der Bundesdatenschutzbeauftragte (BMG 2007, 32). Für die Umsetzung und den Fortlauf dieses Großprojektes hat die gematik wichtige Aufgaben übertragen bekommen:

„Diese Betriebsgesellschaft hat die Aufgabe, die Einführung, Pflege, Weiterentwicklung der Gesundheitskarte, des elektronischen Rezeptes [...] zu gewährleisten. Der gematik GmbH kommt damit eine Schlüsselrolle zu“ (BMG 2007, 31).

Mit der Änderungsverordnung vom 5. Oktober 2006 kann die gematik laut § 5 Bundesgesetzesblatt (BGBl) Teil 1 Nr. 45 (Anhang 2) Betriebsaufgaben übernehmen.

Weiterhin kann sie den Gesellschaftern zentrale Aufgaben übertragen (Schellhase 2006, 31).

„Die gematik entwickelt die übergreifenden IT-Standards für den Aufbau und den Betrieb der gemeinsamen Kommunikations-Infrastruktur aller Beteiligten im Gesundheitswesen“ (http://www.gematik.de)

Mit der Einführung der gematik sollen Entscheidungsprozesse verkürzt werden (http://www.dkgev.de). Als zentrales Bindeglied des Großprojektes ist die gematik verantwortlich für die Zulassung von Systemen und Diensten sowie für die dezentralen Komponenten der Telematik-Infrastruktur. Vor Einsatz der einzelnen Komponenten im Gesamtsystem sind alle Karten- sowie Terminalhersteller dazu verpflichtet, ihre Produkte anhand von Zulassungstests im Testlabor der gematik prüfen zu lassen. Die Zulassung erfolgt dann ausschließlich durch die gematik. Die gematik lässt im Rahmen der 10.000er Tests die Terminals zu. Voraussetzung für den Rollout des eGK-Systems ist die Zulassung der Komponenten vom Bundesamt für Sicherheit in der Informationstechnik (BSI) (http://www.e-health-com.de). Eine Gesamtübersicht über den Verantwortungsbereich der gematik befindet sich noch einmal im Anhang 1.

4.2 Kostenträger

Die Krankenkassen stellen die notwendigen Gelder und Mittel für die Umsetzung und Implementierung der elektronischen Gesundheitskarte zur Verfügung. An diesem Gemeinschaftsprojekt beteiligen sich sowohl die gesetzlichen- als auch die privaten Krankenkassen. Die PKV ist von Anfang an mit am Großprojekt beteiligt. Das Projekt erhält dadurch den Charakter eines Gemeinschaftsprojektes (GVG 2005, 36).

Die Krankenkassen haben die Aufgabe, die elektronische Gesundheitskarte flächendeckend bei allen rund 80 Mio. Versicherten auszuteilen (Mentzinis 2007, 44). Davon sind es allein etwa 70 Mio. GKV-Versicherte, die mit dieser Karte ausgestattet werden müssen (http://www.presseportal.de).

Es gibt Unterschiede bei beiden Krankenkassen. Die GKV hat eine pseudonymisierte Rentenversicherungsnummer zur Verfügung, die dann als übergreifende Krankenversichertennummer gilt (Leyenbach 2005, 45; Pseudonymisierung s. Glossar). Das wurde mit Einführung des GMG gesetzlich verankert. Für die PKV dagegen, ist es schwieriger eine übergreifende Krankenversichertennummer zu verwenden. Es ist noch nicht gesetzlich verankert und für die Versicherten gilt das Prinzip der Freiwilligkeit, das heißt sie können entscheiden, ob sie diese neue Karte einsetzen oder nicht.

Für eine flächendeckende Einführung der eGK ist es Voraussetzung die Kartennutzer über die elektronische Gesundheitskarte zu informieren. Die Krankenkassen werden dazu aufgefordert, ihre „[...] Versicherten umfassend und in allgemein verständlicher Form über deren Funktionsweise, einschließlich der Art der auf ihr oder durch sie zu erhebenden, zu verarbeitenden oder zu nutzenden personenbezogenen Daten zu informieren“ (http://www.bmg.bund.de).

Die Krankenkasse ist laut Bundesdatenschutzgesetz (BDSG) dafür verantwortlich, die „zur Wahrnehmung des Auskunftsrechts erforderlichen Geräte und Einrichtungen in angemessenem Umfang zum unentgeltlichen Gebrauch zur Verfügung“ zu stellen (§ 6c Abs. 2 BDSG 2003, 13).

Die Krankenkassen sind für die Abrechnung mit den einzelnen Stellen der Leistungserbringer im Gesundheitswesen zuständig. Die Abrechnung der angefallenen Ausgaben der Ärzte rechnet die Kassenärztliche Vereinigung mit der Krankenversicherung ab. Die Abrechnung mit den Apotheken erfolgt über ein Apothekenrechenzentrum. Die Versichertenstammdaten (VSD) werden von den Krankenkassen über einen Versichertenstammdatendienst (VSDD) aktualisiert.

4.3 Leistungserbringer

Die Testung der Hard- und Software der Telematik-Infrastruktur der elektronischen Gesundheitskarte erfolgt durch die Leistungserbringer im Gesundheitswesen.

Die Leistungserbringer wurden laut § 67 Abs. 2 SGB V verpflichtet mit in die Telematik­Infrastruktur der elektronischen Gesundheitskarte zu investieren.

„ (2) Die Krankenkassen und Leistungserbringer sowie ihre Verbände sollen den Übergang zur elektronischen Kommunikation [...] finanziell unterstützen“ (§ 67 SGB V 2005, 409).

Zu den Leistungserbringern im Gesundheitswesen gehören:

- Ärzte
- Zahnärzte
- Apotheker
- Praxis- und Apothekenpersonal
- Physiotherapeuten
- Pflegepersonal
- Hebammen (Meyer 2004, 34)

Für die Erbringung medizinischer Leistungen erhalten die Leistungserbringer einen „elektronischen Heilberufsausweis“ (HBA) bzw. „Health Professional Card“ (HPC) bezeichnet (Flügge 2007, 39). Die Abbildung 3 zeigt ein Muster des Heilberufsausweises.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 3: Heilberufsausweis (HBA) Quelle: http://www.die-gesundheitskarte.de

Bei jedem Zugriff auf die elektronische Gesundheitskarte muss sich zum Beispiel ein Arzt mit seinem HBA und der Eingabe der PIN-Nummer authentifizieren. Voraussetzung für den Zugriff ist, dass sich der Patient ebenso durch die Eingabe der PIN-Nummer authentifiziert hat, dem Zugriff zustimmt und die Karte gleichzeitig im Kartenlesegerät steckt. Nach diesem „Zwei-Schlüssel-Prinzip“ kann der Arzt auf die freiwillig, digital gespeicherten Gesundheitsdaten auf der eGK zugreifen (BMG 2007, 13).

„Der Zugriff auf Daten [...] mittels der elektronischen Gesundheitskarte darf nur in Verbindung mit einem elektronischen Heilsberufausweis, [...] auch in Verbindung mit einem entsprechenden Berufsausweis, erfolgen, die jeweils über eine qualifizierte elektronische Signatur verfügen; [...]“ (http://www.bmg.bund.de - § 291a BGBl Teil 1 Nr. 55).

Laut gesetzlicher Regelungen dürfen auch Personen zugreifen, die keinen HBA oder entsprechenden Berufsausweis besitzen, dass kann aber nur dann erfolgen, wenn sie durch Personen autorisiert sind, die einen HBA oder entsprechenden Berufsausweis besitzen (nähere Informationen zur Autorisierung s. Glossar). Es muss digital nachvollziehbar sein, wer auf die Daten Zugriff hatte und welche Person diesen Zugriff autorisierte (§ 291 a Abs. 5 Satz 3-4 SGB V 2005, 586).

4.4 Industrie

Die Industrie fertigt die notwendigen Hard- und Softwarekomponenten für die Telematik­Infrastruktur der elektronischen Gesundheitskarte. Für die Industrie steht dieses Großprojekt für mehr Wettbewerb und bringt zusätzlichen Innovationsschub (Schmidt MdB 2005, 17). Im Hintergrund steht die Interoperabilität (s. Glossar), das heißt die Systeme von unterschiedlichen Technologieanbietern sollen miteinander harmonieren können. Für das Funktionieren der Kommunikationsplattform ist Interoperabilität eine wesentliche Voraussetzung (FORUM INFO 2000 1998, 37). Die Integration der Komponenten der unterschiedlichen Karten- und Terminalhersteller im Gesamtsystem kann nur erfolgen, wenn vorher die Zulassung durch die gematik erfolgte.

4.5 Leistungsempfänger

Den Patienten bzw. den Versicherten wird in diesem Projekt eine wichtige Aufgabe übertragen. Im Praxistest erhalten zunächst alle Versicherten der Modellregion neben ihrer derzeitigen KVK zusätzlich eine personalisierte elektronische Gesundheitskarte, die sie dann bei einem teilnehmenden Akteure einsetzen (http://www.gesundheitskarte-rlp.de).

Die Versicherten können Probleme im Praxistest in der Handhabung dieser Karte aus nichtfachspezifischer Sicht beurteilen. Durch Eingabe der PIN-Nummer authentifiziert sich der Kartenbesitzer (nähere Informationen zur Authentifizierung s. Glossar). Nur mit Zustimmung des Patienten darf auf die Daten zugegriffen werden (http://www.bmg- bund.de). Die Patienten entscheiden, welche Daten auf der Gesundheitskarte gespeichert, verarbeitet und ausgelesen werden. Die Einlösung des eRezeptes erfolgt durch die Patienten in der Apotheke.

5. Architektur der eGK

Die Vernetzung aller im Gesundheitswesen beteiligten Leistungserbringer und die flächendeckende Versorgung von rund 80 Mio. Menschen mit personalisierten Karten ist enorm. Auf Grund der hohen Komplexität der Anwendungen wird die die elektronische Gesundheitskarte in einzelnen Stufen und Abschnitten eingeführt (http://www.bmg- bund.de).

5.1 Technische Infrastruktur

Zu den Basis-Komponenten der Telematik-Infrastruktur gehören zahlreiche Hard- und Softwarekomponenten. Die Abbildung 4 stellt die Basis für den Aufbau der Telematik­Infrastruktur dar.

Die eGK ist ein Teil der Telematik-Infrastruktur. Sie gehört ebenso wie der HBA, der Konnektor, dem Kartenlesegerät und der Institutskarte - auch als Secure Module Card (SMC) bezeichnet - mit zu den dezentralen Hardwarekomponenten. Die SMC ist für die Authentifizierung der Arztpraxen, Apotheken oder Krankenhäuser zuständig. Bei den dezentralen Softwaresystemen wird zwischen dem Primär- und dem Sekundär system unterschieden.

Das Primärsystem wird bei den Leistungserbringern eingesetzt. In der Abbildung 5 werden die Primärsysteme und die notwendigen Komponenten für den Zugriff auf das zentrale Telematiknetz dargestellt.

[...]

Ende der Leseprobe aus 129 Seiten

Details

Titel
Die elektronische Gesundheitskarte - IT-Projekt mit Zukunft?
Untertitel
Ergebnisse einer empirischen Untersuchung
Hochschule
Alice-Salomon Hochschule Berlin
Note
1.3
Autor
Jahr
2007
Seiten
129
Katalognummer
V186558
ISBN (eBook)
9783656997153
ISBN (Buch)
9783869432779
Dateigröße
32433 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
gesundheitskarte, it-projekt, zukunft, ergebnisse, untersuchung
Arbeit zitieren
Christin Keilhauer (Autor), 2007, Die elektronische Gesundheitskarte - IT-Projekt mit Zukunft?, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/186558

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