Kinder nach Scheidungs- und Trennungssituationen und die damit verbundenen Hilfsangebote und Möglichkeiten der Sozialen Arbeit


Diplomarbeit, 2011
79 Seiten, Note: 1,7

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

ABBILDUNGS- UND TABELLENVERZEICHNIS

1. EINLEITUNG
1.1 Zielstellung
1.2 Vorgehensweise

2. FAMILIALE FORMEN IN DER GESELLSCHAFT
2.1 Pluralität familialer Formen
2.2 Neue Rollenzusammensetzung
2.3 Ursachen für den Anstieg von Ehescheidungen

3. KONFLIKTHERD FAMILIE UND SCHEIDUNGSLÖSUNG
3.1 Bedeutung stabiler Beziehungen für das Kind
3.2 Ursachen für Trennungen und Scheidungen
3.3 Scheidungsquoten in der Bundesrepublik (Entwicklung 1990 - 2008)
3.4 Scheidungsquoten in Berlin (Entwicklung 2000 - 2003)

4. VERÄNDERUNG IN DER ELTERN-KIND-BEZIEHUNG NACH SCHEIDUNG UND IHRE AUSWIRKUNG AUF DIE KINDER
4.1 Kindreaktionen auf Scheidungen
4.2 Entwicklung der Kinder nach der Scheidung
4.2.1 Nachscheidungskrise in der Beziehung zum Vater
4.2.2 Ablehnung des Vaters als posttraumatisches Symptom
4.3 Langfristige Auswirkungen
4.3.1 Charakteristische Probleme bei Ein-Eltern- Familien
4.3.2 Sozialisationsfolgen bei Scheidungskindern
4.3.3 Folgen für das ausgegrenzte Eltern teil

5. HILFS-, UNTERSTÜTZUNGS- UND THERAPIEMÖGLICHKEITEN FÜR DIE KINDER
5.1 Beratungsstellen
5.2 Ambulante Familienhilfe
5.3 Scheidungskindergruppen
5.4 Verfahrenspfleger
5.5 Individualtherapie
5.6 Spieltherapie
5.7 Verlust-Modell nach Kübler-Ross
5.8 Mediation unter Einbezug der Kinder

6. SELBSTHILFEGRUPPEN UND ANLAUFSTELLEN FÜR BETROFFENE VÄTER
6.1 Väteraufbruch für Kinder e.V
6.2 Väter helfen Vätern e.V
6.3 Kinder- und Vätertreff (Berlin)

FAZIT

LITERATURVERZEICHNIS

Abbildungs- und Tabellenverzeichnis

Abbildung 1: Ehescheidungen in der Bundesrepublik

Abbildung 2: Eheschließungen und -scheidungen in Berlin

Abbildung 3:Wesentliche Nachteile des Alleinerziehens

Abbildung 4: Wesentliche Vorteile des Alleinerziehens

Tabelle 1: Familienformen

Tabelle 2: Raster von Verhaltensänderungen bei Kleinkindern im Alter von 0-2 Jahren als Reaktion auf die Elterntrennung (n. Kalter 1990)

Tabelle 3: Kindliche Symptome während der elterlichen Trennung

1. Einleitung

Die Statistik zeigt nach wie vor eine hohe Zahl an Ehescheidungen. Es ist zwar richtig, dass in der Forschung die Folgen von Scheidung auf Kinder, Eltern und Familie analysiert wurden, doch nach wie vor sind keine Forschungszahlen in Bezug auf die gesellschaftlichen Auswirkungen verfügbar.[1] Denn Kinder, die aus geschiedenen Familien kommen, haben in der Regel problematische Beziehungen zu ihren Eltern: „[...] diese schwachen Eltern-Kind-Beziehungen setzen sich im Erwachsenenalter fort“.[2]

Wenn von schwachen Beziehungen gesprochen wird, so beziehen sich diese in der Regel auf die Vater-Kind-Beziehung, denn in Deutschland wurden seit den 1980er Jahren etwa zwei Millionen Kinder von ihren Vätern getrennt bzw. „die Beziehung zwischen ihnen [wurde] rechtlich in einer nicht immer kindgerechten Art und Weise geregelt.“[3] Der Witz an dieser Sache ist jedoch, dass im gleichen Zeitraum die Bedeutung des Vaters für die Kinder zunehmend anerkannt wurde.

Der Statistik ist weiter zu entnehmen, dass etwa 66 Prozent der geschiedenen Männer eine neue Ehe eingehen. Welche Folgen eine neue Ehe für Kinder und Gesellschaft hat, ist durch Furstenberg untersucht worden.[4] „So steigert der Eintritt eines Stiefvaters zwar das familiäre Einkommen, was den Lebensstandard der Kinder verbessert. Seine Anwesenheit ist jedoch nicht immer von Vorteil für die psychische Entwicklung des Kindes.“[5] Noch weiter ist Hetherington gegangen, der heraus fand, dass „die Anzahl der Kinder, die bei Wiederheirat eines Elternteils auf professionelle Hilfe angewiesen sind, doppelt so groß ist (47%) wie bei einer Scheidung.“[6] Es kam sogar vor, dass es diesen Kindern emotional schlechter ging als Kindern aus Ein-Eltern-Familien. Grund dafür ist die Tatsache, dass Stiefeltern nicht immer ein herzliches Verhältnis zu ihren Stiefkindern haben.

1.1 Zielstellung

Ziel dieser Arbeit ist es einerseits, das Problemfeld Trennungsfolgen in all ihren Konsequenzen aufzuzeigen, andererseits soll auf Möglichkeiten hingewiesen werden, wie die Folgen von Scheidung für das Kind zu kompensieren sind.

1.2 Vorgehensweise

Um das Problemfeld Trennungssituation und -folgen für Kinder umfassend analysieren zu können, ist es zunächst notwendig, den Begriff Familie sowie die neuen Formen im Abschnitt 2 zu definieren und darzustellen. Weiter ist das Rollenverständnis in den Beziehungen von Interesse. Da der Trend zur Ehescheidung scheinbar ungebrochen ist, wären die Ursachen für dieses Phänomen gerade im Hinblick auf das Kindeswohl nicht uninteressant.

Abschnitt 3 bietet einen Einblick in das psycho-soziale Umfeld des Phänomens Familie. Thematisiert werden hier vor allem die Bedeutung stabiler Beziehungen sowie die verschiedenen Ansätze hinsichtlich der Ursachen von Scheidungen. Hinzu kommen statistische Darlegungen, die den Anstieg von Scheidungen sowohl in der Bundesrepublik als auch in Berlin dokumentieren.

Abschnitt 4 widmet sich ganz den physischen und psychischen Auswirkungen von Scheidung auf das Kind. Dabei geht es zwar auch um die Reaktionsweise der Kinder auf den Tatbestand der Scheidung, vordergründig steht aber die Nachscheidungsphase im Mittelpunkt der Betrachtung. In der Literatur ist nur wenig über das Wechselverhältnis von Vaterfigur und Kind zu finden. An dieser Stelle sollen deshalb verstärkt die Symptome in der Nachscheidungsphase in Bezug auf das Verhältnis zum Vater untersucht und dargestellt werden, einfach deshalb, weil der Vater die ausgegrenzte Person ist, da die Kinder in der Regel bei der Mutter verbleiben.

Im 5. Abschnitt geht es um Hilfsangebote für Kinder. Diese sind allerdings so zahlreich und vielfältig, dass nur auf eine geringe Anzahl von Ihnen zurückgegriffen wird, um zumindest die Möglichkeiten aufzuzeigen, und Abschnitt 6 zeigt kurz Hilfen für geschiedene Väter auf.

2. Familiale Formen in der Gesellschaft

2.1 Pluralität familialer Formen

Immer wieder wurde in den vergangenen Jahren auf die sinkende Verbindlichkeit von Ehe und Familie hingewiesen. Trotzdem wird nach wie vor geheiratet, und es werden Familien mit Kindern gegründet. Auch wenn dieser Trend scheinbar rückläufig ist, hat er auch sein Gutes: es kommt zu einer Zunahme individueller Freiheit. Der Mensch hat nun die Möglichkeit, zwischen verschiedenen Formen des Zusammenlebens zu wählen. Die Wissenschaft nennt dies „Individualisierungsprozess“,[7] der aus ökonomischer Wohlstandssteigerung, dem sozialstaatlichen Absicherungssystem und dem gestiegenen Bildungsniveau resultieren soll. Nach Beck gäbe es die Familie nicht mehr, nur noch Familien. „Da gibt es schockierende Entwicklungen: Wilde Ehen, Ehen ohne Trauschein, Zunahme der Ein-Personen-Haushalte im Quadrat, Alleinerziehende, Alleinnacherziehende, allein herumirrende Elternteile“[8].

Die De-Institutionalisierungsthese besagt, dass die Bedeutung und Qualität von Ehe und Normal-Familie rückläufig ist. Becks Individualisierungsthese wiederum geht von der Auflösung des begrifflichen Familien-Konstruktes und der Pluralität von Familienformen aus.[9]

Beiden Thesen gehen von einem zeitgeschichtlichem Wandel aus. Nach Parsons hatte Familie eine bestimmte Rollenstruktur (Vater, Mutter, Kind) und eine klare Aufgabentrennung: der Ehemann war für die ökonomische Sicherheit zuständig, die Ehefrau für den Haushalt und die Kinder. Auch gelten spezifische Interaktionsbeziehungen: Die Mutter-Rolle impliziert ein expressiven Verhalten, die Vater-Rolle eher instrumentellen Verhalten.[10]

Zwischen 1945 und 1975 war dies das vorherrschende Familienmodell in den Industriegesellschaften.[11] Allerdings wird dieses Modell nur noch von einer Minderheit favorisiert. Nave-Herz fragt hier zu Recht, inwieweit es gerechtfertigt ist, „den Familienbegriff auf ein bestimmtes - zeitlich begrenztes - Familienmo­dell zu beschränken?“[12] Will man den familialen Wandel also beschreiben, sollte auf einen einengenden Familienbegriff verzichtet werden, denn die Beschreibung der Vielfalt familialer Lebensformen ist vom Familienbegriff abhängig. Spricht man von der Pluralität familialer Lebensformen, liegt das Hauptaugenmerk insbesondere auf den Familienbildungsprozessen und der Rollenzusammensetzung.[13]

Ob nun Becks Begriff Familien Verwendung findet, bleibt abzuwarten. Nave- Herz stellt dazu fest: „Selbstverständlich sind Begriffe nur dann sinnvoll, wenn mit ihnen eine spezifische Ausgrenzung aus der sozialen Realität möglich ist. Und das trifft auf den Familienbegriff zu, auch wenn - um familialen Wandel und die Pluralität von Familienformen erfassen zu können, und um nicht Veränderungen (wie bereits betont) durch die gewählte Begrifflichkeit von vornherein auszuschließen - es notwendig ist, eine Definition von Familie auf einem möglichst hohen Abstraktionsniveau zu wählen.“[14]

Durch welche Kriterien unterscheidet sich nun Familie von anderen Lebensformen in einer Gesellschaft?[15] Zum einen ist hier die biologisch-soziale Doppelnatur zu nennen; es werden die Reproduktions- und Sozialisationsfunktion übernommen, weiterhin ein Kooperations- und Solidaritätsverhältnis; d.h., hier fallen gemeinsame Ziele, begrenzte Anzahl an Mitgliedern und das Wir-Gefühl hinein. Hinzu kommt ein nur hier geltendes Rollenverständnis als Vater, Mutter, Tochter, Sohn, Schwester, und schließlich die Generationsdifferenzierung, d.h., das Mutter- oder Vater-Kind-Verhältnis.

Letzteres kann sich auf die Kernfamilie (Eltern-Mutter- bzw. Vater-Kind-Einheit), aber auch auf die Großeltern beziehen. Nimmt man diese Definition als Grundlage, kann geprüft werden, welche Familienformen denkbar wären. Natürlich müssen verschiedene Konstellationen außen vor bleiben, da gesetzliche Bestimmungen diese verbieten. Beispielsweise können nichteheliche

Lebensgemeinschaften keine Kinder adoptieren und männliche Homosexuelle können keine Kinder reproduzieren. Dadurch ergeben sich 16 verschiedene, rechtlich mögliche Familientypen (vgl. Tab.1).

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Tabelle 1: Familienformen.[16]

Diese Formen können natürlich wechseln, bedingt durch Tod, Scheidung, Trennung und Wiederverheiratung.

2.2 Neue Rollenzusammensetzung

In Westeuropa sind die nichtehelichen Lebensgemeinschaften auf dem Vormarsch, d.h., ihre Anzahl ist seit der Jahrtausendwende dreimal so hoch. Aber - in ihr wachsen in der Regel kaum Kinder auf. „In Westdeutschland leben in 4 von 5 Haushalten unverheirateter Paare keine Kinder. Anders stellt sich die Situation in den neuen Bundesländern dar. Hier leben häufiger als im westlichen Bundesgebiet Kinder in den Haushalten von unverheiratet zusammenlebenden Partnern.“[17] Der westdeutsche Trend scheint sich aber langfristig auch hier durchzusetzen.[18] Nichtehelichen Lebensgemeinschaften können eher als Lebensform im Jugendalter definiert werden.[19]

Das heißt allerdings nicht, dass die Ehe und Familie sich nun endgültig auf dem Rückzug befinden. Es hat sich eher eine Phasenverschiebung vollzogen bzw. der Ehe wurde ein anderer Sinn zugeschrieben. Sieht man sich entsprechende Untersuchungen an, fällt auf, dass Ehen überwiegend aus drei Gründen geschlossen werden: wegen einer Schwangerschaft, wegen eines Kinderwunsches oder wegen des Vorhandenseins von Kindern.[20]

Beide Formen unterscheiden sich hinsichtlich ihres Gründungsanlasses: „Eine partnerbezogene Emotionalität ist immer stärker Anlass für die Gründung einer Nichtehelichen Lebensgemeinschaft, die emotionale kindorientierte Partnerbeziehung zur Eheschließung.“[21] Für Nave-Herz ist damit der Differenzierungsprozess infolge institutioneller Verselbstständigung von zwei qualitativ unterschiedlichen Systemtypen weiter fortgeschritten als gedacht. Allerdings kann im Moment dazu keine feste Aussage gemacht werden, denn inwieweit die rechtliche Stärkung nichtehelicher Väter Einfluss auf die Etablierung nichtehelicher Gemeinschaften hat, ist momentan nicht absehbar.

Natürlich beruhten bis Mitte/Ende der 1970er Jahre die Eheschließungen auch auf einer emotionalen Partnerbeziehung, aber es gab auch ökonomische, rechtliche oder wohnungsmäßige Gründe. Heute hat die Ehe ihre Versorgungsinstitution weitgehend verloren.

Anders sah die Situation in der DDR aus. Hier wurde in der Regel erst spät nach der Geburt eines Kindes geheiratet, und zwar, um die Vergünstigungen, die die sozialpolitischen Maßnahmen alleinstehenden Müttern in der DDR boten, in Anspruch nehmen zu können.[22] Als diese Anreize nach 1986 wegfielen, ging die Quote der nichtehelichen Lebensgemeinschaften trotzdem nicht zurück. Nach Gysi sind die Lebensgemeinschaften auch hier als Durchgangsphasen zu charakterisieren: entweder spätere Auflösung oder spätere Eheschließung.[23]

Es bleibt allerdings die Frage, warum in Hinblick auf das Kind bewusst die Ehe gewählt wird? Nave-Herz zeigt dazu auf, dass sich nur dann für Kinder entschieden wird, wenn sich beide dieser Verantwortung auch stellen wollen, d.h., wenn die ökonomischen und psychischen Voraussetzungen vorhanden sind. „Die kindorientierte Ehegründung heute ist also zumeist gekoppelt mit dem Prinzip der verantworteten Elternschaft. Dieser normative Anspruch wird aber ferner mit dem traditionellen Ehekonzept argumentativ verbunden, obwohl man dem Ideal der romantischen Liebe und dem Verweisungszusammenhang - nur wenn Kinder, dann Ehe - oberste Priorität einräumt.“[24]

Durch den Anstieg nichtehelicher Lebensgemeinschaften kam es auch zu einem Anstieg des Heiratsalters bei Ledigen. Das durchschnittliche Heiratsalter lag 2007 bei ledigen Männern bei 33 Jahren und bei Frauen bei 29 Jahren.[25]

Grund dafür ist einerseits die Möglichkeit einer zuverlässigen Geburtenplanung, andererseits stieg das allgemeine Bildungsniveau der Frauen. Diese warten heute mit der Heirat so lange, bis eine adäquate berufliche Position erreicht ist.

Mit der Zunahme von nichtehelichen Lebensgemeinschaften ging auch eine Zunahme von Ein-Eltern-Familien einher. Das sind vor allem alleinerziehende Mütter, bedingt durch Scheidung oder Trennung. Ihr Anteil betrug 2007 18% an allen Familienformen.[26] Trotzdem bilden sie noch eine Minorität, ebenso wie Vater-Familien ist - doch der Trend ist steigend.[27]

Was Stiefelternschaft und Adoption angeht, zeigt die amtliche Statistik kaum etwas darüber. Trotzdem kann der Anteil von Adoptions-, Stief- und Pflege­Familien als nicht sehr hoch eingeschätzt werden. Geht es nach den Daten des Familien-Surveys, ist der Anteil an Adoptions- und Pflege-Familien sogar rückläufig. Nur ca. 7% aller Kinder wachsen in Stieffamilien auf.[28]

Deutlich wurde bisher, dass der Anteil an nichtehelichen Lebensgemeinschaften mit Kindern und Ein-Eltern-Familien zugenommen und der Anteil an Pflege- und Adoptions-Familien abgenommen hat. Die Frage bleibt, welchen Anteil die traditionelle Eltern-Familie in Deutschland zu den Alternativformen noch besitzt.

Der Familienreport von 2009 zeigt, dass 74% aller Kinder unter 18 Jahren nach wie vor in traditionellen Eltern-Familien mit formaler Eheschließung leben. D.h., diese Familienform ist weiterhin die dominanteste.[29] „Fragt man ferner, wie hoch der Anteil der Kinder an der Gesamtzahl ist, die heutzutage in der herkömmlichen Kernfamilie (= Zwei-Eltern-Familie mit Eheschließung) aufwachsen, so zeigen die Daten, dass 79%der Kinder bis zum 18. Lebensjahr mit beiden leiblichen Eltern zusammenlebt.“[30]

Dieses Ergebnis ist umso erstaunlicher, da doch statistisch gesehen jede dritte Ehe geschieden wird. Dazu muss man sich die Quoten etwas genauer ansehen, denn die Scheidungsquoten der kinderlosen Ehen sind am höchsten und die der kinderreichen am geringsten. Hinzu kommt, dass viele Ehen in der sogenannten nachelterlichen Phase geschieden werden, d.h., wenn die Kinder älter als 18 Jahre sind. Daraus lässt sich allerdings auch schließen, dass viele Paare wegen der Kinder zusammenbleiben, obwohl die Beziehungen längst zerrüttet sind: sie arrangieren sich.[31]

Fragt man nach der subjektiven Wertschätzung von Ehe und Familie, so zeigt sich, dass die traditionelle Eltern-Familie nicht verloren hat.[32] „Selbst diejenigen, die in anderen Daseinsformen leben, würden überwiegend das Leben in einer Eltern-Familie bevorzugen, und die Mehrzahl von ihnen hat ihre jetzige Lebensform nicht als bewusste alternative Lebensform zur traditionellen Eltern­Familie gewählt. Ebenso unternehmen und versuchen viele Adoptions-Familien alles, um als traditionelle Eltern-Familie zu gelten, und möchten keine Alternativform sein.“[33]

Interessanterweise sind die hohen Scheidungszahlen nicht unbedingt ein Indiz für den Bedeutungsverlust der Ehe. In statistischen Datenreihen werden in der Regel kaum Motivanalysen dargestellt. „So zeigen die Ergebnisse einer empirischen Erhebung über die verursachenden Bedingungen für Ehescheidungen, dass die Instabilität der Ehe gerade wegen ihrer hohen subjektiven Bedeutung für den Einzelnen zugenommen und dadurch die Belastbarkeit für unharmonische Partnerbeziehungen abgenommen hat.“[34] Dass Ehen nun nicht mehr zwanghaft bestehen bleiben müssen, beispielsweise wegen ökonomischer Notwendigkeiten oder gesellschaftlichen Ansehens, verstärkt diesen Prozess.[35]

Daraus ergibt sich, dass eheliche Eltern-Familien, zumindest statistisch, die dominierende Familienform sind, dass 74% aller Kinder unter 18 Jahren in dieser Familienform aufwachsen. Auch subjektiv gesehen kommt ihr ein hohes Ansehen zu. Allerdings hat die Familie, nimmt man alle Haushalte in Deutschland als Grundlage, abgenommen. Nave-Herz begründet das damit, weil dies durch die zeitlichen Veränderungen der Zyklen im Lebensverlauf des Einzelnen bedingt ist.[36]

2.3 Ursachen für den Anstieg von Ehescheidungen

Die Ehescheidungsrate in der Bundesrepublik einschließlich der ehemaligen DDR nimmt seit dem Jahr 2000 zu. Diese anhaltende und immer stärker steigende Tendenz von Eheauflösungen beruht nicht auf demographischen Veränderungen, sondern ist auf ein verändertes Bevölkerungsverhalten zurückzuführen. Die Zahl der von Scheidung betroffenen minderjährigen Kindern beträgt jährlich ca. 144.000, jedoch ist die Zahl rückläufig, und zwar wegen des Geburten­rückgangs.[37]

Gesicherte Forschungsergebnisse gibt es auf die Frage nach den Ursachen des Anstiegs der Ehescheidungen nur wenige. König stellte dazu bereits 1976 fest, „dass die meisten Ausführungen zu diesem Thema gar nicht von der Absicht
getragen sind, die wirklich bestehenden Verhältnisse und Problemverflechtungen zu erkennen“, sondern sie wollen vielmehr „bewerten, wobei zumeist ein trübes Gemisch klerikaler und moralischer Vorurteile verbreitet wird, statt eine Ausgangsbasis zu schaffen, von der aus das Problem in aller Sachlichkeit angegangen werden kann“.[38]

In der Regel wird nur ein Fakt oder eine Person herangezogen; es wird also ein Täter gesucht. Dieses Täterdenken macht eine wissenschaftliche Analyse über die verursachenden Bedingungen von Ehescheidungen fast unmöglich.

Man hat sogar versucht, demographische Analysen durchzuführen, um verursachende Sozialvariablen zu finden, beispielsweise Korrelationen zwischen dem Heiratsalter, der Kinderzahl, der Konfession, der sozialen Schicht und dem Ehescheidungsrisiko. D.h., je geringer das Heiratsalter ist, desto höher ist die Wahrscheinlichkeit einer Ehescheidung; je höher die soziale Schicht ist, desto geringer ist die Wahrscheinlichkeit der Ehescheidung; katholische Ehen sind gegenüber evangelischen und nicht-konfessionell gebundenen Ehen stabiler.[39] Interessant ist der Einfluss des Bildungsniveaus auf die Scheidungswahrscheinlichkeit. Es konnte nachgewiesen werden, dass Ehen von Partnern mit mittlerem Bildungsniveau am stabilsten sind. Ehen, in denen Frauen höher qualifiziert sind als ihre Ehemänner, sind am instabilsten. Am besten kommen Ehen ohne Bildungsdifferenzen zwischen den Ehepartnern weg. Ferner werden Ehen von erwerbstätigen Frauen eher geschieden. Die geringste Scheidungsrate ist bei Hauseigentümern zu erkennen. Pointiert ausgedrückt, hieße das: Die höchste Wahrscheinlichkeit einer Ehescheidung ist bei den Paaren gegeben, die kinderlos, evangelisch oder nicht-konfessionell gebunden sind, zudem in einem frühen Alter geheiratet haben, wenn die Ehefrau erwerbstätig und über ein höheres Bildungsniveau als der Ehemann verfügt und sie nicht in einem eigenen Haus wohnen.[40]

Hier jetzt von Instabilität zu sprechen, ist etwas verfrüht, da es sich bestenfalls um eine Abnahme des Verpflichtungs- und Verbindlichkeitscharakters der Ehe handelt. Ferner muss zwischen Ehe und Familie unterschieden werden. Bei der Ehescheidung handelt es sich im Grunde um eine Vertragskündigung an den Ehepartner. In der Regel bleibt nämlich die Familie, geschrumpft, bestehen. „Gekündigt wird nur dem Ehepartner, mit dem das Zusammenleben nicht länger erträglich ist, gekündigt wird nicht den Kindern“[41]. Der Begriff Ein-Eltern- Familie betont letztlich, dass die Familie nicht zerfällt, sondern in veränderter Form weiter existiert. Das Ehesystem kann seine Form verändern; „vor allem durch die reduzierten Kontaktmöglichkeiten mit dem aus der Haushaltsgemeinschaft ausgeschiedenen Elternteil.“[42] Wenn es also keinen Zerfall der Ehe gibt, so muss geprüft werden, ob ein Bedeutungsverlust vorliegt.

Aus einer Untersuchung aus dem Jahre 1990 hat sich folgendes ergeben: „Die Zunahme der Ehescheidungen ist nicht die Folge eines gestiegenen Bedeutungs­verlustes der Ehe; nicht die Zuschreibung der Sinnlosigkeit von Ehen hat das Ehescheidungsrisiko erhöht und lässt Ehepartner heute ihren Eheentschluss eher revidieren, vielmehr ist der Anstieg der Ehescheidungen Folge gerade ihrer hohen psychischen Bedeutung und Wichtigkeit für den Einzelnen, so dass die Partner unharmonische eheliche Beziehungen heute weniger als früher ertragen können, und sie deshalb ihre Ehe schneller auflösen. Zuweilen in der Hoffnung auf eine spätere bessere Partnerschaft.“[43]

Ist die Qualität der Partnerbeziehung also das Wichtigste, muss die Bedeutung des institutionellen Charakters der Ehe de facto abgenommen haben, was allerdings nie empirisch belegt wurde. Wenn Emotionen und Affekte im Vordergrund stehen, können Enttäuschungen über den Partner bereits die Auflösung der Ehe forcieren.[44]

Hinzu kommt die Abnahme traditioneller Vorgaben, wodurch mehr Möglichkeiten bestehen, eigene Ansprüche an die Ehe bzw. den Ehemann zu formulieren. Für Frauen stehen nun einklagbare Rechte in Bezug auf die Par­tizipation des Mannes beispielsweise an den hauswirtschaftlichen Tätigkeiten oder bei der Kinderbetreuung zur Verfügung, vor allem dann, wenn sie selbst erwerbstätig sind. „Die damit verbundene Aufhebung des strukturellen Tauschverhältnisses kann aber durch fehlende klare Kompetenzzuschreibung zu konfliktreichen Aushandlungsprozessen führen und ebenso eheliche Konflikte produzieren und verstärken.“[45]

Steht einerseits die zugenommene Erwerbstätigkeit von verheirateten Frauen als verstärkter Scheidungsgrund fest, so stellte Nave-Herz in ihrer Erhebung ebenso einen höheren Anteil an erwerbstätigen Frauen als an Vollzeit-Hausfrauen nach. Das machte jedoch deutlich, dass viele Frauen während oder nach der Trennungsphase erst eine Erwerbstätigkeit wieder aufnahmen bzw. eine Ausbildung oder Umschulung durchführten.[46] „Frauen versuchen also, sich selbst aus der ökonomischen Abhängigkeit von ihren Ehemännern bereits im Prozess der Eheauflösung oder danach zu befreien. Damit aber ist der quantitative Anstieg der Ehescheidungsziffern auch auf die Abnahme bestehender Ehen aufgrund von zwanghafter Kohäsion zurückzuführen.“[47] Mit Essers Mannheimer

Scheidungsstudie wurde dieser Sachverhalt insbesondere belegt. Er betont: „Die Ergebnisse können auch zu verstehen helfen, warum die Stabilität von Ehen in den jüngeren Kohorten in einer derart dramatischen Weise abgesunken ist: Ehen, die in Schwierigkeiten kamen, wurden in den älteren Kohorten nicht einfach aufgegeben, schlicht weil es damals kaum alternative Opportunitäten gab, während neuerdings die verheirateten Paare sich nahezu unmittelbar dann trennen, wenn die ersten Krisen und die ersten (auch kleineren) Probleme auftauchen. Das Scheidungsgeschehen selbst sorgt für diesen sich offensichtlich auch selbstverstärkenden Prozess: Mit der Scheidung von Ehen gibt es auf dem Heiratsmarkt für Wiederverheiratungen mit einem Mal Alternativen, die es zuvor nicht gab. Und die schiere Verfügbarkeit von Alternativen führt dazu, eine Ehe, die nicht mehr besonders gut ist, in einem anderen Licht zu sehen, die andernfalls noch über der Fiktion einer, guten’ Ehe gerahmt worden wäre“[48].

Neben den gestiegenen Ansprüchen an die Qualität der Partnerbeziehung können auch sogenannte familienexogene Belastungen die bereits vorhandenen ehelichen Spannungen verstärken. Bei Befragungen wurde die weibliche Erwerbstätigkeit nicht unbedingt als Auslöser für das Scheitern der Ehe genannt. Zwar scheint sie nicht direkt auf die Scheidung eingewirkt zu haben, jedoch indirekte, was sie zu einem Stressoren macht. Weitere Stressoren sind Konflikte über die innerfamiliale Arbeitsteilung, unbefriedigende sexuelle Beziehungen, Arbeitslosigkeit sowie lange oder unregelmäßige Arbeitszeiten.

Auch wenn die Zahl der Ehescheidungen gestiegen ist, so kann daraus nicht auf einen leichtfertigen Umgang mit der Auflösung gefolgert werden. Vielmehr ist die Ehescheidung ein wechselhafter, psychisch für beide Partner hoch belastender Prozess, in dem sich der Wunsch zur Trennung mit dem des Zusammenlebens immer wieder ablöst.[49]

Interessanterweise stellt Nave-Herz fest: „Der Prozess der Eheauflösung kann zudem auch durch die Art des Umganges mit Konflikten seitens der Ehepartner beschleunigt werden. Ihr Austragen, und zwar in sprachlicher Form, kann eher zur Stabilität einer Ehe beitragen als ihre Unterdrückung, was aus einer der Trennungsphase vorhergelagerten Resignationsphase in Bezug auf die Konfliktaustragung deutbar ist.“[50] Voraussetzung sind allerdings echte Konflikte. Anders herum muss eine Ehe ohne (sichtbare) Konflikte nicht unbedingt harmonisch zu sein, denn gerade fehlende Konflikte können Zeichen einer Instabilität sein.

Daraus lässt sich schließen, dass die konfliktlose Ehe (nur eine Ehe ohne Konflikte ist eine gute Ehe) eher als gefährdet gilt.

3. Konfliktherd Familie und Scheidungslösung

Die sogenannte moderne Kleinfamilie wird immer wieder von verschiedenen sozialwissenschaftlichen Disziplinen einer kritischen Analyse unterzogen.

Anhand steigender Scheidungsziffem sowie die wachsende Anzahl alternativer Lebensformen scheint die traditionelle Familie, wie sich bereits gezeigt hat, ein Auslaufmodell zu sein. An statistischen Daten allein kann jedoch noch kein Bedeutungsverlust von Ehe und Familie festgemacht werden, „[...] weil aus Zeitreihen der Bevölkerungsstatistik mit Aggregatebenen-Niveau keine Aussagen, die die Individualebene betreffen, zu formulieren möglich sind [...].“[51]

Die Gründe, aus denen Ehen scheitern können, sind vielfältig und komplex. Eine Scheidung bzw. Trennung darf auch nicht als ein zeitlich begrenzt ablaufendes Geschehen verstanden werden, sondern als „ein familiärer Entwicklungsprozess innerhalb eines (meist) langfristig konfliktgeladenen Zusammenlebens.“[52] Es besteht nicht nur hinlängliche Einigkeit dafür, dass die Auflösung einer Partnerschaft generell mit einem hohen Stressniveau verbunden ist, sondern es ist auch bekannt, dass die als belastend erlebten Veränderungen andauern und bezüglich einiger Lebensbereiche sich in ihrer Belastungsintensität noch erhöhen können. Die Häufigkeit und Intensität psychophysischer Symptomatiken während des Trennungsverlaufs, das Bedürfnis nach (professioneller) Hilfe sowohl vor als auch nach der Trennung sowie die unterschiedliche Dauer des

Trennungsprozesses und seiner sehr häufig krisenhaften Nachscheidungsproblematiken weisen das kritische Lebensereignis Scheidung als eine komplexe und zugleich dynamisch sich verändernde Erfahrung aus, die im Erleben einzelner betroffener Personen sehr stark differieren kann.[53] Von den meisten Forschern werden Trennung und Scheidung inzwischen als Prozesse mit deutlich erkennbaren Phasen identifiziert, wobei die variable Erfahrbarkeit dieser Lebensereignisse zwischen Individuen mittlerweile berücksichtigt wird. Die zu diesem Zweck entwickelten theoretischen Modelle haben das gemeinsame Ziel, scheidungswillige und/oder geschiedene Personen zu unterstützen und psychosozialen Berufsgruppen die mit der Scheidung verknüpften Prozesse und Probleme verständlich werden zu lassen.

3.1 Bedeutung stabiler Beziehungen für das Kind

Die aus der Verflechtung von Prozessen der Individualisierung und Demokratisierung hervorgegangene moderne Kernfamilie hat ohne Zweifel bereits in den 90er Jahren des letzten Jahrhunderts einen bedeutenden und relativ eindeutigen Werte- und Bedürfniswandel erfahren. Die empirische Sozialforschung macht diesen Wandel im normativen Gefüge der Familie an drei Entwicklungen fest:

Als wichtigste Veränderung wird die Abschwächung männlicher Dominanz und einseitiger Privilegierung der Ehemann/Vater-Rolle gewertet. Die sich entwickelnde Machtangleichung zwischen Männern und Frauen wird als notwendige Voraussetzung für einen dauerhaft stabilen emotionalen Austausch innerhalb der Familie angesehen. Mit der seit langem zu beobachtenden Spezialisierung von Familie und Partnerbeziehung auf emotionale Bedürfnislagen, hat sich eine weitere wichtige Form des Bedeutungswandels von Ehe und Familie manifestiert.[54]

„Ob man sich an einen Menschen bindet, ob man mit ihm die Ehe eingeht, ob Kinder geboren werden, ob man sich schließlich von einem gewählten Partner wieder scheiden lässt, dies alles sind Entscheidungen, die der einzelne [...] vorrangig im Hinblick auf emotionale Kriterien zu treffen hat und die in der großen Mehrheit der Fälle auch danach getroffen werden [...]. Dass dieser Wertwandel im Übrigen nicht ohne Reibungsverluste vor sich geht, zeigt eine Reihe von objektiven Indikatoren: die Scheidungshäufigkeit, die abnehmende Reproduktion sowie die mangelnde Bereitschaft, emotionale Beziehungen durch Eheschließungen rechtlich verbindlich zu regeln. Gleichwohl scheinen die hohen Zufriedenheitswerte, die die Familie regelmäßig in Umfragen auszeichnen, ein Beleg dafür zu sein, dass die Befriedigungen, die sie gewährt, sich einer ungebrochenen Nachfrage bei den Menschen erfreuen [...], auch wenn die Risiken familialer Beziehungen nicht kleiner geworden sind.“[55]

Schneewind machte den Vorschlag, familiäre Personengruppen als intime Beziehungssysteme zu bezeichnen, die anhand von vier Kriterien (Abgrenzung, Privatheit, Dauerhaftigkeit und Nähe) von anderen sozialen Beziehungssystemen unterschieden werden müssen. Er definiert Abgrenzung als einen Vorgang, der von zwei oder mehr Personen benutzt wird, um „[...] ihr Leben in raum-zeitlicher Abhebung von anderen Personen oder Personengruppen nach bestimmten expliziten oder impliziten Regeln in wechselseitiger Bezogenheit (zu) gestalten“, wobei die raumzeitliche Dimension gleichzeitig Privatheit impliziert, „[...] d.h. das Vorhandensein eines umgrenzten Lebensraumes oder zumindest eines Mediums, in dem ein wechselseitiger Verhaltensaustausch möglich ist, [...].“[56]

Die bürgerliche Familie legte mit ihrem Modellentwurf vom Familienideal den Grundstein für die heutigen zentralen Merkmale moderner Familien, wozu entscheidend die Intensivierung und Intimisierung der persönlichen Beziehungen gehören. Mit der Umkehrung des Verhältnisses von Familie und Arbeit ist die Familie zu dem privaten Ort geworden, der das individuelle Bedürfnis nach sozial-emotionaler Verbundenheit und Unterstützung zu erfüllen hat. Sie besitzt zugleich die Funktion des Ausgleichs, d.h., der Kompensation gesellschaftlicher Zwänge. Dies bedeutet auch, dass die Einbindung des Einzelnen in das Mikrosystem Familie sehr viel enger geworden ist: Einerseits die beste Möglichkeit für den Austausch psycho-physischer Interaktionen, andererseits in hohem Maße anfällig für Irritationen. Repräsentativumfragen zur Lebenszufriedenheit in Abhängigkeit von familialen Aktivitäten und Erwerbstätigkeit ermittelten, dass die Familie in der individuellen Wertschätzung klar vor der Berufstätigkeit, aber auch vor anderen Lebensbereichen (Kirche, Verwandte, Nachbarschaft) liegt und dies weitgehend unabhängig vom Berufs­und Bildungsniveau.[57] Vollmer vertritt die These, dass sich die Gravitation der beiden Sozialsysteme Familie und Beruf längerfristig zugunsten der Familie, bei gleichzeitig größerer Labilität individueller Familiensysteme, verschoben hat. Neben dem Angebot von Bedürfnissen und Werten wird die Attraktivität eines Systems für die darin eingebundenen Individuen ganz wesentlich auch anhand seiner Sanktionschancen und -mittel hinsichtlich der Disziplinierung seiner

Mitglieder bemessen.[58] Hier zeichnen sich für die Familie positive Entwicklungen ab, z. B. an der sich verändernden Bewertung des gesellschaftlichen Konfliktlösungsmechanismus Scheidung.

Unter jungen Erwachsenen ist die Bereitschaft zur Gründung einer Familie und der Wunsch nach Kindern über die Zeit hinweg relativ stabil geblieben. Dass seit längerem aber eine kritische Reflexion der Ehe und damit auch der traditionellen Kleinfamilie stattfindet, zeigt sich an der Suche und der Praktizierung alternativ­experimenteller Formen partnerschaftlichen Lebens, denn nie zuvor gab es eine derart starke Pluralisierung familialer Lebensformen,[59] wobei die alleinerziehenden Eltern „mehr und mehr zu einem die Strukturen des sozialen Zusammenlebens mitprägenden Faktors (gehören)“.[60] Sowohl alte (klassische Kernfamilie) als auch neue Familienformen versuchen jedoch jede auf ihre Weise und sehr effektiv, die für ihre Mitglieder so wichtige hohe Verbindlichkeit herzustellen und psycho-soziale Nahräume zu schaffen.[61]

Betrachtet man in diesem Zusammenhang Scheidungsstatistiken der letzten Jahrzehnte, so zeigt sich ein scheinbar eklatanter Widerspruch, der in der aktuellen Familienforschung intensiv diskutiert wird. „Die Diskrepanz zwischen den statistischen Zahlenreihen und den Ergebnissen dieser empirischen Untersuchungen, in denen subjektive Indikatoren zur Messung familialer Veränderungsprozesse gewählt wurden, sind offenkundig: den Statistiken über die Abnahme der Eheschließungs- und Geburtenquoten und über den Anstieg der Scheidungszahlen stehen die Aussagen über den gestiegenen Spitzenwert in der Rangliste, den Ehe und Familie im Vergleich zu anderen Lebensbereichen einnimmt, gegenüber, [...] wieso kann eine solche und noch gestiegene subjektive Bejahung von Ehe und Familie, [...], zu derartigen gesamtgesellschaftlichen statistischen Trends führen?“[62]

[...]


[1] Vgl. Fthenakis 2001, S. 3.

[2] Ebd.

[3] Ebd., S. 4.

[4] Vgl. Furstenberg 1993.

[5] Ebd., S. 43.

[6] Vgl. Hetherington 1998, S. 98.

[7] Vgl. Nave-Herz 2009, S. 13.

[8] Beck 1990, S. 43.

[9] Vgl. Nave-Herz 2009, S. 13.

[10] Vgl. Parsons 1964.

[11] Vgl. Bertram 2006, S. 51 ff.

[12] Nave-Herz 2009, S. 14.

[13] Vgl. Nave-Herz 2006, S. 43 ff.

[14] Nave-Herz 2009, S. 15.

[15] Nave-Herz 2006, S. 29 ff.

[16] Quelle: Nave-Herz 2009, S. 17.

[17] Nave-Herz 2009, S. 18.

[18] Vgl. Stat. Bundesamt 4/2001, S. 70 ff.

[19] Vgl. Huinink et al. 2007, S. 90.

[20] Huinink et al. 2007, S. 91 ff.

[21] Nave-Herz 2009, S. 19.

[22] Vgl. Gysi 1989, S. 267.

[23] Vgl. ebd.

[24] Nave-Herz 2009, S. 21.

[25] Statistisches Jahrbuch 2008, S. 52.

[26] Vgl. Stat. Bundesamt 2007.

[27] Vgl. Nave-Herz 2009, S. 22.

[28] Vgl. Bien 2002, S. 89.

[29] Vgl. Familienreport 2009.

[30] Nave-Herz 2009, S. 23.

[31] Vgl. Nave-Herz 2009, S. 23.

[32] Vgl. Bundesinstitut 2006, S. 8.

[33] Nave-Herz 2009, S. 24.

[34] Ebd., S. 24 f.

[35] Vgl. Esser 2003, S. 117 ff.

[36] Vgl. Nave-Herz 2008, S. 25.

[37] Vgl. Nave-Herz 2008, S. 118.

[38] König 1976, S. 160.

[39] Vgl. Nave-Herz 2008, S. 120.

[40] Vgl. Nave-Herz 2008, S. 121.

[41] Tyrell 1985, S. 365.

[42] Vgl. Nave-Herz 2008, S. 122.

[43] Vgl. Nave-Herz et al. 1990.

[44] Vgl. Klages 1984.

[45] Nave-Herz 2009, S. 123.

[46] Vgl. ebd.

[47] Ebd.

[48] Esser 2001, S. 127.

[49] Vgl. Wallerstein / Blakeslee 1989.

[50] Nave-Herz 2009, S. 125.

[51] Nave-Herz 1989, S. 211.

[52] Bertram 1995, S. 134.

[53] Vgl. Tschann et al. 1989.

[54] Vgl. Vollmer 1983.

[55] Ebd., S. 133.

[56] Schneewind 1987, S. 81.

[57] Vgl. Schumacher/Vollmer 1982, S. 223ff.

[58] Vgl. Vollmer 1983, S. 138.

[59] Vgl. Petzold 1992, S. 43.

[60] Wingen 1995, S. 41.

[61] Vgl. Brunner 1995, S. 14.

[62] Nave-Herz 1989, S. 215ff.

Ende der Leseprobe aus 79 Seiten

Details

Titel
Kinder nach Scheidungs- und Trennungssituationen und die damit verbundenen Hilfsangebote und Möglichkeiten der Sozialen Arbeit
Hochschule
Evangelische Hochschule Berlin
Note
1,7
Autor
Jahr
2011
Seiten
79
Katalognummer
V186890
ISBN (eBook)
9783656099949
ISBN (Buch)
9783656100157
Dateigröße
836 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
kinder, scheidungs-und, trennungssituationen, hilfsangebote, möglichkeiten, sozialen, arbeit
Arbeit zitieren
Mohammed Sawaei (Autor), 2011, Kinder nach Scheidungs- und Trennungssituationen und die damit verbundenen Hilfsangebote und Möglichkeiten der Sozialen Arbeit, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/186890

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