Die Unwetterschilderungen Ovids in den Metamorphosen (XI, 474-569) und Tristien (I, 2)


Seminararbeit, 2010
19 Seiten, Note: 15 Punkte

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Das epische Unwetter bei Ovid
2.1 Kontext
2.2 Gliederung
2.3 Kommentar
2.3.1 Struktur
2.3.2 Intro
2.3.3 Phase 1
2.3.4 Phase 2
2.3.5 Phase 3
2.3.6 Phase 4

3. Das elegische Unwetter bei Ovid
3.1 Gliederung
3.2 Kommentar
3.2.1 Struktur
3.2.2 Götteranruf 1
3.2.3 Sturmschilderung 1
3.2.4 Reflexion 1
3.2.5. Zusammenfassender Kommentar des übrigen Texts

4. Fazit
4.1 Struktur
4.2 Wirkungsweise/Intention
4.3 Funktion

5. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Homer hat mit der „Ilias“ und der „Odyssee“ zwei Werke geschaffen, die nicht nur für alle nachfolgenden Epiker den Dreh- und Angelpunkt literarischen Schaffens gebildet haben. Im Zuge der den antiken Literaturbetrieb beherrschenden Prinzipien „Imitatio“, „Aemulatio“ und „Variatio“ wurden die verschiedenen stilbildenden bzw. genretypischen Elemente nicht schlichtweg übernommen, sondern dem jeweiligen dichterischen Ingenium entsprechend um eigene Gesichtspunkte in dem Bestreben erweitert, das jeweilige Original zu übertreffen - wobei Homer in der Regel das Maß aller Dinge war.

Aus seinen beiden Darstellungen eines Unwetters zur See (ε 282-393; μ 403-453) hat sich dementsprechend das „Epische Unwetter“ zum Topos entwickelt, das der Epiker, sofern er etwas von sich hielt und von seinem Publikum ernst genommen werden wollte, in seine Dichtung einzuarbeiten hatte: „Das lateinische Epos orientiert sich durchweg an der Literatur und ist bemüht, das Äußerste zu bieten, was sie bisher geboten hatte.“1 Es verwundert daher nicht, wenn wir auch bei Ovid in den Metamorphosen Zeuge eines solchen Unwetters werden - interessant ist allerdings die Tatsache, dass, wie KRÖNER feststellt, angesichts der „dominierenden, ausstrahlungskräftigen Stellung des Epos unter den antiken Genera“2 manche Topoi auch Einzug in andere Genera gefunden haben. So finden wir in Ovids Tristia gleich mehrere Unwetter-Schilderungen, von denen die ausführlichste diejenige im ersten Buch in der zweiten Elegie ist. Daraus ergibt sich die interessante Aufgabe, diese beiden Darstellungen miteinander zu vergleichen und anhand der Unterschiede und Gemeinsamkeiten auf die verschiedene Wirkungsintention und -weise von Epos und Elegie zu schließen. Wo KRÖNERs Arbeit (in der Poetica ) lediglich einen ersten und breiten Überblick über die verschiedenen elegischen Darstellungen bietet, setzt diese Arbeit bewusst einen Schwerpunkt und wird sich auf die entscheidenden Stellen bei Ovid konzentrieren, wodurch eine tiefer gehende Analyse und damit gleichzeitig eine sichere Interpretation möglich wird.

Die Basis für den Vergleich bildet freilich die epische Darstellung in den Metamorphosen. Im Kommentar zu den Tristien wird darauf, wo es sich anbietet, bereits vergleichend Bezug genommen, sodass ein Fazit lediglich die verstreuten Ergebnisse zusammenführen und ggf. Schlussfolgerungen nachliefern muss.

2. Das epische Unwetter bei Ovid

2.1 Kontext

Ovid platziert die Unwetter-Szene im elften Buch: Durch die Ereignisse um seinen Bruder Daedalion besorgt, macht sich Ceyx, König von Thessalien, bereit, zum klarischen Orakel zu reisen, da der Weg zum Orakel in Delphi belagert ist (XI, V. 410-414). Seine Gattin Alcyone versucht zwar, ihn mit aus tiefer Liebe entspringender Besorgnis von einer Reise überhaupt, im Besonderen aber von einer Schiffsreise abzubringen und schlägt sogar vor, gemeinsam mit ihm aufzubrechen (V. 421-443), Ceyx jedoch lässt sich von seinem ursprünglichen Plan nicht abbringen und, nachdem er das Schiff reisefertig zu machen befohlen hat, sticht er -wiewohl ein wenig widerwillig (V. 461)- in See und lässt Alcyone winkend und weinend am Strand zurück (V. 444- 473). Die Unwetter-Szene beginnt mit V. 474 und ist von mir in fünf Abschnitte unterteilt worden, die dem besonderem Augenmerk auf die verschiedenen Sturmphasen geschuldet sind.

2.2 Gliederung

- V. 474-479: Intro3
- V. 474-477: Nach der ruhigen Hafenausfahrt kommt der erste Wind auf.
- V. 478f.: „Ortsbeschreibung“: Das Schiff hat ungefähr die Hälfte seines Weges erreicht, beide Küsten sind gleich weit voneinander entfernt.

- V. 480-489: Phase 1 des Sturmes
- V. 480f.: Durch den stärker wehenden Eurus bilden sich Schaumkronen.
- V. 482-485: Die Befehle des Kapitäns sind unter dem Tosen des Sturmes nicht vernehmbar.
- V. 486-489: Die eigenständigen Reaktionen der Mannschaft werden geschildert.

- V. 490-515: Phase 2 des Sturmes
- V. 490-491: Der Sturm wird stärker. - V. 492-494: Der Kapitän ist hilflos.
- V. 495-501: Akustische und visuelle Begleiterscheinungen des Sturmes..
- V. 502-515: Auswirkungen des Sturmes auf das Schiff.

- V. 516-548a: Phase 3 des Sturmes
- V. 516-520a: Wassermassen aus Himmel und Meer vermischen sich. - V. 520b-523: Blitze sind die einzige Lichtquelle.
- V. 524-532: Die zehnte Welle naht heran.
- V. 533-536: Wassermassen setzen dem Schiff von innen und außen zu. - V. 537-543: Letzte Aktionen der Mannschaft.
- V. 544-548a: Ceyx gedenkt Alcyone und Heimatland.

- V. 548b-569: Phase 4 des Sturmes
- V. 548b-550: Dunkelheit.
- V. 551-559a: Die zehnte Welle vernichtet endgültig das Schiff.
- V. 559b-560a: Die Mannschaft ist teils sofort tot, teils kann sie sich mit Hilfe von Planken über Wasser halten.
- V. 560b-569: Auch Ceyx treibt im Wasser, und während er Alcyones Namen in die Wellen murmelt, begräbt ihn eine weitere Welle.

2.3 Kommentar

Eine Arbeit dieses Umfangs kann nicht alle Besonderheiten des Textes berücksichtigen; vielmehr muss sie, gerade bei der Zielsetzung eines Vergleichs, das heraussuchen, was später von Bedeutung sein wird - in diesem Sinne ist die vorliegende Auswahl getroffen.

2.3.1 Struktur

Die fünf Abschnitte haben einen klimatischen Aufbau, dessen Höhepunkt in Phase 3 der Sturmschilderung erreicht ist; Phase 4, wenn sie in ihrer Bedeutung durch die Beinhaltung von Ceyx' Tod den anderen sogar voransteht, symbolisiert durch ihren abnehmenden Umfang gleichsam das Ende sowohl des Sturmes als auch der Passage.

2.3.2 Intro

Der erste Abschnitt fungiert als Einführung in die Szene, was u. a. an dem vom Hauptabschnitt verschiedenen Tempusgebrauch gut erkennbar ist: während die Ereignisse in den vier Sturmphasen bis auf neun Ausnahmen4 durchweg im Präsens geschildert sind, führen die ersten sechs Verse den Leser allein durch den Tempusgebrauch in das Geschehen ein: die ersten zwei Verbalhandlungen stehen noch im Plusquamperfekt („portibus exierant“, V. 474; „aura moverat rudentes“, V. 475), und trotz der darauffolgenden „Präsenshandlungen“ vom Kapitän wird erneut in die Vergangenheit geblendet („aequor puppe secabatur“, V. 478f.; „erat tellus“, V. 479), bis das Signalwort „coepit“ in V. 480 nicht nur auf das Einsetzen des stärkeren Eurus verweist, sondern gleichsam auf die beginnende Haupthandlung.

2.3.3 Phase 1

Die erste Sturmphase ist geprägt von dem Aufwallen des Meeres (V. 480), bedingt durch den stärker wehenden Eurus (V. 481). Die Brise ist schon derart stark, dass sie die Befehle des Kapitäns verweht (V. 482-485) und die Mannschaft dem eigenem Gutdünken überlassen muss (V. 486-489a).

Der zweite Halbvers in 489, der als Relativsatz die vorhergehenden Handlungen zusammenfassend beschließt („während dies alles ohne Ordnung passiert“5 ) setzt eine Zäsur und weist auf einen neuen Handlungsstrang voraus.

Der nahe liegende Ausgangspunkt der ersten Ereignisse ist der Kapitän (V. 475, 481), der sein Schiff und dessen Fahrt überwacht. Seine Anordnungen, die stilistisch wirkungsvoll durch ein Enjambement unterbrochen („rector / clamat“, V. 482f.) schon einen Anhaltspunkt für die hektische Situation an Bord liefern (das „iamdudum“ in V. 482 gibt ebenfalls einen deutlichen Hinweis auf die Brenzligkeit), leiten selbständig an die Mannschaft über (V. 486-489). Auch diese Verse sind von vielerlei Signalwörtern durchsetzt, die das heftige Durcheinander auf dem Schiff widerspiegeln. Zum einen wird auf so viele verschiedene Personen und Gruppen hingewiesen („alii“ - „pars“ - „pars“, V. 486f.; „hic“ - „hic“, V. 488f.), dass man als Leser ebenfalls den Überblick über das Geschehen an Deck verliert. Zum anderen sind „properant“ und „subducere“ (V. 480), „latus munire“ und „ventis vela negare“ (V. 481), „egerit“ und „refundit“ (V. 482) sowie zum Schluss „rapit“ in V. 483 alles Verbalhandlungen, die eine unter Zeitdruck herrschende und spontane („sponte“, V. 486 als Einleitung) Bewegung ausdrücken. Ganz bewusst wird die Aufmerksamkeit des Lesers in diesen insgesamt nur neuneinhalb Versen durch die 17 (!) Verben so schnell und abrupt auf verschiedene Bereiche und Vorgänge gelenkt, dass geradezu eine Reizüberflutung ausgelöst wird.

2.3.4 Phase 2

Der vom einleitenden Relativsatz angedeutete Themenumschwung wird in V. 490 ausgeführt: „aspera crescit hiems“, und zwar indem sich nunmehr alle vier Winde aus allen Richtungen gegenseitig bekriegen und dadurch das Meer buchstäblich aufmischen (V. 491). Die Folgen werden anschaulich wiedergegeben: Der Ernst der Lage wird zu Beginn damit verdeutlicht, dass nicht einmal mehr der Kapitän weiß, was zu tun oder zu lassen ist - die höchste (menschliche) Instanz zur See ist machtlos und kann mit ihrer Kunst nichts gegen ein derartiges Unwetter ausrichten (V. 492- 494).

Den Rest der zweiten Phase nehmen die Schilderungen zuerst der allgemeinen akustischen (V. 495f.) und visuellen Begleiterscheinungen des Sturmes ein (V. 497-501), gefolgt von den speziellen Auswirkungen auf das Schiff (V. 502-515). Meisterhaft verknüpft Ovid auch in diesem Teil Vorhergehendes unscheinbar mit einem letzten neuen Aspekt und lässt einen Abschnitt dezent, aber doch eindeutig enden: Während in den V. 495f. das Geschrei der Mannschaft, das Schwirren der Taue und der Donner -kurz: die Akustik- im Vordergrund stehen, widmet sich Ovid in den folgenden fünf Versen den visuell wahrnehmbaren Ereignissen: durch die Fluten wird das Meer emporgerissen, scheint an den Himmel heranzureichen und die mit Gischt überzogenen Wolken zu berühren (V. 497f.). Mit dem „videtur“ in V. 497 wird der reflektierte Standpunkt Ovids deutlich: er weiß genau, dass ein Sturm so heftiger Natur, dass er die Wellen bis hoch an die Wolken peitscht, eher unwahrscheinlich ist6 - aber im Zuge der „imitatio“ und „aemulatio“ ist er geradezu verpflichtet, seinen Lesern genauso viel zu bieten wie sie es von Homer bzw. Vergil gewohnt sind. Mit dem „videtur“ ist er dieser Zwickmühle auf gewitzt-intelligente Art entkommen: einerseits muss er auf dieses Element des Seesturms nicht verzichten, andererseits wahrt er mit dieser relativierenden Formulierung gleichzeitig die Realitätstreue und entgeht damit dem Verdacht der „ἀπρέπεια” - der unangemessenen Darstellung, der er gerade bei einer Schilderung ohne göttliche Einflussnahme gefährlich nahe kommt.

[...]


1 FRIEDRICH, 1956, S. 79.

2 KRÖNER, 1970 (Poetica), S. 390.

3 Die für die Unwetter-Szene irrelevanten Teile habe ich aus Platzgründen nicht mit in die Gliederung aufgenommen.

4 „admiserat“ (V. 512), „ibat“, „erat“ (V. 513), „adsiluit“ (V. 526), „pulsarunt“ (V. 529), „temptabat“ (V. 533), „erat“ (V. 534), „everterit“ (V. 555) und „solebat“ (V. 560). Der Großteil dieser Ausnahmen sind jedoch durch verschiedene Gründe „gerechtfertigt“; ein Teil von ihnen steht in Gleichnissen, die mit der Handlung nicht verknüpft sind; ein anderer wiederum steht in Abhängigkeit von „ubi“.

5 Sofern nicht anders angegeben, handelt es sich um eigene Übersetzungen.

6 Zumal sich Ovid gegen die Beteiligung der Götter an „seinem“ Seesturm entschieden hat, die bei Homer und Vergil eine zentrale Rolle innehatten.

Ende der Leseprobe aus 19 Seiten

Details

Titel
Die Unwetterschilderungen Ovids in den Metamorphosen (XI, 474-569) und Tristien (I, 2)
Hochschule
Philipps-Universität Marburg  (Klassische Philologie)
Veranstaltung
Die Metamorphosen (Buch XI) Ovids
Note
15 Punkte
Autor
Jahr
2010
Seiten
19
Katalognummer
V187035
ISBN (eBook)
9783656101055
ISBN (Buch)
9783656101123
Dateigröße
529 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Ovid, Metamorphosen, Unwetter, episches Unwetter, Epos, Tristien, Tristia, Ceyx, Keyx, Alcyone, Alkyone, Homer
Arbeit zitieren
Hans Lauritz Noack (Autor), 2010, Die Unwetterschilderungen Ovids in den Metamorphosen (XI, 474-569) und Tristien (I, 2), München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/187035

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