Soziales Engagement in den Bereichen Schule und Altenhilfe

Der Beitrag von Freiwilligenagenturen


Bachelorarbeit, 2011

66 Seiten, Note: 2,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Abbildungsverzeichnis

Abkürzungsverzeichnis

1 Einleitung

2 Bürgerschaftliches Engagement
2.1 Formen von bürgerschaftlichem Engagement
2.2 Soziales Engagement
2.2.1 Soziales Engagement in Schulen
2.2.2 Soziales Engagement in der Altenhilfe

3 Freiwilligenagenturen
3.1 Entstehungshintergrund
3.2 Aufgaben und Leistungen - Beitrag von Freiwilligenagenturen zu bürgerschaftlichem Engagement
3.3 Netzwerke der Freiwilligenagenturen
3.3.1 Bundesarbeitsgemeinschaft der Freiwilligenagenturen e.V.
3.3.2 Landesarbeitsgemeinschaft der Freiwilligenagentur Hessen e.V.
3.4 Herausforderungen für Freiwilligenagenturen

4 Freiwilligenagentur Marburg-Biedenkopf e.V.
4.1 Projekte der Freiwilligenagentur Marburg-Biedenkopf e.V.
4.1.1 Engagement-Lotsen-Projekt
4.1.2 Projekt im Bereich Altenhilfe „Jung hilft Alt“ - Schüler bringen Senioren den Computer näher
4.1.3 Projekt im Bereich Schule „Jetzt kann ich das auch“
4.2 Aktuelle Herausforderungen und Perspektiven der Freiwilligenagentur Marburg­Biedenkopf e.V.

5 Fazit

Literaturverzeichnis

Anhang (bagfa-Siegel, Interview)

Abbildungsverzeichnis

Abb. 1: Freiwillig Engagierte, öffentlich Aktive undNichtaktive im Zeitverlauf.

Abb. 2: Freiwilliges Engagement und die Bereitschaft dazu

Abb. 3: Freiwilliges Engagement „14 Bereiche“

Abb. 4: Anzahl eingetragener Vereine in Deutschland von 1999 bis 2008

Abb. 5: Quantitativer Anteil der Stiftungsarbeit (in%)

Abb. 6: Engagement nach Frauen und Männern

Abb. 7: Leistungen der Freiwilligenagenturen

Abb. 8: Die sieben Kernprozesse der Freiwilligenagenturen

Abkurzungsverzeichnis

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

1 Einleitung

Die Bereiche Schule und Altenhilfe unterliegen einem strukturellen Wandel, der verschiedene Herausforderungen mit sich bringt. Schulen sollen zu Ganztagsschulen werden (Enquete 2002, S. 545 ff.) und in der Altenhilfe wird, bedingt durch den demografischen Wandel und den damit verbundenen Anstieg der Anzahl Älterer in unserer Gesellschaft, immer mehr Personal benötigt. Aus diesen Gründen ist es besonders wichtig, dass sich Bürger, als Freiwillige an der Bewältigung der neuen Aufgaben beteiligen. Zum einen aus Personalnot, zum anderen um die verschiedenen Institutionen besser in die Gesellschaft einzubinden. Freiwilligenagenturen können dazu einen Beitrag leisten, nicht nur indem sie Freiwillige an Projekte vermitteln, sondern darüber hinaus auch durch die Organisation, Vernetzung und Anleitung der verschiedenen Organisationen und Projekte (Enquete 2002, S. 311).

Diese Bachelorarbeit untersucht die Rolle der Freiwilligenagenturen und den Beitrag, den sie in den Bereichen Schule und Altenhilfe leisten.

Zu Beginn wird der Begriff Engagement, im speziellen das soziale Engagement kurz erläutert. Des weiteren sollen Zahlen zum einen die Bereitschaft der deutschen Bevölkerung zum freiwilligen Engagement verdeutlichen und zum anderen dessen Vielfalt darstellen. Anschließend wird auf entstehungsgeschichtliche Aspekte der Freiwilligenagenturen und die Möglichkeit des sozialen Engagements in Schulen und der Altenhilfe eingegangen. Im weiteren Verlauf findet sich eine Beschreibung der Strukturen, Aufgaben und der Vernetzungsmöglichkeiten von Agenturen. In diesem Kontext wird die Bundesarbeitsgemeinschaft der Freiwilligenagenturen e.V. (bagfa) auf Bundesebene und für das Land Hessen die Landessarbeitsgemeinschaft der Freiwilligenagenturen Hessen e.V. (lagfa) betrachtet.

Als Exempel wird die Freiwilligenagentur Marburg-Biedenkopf e.V. genauer beschrieben. Aus deren Projektarbeit soll jeweils ein Projekt aus dem Bereich Schule und ein Projekt aus dem Bereiche Altenhilfe sowie das Projekt Engagement-Lotse weiter analysiert und erläutert werden.

Die Arbeit setzt sich aus einem theoretischen und einem praktischen Teil zusammen. Der theoretische Teil beruht auf der Analyse von Fachliteratur und Internetquellen. Der praktische Teil stellt ein Interview mit der Leiterin der Freiwilligenagentur Marburg-Biedenkopf e.V. dar. Das Interview wurde in Marburg durchgeführt und dauerte in etwa eine Stunde. Zu Zwecken der besseren Lesbarkeit wurden einige Stellen während der Transkription vereinfacht formuliert.

2 Bürgerschaftliches Engagement

Im Folgenden wird der Begriff des bürgerschaftlichen Engagements definiert und erläutert.

Im Duden wird der Begriff Engagement als „Gefühl des inneren Verpflichtetseins zu etwas; persönlicher Einsatz.“ (Dudenredaktion 2011, S. 296) definiert.

Im früheren Sprachgebrauch wurde der Begriff des Ehrenamts verwendet, womit meist politische Ämter gemeint waren. Heutzutage wird der Begriff Ehrenamt jedoch synonym für Engagement verwendet. Eine Abgrenzung kann nur darin bestehen, dass Ehrenämter als stärker formalisiert gelten und somit eine stärkere Verpflichtung mit sich bringen als das Engagement. Außerdem beinhaltet das Engagement weit mehr Formen des sich engagieren, als die Position in einem Ehrenamt (Enquete 2002, S. 74).

Bürgerschaftliches Engagement bezieht sich auf jegliches Engagement, welches Bürger und Bürgerinnen der Gesellschaft entgegenbringen. Zu dem Begriff des freiwilligen Engagements besteht insoweit nur der Unterschied, dass z. B. die Bestellung zum Schöffen nicht freiwillig erfolgt sondern einer Pflicht unterliegt. Demnach wäre dieser Vorgang kein freiwilliges, sondern bürgerschaftliches Engagement, da der Bürgerpflicht nachgekommen wird (Enquete 2002, S. 73). Aufgrund der geringen Unterschiede zwischen freiwilligem Engagement und bürgerlichem Engagement bezieht sich diese Arbeit auf Quellen mit beiden Begriffen.

Bürgerschaftliches Engagement kann eine aktive Mitgliedschaft, wie auch die Teilnahme an politischen Wahlen bedeuten (Evers 2009, S.66). Ebenfalls dazu zählen Organisationen zur Selbsthilfe und andere Formen der Selbstorganisation wie Bürgerinitiativen (Enquete 2002, S. 74). An dieser Stelle soll festgehalten werden, dass eine reine Mitgliedschaft in z. B. einem Verein nicht unter diesen Begriff fällt.

Seit einiger Zeit findet im Bereich des bürgerschaftlichen Engagements eine Pluralisierung statt. Das bedeutet, dass die Bürgerinnen sich nicht mehr nur in den klassischen Bereichen wie den Vereinen engagieren, sondern, dass es vermehrt andere Formen der Zusammenschlüsse gibt. Dies trifft besonders in den Bereichen der Ökologie, Kultur und Schule sowie im Gesundheitssektor zu. Trotz der Pluralisierung findet keine Verdrängung der klassischen Organisationsform in Vereinen statt. Vielmehr profitieren diese von der Pluralisierung, beispielsweise in Form von Modernisierungsprozessen, wie der Auflockerung von vereinsinternen Verpflichtungen. (Enquete 2002, S. 109f). Somit umfasst der Begriff bürgerschaftliches Engagement ein weites Spektrum.

Sich zu engagieren ist eine aktive Entscheidung, die jeder Bürger für sich selbst treffen muss bzw. kann (Enquete 2002, S. 73).

Die Eigenschaften des bürgerschaftlichen Engagements sind:

- Freiwilligkeit
- Keine Ausrichtung auf materielle Gewinne
- Gemeinwohlorientierung
- Öffentlichkeit bzw. das Stattfinden im öffentlichen Raum
- Gemeinschaftliches Ausüben bzw. kooperatives Ausüben (Enquete 2002, S. 86)

Der Begriff der Freiwilligkeit bedeutet in diesem Kontext, dass bürgerschaftliches Engagement keinen Pflichtdienst darstellt (Enquete 2002, S. 87). Der Bürger oder die Bürgerin entscheidet sich aktiv dazu, sich freiwillig zu engagieren (Enquete 2002, S. 73). Die Tatsache, dass bürgerschaftliches Engagement nicht auf materiellen Gewinn ausgerichtet ist bedeutet, dass mit der Ausübung „kein monetäres Einkommen erzielt werden kann.“ (Enquete 2002, S. 87). Trotzdem kann aus der Tätigkeit ein unentgeltlicher Nutzen, wie z. B. Selbstverwirklichung gezogen werden. Ein Gleichsetzen mit altruistischem, also selbstlosem Handeln wäre allerdings nicht korrekt, denn wie bereits zuvor beschrieben, erzielt der Engagierte in den meisten Fällen einen Eigennutzen. Im Vordergrund der Gemeinwohlorientierung steht ebenso der Gedanke der Gegenseitigkeit. Dies bedeutet, dass der Engagierte auf eine ähnliche oder gleiche Leistung, die er in Zukunft zurück erhält, hofft (Enquete 2002, S. 87).

Weiters Merkmal des bürgerschaftlichen Engagements ist, dass es eine wichtige Funktion in der Bürgergesellschaft erfüllt. Durch bürgerschaftliches Engagement wird Zusammenhalt geschaffen und Sozialkapital ausgebildet. Außerdem ist es selbst organisiert und ermöglicht eine Teilhabe. Daraus entsteht ein Mitgestaltungsanspruch. Öffentlich findet bürgerschaftliches Engagement immer statt, da es weder dem Staat, noch dem Markt oder dem Privaten, also Familie und Haushalt angehört. Bürgerschaftliches Engagement ist zudem von Gemeinschaftlichkeit geprägt. Das heißt, es findet eine Orientierung an Gruppen, wie der Gemeinschaft der Dorfbewohner oder anderen Gemeinschaften statt. Bürgerschaftliches Engagement ist oft mit weiteren Formen des Engagements wie dem Spenden von Geldbeträgen gekoppelt (Enquete 2002, S. 88).

Über die vorher genannten Eigenschaften des bürgerschaftlichen Engagements hinaus hat es „eine eigene Produktivität und trägt auf seine Weise zur gesellschaftlichen Wohlfahrt bei“ (Enquete 2002, S. 89). Dies geschieht, da es in Kooperation mit dem Staat, Markt oder der Familie tritt. Bürgerschaftliches Engagement fungiert somit als eine Art Bindeglied zwischen diesen Sphären (Enquete 2002, S. 89). Für das Ausüben von bürgerschaftlichem Engagement gibt es nicht nur ein Motiv. Verschiedene Autoren unterteilen die Motive in Motivgruppen.

Anheier und Toepler unterscheiden in vier Motivgruppen:

- Altruistische Motive (Mitgefühl, Hoffnung schenken, Identifikation mit Notleidenden)
- Instrumentelle Motive (die Freizeit sinnvoll nutzen, Erfahrungen sammeln, Zufriedenheit erlangen)
- Moralisch-obligatorische Motive (religiöse bzw. moralische Pflichten, Buße tun, Vertretung der Werte)
- Gestaltungsorientierte Motive (Mitbestimmung und Partizipation, Kommunikation, Missstände verändern wollen)

(Anheier/Toepler 2001, S. 19 zitiert nach Enquete 2002, S. 114)

Böhle wiederum unterteilt die Motive in fünf Gruppen:

- Altruistische Gründe (Pflichterfüllung, Gemeinwohlorientierung)
- Gemeinschaftsbezogene Gründe (Kommunikation)
- Gestaltungsorientierte Gründe (Mitbestimmung, Partizipation)
- Problemorientierte Gründe (Missstände verändern wollen, eigene Probleme bewältigen)
- Entwicklungsbezogene Gründe (Selbstverwirklichung, arbeitsmarktbezogen)

(Böhle 2001, S. 35 zitiert nach Enquete 2002, S. 114)

Festzustellen ist, dass die selbstbezogenen Motive an Bedeutung gewinnen, während die pflichtbezogenen Motive abnehmen. Selbstverwirklichung wird immer wichtiger. Darunter fallen das Sammeln von Erfahrungen, das Verbessern von Fähigkeiten und die Ausbildung von Kompetenzen. Daraus lässt sich ein Wandel der Motivstruktur des bürgerschaftlichen Engagements ablesen (Gensicke/Klages 1998, S. 190).

Abb. 1: Freiwillig Engagierte, öffentlich Aktive undNichtaktive im Zeitverlauf

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

(Bundesministerium für Familien, Senioren, Frauen und Jugend (BMFSFJ) 2010, S.16)

Wie in Abbildung 1 zu sehen ist, waren 2009 mehr Bürgerinnen aktiv bzw. freiwillig engagiert als noch im Jahr 1999. Die öffentlich Aktiven sind Bürgerinnen, die nicht nur passives Mitglied in z. B. einem Verein sind, sondern lediglich diejenigen, welche sich aktiv beteiligen. Die freiwillig Engagierten sind die passiven Mitglieder, welche keine weiteren Aufgaben übernehmen (BMFSFJ 2010, S. 16).

Besonders auffällig ist der starke Anstieg der Menschen, die bereit wären, sich zu engagieren.

Abb. 2: Freiwilliges Engagement und die Bereitschaft dazu

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

(BMFSFJ 2010; S.22)

In Abbildung 2 ist zu sehen, dass sich der Anteil der Engagierten von 1999 bis 2009 kaum verändert hat. Ein starker Anstieg ist in dem Bereich derer zu sehen, die eventuell bereit wären, sich zu engagieren. Dies zeigt das große Potenzial des Engagements (BMFSFJ 2010, S. 22).

Das Engagement wird in dem Freiwilligensurvey in verschiedene Bereiche unterteilt:

Abb. 3: Freiwilliges Engagement „14 Bereiche“

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

(BMFSF 2010, S. 18)

Der größte Bereich ist mit Abstand Sport und Bewegung, wobei dort seit 1999 ein leichter Rückgang zu verzeichnen ist. Der größte Anstieg ist im Bereich der Religion und Kirche sowie im Gesundheitsbereich festzustellen (BMFSFJ 2010,S. 18).

2.1 Formen von bürgerschaftlichem Engagement

Vereine

Bürgerschaftliches Engagement kann in die verschiedensten Formen unterteilt werden. Die wohl Bekannteste darunter ist der Verein (Enquete 2002, S. 233). Die ersten Vereine gab es bereits Mitte des 18. Jahrhunderts. Sie begründen sich auf die moderne Emanzipationsbewegung.

Die Merkmale waren:

- Freiwilliger Beitritt
- Freiwilliger Austritt
- Freiwillige Auflösung

(Enquete 2001, S.235)

So stellten die Vereine eine neue Organisationsform dar. Ihre Funktion galt, wie auch heute noch, der Interessenvertretung und politischen Artikulation. Im 19. Jahrhundert bildeten die Vereine die Vorgängerform politischer Parteien. Vereine boten so die Möglichkeit zur bürgerlichen Selbstorganisation (Enquete 2002, S. 235 f.).

Obwohl die Vereine lange als „spießig“ und altmodisch abgetan wurden, erfreuen sie sich seit einiger Zeit über vermehrten Zulauf (Enquete 2002, S. 233). Dies wird besonders bei Abbildung 3 deutlich. Der Bereich Sport und Bewegung, bei dem die Organisation meistens in Vereinen stattfindet, konnte von 1999 bis 2004 einen Zuwachs von 5 % verzeichnen (BMFSFJ 2010, S. 13). Ein breites Spektrum an Gebieten wird von der Form des Vereins abgedeckt (Enquete 2002, S.234). Im Bürgerlichen Gesetzbuch (BGB) sind von § 21 bis § 79 alle rechtlichen Normen zu Vereinsgründung, Mitgliederzahlen, Vereinsvorständen usw. niedergeschrieben. Vereine die für bürgerschaftliches Engagement wichtig sind, sind die nichtwirtschaftlichen Vereine. Diese Vereine erhalten ihre Rechtsgültigkeit, indem sie als eingetragener Verein (e.V.) im Vereinsregister registriert werden. Der Unterschied zu einem wirtschaftlichen Verein ist, dass erzielte Gewinne nicht an die Vereinsmitglieder ausgeschüttet werden dürfen. Damit ist ein nichtwirtschaftlicher Verein eine Non-Profit Organisation. Weiterhin ist festgelegt, dass siez.B., mindestens sieben Mitglieder und einen Vorstand haben müssen (Enquete 2002, S. 234 und BMJ 2011, § 21 - § 79).

Da es in der Bundesrepublik Deutschland kein zentrales Vereinsregister gibt, sondern alle Vereine in etwa 600 Amtsgerichten registriert sind fehlen genaue Daten über die Anzahl der Vereine (Enquete 2002, S. 236). Die Zahlen in Abbildung 4 wurden von einem privaten Unternehmen erhoben, welches die Daten durch Befragungen bzw. Zusammentragen der vorliegenden Zahlen der Amtsgerichte in Deutschland ermittelt hat. Die Anzahl der von 1999 eingetragenen Vereine wurde aus dem Bericht der Enquete-Kommission entnommen. Die Enquete-Kommission wurde vom Deutschen Bundestag berufen und hat die Aufgabe eine

Bestandsaufnahme und Perspektiven des bürgerschaftlichen Engagements in Deutschland zu erarbeiten sowie einen öffentlichen Bewusstseinswandel herbeizuführen (Enquete 2001, S. 5).

Abb. 4: Anzahl eingetragener Vereine in Deutschland von 1999 bis 2008

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

(Eigene Darstellung nach Enquete 2002, S. 236 und Herrmann/Happes 2001 und Happes 2003 und Happes 2005 und Happes 2008)

Wie in Abbildung 4 zu sehen ist, gab es bis 2005 einen Anstieg der Anzahl der eingetragenen Vereine in Deutschland. Nur im Jahr 2008 ist im Vergleich zu den anderen Jahren ein Rückgang zu verzeichnen. Die Daten für 2011 sind in der Grafik nicht enthalten, da sie erst im September 2011 veröffentlicht werden.

Verbände

Eine weitere Form des bürgerschaftlichen Engagements sind die Verbände. Verbände dienen, anders als Vereine, hauptsächlich der Interessenbündelung und der Interessendurchsetzung. Sie sind meistens in den politischen Handlungsfeldern angeordnet, um die Interessen ihrer Mitglieder durchzusetzen. Beispiele für große bekannte Verbände sind die Arbeiterwohlfahrt (AWO) und der Paritätische Wohlfahrtsverband (der Paritätische). Wie in Vereinen ist die Mitgliedschaft in Verbänden freiwillig und sie agieren ebenfalls nicht gewinnorientiert. Verbände werden meistens mit weniger aktivem bürgerschaftlichen Engagement betrieben wie die Vereine, da die meisten Mitglieder passive Beitragszahler sind. Besondere Merkmale der Verbände sind Partizipation und Transparenz, was auch mit dem bottom-up Ansatz beschrieben wird (Enquete 2002, S. 239 f.). Eine Registrierung kann über den Deutschen Bundestag erfolgen, woraufhin sie in die Liste der Verbände aufgenommen werden.

Verpflichtende Angaben vonseiten der Verbände sind z. B. Name und Sitz des Verbandes, die Zusammensetzung von Vorstand und Geschäftsführung sowie die Anzahl der Mitglieder (Deutscher Bundestag o.J.). Waren es im März 2002 noch 1.746 Verbände (Enquete 2002, S. 239), so sind es im Juli 2011 bereits 2129, was einen deutlichen Anstieg der Registrierungen in Deutschland zeigt (Deutscher Bundestag 2011, S. 693).

Stiftungen

Die Organisationsform der Stiftungen fällt ebenfalls unter bürgerschaftliches Engagement. Sie zählen zu den ältesten Formen des bürgerschaftlichen Engagements. Ein besonderes Merkmal ist, dass sich nicht auf den Menschen sondern auf „eine materielle Basis“ (Enquete 2002, S. 243) bezogen wird. Das bedeutet, dass der Zweck der Stiftung vorgegeben ist und sich nicht durch Meinungen von Mitgliedern ändern lässt. Diese Möglichkeit trifft nur auf Vereine und Verbände zu. Eine Stiftung hingegen wird immer im Sinne des Stifters weitergeführt. Die Grundlage für das Bestehen der Stiftungen ist die freie Persönlichkeitsentfaltung, welche im Grundrecht der Bundesrepublik Deutschland verankert ist. Die rechtlichen Normen lassen sich wie bei den Vereinen aus dem BGB sowie der Gesetzgebung der Länder entnehmen. Ziel einer Stiftung ist es in den meisten Fällen dem Gemeinwohl zu dienen. Dies kann je nach Stiftung äußerst unterschiedlich ausfallen (Enquete 2002, S. 243 f.). Ein Beispiel für eine Stiftung ist die „Horst und Marianne Blockwitz-Stiftung“, welche 2005 von den Eheleuten Horst und Marianne Blockwitz gegründet wurde. Der Schwerpunkt der Stiftung liegt auf der musikalischen Förderung von Kindern und Jugendlichen sowie der Förderung der Spracherziehung bei Kleinkindern (Deutsches Stiftungszentrum GmbH o.J.). Ein anderes Beispiel für eine Stiftung ist die „Karl Kübel Stiftung“, welche 1972 vom Namensgeber gegründet wurde. Diese Stiftung befasst sich mit vielen verschiedenen Themen wie der Entwicklungsarbeit in Indien und dem Kosovo ebenso wie der Förderung von Kindern aus benachteiligten Familien in Deutschland (Karl Kübel Stiftung für Kind und Familie o.J.). Abgesehen von den zuvor genannten Beispielen betreiben Stiftungen oft Krankenhäuser, Altenheime oder Museen.

Ursprünglich war eine Stiftung dafür gedacht, Vermögen an Treuhänder übergeben zu können, der rechtlich geschützt das Vermögen nur im Willen des Stifters verwaltet. Dieser Gedanke dominiert auch heute noch. Die Anzahl der Stiftungen in der Bundesrepublik ist schwer zu schätzen. Die Enquete-Kommission nahm 2002 an, dass es circa 12.500 Stiftungen gibt.

Stiftungen können entweder von Privatpersonen, Städten, Kirchen oder Unternehmen getragen werden. Dies deutet auf eine große Vielfalt im Bereich der Stiftungen hin. Trotz dieser Vielfalt tragen Stiftungen keinen nennenswerten finanziellen Beitrag zum Dritten Sektor, denn das Vermögen der meisten Stiftungen liegt unter 500.000 Euro. Die Enquete­Kommission schätzt das Finanzvolumen, welches dem Dritten Sektor in der Bundesrepublik Deutschland zugutekommt auf etwas 0,3% des Gesamtvolumens an zur Verfügung stehenden Finanzen.

Abb.5: Quantitativer Anteil der Stiftungsarbeit (in %)

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

(Eigene Darstellung nach Enquete 2002, S. 246)

In Abbildung 5 stellt sich die quantitative Verteilung der Stiftungsarbeit dar. Auffällig ist, dass der Großteil der Arbeit auf den sozialen Bereich entfällt.

Die meisten Mitarbeiter der Stiftungen, nämlich 85 % sind ehrenamtliche Mitarbeiter. Die restlichen 15% entfallen auf hauptamtliche Mitarbeiter (Enquete 2001, S. 246).

Freiwilligendienste

Freiwilligendienste gibt es in den verschiedensten Formen. Die wohl bekannteste Form ist das Freiwillige Soziale Jahr (FSJ). Außerdem gibt es noch das Freiwillige Ökologische Jahr (FÖJ) sowie den internationalen Freiwilligendienst (IFD), den europäischen Freiwilligendienst (EFD) und neuerdings den Bundesfreiwilligendienst (BFD).

Freiwilligendienste sind staatlich gefördert und dafür gedacht, dass sich Jugendliche und junge Erwachsene gemeinwohlorientiert engagieren können. Obwohl sie nicht als Erwerbsarbeitsverhältnis, Studium oder Ausbildung gelten, sind die Teilnehmerinnen der Freiwilligendienste in Hinblick auf die soziale Sicherung den Auszubildenden gleichgestellt.

Im Unterschied zu den zuvor erläuterten Formen des bürgerschaftlichen Engagements gibt es in den meisten Fällen, aufgrund des hohen Zeitaufwandes, eine monetäre Entschädigung für die Teilnehmerinnen (Enquete 2002, S. 251 f.).

Das Freiwillige Soziale Jahr (FSJ) wird vor allem im sozialen Bereich absolviert. Angeboten wird es für Menschen, die bereits ihre Schulpflicht erfüllt haben, aber „noch nicht das 27. Lebensjahr vollendet haben,“ (Verein „Für soziales Leben e.V.“ o.J.). Die zugehörigen Gesetze zum FSJ finden sich im „Gesetz zur Förderung eines freiwilligen sozialen Jahres“ von 2002. Seit 2008 gibt es jedoch ein weiteres Gesetz, unter dem auch das Gesetz zum FÖJ zusammengefasst ist. Dieses nennt sich „Gesetz zur Förderung von Jugendfreiwilligendiensten“. In diesem Gesetz sind z. B. die Förderungsvoraussetzungen, sowie die zuvor genannte Altersgrenze und mehr beschrieben. Die Zuständigkeit für das FSJ obliegt dem jeweiligen Bundesland. Die Dauer des FSJ kann von sechs bis höchstens 18 Monate variieren und in Ausnahmefällen sogar bis 24 Monate gehen. Einsatzbereiche sind Sport, Arbeit mit Kindern, Behinderten, Alten, Kranken, Jugendlichen sowie Kultur. Hieraus ergeben sich auch die Einsatzstellen. Diese sind Einrichtungen, die dem Gemeinwohl dienen, wie Pflegeheime, Kindergärten, Kliniken, kulturelle Einrichtungen, Einrichtungen für Behinderte, Rettungsdienste sowie kulturelle Einrichtungen (Verein „Für soziales Leben e.V.“ o.J.).

Dem FSJ ähnlich ist das Freiwillige Ökologische Jahr (FÖJ). Unterschiede zum FSJ stellen die Einsatzbereiche und die Einsatzstellen dar, denn das FÖJ bezieht sich nicht auf den sozialen, sondern auf den ökologischen Bereich. Einsatzstellen sind Einrichtungen im Bereich des Naturschutzes, Umweltbildung, Umweltschutz und der Umweltforschung. Beispiele sind Gartenbau oder Landwirtschaft (Verein „Für soziales Leben e.V.“ o.J.). Das FÖJ ist eine vergleichsweise junge Form des Freiwilligendienstes und wurde erst 1993 eingeführt (BBE o.J.).

Eine nicht auf die Bundesrepublik Deutschland bezogene Form des Freiwilligendienstes ist der internationale Freiwilligendienst (IFD). Beim IFD kann soziales, ökologisches oder kulturelles Engagement im Ausland geleistet werden. Der IFD kann gesetzlich geregelt, also in Form des FSJ oder des FÖJ oder nicht gesetzlich geregelt, also mit einem privatrechtlichen Vertrag geleistet werden. Im Fall der gesetzlich geregelten Formen kann der IFD nur bei Organisationen geleistet werden, die ihren Hauptsitz in Deutschland haben. Weitere Regelungen sind, dass die Teilnehmerinnen des IFD höchstens 26 Jahre alt sein dürfen und die Tätigkeiten ganztägig ausführen müssen. Die Träger müssen für den Lebensunterhalt aufkommen und ein kleines Taschengeld bezahlen. Die maximale Dauer des IFD liegt bei zwölfMonaten und kann nicht verlängert werden, anders als beim FSJ oder FÖJ (BBE o.J.). Eine weitere Form um sich außerhalb Deutschlands zu engagieren ist der europäische Freiwilligendienst (EFD). Dabei können sich Jugendliche und junge Erwachsene von mindestens zwei bis höchstens zwölf Monate im vorwiegend europäischen Ausland engagieren. Teilnehmen können bei dem EFD Personen zwischen 18 und 30 Jahren sein (BBE o.J.).

Laut der Enquete-Kommission nahmen im Jahrgang 2000/2001 etwa 14.700 Jugendliche und junge Erwachsene an allen oben genannten Freiwilligendiensten teil. Davon waren im FSJ ca. 90 % der Teilnehmerinnen weiblich und im restlichen Freiwilligendienst lag der Frauenanteil bei ca. 80 % ebenfalls hoch (Enquete 2001, S. 252).

Die neueste Form sich in einem Freiwilligendienst bürgerschaftlich zu engagieren ist der Bundesfreiwilligendienst (BFD). Der BFD wurde im Juli 2011 eingeführt und dient als Ersatz zum vorherigen Wehr- bzw. Zivildienst, wobei hier auch Frauen teilnehmen können. Im Unterschied zu den vorherig genannten Freiwilligendiensten kann sichjeder Bürger undjede Bürgerin beim BFD engagieren, der seine Schulpflicht beendet hat. Die Dauer beträgt zwölf Monate, wobei auch auf sechs Monate verkürzt bzw. 18 Monate verlängert werden kann. Teilnehmerinnen, die älter als 27 sind, können den BFD auch als Teilzeittätigkeit ausüben. Das maximale Taschengeld liegt bei 330 Euro im Monat. Die Einsatzbereiche sind sehr vielfältig. So kann der Dienst in einem sozialen, ökologischen, kulturellen oder sportlichen Bereich geleistet werden (BMFSFJ o. J.). Kritik an dem neuen BFD lässt sich dahingehend äußern, dass der BFD eine Konkurrenz zu FSJ und FÖJ darstellt. Auch kann angeführt werden, dass das monatliche Taschengeld kaum ausreichen wird, den Lebensunterhalt finanzieren können. Fraglich bleibt auch, ob der neue BFD alle weggefallenen Stellen des Zivildienstes auffangen kann (BBE o. J.). Ein Vorteil des BFD ist, dass auch Personen, die bereist älter als 27 bzw. 30 Jahre sind, teilnehmen können.

2.2 Soziales Engagement

Soziales Engagement lässt sich unter den Begriff des bürgerschaftlichen Engagements einordnen. Es werden jedoch nur 5 % des bürgerschaftlichen Engagements in Form von sozialem Engagement erbracht (Schlaugat 2010, S. 28). Soziales Engagement beinhaltet alle Leistungen innerhalb der Gesellschaft, die freiwillig und unentgeltliche ausgeführt werden. Der Sinn ist Einzelpersonen oder Gruppen zu unterstützen und ihnen zu helfen.

Soziales Engagement kann mit einem symbolischen, wie auch einem ökonomischen Wert belegt werden. Der ökonomische Wert ergibt sich daraus, dass durch das soziale Engagement weniger Kosten, Personen und Institutionen aufgewendet werden müssen, um die sozialen Dienste auszuführen. Der symbolische Wert dient dazu, die engagierte Person und die gesamte Gesellschaft humaner erscheinen zu lassen (Rauschenbach, Müller, Otto 1992, S. 223). Unterteilt nach Geschlecht ergibt sich eine Rangfolge der unterschiedlichen Bereiche, wie in Abbildung 6 dargestellt.

Abb. 6: Engagement nach Frauen und Männern

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

(Zierau 2001, S. 137)

Bei den Frauen steht der soziale Bereich auf Platz drei mit 5 % der weiblichen Bevölkerung, während bei den Männern der soziale Bereich auf Platz sechs mit 3 % der männlichen Bevölkerung steht (Zierau 2001, S. 137).

[...]

Ende der Leseprobe aus 66 Seiten

Details

Titel
Soziales Engagement in den Bereichen Schule und Altenhilfe
Untertitel
Der Beitrag von Freiwilligenagenturen
Hochschule
Justus-Liebig-Universität Gießen  (Wirtschaftslehre des Haushalts und Verbrauchsforschung)
Note
2,0
Autor
Jahr
2011
Seiten
66
Katalognummer
V187057
ISBN (eBook)
9783656157632
ISBN (Buch)
9783656157656
Dateigröße
1079 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Soziales Engagement, Freiwilligenagentur, Schule, Altenhilfe, Freiwilliges Engagement, Ehrenamt, Marburg
Arbeit zitieren
Jennifer Reeg (Autor), 2011, Soziales Engagement in den Bereichen Schule und Altenhilfe, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/187057

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