„daz er mit liehten ougen / sîner ougen lougen“ - Wahrnehmung und Wirkung in der Petitcreiuepisode aus dem „Tristan“ Gottfrieds von Straßburg


Hausarbeit (Hauptseminar), 2011

41 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Vorbemerkungen

2. Zum Begriff der Wahrnehmung
2.1 Wahrnehmung und Wirklichkeit
2.2 Das aristotelische Stufenmodell der Erkenntnis
2.2.1 Aus Wahrnehmung entsteht Erinnerung
2.2.2 Aus der Bündelung von Erinnerung entsteht Erfahrung
2.2.3 Aus der besonderen Erfahrung entsteht allgemeines Wissen
2.3 Zusammenfassung

3. Wahrnehmung und Wirkung in der Petitcreiuepisode
3.1 Erzlhler
3.2 Tristan
3.3 Isolde
3.4 Zusammenfassung
3.5 Hierarchie der Sinne - Synästhesie als Imaginationsstrategie

4. Zur Funktion Petitcrüs
4.1 Innerhalb der Episode
4.2 Für den Gesamtkontext
4.2.1 Epische Notwendigkeit
4.2.2 Intratextuelle Bezüge: Minnegrotte und Isolde Weißhand
4.2.3 Tristan-Isolde-Minne

5. Schlussbemerkungen

Literaturverzeichnis

1. Vorbemerkungen

Wenn die Petitcreiuepisode ein inhaltliches wie formales Alleinstellungsmerkmal aufweisen kann, dann jenes der Wahrnehmung. So lassen sich die Verse auch als narrative Unterweisung in mittelhochdeutscher Perzeptionsstrategie lesen. Dass sich höfische Kommunikation in dem Spannungsfeld von sichtbaren und unsichtbaren Zeichen bewegt, um deren verlässliche Deu- tung sie beständig ringt, ist weder eine neue noch sonderlich ungewöhnliche Erkenntnis.1 An- gesichts des diese Gesellschaft tragenden kommunikativen Systems, das eine ÄLesbarkeit der K|rper“2 voraussetzt und höfische Repräsentation stark an audiovisuelle Performanz koppelt, kann dem Begriff der Wahrnehmung und seiner Praxis nicht genug Bedeutung zugestanden werden. In der Petitcreiuepisode des ÄTristan“ legt Gottfried von Straßburg nicht nur den mit- telalterlichen Wahrnehmungsmodus exemplarisch frei, darüber hinaus wird ein besonderer Zugang entfaltet, indem der Verfasser diese Wahrnehmungs- und Deutungsstrategien in ho- hem Maße ästhetisiert. Gerade in der individuellen sprachlichen Vermittlung der unterschied- lichen Perzeptionsstrategien liegt der Wert dieser Episode.

Leitende Arbeitshypothese hierfür ist, dass eine unterschiedliche Wahrnehmung Petitcreius durch die Protagonisten Tristan und Isolde zu einer entsprechend unterschiedlichen Wertung und Bewertung Petitcreius durch dieselben führt. Diese Interaktion von Wahrnehmung und Deutung möchte ich nachstehend erläutern. Zur Bedingung hat eine solche Arbeit freilich, einen den mittelalterlichen Vorstellungen von Wahrnehmung adäquaten Zugriff zu finden, der sich insbesondere literaturtheoretisch produktiv bearbeiten lässt. Ich stelle daher zunächst einige grundsätzliche Gedanken zum Feld der Wahrnehmung voran, werde anschließend den Weg über die moderne Erkenntnistheorie zurück in die Antike schlagen, um diese Gedanken mit dem aristotelischen Stufenweg der Erkenntnis nachvollziehbar zu stützen. Der aristoteli- sche Ansatz dient als operationale Grundlage für den Umgang mit der Episode und deren In- terpretation. Nach diesen theoretischen Vorüberlegungen widmet sich das dritte Kapitel den multiperspektivischen Wahrnehmungsstrategien der Petitcreiuepisode und stellt diese verglei- chend nebeneinander. Außerdem wird versucht, die konkurrierenden Perspektiven als Teil einer spezifisch Gottfriedschen Imaginationsstrategie ästhetisch zu deuten. Daran anknüpfend hat das vierte Kapitel meiner Arbeit zum Ziel, die Petitcreiuepisode auf ihre narrative Qualität hin zu überprüfen. Im ersten Schritt frage ich nach ihrem funktionalen Wert innerhalb der Episode und diskutiere begleitend in knapper Form den aktuellen Forschungsstand, der sich in seiner Breite kaum abbilden lässt. Zum zweiten gilt mein Interesse der Funktion der Petitcrei- uepisode im Gesamtkontext des Werkes, dessen plausible Motivierung und Anschlussfähig- keit nicht selten infrage gestellt wird. Diesbezüglich hilfreich ist der Einbezug zweier im Epos folgender Episoden - Minnegrotte und Isolde Weißhand - angesichts derer die Petitcreiuepi- sode auch als Präfiguration dieser Episoden gedeutet werden kann. In einem finalen Schritt ist einzuschätzen, inwieweit eine differierende Wahrnehmung und Wertung Petitcreius durch Tristan und Isolde letztlich ursächlich für das Scheitern ihrer Minne sein kann. Unter Einbe- zug des Prologes und dem Konzept der Äedelen herzen“ möchte ich schließlich das Besondere dieser Minne hervorheben. Vornehmlich in der dialektischen Leitmotivik und deren sukzessi- ven Entfaltung zeigt sich der hohe ästhetische Anspruch Gottfrieds, der sich mit seinem Werk zu Recht verbindet.

2. Zum Begriff der Wahrnehmung

In der Literaturwissenschaft herrscht konsequente Uneinigkeit über einen “genaueren operati- onalen Begriff der Wahrnehmung“3. In konsensfähiger Konkurrenz befinden sich die klassi- schen Herangehensweisen der mittelalterlichen Optik- und Wahrnehmungstheorien, der mo- dernen Medientheorie und, als Versuch einer Synthese, des komparatistischen Ansatzes. In- folge dessen soll es nicht Gegenstand dieses Kapitels sein, eine Kurzgenese jener komplexen Theorien darzulegen oder sie anhand ihrer Vor- und Nachteile abzuwägen. Zielführend ist eine angemessene Problematisierung der Petitcreiuepisode auf den Wahrnehmungsaspekt hin, d. h. danach zu fragen, in welchem Kontext Wahrnehmung auftritt und welche Qualität sie besitzt, vornehmlich dann, wenn sie handelnd verarbeitet wird. Kurz, welches Konzept in diesem Zusammenhang das produktivste ist. An einem Beispiel festgemacht, bedeutet dies zu hinterfragen, weshalb Tristan das Hündchen Petitcreiu für Isolde in der Annahme erwirbt, es hätte die gleiche, in seinem Falle Leid vergessenmachende Funktion. Wie wir wissen, zer- bricht Isolde das Glöckchen Petitcreius bewusst und verkehrt damit die Intention Tristans in ihr genaues Gegenteil. Sie setzt das Hündchen inaktiv. Bezogen auf den Aspekt der Wahr- nehmung in der Petitcreiuepisode gehe ich deshalb von einer grundsätzlichen Wahrneh- mungsdifferenz zwischen Tristan und Isolde aus, die Wertung und Handeln motiviert und überdies mit dem Scheitern ihrer spezifischen Form der Minne in signifikanten Zusammen- hang zu bringen ist. Damit ist ein relevanter Punkt angesprochen, den es hinsichtlich eines adäquaten Zugangs über das Feld der Wahrnehmung zu berücksichtigen gilt. Durch meine Einschätzung der Episode stelle ich einen Zusammenhang zwischen Wahrnehmung, Wertung dieser Wahrnehmung und Überführung dieser Wertung in Verhalten her. Es muss entspre- chend von einem Konzept ausgegangen werden, das diese Korrelationen erfasst und in einen kausalen Zusammenhang stellt. Im nächsten Abschnitt möchte ich deshalb einige grundlegen- de Gedanken zu ÄWahrnehmung und Wirklichkeit“4 im Rahmen der modernen Erkenntnis- theorie darlegen, um diese dann in einem zweiten Schritt mit dem aristotelischen Stufenmo- dell der Erkenntnis zu fundieren. Gerade durch seine besondere Akzentuierung der Kategorie der Erfahrung ist dieses spezifische Stufenmodell für eine angemessene Interpretation der Petitcreiuepisode unverzichtbar.

2.1 Wahrnehmung und Wirklichkeit

Das Vermögen, über Wissen zu verfügen, kann auf zweierlei Art erworben werden. Wissen llsst sich über Erfahrung generieren, ist dann folglich Äempirisches Wissen“, das sich begründen llsst und auf anderes Wissen rekurriert, das sich ebenfalls aus einer Äempirischen Erkenntnis“ ableitet.5 Andererseits, Äda sich aber nicht alles begründen llsst“, merkt Kutschera an, Äund da sich auch bei Annahme synthetischer Erkenntnisse a priori sicher nicht alle empirischen Erkenntnisse apriorisch begründen lassen, muß es auch empirische Evidenzen geben, d.h. Sachverhalte, die uns aufgrund einer Beobachtung oder Wahrnehmung evident sind“6.

Es gibt demnach eine Form von Wissen, welches sich unmittelbar durch Wahrnehmung er- schließt und über diesen Sinneseindruck als unzweifelhaft wahr eingestuft werden kann. Wahrnehmung ist direkt an Raum und Zeit gebunden, sie verortet das wahrnehmende Subjekt mit dem wahrgenommenen Objekt in einem bestimmten Moment an einem bestimmten Ort.

Wahrnehmung beschreibt eine Tätigkeit, die in der Beobachtung von dem Wahrnehmungsob- jekt liegt. Insofern llsst sich das Verb Äwahrnehmen“ auch auf momentane Erfahrungen an- wenden“7. Sinneserfahrungen können dabei einmal den Gegenstand, den ich beobachte (ÄDie Person a beobachtet den Gegenstand b“), in den Mittelpunkt stellen oder aber den Sachverhalt (ÄDie Person a beobachtet, daß der Sachverhalt p besteht“), den ich meiner Beobachtung ent- nehme.8 ÄBeobachten“ steht entsprechend synonym für Äwahrnehmen“, da es sich auf Ämo- mentane Erfahrungen“ bezieht9. Für den weiteren Gang meiner Arbeit bedeutsam ist die Defi- nition Kutscheras, der ÄWahrnehmen“ (als) ein(e)(n) Oberbegriff für spezielle Erfahrungswei- sen, wie Sehen oder H|ren“10 markiert. Er setzt Wahrnehmung und Wissen analog, kommt also zu dem Schluss: ÄWas wir beobachten ist uns evident. (…) Daraus folgt (…) - Wir sind von dem überzeugt, was wir beobachten.“11 Indes problematisiert er selbst die Verlässlichkeit von Beobachtungen und die Schwierigkeit von Wahrnehmungen.12 Dem Postulat - ÄWahr- nehmung ist Beobachtung von Tatsachen“13 - ist somit ein Spannungsverhältnis zwischen Beobachtung und Wahrnehmung inhärent, das eine gewisse Empfänglichkeit für Sinnesirrita- tionen von vornherein einschließt. Als mögliche Angriffsfläche benennt Kutschera die ÄPhä- nomene der Sinnestluschungen“14, welche durch den Widerspruch von scheinbarer Beobach- tung und vernunftgeleiteter Wahrnehmung gekennzeichnet sind. Auch dieser Aspekt ist im Hinblick auf die Petitcreiuepisode, in der das Spiel mit den Sinnen, List und Täuschung do- miniert, nicht unwesentlich. Denkt man den Prozess des Beobachtens und Wahrnehmens wei- ter, dann schließt sich daran der Schritt der Wertung oder auch Bewertung eines Sachverhal- tes oder einer Situation an. Es ist folglich diese singuläre und subjektive Wertung, die mein Handeln als finalen Schritt legitimiert und auf welche ich mich berufe, wenn es sich in einer konkreten Situation zu verhalten gilt. Im nächsten Abschnitt möchte ich daher mit dem aristo- telischen Stufenmodell der Erkenntnis einen antiken erkenntnistheoretischen Ansatz vorstel- len, welcher Wissen als Wert im Sinne einer aktiv erworbenen Erfahrung begreift. Anders als die moderne Erkenntnistheorie fußt der antike aristotelische Zugang zu Wissen und Wissen- schaft auf einem stark hierarchisierten, noch wenig ausdifferenzierten oder durch Interdependenzen belastbaren System. Es kann als unstrittig angesehen werden, dass zumindest die mittelalterlichen Klerikalen und Gelehrten des 12. und 13. Jahrhunderts, in deren Kontext man auch Gottfried von Straßburg einordnet, genauere Kenntnis über jene antiken philosophischen Traditionen und dem davon abgeleiteten Wahrnehmungsbegriff besaßen.15

2.2 Das aristotelische Stufenmodell der Erkenntnis

Seinen Schriften lässt sich entnehmen, dass Aristoteles als einer der ersten den Gebrauch des Begriffes Äempeiria“ in einen Äphilosophischen Erfahrungsbegriff“ überführte.16 ÄDas Wort ‚Erfahrung‘ verstehen wir dabei im ‚natürlichen‘, d.h. im nicht-normativen Sinn.“17 Im Ge- gensatz zu heutigen Assoziationen zum wissenschaftlichen Begriff der Empirie, der sich vor allem auf die ÄTraditionen des logischen Empirismus“18 stützt und sich zunehmend Äauf die Ansltze (der) von Dingler zurückgehende(n) Theorie der exakten Wissenschaften“19 bezieht, verwendet Aristoteles den Begriff der Äempeiria“ synonym für Ätechne“20 (Kunst(fertigkeit)) oder Äepisteme“21 (Wissen). Auf der semantischen Ebene setzt er also die Erfahrung mit ei- nem Handwerk einerseits und mit theoretischem Wissen andererseits gleich. Allen Begriffen gemein ist der Verweis auf etwas Prozessurales und Personales; Erfahrung existiert nicht ein- fach ex nihilo, sondern muss in gewisser Weise erst entstehen oder aktiv selbst geleistet und erarbeitet, eben erfahren werden. Allein das Individuum ist zur Ausbildung von Erfahrung fähig, indem es mit seiner Umwelt interagiert und diese Interaktionen anschließend reflexiv verarbeitet. Noch heute orientiert sich unser Sprachgebrauch an diesem zeitgenössischen Vor- verständnis von Erfahrung. Sprechen wir beispielsweise von ÄErfahrenheit“ oder dem ÄErfah- rensein“, dann zielt diese Verwendung Äauf erworbene Flhigkeiten des Menschen, auf ein Geübtsein in …, ein Vertrautsein mit …“22 ab. Jedoch ist der aristotelische Bedeutungshori- zont von Empirie erheblich weiter gefasst, als er nicht nur auf den Herstellungs- oder Produk- tionscharakter von Erfahrung abhebt: ÄAus der Erinnerung geht bei den Menschen die Empi- rie hervor; erst viele Erinnerungen nämlich ein und derselben Sache ergeben die Fähigkeit einer E(rfahrung).“23 Mit anderen Worten: Erfahrung lässt sich ausschließlich über Erinne- rung generieren. Und Erinnerung wiederum entsteht durch Wahrnehmung. Diese drei Felder - Wahrnehmung, Erinnerung, Erfahrung - sind die zentralen Kategorien des aristotelischen Stufenmodells der Erkenntnis, das sukzessive zu einer Form vernünftigen Wissens - eben zur Erkenntnis - führt.

2.2.1 Aus Wahrnehmung entsteht Erinnerung

Ein Stufenmodell impliziert eine gewisse Taxonomie in der Abfolge von Schritten, die ich nachstehend erläutern möchte. So bildet Wahrnehmung den Ausgangspunkt dieses Modells, quasi die Grundstufe. Der Mensch nimmt jede Situation und Äihre lußeren Gegenstlnde“24 sinnlich wahr. Um diese physische Wahrnehmung in eine kognitive zu überführen, imaginiert er zu dieser konkreten Wahrnehmung ein Bild, d.h. er übersetzt die konkret-sinnliche Wahr- nehmung in eine imaginativ-repräsentative Wahrnehmung und schafft sich eine Vorstellung (phantasia)25, die diese spezifisch-situative Wahrnehmung in seinem Gedächtnis (mneme)26 stellvertretend besetzt oder repräsentiert. Ein solcher kognitiver Translationsprozess greift in jeder Situation und ist prinzipiell nicht steuerbar, weshalb Vorllnder auch von der Äunwillkür- lichen Erinnerung“ spricht. Alles, was wir wahrnehmen, wird in irgendeiner Weise kognitiv verarbeitet und abgespeichert. Dieser Modus bildet die Voraussetzung dafür, die abgespei- cherten Bilder flexibel einzusetzen, sie beispielsweise in eine neue konkrete Situation zurück zu überführen, sich also bewusst zu erinnern.27 Einen solchen Vorgang bezeichnet man als Erinnerung. Das abgespeicherte Bild - als imaginierte Vorstellung einer physisch erlebten Situation - wird aktiviert, indem man anhand des repräsentativen Bildes die physisch erlebte Situation neu imaginiert und damit aktualisiert. Der Vorteil dieser Aktualisierung ist, dass sie vollkommen kontextunabhängig von der Originalsituation erfolgen kann. Anders ausgedrückt: Aus kognitiver Hinsicht kann ich mich jederzeit und überall an etwas erinnern, ich kann mei- ne abgespeicherten Bilder beliebig mental wiederbeleben, auch wenn dieses Erinnern in scheinbarer Opposition zu der aktuellen Situation steht.28 Sich Erinnern als mentaler Vorgang ist losgelöst von den konkreten lokalen, temporalen und personalen Rahmenbedingungen der Originalsituation. Erinnerung ist, anders als die sinnliche Wahrnehmung, eben nicht an Raum und Zeit gebunden und schließt folglich zweierlei ein: zum ersten das Aktivieren eines abge- speicherten Bildes und zum zweiten die Aktualisierung dieses Bildes in einer neuen konkreten Situation. Indem das abgespeicherte Bild als imaginiertes Abbild einer (damaligen) konkreten Situation zurückgeholt wird, muss es gleichsam neu imaginiert werden, um in einer (jetzigen) konkreten Situation aktualisiert werden zu können.

2.2.2 Aus der Bündelung von Erinnerung entsteht Erfahrung

Nach dem aristotelischen Modell regiert allerdings die Quantität von Erinnerungen; ein und dieselbe Sache muss vielfach wahrgenommen und erlebt, aktualisiert und erinnert werden, damit aus diesen Erinnerungsbündeln eine spezielle Form von Bewusstsein, nämlich Erfah- rung, hervorgehen kann. So beschreibt Honecker sehr treffend Erfahrung als Äerinnerte Pra- xis“29. Das Modell des Aristoteles definiert Erfahrung über eine Tätigkeit; es ist eine prakti- scher Zugang30, der hier entfaltet wird und der sich an der Lebenstauglichkeit von Erfahrung orientiert. Damit integriert die Kategorie der Erfahrung eine gewonnene Einsicht oder auch Weisheit, die aus dem eigenen Tun und aus der Wirklichkeit resultiert. Indes weist Aristoteles in seiner ÄMetaphysik“ darauf hin, dass mit Empirie dezidierte Fähigkeiten gemeint sind, er bezeichnet sie als ÄWissen des Besonderen“31. Erfahrung in diesem Zusammenhang heißt eine spezifische Fertigkeit besitzen, die man aus einer Vielzahl von konkreten Situationen gewinnt, welche den zu einer Ausbildung jener spezifischen Fähigkeiten erforderlichen Aktionsrahmen konstituieren. Aristoteles versteht darunter Ädie Beherrschung eines Handlungsschemas, in der Regel einer Unterscheidung, zumal in den Flllen, in denen dazu eine in vielen konkreten Situationen gewonnene Übung oder Fallkenntnis die Vorausset- zung ist“32.

Erfahrung kann kein absoluter Wert zugewiesen werden. Sie hat den konkreten Einzelfall im Blick und besitzt daher (noch) keinen normativen Charakter. Hingegen bildet gerade dieses besondere Wissen die zentrale Voraussetzung für den Vorgang der Verallgemeinerung:

Die Erfahrung sei der Übergang zum ersten Allgemeinen, (denn) zur Beurteilung von Elementarbehauptungen (muss) letzten Endes auf die Vertrautheit mit einschlägigen Beispielen und mit Gegenbeispielen zurückgegriffen werden“33.

Kurz: Erfahrung wird induktiv generiert; ohne Erfahrung keine objektivierte Form von Erkenntnis, kein ÄWissen des Allgemeinen“34. Insofern kann sich die Empirie auf einer Stufe mit der Ätechne“ und Äepisteme“ behaupten, die Ägenerelle Sltze und damit Einsicht in die Gründe elementarer Behauptungen vermitteln“35. Auch gehört sie damit bereits selbst in den Bereich des Wissens und der Wissenschaft.

2.2.3 Aus der besonderen Erfahrung entsteht allgemeines Wissen

Meine Ausführungen zum aristotelischen Modell der Erkenntnis möchte ich mit Seidls ÄEin- teilung der aristotelischen Erkenntnisverm|gen“36 zusammenfassen und abschließen. Diese Vermögen ergeben sich aus den bereits dargelegten Stufen der Erkenntnis. Grundlage hierfür ist die Wahrnehmung (Äaisthesis“), aus der die Vorstellung (Äphantasia“) oder Einbildung hervorgeht. Daran knüpft sich das begriffliche Denken oder Annehmen (Ähypolepsis“), das zur Wissenschaft (Äepisteme“), also dem wissenschaftlichen Verstehen führt. Bemerkenswert scheint mir Seidls Zuweisung der Kriterien des ÄWahrheitswertes“ und der ÄFunktionsweise der Erkenntnisverm|gen“ für die einzelnen Stufen der Erkenntnis.37 Demnach seien sinnliche als auch geistige Wahrnehmung (Änus“)38 Äimmer wahr“ und Äintuitiv“39. Im Gegensatz dazu dürfe man nicht mit einem Äfalsch“ operieren, sondern in Bezug auf die sinnliche Wahrneh- mung (mit) ein(e)(m) ÄNicht-Erfassen, Nicht-Berühren“40. Opponent der geistigen Wahrneh- mung sei entsprechend ÄUnkenntnis“, ÄNicht-Berühren“41. Die Differenzierung von sinnlicher und geistiger Wahrnehmung entspricht der von ÄSinneswahrnehmung und Vernunft“, welche Seidl als ÄGrundunterscheidung“ bezeichnet.42

2.3 Zusammenfassung

Aus meiner Wahrnehmung, der (m)eine entsprechende Beobachtung einer Situation vorge- schaltet ist, entsteht in einem kognitiven Transformationsprozess Erinnerung, welche als men- tale Repräsentation dieser konkreten Wahrnehmung definiert werden kann. Kulturkreis und Sozialisation bedingen eine gewisse Häufigkeit an spezifischen kommunikativen Situationen, in die wir als Subjekte immer wieder (neu) eintreten müssen. In ihrer Frequenz, da regelmäßig wiederkehrend, ermöglichen diese spezifischen Kommunikationssituationen dem Subjekt die Bündelung seiner Einzel-Erinnerungen zu einer wie auch immer gearteten Form von Kompe- tenz im Umgang mit den Erfordernissen dieser spezifischen Kommunikationssituationen. Nichts anderes heißt Erfahrung; sie beschreibt eine gewisse Fähigkeit oder Fertigkeit, die sich auf einen bestimmten Aspekt von etwas konzentriert und motiviert in entscheidender Hinsicht meine Wertung oder Bewertung der aktuellen Kommunikationssituation. In Abhängigkeit dieser situativen Einschätzung steht nachgeordnet mein Verhalten gegenüber dieser Situation. Erfahrung muss also ganz w|rtlich Ägemacht“, physisch und sinnlich gestiftet werden. Erst in und durch die damit verbundene Praxis kann der Übergang in die Abstraktion gelingen und Wissen - im Sinne eines aristotelischen Erkennens - als ein tieferes Verständnis von Erfah-rung entstehen.

[...]


1 WENZEL, Horst: Des menschen muot wont in den ougen. Höfische Kommunikation im Raum der wechselsei- tigen Wahrnehmung. In: Campe, Rüdiger und Schneider, Manfred (Hrsg.): Geschichten der Physiognomik. Text - Bild - Wissen. Freiburg i. Breisgau: Rombach Verlag (Reihe Literrae 36) 1996. S. 96ff.

2 Ebd., S. 65.

3 BLEUMER, Hartmut und PATZOLD, Steffen: Wahrnehmungs- und Deutungsmuster in der Kultur des europäischen Mittelalters. Berlin: Verlag de Gruyter 2004. (Das Mittelalter 8, 2003., H. 2). S. 9.

4 Vgl. Kapitel 3: ÄWahrnehmung und Wirklichkeit“. In: KUTSCHERA, Franz von: Grundfragen der Erkenntnistheorie. Berlin, New York: de Gruyter 1982. S. 151-160.

5 Vgl. Kutschera, S. 156.

6 Ebd.

7 Kutschera, S. 156.

8 Vgl. ebd.

9 Vgl. ebd., S. 156.

10 Ebd., S. 157.

11 Ebd. Den Erfolgsverben11 Äwahrnehmen“ und Äbeobachten“ analog führt er Äwissen“ und Äglauben“ an. Gilbert RYLE spricht von achievement words. In: STRAWSON, Peter F.: Truth. In: Clark, Michael (Hrsg.): Analysis. Bd. 9. Oxford: Oxford University Press 1949. S. 83-97.

12 ÄBeobachtungen sind problemlos, aber nicht verläßlich, Wahrnehmungen dagegen verläßlich, aber nicht problemlos.“ Kutschera, S. 158.

13 Ebd., S. 157.

14 Ebd., S. 158. Kutschera illustriert diese durch das Beispiel eines Stockes, der, taucht man ihn in Wasser, an dieser Stelle geknickt aussieht. Hier lässt sich kein Knick beobachten, da unsere innere Überzeugung dieser scheinbaren Beobachtung entgegensteht. Er plldiert dafür, von einem ÄEs erscheint der Person a, als ob (der zu beobachtende Gegenstand, eigene Anmerkung) p“ zu sprechen.

15 So lassen sich vielfach antike Bezüge in den Wahrnehmungsstrategien mittelalterlicher Texte ausmachen. Die Gedichte des Heinrich von Melk als Zeugnis geistiger Lehrdichtung oder Wolfram von Eschenbachs ÄParzival“ als Beispiel epischer Dichtung. Vgl. Wenzel 1996, S.96.

16 Vgl. Zum Begriff der Erfahrung. In: RITTER, Joachim (Hrsg.): Historisches Wörterbuch der Philosophie. Bd. 2: D-F. Darmstadt: Wissenschaftliche Buchgesellschaft 1972. S. 609.

17 Kutschera, S. 151. Kutschera merkt weiterhin eine Differenzierung in innere und äußere Erfahrung an. Äußere Erfahrungen werden über Sinneswahrnehmungen gemacht, innere Erfahrungen eben über einen inneren Sinn. Problematisch an dieser Unterteilung ist zum einen die Annahme eines inneren Sinnes, weshalb sie von nicht wenigen geleugnet wurde, als auch die strikte Trennung dieser Erfahrungsbereiche. Es gibt vielfach Schnittmen- gen und Übergänge, was Kutschera dazu veranlasst, lediglich von Typen von Erfahrung zu sprechen. Vgl. S. 153. Insofern soll diese Begriffstrennung hier nicht berücksichtigt und von einem Äeinfachen“ Begriff von Erfahrung ausgegangen werden.

18 Ebd., S. 616.

19 Ebd., S. 609.

20 Charpa bezeichnet sie als Äjene Kenntnisse, die uns helfen, etwas herzustellen, z. B. ein Bild zu malen - “. CHARPA, Ulrich: Aristoteles: Frankfurt, New York: Campus Verlag 1991. S. 37.

21 ÄTheoretisches - das Wort markiert eine Entgegensetzung zur Welt der Tat und meint ‚(bloß) betrachtendes‘ - Wissen genügt sich selbst, ist reine Erkenntnis. Es zielt weder auf besseres noch nützliches Tun, sondern allein auf Wahrheit. Eine passende Bezeichnung für die damit verbundene Aktivität bietet sich mit dem Begriff des Forschens an.“ Ebd.

22 Charpa, S. 609.

23 ARISTOTELES: Metaphysik 980b, S. 25ff. (Zitiert nach: Historisches Wörterbuch der Philosophie, S. 609.)

24 VORLÄNDER, Karl: Geschichte der Philosophie (mit Quelltexten). Band 1: Altertum. Reinbek bei Hamburg: Rowohlt Taschenbuch Verlag 1990. S. 106.

25 Vgl. ebd.

26 Vgl. ebd.

27 Vgl. ebd.

28 Ein oft angeführtes Beispiel ist das Erzählen der Großeltern von ihren Erfahrungen aus dem Zweiten Weltkrieg. Die Familie sitzt gemeinsam am Kaffeetisch und der Großvater berichtet von seiner Kriegsgefangenschaft oder der Rückkehr von der Front.

29 HONECKER, Martin: Einführung in die theologische Ethik: Grundlagen und Grundbegriffe. Berlin, New York: De Gruyter 1990. S. 199.

30 Zur Etymologie von ÄPraxis“: Im Griechischen steht Äprāxis“ für Ädas Tun, die Tätigkeit; Handlungsweise; Geschlft, Unternehmen; Wirklichkeit, Tatslchlichkeit“

30. Siehe DUDEN - Das Herkunftswörterbuch. Etymolo- gie der deutschen Sprache. 3. Auflage. Mannheim, Leipzig, Wien, Zürich: Dudenverlag 2006. http://www.duden-suche.de/suche/artikel.php?shortname=d7&artikel_id=17321, 17.02.2011.

31 Ritter, S. 610.

32 Ritter, S. 610.

33 Ebd.

34 Ebd.

35 Ebd.

36 SEIDL, Horst: Beiträge zu Aristoteles´ Erkenntnislehre und Metaphysik. Amsterdam: Rodopi 1984. S. 136ff.

37 Ebd., S. 137. Aristoteles trifft damit eine wesentliche Differenzierung in eine diskursive und eine intuitive Form von Erkenntnis. Erstere wird nach Mueller-Goldingen durch einen ÄLehr- und Lernprozess gewonnen“, wogegen die intuitive Erkenntnis Äbereits vorhanden“ ist. MUELLER-GOLDINGEN, Christian: Aristoteles. Eine Einführung in sein philosophisches Werk. Hildesheim, Zürich, New York: Georg Olms Verlag 2003. S. 48.

38 Bei Charpa findet man die Wiedergabe des griechischen Ausdruckes mit Begriffen wie ÄVerstand“, ÄWissen“, ÄErkennen“, ÄDenken“, ÄGeist“. ÄDa heißt es beispielsweise in der Nikomachischen Ethik, daß Menschen, die ihren Verstand (nus) beieinander hltten, nicht unsinnigen Schaden anrichten.“ S. 35f.

39 Ebd.

40 Charpa, S. 35f.

41 Ebd. ÄDie wissenschaftliche Erkenntnis ist immer wahr, weil notwendig; sie hat zwar als Gegensatz Falsch- heit, aber diese ist als unmöglich ausgeschlossen.“ Oder, um es mit Waibl/Rainer zu sagen: ÄWenn sie aus- nahmslos gilt und wenn ihr Gegenteil nicht gedacht werden kann.“ WAIBL, Elmar und RAINER, Franz-Josef: Basiswissen Philosophie in 1000 Fragen und Antworten. Wien: Facultas Verlags- und Buchhandels AG 2007. S. 34-45.

42 Vgl. ebd. Inwieweit vollzieht sich innerhalb dieses Stufensystems ein Übergang von der intuitiven zu der begrifflichen Wahrnehmung und an welcher Stufe lässt sich dieser konkret festmachen? Auf der Grundstufe erfolgt Wahrnehmung sinnlich und intuitiv, sie benötigt die direkte Anschauung und ist immer wahr. Die zweite Stufe kennzeichnet das Wahrnehmen von Vorstellungen oder Einbildungen, welches wiederum intuitiv erfolgt, allerdings immer auch wahr oder falsch sein kann, da bereits eine Form der geistigen Wahrnehmung greift, die eine Vernunfttätigkeit voraussetzt. Insofern markiert das Denken oder Annehmen als dritte Stufe der Wahrneh- mung einen funktionalen Übergang von dem intuitiven zum diskursiven Erkennen. Auf dieser Stufe angestellte Vermutungen oder Meinungen können immer wahr oder falsch sein, da ihnen begrifflichen Wahrnehmungen zugrunde liegen. Jedoch kann diese geistige Wahrnehmung intuitiv erfolgen, beispielsweise beim Verstehen oder eben diskursiv, wenn sie auf abstrakte Überlegungen abzielt. Die vierte und letzte Stufe der Wahrnehmung quali- fiziert ein Wissen im Sinne eines wissenschaftlichen Verständnisses, das immer wahr und überwiegend diskursiv ist. Diese Stufe schließt sowohl das Betrachten und theoretische Erkennen als auch das Verständig-/Klugsein und das Denken und Einsehen ein. Hlufig werden sie synonym mit Äepistasthai“ verwendet und bezeichnen zusam- men mit ihm einen abgeschlossenen Erkenntniszustand. Bezogen auf Ädie intuitive Erkenntnis der Prinzipien“42 haben sie neben dem diskursiven auch einen intuitiven Aspekt.

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Details

Titel
„daz er mit liehten ougen / sîner ougen lougen“ - Wahrnehmung und Wirkung in der Petitcreiuepisode aus dem „Tristan“ Gottfrieds von Straßburg
Hochschule
Technische Universität Dresden
Note
1,0
Autor
Jahr
2011
Seiten
41
Katalognummer
V187087
ISBN (eBook)
9783656102403
ISBN (Buch)
9783656102502
Dateigröße
862 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Hauptseminararbeit zum Hauptseminar: Gottfried von Straßburgs "Tristan"
Schlagworte
Tristan, Gottfried, Petitcreiu, Hündchen, Minnegabe, Isolde, Wahrnehmung, Wirkung, Minne
Arbeit zitieren
Luisa Weist (Autor), 2011, „daz er mit liehten ougen / sîner ougen lougen“ - Wahrnehmung und Wirkung in der Petitcreiuepisode aus dem „Tristan“ Gottfrieds von Straßburg, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/187087

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