Klarheit und gute Nachbarschaft

Die EKD-Schrift und die durch sie ausgelösten Kontroversen


Examensarbeit, 2011

42 Seiten, Note: 3


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. EINLEITUNG

2. ZUSAMMENFASSENDE DARSTELLUNG DER EKD-HANDREICHUNG „KLARHEIT UND GUTE NACHBARSCHAFT“
2.1 VORWORT UND EINLEITUNG
2.2 EVANGELISCHE CHRISTEN IN DER BEGEGNUNG MIT MUSLIMEN
2.3 MUSLIME IN DER DEMOKRATIE - SPANNUNGSBEREICHE GESELLSCHAFTLICHER INTEGRATION
2.4 MUSLIME IN DEUTSCHLAND - SPANNUNGSBEREICHE DES PRAKTISCHEN ZUSAMMENLEBENS
2.5 ORGANISIERTER ISLAM
2.6 ZIELE UND INHALTE INTERRELIGIÖSER ZUSAMMENARBEIT
2.7 AUSBLICK

3. DIE KONTROVERSE DISKUSSION UM DIE HANDREICHUNG
3.1 DIE KRITIK AN DER HANDREICHUNG VON MUSLIMISCHER SEITE
3.2 DIE KRITIK AN DER HANDREICHUNG VON CHRISTLICHER SEITE
3.3 DIE VERTEIDIGUNG DER HANDREICHUNG

4. DISKURSETHISCHE ÜBERLEGUNGEN ZU DEN DURCH DIE HANDREICHUNG AUSGELÖSTEN KONTROVERSEN

5. RESÜMEE

6. LITERATURVERZEICHNIS
6.1 MONOGRAPHIEN
6.2 SAMMELWERKE
6.3 BEITRÄGE IN SAMMELWERKEN
6.4 ZEITSCHRIFTENARTIKEL
6.5 DOKUMENTE AUS DEM INTERNET

1. Einleitung

Die EKD-Handreichung „ Klarheit und gute Nachbarschaft “1 hat hohe Wellen geschlagen. Bei muslimischen Verbänden, aber auch innerhalb der Kirche hat die Schrift für zahlreiche Kontroversen gesorgt.

In der vorliegenden Arbeit soll die Schrift in ihren Grundzügen dargestellt werden. Anschließend werden die verschiedenen Perspektiven beleuchtet, wobei zunächst die Kritik von muslimischer und christlicher Seite zur Sprache gebracht wird. Dem folgt die Darstellung der Reaktionen der Autoren2 und Befürworter der HR. Zielpunkt der Arbeit liegt in dem Versuch einer kritischen Betrachtung des Dialoggeschehens, der in Schlussbemerkungen zur Zukunft des Dialogs mündet.

Aufgrund der Themenstellung liegt der Schwerpunkt der Arbeit nicht auf einer Untersuchung der kontrovers diskutierten systematisch-theologischen Grundfragen, die v.a. den christlichen Offenbarungs- und Wahrheitsbegriff, das Missionsverständnis sowie das trinitarische Gottesverständnis betreffen würden. Eine Abhandlung wäre - wie aus den diskursethischen Überlegungen hervorgeht - notwendig, ist aber leider im Hinblick auf den begrenzten Umfang dieser Arbeit nicht zu leisten.

Die Beiträge zur Diskussion um die HR und die darin verhandelten Themen wurden z.T. in stark emotionalem Ton geführt. Im Versuch der jeweiligen Sichtweise gerecht zu werden wurde für eine möglichst sachliche Darstellung versucht eigene Einschätzungen zurück zu halten. Daher erklärt sich der relativ hohe Anteil an Zitaten, durch den die jeweilige Position möglichst originalgetreu zur Geltung gebracht werden soll.

2. Zusammenfassende Darstellung der EKD-Handreichung „Klarheit und gute Nachbarschaft“

2.1 Vorwort und Einleitung

Im Vorwort der HR (7-11) erläutert der damalige Ratsvorsitzende der EKD, Wolfgang Huber, die Absicht und Vorgehensweise der HR. Die HR solle den „ Mitgliedern der evangelischen Kirche und der gesellschaftlichen Ö ffentlichkeit zur Orientierung dienen “ und ein „ Beitrag zum Gespräch mit Muslimen in Deutschland “ (7) sein, so Huber. Er weist ausdrücklich darauf hin, dass die HR sich als Fortschreibung der im Jahr 2000 erschienenen HR „ Zusammenleben mit Muslimen in Deutschland “3 versteht und diese weiterhin in Kraft bleibe.

Der Ratsvorsitzende begründet die Notwendigkeit einer weiteren HR durch gesellschaftliche Entwicklungen und neue Fragestellungen (Terroranschläge, Kopftuchstreit im Schuldienst, verstärkte Bemühungen der Verankerung des Islams in der Gesellschaft u.a.). Diese seien im Jahr 2000 noch nicht vorhersehbar gewesen. Huber betont das Vertrauen, welches durch vielfältige Kooperationen entstanden sei und bedauert, dass dieses medial so wenig Wertschätzung erfahre. Er merkt aber auch an, dass durch die vielfältige Gestalt, in der der Islam auftritt, Irritationen, Konflikte und Ängste entstünden, denen nicht leicht zu begegnen sei, da sich aufgrund der verschiedenen Interpretationen „ zuweilen nicht eindeutig feststellen lässt, was im Islam gilt “ (9). Nach Huber will die HR „ Respekt für den Glauben und die Überzeugungen von Muslimen “ vermitteln, welcher aber auch „ kritische Rückfragen “ im Hinblick auf die „ grundlegenden Menschenrechte “ einschließe. Er sieht in der HR einen Versuch solche „ Zusammenhänge zu durchdenken “ (9) und die Einladung zum Gespräch (11).

In der Einleitung (12-14) wird nochmals die gesellschaftliche Entwicklung aufgegriffen und der Anschluss an die Handreichung von 2000 betont. Die Autoren verweisen darauf, dass sowohl Christentum als auch Islam ihrem Selbstverständnis nach missionarische Religionen sind und sich somit wechselseitig in Frage stellen. Die Erarbeitung einer Theologie der Religionen könnte daher ein wichtiger Schritt auf dem Weg sein ‚gute Nachbarschaft‘ in einer solchen Konkurrenzsituation zu leben (12).

Zusätzlich wird auf die 2003 veröffentlichten Leitlinien der EKD zum „ Christlichen Glauben und den nichtchristlichen Religionen “4 verwiesen, denen „ im Hinblick auf das spezifisch evangelische Profil einer Theologie, die sich dem Islam zuwendet, weitere Akzente “ (12) hinzugefügt werden sollen.

Die Basis für ein gelingendes Zusammenleben sieht die HR in der „ Rechtsordnung unseres freiheitlichen und sozialen Verfassungsstaates “ (13). Die EKD wisse sich diesen Prinzipien verpflichtet und verstehe sich aufgrund der Nächstenliebe, zu der sie ihr Glaube verpflichtet, als „ Anwältin der Achtung aller Menschen “ (13). Ziel im Umgang mit anderen Religionen und Menschen anderer Weltanschauungen solle „ ein selbstverständliches Zusammenleben in gegenseitiger Achtung und die Wahrnehmung gemeinsamer Aufgaben “ (13) sein.

Die HR hält fest, dass die überwiegende Mehrheit der Muslime in Deutschland diese Auffassung teile, hebt aber auch hervor, „ dass etliche von ihnen gro ß e Probleme mit der gesellschaftlichen und sozialen Integration in unserem Land haben “ (13). Diesen „ Spannungsbereichen “ im gesellschaftlichen Miteinander wolle sich die EKD in dieser HR schwerpunktmäßig stellen, sie analysieren, dabei mutig auch „ unangenehme Wahrheiten und Realitäten ansprechen “ (13) und „ die Begegnung, das Gespräch und die Zusammenarbeit bei der Lösung der Probleme suchen “ (14). Mit ihr ruft sie „ zu einem Dialog auf allen Ebenen [auf], der Vertrauen zueinander wachsen lässt [ … ] [denn dazu] gibt es keine zukunftsträchtige Alternative “ (14).

2.2 Evangelische Christen in der Begegnung mit Muslimen

Im ersten Kapitel wird zunächst das Verhältnis zwischen christlicher Mission, Wahrheitsanspruch und Dialog entfaltet. Mission wird dabei als „ Botschaft von Gottes Rechtfertigung aller Welt “ (15) verstanden. „ Sie bedeutet mehr als respektvolle Begegnung “ und „ umfasst das Zeugnis vom dreieinigen Gott, der den Menschen durch Jesus Christus zu wahrer Menschlichkeit befreit “(15). Christen begegnen den Muslimen als „ Gottes geliebte Geschöpfe “ und „ werden sich für die Respektierung der Muslimischen Gemeinschaft einsetzen “ (15). Den Verfassern der HR ist es in Anlehnung an 2. Kor 5,20 wichtig, dass „ Einladung und Bitte [ … ] Grundformen christlicher Mission “ sind, denen „ unduldsamer Zwang fremd ist “ (16). Sie konstatieren, dass dieses christliche Glaubenszeugnis notwendigerweise seinen Platz in der Begegnung haben muss. Denn auch wenn Christen „ diese Wahrheit weder besitzen nochüber sie verfügen “ , könne die Kirche sich nicht einem pluralistischen Wahrheitsverständnis unterwerfen, sondern sei zur Verkündigung der „ Wahrheit Gottes “ aufgerufen, die „ sich in Jesus Christus und in der Kraft des Geistes allen Menschen zu ihrem Heil zuwendet “ (17). Gerade wegen und nicht nur trotz dieses im Glaubensverständnis begründeten Wahrheitsanspruchs, sei die EKD zur Toleranz gegenüber anderen Religionen verpflichtet, da auch Gott andere Religionen „ duldet[ … ], indem er Raum und Zeit gibt, um seine Liebe kennen zu lernen “(17).

Im folgenden Abschnitt „ Chancen und Grenzen des Glaubens an den ‚ einen Gott ‘“ (18f) wird festgehalten, dass Muslime und Christen nach ihrem jeweiligen Verständnis an den ‚einen Gott‘ glauben. Dennoch wird die Tragweite dieser Gemeinsamkeit angesichts der offensichtlichen Differenzen im Gottesbild skeptisch beurteilt. Denn auch wenn Jesus im Koran hohe Wertschätzung erfahre, würden Muslime „ weder die Trinitätslehre noch das Christusbekenntnis und die christliche Heilslehre “(18) kennen. Die Differenzen werden für so gravierend gehalten, dass die HR in Anlehnung an ein Lutherzitat des großen Katechismus resümiert: „ Ihr Herz werden Christen [ … ] schwerlich an einen Gott hängen können, wie ihn der Koran beschreibt und wie ihn Muslime verehren “ (19). Trotz dieser eindeutigen Aussage weist die HR zugleich auf die Einsicht der in 2000 erschienenen HR hin, „ dass sich der Gott der Bibel auch Muslimen nicht verborgen hat “, auch wenn diese „ Spuren “ Gottes keine ausreichende Basis für eine „ gemeinsame Verkündigung oder Frömmigkeitspraxis “ (19) begründen.

Als „ Intentionen der evangelischen Kirche bei der Begegnung mit Muslimen “ (19-21) werden die Wünsche geäußert, sich gemeinsam mit den Muslimen „ weltweit für den Frieden ein[zu]setzen “ und die „ Weltverantwortung von Christen und Muslimen “ aktiv zu leben, da diese „ sich aus dem Glauben an Gott den Schöpfer “ (20) und aus der gemeinsamen Vorstellung eines Endgerichts am Ende der Zeiten ergäben.5

Die HR beschließt diesen Teil mit dem Hinweis, dass im Dialog aus „ Liebe zur Wahrheit kritische Fragen [ … ] nicht vermieden werden können “ (21). Dabei sei sich die evangelische Kirche laut HR bewusst, dass auch sie erst im Laufe der Geschichte gelernt habe mit der eigenen Tradition kritisch umzugehen und „ wirbt deshalb in der Begegnung mit Muslimen darum, [ … ] kritische[n] Fragen [ … ] nicht als Angriff auf den Islam und seine kulturelle und religiöse Identität zu verstehen “ , [denn] „ im Vordergrund steht, was beide Religionen mit ihrer Gottesbeziehung zur Bereicherung und Intensivierung des Lebens von Menschen in unserer Gesellschaft beitragen können “ (21).

2.3 Muslime in der Demokratie - Spannungsbereiche gesellschaftlicher Integration

Als Hindernisse für die Integration werden von den Autoren der HR bestimmte Auffassungen im Islam verstanden, die es Muslimen erschweren würden, sich in die pluralistische Gesellschaftsstruktur einzugliedern. „ Die muslimische Identität “ sei laut HR in einer „ kulturellen Welt verwurzelt “, die die Aufklärung und die „ Bildung eines säkularen Staatswesens im Ganzen nicht so vollzogen hat wie das Abendland “ (22). Da eine zunehmende Skepsis gegenüber Religion in der Gesellschaft zu beobachten sei, wäre es „ der evangelischen Kirche [ … ] willkommen, wenn der Islam als eine Religion mitüber drei Millionen Anhängern in Deutschland als humanisierende Kraft [ … ] wirksam würde “ (23). Gerade gegenüber einer säkularen Öffentlichkeit würde sich Muslimen und Christen „ die gemeinsame Herausforderung “ stellen „ ihren Glauben so zur Geltung zu bringen, dass ihre Menschlichkeit und Verantwortung vor Gott gefördert wird “ (23).

Unter dem Abschnitt, „ Die Rolle der Religionen im säkularen Rechtsstaat “ (23-32) werden nun kritische Anfragen gestellt, ob sich der Islam mit der Trennung von Staat und Religion sowie der freiheitlichen Grundordnung des Rechtsstaates und den demokratischen Prinzipien in Einklang bringen lasse. Die Muslime, insbesondere die Verbände, werden in diesem Zusammenhang aufgerufen, dies für sich zu klären und sich zu diesen nicht verhandelbaren Werten öffentlich zu bekennen, da sich die EKD durch widersprüchliche Auskünfte und Meinungsäußerungen von islamischen Gruppierungen in diesen Punkten Klarheit wünsche. Um aufzuzeigen, dass dies universal und nicht nur von Muslimen gefordert werde, wird wiederum auf die EKD verwiesen, die diese Grundwerte selbst erst in einem längeren Prozess verinnerlicht habe. Einen ähnlichen Prozess wünscht sich nun die EKD von den in Deutschland lebenden Muslimen.

In der folgenden Passage zur „ Religionsfreiheit als Grundrecht “ (27-31) bekennt sich die EKD zu der Religionsfreiheit, wie sie in Art. 4 des Grundgesetzes verankert ist und bittet muslimische Verbände, die in ihren Herkunftsländern Einflussmöglichkeiten besitzen, sich auch dort für diese einzusetzen. Die Religionsfreiheit müsse auch die „ Freiheit zum Religionswechsel “ (31f) einschließen, wie es auch die Islamische Charta des ZMD von 2002 bekennt.6 Die HR weist aber auch darauf hin, dass der Religionsfreiheit dort Grenzen gesetzt werden müssen, wo sie die Grundrechte anderer Menschen verletzt oder die von der Verfassung vorgegebenen Gesetze missachtet.7

Im Abschnitt „ Menschenrechte und Islam “ (32-42) wird das Verhältnis der Grundlagen islamischen Rechts, insbesondere der Scharia und den Menschenrechten untersucht. Der Fokus liegt dabei auf vermeintlichen Konfliktfeldern, wie beispielsweise den Rechten religiöser Minderheiten und Konvertiten, Fragen des Strafrechts und der Stellung der Frau.

Zunächst wird jedoch erläutert, was die Scharia darstellt: Sie enthalte sowohl allgemeines Strafrecht als auch Anweisungen für das Verhalten in Familie, Gesellschaft und Gottesbeziehung. Ihre Quellen werden angeführt und dabei festgehalten, dass der „ religiöse Teil der Scharia [ … ] in der Regel nicht in Konflikt mit dem deutschen Grundgesetz “ stehe. Probleme sehen die Verfasser der HR „ vornehmlich im Strafrecht sowie im Ehe- und Familienrecht [ … ], weil sie nach muslimischer Auffassung als Gesetz Gottes prinzipiellüberall gilt, also auch in westlichen Ländern “ (34). Undenkbar für die EKD sind „ Scharia-Gerichte oderähnliche Institutionen “ . Unverständnis wird zudem hinsichtlich der Menschenrechtsverletzungen in anderen Ländern geäußert, die unter Berufung auf die Scharia geschehen. Hinzu komme, dass der Koran und die Scharia den islamischen Menschenrechtserklärungen meist vorgeordnet seien, wie es z.B. die Kairoer Menschrechtserklärung von 1990 zeige. Dies bedeute, dass die Menschenrechte „ nur innerhalb des durch das islamische Gesetz abgesteckten Rahmens anerkannt sind “ (36).

Besorgt zeigt sich die HR außerdem über die Rolle religiöser Minderheiten in Ländern, in denen die Scharia als Basis der Gesetzesgrundlage gilt, da die Nichtachtung der Scharia als religiöses Delikt bzw. fehlende Loyalität gegenüber dem Staat ausgelegt werden könnte. Dies gelte v.a. auch für die Apostasie, die nach Auffassung der Scharia kein „ privater Religionswechsel, sondern [ … ] Hochverrat “ darstellt. Trotz anderweitiger moderater Interpretation der Scharia ist für die Autoren der HR nicht erkennbar, welche Deutungen der Scharia sich weltweit durchsetzen werden.

In Bezug auf die Stellung der Frau meint die HR, dass „ von muslimischen Theologen betont wird, dass die Scharia Gerechtigkeit zwischen den Geschlechtern schaffe und der Frau Würde und Ehre schenke “ , aber stattdessen die Gesetzgebung in Folge der Scharia „ ein Rechtsgefälle mit sich [bringe], das den Mann deutlich bevorzugt und die Frau diskriminiert “ 8 (40).

Es folgt ein Abschnitt, der sich mit „ religiös legitimierter Gewalt und dem Friedensauftrag der beiden Religionen “ (42-46) beschäftigt. In ihm wird auf die Spannung verwiesen, die aus den Erfahrungen islamistischen Terrors einerseits und der Verurteilung des Terrors durch islamische Gruppierungen andererseits entstünde. Unterschiedliche Auffassungen des Dschihads und das Nebeneinander von zur Gewalt aufrufenden und friedfertigen Versen im Koran bedürften deswegen „ einer Klärung, wie der Islam zu Krieg und Gewalt sowie Frieden und Versöhnung steht “ 9 ( 43).

Das zweite Kapitel der HR schließt mit Überlegungen zum Zusammenspiel von „Religion, Migration und Integration“. Die EKD begrüße in diesem Zusammenhang eindeutig die Zuwanderung, die in den letzten Jahrzehnten in Deutschland sichtbar wurde. Dies zeige sich in ihren vielfachen Migrationsdiensten, Asyl- und Flüchtlingsinitiativen. Trotzdem fordert sie, dass sich die Zugewanderten neben dem Erwerb von Grundkenntnissen in Sprache, Gesellschaft und Kultur auf die „ Anerkennung der fundamentalen Verfassungsprinzipien “ verpflichten lassen (47). Sie warnt vor der Ausbildung von Parallelgesellschaften, in denen Menschenrechte vernachlässigt werden könnten, weil sie sich staatlicher Ordnung entziehen würden.

Abschließend halten die Verfasser der HR fest, dass „ die Mehrheit der Muslime in Deutschland [ … ] um Integration bemüht [ist] und [ … ] die Demokratie des Grundgesetzes “ bejahe (50). Darüber hinaus würden sie auf vielfältige Weise einen wertvollen Beitrag zum gesellschaftlichen Leben in Deutschland leisten. „ Das verdient ausdrücklich Respekt und Unterstützung.“(50) Muslime, wie Nicht-Muslime werden aufgefordert, Toleranz einzuüben, indem sie einander respektvolle Offenheit entgegen bringen um gegenseitige „ Fragen, Irritationen und Kritik [ … ] zu hören und zu bedenken. “ (50)

2.4 Muslime in Deutschland - Spannungsbereiche des praktischen Zusammenlebens

Im dritten Kapitel (51-77) verhandelt die HR kontroverse Fragen in Bezug auf das Ehe- und Familienleben, insbesondere das Verhältnis der Geschlechter und Generationen, das Miteinander in öffentlichen Bildungseinrichtungen sowie Konfliktfelder im religiösen Gemeinschaftsleben, die beim Bau einer Moschee, der Praxis eines öffentlichen Gebetsrufs oder der Überlassung kirchlicher Gebäude auftreten können. Darüber hinaus reflektiert die HR die Herausforderungen, die durch Inanspruchnahme und Mitarbeit von Muslimen in der kirchlichen Diakonie entstehen. Das Kapitel wird durch Überlegungen zum unterschiedlichen Umgang mit Tod und Sterben abgeschlossen, die sich besonders in der Bestattungskultur zeigen.

Im Teilkapitel über das Ehe und Familienleben (51-59) warnt die HR erneut vor Gefahren, die dem aus der Scharia abgeleiteten Ehe- und Familienbild innewohnen und die Rechte der Frauen einschränken würden. Es wird darauf aufmerksam gemacht, dass in Deutschland eine rechtsgültige Ehe nur vor dem Standesamt und nicht vor einem Imam geschlossen werden könne. Die Praxis arrangierter Ehen wird kritisch hinterfragt. Von christlich-muslimischen Ehen wird abgeraten, in jedem Fall solle aber eine Beratung vorangehen um über Konsequenzen aufzuklären.

Kindertagesstätten würdigt die HR als Orte der Integration und fordert für die Ausbildung mehr Berücksichtigung von interkulturellen Fragestellungen. Um das konfessionelle Profil evangelischer Einrichtungen zu erhalten, wird geraten, nur Mitglieder der ACK anzustellen (59-60). Die Einrichtung von islamischem Religionsunterricht begrüßt die HR, verweist jedoch auf die Verantwortung der Muslime für notwendige rechtliche Voraussetzungen zu sorgen (61f). Im Kopftuchstreit bestätigt die HR, unter Verweis auf innerkirchliche Bedenken, die Stellungnahme des Rates der EKD zu dem von dem Bundesverfassungsgericht getroffenen Urteil (62-65).

Zum Bau von Moscheen in Deutschland mahnt die HR zu mehr Gelassenheit und wünscht sich mehr gegenseitiges Verständnis (65-67). Beim öffentlichen Gebetsruf finde die Ausübung der Religionsfreiheit in den Grundrechten anderer Bürger ihre Grenzen, sodass die rechtlichen Bedingungen bezüglich Lautstärke eingehalten werden müssen (67f). Eine Überlassung kirchlicher Räume sei im Einzelfall möglich, von der Überlassung gottesdienstlich genutzter Räume wird abgeraten, denn „ bei Kirchengebäuden sollte ein Nutzung ausgeschlossen sein, die dem Symbolwert eines Kirchengebäudes widerspricht “ ( 69).

Muslimische Initiativen, diakonische Dienste einzurichten, werden willkommen geheißen. Die kirchliche Diakonie wende sich allen Menschen unabhängig von ihrer Religionszugehörigkeit zu, besitze jedoch ihr spezifisch evangelisches Profil (71-74). Muslime stellen dabei mit ihrer Prägung eine Herausforderung dar, denen die Diakonie rücksichtsvoll und „ kultursensibel “ begegnen wolle. Allerdings könnten diakonische Dienste aufgrund der eigenen „ christlichen Grundausrichtung [Muslime] nicht aktiv in der Ausübung religiöser Pflichten unterstützen “ (73). In der Regel solle die Diakonie Christen einstellen, die sich mit dem Profil identifizieren können. Muslimische Mitarbeitende könnten jedoch wertvolle Vermittlungsfunktionen übernehmen.

In den Überlegungen der HR zum Kontext des Sterbens und dem Aufeinandertreffen der Religionen auf Friedhöfen werden Informationen zu den verschiedenen Traditionen zusammengetragen. Die HR legt Wert darauf, die christliche Identität kirchlicher Friedhöfe und Kapellen zu erhalten. Allerdings solle „ in der Art der Zuwendung [ … ] für Angehörige anderer Religionen erfahrbar sein, dass die christliche Heilsbotschaft allen Menschen gilt “ (76).

2.5 Organisierter Islam

Die EKD ist schon seit Langem mit Vertretern des organisierten Islams im Gespräch. Dieses Engagement diene „ der Erkundung von Möglichkeiten gleichgerichteten Handelns zum Wohle der Gesellschaft “ (77) und sei ein sichtbares Zeichen für die Religionsfreiheit. In diesem Kapitel (77-105) werden die vielfältigen Formen des Islams in Deutschland skizziert und die daraus folgenden Möglichkeiten und Schwierigkeiten für den Dialog reflektiert.

Die HR weist auf Risiken hin, die ein Gespräch mit muslimischen Gemeinschaften beinhaltet, deren Intentionen unklar sind. Denn es könnten dadurch Personen oder Verbände islamisch-fundamentalistischer Prägung aufgewertet werden. Trotz gebotener Sorgfalt dürften solche Risiken das Gespräch nicht verhindern (78). Ähnlich wie beim islamischen Religionsunterricht sieht die EKD die Muslime in der Verantwortung, die Voraussetzungen für die Anerkennung als Körperschaft öffentlichen Rechts zu bringen. Rechtliche Zugeständnisse lehnt sie ab, da eine Abwertung aller solcher Körperschaften in der Folge befürchtet wird (79-81).

Die HR weist auf die Schwierigkeiten hin, die dadurch entstehen, dass vom Selbstverständnis des Islams her keine Mitgliedschaft zu einer Organisation nötig sei, was zur Folge habe, dass die Mehrheit der Muslime in Deutschland nicht organisiert sind. Trotzdem dürfe eine fehlende Repräsentation kein Hindernis darstellen, mit bestehenden Verbänden das Gespräch zu suchen (81-84). Der Blick auf die Leitungsstrukturen muslimischer Organisationen zeige, dass die Trennung ehrenamtlicher Vorstände, die die rechtlichen Dinge des Vereins vertreten und dem Imam, der für die religiösen Fragen zuständig ist, die Suche nach Dialogpartnern zusätzlich erschwere.

[...]


1 Die in der Arbeit verwendete Literatur wird mit Autor bzw. Herausgeber, Kurztitel und Erscheinungsjahr zitiert. Eine vollständige Literaturangabe findet sich im Literaturverzeichnis. EKD, Klarheit und gute Nachbarschaft. Die Handreichung selbst wird im Folgenden mit HR abgekürzt, nach Zitaten steht im Fließtext hier die Seitenzahl in Klammern.

2 Aus Gründen der Übersichtlichkeit und besseren Lesbarkeit wird in dieser Arbeit das generische Maskulinum verwendet. Die getroffenen Aussagen gelten jedoch immer für beide Geschlechter.

3 EKD, Zusammenleben

4 EKD, Christlicher Glaube

5 Allerdings wird an dieser Stelle auf die unterschiedlichen Konzeptionen des Endgerichts hingewiesen, die bei der Verständigung über ein gemeinsames Ethos erörtert werden müssten. Insbesondere die Vorstellung eines heilbringenden Märtyrertods ist zu diskutieren.

6 ZMD, Islamische Charta These11.

7 Dies könnte nach Auffassung der HR dort der Fall sein, wo z.B. der Scharia auf Grund ihrer religiösen Bedeutung Geltung als staatliches Recht eingeräumt wird (28) oder, wo die Meinungs-, Presse-, oder Kunstfreiheit aus Sorge vor der Verletzung religiöser Gefühle eingeschränkt werden soll (29). Einschüchterungen und Androhung von Gewalt könnten nicht geduldet werden und müssten staatlich geahndet werden (31).

8 Verwiesen wird auf Nachteile der Frau im Erb- und Familienrecht, bei Wahl eines nicht- muslimischen Partners und eine vermeintliche Gehorsamspflicht der Frau gegenüber dem Mann.

9 Dazu gehört eine Interpretation des Korans, die übereinstimmt mit der europäischen Verfassungswirklichkeit (pluralistische Gesellschaft, säkularer Rechtsstaat; Loslösung vom trad. Konzept des Dschihads), sowie eine selbstkritische Auseinandersetzung mit dem religiös motivierten Fanatismus.

Ende der Leseprobe aus 42 Seiten

Details

Titel
Klarheit und gute Nachbarschaft
Untertitel
Die EKD-Schrift und die durch sie ausgelösten Kontroversen
Hochschule
Ruprecht-Karls-Universität Heidelberg
Note
3
Autor
Jahr
2011
Seiten
42
Katalognummer
V187303
ISBN (eBook)
9783656127703
ISBN (Buch)
9783656131724
Dateigröße
604 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Der Dialog zwischen EKD und muslimischen Verbänden, Interreligiöser Dialog, Islam, EKD, Klarheit und gute Nachbarschaft, Muslimische Verbände, Islam in Deutschland, KRM, ZMD, ZIF, EKD Handreichung, Islam und Christentum, Literatur zum Dialog, Religionen
Arbeit zitieren
Kieren Christoph Jäschke (Autor:in), 2011, Klarheit und gute Nachbarschaft, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/187303

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