Antonin Artauds "Theatre de la Cruauté" - kann es heute ein heiliges Theater geben?


Hausarbeit, 1999
10 Seiten, Note: 2

Leseprobe

Inhalt:

1. Die Person Artauds

2. Das “Theatre de la Cruauté”
2.1 Cruauté, Grausamkeit, rohe Kraft
2.2 Metaphysik
2.3 Eigene Sprache, Chiffren, Realisation

3. Heiliges Theater bei Artaud und heute

1.Die Person Artauds

Antonin Artaud (1896-1948) veröffentlichte 1932 in Paris das erste Manifest “Le Théatre de la Cruauté”.Zusammen mit einem zweiten Manifest gleichen Titels, den Briefen über die Grausamkeit und dem Text “Schluss mit den Meisterwerken” wurde 1938 die berühmte Textsammlung “Das Theater und sein Double” herausgegeben. Artaud gilt als einer der wichtigsten Theatertheoretiker seiner Zeit- als die Antipode Bert Brechts.Seine Bezeichnung “Théatre de la Cruauté””, übersetzt mit “Theater der Grausamkeit” wurde, obwohl leicht irreführend, zu einem Schlüsselwort der Theaterästhetik des 20ten Jahrhunderts.1 Artaud, der wegen einer Meningitis in der Kindheit zeitlebens Opium zu sich nehmen musste, um seine Kopfschmerzen zu ertragen, arbeitete auch als Schauspieler, gab Unterricht und publizierte Zeitschriften. Ausserdem versuchte er seine Theatertheorie in die Praxis umzusetzen, was ihm jedoch nur in Ansätzen gelang. Artaud war psychisch krank und verbrachte grosse Teile seines Lebens in psychiatrischen Anstalten.Er war nichtsdestotrotz als Lyriker und Theaterschaffender angesehen und zählte zu den französischen Surrealisten um André Breton, bis er von diesen aufgrund seiner unpolitischen, aufs Metaphysische konzentrierten Auffassung des Surrealismus, verstossen wurde. Daraufhin gründete er mit Roger Vitrac und Robert Aron das Théatre Alfred Jarry, das es jedoch nur zu vier Inszenierungen brachte. 1935 gelang es ihm sein Stück “Les Cencis” aufzuführen. Er selbst spielte die Hauptrolle und führte Regie. Es war der einzige Umsetzungsversuch seiner Theatertheorie, der allerdings bei Kritik und Publikum auf Empörung und Unverständnis stiess.Danach verbrachte Artaud längere Zeit in einer Klinik, reiste nach Mexico und Irland, wo er Religion, Brauchtum und Astrologie studierte, und schliesslich starb er 1948 in einer Klinik in Ivry, nachdem er noch weitere Schriften zu seinem Theater der Grausamkeit geschrieben hatte.2

2. Das “Théatre de la Cruauté”

2.1 Cruauté, Grausamkeit, rohe Kraft

Die bizarren Schriften Artauds, die Theatertheorie und -kritik und gleichzeitig literarische Kunst sind, erschweren eine struktualisierte Beschreibung seiner Ideen.Artaud hatte tatsächlich ‘grausame’ Ansätze, er wollte sein Publikum mittels gewaltigen Darstellungen und Schock zum Erleben zwingen. Dies ist ein Teil seiner Theorie,bzw. seiner Überzeugung , jedoch nicht der zentrale Inhalt und Namensgeber seines Theaters. Der Begriff “Cruauté” wäre besser übersetzt mit “Rohheit” oder “roher Kraft”, denn mit “Grausamkeit”. Artaud selbst erklärt: ”Doch Theater der Grausamkeit bedeutet zunächst einmal Theater, das für mich selbst schwierig und grausam ist. Auf der Ebene der Vorführung handelt es sich nicht um jene Grausamkeit, die wir uns gegenseitig antun können, indem wir einander zerstückeln, (...) sondern um die sehr viel schrecklichere und notwendigere Grausamkeit, welche die Dinge uns gegenüber üben können. Wir sind nicht frei.”3. In Briefen, die er auf seine Manifeste folgen liess, wird Artaud noch deutlicher:”Das Wort Grausamkeit muss in einem weiten Sinn verstanden werden, nicht in dem stofflichen, räuberischen Sinn, der ihm gewöhnlich beigelegt wird. Vor allem ist die Grausamkeit luzid, sie ist eine Art unerbittlicher Führung, eine Unterwerfung unter die Notwendigkeit.(...) Ich gebrauche das Wort Grausamkeit im Sinne von Lebensgier, von kosmischer Unerbittlichkeit und erbarmungsloser Notwendigkeit, im gnostischen Sinne von Lebensstrudel, der die Finsternis verschlingt.”4

Um Artauds Begriff der Grausamkeit ganz zu verstehen, müssen seine Ziele sowie sein Blick auf das Theater seiner Zeit miteinbezogen werden. Sein Entwurf ist wesentlich mehr als eine reine Theatertheorie, er ist eine grundsätzliche Kritik am abendländisch- aufgeklärten Denken, am vernunftbetonten Humanismus, und an den entsprechenden, in seiner Zeit vorherrschenden Theaterformen, der Aufführung der “Klassiker” oder wie Artaud sagt “Meisterwerke”. In seinem Aufsatz “Schluss mit den Meisterwerken” sagt er:”Wenn Shakespeare und seine Nachahmer uns auf die Dauer die Vorstellung von einer Kunst um der Kunst willen eingeredet haben, mit der Kunst auf der einen und dem Leben auf der anderen Seite, so könnte man sich getrost auf dieser wirkungslosen und faulen Vorstellung ausruhen, solange nur das Leben draussen standhielte. Zu viele Anzeichen lassen jedoch erkennen, dass wir allesamt verrückt, verzweifelt und krank sind. Und ich fordere uns auf dagegen anzugehen.”5

Artaud meint ein lebendiges Theater, ein Theater der rohen Lebensenergie, das keine Rücksicht nimmt auf Werke, sondern aus den rohen, unbehauenen Schöpferkräften entsteht und mit der Wirklichkeit verschmilzt, ein Theater, das die Trennung von Kunst und Leben aufhebt.”Die toten Dichter sollen ihren Platz anderen überlassen. Wir werden schon sehen, dass gerade unsere Verehrung dessen, was bereits getan ist, (...) uns versteinert, uns festlegt und uns daran hindert mit der darunter befindlichen Kraft Kontakt aufzunehmen(...). Unter der Poesie der Texte gibt es die ganz einfache Poesie, ohne Form und ohne Text.”6 Diese darunterliegenden Kräfte sind die Schöpfungsquelle des Theater- schaffenden, der damit Autor und Regisseur in einer Person vereinen muss; sie sind “unerbittliche Führung” im Probenprozess und Stückverlauf für Schauspieler und Regisseur; und sie sind Attacke des Zuschauers, indem ihr Ausbruch bei der Aufführung beim Publikum geistige und körperliche, schockartige Wirkungen hervorrufen soll, denen sich niemand entziehen kann. Dies ist die Grausamkeit des Artaudschen Theaters.

2.2 Metaphysik

Die Entfesselung dieser rohen Kräfte dient einem Ziel: der Transformierung des Schauspielers und des Publikums im magischen Schmelztiegel des Theater- ereignisses. Artaud sagt:” Bei dem Degenerationszustand, in dem wir uns befinden, müssen wir die Metaphysik via Haut wieder in die Gemüter einziehen lassen.”7 Abgesehen von der Gesellschaftskritik, dass die Menschen seiner Zeit degeneriert seien, weist dieses Zitat auf zwei zentrale Elemente seines Theaterentwurfs hin: 1.Auf das Mittel, die Grausamkeit, im Sinne des Auslösens von Schock und Provokation nicht nur des Intellekts, sondern eben auch der Provokation sinnlicher, physischer Reaktionen.; und 2. auf das Ziel, die Metaphysik den Menschen nahezubringen, d. h. eine Wahrnehmung tiefer geistiger Erfahrungen zu ermöglichen.

[...]


1 vgl. Sucher, B. C.:Theaterlexikon (Bd.2). München: dtv 1995, S.420

2 vgl. Brauneck, M.: Theater im 20ten Jahrhundert. Programmschriften, Stilperioden, Reformmodelle. Reinbek 1986, S.464-479

3 Artaud, A.: Schluss mit den Meisterwerken. 1933, zit. in: Brauneck : Theater im 20ten Jahrhundert , S.409

4 Artaud, A.: Briefe über die Grausamkeit. 1938, zit.in: Sucher: Theaterlexikon, S.421

5 Artaud, A.: Schluss mit den Meisterwerken. 1933, zit. in: Brauneck:a.a.O., S.407

6 Artaud,A.: Schluss mit..., zit. in: Brauneck: a.a.O., S.408

7 Artaud,A.: Das Theater der Grausamkeit (Erstes Manifest).1932. zit. in Brauneck: a.a.O., S.403

Ende der Leseprobe aus 10 Seiten

Details

Titel
Antonin Artauds "Theatre de la Cruauté" - kann es heute ein heiliges Theater geben?
Hochschule
Ludwig-Maximilians-Universität München  (Theaterwissenschaft)
Note
2
Autor
Jahr
1999
Seiten
10
Katalognummer
V18791
ISBN (eBook)
9783638230575
Dateigröße
443 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Artaud wollte mit seinem sog. Theater der Grausamkeit das Bewusstsein der Menschen verändern, und zwar nicht nur intellektuell, sondern als tiefgreifende Katharsis. Hier finden sich Parallelen zu den Ursprüngen des Theaters im Ritual und zu Brooks &quot,Heiligem Theater&quot,. Ist ein solches, anti-intellektuelles, undistanziertes, ergreifendes Theater heute noch oder wieder denkbar?
Schlagworte
Antonin, Artauds, Theatre, Cruauté, Theater
Arbeit zitieren
M.A. Astrid Berger (Autor), 1999, Antonin Artauds "Theatre de la Cruauté" - kann es heute ein heiliges Theater geben?, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/18791

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