Hautkontakt und Ichbildung


Hausarbeit (Hauptseminar), 1997
15 Seiten, Note: 2

Leseprobe

Inhalt:

1.Die Haut

Aufbau und Entstehung

2.Hautstimulation und Geburt
2.1 bei Säugetieren
2.2 beim Menschen

3.Die Haut- Grenze des Ichs
3.1 Das Empfinden des Säuglings und sein Weg zur Ichbildung
3.2 Das Ich als Haut der Seele

4.Berührung heute

1.Die Haut

“Tatsächlich können alle fünf Sinne auf einen zurückgeführt werden - den Tastsinn, das Empfinden. Die Zunge und der Gaumen empfinden die Speise; das Gehör empfindet die Schallwellen; die Nase Gerüche; die Augen die Lichtstrahlen “ Mead \ Metraux Die Haut ist unser größtes und das erste funktionierende Sinnesorgan. Sie bildet die Hülle unseres Körpers und ist somit die Grenze zwischen Innen- und Außenwelt. Sie besteht aus mehreren Schichten (von außen nach innen):

- die Epidermis oder Hornschicht
- dieStachelzellschicht
- die Basalschicht
- die Cutis oder Lederhaut und
- die Isolierschicht mit Fettgewebe, die den Übergang zu den inneren Bereichen bildet.

Die Haut hat mehrere Funktionen: sie gewährleistet den Schutz des Organismus vor äußeren Einflüssen; dient als Sinnesorgan ( Tastsinn, taktile Wahrnehmung ), ist Temperaturregulator und Stoffwechselorgan.Der Tastsinn ist bereits beim 8Wochen alten Embryo durch Berührung an den Lippen und daraus folgendem Zurückweichen nachweisbar. Zu diesem Zeitpunkt ist der Embryo etwa 2,5 cm groß und hat weder Augen noch Ohren.

Später nimmt die Haut etwa 17,8 % des Gesamtgewichts eines Erwachsenen ( Neugeborene 19,7 % ) und 18000 cmD Fläche ein. Durchschnittlich befinden sich etwa 50 Tastkörperchen ( Nervenenden ), die Wahrnehmungsorgane der Haut, auf 100 mm2 Hautfläche. An den empfindlichsten Stellen, wie Lippen, Fingerspitzen und Zunge sind es bis zu 135.(vgl. Montagu, A. ;1971, S.7-8 ) Die Entwicklung der Haut dauert das ganze Leben an, alte Zellen werden permanent abgestoßen und durch neue ersetzt.Durch ihre Beschaffenheit vermittelt die Haut Informationen über den Menschen ( z.B. durch die Pigmentierung ,d.h. Hautfarbe;Falten; Narben;Elastizität; Grob- oder Feinporigkeit;u.s.w.).

Die taktile Wahrnehmung ist ständig vorhanden, d.h. wir nehmen dauernd Informationen über die Haut auf (z.B. Berührung durch Kleidung oder Luft) und wir können dies nicht abschalten, sowie wir die Augen schließen und uns Nase und Ohren zumindest zuhalten können. Selbst im Schlaf reagieren wir auf Informationen der Haut; z.B. durch Umdrehen bei Überhitzung einer Körperstelle.

Die Haut entwickelt sich aus der äußersten der drei embryonalen Zellschichten- dem Ektoderm. Aus demselben entstehen auch alle anderen Sinnesorgane, die Nervenbahnen, sowie das Gehirn. So ensteht ein eng verknüpfter Wahrnehmungsapparat: Haut (Informationsaufnahme), Nervenbahnen (Informationsweiterleitung) und Gehirn (Informationsverarbeitung). Innerhalb des Gehirns nehmen die Bereiche zur Verarbeitung taktiler Reize großen Raum ein. Dies weist laut Montagu auf die Vielfalt der Funktionen und die große Bedeutung des Organs Haut für den Organismus hin.(vgl. Montagu,A.,1971, S.11) Wie eng taktile Stimulierung tatsächlich mit der Bildung von Gehirnfunktionen, zu denen auch das Ich- Gefühl gehört, zusammenhängt, wird zur Zeit auf neurophysiologischer Ebene erforscht, und findet großes Interesse sowohl von wissenschaftlicher als auch von populärer Seite.(vgl. Artikel in Focus 3\1997, S105-111und Stern 10\1997, S.34-42) Verbindungen im Gehirn und zwischen den Nervenbahnen bilden sich nach der Geburt unter dem Einfluss einer Flut neuer Sinneswahrnehmungen. Zu diesen Wahrnehmungen gehören zuallererst solche taktiler Art. Sie bilden die Basis für die Entwicklung aller anderen Sinne. Das Erleben der ersten Berührungen, als erste Kommunikationsform, sowie im Sinne einer Sicherheit vermittelnden Basis, ist von grundlegender Bedeutung für die weitere Entwicklung der Sinne , der Nerven und des Gehirns; und damit auch dessen, was wir als unser “Ich” beschreiben.

2.Hautstimulation und Geburt

“Was wir durch die anderen Sinne wahrnehmen, ist nichts als eine glaubhafte Hypothese, die der Bestätigung durch unsere wirkliche Berührung mit ihr erst bedarf” Ashley Montagu

2.1 bei Säugetieren

Alle Säugetiere,außer den hochentwickelten Affen und den Menschen, lecken ihre Neugeborenen direkt nach der Geburt ab. Montagu beobachtete, daß ohne taktile Stimulation besonders der Region zwischen Geschlechtsteilen und After, die Jungen meistens an einem nicht arbeitendem Verdauungs- und Ausscheidungssystem sterben. (Montagu, 1971, S.18 ) Das Lecken der Neugeborenen dient also der Stimulierung der lebenserhaltenden Ssteme, auch der Atmung , auf dem Wege über die Haut. Montage, der viele Versuche mit Tieren anführt, bestätigt auch, daß z.B. Ratten, die im Labor mit Streicheln und Berührung aufgezogen wurden, im Vergleich zu berührungslos aufgezogenen Ratten größeres Gewicht, stärkere Aktivität, geringere Ängstlichkeit und größere Widerstandsfähigkeit gegen Belastungen und phsiologische Schäden zeigten.( Montagu,1971,S.22 ) Harlow wies in seinem Experiment mit jungen Äffchen nach, daß diese eine warme, weiche Ersatzmutter aus Frottee gegenüber einem Gestell aus Draht weitgehend unabhängig vom Nahrungsangebot bevorzugen.Er schreibt:”(...) Der Unterschied war sogar so groß, daß man in Erwägung ziehen mußte, ob die primäre Funktion des Säugens nicht die ist, eine häufige, innige körperliche Nähe von Mutter und Kind zu sichern.(...)”( Montagu,1971,s.32) Der intensive Körperkontakt von Mutter und Kind setzt sich bei den Affen noch lange fort ,durch Säugen, Anklammern, Putzen und Lausen. Montagu entwirft eine Entwicklungslinie vom Lecken über das Putzen und Lausen zum Streicheln.( Montagu,1971,S.34 ) Eibl-Eibesfeldt bestärkt diese Hpothese durch seine Beobachtungen bei den Eipo und Yanonami, deren Körperkontakt mit den Säuglingen bis zum zweiten oder dritten Lebensjahr nahezu permanent ist, und deren spätere Sozialkontakte Lausen und Streicheln mit einbeziehen.( vgl. Eibl-Eibesfeldt,1984,S.542-551)

2.2 beim Menschen

Bis auf den bekannten Klaps auf das Hinterteil (um die Atmung zu aktivieren) war beim Menschen der sog. zivilisierten Welt bis vor kurzem nicht viel an Hautstimulierung bei der Geburt geblieben. Wie aber kann das Neugeborene ohne die so bedeutende Stimulierung die lebenswichtigen Funktionen in Gang setzten? Montagu fand die Erklärung durch die Feststellung, daß der Mensch die längste Dauer des Geburtsvorgangs aller Säugetiere aufweist. Er stellt fest, daß der langanhaltende, rhytmische und starke Druck im Geburtskanal eine extreme Stimulierung der gesamten Haut bedeutet und sagt, daß:”(...)die Wehen eine Art des Streichelns sind, die der Säugling braucht.(...)”(Montagu,1971,S.52) Zur Unterstützung dieser Hypothese führt Montagu Beabachtungen an durch Kaiserschnitt zur Welt gebrachten Kindern an. Diese starben zwei- bis dreimal so häufig, hatten zehnmal häufiger eine schwere Erkrankung der Atmungsorgane, wurden träger und reaktionsschwächer, zeigten geringere vitale Schreikapazität und zeigten einige biochemische Unterschiede zu vaginal entbundenen Kindern.Im Alter von acht Jahren und später hatten sie öfter sprachliche Defekte, Angst vor der Schule und waren reizbarer und unruhiger.(Montagu,1971,S.48-50) Nun ist aber der Mensch ein sog. Tragling. Von allen Säugetieren kommt er am unausgereiftesten auf die Welt. Nach der sog. Uterogestation muß seine Entwicklung durch die Exterogestation,die Weiterentwicklung zur fast vollständigen Gehirngröße und zur Ausreifung aller Funktionen außerhalb des Mutterleibes,weiter gesichert werden.Das bedeutet , daß der fortgesetzte Hautkontakt notwendig ist. Ein Mangel an taktiler Stimulation in dieser etwa neun Monate dauerndenPhase führt zu einer mangelnden Aktivierung des Atmungs-, Verdauungs-, und Ausscheidungssystems und somit zu schwächerer Immunabwehr und häufigeren Erkrankungen, besonders der genannten Systeme und zu emotionellen Schäden. Die erschreckenden Folgen wurden durch sog. Flaschenkindern und die hohe Sterlichkeitsziffer in Waisenhäusern des 19ten Jahrhunderts aufgezeigt.(Montagu,1971,S.58 und 67) So kann gesagt werden,daß die langen Wehen dem Lecken der Jungen bei den Tieren entsprechen. Doch braucht das menschliche Neugeborene nach der Geburt eher noch mehr und Länger taktile Stimulation, da es wesentlich unfertiger und unselbstständiger als andere Säugetiere geboren wird.Durch Hautkontakt und das Gehaltenwerden , den Bedingungen in utero am nächsten, kann der Säugling beginnen seine Haut als Kommunikationsorgan und als die Begrenzung seines Wesens zu “be-greifen”und sich so auf den Weg zum eigenständigen Ich machen.

3. Die Haut - Grenze des Ichs

“ Die persönliche Identität hat nur insofern Substanz und Struktur, als sie ein Fundament in der Realität der körperlichen Empfindungen besitzt.” Ashley Montagu

Die Beziehung zwischen unserer Haut und Eigenschaften der Persönlichkeit (des Ichs) wird vielfach in der Alltagssprache deutlich. So ist ein “takt- loser” Mensch einer ohne Gefühl für die Grenzen anderer,und vielleicht auch ein Mensch mit zuwenig erfahrener “takt-iler” Stimulation.Im Französischen gibt es den Ausdruck “un ors mal leche´”( ein schlecht geleckter Bär),vergleichbar dem deutschen “ein ungehobelter Bursche”; also einer, der eine undifferenzierte Persönlichkeit aufweist, da er “schlecht geleckt”(zuwenig taktil stimuliert ) wurde.Man kann auch versuchen in “jemandes Haut zu schlüpfen” oder “jemandem das Fell über die Ohren zu ziehen”. Man kann sich wohlfühlen in seiner Haut oder “aus der Haut fahren wollen”. Es gibt “dickfellige Meschen” und solche “mit einer dünnen Haut”.Im Englischen sagt man “to get under ones skin”wenn etwas im Deutschen “auf die Nerven geht”.Und nicht zuletzt hat ein Erlebnis etwas mit unserer Person zu tun, wenn es uns “berührt”.

Doch was ist diese Person,oder das Ich,das ich bin? Es gibt Menschen,die zwei Iche haben (Schizophrene) oder mehrere (multiple Persönlichkeiten) . Für die meisten Menschen eher nachvollziehbar sind Zustände, in denen wir unsere eigene Identität suchen, in denen wir uns nicht sicher sind, was unser Ich ausmacht und wo seine Grenzen liegen. Die Ausbildung eines stabilen Ich-Gefühls dauert heute oft lange, wenn der Prozess auch in der Pubertät am intensivsten ist, so ist er doch bei vielen Menschen bis ins

Erwachsenenalter nicht abgeschlossen. Doch erst mit einem Gefühl von “Ich” können wir uns auf das “Andere” wirklich einlassen. Wie eng dieser Prozess mit Berührung und der Wahrnehmung über die Haut verknüpft ist soll im Folgenden gezeigt werden.

3.1 Das Empfinden des Säuglings und sein Weg zur Ichbildung

Mit der Geburt verändern sich die Umweltbedingungen drastisch. Bisher über die Nabelschnur versorgt mit Nahrung und Sauerstoff, gewärmt und weitgehend abgeschirmt von äußeren Einflüssen in der Gebärmutter, umgeben von Wasser, gab es nichts zu tun als zu wachsen. Mit der Geburt gelangt der noch unfertige Mensch , mit einem Gehirnvolumen von ca.330 cm2 (Erwachsene:1060 cm2 ) in völlig andere Bedingungen.

[...]

Ende der Leseprobe aus 15 Seiten

Details

Titel
Hautkontakt und Ichbildung
Hochschule
Ludwig-Maximilians-Universität München  (Pädagogik und Psychologie)
Veranstaltung
Ästhetische Erziehung
Note
2
Autor
Jahr
1997
Seiten
15
Katalognummer
V18794
ISBN (eBook)
9783638230605
Dateigröße
475 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Ashley Montagu hat überzeugend dargelegt wie essentiell Berührung und Hautkontakt für die Entwicklung des Menschen - nicht nur in der Kindheit - ist. Diese sind in unserer distanzierten, das Auge favorisierenden Kultur allerdings rar geworden. Didier Anzieu steigt noch tiefer ein, in die Parallelen und Zusammenhänge der Haut als unserer Grenze zur Welt und damit unserem grössten Kontaktorgan und dem Ich als psychische Institution der Vermittlung zwischen Innen und Aussen, Es und Über-Ich.
Schlagworte
Hautkontakt, Ichbildung, Erziehung
Arbeit zitieren
M.A. Astrid Berger (Autor), 1997, Hautkontakt und Ichbildung, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/18794

Kommentare

  • Noch keine Kommentare.
Im eBook lesen
Titel: Hautkontakt und Ichbildung


Ihre Arbeit hochladen

Ihre Hausarbeit / Abschlussarbeit:

- Publikation als eBook und Buch
- Hohes Honorar auf die Verkäufe
- Für Sie komplett kostenlos – mit ISBN
- Es dauert nur 5 Minuten
- Jede Arbeit findet Leser

Kostenlos Autor werden