Die Ausbildung von Weiblichkeit(en) und Männlichkeit(en) über somatische Kulturen.


Hausarbeit (Hauptseminar), 2002
28 Seiten, Note: 1+

Leseprobe

Inhalt:

1.Begriffsklärung, zugrundeliegende Theorien und Standpunkte
1.1. Gender - das soziale Geschlecht
1.2. Somatische Kultur

2. Die Verkörperung von Geschlecht
2.1. Die Geschlechtsspezifität somatischer Kulturen
2.2. Geschlechtliche und körperliche Prägung von Geburt an
2.3. Somatische Kulturen im Jugendalter
2.3.1. Die Aktualisierung von Körper und Geschlecht
2.3.2. Grundzüge somatischer Kulturen von Jungen
2.3.3. Grundzüge somatischer Kulturen von Mädchen

3. Die Wandelbarkeit geschlechtsspezifischer somatischer Kulturen Literaturverzeichnis

1. Begriffsklärung , zugrundeliegende Theorien und Standpunkte

1.1 Gender - das soziale Geschlecht

Die theoretische Basis dieser Arbeit bildet die sog. neue Geschlechtertheorie, entstanden aus den “gender studies” des angelsächsischen Raums, von den 70ger Jahren bis heute. Weiblichkeit(en) und Männlichkeit(en) auszubilden stellt sich hier als eine vom Individuum zu leistende soziale Konstruktion dar, die das herrschende bipolare Geschlechtersystem von seinem Mitgliedern verlangt. Zu Frauen oder Männern zu werden ist kein natürlicher, sondern ein komplexer sozialer und interaktiver Vorgang zwischen Individuen und Gesellschaft, der allerdings als “natürlich” verschleiert wird.

Die Beschreibung dieses Prozesses läuft leicht Gefahr den “schematisierenden Dualismus von männlich-weiblich zu reproduzieren” (Bilden, 1991). Stereotype Vorstellungen von der Männlichkeit (d.i. die des starken, erfolgreichen, heterosexuellen, weißen Mittelschichtmannes) und der Weiblichkeit (die, im Sinne des Dominanz/Unterwerfungsverhältnisses gegenpolig ihn ergänzende, attraktive, schlanke, heterosexuelle, weiße Frau) bilden gleichzeitig das Zentrum und die Gefahr beim Versuch den Prozess der Selbstbildung von Individuen zu Frauen und Männern nachzuvollziehen. Die Stereotype sind zentral, da sie die heutige, europäische und amerikanische Gesellschaft auf allen Ebenen (symbolisch, materialistisch, somatisch,...) durchziehen und sie beinhalten gerade deswegen die Gefahr, andere Weiblichkeiten und Männlichkeiten, bzw. Differenzierungen, aus den Augen zu verlieren und Geschlechtssozialisation ausschließlich mittels der oft nachweisbaren Wirkung dieser Stereotype zu beschreiben; und damit erneut festzuschreiben, was meines Erachtens in Frage gestellt und verändert werden sollte.

Ich bemühe mich auch in der Beschreibung der, mehrheitlich dem bipolaren Geschlechtersystem entsprechenden, Konstruktionen von Geschlecht und ihren Sozialisationsbedingungen den differenzierenden Blick nicht zu verlieren. Vorweg seien zur Erläuterung die zentralen Thesen der Geschlechtertheorie, von denen ich ausgehe, beleuchtet.

Männlichkeiten und Weiblichkeiten sind Begriffe des sozialen Geschlechts, in Abgrenzung vom biologischen Geschlecht. Zusätzlich betonen sie, dass es eben nicht nur eine Männlichkeit und eine Weiblichkeit gibt, d.h. dass sich nicht nur Frauen von Männern, sondern genauso Frauen von Frauen und Männern von Männern unterscheiden.

“Die Differenzierung von biologischem und sozialem Geschlecht verweist darauf, dass Männer und Frauen sich zwar biologisch unterscheiden, dass das Geschlecht aber zugleich eine soziale Kategorie ist, die an der unterschiedlichen Anatomie festgemacht wird.”(Bilden, 1991) und sie “hatte und hat das Ziel, einer biologistischen (und damit oft fatalistischen) Argumentation eine Perspektive entgegenzusetzen, die die Veränderbarkeit des Geschlechterverhältnisses implizierte.”(Kolip, 1997). Ich gehe also aus von: 1. dem biologischen Geschlecht (sex), das im Embryonalstadium oder spätestens bei der Geburt anhand (ebenfalls kulturell definierter!) körperlicher Merkmale bestimmt wird (es wurde eine Mindestlänge festgelegt, ab der das Genital als Penis und somit das Neugeborene als männlich gilt. Unter dieser Länge und bei Fehlen eines Penis wird das Neugeborene als nicht männlich, ist gleich weiblich, klassifiziert.). Andere Kategorien existieren nicht. So wird jeder Mensch heute in den meisten Gesellschaften von Beginn an in das Zweigeschlechtersystem als zukünftiger Mann oder zukünftige Frau eingeordnet. Diese Klassifikation gilt lebenslänglich und ist normalerweise unwiderruflich (was Transsexuelle mittlerweile in Frage stellen).

2. ist auszugehen vom sozialen Geschlecht (gender), das in sozialen Interaktionen hergestellt wird.

Dies ist ein lebenslang andauernder Prozess, der ebenfalls mit der Geburt beginnt und der meist- nicht immer- die Genderisierung, die Annahme des zugeschriebenen biologischen Geschlechts (und damit verbundener Verhaltensweisen) als Teil der eigenen Identität zur Folge hat. Diese Geschlechtssozialisation ist jedoch kein Prozess einer einseitigen Übernahme gegebener Männlichkeit oder Weiblichkeit, sondern ein interaktiver, sozialer Prozess, an dem jedes Individuum aktiven Anteil hat. Somit können verschiedene Weiblichkeiten und Männlichkeiten entstehen und letztlich ist durch diesen interaktiven Prozess eine Veränderung des hierarchischen Geschlechterverhältnisses oder sogar des bipolaren Geschlechtersystems an sich möglich.

Das System der Zweigeschlechtlichkeit und die mit ihm verbundenen Bedeutungs- und Charakterzuschreibungen zu Männlichkeit und Weiblichkeit sind nicht naturgegeben. “Bis ins 18. Jahrhundert hinein bestimmte das Ein-Geschlecht-Modell die Vorstellungswelt: `In dem über zwei Jahrtausende anatomischem Denkens dominanten Ein-Geschlecht-Modell wurde die Frau als umgedrehter Mann verstanden: Der Uterus war das weibliche Scrotum, die Eierstöcke waren die Hoden, die Vulva war die Vorhaut und die Vagina war der Penis`(Laquer, 1992, S.267) (...) Erst im 18. Jahrhundert wurden biologische Unterschiede zwischen den Geschlechtern entdeckt und auch sprachlich ausgedrückt (...). Unterschiede im sozialen Gefüge basierten bis ins 18. Jahrhundert hinein auf einer als natürlich angesehenen Ordnung. Der Mann galt als das Maß aller Dinge. Das biologische Geschlecht musste deshalb, anders als zu Beginn dieses Jahrhunderts, gar nicht erst zur Begründung sozialer Unterschiede herangezogen werden. Erst als diese natürliche Ordnung Ende des 18. Jahrhunderts ins Wanken kam, änderte sich die Vorstellung von den Geschlechtern und ein radikaler Dimorphismus wurde vertreten: zur Wiederherstellung der Ordnung der Geschlechter wurde auf biologisch begründete Differenzen zurückgegriffen. (Honegger, 1991)” (Kolip, 1997, S.54/55). Seitdem herrscht das, nicht weniger hierarchische, Zweigeschlechtersystem, indem (teilweise bis in die heutige Zeit) Männern und Frauen unterschiedliche, angeblich natürlich gegebene, psychologische Eigenschaften zugeschrieben wurden und werden, die die natürliche Überlegenheit des Mannes und damit Rechtmäßigkeit des Patriarchats und der Arbeitsteilung begründen sollten. Die neue Geschlechterforschung deckt sukzessive auf, dass 1. viele auch von den Wissenschaften “nachgewiesene” Unterschiede nicht haltbar sind (z.B. die größere Emotionalität von Frauen) und dass tiefverwurzelten, oft unbewussten Überzeugungen und der Machtverhältnisse, unterschiedlich verlaufenden Sozialisationsprozesses sind.Dieser historische Exkurs sollte erstens klären, dass Geschlecht im konstruktivistischen Sinne eine kulturell geschaffene Vorstellung ist, die veränderbar ist, und zweitens, dass das bipolare Geschlechtersystem bereits bei seiner Entstehung dem Machterhalt des Patriarchats diente.

2. bestehende Verschiedenheiten Ergebnisse des für beide Geschlechter, aufgrund der

Die (von dessen Vertretern) getroffenen Charakterzuschreibungen bilden noch heute die Grundlage herrschender Geschlechterstereotype, welche zur Aufrechterhaltung der Machtungleichheit beitragen. Das Verhältnis zwischen den Geschlechtern war und ist ein hierarchisches, indem das männliche über das weibliche Geschlecht dominiert. Mittlerweile dominiert die hegemoniale Männlichkeit nicht nur über alle Weiblichkeiten, sondern ebenso über andere, subdominante Männlichkeiten, wie z.B. homosexuelle oder farbige Männer. Das soziale Geschlecht muss von jedem Individuum, anknüpfend an das, nicht selbst gewählte, biologische Geschlecht, unter diesen Bedingungen aktiv hergestellt werden. Dies geschieht aus sozialkonstruktivistischer Sicht nach Bilden (1991) auf eine Weise, die “ materialistisch (Geschlechterverhältnis, Arbeitsteilung, Macht/Dominanz,...) und kultur- und symboltheoretisch (Kultur als Einheit von materieller und symbolischer Produktion in sozialen Praktiken, Symbolisierung von Männlichkeit/Weiblichkeit auf gesellschaftlicher und psychodynamischer Ebene) fundiert ist.” Diese Ausbildung oder Konstruktion geschieht in sozialen Interaktionen oder Praktiken, an der beide Seiten, das Individuum wie die Sozialisationsagenten aktiven Anteil haben. Wichtig ist, dass zwar jedes Individuum dem hierarchischen Zweigeschlechtersystem ausgesetzt ist, dass aber Sozialisation keine einseitige Anpassung an eine Gesellschaft bedeutet, sondern, dass “in Anlehnung an den symbolischen Interaktionismus (Mead 1968, Blumer 1973) das Konzept des Handelns und der Selbstbildung, aufgrund symbolischer Bedeutungen, die interpretiert werden müssen und Gegenstand von Verhandlung sein können”(Bilden, 1991) gilt. Die Trennung von Individuum und Gesellschaft ist ein Denkmodell, das zu kurz greift. Im permanenten Prozess der Interpretation und Verhandlung bilden Individuen die Gesellschaft. So können (und müssen heute) auch Weiblichkeit und Männlichkeit, deren Bedeutungen und damit verbundene Verhaltensweisen, in sozialen Praktiken ständig neu interpretiert und verhandelt werden.

Dies ist allerdings in weiten Teilen kein bewusster Prozess. Geschlecht ist omnirelevant, es wird in jeder sozialen Interaktion (mit)ausgedrückt, wahrgenommen und interpretiert. So wie es nicht möglich ist nicht zu kommunizieren (Watzlawick, 1969, in Kolip, 1997, S.75) ist es auch nicht möglich Geschlecht nicht darzustellen. Dies umfasst der Begriff des “doing gender”, der auf der personalen Ebene darauf verweist, dass jedes Individuum sein soziales Geschlecht und das Geschlechterverhältnis permanent herstellt und bestätigt. Hierdurch erhalten Männer und Frauen das bipolare Geschlechtersystem, das hierarchische Geschlechterverhältnis und das Machtgefälle. “ `Doing gender means creating differences between girls and boys and women and men, differences that are not natural, essential or biological. Once the differences have been constructed, they are used to reinforce the essentialness of gender.` (West& Zimmermann, 1987, S.187). Das Geschlecht ist also sowohl Grundlage, als auch Ergebnis sozialer Interaktion.“ (Kolip, 1997, S.72). Klar abzugrenzen ist der Begriff des sozialen Geschlechts auch von der Geschlechtsrolle. Wie aus dem bisher Gesagten hervorgegangen sein sollte, greift der Rollenbegriff zu kurz; allein schon, da Geschlecht sämtliche Interaktionen durchdringt und lebenslang gilt, also nicht wie eine Rolle ablegbar ist. Die Aneignung des sozialen Geschlechts ist überdies, wie wir noch sehen werden, auch derart eng mit der Identitätsbildung eines Individuums verknüpft, dass es zu einem identitätsstiftenden Teil der Persönlichkeit wird, zugehörig zu einem Kern, der selbst in Zeiten, in denen einem Individuum mehrere gleichzeitige oder wechselnde Identitäten zugeschrieben werden, seine Eindeutigkeit meist behält, indem das Individuum dafür sorgt, sein Geschlecht eindeutig darzustellen. Im Zweigeschlechtersystem ist eine Geschlechtsflexibilität oder ein Geschlechtswechsel nicht vorgesehen. Transsexuelle haben dementsprechend große Schwierigkeiten, nach erfolgter geschlechtsspezifischer Sozialisation entsprechend ihrem biologischen Geschlecht, als Angehörige des anderen Geschlechts (ihres selbstgewählten sozialen Geschlechts) anerkannt zu werden und das zugehörige Repertoire zu erlernen. Bei den Inuit ist ein solcher Geschlechtswechsel, bzw. die Abkopplung des sozialen vom biologischen Geschlecht zum Beispiel möglich: Kinder bekommen bereits vor der Geburt den Namen einer Ahnin/ eines Ahnen. Stellt sich bei der Geburt heraus, dass das biologische Geschlecht nicht zum Namen passt, wird das Kind dem Geschlecht der Ahnin/ des Ahnen entsprechend erzogen. Nach der Initiation kann das Kind dann selbst wählen, ob es zukünftig lieber wieder seinem biologischen oder weiterhin dem anderen, seinem bisherigen sozialen Geschlecht angehören will.(vgl. Merz , 2001).

1.2 Somatische Kultur

In den konkreten sozialen Interaktionen und Praktiken, in denen Geschlecht hergestellt wird, spielt der Körper (Soma) eine große Rolle. Die Zuordnung eines Interaktionspartners zu einem Geschlecht erfolgt über die sekundären Geschlechtsmerkmale, wie z.B. Körperbau und Gestik, da die primären Geschlechtsmerkmale in unserer Kultur ja verdeckt sind. Bei der Präsentation des eigenen Körpers spielt daher die eindeutige Darstellung von Geschlecht eine große Rolle. Über den Körper werden Weiblichkeit und Männlichkeit permanent ausgedrückt, unter anderem durch geschlechtsspezifische Körpersprachen, die kaum zu unterdrücken oder abzulegen sind. Auch diese nonverbale Kommunikation ist es , die es uns in face-to-face-Situationen unmöglich macht nicht zu kommunizieren. Diese Körpersprachen sind nicht nur individuell bestimmt, es existieren Regeln, die “kollektive Stile des Umgangs mit dem Körper”(Kolip, 1997) bestimmen. Die Körpersprache ist ein Teilbereich des “Umgangs mit dem Körper”, der sich insgesamt geschlechts-, schicht- und altersspezifisch, ethnisch-kulturell sowie historisch ausdifferenziert.

Der Soziologe Boltanski prägte hierfür den Begriff der “somatischen Kultur” (Boltanski, 1976).

Ansatz seiner Arbeit war die, jeweils nur auf Teilbereiche des körperlichen Erlebens reduzierte, rein naturwissenschaftlich, funktionalistische Betrachtungsweise verschiedener Disziplinen (Medizin, Diätetik, Sexologie, Bewegungslehre, ) zu einem soziologischen Modell zusammenzuführen, das Daten aus diesen Disziplinen für den ganzen Menschen deutbar macht. Er hat “ein System der Beziehungen, die diese körperlichen Verhaltensweisen der Mitglieder einer Gruppe und (...) ein System der Beziehungen, die diese körperlichen Verhaltensweisen und die objektiven Existenzbedingungen dieser Gruppe vereinen” konstruieren wollen ( Boltanski, 1976, S.142). Somatische Kulturen entstehen, da “ die gesellschaftlichen Determinierungen niemals den Körper in unmittelbarer Weise durch direktes Einwirken informieren, sondern durch das kulturelle System übertragen werden, das sie in Regeln, Verpflichtungen, Verbote, in Widerwillen oder in Wünsche, in Neigungen und in Abneigungen rückübersetzt und transformiert.”(Boltanski, 1976, S. 144). Behalten wir bei diesen Ausführungen Beispiele geschlechtsspezifischen Umgangs mit dem Körper im Hinterkopf (wie z.B. Diäten, Kraftsport, Rasieren der Beine, Barttragen oder nicht, ) bekommen wir eine Vorstellung davon, wie wenig individuell solche Entscheidungen sind, auch wenn die Illusion der rein individuellen, freien Entscheidung aufrechterhalten wird. Dies ist begründet in der Tatsache, dass somatische Kulturen als quasi-natürliche Handlungs- und Wahrnehmungsprinzipien zur Alltagswelt gehören und so nur eingeschränkt bewusstseinsfähig sind (vgl. Kaufmann, 1996 in Kolip, 1997, S.79). Boltanski zeigt, wie sich Interesse und Aufmerksamkeit, die Individuen ihren Körpern widmen, die Fähigkeit medizinische Symptome zu empfinden und als solche zu erkennen und die allgemeine Bewertung und Einschätzung des Körpers zwischen verschiedenen Schichten (Landwirte, Arbeiter, niedere, mittlere und hohe Angestellte, Unternehmer) unterscheiden und in derselben Schicht ähneln. Hieraus definiert er die somatische Kultur als “einen Kodex der guten Sitten für den Umgang mit dem Körper, der tief verinnerlicht und allen Mitgliedern einer bestimmten sozialen Gruppe gemeinsam ist. (...) Dieser Regelkodex, der das physische Betragen in erprobten wie in neuen Situationen lenkt, besitzt ausreichend allgemeinen Charakter, um auf eine Unzahl besonderer Fälle anwendbar zu sein.”(...).Die hintergründigen Regeln einer somatischen Kultur bestimmen “die Art die alltäglichsten physischen Handlungen auszuführen, zu gehen, sich anzukleiden, sich zu ernähren, sich zu waschen, sich zu schminken, und, für einige, zu arbeiten, die korrekte Art, in der physische Interaktionen mit anderen abzulaufen haben, die Distanz zu einem Partner, die man aufrechtzuerhalten hat, die Art, in der man ihn anzusehen, zu berühren hat, die Gesten, die auszuführen in seiner Gegenwart angemessen ist und zwar abhängig von seinem Geschlecht, seinem Alter, davon, ob er ein Verwandter, ein Freund, ein Fremder ist, ob er derselben sozialen Schicht angehört oder nicht, von Ort und Tageszeit, schließlich (...), die korrekte Art, von seinem Körper zu reden, von seinem äußeren Anblick und den physischen Empfindungen.”(Boltanski, 1976, S.154). Darüber hinaus würde ich hinzufügen, dass auch die Art der körperlichen Wahrnehmungen und Empfindungen selbst, sowie unausgesprochene, unbewusste Überzeugungen über und Bewertungen des eigenen Körpers und der Körper anderer Teil der somatischen Kultur sind.

Helfferich (1994) plädiert für eine Erweiterung des Begriffs auch auf die Wahrnehmung, die Bewertung und den Umgang mit den Körper anderer - des eigenen, wie des anderen Geschlechts.

Hierbei kann nämlich das Geschlechterverhältnis nicht nur im differenzierenden Vergleich, sondern auch in der sozialen Interaktion selbst erfasst werden: “wie Männer `angemessen` mit Frauenkörpern und anderen Männerkörpern umgehen und Frauen mit Männerkörpern oder anderen Frauenkörpern, sexuelle Praktiken eingeschlossen. In dieser erweiterten Form ist die somatische Kultur ein Teilaspekt der Kultur der Zweigeschlechtlichkeit.” (Helfferich, 1994, S.58).

2. Die Verkörperung von Geschlecht

2.1. Die Geschlechtsspezifität somatischer Kulturen

Durch die gedankliche Synthese der Theorie Boltanskis mit der neuen Geschlechtertheorie sollte klar sein, dass nicht das biologische Geschlecht den Umgang mit dem Körper bestimmt, sondern in und über somatische Kulturen Weiblichkeit und Männlichkeit erlernt und dargestellt wird. Die Wahrnehmung und Bewertung des eigenen Körpers, sowie das damit einhergehende körperliche Verhalten sind sozial vermittelt - innerhalb des alles durchdringenden hierarchischen Zweigeschlechtersystems. So beschreiben und manifestieren umgekehrt die so entstandenen somatischen Kulturen das Geschlechterverhältnis. “Der Körper ist Träger kultureller Regeln und damit die leibliche Grundlage des Systems der Zweigeschlechtlichkeit.” ( Kolip, 1997, S.78). Vor allem Frauengesundheitsforscherinnen, wie Kolip, Helfferich, Saltonstall und andere haben, anknüpfend an Boltanski, die geschlechtsspezifische Ausdifferenzierung somatischer Kulturen in den Blick genommen. Gesundheits- und Risikoverhalten Jugendlicher sind ein Teilbereich somatischer Kultur, welcher in der Folge den Schwerpunkt dieser Arbeit bilden wird. Andere Bereiche, wie z.B. die geschlechtsspezifische Körpersprache von Frauen und Männern müssen - da sie den Rahmen dieser Arbeit sprengen würden - unberücksichtigt bleiben.

Saltonsstall (1993) kommt zu dem Schluss: “The sense of healthy, as gendered, and as body, were interwined, and were realized simultaneously in concrete habits and practices of daily life. Decisions about what actions to take to be healthy or `health doings` were colored by ideas about appropriate masculine and feminine behavior. From a theoretical point of view, this suggests that the doing of health is a form of doing gender.” (Saltonsstall, 1993, p.12, Hervorhebung P.K. in Kolip, 1997, S.75). Obwohl Boltanski sich hauptsächlich auf Schichtunterschiede konzentrierte, stellte auch er Unterschiede in den somatischen Kulturen von Frauen und Männern fest. Zuerst konstatiert er, dass mit steigender Sozialschicht die Wertschätzung von Kraft und die Funktionalisierung des Körpers zu Arbeitszwecken abnimmt, dafür eine bewusstere Beziehung zum Körper und die Übung in der Wahrnehmung physischer Empfindungen zunimmt. Schönheit und Schlankheit werden in Unter- und Oberschichten so unterschiedlich wertgeschätzt und bewertet, dass “ zwei Individuen von gleicher Beleibtheit in den unteren Klassen als schlank, und als dick in den oberen angesehen werden.” (Boltanski, 1976, S.163). Dementsprechend unterschiedlich sind Ernährungs- und Sportgewohnheiten. “Ein derart spielerischer Gebrauch des Körpers, und allgemeiner, die Gesamtheit der physischen Verhaltensweisen der Mitglieder höherer Klassen, von den alltäglichen Gesten bis hin zum Verhältnis zu physischer Gewalt, zu Krankheit, Schmerz und überhaupt zu physischer Kraft und Anstrengung gelten bei den Mitgliedern der Unterklassen als `weibisch` ” (Boltanski, 1976, S. 164). Hier wird implizit deutlich, wie stark die Regeln, denen die schichtspezifischen somatischen Kulturen folgen, mit dem hierarchischen Geschlechterverhältnis und seinen Bewertungen verknüpft sind (die Bewertung von kräftig, stark, hart als männlich und positiv und dessen Gegenteil schwach und weich als weiblich und negativ, so dass “weibisch” allgemein verständlich eine abwertende Bezeichnung darstellt).Dasselbe Muster identifiziert jedoch auch Helfferich als einen Grundzug geschlechtsspezifischer somatischer Kulturen: “Die somatischen Kulturen von Mädchen sind durch ein `weicheres` Verhältnis zum Körper gekennzeichnet. Die sozialen Regeln wie Mädchen mit ihrem Körper umgehen schließen symbolisch als `hart` besetzte Verhaltensweisen weitgehend aus - und das gilt relativ sozialschichtunabhängig. Risikopraxen in denen Körpergrenzen (schmerzhaft) erfahren werden sind Kristallisationspunkt der somatischen Kulturen von Jungen - insbesondere von Jungen mit niedrigem sozialen Status (sozialer Herkunft aus unteren Sozialschichten/ Hauptschüler; wir sehen hier anders als bei Mädchen, einen deutlichen Schichtunterschied) ” (Helfferich, 1994, S.58/59). Zu empirischen Ergebnissen zu Risikopraxen, wie Alkohol- Tabak- und Drogenkonsum, Extremsport und illegalen Risikopraxen wie z.B. S-Bahnsurfen, zu Medikamentenmissbrauch, Bulimie/ Anorexie und zu Suizidmethoden sagt sie “Je härter das Muster, desto weniger Mädchen sind daran beteiligt” (ebd., S.60).

Das Symbol der Kraft und Härte ist also einerseits eines der Unterschichten (bei Boltanski gesehen als eine, eine Funktion erfüllende (Erhaltung der Arbeitskraft), Härte gegen die Bedürfnisse des eigenen Körpers) und anderseits eines der sog. Männlichkeit an sich (bei Helfferich als “sich selbst Gewalt antun”, “körperlichen Widerwillen überwinden” und “Unlust in Lust umdeuten” beschrieben) (Helfferich, 1994,S. 51). “Tatsächlich hat es den Anschein , als ob der Gegensatz zwischen dem Körperverhältnis der Mitglieder der unteren auf der einen und der Mitglieder der höheren Klasse auf der anderen Seite den Gegensatz zwischen dem Körperverhältnis der Männer und dem der Frauen wiederholte. (...) Kurz, Frauen scheinen gegenüber ihrem Krankheitsempfinden aufmerksamer als Männer, achten mehr auf ihre Gesundheit als Männer, in der Weise, wie Mitglieder der oberen Klasse mehr auf ihre Gesundheit achten als Mitglieder der unteren, und lieber als Männer pflegen sie eine verzärtelte Beziehung zu ihrem Körper.” (Boltanski, 1976, S. 164). Boltanskis Rede von “den Männern” und “den Frauen” entspricht genau der, das hierarchische bipolare Geschlechtersystem reproduzierenden Ausdrucksweise. Seine Bezeichnung einer aufmerksamen(?), liebevollen(?), pflegenden(?) Beziehung zum eigenen Körper als “verzärtelt” macht seine unreflektierte, weibliches Verhalten negativ bewertende, Geschlechtsstereotypie deutlich. Inhaltlich können seine Beobachtungen jedoch größtenteils von Forscherinnen mit differenzierterem Blick auf die Geschlechterverhältnisse bestätigt werden, was unter anderem in den nächsten Kapiteln dargelegt wird. Diesbezüglich interessant, obwohl noch zu überprüfen, ist auch eine letzte Vermutung Boltanskis: “... es scheint, als ob das System der Gegensätze zwischen den Geschlechtern, das in den Unterklassen wesentlich auf dem physischen Gegensatz zwischen Stärke und Schwäche, Härte und Weichheit, Kraft und Anmut beruht, mit steigendem sozialen Rang das Gebiet des Körpers verließe, um in andere Bereiche einzuziehen, etwa in den der intellektuellen Haltungen ( der Gegensatz zwischen der `Intelligenz` der Männer und der `Sensibilität` oder `Intuition` der Frauen, oder zwischen den `Begabungen` der Jungen für Naturwissenschaften, der Mädchen für Geisteswissenschaften und Kunst), oder auch in die häusliche Wirtschaftsweise (etwa in den Oberklassen der Gegensatz zwischen dem Mann, dem die Funktion der Produktion zufällt und dem der Frau, der die Funktion des Konsums zukommt).”(Boltanski, 1976, S.164/165). Es bliebe also zu überprüfen, wie genau sich die somatischen Kulturen von Frauen und Männern in den oberen sozialen Schichten unterscheiden, ob sie sich tatsächlich oder nur scheinbar annähern und welche Symbole außer Kraft und Härte dabei eine Rolle spielen. Ich bezweifle, dass das System der bipolaren Zweigeschlechtlichkeit die Bereiche des Körpers vollständig verlässt und vermute, dass die Symbole und ihre Verwendung lediglich differenzierter werden. Das Einwirken des Systems der Bipolarität auch auf andere Bereiche, wie die Arbeitsteilung und Überzeugungen zu Intellektualität/ Emotionalität sehe ich durchaus in allen sozialen Schichten als gegeben an, wenn es auch stimmen mag, dass in den oberen Schichten diese teilweise auffälliger zutage treten als in unteren Schichten, wo evt. Männer wie Frauen arbeiten müssen um die Existenz zu sichern und Intellektualität nicht unbedingt einen Wert darstellt. In Kapitel 2.3 werde ich anhand Helfferichs Untersuchungen Jugendlicher aus verschiedenen Schichten hierauf zurückkommen.

2.2. Geschlechtliche und körperliche Prägung von Geburt an

Wenn im nächsten Kapitel die somatischen Kulturen Jugendlicher betrachtet werden, ist es meines Erachtens wichtig, nachvollziehen zu können, wie fortgeschritten die geschlechtsspezifischen Körperkarrieren zu diesem Zeitpunkt bereits sind. Die ungleiche Bewertung von und Interaktion mit weiblichen und männlichen Körpern beginnt tatsächlich bereits mit der Geburt. “Bei einem Experiment wurden den Versuchspersonen verschiedene Säuglinge gezeigt. Das gleiche Baby wurde der einen Gruppe als Mädchen, der anderen Gruppe als Junge vorgestellt. Die Versuchspersonen wussten also nicht, welches Geschlecht das Kind tatsächlich hatte. Sie wurden aufgefordert Gewicht und Größe des Kindes zu schätzen. Wenn die Testpersonen annahmen, sie hätten ein Mädchen vor sich, schätzten sie Gewicht und Größe des Kindes kleiner ein, als wenn sie davon ausgingen, es sei ein Junge. Alle gezeigten Säuglinge waren gleich groß und gleich schwer. (...) Auch Eltern, so lässt sich aus den Untersuchungen schließen, handeln anders, je nachdem, ob ihr Baby ein Mädchen oder ein Junge ist. Sie folgen einer Alltagstheorie, die besagt, dass Mädchen im Allgemeinen ängstlicher, zerbrechlicher und kleiner sind; Jungen robuster, entwickelter, größer. In Wirklichkeit zeigen medizinische Daten, dass neugeborene Mädchen im Durchschnitt körperlich robuster sind als Jungen, im Allgemeinen bei der Geburt einen Reifevorsprung von zwei bis drei Wochen haben und dass mehr männliche Neugeborene in den ersten Lebenswochen sterben.” ( Merz, 2001, S.66/67). Diese Bewertungen zeigen, wie tiefverwurzelt die Mythen des bipolaren Zweigeschlechtersystems sind; sie beeinflussen sowohl Fremde, wie auch Eltern, Erzieher und bald auch die Kinder selbst (peers) - oft auch trotz bewusster Vorsätze einer geschlechtsunspezifischen Erziehung. Bereits im Säuglings- und Kleinkindalter, später auch in Kindergarten und Schule, werden Mädchen und Jungen entsprechend der vorherrschenden Weiblichkeits- und Männlichkeitsstereotype sozialisiert. “Der männliche Körper wird grobmotorisch und bewegungsintensiv sozialisiert, in material- und raumexplorierenden Aktivitäten, leistungs- und funktionsbezogen; der weibliche Körper eher feinmotorisch und ästhetisch-attraktivitätsfördernd, durch Einwirkung von `Sozialisationsagenten` und in Selbstbearbeitung.”(Bilden, 1991, S.284). Besonders deutlich wird dies im Sportunterricht, bzw.

[...]

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Details

Titel
Die Ausbildung von Weiblichkeit(en) und Männlichkeit(en) über somatische Kulturen.
Hochschule
Ludwig-Maximilians-Universität München  (Psychologie und pädagogik)
Veranstaltung
Gendersensible psychologische Therapie und Beratung
Note
1+
Autor
Jahr
2002
Seiten
28
Katalognummer
V18796
ISBN (eBook)
9783638230612
Dateigröße
527 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Das soziale Geschlecht FRAU oder MANN wird auch über den Körper, d.h. den sozialen Anteil der körperlichen Prägung - der somatischen Kultur - gebildet. Wie dies, von Geburt an - geschieht zeigt diese Arbeit auf. Besondere Aktualität gewinnen beide Themen, KÖRPER UNG GESCHLECHT IM JUGENDALTER, weswegen die geschlechtsspezifischen Kulturen in dieser Phase für Mädchen und Jungen besonders beschrieben werden.
Schlagworte
Ausbildung, Weiblichkeit(en), Männlichkeit(en), Kulturen, Gendersensible, Therapie, Beratung
Arbeit zitieren
M.A. Astrid Berger (Autor), 2002, Die Ausbildung von Weiblichkeit(en) und Männlichkeit(en) über somatische Kulturen., München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/18796

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