Der historische Einschluss im fotografischen Moment

Wolfgang Albrecht und der 17. Juni 1953


Seminararbeit, 2011
18 Seiten, Note: 1,0

Leseprobe

Inhalt

- Vorbemerkungen

- 1. Historische Einbettung und der Fotograf als Zeitzeuge

- 2. Die Fotografie als vorgefundenes Faktum

- 3. Vom entscheidenden Augenblick zum fruchtbaren Moment

- 4. Fotografischer Ausdruck als Tatsachenmalerei
- a. Dorothea Lange: Migrant Mother, 1936
- b. Robert Capa: Fallender Soldat, 1936
- c. Jewgeni Chaldej, Hissen der russischen Flagge auf dem Reichstag, 1945

- 5. Der historische Einschluss im fotografischen Moment

- Literatur- und Quellenverzeichnis

„Vielleicht hindert uns ein unbezwinglicher Widerstand, an die Vergangenheit, an die GESCHICHTE zu glauben, es sei denn in der Form des Mythos. Die PHOTOGRAPHIE hat, zum ersten Mal, diesen Widerstand zum Schweigen gebracht: von nun an ist die Vergangenheit so gewiß wie die Gegenwart, ist das, was man auf dem Papier sieht, so gewiß wie das, was man berührt.“[1]

Roland Barthes

Die kaum zu fassende Fähigkeit fotografischer Technik, visuelle Eindrücke aufzunehmen und dauerhaft zu fixieren, hat in den nun fast 200 Jahren seit ihrer Erfindung im ersten Drittel des 19. Jahrhunderts sicher an Faszination eingebüßt. Diese Einbuße geht zuallererst auf das Konto der Gewöhnung und massenhaften Verfügbarkeit. Kaum zu fassen bleibt aber nach wie vor, lässt man sich auf den Gedanken ein, die Vorstellung vom außerhalb der Zeit stehenden Ereignis, vom gefrorenen Leben, geronnener Geschichte. Es scheint tatsächlich so, als tue sich mit dem Foto ein Fenster in die Vergangenheit auf, durch das hindurch wir eine verschwundene Welt betrachten können.

Doch so wie Patricia Anna Hämmerle verdeutlicht, dass Orpheus seine Eurydike nicht zurückholen kann, da ihm auf seine unmögliche Forderung hin eine unmögliche Bedingung gestellt wird,[2] so muss diese Vorstellung auch stutzig machen und Anlass geben, ein zweites Mal genau hinzusehen, um zu begreifen, was es mit dem fotografischen Bild auf sich hat. Belebt es tatsächlich das bereits gelebte neu? Erfüllt das Verfahren seiner Herstellung den hehren Anspruch?

In bestimmten Fällen mögen solche Fragestellungen eher von geringer Relevanz sein. Das private Erinnerungsfoto, das Familienalbum funktionieren gerade ohne den Zweifel am Abgebildeten. Heikel wird es, sobald die Fotografie herangezogen wird zur vermeintlich objektiven Dokumentation historischer Ereignisse und schließlich zur Legitimation politischen Verhaltens.

Eben jener Begriff der Gewissheit, den Barthes in seinen Ausführungen benutzt, wird, so passend er auch sein mag zur Beschreibung des fotografischen Effekts, verhängnisvoll, wenn er sich mit dem der historischen Wahrheit verbindet. Dies umso mehr als Geschichte heutzutage sich ja als das genaue Gegenteil zum Mythos verstehen möchte – nämlich als zu beweisende Verkettung von Ursache und Wirkung.

In diesem Kontext soll nun eine eingehende Betrachtung der Fotografie des Volksaufstands in der DDR am 17. Juni 1953 von Wolfgang Albrecht erfolgen. Neben einem kurzen Ausblick auf die zeitgeschichtlichen Ereignisse, die diesem Moment vorausgingen und einer formalen Analyse der Fotografie selbst sind auch und vor allem die Bedingungen zu beleuchten, die zu ihrer Entstehung geführt haben, ganz besonders der technische Aspekt und die Behandlung durch den Fotografen Albrecht.

Die daraus gewonnen Resultate sollen schließlich in einen Vergleich mit Bild-Situationen münden, in denen ähnliche fotografische Verfahren zur Anwendung kamen, um eine bestimmte Wirkung hervorzubringen, immer unter dem Gesichtspunkt des dokumentarischen Anspruchs.

Dass dieser bei genauerer Betrachtung nicht immer gewahrt werden kann oder sogar bewusst nicht gewahrt wird, stößt mit Sicherheit auf keine größere Verwunderung mehr; das Wissen um Bilder und ihre Manipulation gilt am Beginn des 21. Jahrhunderts nahezu als Allgemeingut. Daher soll an dieser Stelle der Versuch unternommen werden, dem Wesen einer historischen Fotografie und ihrer visuellen Implikation auf die Spur zu kommen.

1. Historische Einbettung und der Fotograf als Zeitzeuge

Selbstverständlich erfordert das Verständnis einer jeden historischen Fotografie eine gewisse Kenntnis der Begebenheit, die im Bild ihren Niederschlag findet und ihrer Vorgeschichte. Im Fall des 17. Juni 1953 bedeutet das die Auseinandersetzung mit der politischen und wirtschaftlichen Lage der Deutschen Demokratischen Republik zu jener Zeit. Dazu ist zunächst anzumerken, dass die Aufarbeitung der Geschehnisse nach wie vor im Gange ist und die Meinungen über den Stellenwert und die politische Motivation des Aufstands in der DDR teils auseinandergehen. An dieser Stelle kann und soll nicht der Versuch einer historischen Einordnung unternommen werden, sondern lediglich eine Wiedergabe der sozialen Umstände, die zur Auflehnung gegen das DDR-Regime geführt haben.

Die Krise, in der sich die herrschende SED zu Beginn der fünfziger Jahre befand, fußte nicht unwesentlich auf der mangelhaften wirtschaftlichen Entwicklung der DDR. Die Produktivität der volkseigenen Betriebe erreichte nicht in der angestrebten Zeit das erforderliche Maß und es drohten Engpässe auf dem Markt. Um diesem Problem zu begegnen, unternahm die SED-Führung mehrere Schritte.

„Der Ausgangspunkt war die 2. Parteikonferenz der SED im Juli 1952. Da hat Stalin […] zugestimmt, dass die SED – Ulbricht hat das dann auf dieser Konferenz getan – den ,planmäßigen Aufbau des Sozialismus in der DDRʻ verkünden darf. […] Die Folge war einerseits, dass die miserable ökonomische Lage, die es ja 1952 immer noch gegeben hat, noch verschlimmert wurde. Durch den radikalen Kampf gegen Einzelhändler, gegen bestimmte Gruppen von Bauern, gegen Arbeiter (mit der Normerhöhung), ist nicht etwa die Produktivität gewachsen, und damit auch nicht der Lebensstandard, sondern genau umgekehrt, er ging zurück.“[3]

Mit der Bezeichnung „Norm“ ist die damals in der DDR angewandte Methode der Entlohnung von Arbeitern gemeint. Sie stellte ihrerseits ein Relikt der Akkordarbeit zu Zeiten der Weimarer Republik dar. Der einem Arbeiter zustehende Lohn war hierbei an den Umfang seiner Arbeitsleistung gekoppelt, die Gesamtleistung der Belegschaft eines Betriebes in einem bestimmten Zeitabschnitt wiederum bildete die Norm. Kam es zu einer Übererfüllung der Norm durch besonderen Einsatz einiger Arbeiter, konnte diese Norm erhöht werden, was einer Herabstufung des Lohns solcher Arbeiter gleichkam, die bei der Erhöhung des Arbeitspensums nicht mitzogen.

Selbstredend konnte die DDR als sozialistischer Staat, der sich in marxistischer Tradition sah, dieses System nicht uneingeschränkt übernehmen. Eine Festsetzung der Norm „von oben“ fand in den ersten Jahren nicht oder kaum statt, bis die SED schließlich diktatorisch durchzugreifen versuchte.

„Anfang Februar 1953 beschloss das ZK der SED einen ,Feldzug für strengste Sparsamkeitʻ. Zur Begründung wurde u.a. auf die ,unproduktive Vergeudung von Arbeitskraft infolge mangelnder Arbeitsnormenʻ hingewiesen. Der den ,Feldzugsplanʻ eigentlich ausmachende Maßnahmekatalog [sic] verlangte, ,für die produktive Ausnützung des Arbeitstages und die Steigerung der Arbeitsproduktivität … technisch begründete fortschrittliche Arbeitsnormen einzuführen.ʻ“[4]

Erklärtes Ziel war eine allgemeine Erhöhung der Norm um zehn Prozent. Diese Forderung stieß auf breiten Widerstand der Bevölkerung, was als symptomatisch für deren Unzufriedenheit mit dem Regime angesehen werden kann, dem es nicht gelungen war, ein funktionierendes Wirtschaftssystem zu errichten. Die Angst vor einem Rückfall in die prekäre Lage der zwanziger Jahre und die damit verbundene Ausbeutung griff um sich, angefeuert auch vom RIAS (Rundfunk im amerikanischen Sektor) in Westberlin. Wie Jörg Roesler unterstreicht, war mit dem Protest gegen die Normerhöhung auch gleichzeitig eine Auflehnung gegen das politische System verbunden, deren erklärtes Ziel den Sturz der Regierung darstellte.[5] So weiteten sich einzelne Streiks und Kundgebungen schnell zu einer das ganze Land erfassenden Bewegung aus, deren Zuspitzung am 17. Juni in der Hauptstadt erfolgte. Dort „bewegten sich aus allen Teilen Ostberlins sowie aus dem benachbarten Henningsdorf Demonstrationszüge mit Zehntausenden Menschen in Richtung Berliner Innenstadt“[6]. Der zunächst friedliche Aufstand wurde schließlich bekanntermaßen durch die Volkspolizei der DDR und einen Vorstoß der Roten Armee gewaltsam niedergeschlagen und die SED musste sich bemühen, den Vorfall durch ihre Propaganda zu vertuschen.

Zu den anwesenden Zeitzeugen bei den Demonstrationen in Berlin, genauer gesagt auf dem Leipziger Platz, zählte auch der Fotograf Wolfgang Albrecht. Der gebürtige Berliner, Jahrgang 1930, hatte zwischen 1948 und 1950 eine Ausbildung zum Fotografen durchlaufen und war damals für verschiedene Sport-Zeitschriften tätig gewesen, darüber hinaus machte er aber auch regelmäßig Aufnahmen für die Bereiche Kultur und Zeitgeschehen. So wurde er für den 17. Juni 1953 von seiner Agentur beauftragt, die Ereignisse in der Innenstadt zu dokumentieren. Er mischte sich unter die Menge der Protestierenden und fertigte eine ganze Reihe von Fotos an.

„Zu den abgelichteten Sequenzen, die er in den folgenden Stunden machte, gehört auch die, die gegen 12 Uhr das Vorrücken von zwei russischen Panzern am Leipziger Platz zeigt. […] Da die Besatzung weder mit ihren Panzerkanonen noch mit den Maschinengewehren schoss, drängte die demonstrierende Menschenmenge nach. Albrecht machte ungefähr 30 Aufnahmen von dieser Situation. Diese zeigen häufig junge Männer, welche die Panzer mit Steinen bewerfen.“[7]

Aus eben dieser Serie stammt auch die berühmt gewordene Aufnahme, die zum Gegenstand der vorliegenden Arbeit gemacht wurde. Sie soll an dieser Stelle einer eingehenden Beschreibung unterzogen werden, wobei anschließend auch der technische Aspekt ihrer Entstehung zur Sprache kommen muss.

[...]


[1] Roland Barthes: Die helle Kammer. Frankfurt a. M. 1985, S. 97.

[2] Patricia Anna Hämmerle: Schattenriss der Zeit. Fotografie und Wirklichkeit. Phil. Diss. Zürich 1996, S. 237-243.

[3] Hermann Weber: Die Krise der SED-Diktatur und der 17. Juni in der deutschen Arbeiterbewegung. In: Klaus Finke (Hrsg.): Erinnerung an einen Aufstand. Der 17. Juni 1953 in der DDR. Oldenburg 2003, S. 83-96, hier S. 86f.

[4] Jörg Roesler: Aufstand gegen die Norm? Die Arbeiter der DDR und der 17. Juni 1953. In: Finke, 2003, S. 115-136, hier S. 127.

[5] Ebd., S. 131-135.

[6] Christoph Hamann: Der Aufstand. Die In-Szene-Setzung eines Volksaufstands. In: Paul Gerhard: Das Jahrhundert der Bilder. 1949 bis heute. Göttingen 2008, S. 80-87, hier S. 82.

[7] Ebd., S. 82f.

Ende der Leseprobe aus 18 Seiten

Details

Titel
Der historische Einschluss im fotografischen Moment
Untertitel
Wolfgang Albrecht und der 17. Juni 1953
Hochschule
Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg  (Institut für Kunstgeschichte)
Veranstaltung
Mittelseminar "Revolten, Revolutionen und ihre Bilder"
Note
1,0
Autor
Jahr
2011
Seiten
18
Katalognummer
V188062
ISBN (eBook)
9783656117933
ISBN (Buch)
9783656132769
Dateigröße
429 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Wolfgang Albrecht, 17. Juni, 1953, Fotografie, DDR, Aufstand
Arbeit zitieren
Malte Kröger (Autor), 2011, Der historische Einschluss im fotografischen Moment, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/188062

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