Entmannung und Kastrationsverbote in der Antike


Hausarbeit (Hauptseminar), 2010

20 Seiten, Note: 1,3


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

I. Einleitung

II. Kastrationsmotivationen

III. Kastrationskritik

IV. Die Kastrationsverbote der römischen Kaiser
a) Domitian
b) Nerva
c) Hadrian
d) Constantin, Leo, Iustinian

V. Die Kastrationsverbote der Kirche

VI. Fazit

VII. Quellen und Literatur
a) Stellenangabe der Quellen unter Angabe der benutzen Übersetzung
b) Literatur

I. Einleitung

Der Zusammenhang zwischen der in der Antike weit verbreiteten Kastration an Menschen und ihrem Verbot ist nicht zuletzt durch einen offenen Widerspruch interessant: Von Anfang an vehement kritisiert, abgelehnt und schließlich mit Verboten belegt, war die Kastration an sich verpönt – doch ihr Ergebnis, der Eunuch bzw. die ewige Keuschheit begehrt oder ersehnt. So hatte der Kaiser, der das erste Verbot aussprach, nicht das geringste Interesse daran, auf Eunuchen an seinem Hof zu verzichten. Im Fall der Kirche sprachen sich nach und nach etliche Theologen gegen die Kastration aus, doch dauerte es bis etwa 500, als das erste allgemeine kirchliche Gesetz gegen die fanatische Kastration aus eigener Hand erlassen wurde. Ziel dieser Arbeit ist es, diesem Widerspruch nachzugehen, indem zunächst die Motivationen und Funktionen der Kastration – mit einem Exkurs in die Welt antiker Sexualvorstellungen – systematisch erläutert werden. Dann soll der Inhalt der Kastrationskritik aufgezeigt werden, um schließlich auf die Geschichte der kaiserlichen bzw. der kirchlichen Kastrationsverbote einzugehen.

II. Kastrationsmotivationen

Seit dem 1. Jahrhundert wurde die Haltung von Eunuchensklaven gewissermaßen zum „ Must- have“ jedes Oberschichtenhaushaltes. Deren erstes verbürgtes Vorkommen finden wir im prunkvollen Palast des Gaius Cilnius Maecenas.1 Alexander Demandt deutet diese Entwicklung als „den orientalischen Zügen der Zeit“2 zugehörig, nicht zuletzt da das Eunuchentum ein Kulturimport aus dem Orient war, der Griechenland bereits im 5. Jahrhundert vor Christus erreicht hatte. Die dortigen Ursprünge wiederum liegen jedoch im Dunkeln: In der Genesis wird sie als eine herkömmliche Sitte vieler Völker erwähnt; einigen antiken Autoren zufolge hat Semiramis damit angefangen3 – es ist müßig, danach zu fragen wer wann den „ersten Schnitt“ gewagt hat, vielmehr sollte man die Frage stellen, welche Gründe eine Kastration generell motivierten.

Als Strafmaßnahme ist die Kastration bereits Homer bekannt und wird vor allem grausamen Tyrannen zugeschrieben, was sich allerdings mit der Zeit zu „einem rhetorischen Topos“4 verselbstständigte, weswegen diese Anschuldigung nicht immer zutreffen muss, wie der Stuttgarter Althistoriker Peter Guyot in seiner Dissertation bemerkt. Als Foltermethode wurde sie bis in die Zeiten der Christenverfolgung bewahrt und bis zu ihrem Verbot war sie als Privatrache des betrogenen Ehemanns oder des Vaters der vergewaltigten Tochter bzw. als Strafe bei politischen Verbrechen oder für aufsässige Sklaven üblich.

Als die Haltung von Eunuchensklaven der Oberschicht „ fashionable“ erschien, kam die Gewinnorientierung der Sklavenhalter als Motivation hinzu. Schließlich war die Kastration unter antiken Bedingungen ein lebensgefährliches Anliegen, das – wenn wahrscheinlich auch, entgegen Justinians „Statistik“, mehr als „three […] of ninety“5 mit dem Leben davon kamen – den Wert der Eunuchen gegenüber „ herkömmlichen“ Sklaven erhöhte.6 Was aber weckte die Begehrlichkeit nach diesem besonderen Schlage schwierig zu „beschaffender“ Sklaven? Das bekannte Bild des impotenten Haremswächters, wie es die noch bis ins 20. Jahrhundert fortbestehende Tradition der Eunuchensklavenhaltung des osmanischen Reiches zeichnete, setzt deren Bedeutung viel zu niedrig an und trifft kaum auf die antike, römische, monogame Wirklichkeit zu. Die stets einer Kastration im Knabenalter folgende Impotenz (Fehlen der „potentia generandi et coeundi“7), welche auch häufig die Konsequenz einer postpubertären Kastration war, stand etwas weniger im Vordergrund als die fehlende „potentia generandi“8, die Zeugungsunfähigkeit. Somit hielt man es für sichergestellt, dass die Eunuchensklaven in einem besonderen Treueverhältnis zu ihrem stünden, da sie ohne Partner und Familie, ganz für ihre Herren lebten. Leichter als andere Sklaven kamen die Eunuchen deshalb ihren Herren nahe und standen ihnen auch nahe – im Falle der Hofeunuchen in „extremer Abhängigkeit“.9 Sie hüteten u. a. als Kämmerer deren Betten, waren ihrer Kinder Erzieher, ihre Vermögensverwalter und besorgten ihre Kleidung – am Kaiserhof waren sie sogar

„Herrschaftsinstrument“ als eine Art „kaiserlicher Sonderbeauftragter“.10

Neben den praktischen Dienstleistungen waren Eunuchen, vordergründig die in der Kindheit kastrierten, als Lustknaben höchst begehrt. Der Sexualforscher Ernest Bornemann spricht dabei vom „ernstesten Aspekt der Päderastie“.11 Hier spielt nämlich der „zwanghafte und misogynische Charakter“12 der griechisch-römischen Homoerotik hinein, i. e. die positive Bewertung der aktiven und die negative der passiven Geschlechtsrolle (Letztere wird mit dem Begriff pathicus – „der sich wie eine Frau hingibt“ – gefasst). Der pathicus (oder das griechische Pendant aitas oder kleinos) sollte sich die knäbische Zartheit bewahren, die weiland in der Wahrnehmung mit einer gewissen Mädchenhaftigkeit eng verbunden gewesen war – die Hetäre Glykera fragte deswegen: „Warum liebt ihr eure Knaben nur, solange sie uns, den Frauen, ähneln?“13 In den Eunuchen fand sich dieses „Ideal der sexuellen Ambiguität“14 verwirklicht. Die angesprochene Misogynie und Zwanghaftigkeit hat Bornemann anhand von Begriffen wie mysogenaia (Frauenfeindschaft als normaler Zustand) und dem gegenüber phylogenaia (Frauenfreundschaft) und thelymania (Frauentollheit) als „Perversion“ oder medos (der rückständige Meder als Sinnbild für jemanden, der den Analverkehr noch nicht entdeckt hat) als Schimpfwort nachgewiesen.15 Es nimmt daher kaum Wunder, dass ob der „männlichen Kollektivneurose der Antike“16 dem, „der sich wie eine Frau hingibt“, ebenso Verachtung zu Teil wurde. Die Stigmatisierung der Eunuchen, deren Erscheinung als „unfreiwillig ewige (Lust-)Knaben“, hemiandros (Halbmann), anandroi (Unmännliche), malebarbis (Bartloser), etc. „auf den Leib geschnitten ist“,17 rührt im Wesentlichen aus der doppelbödigen Sexualmoral und dem überragenden Männlichkeitsbild der Griechen und Römer. Aber auch bei Frauen waren Eunuchen vor allem wegen ihrer Zeugungsunfähigkeit geschätzt. Diese wurden allerdings in der vorgerückten Pubertät oder danach kastriert, um die Erigierbarkeit zu behalten. Der Verkehr zwischen Frauen und Eunuchen war auch ein literarisch-satirisches Topos, das sich ähnlich dem vom kastrierenden Tyrannen ebenso verselbstständigt haben mag.18

Obwohl Eunuchen, wenn sie nicht Freigelassene waren oder sich freiwillig kastriert haben, stets auch Sklaven waren, geschah die „Tätigkeit“ als Lustknaben nicht nur in Unfreiheit. Unter Berücksichtigung der ausgeprägten Differenzierung zwischen aktiv und passiv, wobei das eine wie eingangs erwähnt als männlich, das andere als weiblich angesehen wurde, gab es auch Vorkommnisse, in denen aus einer „transsexuellen Tendenz“ in der „individuellen Sexualpathologie“, also aus dem Wunsch nach „Manifestation weiblicher Züge im Sexualcharakter“19 heraus sich einige Männer selbst kastrierten – um eine gewisse Weiblichkeit zu erzielen, die Jugendlichkeit zu bewahren und somit als pathicus zu leben. Daraus ließe sich schlussfolgern, dass es auch Eunuchen als männliche Prostituierte gab, was ein wohl nicht ganz uneinträgliches Geschäft darstellte.

Antike Mediziner, wie Hippokrates, Galenos, Cornelius Celsus, etc. rieten die Kastration bei Fällen von Aussatz, Gicht, Hoden- bzw. Wasserbruch, Epilepsie oder Krampfaderbruch an. Diese Behandlungsform fußte oft auf Beobachtungen, wie: „Die Eunuchen bekommen weder Podagra noch werden sie kahlköpfig.“20

Vor allem waren es religiös-asketische Gründe, die eine freiwillige Kastration motivierten. Dem lag die „Anschauung, die das ganze Altertum durchzog“, zugrunde, „daß Priester kultisch rein leben müssen und nicht durch Geschlechtsverkehr befleckt werden dürfen.“21 Diese „Reinheit“, so glaubte man, könne nur durch Kastration hergestellt werden, „da man einer freiwilligen Enthaltsamkeit“22 nicht traute. Einen ganz besonderen Stellenwert nahm die kultische Entmannung im Kybele-Kult ein, welcher sich in Griechenland und später im ganzen römischen Reich als Mysterienkult bis in die Spätantike hielt. Dessen Priester, die galloi oder galli, weihten sich rituell am dies sanguinis durch Selbstkastration für ihren Dienst. Die galloi – der Begriff wurde schließlich auch zu einer der vielen allgemeinen Bezeichnungen für Eunuchen. 23

[...]


1 Vgl. Peter Guyot: Eunuchen, In: Der Neue Pauly. Enzyklopädie der Antike, Bd. 4, Stuttgart, 1998, Sp. 256-258. Guyot, Eunuchen, Sp. 256.

2 Alexander Demandt: Die Geschichte der Spätantike. Das Römische Reich von Diocletian bis Justinian 284-565 n. Chr., München, 22008. Demandt, S. 272.

3 Vgl. Peter Browe: Zur Geschichte der Entmannung. Eine religions- und rechtsgeschichtliche Studie, Breslauer Beiträge zur historischen Theologie, Neue Folge Bd. 1, Breslau, 1936. Browe, S. 2.

4 Peter Guyot: Eunuchen als Sklaven und Freigelassene in der griechisch-römischen Antike (Diss. phil. Stuttgart 1978), Stuttgarter Beiträge zur Geschichte und Politik, Bd. 14, Stuttgart, 1980. Guyot, Sklaven, S. 26.

5 Iustinian. Nov. 142. In: http://www.constitution.org/sps/sps17.htm (S. P. Scott (Hg.): The civil law. In seventeen volumes, vol. 12), zugegriffen am 16.10.2010, ca. 15.00.

6 Vgl. Browe S. 3f. Demandt, S. 268: Lt. dem Diocletianstarif kosten ungelernte Eunuchen über 10 Jahren fünfzig, ausgebildete, nicht kastrierte Sklaven hingegen „nur“ dreißig solidi.

7 Browe, S. 2.

8 Ebd.

9 Dirk Schlinkert: Der Hofeunuch in der Spätantike. Ein gefährlicher Außenseiter?, In: Hermes 122, Nr. 3, 1994, S. 324-359. Schlinkert, Hofeunuch, S. 359.

10 Helga Scholten: Der oberste Hofeunuch. Die politische Effizienz eines gesellschaftlich Diskriminierten, In: Aloys Winterling (Hrsg.): Comitatus. Beiträge zur Erforschung des spätantiken Kaiserhofes, Berlin, 1998, S. 51- 74. Scholten, Hofeunuch, S. 60f. Vgl. Dies.: Der Eunuch in Kaisernähe. Zur politischen und sozialen Bedeutung des praepositus sacri cubiculi im 4. und 5. Jahrhundert n. Chr. (Diss. phil. Düsseldorf 1994), Prismata. Beiträge zur Altertumswissenschaft, Bd. 5, Frankfurt a. M., 1995. Scholten, Kaisernähe, S. 75ff. Dirk Schlinkert: ordo senatorius und nobilitas. Die Konstitution des Senatsadels in der Spätantike. Mit einem Appendix über den praepositus sacri cubiculi, den „allmächtigen“ Eunuchen am kaiserlichen Hof (Diss. phil. Göttingen 1995), Hermes-Einzelschriften, Bd. 72, Stuttgart, 1996. Ders., ordo, S. 251ff. Ders., Hofeunuch, S. 355.

11 Ernest Bornemann: Das Patriarchat. Ursprung und Zukunft unseres Gesellschaftssystems, Frankfurt, 1979. Bornemann, S. 324.

12 Guyot, Sklaven, S. 59-62.

13 Klearch, zit. nach Bornemann, S. 320.

14 Guyot, Sklaven, S. 61.

15 Bornemann, S. 317.

16 Guyot, Sklaven, S. 59.

17 Vgl. Ernst Maass: Eunochos und Verwandtes, In: Rheinisches Museum für Philologie 74, 1925, S. 432-476. Maass, S. 437ff. Bornemann, S. 324.

18 Vgl. Guyot, S. 63-65.

19 Ders., S. 26.

20 Hippokrates, zit. nach Browe, S. 54.

21 Browe, S. 13.

22 Ebd.

23 Vgl. Maass, S. 457.

Ende der Leseprobe aus 20 Seiten

Details

Titel
Entmannung und Kastrationsverbote in der Antike
Hochschule
Humboldt-Universität zu Berlin  (Geschichte)
Veranstaltung
HS Antike Höfe im Vergleich
Note
1,3
Autor
Jahr
2010
Seiten
20
Katalognummer
V188796
ISBN (eBook)
9783656125662
ISBN (Buch)
9783656126676
Dateigröße
520 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Antike, Entmannung, Sklaven, Eunuchen, Kastrationsverbote, Kaiserhof, Rom, Spätantike, Männlichkeit, Rollenbilder, Kaiser Domitian, Misogynie
Arbeit zitieren
Maxim Menschenin (Autor:in), 2010, Entmannung und Kastrationsverbote in der Antike, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/188796

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