Geschichtsklitterung - Die Vorwürfe gegen das Libretto zu Hans Eislers Oper "Johann Faustus" und ihr Hintergrund


Essay, 2009
9 Seiten, Note: 1,0

Leseprobe

„Denn Karl, das ist Größe. Unbekümmert um die Kämpfe des †ages strebt der Philosoph nach Wahrheit.“1

Im Novemberheft der von der Akademie der Künste herausgegebenen Literaturzeitschrift „Sinn und Form“ erschienen 1952 nicht nur umfangreiche Auszüge aus dem Libretto der von Hanns Eisler geplanten Oper „Johann Faustus“, sondern auch ein von Eislers Freund Ernst Fischer verfasster Essay namens „Doktor Faustus und der deutsche Bauernkrieg“. Der österreichische Kommunist hielt darin eine Eloge auf den Operntext, der sogar das werden könne „was seit einem Jahrhundert fehlt: die deutscke Nationaloper“.2 In der durch den Sprachstil des „phantastischen Realismus“ gezeichneten breughelschen Welt des „Johann Faustus“ würden nämlich „Sage, Historie und Aktualität“3 des Fauststoffs zusammenfallen. Das Libretto greift in der Tat vornehmliche auf das Puppenspiel der alten Volkssage und nicht auf die hochkulturellen Adaptionen seit Lessing zurück, z.B. indem die Figur des Hannswurst wieder eingeführt oder Fausts Person und seine Ende konsequent negativ gestaltet wird. Zudem verbindet Eisler die Sage mit der Historie der Bauernkriege dadurch, dass Fausts Entscheidung für Luther und gegen Müntzer das Gewissens des Bauernsohnes schwer belastet. Mit der Amerikareminiszenz Atlanta, dem Kapitalisten Pluto und anderen Anspielungen hält die Aktualität Einzug, sodass die kapitalistische Moderne, welche Goethe in seinem Faust schon antizipiert hat, nun die bestimmende Triebkraft ist. Laut Fischer ist es Eisler somit gelungen eine „echte Tragödie, {...) die Tragödie eines Volkes“ zu schaffen, wogegen bei Goethe „die Gesamtheit der Dichtung eine Überwindung der Tragödie darstellt“.4 Diese Tragödie benennt Fischer als die „deutsche Misere“, in welcher der „deutsche Humanist“ am Scheideweg der Bauernkriege sich unentschlossen oder gar hinter die Junker stellt und zum „Renegaten“ wird und fortan „einen Teufelspakt mit dem Imperialismus“5 schließt. Aller rhetorischen Brillanz, dem klugen Aufbau und dem flammenden Plädoyer zum Trotz sollte sich Fischers Essay aber als Danaergeschenk erweisen, denn mit den Begriffen der „deutschen Misere“ und des „deutschen Humanisten als Renegat“ lieferte er den Kritikern des Libretto die Reiz- und Stichworte. Zudem zwingt er sie mit seiner Stilisierung des „Johann Faustus“ zur deutschen Nationaloper zum unbedingtem Eingreifen.

„Nun geh ich elend zu Grund, / Und so soll jeder gehen, / Der nicht den Mut hat, / Zu seiner Sache zu stehen.“6

Im April 1953 wurde dann die erste Attacke gefahren, aber weder von den Kulturfunktionären Alexander Abusch, Wilhelm Girnus noch von Hanns Rodenberg, welche die schärfsten Kritiker werden sollten, sondern von einem gewissen Hanns Richter, Germanistikstudent aus Jena, der in seinem Artikel bereits die wesentlichen Kritikpunkte markierte. Zum einen fiele das Libretto aus der „Linie der künstlerischen Reinigung und Entwicklung der Sage“, nämlich „die Linie Marlowe - Lessing - Goethe“, welche Faust als „positiven Helden“ immer weiterentwickelte. Zum anderen würde damit auch „die nationale Bedeutung“ Luthers und Fausts entstellt. Schließlich folgt der fast schon übliche Formalismusvorwurf, sowie ein dezenter Hinweis darauf, dass Eisler zusammen mit dem nicht weniger suspekten Ernst Bloch die Aufgaben des deutschen Schriftstellers in der Emigration als ein Präparieren und Aussondern von „klassischen Material“ für den Klassenkampf beschrieb - was Georg Lukács schon längst kritisiert hätte.7 Diese Gedanken wurden schließlich von Alexander Abusch weiter vertieft, der am 13. Mai 1953 auf der Mittwochsgesellschaft der Akademie der Künste, dem Forum der Debatte, aus seinem Artikel „Faust - Held oder Renegat in der deutschen Nationalliteratur“ vorlas. Dieser Artikel wurde zuvor in der Zeitschrift „Sinn und Form“ publiziert und diskutiert das Libretto im engen Zusammenhang mit Fischers Essay, denn dieser „hat wie durch eine scharfe Linse auch die ideologischen Wurzeln der Schwächen dieses Textes sichtbar werden lassen“.8 Für Abusch ist diese Wurzel das pessimistische Geschichtsbild, das nicht mit den Anforderungen der sozialistischen Nationalliteratur bzw. mit den Gesetzmäßigkeiten der nationalen Geschichte konform ginge. Es sei ein Fehler von „deutscher Misere“ oder „vom Humanisten als Renegat“ zu sprechen.

[...]


1 Eisler, Hanns: Johann Faustus. Mit einer Nachbemerkung von Jürgen Schebera, Leipzig, 1996. Eisler, Faustus, S. 32. Faust an den Invaliden Karl.

2 Fischer, Ernst: Doktor Faustus und der deutsche Bauernkrieg. Auszüge aus dem Essay zu Hanns Eislers Faust-Dichtung, In: Bunge, Hans {Ed.): Die Debatte um Hanns Eislers „Johann Faustus“. Eine Dokumentation, Berlin, 1991, S. 21-36. Fischer, S. 36. Hans Bunge hat als Zeitzeuge die Debatte und die spätere Aufführungsgeschichte anhand der Artikel, Briefe, Manuskripte und stenographischen Protokolle dokumentiert und diese wertvolle Quellensammlung 1991 veröffentlicht.

3 Ebd., S. 34.

4 Ebd., S. 30.

5 Ebd., S. 27.

6 Eisler, Johann Faustus, S. 32. Aus der confessio des Faust.

7 Richter, Hans: Bemerkungen zu Hanns Eislers Textbuch „Johann Faustus“, In: Bunge, a.a.O., S. 37-43. Richter, S. 40ff.

8 Abusch, Alexander: Faust - Held oder Renegat in der deutschen Nationalliteratur, In: Bunge, a.a.O., S. 47- 61. Abusch, Faust, S. 60.

Ende der Leseprobe aus 9 Seiten

Details

Titel
Geschichtsklitterung - Die Vorwürfe gegen das Libretto zu Hans Eislers Oper "Johann Faustus" und ihr Hintergrund
Hochschule
Humboldt-Universität zu Berlin  (Geschichte)
Veranstaltung
HS Politik und Kultur in der SBZ/DDR 19451990
Note
1,0
Autor
Jahr
2009
Seiten
9
Katalognummer
V188800
ISBN (eBook)
9783656126171
ISBN (Buch)
9783656126652
Dateigröße
455 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Hanns Eisler, Oper, DDR, Johann Faustus, Nationaloper, Geschichtsverständnis, Alexander Abusch
Arbeit zitieren
Maxim Menschenin (Autor), 2009, Geschichtsklitterung - Die Vorwürfe gegen das Libretto zu Hans Eislers Oper "Johann Faustus" und ihr Hintergrund, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/188800

Kommentare

  • Noch keine Kommentare.
Im eBook lesen
Titel: Geschichtsklitterung - Die Vorwürfe gegen das Libretto zu Hans Eislers Oper "Johann Faustus" und ihr Hintergrund


Ihre Arbeit hochladen

Ihre Hausarbeit / Abschlussarbeit:

- Publikation als eBook und Buch
- Hohes Honorar auf die Verkäufe
- Für Sie komplett kostenlos – mit ISBN
- Es dauert nur 5 Minuten
- Jede Arbeit findet Leser

Kostenlos Autor werden