Code-Switching

Stärke oder Schwäche?


Seminararbeit, 2009
29 Seiten, Note: 2,0

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung
1.1. Geschichte der Migration
1.2. Konsequenzen der Migration „Chancen und Gefahren“

2. Code-Switching
2.1. Begriffsdefinition
2.2. Funktion und Variationsmuster des Code-Switching

3. „Innenwirkung“ vs. „Außenwirkung“
3.1. Sprachkompetenz bilingualer Menschen
3.2. Relevanz der Muttersprache für den Zweitspracherwerb

4. Fazit

5. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Wir möchten mit einer Anekdote aus unserem Leben beginnen, da diese und zahlreiche andere Erlebnisse uns zu dieser Arbeit inspirierten. Der erste Tag im Kindergarten war der denkwürdigste Tag bis zu unserem fünften Lebensjahr. Als unsere Betreuerinnen uns auf Deutsch ansprachen, weigerten wir uns vehement mit ihnen zu sprechen. Zudem wunderten wir uns über die mangelnde Sprachkompetenz von Erwachsenen. Das berichteten wir unseren Eltern und behaupteten, dass da niemand „richtig“ sprechen könne. Da Türkisch die einzige Sprache war, die beherrschten verdiente sie als einzige Sprache das Attribut „richtig“. In den folgenden Tagen forderten wir die Kindergärtnerinnen auf Türkisch zu lernen, wenn sie weiterhin Interesse an einem Gespräch hätten, schließlich seien wir Türkisch. Um dies zu demonstrieren spielten wir einige Tage einen türkischen Bazar nach, indem wir mit lauten Rufen Spielzeug angepriesen. Heute sind wir überzeugt, dass sich beide Parteien gleichermaßen vor den Kopf gestoßen fühlten. Erst als unsere Eltern sich täglich nach neu erlernten Vokabeln erkundigten und uns von der Notwendigkeit der deutschen Sprache überzeugten, entschlossen wir uns Deutsch zu lernen. Seither hat sich sowohl unser Selbstbild als auch unser Verständnis von der „richtigen Sprache“ verändert. Jedoch sind diese Entwicklung und gegenwärtige Alltagssituationen ähnlich komplex wie sie es im Kindergarten waren. Ungeachtet dessen, ob sich im Laufe der Zeit die Definition der „richtigen“ Sprache verändert hat, hat sie ihre identitätsstiftende Wirkung nicht verloren. Eine Definition unseres Selbstbildes gelingt uns mit dem Begriff „Deutsche mit Migrationshintergrund“. Dieser Begriff ist eine Kategorie der Personen mit Migrationshintergrund, welches das Statistische Bundesamt erstmals 2006 verwendete (Migrationsbericht 2006: 170).

Obgleich die Bezeichnung „Personen mit Migrationshintergrund“ erst in der Gegenwart Verwendung findet, liegt der Ursprung, die Migration, in der Vergangenheit, welches das Thema des folgenden Abschnittes darstellt.

1.1. Geschichte der Migration

Gemäß der Definition im Migrationsbericht des Bundesamtes 2006 bezeichnet Migration die räumliche Verlagerung des Lebensmittelpunktes einer Person. Unter internationaler Migration wird ein Wohnsitzwechsel über Staatsgrenzen hinweg verstanden (Migrationsbericht 2006: 178). In der Geschichte der Menschheit hat Migration sicherlich stets stattgefunden. Im Folgenden möchten wir uns jedoch auf das Migrationsgeschehen ab den 50er Jahren in Deutschland konzentrieren, da wir es für die vorliegende Arbeit als relevant erachten.

Nach dem Zweiten Weltkrieg stieg der Bedarf an ungelernten Arbeitskräften. Zum einem ist der gestiegene Bedarf durch die Aufbauarbeiten der Nachkriegszeit und zum anderen durch das Wirtschaftswunder zu begründen. Da der Bedarf nicht mit einheimischen Arbeitskräften gedeckt werden konnte, wurden mit verschiedenen Ländern Anwerbevereinbarungen getroffen, so dass Arbeitskräfte aus dem Ausland eingereist sind. Die Migration war demnach staatlich gewollt und gefördert worden. Für beide Parteien war diese Abmachung ursprünglich eine befristete. In der Realität hingegen zeichnete sich allmählich eine andere Tendenz ab. Der Schriftsteller Max Frisch sagte einmal: „Wir riefen Arbeitskräfte und es kamen Menschen.“ Mit wenigen Worten gelang es Max Frisch die strategische und abstrakte Anwerbepolitik aus der emotionalen und menschlichen Perspektive zu durchleuchten. Da zunehmend Familienangehörige nachzogen, entwickelte sich der vorübergehende Aufenthalt zu einer dauerhaften Niederlassung in Deutschland. Dieser Prozess wurde durch den Anwerbestopp im Jahr 1973 verstärkt, da es ausländischen Arbeitskräften nunmehr nicht gestattet war für einige Zeit in das Herkunftsland zurückzukehren und anschließend erneut nach Deutschland als Arbeitswanderer einzureisen. Folglich standen die damaligen ausländischen Arbeiter vor zwei Alternativen, der endgültigen Rückkehr in das Herkunftsland und der dauerhaften Verlagerung des Lebensmittelpunktes nach Deutschland (Präsentation „Historische Hintergründe von Migration“ 2008: Folien 9 bis12). Angesichts dieser Tatsache entschieden sich zahlreiche Menschen für einen Aufenthalt in Deutschland. Dies lässt sich an Hand gegenwärtiger Statistiken verdeutlichen, demnach stammen ca. 3/5 der ausländischen Bevölkerung in Deutschland aus früheren Anwerbestaaten (Migration und Integration - Jahresgutachten 2004: 94).

Wahrscheinlich waren wirtschaftliche und soziale Faktoren für diese Entscheidung ausschlaggebend. Letztlich erhofften sich viele ausländische Arbeitskräfte bessere Verdienstmöglichkeiten in Deutschland und ein höheres Ansehen im Herkunftsland. Da der Aufenthalt in Deutschland nun längerfristig sein sollte, zogen die Familien der „Gastarbeiter“ nach. Gemäß der Bedürfnispyramide von Maslow sind Menschen bemüht sukzessive verschiedenartige Bedürfnisse zu befriedigen. Maslow behauptet, dass existenzielle Bedürfnisse, wie Nahrung und Wohnraum Priorität haben. Danach kommt die Stufe der Sicherheit mit dem Wunsch nach Recht und Ordnung und einem festen Arbeitsplatz. Nach der Sicherstellung der ersten beiden Stufen folgt das Bedürfnis nach sozialen Beziehungen, wie Familie und Freunde (Wikipedia 2008). Die Geschichte der Gastarbeiter entwickelte sich analog zu der Maslow´schen Bedürfnispyramide. In den 50er und 60er Jahren waren die Wanderungen nach Deutschland hauptsächlich Arbeitsmigrationen, welches seitens des Staates initiiert wurde.

Im Zeitraum von 1960 bis 2005 stieg die Zahl der Migration weltweit von 75 Millionen auf 191 Millionen (Migrationsbericht 2006: 196). Zwischen 1970 und 2000 hat sich die Zahl der internationalen Migranten sogar verdoppelt (Migration und Integration- Jahresgutachten 2004: 32). Diese Entwicklungen sind beachtlich. Wahrscheinlich gehört Wanderung/ Migration zu der Menschheit, da in der Geschichte Menschen weltweit ihren Wohnort aus den unterschiedlichsten Gründen geändert haben. Es ist offensichtlich die Natur des Menschen seine Lebensbedingungen optimieren zu wollen, das schließt die Wahl des Wohnortes ein.

Seit 1950 haben sich einerseits zusätzliche Formen der Migration und andererseits zusätzliche Beweggründe für eine Migration entwickelt. Heute haben neben der Flucht- und Arbeitsmigration, Pendel- und Durchwanderung1 und Heiratsmigration an Bedeutung zugenommen. Längerfristige Aufenthalte im Ausland können zwecks einer Ausbildung in Form eines Studiums oder Praktikums angestrebt werden (Migrationsbericht 2006: 170). Des Weiteren ist es denkbar, dass Migration aus Gründen der Selbstfindung, Selbstverwirklichung oder reiner Abenteuerlust stattfindet. Zudem sind die Rollen der Länder nicht mehr klar differenzierbar. Inzwischen sind verschiedene Länder zugleich Aufnahme-, Herkunfts- und Transitland (Migration und Integration- Jahresgutachten 2004: 32). Deutschland war 1950 üblicherweise ein Aufnahmeland. Im Jahr 2006 hingegen wurden neben 661.855 Zuzüge auch 639.064 Fortzüge erfasst (Migrationsbericht 2006: 19, 20). Obgleich einige Formen der Migration hinzugekommen sind, ist nach wie vor die Arbeitsmigration beziehungsweise Auslandsaufenthalte zwecks Beschäftigung beachtlich. Nach familiären Gründen war 2006 die Beschäftigung der bedeutendste Grund für den Aufenthalt in Deutschland (Migrationsbericht 2006: 31). Die Arbeitsmigration wurde außerdem durch die Einführung der Green Card im Jahr 2000 begünstigt. Im Gegensatz zu 1950 hat sich lediglich die Zielgruppe geändert, da nun mehr hoch qualifizierte Fachkräfte benötigt wurden. Die Nachfrage nach unqualifizierten Arbeitskräften wird dennoch teilweise durch ausländische Saisonarbeiter gedeckt (Migration und Integration- Jahresgutachten 2004: 32).

1.2. Konsequenzen der Migration „Chancen und Gefahren“

Nachdem wir die Geschichte der Migration in 1.1 zusammengefasst haben, möchten wir in diesem Abschnitt auf die Konsequenzen der Migration eingehen. Die obige Definition beschreibt die Migration als einen Wohnortwechsel. Entsprechend dieser Definition ist es uns gelungen die Migration mit Hilfe von Zahlen und Daten zu beschreiben. Tatsächlich heißt Migration, dass Menschen aus unterschiedlichen Ländern gemeinsam an einem Ort leben. Folglich werden alle Beteiligten mit fremden Kulturen, Religionen und Sprachen konfrontiert. Betrachtet man Migration unter diesem Aspekt stellt sich folgende Frage: Was bedeutet Migration für ein Individuum oder eine Gesellschaft? Dieser Gedanke begründet die Überschrift dieses Abschnitts „Chancen und Gefahren der Migration“. Die Konfrontationen auf kultureller, religiöser und sprachlicher Ebene bietet die Chance zur Fusion oder die Gefahr der Isolation. In der Tat gab es Entwicklungen in beide Richtungen. Zum einem ist die Existenz von „Parallelgesellschaften“ ein gegenwärtiges Thema, welches häufig diskutiert wird. Zum anderen sind Deutsche, die sich zur Begrüßung ein Bussi geben; in Deutschland lebende Muslime, die Weihnachtsgeschenke kaufen oder Mischehen zu beobachten. Die Konfrontation der Sprachen ist im Gegensatz zur kulturellen und religiösen Auseinandersetzung, die erste und somit die herausforderndste Hürde, die es zu bewältigen gilt. Darüber hinaus übernimmt die Sprache eine Schlüsselfunktion bezüglich der Integration oder Ausgrenzung in einer Gesellschaft. Sie ist das Instrument zur Kommunikation und der Zugang zum Aufbau von sozialen Beziehungen und Freundschaften. Des Weiteren fördert das Beherrschen einer Sprache die Identifikation mit dem jeweiligen Land und das Zugehörigkeitsgefühl zu einer Gesellschaft. Letztlich bestimmt die Sprache häufig die Karrierechancen eines Menschen. Die Migration und der damit verbundene Kontakt mit anderssprachigen Menschen, beeinflusst sowohl die Sprache der Migranten als auch die des Aufnahmelandes. Folglich begründet die Migration die Entstehung von Kontaktsprachen. Michael Clyne definiert Kontaktsprachen wie folgt “Languages in contact are, after all, the result of people in contact and of communities of people of different language backgrounds in contact” (Michael Clyne 2003: 1). Diese Erläuterung passt in den Kontext der Migration, da gemäß dieser Definition Kontaktsprachen aus dem Kontakt von Menschen und Gesellschaften mit unterschiedlich sprachlichem Hintergrund resultieren. Neben der Entstehung von Kontaktsprachen fördert die Migration zudem die Bi- und Multilingualität in einem Land. In der Regel erlernen Migranten die Sprache des Aufnahmelandes als Zweitsprache, da sie wie oben erwähnt sowohl die Bildung als auch die Karriere bestimmt.

Das Code-Switching setzt eine gewisse Bilingualität voraus und ist ein Phänomen der Kontaktsprachen. In welchem Ausmaß eine kompetente Bilingualität gegeben sein muss, wird in den folgenden Abschnitten erörtert. Da das Code-Switching häufig im Sprachgebrauch von Personen mit Migrationshintergrund auftaucht, befasst sich die vorliegende Arbeit mit diesem Phänomen. Im Hinblick auf die Schlüsselfunktion der Sprache gilt es zu ergründen, ob Code-Switching eine Stärke oder eine Schwäche darstellt.

2. Code-Switching

2.1. Begriffsdefinition

Die Überschrift lässt auf eine eindeutige Definition hoffen, jedoch gibt es zahlreiche Definitionen in der Literatur die das Auftauchen verschiedener Sprachen innerhalb einer Äußerung unterschiedlich nennen. Muysken unterscheidet zwischen Code-Mixing und Code-Switching, wobei “all cases where lexical items and grammatical features from two languages appear in one sentence” das Code-Mixing bezeichnet. Während “a rapid succession of several languages in a single speech event” das Code-Switching definiert (Muysken 2000:

1). Die obige Definition für das Code-Mixing trifft oft auf die Definition des Code- Switching anderer zu (Clyne 2003: 70). Myers- Scotton definiert das Code- Switching wie folgt: „Code-Switching is the selection by bilinguals or multilinguals of forms from an embedded language (or languages) in utterances of a matrix language during the same conversation“ (Muysken 2000: 15). Analog zur Muyskens Definition des Code-Mixing bezeichnet im Folgenden das Code- Switching die Verwendung zweier Sprachen in sowohl grammatikalischer als auch lexikalischer Hinsicht innerhalb einer Äußerung. Die Ursache für unterschiedliche Definitionen des Code-Switching liegt vor allem daran, dass in der Linguistik das Phänomen des Code-Switching unter unterschiedlichen Aspekten durchleuchtet wird/ werden kann.

Der systemlinguistische Ansatz hat den Fokus auf grammatikalische Beschränkungen und Möglichkeiten für einen Sprachwechsel. Sowohl Poplack als auch Muysken betrachteten das Code-Switching unter diesem Aspekt. Im Folgenden zitieren wir Poplack im Bezug auf die grammatikalische Beschränkung des Code-Switching, da nach Poplack (1981) das Code-Switching nur an Positionen stattfinden kann, an denen die grammatikalischen Strukturen der beteiligten Sprachen parallel sind.

The order of sentence constituents immediately adjacent to and on both sides of the switch point must be grammatical with respect to both languages involved simultaneously…The local co-grammaticality or equivalence of the two languages in the vicinity of the switch holds as long the order of any two sentence elements, one before and one after the switch point, is not excluded in either language (Sankoff and Poplack 1981: 5 aus Pieter Muysken 2000: 13 ff.).

Nach Muysken gibt es drei Typen im intrasentenziellen Code-Mixing, und zwar „Insertion“, „Alternation“ und „Congruent Lexicalization“. Nach der Erläuterung dieser Begriffe werden Beispiele folgen.

„Insertion“ meint die Einbettung eines einzelnen Lexems oder ganzer Satzteile einer Sprache in die Struktur einer anderen.

(1) na’iish- crash

‘I am about to pass out’ (Navaho/English; Canfield 1980: 219 aus Muysken 2000: 5).

In (1) wird ein englisches Verb in einen Satz in Navaho eingebettet.

(2) bizim okulda treppe -ler var ya

‚In unserer Schule sind doch so Treppen‘(Inken Keim 2007: 333).

In (2) wird ein deutsches Nomen in einen türkischen Satz eingebaut.

(3) Yo anduve in a state of shock por dos dias.

‘I walked in a state of shock for two days.’ (Spanish/English; Pfaff 1979: 296 aus Muysken 2000:5).

In (3) wird eine Präpositionalphrase in den spanischen Satz integriert. „Alternation“ bezeichent Muysken als den „wahren“ Sprachwechsel, da keine Einbettung mehr vorliegt. Sie findet hauptsächlich an Satzrändern statt.

[...]


1 Unter Pendelwanderung wird das regelmäßige Pendeln von Arbeitsmigranten zwischen Aufnahme- und Herkunftsland verstanden. Durchwanderung beschreibt das kurze Verweilen in einem Aufnahmeland, um anschließend in ein anders Aufnahmeland zu ziehen (Migration und Integration - Erfahrungen nutzen, Neues wagen; Jahresgutachten des Sachverständigenrates für Zuwanderung und Integration 2004: 35).

Ende der Leseprobe aus 29 Seiten

Details

Titel
Code-Switching
Untertitel
Stärke oder Schwäche?
Hochschule
Universität Mannheim
Note
2,0
Autor
Jahr
2009
Seiten
29
Katalognummer
V189091
ISBN (eBook)
9783656131311
ISBN (Buch)
9783656130857
Dateigröße
492 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
code-switching, stärke, schwäche
Arbeit zitieren
Tülin Akkalp (Autor), 2009, Code-Switching, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/189091

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