Entstehung religiöser Werte

Diskurs und Kommunikation der gesellschaftlichen Systeme


Hausarbeit, 2012
22 Seiten, Note: 1,0

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Einleitung

Kommunikation und Diskurse gesellschaftlicher Systeme

Religion als Bestandteil der Gesellschaft

Religiöse Werte?

Zum Schluss: Die Wirkung des Diskurses auf die Gesellschaft

Bibliographie

Onlinequellen

Einleitung

Dieser Beitrag möchte nicht fragen, wie religiöse Ethiken entstehen, vielmehr interessiert sie sich dafür, wie Werte in Verbindung mit dem Subsystem Religion in Gesellschaften entstehen. Dabei legt sie besonderes Augenmerk auf die Wissensvermittlung durch Diskurse in der Gesellschaft, welche nach Meinung des Verfassers eine enge Verbindung zur Werteentstehung zeigt. Die Eingrenzung der Fragestellung, insbesondere im Hinblick darauf, dass sie nicht an der Entstehung religiöser Ethiken interessiert ist, ist wichtig, da eine Erklärung religiöser Ethiken in Bezug auf die Weltreligionen kaum zu erfassen ist:

„Das Ergebnis der von Weber selbst durchgeführten Forschung hierzu ist […] negativ. Für die andere große Weltreligion neben der jüdisch-christlichen Tradition, die Mitleidswerte oben ansetzt, nämlich die buddhistische, weist Weber […] ganz zurück. Schon die hinduistische Wiedergeburtslehre ließ ja individuelles Leid aus individuellem Verschulden hervorgehen, und der Buddhismus sei eindeutig aus privilegierten Kreisen hervorgegangen und von einer aus Mißgunst geborenen Lehre denkbar weit entfernt.“1

Schon jetzt soll die Vermutung dieses Beitrags dargelegt werden: Werte können durch Diskurse zwischen gesellschaftlichen Systemen, die auf die Gesellschaft einwirken und in ihre Entscheidungskriterien eingreifen, entstehen.

Doch bevor auf die Subsysteme und ihre diskursive Funktion eingegangen wird, soll das Subsystem an sich kurz dargestellt werden. Zuvor soll erwähnt werden, dass die Systemtheorie keine geschlossene Theorie ist, sondern ein allgemeines Modell der Gesellschaft liefert.2 Sie möchte unseren Blick auf das Ganze richten.3 Die Entstehungskomplexität der Werte erfordert gleichermaßen den Blick auf das Ganze, sodass die Systemtheorie ein entscheidendes Werkzeug für die Entdeckung der Entstehungsgründe der Werte ist.

Das Subsystem ist

„gleichbedeutend mit Teilsystem, ein System, das zugleich innerhalb und außerhalb der Grenzen eines anderen Systems liegt. Als Subsysteme werden insbesondere die gesellschaftlichen Funktionssysteme unterschieden. So liegt das Rechtssystem innerhalb des Systems der Gesellschaft, wobei diese Innenlage zugleich eine Außenlage ist, weil das Rechtssystem als Teilsystem nicht Teil eines Ganzen ist, sondern seinerseits das Ganze selektiv repräsentiert.“4

Nach Luhmann ist die Gesellschaft ein System, das aus verschiedenen Subsystemen besteht, die miteinander agieren können. Diese sozialen Systeme sind nach Luhmann Kommunikationen.5 Sie produzieren und unterscheiden sich durch Kommunikation.6 Dass Subsysteme durch Kommunikation bestehen, ist eine Prämisse dieses Beitrags. Denn Kommunikation, ein Bestandteil des Diskurses, ist entscheidender Faktor bei der Werteentstehung.

Luhmann zählt eine Anzahl von gesellschaftlichen Systemen auf, die miteinander kommunizieren können. Dazu gehören:

System der Erziehung, System der Familie, System der Krankenbehandlung, System der Kunst, System der Massenmedien, System der Organisation, politisches System, psychisches System, religiöses System, soziales System, wirtschaftliches System, wissenschaftliches System u. a.

Hier wird der Systemtheorie nicht weiter betrachtet. Wichtig für unsere These sind folgende Prämissen: 1. Die Gesellschaft ist ein System. 2. Im System der Gesellschaft bestehen Subsysteme. 3. Diese Subsysteme bilden ein Ganzes. 4. Sie können miteinander kommunizieren. 5. Durch die Kommunikation können sie miteinander agieren.

Kommunikation und Diskurse gesellschaftlicher Systeme

Was Diskurse zwischen gesellschaftlichen Systemen ausmacht, soll anhand des sozialpsychologischen Ansatzes nach Mead dargestellt werde, welcher im Folgenden auf den Diskurs der Systeme hin interpretiert werden soll. Heinz Abels schreibt in seiner Einführung in die Soziologie über Mead Folgendes:

„Kommunikation ist eine Form der Verständigung über den Sinn einer konkreten Interaktion. Sie erfolgt im Wesentlichen über die Sprache. Sprache ist Symbolisierung von Erfahrung. Das bedeutet: Erfahrungen, die sich aus Reaktionen ergeben haben, die alle Beteiligten als erfolgreich angesehen haben, wurden im Laufe der Zeit ‚symbolisiert‘ und als Erwartungen ‚generalisiert‘. Dies wiederum wurde durch die Sprache zum Ausdruck gebracht. Sie ist Träger intersubjektiv geteilten Wissens und versorgt uns mit den Erklärungen für Situationen, wie wir sie normalerweise erleben.“7

Die Aussage Meads, die Kommunikation sei eine Form der Verständigung über den Sinn, ergibt Folgendes: Das Subjekt, das die Kommunikation ausübt, ist in unserem Sinne das gesellschaftliche System, denn nach Luhmann bestehen Systeme aus Sinnzusammenhängen:8

„Unter sozialem System soll hier ein Sinnzusammenhang von sozialen Handlungen verstanden werden, die aufeinander verweisen und sich von einer Umwelt nicht dazugehöriger Handlungen abgrenzen lassen.“9

Systeme können demzufolge eine Kommunikation über den Sinn führen und darauf reagieren. Diese Kommunikation ist der Diskurs. Der Diskurs in dieser Form kann nach Mead eine Erfahrung hervorbringen, die sich aus Reaktionen ableitet und von Diskursteilnehmern als erfolgreich angesehen wird. Diese Erfahrung wird schließlich im Laufe der Zeit symbolisiert und als Erwartung generalisiert. Dieses intersubjektiv geteilte Wissen ist in unserem Fall das wertleitende Wissen.

Die Diskurse bilden sozusagen eine Erkenntnisquelle, welche bei der Entscheidung für ein Handeln ausschlaggebend ist. Hans Joas wäre mit dieser These zuerst nicht einverstanden, so schreibt er doch:

„Weitgehende Einigkeit besteht in negativer Hinsicht, daß nämlich Werte sich weder rational produzieren noch durch Indoktrination verbreiten lassen.“10

Joas’ Aussage, dass Werte sich nicht produzieren lassen, stimmt insofern, wenn mit produzieren die Herstellung, in unserem Fall eines Wertes, der in der Gesellschaft einen Einklang erfahren hat, gemeint ist. Denn Werte lassen sich auch durch Diskurse der gesellschaftlichen Systeme nicht produzieren, aber sie können sehr wohl dadurch entstehen.

Wie sieht es mit der Verbreitung von Werten aus? Entscheidet der persönliche Intellekt über seine Wertevorstellung selbst oder bedient er sich aus dem kollektiven Bewusstsein der Gesellschaft? Hier soll eine Verbindung zwischen Wissen und Wert hergestellt werden, da die Vermutung naheliegt, dass die Erklärung der Wissensvermittlung, insbesondere aus Sicht der Wissenssoziologie, mit Hinweisen auch zur Erklärung der Werteentstehung behilflich sein kann. In der gesellschaftlichen Konstruktion der Wirklichkeit nach Peter Berger und Thomas Luckmann ist die Gesellschaft ein menschliches Produkt.11 Hubert Knoblauch beschreibt die Rolle des Wissens in dieser Konstruktion wie folgt:

„[…] Wissen wird nicht durch die Vernunft (oder gar Bedürfnisse) hergeleitet, Wissen wird auch nicht durch Beobachtung erhoben oder durch Anerkennung, Aushandlung oder Konsens hergestellt - Wissen ist etwas, das durch die Prozesse erzeugt wird […]“12

Demzufolge ist Wissen etwas, was durch menschliches Handeln erzeugt wird. Hier ist hervorzuheben, dass Wissen ein menschliches Konstrukt ist. Das gesellschaftliche System oder auch die Gesellschaft hat ein kollektives Bewusstsein. Das kollektive Bewusstsein ist „das Wissen der Mitglieder, dem Kollektiv anzugehören und Solidarität, Anschauungen und Normen zu teilen. Ihre Übereinstimmung in gemeinsamen moralischen Anschauungen kann kollektives Gewissen genannt werden. Solch ein geteiltes kollektives Gewissen leitet ihre übereinstimmende Bewertung des individuellen Verhaltens und dies ist die Grundlage einer kollektiven Moralbildung.“13

Der Mensch wird in eine soziale Welt hineingeboren und nimmt die dargebotenen Werte auf, ohne sich in der Erst- oder auch in der Spätphase seines Lebens auf diese bewusst beziehen zu müssen. Durkheim vertritt auch „eine solche ‚soziologische Erkenntnistheorie‘, die das, was im Bewusstsein als Denken geschieht, weniger als Ergebnis psychischer Prozesse, denn als Ausdruck sozialer Prozesse ansieht.“14

Die Werteuntersuchungen zeigen durchgehend, dass trotz Abweichungen die Mehrheit einer Gesellschaft sich an bestimmte Werte verpflichtet fühlt.

Johann Gottfried Herder nannte dieses Bewusstsein Volksgeist, erst später fügte Durkheim15 den Begriff des kollektiven Bewusstseins ein.16 Herder zufolge ist der Volksgeist ein geistiges Produktionsprinzip, „das sich in einzelnen Nationen je unterschiedlich ausdrückt, und zwar in ihren verschiedenen Sprachen, Sitten, Gebräuchen und in ihrer Rechtsordnung.“17

Hier wird zum einen deutlich, dass der Volksgeist von Gesellschaft zu Gesellschaft unterschiedlich sein kann. Jede Nation hat einen eigenen Volksgeist. Zum anderen wird ersichtlich, dass der Volksgeist sich in Sprache, Sitte, Gebräuchen und im Recht ausdrückt. Im allgemeinen Sinne sind somit auch die Werte einer Gesellschaft vom Volksgeist geprägt. Ein Charakteristikum der Nation ist die Sprache. Die Sprache, der Hauptkommunikationsmittel jedes Diskurses, bildet nach Giambattista Vico den Geist einer Gesellschaft, sogar einer ganzen Epoche. Vico formuliert seine These wie folgt:

[...]


1 Joas, Hans: Die Entstehung der Werte. Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main, 1997, S. 48-49.

2 Hollstein-Brinkmann, Heino: Soziale Arbeit und Systemtheorien. Lambertus, Freiburg 1993, S. 20.

3 Hollstein-Brinkmann, Heino: Soziale Arbeit und Systemtheorien. Lambertus, Freiburg 1993, S. 21.

4 Krause, Detlef: Luhmann-Lexikon. UTB Lucius und Lucius, Stuttgart, 2005, S. 231.

5 Bornschier,Volker: Weltgesellschaft: Grundlegende soziale Wandlungen. Loreto Verlag, Zürich, 2008, S. 117.

6 Hohm, Hans-Jürgen: Soziale Systeme, Kommunikation, Mensch: Eine Einführung in die soziologische Systemtheorie. Juventa Verlag, Weinheim und München, 2000,S. 14.

7 Abels, Heinz: Einführung in die Soziologie, Band 1: Der Blick auf die Gesellschaft. VS Verlag für Sozialwissenschaften, Wiesbaden, 2007, S. 119.

8 Bohnsack, Ralf: Rekonstruktive Sozialforschung: Einführung in qualitative Methoden, UTB Verlag Barbara Budrich,Opladen und Farmington Hills, 2007, S. 15.

9 Luhmann, Niklas: Reflexive Mechanismen. In: Soziologische Aufklärung, Köln/Opladen, 1970, S. 115.

10 Joas, Hans: Die Entstehung der Werte. Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main, 1997, S. 16.

11 Berger, Peter L.; Luckmann, Thomas: Die gesellschaftliche Konstruktion der Wirklichkeit, Frankfurt, Verlag, 1969, S. 65.

12 Knoblauch, Hubert: Wissenssoziologie. UVK UTB, Konstanz, 2005, S. 156.

13 Münch, Richard: Soziologische Theorie, Band 1, Campus Verlag, Frankfurt am Main, 2002, S. 63.

14 Knoblauch, Hubert: Wissenssoziologie, UVK UTB, Konstanz, 2010, S. 66.

15 Religiöse kollektive Vorstellungen bilden ein Kollektivbewusstsein, das sich mit dem der meisten Individuen weitgehend überschneidet. Unter einem Kollektivbewusstsein versteht Durkheim die Gesamtheit der gemeinsamen Überzeugungen und Gefühle der Mitglieder einer Gesellschaft. Das Kollektivbewusstsein bezeichnet den sozialen Ursprung, den das Denken und Fühlen aller Individuen hat.

16 Knoblauch, Hubert: Wissenssoziologie, UVK UTB, Konstanz, 2010, S. 39.

17 Knoblauch, Hubert: Wissenssoziologie, UVK UTB, Konstanz, 2010, S. 39.

Ende der Leseprobe aus 22 Seiten

Details

Titel
Entstehung religiöser Werte
Untertitel
Diskurs und Kommunikation der gesellschaftlichen Systeme
Hochschule
Universität Bayreuth  (Fachbereich Religionswissenschaft)
Note
1,0
Autor
Jahr
2012
Seiten
22
Katalognummer
V189168
ISBN (eBook)
9783656131168
ISBN (Buch)
9783656132486
Dateigröße
475 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
entstehung, werte, diskurs, kommunikation, systeme, religiöse Werte
Arbeit zitieren
Serkan Ince (Autor), 2012, Entstehung religiöser Werte, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/189168

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