Die „moralische Diktatur“ in Polen 1926 bis 1939

Faschismus oder autoritäres Militärregime?


Seminararbeit, 2011
29 Seiten, Note: 1,0

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Faschismus und Militärdiktatur in der wissenschaftlichen Diskussion

3. Stanley Paynes epignostische Theorie des Faschismus

4. Die Definition einer prototypischen Militärdiktatur nach Juan J. Linz

5. Vergleich und Typologisierung der „moralischen Diktatur“
5.1. Die Ortung faschistischer Faktoren
5.1.1. Kulturelle Faktoren
5.1.2. Politische Faktoren
5.1.3. Soziale Faktoren
5.1.4. Ökonomische Faktoren
5.1.5. Internationale Faktoren
5.2. Die Untersuchung militärdiktatorischer Eigenschaften

6. Schlussbetrachtung

7. Literatur- und Quellenverzeichnis

8. Anhang

1. Einleitung

Zu den ältesten Leistungen der Politikwissenschaft zählt die Typologisierung politi- scher Herrschaftsformen (vgl. Croissant 2010, 117). Seit dem vergangenen Jahrhundert liegt der Fokus dieses Forschungsfeldes vornehmlich auf der Bestimmung autokrati- scher Systeme, die bis in die 1990er Jahre Europa maßgeblich prägten (vgl. Judt 2006, 731f.). Besonders häufig taucht in diesem Zusammenhang der Begriff des Faschismus auf, der allerdings von Autokratieforschern je nach politischer Überzeugung oder per- sönlicher Herangehensweise auf unterschiedliche Art charakterisiert wird (vgl. Wipper- mann 1997, 12f.).

Neben dem als Vorbild für faschistische Bewegungen geltenden Regime Benito Mussolinis in Italien (1922-1945), werden in der Literatur vor allem Adolf Hitlers natio- nalsozialistische Herrschaft (1933-1945), die Diktatur des Francisco Franco in Spanien (1936-1977) und Griechenland unter Ioannis Metaxas (1936-1941) zum Faschismus ge- zählt (vgl Bauerkämper 2006, 15f.).

Bis 1989 wurde auch Polen unter Józef Piłsudski (1926-1939) hauptsächlich von po- litisch links geprägten Autoren als Faschismus eingestuft (vgl. Löwenthal 2009, 105). In der gegenwärtigen Diskussion wird Piłsudskis „moralische Diktatur“ (Alexander 2005, 294) hingegen überwiegend als autoritäres Militärregime gewertet (vgl. Holzer, 77). Nur die kurze Herrschaft seiner Nachfolger wird gelegentlich dem Faschismus zugeordnet (vgl. Payne 1980, 122f.).

Insgesamt fällt die Wertung dieses in Deutschland wenig beachteten Regimes, sowie seiner Orientierung an übrigen Autokratien Europas der Zwischenkriegsjahre, wie etwa den Nationalsozialisten (vgl. Koch-Hildebrecht 2008, 176f.), in der verfügbaren Litera- tur äußerst uneinheitlich aus.

So stellt sich fast neun Jahrzehnte nach der Machtübernahme Piłsudskis die Frage nach einer gründlichen Einordnung seiner Diktatur, die in einer Zeit der Gewalt, wie den Zwischenkriegsjahren, sicherlich nicht unbeeindruckt von den sich entfaltenden Spielarten des Faschismus bleiben konnte. Beachtlich ist, dass Piłsudski bis heute, als „Symbolgestalt der polnischen Unabhängigkeit“ (Loew 2007, 194; vgl. Abb. 1) nach 123 Jahren der Teilung von 1795 bis 1918, zu den beliebtesten Persönlichkeiten in der über tausendjährigen Geschichte Polens zählt (vgl. Gnauck 2005).

In Anbetracht der wachsenden Rolle des Landes innerhalb der Europäischen Union (vgl. Buras 2011, 15), spielt die klare Definition und gesamtsituative Einordnung dieses autokratischen Regimes daher eine bedeutende Rolle für das interkulturelle Miteinander in einem modernen Europa. Zudem ermöglichen erst jetzt, zwei Jahrzehnte nach der po- litischen und sozioökonomischen Wende, der freie Zugang zu Quellen und der offene Umgang mit der Vergangenheit, eine neutrale Untersuchung der politischen Wirklich- keit Polens (vgl. Steffen 2006, 220f.).

War nach der Wende 1989 kein Raum für die Aufarbeitung der Vergangenheit und orientierten sich selbst Politiker der wiedererweckten Demokratie an den Machtinstru- menten Piłsudskis (vgl. Wiatr 2005, 135), so sind die Polen mittlerweile zur Abstoßung ihrer „traditionellen[n] Opfer- und Märtyrerrolle“ (Wilkiewicz 2001, 1501) bereit (vgl. Pfaff 2005, 162). Und selbst die polnischsprachigen Medien haben erkannt, dass eine Diskussion über eigene Missgriffe in der Geschichte notwendig geworden ist (vgl. Osę- ka 2011, 56).

Im vielfältigen Spektrum an verfügbaren Faschismusdefinitionen soll für die vorlie- gende Seminararbeit die epignostische Theorie Stanley Paynes herangezogen werden (vgl. Payne 2006, 595). Sie bietet eine systematische, historisch orientierte und auf den kleinsten gemeinsamen Nenner mögliche Charakterisierung der polnischen Diktatur der Jahre 1926 bis 1939.

Anhand der etablierten und von Juan J. Linz aufgestellten Definition autoritärer Sys- teme soll des Weiteren Piłsudskis Herrschaft nach Kriterien einer prototypischen Mili- tärdiktatur untersucht werden (vgl. Lauth 2010, 106).

Als Grundlage für den Vergleich der Diktatur mit Paynes Theorie und Linz' Definiti- on sollen möglichst vielfältige Forschungsarbeiten zu Polen in den Zwischenkriegsjah- ren zur Hilfe genommen werden. Allen voran der ausführliche Aufsatz von Jerzy Kochanowski (2001), die von Heidi Hein-Kircher initiierten Studien über Piłsudski und seinen Machtapparat (2006), das geschichtswissenschaftliche Standardwerk über Polen von Norman Davies (2006) und die äußerst kritisch verfasste Geschichte Polens im 20. Jahrhundert von Włodzimierz Borodziej (2010).

Zusätzlich sollen durch eine Ortung der historischen Ausgangssituation vor 1926

und des Zustands der polnischen Politik und ihrer Akteure bis 1939 die Besonderheiten des Regimes kenntlich gemacht werden. Eines Regimes, welches nach 13 Jahren Exis- tenz durch den gemeinsamen Überfall Deutschlands, der Sowjetunion und der Slowakei auf Polen am 1. September 1939 abrupt beendet wurde (vgl. Puzyński 2011, 102f.) und dessen Aufarbeitung erst jetzt begonnen hat.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 1: Józef Piłsudski als Verteidiger der polnischen Nation vor den Toren Warschaus auf einer Postkarte aus den 1930er Jahren, aus: www.rp.pl/grafika2/216882,223482,9.jpg (31.07.2011).

2. Faschismus und Militärdiktatur in der wissenschaftlichen Diskussion

Innerhalb der Autokratieforschung irritiert kaum ein Begriff so sehr, wie der des sog. Faschismus (vgl. Payne 2006, 11), der sich etymologisch auf das römische Macht- symbol des Rutenbündels, lateinisch fasces genannt, zurückführen lässt.

Neben politisch gefärbten Definitionsversuchen in der ersten Hälfte des 20. Jahr- hunderts, ist im Laufe der wissenschaftlichen Diskussion vor allem anhand verbinden- der Merkmale innerhalb der Diktaturen im Europa der Zwischenkriegszeit versucht worden (vgl. Bauerkämper 2006, 13), den Faschismus zu definieren und seine Wurzeln ausfindig zumachen (vgl. Saage 2007, 14f.).

Dabei ist der Faschismus u. a. als antitranszendentes, strukturfunktionales, expan- sionistisches oder modernistisches Gesellschaftsphänomen gedeutet worden, vor allem unterlag er aber zumindest laut Wolfgang Wippermann einer „grotesken wie politisch gefährlichen Inflationierung“ (Wippermann 1997, 92).

Unter deutschsprachigen Forschern, wie Ernst Nolte, der sich für einen allgemeinen Faschismusbegriff einsetzt (vgl. Nolte 1966, 64f.), Karl Dietrich Bracher, der entschie- den dagegen plädiert (vgl. Bracher 1984, 25f.), sowie Detlef Schmiechen-Ackermann, der die mögliche Einzigartigkeit des Begriffs in Bezug auf Mussolini konstatiert (vgl. Schmiechen-Ackermann 2002, 68), herrscht allerdings kaum Konsens. Selbst die Cha- rakterisierung des ursprünglichen, italienischen Faschismus scheint nicht abgeschlossen (vgl. Petersen 1998, 39).

Etwas leichter erscheint hierbei die Definition der, u. a. auch als Stratokratie be- zeichneten, Militärdiktatur. Eines autokratischen Systems, das bis in die Gegenwart überdauert hat und außerhalb Europas immer noch in unterschiedlichen Abwandlungen vorzufinden ist (vgl. Lauth 2010, 106f.), dem aufgrund verschiedener Demokratisie- rungsprozesse ab Anfang der 2010er Jahre aber in absehbarer Zeit ein flächendeckendes Ende prognostiziert werden kann.

Durchgesetzt hat sich in Bezug auf eine Militarismusdefinition in der Literatur vor allem Linz' Typologisierung, die trotz des Vorwurfs seiner unsystematischen Herange- hensweise die wissenschaftliche Diskussion bis heute maßgeblich dominiert (vgl. Mer- kel 2010, 41f.).

3. Stanley Paynes epignostische Theorie des Faschismus

Der für die allgemeine Faschismusdefinition eintretende Payne versucht einen stär- keren Geschichtsbezug in die Debatte um den Faschismusbegriff einzubringen, um nicht nur über Ideologie, Negotiationen oder den Organisationsstil vergangener Regime Ähnlichkeiten ausfindig zu machen (vgl. Payne 2006, 15), sondern über ihre jeweilige Historie und die damit verbundenen Faktoren.

Sein dabei entstandener Versuch, ein Minimum an Faschismus zu lokalisieren, wirkt auf den ersten Blick fahrlässig, lässt er dabei doch klar die programmatischen Aspekte des zu untersuchenden Regimes aus. Entscheidend sind für Payne allerdings nicht nur einzelne Charakterzüge eines Regimes, sondern die Gesamtheit der zu erfüllenden Fak- toren (vgl. Payne 2006, 192f.), die Payne in fünf Kategorien unterteilt (vgl. Tabelle 1). Dies macht seine, der rückwirkenden Bestimmung vergangener Faschismen gewidmete, Vorgehensweise für die Typologisierung eines historischen Regimes äußerst zugänglich. So leicht man innerhalb seiner somit epignostischen Theorie faschistische Züge ei- ner Diktatur aufweisen kann, so schwieriger ist es schließlich nach Betrachtung der Un- tersuchungsergebnisse die zu typologisierende Diktatur eindeutig als faschistisch zu be- titeln, wenn sie nicht im Kern den von Payne eingeforderten Erwartungen entspricht.

4. Die Definition einer prototypischen Militärdiktatur nach Juan J. Linz

Der von Linz formulierte Definitionsversuch der Militärdiktatur, in einer Reihe von autoritären Systemen, ist weniger systematisch als Paynes Faschismustheorie (vgl. Maćków 2009, 23). Dafür gleichen sich beide in Bezug auf die Verwendung geschichts- wissenschaftlicher Aspekte (vgl. Merkel 2010, 42). Linz stellt in diesem Zusammen- hang den Oberbegriff des Militarismus auf, unter dem er vor allem das Wertespektrum der herrschenden Militärs vereint (vgl. Linz 200, 301f.).

Unterteilt werden kann des Weiteren der Begriff der Militärdiktatur in drei Unterva- rianten: Das bürokratisch-militärische Regime, das militärische Führerregime und das militärische Gangsterregime, zu dem moderne Warlords gezählt werden. Die militäri- schen Gangsterregime, die nicht wertorientiert ausgerichtet sind und allein auf die per- sönlichen Geschäftsinteressen und die Sicherung bestimmter Privilegien ausgerichtet sind, haben nur in kränkelnden Staaten eine, wenn auch kurzlebige, Chance der Exis- tenz (vgl. Merkel 2010, 45).

So ermöglichen nur die ersten beiden Subvarianten der Militärdiktatur, das bürokra- tische und das Führerregime, die Formulierung eines theoretischen und prototypischen Militärregimes.

Wichtig sind dabei folgende Faktoren: Eine Gruppe von Militärs oder eine einzelne Leitfigur dieser, deren persönliche Legitimation beiderseits entweder durch angebliche Führungsstärke, oder seltener, durch Charisma erklärt wird. Die Durchsetzung der staat- lichen Sicherheit in Verbindung mit Ruhe und Ordnung, sowie Recht und Gerechtigkeit als Ziel ihrer Herrschaft. Eine schwache Ideologie im Rahmen eines Modernisierungs- bestrebens, welches allerdings von einem traditionalistischen, meist rein wirtschaftslibe- ralen Weltbild geprägt ist.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 2: Edward Rydz- Ś migły auf einer propagandistischen Post- karte mit Militärstandarte und Ka- valerie aus Anlass einer Feierlich- keit zu Ehren polnischer Veteranen aus dem siegreichen Krieg gegen die Sowjetunion 1919 bis 1921, aus: w w w . ww 2 i n color.com/d/248664-2/1 939+3 (31.07.2011).

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Ende der Leseprobe aus 29 Seiten

Details

Titel
Die „moralische Diktatur“ in Polen 1926 bis 1939
Untertitel
Faschismus oder autoritäres Militärregime?
Hochschule
Rheinische Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn  (Institut für Politische Wissenschaft und Soziologie)
Veranstaltung
Deutsche und europäische Diktaturen des 20. Jahrhunderts
Note
1,0
Autor
Jahr
2011
Seiten
29
Katalognummer
V189472
ISBN (eBook)
9783656135326
ISBN (Buch)
9783656135449
Dateigröße
845 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Autokratie, Militärregime, Faschismus, Piłsudski, Polen, Theoriengeschichte, Ideokratie, Ideologie, Zwischenkriegszeit, Militär, Regime, Payne, Linz, Rydz, Hitler, Herrschaft, Personenkult, Mussolini, Salazar, Franco, Horthy, Politik, Sanacja, moralisch, Diktatur, Sanierung, Bolschewiken, Bolschewismus, Nationalismus, Legion, Witos, autoritär, Minderheiten, Sejm, Präsident, Marschall
Arbeit zitieren
Christoph Kotowski (Autor), 2011, Die „moralische Diktatur“ in Polen 1926 bis 1939, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/189472

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