Die Situation der Palästinenser - Fremd- oder Selbstverschulden?

Eine Betrachtung des Nahost-Konflikts in der Zeit vom britischen Mandat bis zur Unabhängigkeit Israels


Facharbeit (Schule), 2010
25 Seiten, Note: 1,0

Leseprobe

1. Einführung

Der Konflikt zwischen Palästina und Israel, „Nahost-Konflikt" genannt, gilt als einer der längsten und bedeutendsten Religions- und Gebietskonflikte unserer Zeit. Seit dem späten 19. Jahrhundert streiten sich nicht nur diese beiden Bevölkerungsgruppen um die Vorherrschaft auf dem Gebiet zwischen dem Fluss Jordan und dem Mittelmeer, die gesamte internationale Öffentlichkeit und Politik ist zweigeteilt bei der Frage, wer das Recht hat,jenes Gebiet sein Eigen nennen zu dürfen.

Durch die Brutalität und Verbissenheit beider Nationen ist es bisher kaum gelungen, auf diplomatischem Wege eine plausible und faire Lösung zu finden. Immer wieder scheint die Krise auf dem Weg der Besserung zu sein, wird dann aber durch staatlich organisierte Projekte, militärische und paramilitärische Interventionen, terroristische Aktionen und unendlich viele Missverständnisse zurückgeworfen.[1] Der Konflikt ist nicht nur ein normaler Rechtsstreit, die verfeindeten Protagonisten haben diametral entgegengesetzte Interessen, und es ist kaum möglich, sich eine extremere Feindschaft vorzustellen.

Ab 634 n. Chr. besiedelten Araber nach einem blutigen Krieg das heutige Konfliktgebiet, das bis dahin zum oströmischen Reich gehörte. Jüdische Gemeinschaften gab es schon seit langem nur noch in sehr geringem Maße, da es während der Herrschaft der Römer zu gewaltigen Progromwellen im ganzen Nahen Osten gekommen war. Die ursprüngliche Bevölkerung war meist christlich, die muslimische Religion wurde ihnen nicht aufgezwungen. So dauerte es mehr als 100 Jahre, bis so gut wie alle Bewohner zum Islam konvertiert waren.

Um 1517 wurde Palästina dem osmanischen Reich einverleibt. Den wenigen christlichen und jüdischen Gemeinden wurde zwar Autonomie gebilligt, die gewaltige Mehrheit der Bevölkerung war aber islamisch (90%). Die nächsten knapp 350 Jahre verliefen weitestgehend friedlich. 1882 begannen Juden in Palästina einzuwandern. Durch den starken Antisemitismus in Europa verbreitete sich unter den Juden die Vorstellung, dass sie eine „eigene Nation mit nationalen Rechten" bilden mussten. Diese erste moderne Einwanderungswelle legte den Grundstein für das zionistische Bild und fand zusehends Unterstützung überall in Europa.[2]

Erst in den späten 1870er-Jahren keimte auch ein arabisches Nationalbewusstsein auf, man wollte nicht mehr unter der Fremdherrschaft der Osmanen leben. Dieses Nationalbewusstsein wurde besonders durch die darauffolgenden Einwanderungswellen der Juden verstärkt. Diese waren Angehörige der zionistischen Bewegung, die sich die Errichtung, Rechtfertigung und Bewahrung eines jüdischen Nationalstaats auf palästinensischem Boden zum Ziel gesetzt hatten.

2. Britische Mandatspolitik

2.1 Der Weg zum Völkerbundsmandat

Vor allem Großbritannien machte sich schon 1915 den erwachenden arabischenNationalismus während des Ersten Weltkrieges zu Nutze. Es versprach der arabischen Bevölkerung Unabhängigkeit und Freiheit, im Gegenzug erwartete man ein Auflehnen gegen die osmanische Herrschaft, neben dem Deutschen Reich der stärkste Gegner der Briten im 1. Weltkrieg.[3] Beleg dafür ist ein Briefwechsel zwischen dem hohen arabischen Führer namens Hussein Ibn Ali, dem Sheriff von Mekka, und dem britischen Hochkommissar Ägyptens, Henry McMahon. McMahon versprach darin die Unabhängigkeit eines arabischen Staates, falls sich die Araber an dem Krieg auf der Seite der Alliierten beteiligten. Dieser arabische Staat sollte auch Syrien und Palästina umfassen. Das Versprechen McMahons wurde von den meisten Arabern als verbindlich angesehen[4], gleichzeitig aber gab es weitere Verhandlungen, die dem Inhalt des McMahon-Hussein- Abkommens komplett zuwider liefen.

Denn in einem geheimen Abkommen 1916 zwischen Großbritannien und Frankreich wurde die Aufteilung des Nahen Ostens nach Kriegsende festgelegt. Das Abkommen nannte man Sykes-Picot- Abkommen nach dem Außenminister Großbritanniens und dem französischen Botschafter. Man einigte sich darauf, Syrien an Frankreich zu geben, während das Gebiet des heutigen Palästina in einem Völkerbundsmandat an Großbritannien gehen sollte.[5] Die sich widersprechenden Vereinbarungen (McMahon-Hussein versus Sykes-Picot) erklären sich mit den inzwischen veränderten Interessen der britischen Politik. Während man anfangs mit Hilfe der Araber die Osmanen besiegen wollte, hatte man zwei Jahre später das Ziel, mit Hilfe des Sykes-Picot- Abkommens den Zielen der bereits geplanten Balfour-Deklaration (s.u.) gerecht zu werden und die einflussreichen Zionisten beim Aufbau einer jüdischen Nationalstätte zu unterstützen. Außerdem vermuten Historiker, dass Sykes nicht mit dem britischen Amt in Kairo in Verbindung stand, das mit Hussein korrespondierte.[6]

Nachdem die Osmanen als Kriegsverlierer des Ersten Weltkrieges die Macht in Palästina verloren hatten, gab Großbritannien im November 1917 eine Erklärung an die Zionistische Weltorganisation ab, nach der es die Idee eines eigenen Gebietes für dasjüdische Volk begrüßte. Ziel war es, nach dem Sieg über die Osmanen einen weiteren starken Bündnispartner im Machtkampf um den Nahen Osten zu erhalten. Im Originaltext der so genannten Balfour-Deklaration wird das Ziel definiert :"Zu Gunsten der Schaffung einer nationalen Heimstätte für dasjüdische Volk in Palästina, wobei klar verstanden ist, dass nichts getan werden soll, was die bürgerlichen und die religiösen Rechte bestehender nicht-jüdischer Gemeinschaften in Palästina oder die Rechte und die politische Stellung deren sich die Juden in irgend einem anderen Lande erfreuen, beeinträchtigen würde."[7]

Zu dieser Zeit lebten in dem Konfliktgebiet rund 600000 Araber und 56000 Juden. Trotzdem richtete sich die Deklaration zu gleichen Teilen an beide Gruppen. Dies sorgte für Argwohn in der arabischen Bevölkerung, da das Land, das rechtmäßig ihnen gehörte, an Juden verschenkt werden sollte. Es war außerdem keine Rede mehr von politischen oder sozialen Rechten der arabischen Bevölkerung oder vom Abkommen zwischen McMahon und Hussein. Damit war der Ausgangspunkt geschaffen für den Machtkampf zwischen Arabern und Juden, die Hoffnung auf einen unabhängigen arabischen Staat war in weite Ferne gerückt.[8] Doch diese Entwicklung war anfänglich noch nicht absehbar.

Chaim Weizmann, ein Vertreter der zionistischen Bewegung und Vertrauter der britischen Regierung, wurde in den Nahen Osten gesandt, um den arabischen Vertretern deutlich zu machen, dass es keine Forderungen nach einer jüdischen Regierung gab, sondern lediglich die nach einer Heimat mit eigenen nationalen Rechten. Mehr noch, bei einem Treffen mit Emir Faisal, dem Wortführer der arabischen Seite, bestimmten beide Parteien am 1. Januar 1919 gemeinsam die Ländergrenzen des von Faisal angestrebten arabischen südsyrischen Königreichs und die gewünschtejüdische Einwanderung, ohne eine bestimmte Zahl an Immigranten zu nennen. Zudem betonte man feierlich die ähnliche Abstammung der Juden und Araber. Allerdings wurde als letzter Punkt von Faisal die Unabhängigkeit aller arabischen Staaten in Asien gefordert, bei Nicht­Einhalten dieser Forderung würde das Abkommen komplett an Bedeutung verlieren.[9] Trotz dieser scheinbaren Annäherung wuchs der Hass der Araber auf die zionistischen Einwanderer. Das Abkommen war in ihren Augen ein Widerspruch zu den Bemühungen der Briten, einenjüdischen Nationalstaat zu begründen.

Um das Faisal-Weizmann-Abkommen zu bewerten, lohnt sich ein Blick auf den Inhalt des angesprochenen Sykes-Picot-Abkommens. Darin heißt es im ersten Paragraphen:"That France and Great Britain are prepared to recognize and protect an independent Arab state or a confederation of Arab states (a) and (b) marked on the annexed map, under the suzerainty of an Arab chief"[10]

Das bedeutet: Frankreich und Großbritannien stimmten zwar überein, dass man den Weg zu einem unabhängigen arabischen Staat fördern solle. Doch die Wünsche Faisals in der Vereinbarung mit Weizmann von 1919 waren schon 1916 mitjener Korrespondenz zwischen Frankreich und Großbritannien hinfällig. DerNahe Osten war von den europäischen Mächten bereits aufgeteilt worden.

2.2 Völkerbundsmandat für Palästina

1920 wurde nach dem Sieg über die Osmanen auf der Konferenz von San Remo das Völkerbundsmandat für Palästina an Großbritannien vergeben. Das Mandat war klassifiziert als ein Klasse-A-Mandat, schreibt also dem Mandatarvor, sich an alle internationalen Abkommen (Sklaven,- Waffen- und Alkoholgesetze) zu halten, es sichert volle Religions- und Gewissensfreiheit im Mandatsgebiet, verbietet die militärische Ausbildung der Eingeborenen, außer sie dient zum Schutze dieser, und erlaubt die Benutzung aller Straßen, Eisenbahnen und Häfen für militärische und wirtschaftliche Interessen.[11] Großbritannien hatte demnach vor allem wegen des letzten Punktes die Befugnis, eigennützig im Mandatsgebiet zu handeln, obwohl dem die Satzung des internationalen Völkerrechts entgegen stand, die besagt, dass uneigennützig und ohne Ziel der Vermehrung der militärischen Stärke gehandelt werden muss.[12]

Während die Briten zum Beispiel im ihnen übertragenen syrischen Mandat nur „Rat und Beistand in der Verwaltung" zu erteilen hatten, bekamen sie beim palästinensischen Mandat die komplette Verwaltung des Gebietes von Palästina anvertraut.[13] Der Umfang der mandatorischen Befugnisse erklärt sich aus dem wichtigsten Inhaltspunkt des Mandats: Es wurde zum Hauptziel erklärt, die Ziele der Balfour-Deklaration durchzusetzen, also die Juden in aller Welt bei der Erschaffung einer nationalen Heimstätte auf palästinensischem Gebiet tatkräftig zu unterstützen. Um diese Unterstützung schnellstmöglich zu sichern, wurde den Briten die Kontrolle über Gesetzgebung und Verwaltung gegeben und die Außenpolitik Palästinas überlassen („The Mandatory shall have full powers oflegislation and of adminsitration, save as they may be limited by the terms of this mandate ").[14]

Zwar beschrieben die meisten anderen Inhalte des Mandatsauftrages, die Rechte und Pflichten der Bevölkerung einzuhalten und diejüdische und arabische Bevölkerung fair und gleich zu behandeln. Doch wurde die Zionistische Weltorganisation (Jewish Agency) als Behörde für die Verbindung zwischen Großbritannien und denjüdischen Immigranten eingesetzt und eine Förderung des rein­jüdischen Siedlungsbaus bestätigt. Eine ähnliche Vertretung der arabischen Interessen gab es nicht.[15] Von britischer Seite wurde zur Durchsetzung der Gesetze Sir Herbert Samuel als erster Hochkommissar eingesetzt.

Die Palästinenser, sowie die eingewanderten Zionisten erhielten eine gemeinsame palästinensische Staatsbürgerschaft, was eine Art Teilunabhängigkeit symbolisierte, durch die angesprochenen Zusatzbefugnisse der Briten auf Grund der Balfour-Deklaration spielte dies allerdings keine Rolle, d.h. die ursprüngliche Bevölkerung hatte genauso wenig Rechte wie unter der Herrschaft der Osmanen. Die Araber und mit ihnen Faisal fühlten sich vor den Kopf gestoßen: Man hatte Palästina nicht nur von Syrien abgetrennt und die umstrittene Balfour-Deklaration mit in das Völkerbundsmandat aufgenommen, man hatte außerdem die Versprechungen McMahons und auch Weizmanns gebrochen und somit der arabischen Bevölkerung ihren Traum von einem unabhängigen Staat genommen.[16] Zu alledem mischten sich britische Vorurteile gegenüber Arabern. Man sah die arabische Bevölkerung allgemein als kolonisierte Population, also als Eingeborene an. Die Zionisten wurden dagegen als „Mitkolonialherren" betrachtet.[17]

Die Briten sahen sich in der Rolle des Mittelsmannes und des Sicherheitsgaranten, legitimierten so die lang anhaltende Fortsetzung des Mandats. Außerdem hatte man noch die kühnen Träume, dass das zionistische Kapital, die Wohnraumerschließung und der Handelsausbau mit Hilfe Großbritanniens letztlich auch der palästinensischen Bevölkerung zu Wohlstand verhelfen wird. Da aber weder Araber noch Zionisten das notwendige Interesse für einen einheitlichen Staat mitgebracht hatten, musste die Situation zwangsläufig eskalieren.

[...]


[1] Vgl.: Margret Johannsen: (2009), Der Nahost-Konflikt, hg. v vs.-Verlag, Wiesbaden, Seite 9

[2] Vgl.: Ebenda, Seite 14

[3] Vgl.: Margret Johannsen: a.a.o., Seite 17

[4] Vgl.: http://www.palaestina-stimme.de/abhandlungen/abhan-august-die-gebrochenen-vertraege-der-europaeer.html 12.09.10, 17:49 Uhr

[5] Vgl.: http://www.nahost-politik.de/israel/geschichte/mandat.htm 12.09.10, 18:00Uhr

[6] Vgl.: Helmuth Rönnefahrt und Heinrich Euler: (1959), Konferenzen und Verträge: Vertrags-Ploetz, Handbuch der geschichtlich bedeutsamen Zusammenkünfte und Vereinbarungen, Teil II, 4. Band: Neueste ->siehe Fußnote Seite3

Zeit, 1914-1959., A. G. Ploetz Verlag, Würzburg, S.14-17

[7] Generaldelegation Palästinas in der Bundesrepublik Deutschlands, Historische Dokumente und Abkommen: Balfour-Deklarationvom 2. November 1917

[8] Vgl.: Margret Johannsen: a.a.o., Seite 16

[9] Vgl. Dietmar Herz/Julia Steets: (2001) Palästina. Gaza und Westbank. Geschichte, Politik, Kultur. München, Seite 27

[10] Vgl.: http://en.wikisource.org/wiki/The_Sykes-Picot_Agreement 12.09.10, 19:40 Uhr

[11] Vgl.: Albert Krämer: (1927), Das völkerrechtliche Mandat unter besonderer Berücksichtigung des Palästina­Mandats, Dissertation zur Erlangung der Doktorwürde, Heidelberg, Seite 53

[12] Ebenda, Seite 54

[13] Ebenda, Seite 106

[14] Report to the General Assembly of the United Nations Special Committee on Palastine

[15] Vgl.: Gudrun Krämer: (2006), Geschichte Palästinas: Von der osmanischen Eroberung bis zur Gründung des Staates Israel, hg. v. C.H. Beck oHG, München, Seite 202

[16] Vgl.: Gudrun Krämer: a.a.o., Seite 204

[17] Vgl.: Yehoshua Porath: (1974), The emergence of the Palestinian-Arab national movement, 1918-1929: Band 1, London, Seite 157 f.

Ende der Leseprobe aus 25 Seiten

Details

Titel
Die Situation der Palästinenser - Fremd- oder Selbstverschulden?
Untertitel
Eine Betrachtung des Nahost-Konflikts in der Zeit vom britischen Mandat bis zur Unabhängigkeit Israels
Hochschule
Schadow Gymnasium Berlin
Note
1,0
Autor
Jahr
2010
Seiten
25
Katalognummer
V189475
ISBN (eBook)
9783656135302
ISBN (Buch)
9783656135395
Dateigröße
573 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Diese Arbeit ist auch für die geschichtswissenschaftliche Betrachtung der Palästinenser-Frage zu benutzen.
Schlagworte
Palästina, Amerikanische Außenpolitik, Britische Außenpolitik, Völkerbundsmandat, Unabhängigkeit, Israel, Weißbuch, Mandat, UNSCOP, Teilungsplan, Peel, Naher Osten, Churchill, Kolonisation, 2. Weltkrieg, Palästina im 2. Weltkrieg, Sykes, Picot, Lehi, Irgun, Zionismus, Rommel, Hochkommissar, Muslimischer Rat, Husaini, Mufti, Ägypten, Unabhängigkeit Israel, Unabhängigkeit Palästina, Osmanen, Osmanisches Reich, Zionistische Weltorganisation, Jewish Agency, Israelische Außenpolitik, Jom-Kippur-Krieg, Arabisch-Israelischer Konflikt, Arab-Israeli Conflict, Palästina-Frage, Nahost-Konflikt, Palastine, Völkerrecht, King David
Arbeit zitieren
Jan Hölting (Autor), 2010, Die Situation der Palästinenser - Fremd- oder Selbstverschulden?, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/189475

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