Strategie und Struktur aus evolutionstheoretischer Sicht


Seminararbeit, 2002
20 Seiten, Note: 3,0

Leseprobe

INHALTSVERZEICHNIS

1. EINLEITUNG

2. ALLGEMEINE DEFINITIONEN EVOLUTIONSTHEORETISCHER ANSÄTZE

3. POPULATION ECOLOGY-ANSATZ
3.1. DARSTELLUNG DES POPULATION ECOLOGY-ANSATZES
3.1.1. Entwicklung des Basisansatzes durch Hannan und Freeman
3.1.2. McKelveys und Aldrichs Variante des Population Ecology-Ansatzes
3.2. KRITISCHE BEURTEILUNG DES POPULATION ECOLOGY-ANSATZES
3.3. EMPIRISCHE UNTERSUCHUNGEN ZUM POPULATION ECOLOGY-ANSATZ

4. DARSTELLUNG DES EVOLUTIONÄREN MANAGEMENTS
4.1. EINFÜHRENDE BEMERKUNG ZUM EVOLUTIONÄREN MANAGEMENT
4.2. EVOLUTIONÄRES MANAGEMENT - ST. GALLER ANSATZ
4.3. EVOLUTIONÄRES MANAGEMENT - MÜNCHNER ANSATZ
4.4. KURZE BEURTEILUNG DES EVOLUTIONÄREN MANAGEMENTS

5. SCHLUSSBEMERKUNG

1. EINLEITUNG

Beginnend mit Max Webers Bürokratiemodell gibt es bis heute eine schwer überschau- bare Menge mehr oder minder weit entwickelter Organisationstheorien, welche erhebli- che Unterschiede in der Erklärung ihrer Erkenntnisobjekte, i.d.R. der Unternehmung, aufweisen.

Vertreter evolutionstheoretischer Ansätze teilen die Auffassung, daß Organisationen zu komplexe soziale Gebilde innerhalb einer noch weniger überschaubaren Umwelt seien, “um durch geplante Eingriffe in berechenbarer Weise in einen gewünschten Zustand überführt werden zu können.” (KIESER/ WOYWODE 2001: 253). In ihren Augen stoßen organisationale Gestalter zwar Änderungsprozesse an, können diese jedoch im Anschluß nur partiell kontrollieren.

Im Rahmen dieser Arbeit sollen einige evolutionstheoretische Ansätze dargestellt und im Hinblick auf Strategie sowie Struktur von Organisationen untersucht werden. Dabei erfolgt in der Literatur keine Unterscheidung zwischen nationalen und internationalen Unternehmungen, sondern es werden zumeist Organisationen ganz allgemein als Untersuchungsobjekte ausgewählt.

2. ALLGEMEINE DEFINITIONEN EVOLUTIONSTHEORETISCHER ANSÄTZE

Evolutionstheoretische Ansätze der Organisationslehre weisen viele Parallelen zur synthetischen Evolutionstheorie der Biologie auf, welche von Darwin begründet wurde. Durch diese Analogie wird die Darstellung der Ansätze erleichtert, da sich zumeist anschauliche Beispiele aus der naturwissenschaftlichen Forschung finden lassen. Aus dieser interdisziplinären Vorgehensweise erwächst jedoch auch die Notwendigkeit, sich kurz mit den wesentlichen Begriffen der Darwinistischen Evolutionstheorie vertraut zu machen.

Die Population stellt die Analyseeinheit der meisten - aber nicht aller - evolutionstheo- retischen Ansätze dar. Sie beinhaltet alle Eigenschaften der in ihr zusammengefaßten als Individuen bezeichneten Organisationen und bildet damit den Genpool, während jedes Individuum nur einen Teil dieser Eigenschaften besitzt und damit einen Genotyp darstellt. Durch zufällige sprunghafte Veränderungen der Gene, sogenannte Mutationen, wird der Genpool ausgeweitet. Die Individuen einer Population sind in der Lage zur Selbstreplikation, wobei keine exakten Kopien, sondern neue Genotypen entstehen. Diese durch Mutationen unterstützten Variationen stellen eine Durchmischung und

Erweiterung des bestehenden Genpools dar. Jedes Individuum unterliegt dem Selekti- onsprozeß, welcher durch die Umwelt durchgeführt wird. Durch die Selektion erhöhen sich die Reproduktionschancen der gut angepaßten Individuen, während die der schlecht angepaßten Individuen sinken. Erfolgreiche Genotypen bewahren in Folge der Selektion die wertvollen Gene für den Genpool, was den Prozeß der Retention darstellt (KIESER/ WOYWODE 2001: 254).

Organisationstheoretische Ansätze der Evolutionstheorie stützen sich in unterschiedlichem Ausmaß auf die synthetische Evolutionstheorie aus der Biologie. Im folgenden soll auf zwei konzeptionelle Hauptstränge der organisationalen Evolutionstheorie eingegangen werden: Den in den USA stark vertretenen “Population Ecology-Ansatz” und das hauptsächlich in Deutschland diskutierte “Evolutionäre Management”.

3. POPULATION ECOLOGY-ANSATZ

3.1. Darstellung des Population Ecology-Ansatzes

In den knapp 30 Jahren seit der Entstehung dieses organisationstheoretischen Ansatzes haben sich zahlreiche Forscher für ihn interessiert, wodurch viele Facetten herausgebil- det worden sind. Aus Mangel an Platz und aus Gründen der Ausführlichkeit werden in dieser Schrift die Ansätze von HANNAN/ FREEMAN und MCKELVEY/ ALDRICH schwerpunkt- mäßig behandelt.

3.1.1. Entwicklung des Basisansatzes durch HANNAN und FREEMAN

Obwohl es nicht den Population Ecology-Ansatz an sich gibt, können doch zunächst einige Kernaussagen getroffen werden, die gewissermaßen als kleinster gemeinsamer Nenner unter Populationsökologen zu bezeichnen sind. Diese konzeptionelle Basis wurde von HANNAN und FREEMAN 1977 in einem umfassenden Artikel dargelegt (vgl. HANNAN/ FREEMAN 1977). Ihrer Meinung nach sind Organisationen nicht in der Lage, sich zielgerichtet an eine dynamische Umwelt anzupassen, da dies erstens durch intraor- ganisationale Gruppen verhindert wird, welche divergierende und von denen der Gesamtunternehmung verschiedene Ziele verfolgen. Zweitens wird unvollkommene Informationsversorgung der Entscheidungsträger und drittens die große Trägheit von Organisationen als Argument für mangelnde Anpassungsfähigkeit angeführt (vgl. HANNAN/ FREEMAN 1984: 151).

Für HANNAN und FREEMAN ist vor allem jene große Trägheit von Organisationen dafür verantwortlich, daß sich Populationen gegeneinander abgrenzen lassen. Diese läßt sich 2 ihrer Meinung nach in hohem Maße auf die in den jeweiligen Organisationen implemen- tierten Strukturen zurückführen. Es erscheint in diesem Zusammenhang durchaus einleuchtend, daß ein Unternehmen aus der Automobilindustrie mit seinen technischen Anlagen, seinem Controlling, seinem Marketing, seinem Know-how, seinem Humanka- pital, seinem Informationsnetzwerk, seiner Corporate Identity und noch aus einer Viel- zahl anderer Gründe nicht die Flexibilität besitzt, sich mittelfristig etwa zu einem Chemiekonzern zu entwickeln (vgl. KIESER/ WOYWODE 2001: 256f). Weiterhin tragen die hohen Kosten organisationalen Wandels bei großen Unternehmen zu deren Trägheit bei (vgl. FLIGSTEIN 1985: 379). Jene “organizational inertia” wird nach HANNAN und FREEMAN durch die Neugründung von Unternehmen, z.B. in neuen Technologiezweigen, überwun- den. Nach dem Verständnis der beiden Forscher stellt dieser Prozeß die Variation dar, während der Selektionsprozeß durch die Umwelt erfolgt, indem effiziente und gut ange- paßte Organisationen bewahrt werden, während ihre ineffizienten und schlecht angepaß- ten Konkurrenten den Kampf ums Überleben verlieren. Mit anderen Worten formuliert stellt demnach die Gründung von Organisationen den dominierenden Variations - und die Elimination von Organisationen den dominierenden Selektionsmechanismus dar. ASTLEY merkte hierzu 1985 an, daß innerhalb einer Population die Selektion der möglichst opti- mal auf ihre Umwelt angepaßten Organisationen dazu führe, daß sich zwischen diesen die Unterschiede abbauten. Eine steigende Homogenität bezüglich der Organisationen einer Population wäre die langfristige Folge hiervon (vgl. KIESER/ WOYWODE 2001: 258).

3.1.2. MCKELVEYS und ALDRICHS Variante des Population Ecology-Ansatzes

Während HANNAN/ FREEMAN die Gründung bzw. die Elimination ganzer Organisationen als den zentralen Variationsmechanismus ansehen, wählen MCKELVEY und ALDRICH einen anderen Ansatz, der die Kompetenzen (“Comps”) einer Population oder Organisa- tion herausstellt: “Comps are defined as the elements of knowledge and skill that, in total, constitute the dominant competence of an organisation We view technical and organizational competence as human responses to environmentally imposed problems” (MCKELVEY/ ALDRICH 1983: 112). Jede Organisation besitzt eine bestimmte Auswahl der Comps seiner Population, wobei keine Organisation all diese Comps in sich vereint und zudem kein Comp in allen Organisationen vorhanden ist. Dies entspricht der Definition einer polyethischen Gruppe (vgl. MCKELVEY/ ALDRICH 1983: 112).

MCKELVEY/ ALDRICH behaupten, daß es im Hinblick auf eine gegebene Umwelt Kombi- nationen von Kompetenzen gibt, die ganz einfach effektiver und effizienter sind, als andere Kombinationen. Nach Ansicht der beiden Autoren lassen sich Populationen dadurch voneinander abgrenzen, daß es innerhalb ihrer jeweiligen Organisationen bestimmte Cluster von Comps gibt, die in Organisationen anderer Populationen fehlen. So sind beispielsweise in der Luftfahrtindustrie Kompetenzen in der Aluminiumverar- beitung im Gegensatz zu Kompetenzen in der Bevorratung von Lebensmitteln weit verbreitet. Dies liegt daran, daß Comps, die sich für eine Population als nützlich erwei- sen, üblicherweise wenig nützlich für andere Populationen sind (vgl. MCKELVEY/ ALDRICH 1983: 112f). Comps stellen Humankapital dar, da sie in den Köpfen der Mitar- beiter implementiert sind. Erfolgreiche Kompetenzen breiten sich innerhalb einer Popu- lation am schnellsten aus, da Mitarbeiter erfolgreicher Organisationen am ehesten von anderen Organisationen abgeworben werden. Außerdem werden Träger erfolgreicher Comps mit einer höheren Wahrscheinlichkeit die Chance bekommen, z.B. auf Konferen- zen ihr Wissen weiterzugeben. Die Annahme, daß Comps in den Menschen manifestiert sind, verstärkt den Isolationsprozeß zwischen den Populationen aufgrund der langen Zeit, die es braucht, Arbeitskräfte auszubilden: “Many managers speak of the years it takes to “learn the business”. Engineers, professors, lawyers, doctors, and many other professionals spend years being educated” (MCKELVEY/ ALDRICH 1983: 113).

Diese beiden Autoren sehen jede Änderung als eine Variation an, wobei sie “purposeful variations” und “blind variations” unterscheiden. Während erstgenannte als Reaktion einer variierenden Umwelt stattfinden, entstehen letztere “by accident and chance” (MCKELVEY/ ALDRICH 1983:114), wobei blinden Variationen von diesen beiden Forschern eine wesentlich höhere Bedeutung beigemessen wird.

Die Selektion findet im Anschluß in einem natürlichen Prozeß statt, durch welchen solche Variationen ausgewählt werden, die sich als besonders nützlich darin erweisen, sich die in der organisationalen Umwelt vorhandenen Ressourcen anzueignen. Genau diese Variationen tragen wesentlich zum Überleben von Organisationen bei, so daß sie bewahrt werden. Jener Prozeß der Retention wirkt über die Grenzen der einzelnen Orga- nisation hinaus gleichzeitig auf den “comp pool” der gesamten Population ein. Die Diffusion von Schlüsselkompetenzen innerhalb einer Population kann auch als Wissens- ausbreitung bezeichnet werden und erfolgt einerseits durch Personaltausch und anderer- seits durch Kommunikation zwischen den Organisationen (vgl. MCKELVEY/ ALDRICH 1983: 114f). In diesem Kontext merkt Aldrich an, daß das Wissen erfolgreicher Organi- sationsformen innerhalb der Gesellschaft institutionalisiert und von den dominanten Organisationen verteidigt wird. Zudem würden Erfahrungen im Bereich wiederholt auftretender Prozesse auch in bürokratischen Routinen bewahrt, die sich verhältnismäßig leicht an neugegründete Organisationen vererben ließen (vgl. ALDRICH 1979: 30f). McKelvey nimmt an, daß es in jeder Population mindestens einen von der Umwelt bestimmten Überlebenspfad gibt, dem sich effektive Organisationen asymptotisch annä- hern. Hier erscheint in Verbindung mit der o.g. vermuteten hohen Bedeutung von “blind variations” folgende Aussage als Ergänzung notwendig: “Since environments are diverse, uncertain, and imperfectly perceived, we think it improbable that a particular individual will both have the correct view and know it we also think it improbable that a person with the “correct” variation will be in a position to implement it” (MCKEL- VEY/ ALDRICH 1983: 116). Die beiden Forscher behaupten, daß einzelne Personen Varia- tionen in individuellen Organisationen auslösen und daß der Prozeß der natürlichen Selektion schließlich jene Organisationsformen überleben läßt, welche erfolgreiche Populationen charakterisieren (vgl. MCKELVEY/ ALDRICH 1983: 117). Dabei erkennen sie auch, daß Überlebenspfade nicht statisch betrachtet werden dürfen, da sie im Umfeld dynamischer Organisationen und Umwelten existieren: “Survival paths do change, and sometimes quick and strong action is necessary to reorient internal selection processes toward favoring different kinds of variations, given a changed pattern of constraints in an environment ” (MCKELVEY/ AKDRICH 1983: 123).

3.2. Kritische Beurteilung des Population Ecology-Ansatzes

Eine große Schwierigkeit des Population Ecology-Ansatzes besteht im Prozeß der Abgrenzung von Populationen, für welchen es keine allgemein anerkannten Verfahren gibt. Die Meinungen führender Populationsökologen gehen in diesem Punkte weit auseinander. HANNAN und FREEMAN vertreten die Ansicht, daß die Grenzen organisationa- ler Populationen im Gegensatz zu ihren biologischen Äquivalenten nicht eindeutig bestimmbar seien, weil einerseits Organisationen noch zu Lebzeiten durch organisationa- len Wandel ihren Genotyp verändern können und andererseits neben den Organisationen auch die Umwelt grenzbestimmenden Einfluß hat (vgl. KIESER/ WOYWODE 2001: 260).

Dagegen vertreten MCKELVEY/ ALDRICH folgenden Standpunkt: “The population perspective would be nothing but arm-chair theorizing if taxonomy and classification methods were not available to identify populations and arrange them in a classification framework ...” (MCKELVEY/ ALDRICH 1983: 116).

[...]

Ende der Leseprobe aus 20 Seiten

Details

Titel
Strategie und Struktur aus evolutionstheoretischer Sicht
Hochschule
Christian-Albrechts-Universität Kiel  (Lehrstuhl für Organisation)
Note
3,0
Autor
Jahr
2002
Seiten
20
Katalognummer
V19000
ISBN (eBook)
9783638232319
Dateigröße
520 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Strategie, Struktur, Sicht
Arbeit zitieren
Arne Schierenbeck (Autor), 2002, Strategie und Struktur aus evolutionstheoretischer Sicht, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/19000

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