Geschichte der Zeugen Jehovas im Nationalsozialismus


Hausarbeit, 2008

22 Seiten, Note: 2,3


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Die Vorgeschichte

2 Repressionen gegen die Organisation
2.1 Die Verbotsentwicklung
2.2 Anpassung an die Verhältnisse

3 Repressionen gegen die Mitglieder
3.1 Proteste
3.2 Kinder als Druckmittel
3.3 Die Wehrpflicht
3.4 Zeugen Jehovas im Konzentrationslager

4 Nachkriegserwartungen und Fazit

5 Literatur

1 Die Vorgeschichte

Die Zeugen Jehovas wurden 1874 von dem frustrierten Adventisten Charles Taze Russel in Pittsburgh, Pennsylvania, USA gegründet und zählen mit inzwischen ca. 5,9 Millionen Mitgliedern1 weltweit zu den größten neuen Religionen.

Russel wurde am 16.2.1852 in Alleghney bei Pennsylvania geboren. Er wuchs im presbyterianischen Glauben auf, schloss sich aber schon mit 18 Jahren den Adventisten an. Als die von den Adventisten prophezeite, für alle Menschen sichtbare Fleischwerdung Christi 1874 ausblieb, wandte er sich mit einer Gruppe von Gleichgesinnten ab und begann als nicht- ausgebildeter Theologe biblische Schriften selbst zu interpretieren. Er verbreitete selbst Schriften, in denen er verkündete, dass Christus nur „im Geiste“ wiedergekommen sei, noch dabei sei Jünger um sich zu scharen, um dann 40 Jahre später - im Jahre 1914 - für die Menschen sichtbar zu werden. Mit dieser Erscheinung sollte seine göttliche Herrschaft auf Erden und somit das von Johannes prophezeite „tausendjährige Reich“ beginnen. Die ca. 50.000 Exemplare seiner Schriften wurden mit positiver Resonanz aufgenommen und erste Gruppierungen bildeten sich auch außerhalb Pennsylvanias. Russel gab erste Vortragsveranstaltungen und ging auf Missionsreisen, um ab 1879 die regelmäßig erscheinende Zeitschrift „Zion`s Watch Tower and the Herald of Christ Presence“ heraus zu bringen, die später zum zentralen Organ der Bibelforscher-Vereinigung werden sollte. Nachdem er sein Hauptbüro von Pennsylvania nach New York verlegt hatte, gründete er schließlich 1914 offiziell die „International Bible Students Association“, um alle Anhänger seiner Glaubensgemeinschaft zusammenzufassen.

Erste Missionierungsversuche in Europa brachten eher mäßigen Erfolg, aber Russel blieb hartnäckig und ließ seine Werke übersetzt auch in Europa veröffentlichen. Regelmäßig erschien nun auch in Deutschland die Zeitschrift „Zions Wachturm und Verkünder der Gegenwart Christi“, die für den ersten Zulauf sorgte.

1902 wurde das erste deutsche Zweigbüro der Internationalen Bibelforscher-Vereinigung in Elbersfeld eröffnet und im Jahre 1905 gab es erstmals über tausend deutsche Wachturm- Abonnenten.

Als im Jahre 1914 der erste Weltkrieg durch das Attentat auf den österreichischen Thronfolger Franz Ferdinand in Sarajewo begann, sahen sich die Bibelforscher in ihren Erwartungen bestätigt. Viele gaben ihren Job auf und trennten sich von ihren weltlichen Gütern, um sich auf das Weltenende vorzubereiten. Als sich mit Ende des Jahres 1914 die Erwartungen allerdings doch nicht erfüllten, steckten die Bibelforscher in ihrer ersten Krise, die sich durch den Tod ihres Gründers Charles Russel am 31.10.1916 noch verstärkte. Auch geriet man in einen Streit um die Frage nach der Wehrpflicht für gläubige Christen im ersten Weltkrieg. Russel hatte zu Lebzeiten immer betont, dass Christen nicht töten dürften, allerdings nicht zu Ungehorsam gegen die Obrigkeit aufgerufen. Vorerst einigte man sich darauf, dass man in Ländern, in denen die Möglichkeit bestand, den Wehrdienst aus Glaubensgründen verweigern sollte. In Ländern, die dies nicht zuließen, wie Deutschland, sollte man versuchen im Sanitätsdienst eingesetzt zu werden. Dies gelang allerdings nicht jedem und so standen im 2. Kriegsjahr etwa 350 Mitglieder der „ernsten Bibelforscher“ in den Reihen des Militärs.

Mitte des 1. Weltkriegs entfachte sich erneut der Streit, ob das angeleitete Töten Christen vor Gott rechtfertigen könnten. Es kam zu ersten Desertierungen, die zu Gefängnisstrafen führten. Am 6. Januar 1917 wurde der 47jährige Franklin Rutherford zum neuen Präsidenten ernannt. Sein erster Erfolg, der allerdings eher auf die Umstände nach dem 1. Weltkrieg zurückzuführen ist, war ein enormer Anstieg der Mitgliederzahl in Deutschland. Zwischen 1919 und 1926 versechsfachte sich die Mitgliederzahl nahezu und stieg auf 22.535. Damit kam jeder 4. Zeuge Jehovas weltweit aus Deutschland und die Ortsgruppe Dresden war sogar stärker als die New Yorks. Auslöser waren hauptsächlich die persönlichen Verluste durch den vergangenen brutalen Krieg, sowie wirtschaftliche Nöte, die einen idealen Nährboden für die Botschaft der Bibelforscher-Vereinigung war: das kommende Königreich Christi, das sich durch Frieden, Liebe und Gerechtigkeit auszeichnet sowie ewiges Leben und die Auferweckung aller Toten. Durch den enormen Mitgliederzuwachs vermehrte sich wieder das schon im 1. Weltkrieg aufgeflammte öffentliche Interesse und die ernsten Bibelforscher mussten sich vielen Anfeindungen aussetzen. Vor allem zwei Vorwürfe setzten sich in der öffentlichen Meinung fest: durch den Glauben an die Schaffung eines Friedensreiches ohne Klassen- oder Rassenschranken wurden die Bibelforscher oftmals als „Freunde des Bolschewismus“ und damit als „Feinde des Vaterlandes“ betitelt. Der zweite Vorwurf kam vermehrt von Seiten der antisemitischen Gruppen: die Ansicht, der Zionismus sei als Zeichen der Endzeit zu deuten, in der Gott sein Volk in Palästina sammle, beweise, dass die Bibelforscher „judenfreundlich“ seien und durch wirtschaftlich starke jüdische Gruppierungen unterstützt würden. Diese Meinung wurde durch ein Gerichtsurteil des Bezirksgerichts St.

Gallen 1924 unterstützt, als eine Verleumdungsklage der Bibelforscher gegen den Arzt Dr. Fehrmann, der behauptet hatte, die Internationale Bibelforscher-Vereinigung werde durch „jüdisches Geld“ finanziert, abgewiesen wurde.

Auch die katholische Kirche war der Meinung, die Bibelforscher sollten als „falsche Religion“ bekämpft werden. Noch 1924 setzte sich die Bibelforscher-Vereinigung durch ein Flugblatt zur Wehr, in dem der katholischen Kirche vorgeworfen wurde, ihre Macht zu missbrauchen und im Bund mit Satan zu stehen.

Juristisch gab es allerdings wenig Handhabe. Zwar gab es 1926 897 Anzeigen wegen unbefugten Hausierens, allerdings führten diese zu wenigen kleineren Geldstrafen und schadeten der Bibelforscher-Vereinigung nur minimal.

1925 kam es allerdings zu einer weiteren Krise, als der große angekündigte Endscheidungskampf, in dem Gott die bösen Mächte des Teufels besiegen und vernichten würde und der schließlich zum Königreich Christi führen sollte („Harmagedon“2 ), erneut ausblieb. Etwa 2.000 Mitglieder wandten sich ab. 1930/31 stieg die Mitgliederzahl dann wieder an und 1931 wurde eine Höchstzahl von 5,6 Millionen vertriebenen Bibelforscherschriften verkündet. Grund für den Anstieg der Mitgliederzahl war diesmal die Wirtschaftskrise und die damit verbundene Not und Arbeitslosigkeit in der Bevölkerung.

Im selben Jahr wurde die Internationale Bibelforscher-Vereinigung dann durch einen Beschluss der Hauptversammlung in Columbus, Ohio, USA offiziell in „Zeugen Jehovas“ umbenannt. Die Bezeichnung „Bibelforscher“ oder „ernste Bibelforscher“ blieb in Deutschland im Volksmund allerdings noch lange erhalten.3

Die Anfeindungen gegen die Zeugen Jehovas nahmen nach der Machtergreifung Adolf Hitlers am 31.1.1933 immens zu. Bis 1945 wurden mehr als 300 Bibelforscher in Konzentrationslagern hingerichtet, über 1.000 starben durch die Verhältnisse in deutschen Gefängnissen.

Bei der Bearbeitung dieser Thematik werfen sich schnell zwei zentrale Fragen auf: Warum begann die Aufarbeitung der Geschichte der Zeugen Jehovas erst Mitte der 1980er Jahre, obwohl bereits viel früher Zahlen zu den Opfern in der Vereinigung der Bibelforscher bekannt waren? Erstmals in der Öffentlichkeit losgetreten wurde die Diskussion durch das Buch „Zwischen Widerstand und Martyrium“ von Detlef Garbe, dem Leiter der KZ- Gedenkstätte Neuengamme 1993. Bis zum Jahre 2001 erschienen dann in kurzer Reihenfolge 6 Sammelbände, 16 Monographien und 18 Aufsätze in wissenschaftlichen Zeitschriften oder Reihentiteln, sowie zahlreiche biographische und autobiographische Darstellungen.4 Die zweite sich aufwerfende Frage ist die nach der übertrieben erscheinenden Härte, mit der die Nationalsozialisten die Zeugen Jehovas angingen. Vor allem die Verweigerung des Wehrdienstes führte zu einer Welle von Verurteilungen. Dies schien allerdings bei einem Personalvolumen der Wehrmacht von etwa 20 Millionen Mann bei nur ein paar Hundert Wehrpflichtigen Zeugen Jehovas unverhältnismäßig.

Die Klärung dieser beiden Fragen, die Aufarbeitung der geschichtlichen Abläufe, welche zu der harten Verfolgung der Zeugen Jehovas führten, sowie die genaue Darstellung des Ausmaßes der Repressionen und deren Auswirkungen soll in dieser Arbeit präsentiert werden. Für die historischen Abläufe habe ich mich hauptsächlich an „Zwischen Widerstand und Martyrium“ orientiert, da die meisten von mir eingesehenen nachfolgenden Publikationen sich ebenfalls auf das Buch von Detlef Garbe als Grundlage stützen.

2 Repressionen gegen die Organisation

2.1 Protest

Das NS-Regime war nie religionsfreundlich. Zwar fand man im Programm der NSDAP vom 24.2.1920 noch das Versprechen der „Freiheit aller religiösen Bekenntnisse im Staat“, allerdings mit der Einschränkung, dass diese religiösen Bekenntnisse nicht gegen das „Sichtlichkeits- und Moralgefühl der germanischen Rasse“ verstoßen dürfe.5 Die Zeugen Jehovas befürchteten durch die Machtübernahme Hitlers schnell härtere behördliche Maßnahmen und versuchten, diesen durch die Betonung ihres rein religiösen und unpolitischen Charakters entgegenzuwirken. Die völkische Propaganda sah bereits den Namen „Internationale Bibelforscher-Vereinigung“, sowie die Unterordnung unter die New Yorker Zentrale als Beweis einer politischen Tätigkeit im Sinne ausländischer Mächte. Um sich den nationalen Verhältnissen anzupassen, entschied die Leitung der Zeugen Jehovas in Deutschland Ende Februar 1933, die immer noch als Körperschaft bestehende „Internationale Bibelforscher-Vereinigung“ durch die „Norddeutsche Bibelforschervereinigung“ und die „Süddeutsche Bibelforschervereinigung“ mit Hauptsitzen in Hamburg und Stuttgart zu ersetzen.6

Die Veränderung der weltpolitischen Lage blieb auch im Ausland nicht unbeobachtet. Der Präsident der Zeugen Jehovas Franklin Rutherford veröffentlichte Anfang 1933 die Broschüre „Die Krise“, in der er die überall auf der Welt zunehmende Verfolgung der Zeugen Jehovas thematisierte. Auch in Deutschland wurden über 2 Millionen Exemplare verbreitet. Das Bulletin der Zeugen Jehovas schrieb dazu im Februar 1933: „Lasst uns als Jehovas Zeugen diese Broschüre `Die Krise` mit größerer Energie verbreiten, als dies mit irgendeiner früheren Schrift geschehen ist, denn die Krise ist da.“7

Rutherford verurteilte speziell Verhaftungen in den USA und drohte den Widersachern der Zeugen Jehovas, sie würden nicht gegen Menschen, sondern gegen den König der Ewigkeit kämpfen. Die Zeugen Jehovas würden von Haus zu Haus ziehen, um den Menschen zu helfen die Bibel zu verstehen. Kleinere Geldbeträge würden sie nur für die Veröffentlichung weiterer Bücher erhalten. Niemand würde an diesen Büchern verdienen, stattdessen seien die Kosten für die Veröffentlichung deutlich höher als die Einnahmen durch Spenden. Die Gegner der Zeugen Jehovas seien die Werkzeuge Satans. Auch die Kirche griff Rutherford im Speziellen an:

„ Heutzutage nunüberreden die Geistlichen die Leute, die Bücher, welche Gottes Botschaft der Wahrheit enthalten, zu verbrennen. Diese Geistlichen sind es, die die Verhaftung, Verfolgung und Einkerkerung der Zeugen Jehovas veranlassen, die diese Botschaft der Wahrheit den Menschen bringen. Jesus hat diese Geistlichen endgültig als den Samen oder die Diener des Teufels und als die Widersacher Gottes und seines Königreiches gekennzeichnet. Darum werden Jehovas Zeugen von diesen Heuchlern verfolgt. “

Besonders beeindruckend ist allerdings eine politische Voraussage Rutherfords, die man durchaus auch auf die Zustände in Deutschland beziehen kann:

„ Ich wage die Meinung auszusprechen, daßAmerika bald von einem Diktator regiert werden wird, dem eine Schar von Beratern zur Seite stehen wird, die von den Häuptern des Großgeschäfts ausgewählt und geleitet sein werden. Es wird eine militärische Herrschaft sein, die das Volk zwingen wird ihr Untertan zu sein. “ 8

[...]


1 Vgl.: EVANGELISCHE KIRCHE DEUTSCHLAND,

http://www.ekd.de/aktuell_presse/news_zeugenjehovas_2002_03_01.html, Stand: 2002, Entnommen am 12. März 2008

2 Vgl.: YONAN, GABRIELE, Zeugen Jehovas in Deutschland. Eine Analyse der Dokumentation „Standhaft trotz Verfolgung“ aus religionswissenschaftlicher Sicht. Aus: Hesse, Hans (Hrsg.), „Am mutigsten waren immer die Zeugen Jehovas“, Edition Temmen, Bremen 1998, S. 386.

3 Vgl.: GARBE, DETLEF, Zwischen Widerstand und Martyrium, R. Oldenbourg Verlag, München 1994, S. 41-80.

4 Vgl.: GARBE, DETLEF: Verfolgung & Widerstand der Zeugen Jehovas im Nationalsozialismus, Aus: Repression & Selbstbehauptung (2003), Hrsg.: Gerhard Besier & Clemens Vollnhals, Duncker & Humblot, Berlin, S.20.

4 GEBHARD, MANFRED: Geschichte der Zeugen Jehovas (1999), Berlin, S. 246. 5

6 Vgl.: GARBE, DETLEF, Zwischen Widerstand und Martyrium, R. Oldenbourg Verlag, München 1994, S. 83f.

7 Vgl.: GEBHARD, MANFRED: http://www.manfred-gebhard.de/1933.htm, entnommen am 16. März 2008

8 RUTHERFORD, J.F.: Die Krise, Wachturm, Magdeburg 1933, S. 28-38, 1. Zitat: S. 38, Z. 7-16; 2. Zitat: S. 18, Z. 6-12.

Ende der Leseprobe aus 22 Seiten

Details

Titel
Geschichte der Zeugen Jehovas im Nationalsozialismus
Hochschule
Georg-August-Universität Göttingen
Note
2,3
Autor
Jahr
2008
Seiten
22
Katalognummer
V190071
ISBN (eBook)
9783656145219
ISBN (Buch)
9783656145158
Dateigröße
483 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Zeugen Jehovas, Religion, Religionsfreiheit, Geschichte, Sekte, Glaubensgemeinschaft, Konzentrationslager, Drittes Reich, Zweiter Weltkrieg, Repressionen, Unterdrückung
Arbeit zitieren
Arne Kouker (Autor), 2008, Geschichte der Zeugen Jehovas im Nationalsozialismus, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/190071

Kommentare

  • Noch keine Kommentare.
Im eBook lesen
Titel: Geschichte der Zeugen Jehovas im Nationalsozialismus



Ihre Arbeit hochladen

Ihre Hausarbeit / Abschlussarbeit:

- Publikation als eBook und Buch
- Hohes Honorar auf die Verkäufe
- Für Sie komplett kostenlos – mit ISBN
- Es dauert nur 5 Minuten
- Jede Arbeit findet Leser

Kostenlos Autor werden