Ein Staat wird Bild - Architektur als Mittel politischer Repräsentation

Am Beispiel des Bandes des Bundes in Berlin


Hausarbeit, 2011

21 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

0 Einleitung

1 Demokratisches Bauen

2 Das Band des Bundes
2.1 Das Bundeskanzleramt
2.2 Das Fehlen des Bürgerforums
2.3 Das Paul-Löbe-Haus und das Marie-Elisabeth-Lüders-Haus

3 Fazit: Zwischen Utopie und Realität

4 Ausblick

5 Literaturverzeichnis

6 Bildanhang

0 Einleitung

Das Band des Bundes ist im deutschen Regierungssitz Berlin einer der zentralen politischen Gebäudekomplexe. Es umfasst, von Westen nach Osten den Kanzlergarten, das Bundeskanzleramt, das Paul-Löbe-Haus, sowie das Marie-Elisabeth-Lüders-Haus.In ihm kulminieren die unterschiedlichen Anforderungen, die sein Zweck der Repräsentation der demokratischen Grundordnung Deutschlands mit sich bringt. In der vorliegenden Arbeit sollen deshalb zunächst die grundsätzlichen Anforderungen und Notwendigkeiten hinsichtlich der Konzeption und Gestaltung zur Sprache kommen. Anschließend möchte ich die Gestaltung der einzelnen Bauwerke analysieren, um schlussendlich deren Zusammenwirken als städtebauliches Gesamtgefüge beschreiben zu können. Ein Schwerpunkt soll dabei auf der Außengestaltung der Gebäude liegen. In ihr ist, aufgrund der überwiegenden Unzugänglichkeit der einzelnen Gebäude, der repräsentative Anspruch ablesbar.[1]

1 Demokratisches Bauen

Architektur ist Kommunikation. Politische Repräsentationsbauten visualisieren das Selbstverständnis einer Nation, konstituieren eine Aufforderung, wie das Volk den Staat zu sehen habe oder veranschaulichen gar die Utopie dessen, was eine Nation zu sein beabsichtigt. Dieser Abbildungsfunktion kann sich politische Architektur aufgrund ihrer Prominenz nicht entziehen. Ihre Gestalt ist zwangsläufig ein Signal für die repräsentierte Gesellschaft und damit ein gesellschaftskonstituierendes Element.

Seiner Architekturrezeption wird ein Bürger zwangsläufig, und sei es auch nur unbewusst, seine Möglichkeiten der gesellschaftlichen und politischen Partizipation entnehmen. Demokratisches Bauen wird damit zu einem prekären Akt. Denn zwar benötigt politische Repräsentationsarchitektur Exzeptionalität und Opulenz um seine eigene Bedeutsamkeit zu belegen und so der zentralen Funktion der Politik in der Gesellschaft Ausdruck zu verleihen, allerdings droht ein zu mächtiger Bau seine demokratische Rezeption zu verhindern.

In Demokratien wird das Volk zum Souverän des Staates erklärt. Zur Umsetzung dieses Anspruches bedarf es mündiger Bürger, die die Bedeutsamkeit ihrer Funktion begreifen und bereit sind Akteure der Gesellschaft zu sein. Der Architektur kommt dabei die Rolle der Bewusstmachung zu.[2] Sie muss veranschaulichen wozu die Bürger einer Gesellschaft autorisiert sind. Scheitert dies, droht dem Staat ein Glaubwürdigkeitsverlust.

Laut Adolf Arndt erfolgt diese Bewusstmachung sowohl rational, als auch physisch: Rational durch die rein visuelle Rezeption mittels der Betrachtung der Architektur aus der Ferne oder der Nutzung von Bildträgern, physisch durch den Akt der Begehung.

„Die drohende Riesigkeit eines Bauwerks, das Leere eines gewaltigen Aufmarschgeländes, die Ermüdung durch die Eintönigkeit einer endlosen Straße, einer Achse, können den Menschen aus dem Gleichgewicht bringen und sollen es nach dem Wunsch der Machthaber, die einen im durchbohrenden Gefühl seines Nichts machbaren Menschen brauchen. Der in seinem Gleichgewicht gestörte Mensch wird friedlos; er wird vom umbauten Raum nicht eingefriedet, sondern preisgegeben. Der Mensch, der sich so verliert, ist nicht frei, sondern nur losgelöst und sich seiner nicht mehr bewußt und darum ideologisierbar.“[3]

Im Falle demokratischer Architektur wäre diese Wirkung Gau oder Indiz politischer Bigotterie. Sounbelegbar diese Mutmaßungen sind, so deutlich wird in dem Zitat jedoch der Bedarf einer Identität von gestaltungstechnischer und physischer Wirkung. Stehen beide Wirkungen in einem zu starken Widerspruch, drohen Irritationen die Einheitlichkeit der Rezeption zu verunmöglichen. Gleichzeitig muss ein Konzept, um den Status allgemeiner Akzeptanz erlangen zu können, Konsensfähigkeit erreichen.[4] Nach dem Architekten Ivan Reimann kann diese nur aus einem Prozess der Bewusstmachung gemeinsamer Wertevorstellungen und einem Suchen nach deren explizitem Ausdruck in der Architektur entstehen. Dieser Prozess ist aber nicht gleichbedeutend mit der Hinwendung zu zeitgenössischen Trends, sondern vielmehr geht es um die Herstellung von Zeitlosigkeit durch eine Gleichgewichtung von modernen und traditionellen Gestaltungsmitteln.[5]

Besonders anschaulich wird dieser Prozess in der Unterschiedlichkeit der Regierungssitze Bonn und Berlin. Beide können als prototypische Zustände von diametral entgegengesetzter Kommunikation mittels politischer Architektur gesehen werden.[6] Sollte Bonn nur das erkennbar architektonische Symptom eines Übergangsstatusses[7] sein, so stand die BerlinerRegierungsarchitektur von Anbeginn unter der Prämisse der Entwicklung eines dauerhaften architektonischen Politik-Kommunikats.[8]

Bonn sollte dem Primat des Zieles der deutschen Wiedervereinigung architektonisch Ausdruck verleihen, indem es als sichtbares Provisorium den momentanen Zustand der deutschen Teilung als intendierten, zu beseitigenden Übergangsstatus zu kennzeichnen gedachte. Dies äußerte sich in der kumulativen Häufung der Bauwerke und einer unauffälligen, gewöhnlichen Architektursprache, die beispielsweise dem Bonner Kanzleramt den polemischen Spitznamen „Stadtsparkasse“ einbrachte (Abb. 1).[9] In Berlin hingegen sorgte bereits der Bauplatz für die Notwendigkeit eines repräsentativeren Anspruches. Das reichstagsnahe, seit jeher für staatstragende Architektur freigehaltene[10] Spreebogen-Areal wurde 1993 Schauplatz eines umfangreichen Ideenwettbewerbs, den das Architekten-Duo um Axel Schultes und Charlotte Frank für sich entscheiden konnte. Mit ihrem Entwurf des Bandes des Bundes (Abb. 2) stellten sie ein Konzept vor, das in seiner städtebaulichen Geschlossenheit in Abgrenzung zur Bonner Regierungsarchitektur den programmatischen Neuanfang deutscher Staatlichkeit visualisieren sollte.

„Die Betrachtung der losen [Bonner] Gruppierung der Monumente, die keine sind, keine sein wollen, lässt erkennen: räumliche, städtische Bindung war dort nicht vorgesehen. Der Blick auf die politischen Orte als isolierte, sich selbst genügende Institute war selbstverständlich, unstädtisch. Mit dieser Bonner Sehgewohnheit sieht man hinein nach Berlin, hätte vielleicht gern die vertraute Umgebung hinübergerettet in den ja gleichfalls unstrukturierten leeren Spreebogen, wo Stadt nur Erinnerung ist. Ein Arrangement treffen für Kanzleramt, Bundestag und Bundesrat, die Ämter und Räte sich hinlagern lassen, lässig wie Kühe auf der Weide, ein solcher Wiederholungswunsch am falschen Ort, zur falsche Zeit, wäre Ende und nicht Anfang einer neuen, anderen Periode deutscher Staatlichkeit.“[11]

Zur Herstellung der intendierten Nachhaltigkeit bedient sich die Architektur des Bandes des Bundes einer vielschichtigen Kommunikation, die als Exempel für demokratisches Bauen an sich gesehen werden kann. Zunächst ging es um die „Sichtbarmachung der respublica“[12], um die Verräumlichung der Gewaltenteilung.[13] Die aus Sicherheitsgründen eingeschränkte Begehbarkeit der einzelnen Gebäude stellte das Projekt dabei unter zwei Kern-Prämissen: Zum einen steht die Gestaltung unter dem Primat der Fassade[14], mittels derer sich die angestrebte Botschaft vermitteln soll. Zum anderen wurde die Entstehung solitärer Baukörper zu vermeiden gesucht, um anstelle dessen eine starke Bezüglichkeit der einzelnen Gebäude untereinander anzustreben, die in ihrer Gesamtheit den Ablauf politischer Willensbildung zu veranschaulichen vermögen,[15] wie im folgenden Kapitel noch genauer zu zeigen sein wird.

Diese beiden Anliegen erfahren durch die städtebauliche Situation eine große Unterstützung. So hat die Leere, die das Band des Bundes umgibt die Allansichtigkeit der Bauwerke zur Folge, wodurch deren Rezeption partiell sogar aus dem öffentlichen Nahverkehr vollzogen werden kann, der in Gestalt der Berliner S-Bahn, das Band des Bundes auf einer seiner Hauptstrecken umläuft.

Die äußere Konstitution der Architektur muss neben der direkten Rezeption auch der medialen genügen. Die zunehmende Mediatisierung hat eine Sichtbarkeit der Politik zur Folge, die auch ihre Bauwerke betrifft. Im Kernbegriff der Fernsehgerechtigkeit[16] kommt die Notwendigkeit zum Ausdruck, eine Architektur zu schaffen, die der politischen Berichterstattung einen wiedererkennbaren[17] und damit verlässlichen Hintergrund zu liefern versteht. Insbesondere die Gestaltung des Bundeskanzleramtes (Abb. 3) ist von dieser Anforderung geprägt worden und sorgt durch seine skulptural-einprägsame Gestaltung für eine imaginäreVerortung bundesdeutscher Politik, die durch die ausufernde Komplexität bundespolitischer Gewaltenteilung verloren zu gehen droht und in Form des Kanzleramtes ein „Gesicht“ erhält.

Sämtliche dargelegten gestalterischen Anforderungen an demokratische Architektur bilden ein Konvolut, dessen Einhaltung das Erreichen des Status von Vorbildarchitektur verspricht. Dieser Vorbildcharakter ist essenzieller Bestandteil der Herstellung von politischer Glaubwürdigkeit mittels Architektur. Das Band des Bundes erfüllt deshalb nicht nur gestalterische Maximen, sondern auch sowohl hohe energetische und ökologische, als auch wirtschaftliche Ansprüche. So wurde bei den Gebäuden u.a. die Verwendung umweltverträglicher Baustoffe,[18] die Einbeziehung von Photovoltaik-Anlagen, die ausgiebige Nutzung der Kraft-Wärme-Kopplung, als auch die Ermöglichung einer guten Raumlufthygiene veranlasst. Auf diese Weise konnte die Energieeffizienz erhöht und damit die Energiekosten in Relation mit Bauten vergleichbarer Größe um 20% - 50% reduziert werden.[19] Derart lassen sich beispielsweise Gesetzesentwürfe, die architektonische Ökologie betreffen, besser legitimieren, wobei gleichzeitig die Angreifbarkeit der Regierung reduziert wird. Aber auch ganz allgemein sendet die Energieeffizienz ein Signal der Nachhaltig- und Zukunftsträchtigkeit.

[...]


[1] Guerra 1997, S. 53

[2] Arndt 1961, S. 17

[3] Ebd., S. 14

[4] Asendorf/Seidel 2009, S. 102

[5] Ebd.

[6] Pehnt 2009, S. 215

[7] Ebd.

[8] Guerra 1997, S. 50

[9] Guerra 1997, S. 51

[10] Pehnt 2009, S. 226

[11] Schultes 1993, S. 48

[12] Ebd.

[13] Mönninger 2009, S. 210

[14] Guerra 1997, S. 53

[15] Pehnt 2009, S. 226

[16] Guerra 1997, S. 51

[17] Pehnt 2009, S. 226

[18] Rudolphi/Panhorst 2000, S. 24

[19] Römmling 2000, S. 21

Ende der Leseprobe aus 21 Seiten

Details

Titel
Ein Staat wird Bild - Architektur als Mittel politischer Repräsentation
Untertitel
Am Beispiel des Bandes des Bundes in Berlin
Hochschule
Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg  (Institut für Kunstgeschichte und Archäologien Europas )
Veranstaltung
Berlins Stadtentwicklung von den Anfängen bis zum Potsdamer Platz
Note
1,0
Autor
Jahr
2011
Seiten
21
Katalognummer
V190203
ISBN (eBook)
9783656188254
ISBN (Buch)
9783656188469
Dateigröße
3242 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Band des Bundes, Adolf Arndt, Demokratie, Kanzleramt, Marie-Elisabeth-Lüders-Haus, Paul-Löbe-Haus, Bürgerforum, Repräsentation, Demokratisches Bauen, Politische Architektur, Regierungsviertel, Stadtentwicklung Berlin
Arbeit zitieren
Robert Dobe (Autor), 2011, Ein Staat wird Bild - Architektur als Mittel politischer Repräsentation, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/190203

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