Echo in Oscar Wildes "The Picture of Dorian Gray"


Hausarbeit, 2011
14 Seiten, Note: 1,0

Leseprobe

Inhalt

1. Einleitung

2. Dorian Gray als Narziss
2.1 Dorians Herkunft - oder: Von der Unschuld
2.2 Das Visuelle - oder: Von der Schönheit und wie sie vergeht
2.3 Der Untergang - oder: Vom Verderben der Kunst

3. Sibyl Vane als Echo
3.1 Sibyls Herkunft - oder: Von der Unschuld
3.2 Das Auditive - oder: Vom Schall, Hall und der Nachtigall
3.3 Art for Art's sake - oder: Von der perfekten Künstlerin
3.4 Das Gesprochene - oder: Von Einschränkungen
3.5 Der Untergang - oder: Vom Ablehnen der Kunst

4. Zusammenfassung

5. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

„It is the spectator, and not life, that art really mirrors.“ - Oscar Wilde1

Wildes einziger Roman The Picture of Dorian Gray, der im Jahre 1891 veröffentlicht wurde, beschäftigt sich mit dem seelischen Verfall, der aus der exzessiven Auslebung von Leidenschaft resultiert. Außerdem beweist er laut Donald R. Dickson „the failure of the aesthetic ideal“2 - das Versagen des ästhetischen Ideals, das auf den Thesen Walter Paters basiert, und für welches im Roman eine Laborsituation geschaffen wurde um es auf seine Tauglichkeit zu prüfen: „Dorian's life turns out to be something like an experimental test case for the validity of Pater's aestheticist philosophy, and the experiment falsifies the philosophy“3, so Carroll.

Dies ist für diese Hausarbeit insofern relevant, als dass Lord Henry Wotton in der Forschung häufig als Sprachrohr, oder viel mehr als „Echo“ der Ideen des Essayisten und Kritikers Pater genannt wird. „Wilde echoes Pater, of course, but with a unique intensity,“ meint Oates und Riquelme sieht in den Aussagen sogar Echo selbst: „he echoes him [Pater] as a way to evoke, refuse, and transform what he finds in the earlier writer. This is the work of Echo, whose story is bound up with that of Narcissus.“4

Auch die vorliegende Arbeit begibt sich auf Spurensuche nach Echo und Narziss in The Picture of Dorian Gray. Die Echo-Funktion, die die Figur Wottons übernimmt, wird dabei im Hinterkopf behalten, hauptsächlich jedoch soll es um die weibliche Echo-Figur im Werk gehen.

Schon in der Einleitung zu Ovids Metamorphosen weist L.P. Wilkinson auf die Parallele zwischen der Verbannung Publius Ovidius Nasos und den letzten Jahren Oscar Wildes hin5, der wegen Unzucht verurteilt wurde und an den Folgen der Zwangsarbeit starb. Vor diesem Hintergrund scheint es fast ironisch, dass Wilde ein großer Bewunderer von Ovids Dichtung war, wobei er eine besondere Vorliebe für die Figur des Narziss entwickelte: „Oscar Wilde's life and works show an always haunting obsession for the figure of Narcissus, for no other character in classical mythology has represented better the eternal conflicts between beauty and illusion, youth and death, all of them so dear to the brilliant writer,“6 schreibt González.

1893 erscheint Wildes The Disciple - eine Narziss-Erzählung mit alternativem Ende - und auch in The Picture of Dorian Gray zieht sich das Thema des selbstverliebten Jünglings durch das ganze Werk. Getreu dem Motto wo ein Narziss, da auch eine Echo, wurde, neben dem bereits erwähnten Wotton, Sibyl Vane als eben diese Figur ausgemacht: „In the terms of Ovid's fable, Sybil plays Echo to Dorian's Narcissus. Not only does she die of unrequited love, as does Echo in the fable, but her primary attractiveness to Dorian resides in the beauty with which she embodies Shakespeare's characters and echoes his language [...]“7.

Sibyl übernimmt eine tragende Rolle in The Picture of Dorian Gray, ihre Relevanz wird von Bach folgendermaßen hervorgehoben: „Dorians Haß auf sein Portrait als solches wäre weniger gut verständlich ohne die Liebe Sybils, Lord Henrys zynische Distanz wäre nicht so deutlich sichtbar ohne die „brennende“ Lebendigkeit der Schauspielerin, die billige Theatralität von Mrs Vane wäre nicht verständlich ohne die naive Authentizität ihrer Tochter - und somit fußt [...] ein Großteil des Erkenntnis- und Verweispotentials des Romans auf der Figur Sybil Vane, Vertreterin eines eigentlich von der manifesten Textebene verachteten Geschlechts und des „Anderen“ schlechthin.“8 Das „Andere“ - ein Begriff, der häufig in Bezug auf Echo verwendet wird. Da Echo und Narziss, zumindest in der ovidischen Tradition, fest miteinander verbunden sind, möchte ich nun mit den Verweisen auf die Narziss-Figur beginnen um dann anschließend auf Echo zu sprechen zu kommen.

2. Dorian Gray als Narziss

„I wish I could love [...] But I seem to have lost the passion, and forgotten the desire. I am too much concentrated on myself.“

- Dorian Gray9

Auch wenn Dorian durch die negative Beeinflussung Wottons zum „echo of the music of someone else“10 wird, so ist er doch eher als Narziss denn als Echo zu verstehen. Bevor wir ihn überhaupt kennenlernen wird er schon als solcher tituliert: „my dear Basil, he is a Narcissus“11. Später wird über Dorians Verhältnis zu seinem Bild erzählt: „Once, in a boyish mockery of Narcissus, he had kissed, or feigned to kiss, those painted lips that now smiled so cruely at him.“12 Doch gibt es noch weitere, nicht ganz so explizite Hinweise auf Narziss in The Picture of Dorian Gray.

2.1 Dorians Herkunft - oder: Von der Unschuld

Schon in der Biographie von Dorian und Narziss gibt es Ähnlichkeiten. So entstand Narziss aus einer Vergewaltigung, einem Akt der Gewalt, und wurde aus eben diesem Grund von seiner Mutter Liriope nicht geliebt („Ein Kind, das man damals schon hätte lieben können“13 ). Dorians Eltern liebten sich zwar, doch spielte auch in seiner Kindheit Gewalt eine Rolle: sein Vater wurde im Auftrag seines Großvaters ermordet und seine Mutter starb kurze Zeit nach seiner Geburt, weshalb auch Dorian ohne Mutterliebe aufwachsen musste.

Die Erscheinung von Narziss und Dorian bezüglich ihres Alters ist ähnlich (obwohl sie fünf Jahre auseinander liegen): „[Narziss] konnte so Jüngling scheinen wie Knabe“14, er steht auf der Schwelle zwischen Kindheit und Erwachsensein, ebenso wie Dorian, der zwar älter ist, aber von Basil folgendermaßen beschrieben wird: „he seems to me little more than a lad“15. Als er später Sibyl begegnet, erzählt Dorian: „we stood looking at each other like children“16. Die Darstellung dieser anfänglichen Unschuld und Jugend Dorians macht seinen späteren Verfall noch tragischer.

2.2 Das Visuelle - oder: Von der Schönheit und wie sie vergeht

Des Weiteren sind Narziss wie auch Dorian von unglaublicher Schönheit. Als Narziss in den Teich sieht, so „schaut [er] die Wangen, die glatten, den Elfenbeinhals, des Gesichtes Anmut, das Rot auf ihm, gepaart mit schneeiger Weiße.“17 Diese Farben greift Wilde auf um Dorians Antlitz zu beschreiben. Wotton sagt Dorian besäße „rose-red youth“ und „rose-white boyhood“18, er sähe aus „as if he was made of ivory and rose-leaves“19.

Dass ihnen genau diese ihre Schönheit zum Verhängnis werden wird, wird Narziss und Dorian gleich zu Beginn ihrer Geschichte vorausgesagt - Narziss in Form von Tiresias, der weissagt, dass Narziss sterben wird, wenn er sich selbst erkennt20 und Dorian in Form des Malers Basil: „Your rank and wealth, Harry; my brains, such as they are - my art, whatever it may be worth; Dorian Gray's good looks - we shall all suffer for what the gods have given us, suffer terribly.“21

Dorian und Narziss sind sich ihres Aussehens und ihrer Wirkung nicht bewusst und benötigen eine Spiegelung um sich selbst zu schauen. Doch der Moment des Erkennens unterscheidet sich, denn während Dorian schon von vornherein klar ist, dass es sich bei dem Gemälde um ein Bildnis von ihm selbst handelt „is [Narcissus] unconscious about the fact that the reflection he sees is himself until it is too late. […] [Dorian] knows - he has witnesses proving that what he sees is true - that he is contemplating his own self,“22 schreibt González. Dorians Untergang beginnt auch nicht wie Narziss' mit dem Erkennen des eigenen Ichs, sein Verfall beginnt noch nicht einmal als er seine Seele dafür geben will, damit sein Porträt an seiner statt altert, sondern erst, als er die Grausamkeit an Sibyl begeht - erst da erhält seine Seele den ersten irreparablen Schaden, sichtbar gemacht durch sein Bildnis: „It is precisely Sibyl's suicide what gives rise to the first changes in the picture.“23 Der Weg für den Verfall ist geebnet, zur Selbstliebe gesellen sich weitere Sünden und so unterscheidet sich auch der Tod von Narziss und Dorian stark voneinander: „[Dorian's] transformation after death is the reversal of Narcissus' metamorphosis into a flower: the epitome of Victorian beauty is turned into a monster of evil and ugliness“.24 (González)

2.3 Der Untergang - oder: Vom Verderben der Kunst

Doch bevor Narziss und Dorian der Tod ereilt, können sie noch auf eine Gemeinsamkeit zurückblicken: beide haben eine Frau in den (körperlichen) Tod getrieben. Zu Narziss schicksalshaftem Treffen mit der Nymphe Echo kommt es, als sich dieser auf der Hirschjagd befindet, während Dorian „in search of some adventure“25 ist als er Sibyl das erste Mal begegnet. Während sich Narziss im Wald verläuft, verirrt sich Dorian in den Straßen der Stadt: „I wandered eastward, soon losing my way in a labyrinth of grimy streets.“26

[...]


1 Wilde The Picture of Dorian Gray, S. 6

2 Dickson In a mirror that mirrors the soul, S. 6

3 Carroll Aestheticism, Homoeroticism and Christian Guilt..., S. 292

4 Riquelme Oscar Wilde's Aesthetic Gothic, S. 619

5 Ovid (Reclam) Metamorphosen, S. 10

6 González The Mirror of Narcissus, S. 1

7 Craft Come see about me: Enchantment of the Double..., S. 134

8 Bach Theatralität und Authentizität, S. 272

9 Wilde The Picture of Dorian Gray, S. 298

10 Wilde The Picture of Dorian Gray, S. 31

11 Wilde The Picture of Dorian Gray, S. 10

12 Wilde The Picture of Dorian Gray, S. 156

13 Ovid Metamorphosen, S. 105

14 Ovid Metamorphosen, S. 105

15 Wilde The Picture of Dorian Gray, S. 21

16 Wilde The Picture of Dorian Gray, S. 83

17 Ovid Metamorphosen, S. 109

18 Wilde The Picture of Dorian Gray, S. 32

19 Wilde The Picture of Dorian Gray, S. 10

20 Ovid Metamorphosen, S. 105

21 Wilde The Picture of Dorian Gray, S. 11

22 González The Mirror of Narcissus, S. 5

23 González The Mirror of Narcissus, S. 7

24 González The Mirror of Narcissus, S. 10

25 Wilde The Picture of Dorian Gray, S. 75

26 Wilde The Picture of Dorian Gray, S. 75

Ende der Leseprobe aus 14 Seiten

Details

Titel
Echo in Oscar Wildes "The Picture of Dorian Gray"
Hochschule
Freie Universität Berlin
Note
1,0
Autor
Jahr
2011
Seiten
14
Katalognummer
V190206
ISBN (eBook)
9783656147268
ISBN (Buch)
9783656147442
Dateigröße
426 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Sibyl Vane, Sybil Vane, Narziss, Ovid, Narcissus, Echo, Oscar Wilde, Dorian Gray, Das Bildnis des Dorian Gray
Arbeit zitieren
Yasmin Sinai (Autor), 2011, Echo in Oscar Wildes "The Picture of Dorian Gray", München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/190206

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