Wörtliche Bedeutung und pragmatische Anreicherung

Herbert Paul Grice – François Recanati – Kent Bach


Magisterarbeit, 2009
88 Seiten, Note: 2,8

Leseprobe

Inhalt

1. Einführung

2. Grice
2.1. Natürliche vs. nicht-natürliche Bedeutung
2.2. Vier Bedeutungsbestimmungen der nicht-natürlichen Bedeutung
2.2.1. Zeitunabhängige Bedeutung
2.2.2. Angewandte zeitunabhängige Bedeutung
2.2.3. Situationsbedeutung
2.2.4. Situationsbedeutung eines Sprechers
2.3. Bedeutung und Intention
2.4. Kooperationsprinzip
2.5. Konversationsmaximen
2.5.1. Quantität
2.5.2. Qualität
2.5.3. Relation
2.5.4. Modalität
2.6. Implikaturen
2.6.1. Konventionale vs. nicht-konventionale Implikaturen
2.6.2. Generalisierte vs. spezialisierte Implikaturen
2.6.3. Konventionale vs. generalisierte Implikaturen
2.6.4. Spezialisierte konversationelle Implikaturen

3. Theoretische Grundlagen
3.1. Proposition, Wahrheitswert und Wahrheitsbedingungen
3.2. Semantische Unbestimmtheit
3.3. Semantische vs. pragmatische Interpretation
3.4. Beschränkter vs. unbeschränkter Kontext
3.5. Sprechaktebenen – Austin
3.6. Theorien zur wörtlichen Bedeutung
3.6.1. Standardunterscheidung
3.6.2. Minimalistischer vs. maximalistischer Ansatz
3.6.3. Synkretistischer Ansatz

4. Kontextualismus – François Recanati
4.1. Kontextualismus
4.2. Prozesse
4.2.1. Eigenschaften
4.2.1.1. Obligatorisch vs. optional
4.2.1.2. Primär vs. sekundär
4.2.1.3. Optionale primäre pragmatische Prozesse
4.2.2. Sättigung
4.2.3. Freie Anreicherung
4.2.4. Logische Anreicherung
4.2.5. Lockerung
4.2.6. Semantische Übertragung
4.3. Verfügbarkeitsansatz
4.3.1. Verfügbarkeitsprinzip
4.3.2. Verfügbarkeitsansatz vs. Standardunterscheidung
4.3.3. Verfügbarkeitsansatz vs. Minimalismus
4.3.4. Recanatis Kritik am synkretistischen Ansatz
4.4. Das Gesagte bei Recanati
4.5. Überprüfung des Gesagten – vier Kriterien
4.5.1. Minimalismusprinzip
4.5.2. Verfügbarkeitsprinzip
4.5.3. Unabhängigkeitsprinzip
4.5.4. Skopusprinzip
4.6. Informationsverarbeitung
4.6.1. Verfügbarkeit als psychologischer Ansatz
4.6.2. Zugänglichkeit
4.6.3. Interaktive Verarbeitung
4.6.4. Schema
4.6.5. Nicht-wörtliche Bedeutung
4.7. Recanati vs. Grice

5. Literalismus – Kent Bach
5.1. Literalismus
5.2. Prozesse
5.2.1. Vervollständigung
5.2.2. Ausdehnung
5.2.3. Vervollständigung vs. Ausdehnung
5.3. Konversationelle Implizitur
5.4. Implizitur vs. Implikatur
5.5. Das Gesagte bei Bach
5.6. Epistemische vs. konstitutive Determination
5.7. Überprüfung des Gesagten – Tests
5.7.1. IQ-Test
5.7.2. Grices Cancellability-Test
5.7.3. Vergleichstest
5.8. Informationsverarbeitung
5.9. Bach vs. Grice

6. Exemplarische Darstellung der Theorien

7. Diskussion
7.1. Grice
7.2. Recanati
7.3. Bach
7.4. Fazit

8. Literaturverzeichnis

9. Erklärung

1. Einführung

Die Schnittstelle zwischen Semantik und Pragmatik findet sich im Begriff des Gesagten wieder. Die Grenzziehung zwischen wörtlicher Bedeutung und pragmatischer Anreicherung fällt unterschiedlich aus, je nachdem, wie stark das Gesagte durch die semantische Bedeutung determiniert wird und inwieweit es durch pragmatische Prozesse beeinflusst werden kann.

Einen grundlegenden Ausgangspunkt zur Semantik-Pragmatik-Debatte liefert Herbert Paul Grice mit der Unterscheidung von Gesagtem und darüber hinaus Vermitteltem. Dabei setzt er ‚Bedeuten’ und ‚Meinen’ gleich. Sein größter Beitrag besteht in dem Kooperationsprinzip und den Konversationsmaximen – zwei Prinzipien, denen Sprecher und Hörer in der Kommunikation gewöhnlich folgen.

Hinsichtlich der Definition des Gesagten gibt es zwei gegensätzliche Positionen: François Recanati repräsentiert ein Extrem der Semantik-Pragmatik-Diskussion. Er versteht sich als Kontextualist, wobei das Gesagte überwiegend vom Kontext und damit stark pragmatisch determiniert wird. Recanati geht sogar so weit, dass er bestimmte semantische Aspekte und ihren Beitrag zur Gesamtbedeutung negiert. Ein zentraler Aspekt seiner Theorie ist das Verfügbarkeitsprinzip, eine Bedingung für das Gesagte, Sprecher und Hörer bewusst zugänglich zu sein. Das entgegengesetzte Extrem vertritt Kent Bach. Als Literalist sieht er das Gesagte hauptsächlich von der Satzbedeutung und damit rein semantisch bestimmt. Pragmatische Einflüsse beschränken sich auf die Referenzzuweisung deiktischer Ausdrücke. Bachs Begriff der konversationellen Implizitur, die eine Mittelebene zwischen Gesagtem und konversationeller Implikatur bildet, bindet den pragmatischen Einfluss an die wörtliche Bedeutung.

Diese Arbeit hat zum Ziel die einzelnen Theorien darzustellen, zu erläutern und anschließend zu vergleichen und zu bewerten. Zu Beginn wird der Ansatz von Grice dargestellt (Kapitel 2), der für die Debatte grundlegend ist. Darauf folgen theoretischen Grundlagen (Kapitel 3), die für ein besseres Verständnis der Auffassungen von Recanati (Kapitel 4) und Bach (Kapitel 5) wichtig sind. Zur Veranschaulichung werden die einzelnen Theorien auf ein Beispiel aus der politischen Diskussion angewendet (Kapitel 6). Abschließend erfolgt eine kurze Diskussion der 3 Theorien (Kapitel 7) und deren Bewertung.

2. Grice

Der englische Philosoph Herbert Paul Grice (1913–1988) legte den wichtigsten Grundstein für die Semantik-Pragmatik-Unterscheidung, indem er zwischen dem, was gesagt, und dem, was impliziert wird, unterscheidet.[1] (Es sollte richtiggehend zwischen logischem ‚impliziert’ – von Implikation – und sprachlichem ‚implikatiert’ – von Implikatur – unterschieden werden. In d ieser Arbeit jedoch, wird ‚impliziert’ für ‚implikatiert’ verwendet, also im Sinne von ‚angedeutet, darüber hinaus vermittelt, nahegelegt’, usw.) Grundlegend differenziert Grice zwischen natürlicher und nicht-natürlicher Bedeutung (2.1.). Letztere unterteilt er in vier Bedeutungsbestimmungen (2.2.). Diese lassen sich letztlich mit Bezug auf die Sprecherintentionen bestimmen, wodurch er ‚Meinen’ und ‚Bedeuten’ gleichsetzt (2.3.). Grice geht von einer allgemeinen Regel aus, der die Gesprächsteilnehmer folgen, wenn sie am Gelingen der Kommunikation interessiert sind: Dem Kooperationsprinzip (2.4.). Auf diesem Grundsatz bauen vier Prinzipien auf, so genannte Konversationsmaximen, die als deskriptive Richtlinien für ein kooperatives Gesprächsverhalten gelten (2.5.). Implikaturen kategorisiert Grice nach konventional und nicht-konventionale sowie spezialisiert und generalisiert (2.6.).

2.1. Natürliche vs. nicht-natürliche Bedeutung

Grice unterscheidet grundsätzlich natürliche (Bedeutungn) und nicht-natürliche Bedeutung (Bedeutungnn).[2] Die natürliche Bedeutung ist durch einen kausalen oder naturgesetzlichen Zusammenhang zwischen Zeichen und Bezeichnetem gekennzeichnet. Das Zeichen ist Symptom für das Bezeichnete: ‚x bedeutet y’.

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Rauch bedeutetn Feuer (1a), dunkle Wolken bedeutetn Regen (1b) und roter Ausschlag bedeutetn Masern (1c), es besteht also ein ursächlicher und damit ein natürlicher Zusammenhang zwischen den Zeichen, unabhängig von bestimmten Verwendungsabsichten. Im Gegensatz zur natürlichen Bedeutung bezieht die nicht-natürliche Bedeutung einen Handelnden und dessen Handlungsintention(en) mit ein. Es besteht kein kausaler, sondern ein konventionaler Zusammenhang zwischen Zeichen und Bezeichnetem. Eine nicht-natürliche Bedeutung hat bestimmte Bedingungen: Erstens wurde die Äußerung vom Sprecher mit der Absicht gemacht eine bestimmte Wirkung beim Hörer zu erzielen; zweitens beabsichtigt der Sprecher zugleich, dass seine Intention vom Hörer erkannt wird; drittens wird seine Absicht auch tatsächlich vom Hörer erkannt.[3] Diese Bedingungen beschreiben einen Begriff, den Grice M-Intendieren nennt: „Für ‚S beabsichtigt bei H die Reaktion r vermittels Hs Erkenntnis dieser Absicht herbeizuführen’ [...] kurz ‚S M-intendiert, bei H die Reaktion r herbeizuführen. (‚M’ soll an ‚Meinen’ erinnern.)“[4] Bei der nicht-natürlichen Bedeutung ist das Zeichen Symbol für das Bezeichnete: ‚Jemand meinte mit x y’. ‚Bedeuten’ in diesem nicht-natürlichen Sinne liegt bei bestimmten Gesten, Signalen oder eben Äußerungen vor.

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Beispielsweise kann eine Geste, wie mit einem Finger auf etwas zeigen, die Absicht haben, den Gegenüber auf etwas Bestimmtes aufmerksam zu machen (2a). Zum einen muss das Zeichen mit der Absicht gemacht worden sein, vom Gegenüber erkannt zu werden und zum anderen muss der Fingerzeig samt hinweisender Absicht auch erkannt werden (M-Intendieren). Ebenso verhält es sich mit beispielsweise dem Signal der Krankenwagensirene (2b). Auch hier gelingt die Kommunikation nur, wenn die Intention, die Straße frei zu machen, auch von den Verkehrsteilnehmern erkannt wird. Bei einer verbalen Äußerung, wie in (2c), handelt es sich auch um eine nicht-natürliche Bedeutung mit der Sprecherintention, den Hörer dazu zu bewegen ein Buch zu reichen. Auch dies gelingt nur, wenn der Sprecher M-intendiert, den Hörer dazu zu bringen, ihm das Buch zu geben. Die natürliche Bedeutung ist unabhängig von den Intentionen der handelnden Personen, deswegen ist nur die nicht-natürliche linguistisch relevant.

2.2. Vier Bedeutungsbestimmungen der nicht-natürlichen Bedeutung

Die nicht-natürliche Bedeutung gliedert Grice in vier so genannte Bedeutungsbestimmungen: Eine zeitunabhängige und eine angewandte zeitunabhängige Bestimmung sowie eine Bestimmung der Situationsbedeutung und eine Bestimmung der Situationsbedeutung des Sprechers[5].

2.2.1. Zeitunabhängige Bedeutung

„X (Äußerungstyp) bedeutet ‚...’ “[6]

Die zeitunabhängige Bedeutung kann einen vollständigen, wie einen ganzen Satz, oder einen unvollständigen, also satzähnlichen, oder auch einen analogen vollständigen oder unvollständigen nicht-sprachlichen Äußerungstyp bezeichnen.[7] Unvollständige Äußerungstypen können einzelne Wörter oder Teilsätze sowie entsprechende nicht-sprachliche Typen einer Äußerung, wie beispielsweise Gestik, sein.

(3) „Man muss den Verkehr verhindern, der immer mehr Todesopfer fordert.“
(3a) ‚Man muss den Straßenverkehr verhindern, der immer mehr Unfalltodesopfer fordert.’
(3b) ‚Man muss den ungeschützten Geschlechtsverkehr verhindern, der immer mehr AIDS-Todesopfer fordert.’
(3c) „Verkehr“ bedeutet ‚Straßenverkehr’.
(3d) „Verkehr“ bedeutet ‚ungeschützter Geschlechtsverkehr’.

Satz (3) kann sich einerseits auf den Straßenverkehr, andererseits auf den ungeschützten Geschlechtsverkehr im Zusammenhang mit AIDS beziehen. Diese zwei möglichen Lesarten sind ohne „Zeitbezug“, d.h. ohne Einbeziehung des situativen Kontexts, möglich. Die zeitunabhängige Bedeutungsbestimmung eines vollständigen Äußerungstyps wäre demnach (3a) und (3b), die eines unvollständigen (3c) und (3d).

2.2.2. Angewandte zeitunabhängige Bedeutung

„X (Äußerungstyp) bedeutet hier ‚...’ “[8]

Ein vollständiger Äußerungstyp kann mehr als nur eine zeitunabhängige Bedeutung haben, wie schon in (3) zu sehen war. Also muss „in einer konkreten Äußerungssituation“[9] eine bestimmte „Lesart“[10] abzugrenzen sein, die Grice angewandte zeitunabhängige Bedeutung nennt. Diese unterscheidet er wieder in die Bestimmung eines voll- und eines unvollständigen Äußerungstyps.

(4) „Man muss den Verkehr verhindern, der immer mehr Todesopfer fordert.“

bedeutet hier: „Man muss den ungeschützten Geschlechtsverkehr verhindern, der immer mehr AIDS-Todesopfer fordert.“

In Satz (4) kann in der konkreten Äußerungssituation eine der beiden Lesarten aus (4a)–(4d) ausgewählt werden, so dass der entsprechende Ausdruck desambiguiert wird. Diese bestimmte Lesart ist dann in dieser Situation die angewandte zeitunabhängige Bedeutung eines Äußerungstyps.

2.2.3. Situationsbedeutung

„S meinte mit x (Äußerungstyp) ‚...’ “[11]

Bei der Bestimmung der Situationsbedeutung eines Äußerungstyps kommen nun die kontextuellen Elemente der konkreten Situation hinzu. Eine Unterscheidung nach Vollständigkeit des Äußerungstyps ist nicht nötig, da nun Satz- und Wortbedeutung zusammenkommen..

(5) „Man muss den Verkehr verhindern, der immer mehr Todesopfer fordert.“

Die WHO-Sprecherin meinte mit (3), dass man weitere Ansteckungen durch ungeschützten Geschlechtsverkehr gesetzlich verhindern muss um weitere Todesopfer zu vermeiden.

Die WHO-Sprecherin (dt. ‚Weltgesundheitsorganisation’ von engl. ‚World-Health-Organisation’) meinte mit ihrer Äußerung, dass die Gesetzgebung weitere, durch ungeschützten Geschlechtsverkehr verursachte, Ansteckungen gesetzlich verhindern muss, um weitere Todesopfer zu vermeiden.

2.2.4. Situationsbedeutung eines Sprechers

„S meinte mit dem Äußern von x, dass ‚...’ “[12]

Die Situationsbedeutung eines Sprechers lässt sich aufgrund dessen Intentionen bestimmen. Hier kommt Grice auch auf die (später bei Kent Bach als IQ-Test genutzte) „indirekte Rede“[13] zu sprechen, um das Gesagte bzw. das, was der Sprecher „mit diesen Worten meinte“[14] einzugrenzen.

(6) „Man muss den Verkehr verhindern, der immer mehr Todesopfer fordert.“

Die WHO-Sprecherin will sagen, es gibt zu wenig AIDS-Prävention.

Mit dem Äußern von (6) beabsichtigte die WHO-Sprecherin die Regierung zu mehr Einflussnahme auf die AIDS-Prävention zu bewegen. Das hat sie mit ihren Worten jedoch so nicht gesagt – eine Zitierung mit indirekter Rede würde den gemeinten Inhalt nicht wiedergeben – und daher gehört dieser Äußerungstyp zur Bedeutungsbestimmung der Situations-Bedeutung des Sprechers.

2.3. Bedeutung und Intention

Da sich die Situationsbedeutung eines Sprechers durch Bezug auf dessen Absichten bestimmen lässt, kommt Grice zu dem Schluss, „dass sich zeitunabhängige Bedeutung und angewandte zeitunabhängige Bedeutung durch Rekurs auf den Begriff der Sprecher-Situations-Bedeutung [...] explizieren lassen – und somit letztlich durch Rekurs auf den Begriff der Intention.“[15] Damit setzt er ‚Meinen’ und ‚Bedeuten’ gleich: „ ‚x bedeutetnn etwas’ ist [...] äquivalent mit ‚Jemand meinte mit x etwas’.“[16]

2.4. Kooperationsprinzip

„Mache deinen Gesprächsbeitrag jeweils so, wie es von dem akzeptierten Zweck oder der akzeptierten Richtung des Gesprächs, an dem du teilnimmst, gerade verlangt wird.“[17]

Grundlegend für eine gelingende Kommunikation ist bei Grice eine allgemeine Regel, die er das „Kooperationsprinzip“[18] nennt. Die Gesprächsteilnehmer erkennen einen gemeinsamen Zweck oder eine bestimmte Richtung der Unterhaltung an, der oder die „von Beginn an festgelegt sein“[19] können oder „sich während des Gesprächs herausbilden. Sie können ziemlich bestimmt sein oder unbestimmt“[20]. Merkmale kooperativen Kommunikationsverhaltens sind folgende:

„Die Beteiligten haben irgendein gemeinsames unmittelbares Ziel. [...] Die Beiträge der Beteiligten sollen zueinander passen [...] und wechselseitig voneinander abhängen. [...] Es besteht so eine Art Einvernehmen [...] darüber, dass [...] die Interaktion in angemessenen Stil fortgesetzt wird, bis beide Seiten damit einverstanden sind, dass sie beendet werden soll.“[21]

2.5. Konversationsmaximen

Auf diesem zugrundeliegenden Kooperationsprinzip basieren vier speziellere Regeln der Kommunikationsgestaltung hinsichtlich Informations- und Wahrheitsgehalt, sowie Gewichtung, Beschaffenheit und Strukturierung des Gesprächsbeitrags. In den Kategorien Quantität, Qualität, Relation und Modalität stellt Grice verschiedene Konversationsmaximen auf, nach denen sich die Gesprächteilnehmer in der Regel richten.

2.5.1. Quantität

„1. Mache deinen Beitrag so informativ wie [...] nötig.
2. Mache deinen Beitrag nicht informativer als nötig.“[22]

Die Maxime der Quantität verlangt ein angemessenes Maß des Gesprächsbeitrags, der soviel wie möglich, aber nicht mehr als nötig enthalten soll.

(7) „Wie komme ich zur Post?“
(7a) „Geradeaus und dann rechts.“
(7b) „Indem sie laufen.“

In (7a) wird ein angemessenes Maß an Informationen gegeben. In (7b) wird gegen die erste Quantitätsmaxime verstoßen, indem zu wenig bzw. gar keine Informationen übermittelt werden. Die zweite Quantitätsmaxime würde verletzt werden, wenn neben Wegbeschreibung auch anliegende Geschäfte samt Sortiment, Öffnungszeiten und Bewertungen genannt werden würden. Der Hörer hat zu viel Informationen gegeben.

2.5.2. Qualität

„Versuche deinen Beitrag so zu machen, dass er wahr ist.

1. Sage nichts, was du für falsch hältst.
2. Sage nichts, wofür dir angemessene Gründe fehlen.“[23]

Die Maxime der Qualität bezieht sich auf den Wahrheitsgehalt des Gesprächsbeitrags und gliedert sich in eine Ober- und zwei Untermaximen.

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In (8a) macht der Sprecher entsprechend seines Wissensstandes eine ehrliche und wahre Aussage. Gegen die Qualitätsmaxime kann zum einen, wie in (8b), durch Lügen verstoßen werden, und zum anderen, wie in (8c), wenn angemessenen Belege für die Aussage fehlen.

2.5.3. Relation

„Sei relevant.“[24]

Die Maxime der Relation betrifft die Relevanz des Gesprächsbeitrags. Dieser soll angemessen und passend sein.

(9) „Wie komme ich zur Post?“
(9a) „Geradeaus und dann rechts.“
(9b) „Heute soll es regnen.“

In (9a) werden nur relevante Angaben gemacht, während in (9b) unpassende Informationen gegeben werden und damit gegen die Relationsmaxime verstoßen wird.

2.5.4. Modalität

„Sei klar.

1. Vermeide Dunkelheit des Ausdrucks.
2. Vermeide Mehrdeutigkeit.
3. Sei kurz (vermeide unnötige Weitschweifigkeit).
4. Der Reihe nach.“[25]

Bei der Maxime der Modalität handelt es sich um die Beitragsgestaltung. Die Gesprächsbeiträge sollen deutlich, eindeutig, kurz und in richtiger Reihenfolge sein. Es wird eine Ober- und vier Untermaximen unterschieden. Es gibt vielfältige Möglichkeiten gegen eine dieser Submaximen zu verstoßen, es soll daher nur eine genannt werden:

(10) „Wie komme ich zur Post?“
(10a) „Geradeaus und dann rechts.“
(10b) „Zuletzt rechts und vorher geradeaus.“

In (10a) ist die Antwort gemäß der Modalitätsmaxime klar und deutlich formuliert, während in (10b) die Informationen durch eine umständliche Reihenfolge schwerer verständlich sind.

2.6. Implikaturen

Vorab eine Übersetzungsanmerkung: Das englische Wort ‚conversational’ wird im Weiteren nicht wie in der Ausgabe von Meggle[26] mit ‚konversational’ übersetzt, sondern mit der äquivalenten Bezeichnung ‚konversationell’.

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Abb. 2.1: Implikaturen bei Grice

Grice unterscheidet grundlegend zwischen konventionalen und nicht-konventionalen Implikaturen, wobei er letztere noch in spezialisierte und generalisierte aufteilt (Abb. 2.1). Im Folgenden werden die verschiedenen Implikaturtypen gegenübergestellt.

2.6.1. Konventionale vs. nicht-konventionale Implikaturen

Grice unterscheidet konventionale und nicht-konventionale Implikaturen. Konventionale Implikaturen werden von bestimmten Ausdrücken und den damit verbundenen Annahmen, Zusammenhängen und Konventionen ausgelöst: „In manchen Fällen wird die konventionale Bedeutung der verwandten Worte bestimmen, was impliziert ist, und nicht nur helfen zu bestimmen, was gesagt worden ist.“[27]

(11) „Sie hat Abitur, ist also klug.“

+> Weil sie Abitur hat, ist sie klug.

In (11) legt der Sprecher nahe, dass der zweite Teilsatz eine Folge des ersten ist, wenngleich er sich nicht darauf festlegen lassen würde. Die Implikatur hängt mit der allgemeinen Annahme zusammen, dass das Abitur ein gewisses Maß an Intelligenz bedingt. Die Aussage wäre in den Augen des Sprechers jedoch nicht falsch, würde die Konsequenz nicht stimmen.

Nicht-konventionale, hauptsächlich konversationelle Implikaturen genannt, bilden eine „Teilklasse der nicht-konventionalen Implikaturen“[28] und können mithilfe des Kooperationsprinzips und der Konversationsmaximen erschlossen werden. Damit erklärt Grice jene Fälle der Kommunikation, in denen das, was der Sprecher „zu verstehen gegeben, angedeutet [und] gemeint hat [...] etwas anderes ist als das, was er gesagt hat.“[29]

Konversationelle Implikaturen besitzen folgende Merkmale: Aufhebbarkeit, Unabtrennbarkeit, Unabhängigkeit und Unbestimmtheit. Eine konversationelle Implikatur ist aufhebbar, weil sie explizit oder kontextuell storniert werden kann.[30] Sie entsteht nicht, außer sie resultiert aus der Modalitätsmaxime, durch eine bestimmte Ausdrucksweise. Konversationelle Implikaturen basieren nicht darauf, wie etwas gesagt wird, sondern darauf, was gesagt wird, und sind damit vom Gesagten unabtrennbar. „Konversationale Implikate gehören [...] nicht zu der Bedeutung der Ausdrücke, an deren Verwendung sie geknüpft sind“[31] und „die Wahrheit des Gesagten bedingt nicht die Wahrheit des konversationellen Implikats“[32], d.h. das Implizierte ist unabhängig sowohl vom Wahrheitswert des Gesagten als auch vom Gesagten selbst. Zudem ist eine konversationelle Implikatur nicht eindeutig bestimmbar und damit steht eine offene Menge „mehrerer verschiedener Einzelerklärungen“[33] zur Verfügung, um das Gesagte mit dem Kooperationsprinzip in Übereinstimmung zu bringen.

2.6.2. Generalisierte vs. spezialisierte Implikaturen

Grice unterscheidet zwei Arten von (nicht-konventionalen) konversationellen Implikaturen: Generalisierte und spezialisierte. Generalisierte konversationelle Implikaturen sind kontextunabhängig und entstehen aufgrund bestimmter Eigenschaften ihres sprachlichen Ausdrucks. Im Gegensatz dazu entstehen spezialisierte konversationellen Implikaturen durch „spezielle Kontextmerkmale“[34].

(12) „Manuel trifft eine Frau.“

+> Manuel trifft nicht seine Ehefrau.

In (12) löst der unbestimmte Artikel eine generalisierte Implikatur aus. Es wird davon ausgegangen, dass der Sprecher seine Aussagen laut Quantitäts- und Qualitätsmaxime so wahrheitsgemäß wie möglich macht. Daraus kann geschlossen werden, dass, würde es sich um Manuels Ehefrau handeln, er dies auch sagen würde. Der indefinite Artikel legt ein distanziertes Verhältnis von Subjekt und Objekt nahe.

2.6.3. Konventionale vs. generalisierte Implikaturen

Grice räumt selbst ein, dass die Unterscheidung von konventionalen und generalisierten Implikaturen schwierig ist: „Unstrittige Beispiele sind vielleicht schwer zu finden, weil es ja allzu einfach ist, eine generalisierte konversationale Implikatur so zu behandeln, als wäre sie eine konventionale Implikatur.“[35] Konventionale Implikaturen betreffen, wie der Name schon sagt, bestimmte Konventionen, d.h. sie resultieren aus festgelegten Annahmen über die Welt und den daraus damit verbundenen Erwartungen. Im Gegensatz dazu entstehen generalisierte Implikaturen aufgrund der Verwendung bestimmter Ausdrücke.

Im Zusammenhang damit stehen die Implikaturen der so genannten „Horn-Skalen“[36]: Aufgrund der Verwendung eines schwächeren Ausdrucks wie ‚einige’ werden stärkere Ausdrücke wie ‚alle’ ausgeschlossen bzw. negiert: ‚einige +> nicht alle’.

2.6.4. Spezialisierte konversationelle Implikaturen

Spezialisierte konversationelle Implikaturen können entstehen, wenn die Konversationsmaximen befolgt oder auch verletzt werden. Im Folgenden Beispiele zur Maximenbefolgung:

(13) Quantitätsmaxime befolgt:

„Ich glaube, Christian hat die Prüfung bestanden.“

+> Der Sprecher weiß nicht genau, ob Christian die Prüfung bestanden hat.

In (13) wird die Quantitätsmaxime befolgt, indem der Sprecher gemäß seines Wissensstandes antwortet.

Dies könnte jedoch auch als generalisierte Implikatur gewertet werden, die vom Ausdruck ‚glauben’ ausgelöst wird.

(14) Qualitätsmaxime befolgt:

„Lydia ist schwanger.“

+> Der Sprecher weiß sicher, dass Lydia schwanger ist (und so ist es auch).

Entsprechend der Qualitätsmaxime macht der Sprecher in (14) eine verlässliche und wahre Aussage, da seine Informationen der Realität entsprechen.

(15) Relationsmaxime befolgt:

A: „Wir brauchen noch Brot.“

B: „Um die Ecke ist ein Bäcker.“

+> Beim Bäcker um die Ecke kann noch Brot gekauft werden.

In (15) befolgt der Hörer die Relationsmaxime und gibt dem Sprecher so zu verstehen, dass beim Bäcker um die Ecke die Möglichkeit besteht, das fehlende Brot zu kaufen.

(16) Modalitätsmaxime befolgt:

„Louisa stand auf und ging zur Arbeit.“

+> Louisa stand zuerst auf und ging danach zur Arbeit.

Entsprechend der Modalitätssubmaxime schildert der Sprecher die Ereignisse in (16) in der richtigen Reihenfolge und vermittelt damit eine bestimmte zeitliche Abfolge.

Dieser Fall kann jedoch auch als generalisierte Implikatur verstanden werden, da die Konjunktion ‚und’ die Implikatur eines bestimmten temporalen Verlaufes auslöst.

Im Gegensatz zu Implikaturen durch Befolgung der Maximen kann die Maximenverletzung auf verschiedenen Arten geschehen: Bewusste Verletzung, expliziter Ausstieg, Kollision und Ausbeutung.[37]

(17) Verdeckte Maximenverletzung:

„Sie ist eine Hexe!“ (Lüge!)

(18) Offener Ausstieg:

„Ich werde mich dazu nicht äußern!“

(19) Kollision:

A: „Wann genau findet das Kolloquium statt?“

B: „Irgendwann heute oder morgen Abend.“ (B weiß es nicht genau.)

In (17) verletzt der Sprecher mit seiner Lüge absichtlich eine Maxime, ohne dies dem Hörer zu signalisieren, und will ihn so bewusst in die Irre führen. Bei (18) steigt der Sprecher ausdrücklich aus dem Gespräch aus und zeigt offen, dass er nicht kooperieren will, kann, darf, usw. Die Kollision mehrerer Maximen wird in (19) deutlich: Der Sprecher steht mit der Quantitäts- und Qualitätsmaxime in Konflikt. Er möchte eine wahre Aussage machen, kann es nach seinem Wissensstand aber nicht und muss daher mehr sagen als gefordert wird. So verletzt er notgedrungen die Maxime der Quantität.

Die häufigste Art der Maximenverletzung ist jedoch die Ausbeutung, d.h. eine offene Maximenverletzung ohne erkennbare Kollision, bewusste Lüge oder offensichtlichen Ausstieg. Dabei kann gegen verschiedene Maximen verstoßen werden. Verletzungen der Quantitätsmaximen, sowohl der ersten Qualitätsmaxime – bei Stilfiguren wie Ironie, Metapher, Litotes und Hyperbel – als auch der zweiten sowie Verstöße gegen die Relationsmaxime und verschiedene Maximen der Kategorie Modalität sind möglich. Es folgen Beispiele zur Ausbeutung:

(20) Erste Quantitätsmaxime verletzt:

A: „Ist Ihr Mitarbeiter für die neuen Aufgaben geeignet?“

B: „Er war immer pünktlich und nie krank.“

+> B will nichts Konkretes über seinen Mitarbeiter sagen.

B gibt in (20) statt einer angemessenen Auskunft über die Eignung des Mitarbeiters zu wenig Informationen. A hat jedoch keinen Grund zur Annahme, dass B lügt, aussteigt oder mit anderen Maximen kollidiert. Er geht davon aus, dass B weiterhin kooperativ ist und kommt daher zu dem Schluss, dass B nur so wenig Informationen preisgibt, um seinen Mitarbeiter zu schützen oder sich selbst nichts anzulasten.

Dies kann auch als Verstoß gegen die Relationsmaxime verstanden werden, da die Informationen von B unerheblich für die Beantwortung von As Frage sind.

(21) Zweite Quantitätsmaxime verletzt:

A: „Sagen Sie bitte, wie spät ist es?“

B: „Genau um zwei wie auch die riesengroße Rathausuhr über Ihnen zeigt!“

+> A weist B auf die ersichtliche Rathausuhr hin.

In (21) sagt B mehr als nötig, gibt A aber keinen Grund anzunehmen, dass ein Fall von Kollision, Ausstieg, Lüge oder Unkooperativität vorliegt. Das befähigt A dazu, Bs Aussage als Hinweis zu verstehen, dass man die Uhrzeit auch hätte selbst herausfinden können.

Dieser Fall kann, wie die Verletzung der ersten Quantitätsmaxime in (20), ebenfalls als Verstoß gegen die Relationsmaxime gewertet werden, da der zusätzliche Informationsbeitrag für die Auskunft irrelevant ist.

(22) Erste Qualitätsmaxime verletzt:

(22a) Ironie

A: „Guido Westerwelle ist 2009 Bundeskanzler geworden.“

B: „Ja klar, und George W. Bush ist der Botschafter des Weltfriedens!“

In (22a) widerspricht Bs Aussage offensichtlich den Tatsachen und verstößt somit gegen die erste Qualitätsmaxime: „Sage nichts, was du für falsch hältst!“ A hat aber keinen Grund zur Annahme, dass B lügt, aussteigt oder mit anderen Maximen in Konflikt steht, und geht daher weiterhin von dessen Kooperation aus. So muss A die Äußerung von B uminterpretieren. Die naheliegendste Interpretation ist das genaue Gegenteil der Aussage, also die Negation des Gesagten.

Grice konzipiert den Begriff der Ironie als „making as if to say“[38], im Gegensatz zum „saying“[39], zu deutsch ‚so tun, als ob man sagt’ gegenüber dem eigentlichen ‚Sagen’ an sich.[40]

(22b) Metapher

A: „Meine Frau ist mein Fels in der Brandung.“

+> Meine Frau gibt mir Halt in allen Lebenslagen.

A verstößt in (22b) gegen die erste Qualitätsmaxime, da ein Mensch, so wie die Frau von A, in Wirklichkeit kein Stein sein kann. Da es kein Indiz für eine Kollision, Lüge oder einen Ausstieg gibt, schreibt A mithilfe dieser Maximenverletzung seiner Frau bestimmte Eigenschaften zu, die denen eines Felsen bei starkem Wellengang ähnlich sind: Beständigkeit, Widerstandsfähigkeit, usw.

(22c) Litotes

A: „André hat sein Abitur nicht bestanden.“

B: „Er war auch nicht gerade ein Glanzschüler.“

+> André war ein schlechter Schüler.

In (22c) wird ebenfalls gegen die erste Qualitätsmaxime verstoßen. André muss ein schlechter Schüler gewesen sein, um das Abitur nicht zu bestehen, daher ist Bs Aussage angesichts der Fakten zu milde. Er steigt aber weder aus, noch lügt er oder kollidiert mit anderen Maximen, so dass weiter angenommen werden muss, dass er kooperiert. Durch die Negation des genauen Gegenteils erreicht B eine Verstärkung des Gemeinten, denn so wird aus einer starken positiven Aussage eine ebenso starke negative.

(22d) Hyperbel

A: „Mama schreit die ganze Straße zusammen!“

+> Mama ist sehr laut.

In (22d) wird die erste Qualitätsmaxime verletzt, weil As Aussage zu übertrieben ist um den realen Fakten entsprechen zu können. Es liegt jedoch keine Lüge, Kollision oder Ausstieg vor, also kooperiert A weiterhin. Die Übertreibung steht nicht im kompletten Widerspruch mit dem situativen Kontext und verstärkt so das Gemeinte.

(23) Zweite Qualitätsmaxime verletzt:

A: „Vermutlich hat Bruno es schon wieder vergessen!“

+> Bruno ist jemand, der oft etwas vergisst.

Mit ‚vermutlich’ legt A in (23) nahe, dass er keine Beweise für seine Aussage hat und verstößt so gegen die zweite Maxime der Qualität: „Sage nichts, wofür dir angemessene Gründe fehlen!“ Es liegen weder Kollision oder Ausstieg vor. Ebenso lügt A nicht, da dessen Erfahrung im Umgang mit Bruno als einigermaßen angemessene Gründe gelten. Diese Menschenkenntnis lässt die Vermutung zu, dass Bruno oft etwas vergisst und es diesmal mit hoher Wahrscheinlichkeit wieder passieren wird.

(24) Relationsmaxime verletzt:

A: „Die neue Kollegin ist ’ne ganz schöne Zicke, oder?“

B: „Findest du das Wetter heute nicht auch schön?“

+> B möchte über etwas anderes reden.

In (24) ist die Antwort von B unpassend und irrelevant. Trotzdem lässt sie nicht erkennen, dass sie lügt, aussteigt oder mit anderen Maximen in Kollision steht. Davon ausgehend, dass B kooperiert, muss A die Aussage von B uminterpretieren und kommt zu dem Schluss, dass B aus ganz bestimmten Gründen vom Thema ablenken möchte.

(25) Modalitätsmaximen verletzt:

(25a) Mehrdeutigkeit

A: „Unsere Kinder wissen noch nichts über Blumen und Bienen!“

+> A möchte das Thema wechseln, ohne dass die Kinder hören, um welches Thema es sich genau handelt.

‚Blumen und Bienen’ ist in (25a) mehrdeutig. Es kann auf Entitäten der Flora und Fauna referieren oder aber auf sexuelle Aufklärung. A ist weiterhin kooperativ und bewusst mehrdeutig, um die Kinder nicht neugierig zu machen und eventuelle Nachfragen zu vermeiden.

(25b) Dunkelheit

A: „Kaufen wir noch E-I-S?“

+> A möchte ohne Drängen der Kinder entscheiden können.

In (25b) verwendet A bewusst die verdunkelte Redeweise um das Wort ‚Eis’ zu vermeiden. Da die Vorschulkinder in diesem Beispiel noch nicht buchstabieren können, werden sie nicht auf ‚Eis’ aufmerksam gemacht und können ihre Eltern so nicht zum Kauf drängen.

(25c) Weitschweifigkeit

A: „Die Sopranistin produzierte der Traviata-Arie ähnliche Lautsequenzen.“

+> Die Sopranistin sang nicht auf normale Art und Weise.

Bei (25c) scheint ‚singen’ nicht zutreffend zu sein, sonst hätte es A statt der unnötigen Weitschweifigkeit verwendet. So wird angedeutet, dass es sich nicht um ‚singen’ im herkömmlichen Sinne handelt, sondern um eine unnormale Art und Weise des Singens.

3. Theoretische Grundlagen

Für ein besseres Verständnis der nachfolgenden Theorien von François Recanati und Kent Bach bedarf es bestimmten theoretischen Grundlagen, die bei Grice nicht in dem Maße von Bedeutung waren. Im Folgenden wird auf semantische Grundbegriffe wie Proposition, Wahrheitswert und Wahrheitsbedingungen (3.1.), sowie auf verschiedene Arten von semantischer Unbestimmtheit (3.2.) eingegangen. Es werden semantische und pragmatische Interpretation (3.3.) und zwei verschiedene Kontexttypen (3.4.) unterschieden. Daran schließt sich die Sprechakttheorie von Austin an (3.5.), dessen Unterscheidung von lokutionären und illokutionären Akt später von Bedeutung sein wird. Abschließend werden die verschiedenen Grundmodelle zur wörtlichen Bedeutung und pragmatischen Anreicherung vorgestellt (3.6.).

3.1. Proposition, Wahrheitswert und Wahrheitsbedingungen

„Die deskriptive Bedeutung eines Satzes, seine Proposition, ist ein Konzept für seine Referenzsituationen.“[41] Kennt man die Proposition, kennt man auch die Situationen, in denen diese wahr ist. Ein Konzept ist die abstrakte mentale Beschreibung einer Bedeutung.[42] Ein Konzept enthält darüber hinaus auch damit verbundene und nicht, oder nur schwer, verbalisierbare Vorstellungen wie Weltwissen, persönliche Erfahrungen, usw.[43] Da die verschiedenen Satzmodi (Indikativ, Konjunktiv, Imperativ)[44] bzw. Satzarten (Deklarativ-, Interrogativ-, Exklamativ-, Desiderativ- und Aufforderungssatz)[45] auf dieselbe Situation referieren, sind sie für die Bestimmung der Proposition nicht relevant. Sie tragen nur zur Gesamtbedeutung bei, indem sie die Situation auf bestimmte Weise bewerten, wie beispielsweise Deklarativsätze, welche die Situation als gegeben hinstellen.[46]

Laut dem Polaritätsprinzip kann eine Proposition nur einen von zwei Wahrheitswerten haben: „In einem gegebenen Äußerungskontext, mit einer gegebenen Lesart, ist ein Deklarativsatz entweder wahr oder falsch.“[47] Der Satz kann somit den Wahrheitswert ‚wahr’ oder den Wahrheitswert ‚falsch’ haben, je nachdem, ob und welche Bedingungen genau im jeweiligen Äußerungskontext vorliegen.[48] Diese Bedingungen nennt man auch Wahrheitsbedingungen: „Die Wahrheitsbedingungen eines Satzes sind die allgemeinen Bedingungen, unter denen er wahr ist.“[49] Sie betreffen nur die deskriptive Bedeutung eines Satzes, sprich seine Proposition.[50] Expressive, soziale und pejorative Bedeutungselemente sind nicht-deskriptiv.

3.2. Semantische Unbestimmtheit

„Semantic underdeterminacy“[51] (dt. ‚zu wenig bestimmt’) oder auch „semantic indeterminacy“[52] (dt. ‚unbestimmt’) liegt vor, wenn ein Satz keine vollständige Proposition ausdrückt. Ein Satz ist semantisch unbestimmt, wenn mindestens eines seiner Bestandteile kontextsensitiv ist und dieses erst kontextuell gesättigt werden muss. Bei deiktischen Ausdrücken handelt es sich speziell um referentielle Unbestimmtheit, d.h. die Referenz ist semantisch eingeschränkt, wird aber erst pragmatisch spezifiziert.[53]

Es gibt je nach syntaktischer Ebene verschiedene Arten semantischer Unbestimmtheit: Strukturelle, phrasale und Konstituentenunbestimmtheit.[54] Bei struktureller Unbestimmtheit handelt es sich um eine Art Skopusambiguität, bei welcher der Bezugsrahmen eines Wortes, meist eines Adverbs, wie ‚auch’ in (26), festgelegt werden muss. Strukturelle semantische Unbestimmtheit ist jedoch keine strukturelle Ambiguität auf syntaktischer Ebene, sondern eine Ambiguität nicht artikulierter semantischer Beziehungen.[55]

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

(26) ist ein Beispiel für strukturelle semantische Unbestimmtheit. Das Adverb ‚auch’ hat hier vier Interpretationsmöglichkeiten: ‚auch’ in Bezug auf ‚ich’ bedeutet ‚es gibt noch andere, die dasselbe tun, wie ich’ (26a). Bezieht sich ‚auch’ auf ‚lieben’, dann bedeutet (26) ‚ich tue noch etwas weiteres neben der Tätigkeit dich zu lieben’ (26b). Bezüglich ‚dich’ bedeutet (26) ‚es gibt neben dir noch andere, die ich liebe’ (26c). Ist der Skopus auf den gesamten Satz ausgeweitet, bedeutet (26) ‚ich liebe dich genauso wie du mich’ (26d).

Auf phrasaler Ebene geht es um komplexere Konstruktionen:

(27) „Sie bringt Franziskas Buch mit.“
(27a) ‚Das Buch, das Franziska gehört.’
(27b) ‚Das Buch, das Franziska geschrieben hat.’
(27c) ‚Das Lieblingsbuch von Franziska.’

Die Genitivkonstruktion ‚Franziskas Buch’ in (27) kann je nach Kontext verschiedene Relationen ausdrücken: Das Buch kann Franziska gehören (27a) oder sie hat es selbst geschrieben (27b) oder aber es ist ihr Lieblingsbuch (27c) usw. Es gibt viele mögliche Interpretationen.

Im Gegensatz zur strukturellen Unbestimmtheit, bei der nur die Relationen von bereits existierendem Material festgelegt werden muss, ist bei der semantischen Konstituentenunbestimmtheit eine Einfügung von zusätzlichen Konstituenten nötig, damit der Satz propositional wird.[56]

(28) „Die Königin ist angekommen.“ [im Palast]

In (28) fehlt zur semantischen Vollständigkeit eine Konstituente, die bestimmt, wo genau die Königin angekommen ist.

Semantische Unbestimmtheit muss jedoch von dem Begriff der ‚Ellipse’ abgegrenzt werden, bei der das fehlende Material Lücken in der syntaktischen Struktur hinterlässt und dadurch „recoverable“[57] (dt. ‚wiederherstellbar’) ist, d.h. es ist nur unterdrückt und nicht phonologisch realisiert.[58]

Bei allen Ebenen der semantischen Unbestimmtheit ist eine Kombination von Desambiguierung, Referenzzuweisung und anderen pragmatischen Prozessen, welche in die Bestimmung des expliziten Inhalts der Äußerung eingreifen, nötig um eine vollständige Proposition auszudrücken.[59] Eine Einstufung als ‚semantisch unbestimmt’ ist jedoch meist strittig: Einige Kritiker bezeichnen die obigen Beispiele als semantisch vollständig, während andere sie als elliptisch einordnen oder semantische Unbestimmtheit nur für deiktische Ausdrücke zulassen.[60] Somit ist eine Einordnung als ‚semantisch unbestimmt’ stark theorieabhängig und damit sehr schwierig.

[...]


[1] Vgl. Grice (1993): Sprecher-Bedeutung, Satz-Bedeutung und Wort-Bedeutung, S. 85–86.

[2] Vgl. Grice (1993): Intendieren, Meinen, Bedeuten, S. 3–4.

[3] Vgl. Grice (1993): Intendieren, Meinen, Bedeuten, S. 9.

[4] Grice (1993): Sprecher-Bedeutung, Satz-Bedeutung und Wort-Bedeutung, S. 92.

[5] Vgl. Grice (1993): Sprecher-Bedeutung und Intentionen, S. 16–17.

[6] Ebd., S. 18.

[7] Vgl. ebd., S. 16.

[8] Grice (1993): Sprecher-Bedeutung und Intentionen, S. 18.

[9] Ebd., S. 17.

[10] Ebd.

[11] Ebd., S. 19.

[12] Grice (1993): Sprecher-Bedeutung und Intentionen, S. 19.

[13] Ebd., S. 18.

[14] Ebd.

[15] Grice (1993): Sprecher-Bedeutung und Intentionen, S. 19.

[16] Grice (1993): Intendieren, Meinen, Bedeuten, S. 11.

[17] Grice (1993): Logik und Konversation, S. 248.

[18] Ebd.

[19] Ebd.

[20] Ebd.

[21] Ebd., S. 252.

[22] Grice (1993): Logik und Konversation, S. 249.

[23] Grice (1993): Logik und Konversation. S. 249

[24] Ebd.

[25] Grice (1993): Logik und Konversation, S. 250.

[26] Meggle (1993): Handlung, Kommunikation, Bedeutung.

[27] Grice (1993): Logik und Konversation, S. 247.

[28] Ebd., S. 248.

[29] Grice (1993): Logik und Konversation, S. 246.

[30] Vgl. ebd., S. 264.

[31] Ebd., S. 265.

[32] Ebd.

[33] Ebd.

[34] Ebd., S. 262.

[35] Grice (1993): Logik und Konversation, S. 262.

[36] Horn (1984): Toward a New Taxonomy, S. 392.

[37] Vgl. Grice (1993): Logik und Konversation, S. 253.

[38] Grice (1991): Studies in the Way of Words, S. 30.

[39] Ebd.

[40] Vgl. Grice (1993): Logik und Konversation, S. 254.

[41] Löbner (2003): Semantik, S. 30.

[42] Vgl. ebd., S. 24.

[43] Vgl. ebd., S. 25.

[44] Vgl. Duden (2005): Die Grammatik, S. 436.

[45] Vgl. ebd., S. 902.

[46] Vgl. Löbner (2003): Semantik, S. 35.

[47] Ebd., S. 83.

[48] Vgl. ebd., S. 84.

[49] Ebd., S. 33.

[50] Vgl. ebd., S. 107.

[51] Bach (1994): Conversational Impliciture, S. 126.

[52] Recanati (2001): What Is Said, S. 85.

[53] Vgl. Bach (1994): Conversational Impliciture, S. 132–133.

[54] Vgl. ebd., S. 127.

[55] Vgl. ebd., S. 127–129.

[56] Vgl. Bach (1994): Conversational Impliciture, S. 127.

[57] Ebd., S. 131.

[58] Vgl. Bach (2001): You Don’t Say?, S. 21.

[59] Vgl. Bach (1994): Conversational Impliciture, S. 152.

[60] Vgl. ebd., S. 130.

Ende der Leseprobe aus 88 Seiten

Details

Titel
Wörtliche Bedeutung und pragmatische Anreicherung
Untertitel
Herbert Paul Grice – François Recanati – Kent Bach
Hochschule
Universität Leipzig  (Germanistik)
Note
2,8
Autor
Jahr
2009
Seiten
88
Katalognummer
V190360
ISBN (eBook)
9783656148753
ISBN (Buch)
9783656149316
Dateigröße
775 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Herbert, Paul, Grice, Francois, Recanati, Kent, Bach, Bedeutung, Pragmatik, Semantik, Implikatur, Maxime, Kooperation, Implizitur, Literalist, Maximalist, Minimalist, John, Austin, Gesagt, Gemeint, Explizit, Implizit
Arbeit zitieren
Sophia Geß (Autor), 2009, Wörtliche Bedeutung und pragmatische Anreicherung, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/190360

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