Das Verhältnis zwischen Julius und Lucinde - Eine exemplarische Darstellung des Konzepts der ‚romantischen Liebe’?


Hausarbeit, 2008
11 Seiten, Note: 3,0

Leseprobe

Inhalt

1. Fragestellung

2. Der Begriff ‚romantische Liebe’ nach Luhmann
2.1. Individualität
2.2. Reflexivität der Liebe
2.3. Welterschließung
2.4. Einheit von Ehe und Liebe und Sexualität
2.5. Komplementarität und Vervollkommnung
2.6. Schicksal und Zufall
2.7. Distanz und Übersteigerung

3. Textanalyse mit Luhmanns Kriterien
3.1. Individualität
3.2. Reflexivität der Liebe
3.3. Welterschließung
3.4. Einheit von Ehe, Liebe und Sexualität
3.5. Komplementarität und Vervollkommnung
3.6. Schicksal und Zufall
3.7. Distanz und Übersteigerung

4. Fazit

Literatur

1. Fragestellung

Der fragmentarische Roman ‚Lucinde’ von Friedrich Schlegel beschreibt eine neue und zeitgenössisch ungewöhnliche Liebesauffassung. Der bei Niklas Luhmann als ‚romantische Liebe’ bezeichnete Begriff verkörpert die sich neu entwickelnde Liebessemantik um 1800. Er stellte in seinem Werk ‚Liebe als Passion – Zur Codierung von Intimität’[1] eine umfassende Charakteristik ‚romantischer Liebe’ auf. Im Folgenden ist zu untersuchen, ob diese Kriterien auch im Roman wiederzufinden sind und in wieweit diese dort manifestiert sind. Ist dieses untypische Liebesverhältnis zwischen Julius und Lucinde eine exemplarische Darstellung des Konzepts der ‚romantischen Liebe’?

2. Der Begriff ‚romantische Liebe’ nach Luhmann

2.1. Individualität

Die Einzigartigkeit einer Liebesbeziehung gründet auf der Individualität der Partner. Nur freie und unabhängige Individuen sind auch frei von sozialen und gesellschaftlichen Zwängen und können der Liebe wegen lieben. „Es geht um das in der eigenen Welt Individuum-Sein.“[2] Der Mensch als Person etabliert sich über die Liebe und diese befreit ihn von standesbezogener Plakatierung. Durch sie kann der Mensch Mensch sein. „Wenn es in der Liebe ganz einfach um den Menschen als Individuum geht, wird damit auch das Verständnis der sozialen Reflexivität [...] tiefer gelegt: soziale Reflexivität wird [...] konstitutive Bedingung der ‚Bildung’ individueller Selbstreflexion und umgekehrt.“[3]

2.2. Reflexivität der Liebe

Bisherige Kriterien wie Stand, Reichtum oder Schönheit sind nicht mehr entscheidend. Die Partner lieben sich „nicht, weil sie gut sind, oder schön, oder edel, oder reich sind.“[4] Es geht um das Lieben des Liebens, sodass „die Liebe [...] nicht mehr allein auf ein Herausstellen der körperlichen und moralischen Qualitäten angewiesen“[5] ist. Zuneigung entspringt aus der Individualität des Partners. „Die Liebe richtet sich auf ein Ich und ein Du, sofern sie beide in der Beziehung Liebe stehen.“[6] Liebe ist keine Folge mehr, sondern Ursache einer Beziehung. Nach Luhmann geht es nicht mehr um „schichtspezifische Attribute oder Tugenden [...]“[7], sondern das Lieben selbst wird geliebt - Liebe ist reflexiv.

2.3. Welterschließung

Die romantische „Liebessemantik bezieht sich auf eine Beziehung von individuellem Subjekt und Welt.“[8] Die Liebe stellt einen geordneten Bezug zur Welt her, indem sich die Liebenden auf der Basis der Liebe neu definieren und auf dieser Grundlage sich selbst und ihre Umwelt neu empfinden und wahrnehmen. Alles in der Welt erhält einen neuen Wert, da „die zeitgenössische deutsche Romantik [...] von Relationierung der Welt auf einen anderen zur Aufwertung der Welt durch einen anderen [...]“[9] ausgeht. Die Liebe erschafft den Liebenden eine neue aufgewertete Welt und jene begreifen somit ihre Umgebendung neu und erhöht.

Zu dieser neuen Weltkonstitution kommt die Gestaltung einer eigenen Welt hinzu. „Gerade dass für die Liebe nur die Liebe zählt, heißt zwar, dass sie eine Welt für sich konstituiert – aber eben auch: für sich eine Welt.“[10]

Die Individuen selbst begründen durch ihre Einzigartigkeit ihre Liebe immer wieder neu. „So kann die Person des anderen [...] in ihrer dynamischen Stabilität der Liebe Dauer verleihen, und dies speziell dann, wenn sie als Subjekt/Welt-Verhältnis begriffen ist, also allen Wandel schon vorweg in sich einschließt.“[11] Dieser immanente Wandel begründet und erneuert ständig das Liebesverhältnis. So wird die Liebe unerschöpflich und unendlich. Änderung mindert sie nicht, da er in ihr selbst inbegriffen ist und sie permanent konstituiert. „Es geht dabei [...] um mehr als um wechselseitige Beglückung, die ja an der Erschöpfung der Bedürfnisse und an Gewöhnung rasch vergehen müsste; es geht um Konstitution einer gemeinsamen Sonderwelt, in der die Liebe sich immer neu informiert, indem sie das, was etwas für den anderen bedeutet, ihrer Reproduktion zu Grunde legt.[12]

2.4. Einheit von Ehe, Liebe und Sexualität

„Aber erst die Romantik postuliert die Einheit von Liebe und Ehe, gibt den Instabilitäten der Liebe damit den Formschutz der Ehe und zugleich der Ehe den Sinn, den Individuen die volle Verwirklichung ihrer Eigenart und ihrer Welt zu ermöglichen.“[13] Liebe, Ehe und Sexualität sind nicht länger auf verschiedene Verhältnisse aufgeteilt, sondern vereinen sich in einer Beziehung. „Nur so kann Liebe Ehe sein. Nur so gibt Liebe sich selbst Dauer. [...] Die Liebe wird zum Grund der Ehe, die Ehe zum immer wieder neu Verdienen der Liebe.“[14] Bisher wurde die Sexualität in weniger offiziellen Liebschaften ausgelebt. Die Ehe als wechselseitige Zweckgemeinschaft wird durch „die volle Einbeziehung der Sexualität und das Miterlauben all dessen, was vorher unter der Alternative von frivoler Liebschaft und trockener Ehe nicht zu seinem Recht gekommen war“[15] abgelöst. Die Zweiteilung von sexuellem Verhältnis und standessichernder Heirat wird unter dem Aspekt der gegenseitigen Zuneigung vereint. „Es geht, was Sexualität betrifft, jetzt um mehr als nur das fragwürdige Bemühen, das Tier im Menschen doch noch zur Anerkennung zu bringen; und was Ehe betrifft, um mehr als nur um verständnisvollen Konsens in der Erfüllung der Rollenpflichten. Ehe ist Liebe und Liebe ist Ehe [...]“[16]

Die Liebe und damit auch die Ehe beruhen auf Individualität. Diese neue Sichtweise löst auch das Gebot der sexuellen Unberührtheit der Frau ab. Dieses Kriterium verliert an Bedeutung, wenn die Persönlichkeit der Partnerin in den Vordergrund rückt. Sie qualifiziert sich zur Ehe durch ihre Persönlichkeit und Liebe statt durch Jungfräulichkeit.

2.5. Komplementarität und Vervollkommnung

Luhmann erklärt, „dass der Liebende sich in der Orientierung am anderen immer auch auf sich selbst bezieht: Er will im Glück des anderen sein eigenes Glück finden.“[17] Der Partner ist der Spiegel des Selbst und bereitet den Weg zur Selbstreflexivität. Das Individuum wird somit durch den anderen befähigt, sich selbst und die eigene Individualität zu sehen, zu erkennen und zu finden. Der Liebende wird durch die Liebe zum vollständigen Ich durch „das Identischbleiben beim Aufgehen im anderen.“[18] Der Partner ist das fehlende Gegenstück zum Selbst und durch die Liebe und Gegenliebe werden beide zum vollkommenen Menschen vereinigt.

Die Frau trägt die Liebe als Keim in sich, der vom Manne erst gefunden werden muss. „Dabei bleibt die Asymmetrie der Geschlechter erhalten [...] Was die Romantik als Einheit postuliert, bleibt damit Erfahrung des Mannes, obwohl und gerade weil die Frau die primär Liebende ist und ihm das Lieben ermöglicht.“[19]

Durch die auf Individualität gründende Liebe fällt der Nährboden für Untreue und Eifersucht weg, da beide Partner nur füreinander bestimmt sind und somit etwaige Konkurrenz nicht existent ist.

[...]


[1] Luhmann (1994)

[2] ebd., S.172.

[3] ebd., S.173-174.

[4] ebd., S.175.

[5] ebd., S.168.

[6] ebd., S.175.

[7] Luhmann (1994), S.172.

[8] ebd., S.168.

[9] ebd., S.167-168.

[10] ebd., S.177.

[11] ebd., S.169.

[12] ebd., S.177-178.

[13] ebd., S.2.

[14] Luhmann (1994), S.178.

[15] ebd., S.172-173.

[16] ebd., S.173.

[17] ebd., S.174.

[18] ebd., S.178.

[19] ebd., S.172.

Ende der Leseprobe aus 11 Seiten

Details

Titel
Das Verhältnis zwischen Julius und Lucinde - Eine exemplarische Darstellung des Konzepts der ‚romantischen Liebe’?
Hochschule
Universität Leipzig  (Germanistik)
Veranstaltung
Romane um 1800
Note
3,0
Autor
Jahr
2008
Seiten
11
Katalognummer
V190365
ISBN (eBook)
9783656148746
ISBN (Buch)
9783656149354
Dateigröße
413 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Lucinde, Julius, Schleger, Friedrich, Niklas, Luhmann, Romantik, romantisch, Liebe, Konzept, Passion, Codierung, Intimität, Roman, fragment
Arbeit zitieren
Sophia Geß (Autor), 2008, Das Verhältnis zwischen Julius und Lucinde - Eine exemplarische Darstellung des Konzepts der ‚romantischen Liebe’?, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/190365

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