Das gelingende Leben: Lebensentwürfe, Lebenswelt und Perspektiven in der Lebensbewältigung, für sozial benachteiligte Kinder und Jugendliche, aus Sicht des Resilienzkonzepts


Magisterarbeit, 2011
142 Seiten, Note: 1,3

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Einleitung

1. Gesellschaftliche Themenbezüge
1.1 Risikogesellschaft- Enttraditionalisierung, Entsolidarisierung und Individualisierung in der modernen Gesellschaft
1.2 Sozialisation und Lebenswelten im Wandel: Kindheit und Jugend zwischen Zukunftsoptimismus und Orientierungslosigkeit

2. Sozial benachteiligte Kinder und Jugendliche und das Aufwachsen in risikoreichen Lebenslagen
2.1 Soziale Ungleichheit und soziale Benachteiligung
2.2 Das Aufwachsen in risikoreichen Lebenslagen - psychosoziale Risiken als Mikroebene sozialer Benachteiligung

3. Das Resilienzkonzept vom Ursprung bis zu den Grenzen: Entwicklung, empirische Befunde und Kritik
3.1 Begriffsannäherung - Was bedeutet Resilienz
3.2 Der Ursprung des Resilienzkonzepts und weitere Studien zur Resilienzforschung
3.3 Die zwei zentralen Konzepte der Resilienzforschung
3.4 Resilienzmodelle
3.5 Was kennzeichnet resiliente Kinder
3.6 Kritik und Grenzen des Resilienzkonzepts

4. Fallgeschichten: Aufwachsen unter widrigen Bedingungen und die Entwicklung von Resilienz
4.1 Erhebungsmethode und Fallrekonstruktion
4.2 Falldarstellungen
4.2.1 Lebenswelt und psychosoziale Risikofaktoren
4.2.2 Bewältigungsstrategien, Resilienzfaktoren und resilienzfördernde Prozesse
4.2.3 Lebensentwürfe und Lebensperspektiven
4.2.4 Zusammenfassung der Fallergebnisse
4.3 Vergleich der Fallergebnisse mit dem theoretischen Modell des Resilienzkonzepts

5. Sozial benachteiligte Kinder und Jugendliche - und die Chance der Resilienz
5.1 Resilienz stärken - Soziale Benachteiligung und soziale Ungleichheit überwinden
5.2 Die Bedeutung der Resilienzforschung für die pädagogische Praxis - Resilienzförderung durch Prävention und Intervention
5.2.1 Frühe Hilfen: Frühförderung, Kinderschutz und Resilienzförderung im Schulalter und für Jugendliche
5.2.2 Die Makrosoziale Ebene - Gesellschaftspolitische Handlungsimplikationen

Schlussbetrachtung

Anhang

Literaturverzeichnis

Einleitung

„ Es gibt weder gro ß e Entdeckungen noch wahren Fortschritt, solange noch ein unglückliches Kind auf der Welt ist. “ (Albert Einstein)

Kinder und Jugendliche sind in der modernen Gesellschaft einer zunehmenden Vielzahl von biologischen, psychologischen und sozialen Risiken ausgesetzt, welche ihre Entwicklung belasten. Dennoch gibt es viele Kinder und Jugendliche die sich trotz widriger Umstände zu stabilen Persönlichkeiten entwickeln. Diese Kinder und Jugendlichen rücken zunehmend in das Feld der Aufmerksamkeit vieler Fachleute auf verschiedenen wissenschaftlichen Fachgebieten, so vor allem der Erziehungswissenschaft, Psychologie und Medizin. Im Zentrum des pädagogischen Interesses stehen dabei die Stärken, Ressourcen, Potentiale und schützenden Faktoren kindlicher Entwicklung, über die diese widerstandsfähigen, resilienten Kinder und Jugendlichen verfügen. Worin liegt diese Widerstandsfähigkeit begründet, welche Prozesse der Entwicklung stehen dahinter, welche protektiven Faktoren gibt es, sich trotz einer risikoreichen Umgebung zu einer stabilen Persönlichkeit zu entwickeln, dass sind die Fragen die die Resilienzforschung versucht zu beantworten. Das Resilienzkonzept versucht die Bedingungen einer gelingenden Sozialisation, trotz bestehender Risikofaktoren, zu ergründen. Lange Zeit versuchten Wissenschaftler die Frage nach den Ursachen für Krankheit und Unglück in der Entwicklung des Menschen zu ergründen, um davon ausgehend Handlungsimplikationen zu erarbeiten. Seit geraumer Zeit ändert sich dies jedoch zunehmend dahingehend, danach zu fragen, was den Menschen stärkt und was ihn physisch und psychisch gesund erhält. Den Fokus auf die Ressourcen und Kompetenzen des Menschen zu setzen, und somit eine systemische Sichtweise auf den Menschen und seine Sozialisation einzunehmen bilden die Handlungsgrundlage für Prävention und Intervention auf diesem Gebiet. Sozial benachteiligte Kinder und Jugendliche sind sowohl auf makrogesellschaftlicher Ebene als auch auf mikroindividueller Ebene vielen Belastungen ausgesetzt, die ihre Entwicklung negativ beeinflussen können. Das Resilienzkonzept und die Resilienzforschung liefern wertvolle Erkenntnisse, die übertragen auf sozial benachteiligte Kinder und Jugendliche wichtige pädagogische Handlungsimplikationen für Prävention und Intervention liefern. Welche individuellen Lebenschancen haben sozial benachteiligte Kinder und Jugendliche, welche Lebensentwürfe gestalten sie und wie können die Bedingungen der Lebensbewältigung dieser pädagogischen Zielgruppe verbessert werden? Diese Fragen sollen in der vorliegenden Arbeit erörtert werden. In einer globalisierten Welt, in der die Tendenz dahin geht, dass sich Risiken und Belastungen weiter erhöhen und verstärken werden, und besonders der heranwachsende Mensch schützende Werkzeuge dafür benötigt, hat die Beschäftigung mit dieser Thematik eine hohe Relevanz. In einem ersten großen Teil werden als Grundlage gesellschaftliche Themenbezüge hergestellt und die Themenkomplexe soziale Ungleichheit und soziale Benachteiligung erarbeitet. Im zweiten Teil der Arbeit wird das Resilienzkonzept vorgestellt und unter Einbeziehung eigener Fallinterviews empirisch angereichert, um die Subjektperspektive in Bezug auf die Lebenswelt, die Lebensbewältigung und die Lebensgestaltung sozial benachteiligter Kinder und Jugendlicher mit einbeziehen zu können. Abschließend soll das Resilienzkonzept auf sozial benachteiligte Kinder und Jugendliche übertragen werden, wobei der Fokus hierbei auf Prävention und Intervention liegen soll.

Um einen guten Lesefluss zu erzeugen, habe ich mich an einigen Stellen für den Gebrauch der männlichen Form bei Worten wie „Therapeut“ oder „Pädagoge“ usw. entschieden. Hiermit sind natürlich sowohl der Therapeut als auch die Therapeutin usw. gemeint. Ansonsten verwende ich die Form ForscherInnen um sowohl die weiblichen als auch die männlichen Angesprochenen zu bezeichnen.

1. Gesellschaftliche Themenbezüge

1.1 Risikogesellschaft- Enttraditionalisierung, Entsolidarisierung und Individualisierung in der modernen Gesellschaft

Die Risiken des Lebens in modernen Gesellschaften wurden in den letzten Jahrzehnten immer wieder thematisiert. Grundlegende Veränderungen der Arbeitsgesellschaft in Form von Arbeitslosigkeit, beruflicher Perspektivlosigkeit, Leistungsdruck und Armutserfahrungen einer Vielzahl von Menschen, insbesondere von Kindern und Jugendlichen, stellen solche risikoreichen modernen gesellschaftlichen Entwicklungen dar. Ebenfalls von Bedeutung ist die Veränderung der familiären Strukturen. Das familiäre Zusammenleben spielt sich heutzutage in immer kleineren Familien mit immer weniger Kindern ab, gleichzeitig werden soziale Strukturen immer brüchiger und Beziehungen instabiler. Kinder wachsen mit wechselnden Ersatz- oder Stiefvätern auf und Scheidungen nehmen dramatisch zu. Nicht nur die psychischen, sondern auch die sozialen Folgen für die Kinder sind dabei von großer Bedeutung.1

Der Soziologe Ulrich Beck prägte den Begriff der ‚ Risikogesellschaft ’ und konstruierte eine vielschichtige Analyse der modernen Gesellschaft. Diese ist gekennzeichnet durch einen modernen Sozialstaat, der sich immer mehr von sozialstaatlichen Sicherheitsgarantien zurückzieht und von Erziehung und sozialer Arbeit, die immer mehr ökonomischen Prinzipien unterworfen werden. Durch die Individualisierung von Lebensrisiken wächst das Maß der individuellen Verantwortung für das eigene Leben immer mehr.2 Individualisierung im soziologischen Sinne nach Beck (1986) bedeutet, die Herauslösung aus traditionellen Bindungen und Versorgungsbezügen, den Verlust traditioneller Sicherheiten im Hinblick auf Handlungswissen, Glauben und leitenden Normen und eine neue Art der sozialen Einbindung. Diese Individualisierung führt zu Veränderungen von individuellen Lebenslagen. Die Familie als eine generationen- und geschlechtsübergreifende Lebenslage zerbricht und das einzelne Individuum wird zum Akteur der eigenen Existenzsicherung, außerhalb und innerhalb der Familie. Herauslösung aus Sozialformen und Sozialbindungen bedeutet also, dass die eigene Biographie geplant und organisiert werden muss. In der Folge gerät der Einzelne dabei in Abhängigkeiten. Individuen sind demnach marktabhängig, bildungsabhängig, konsumabhängig, abhängig von sozialrechtlichen Regelungen und Versorgungen, Konsumangeboten und Möglichkeiten und Moden in der medizinischen, psychologischen und pädagogischen Beratung und Betreuung. Die Individualisierung führt somit zu einer institutionenabhängigen Kontrollstruktur von Individuallagen. An die Stelle von sozialen Bindungen treten Institutionen, die den Lebenslauf des Einzelnen prägen und ihn zu einem Spielball von Moden, Konjunkturen und Märkten machen. Die Existenz des Einzelnen hängt dabei von Verhältnissen und Bedingungen ab, auf die kaum Einfluss genommen werden kann. Die Lebenslaufrhythmen werden geprägt durch institutionelle Lebenslaufmuster. Zu diesen gehören der Eintritt und Austritt aus dem Bildungssystem, Eintritt und Austritt aus der Erwerbsarbeit und sozialpolitische Fixierungen des Rentenalters. Die institutionelle Prägung des Lebenslaufs bedeutet also, dass Regelungen im Bildungssystem, im Berufssystem und im System der sozialen Sicherungen, direkt mit dem Lebenslauf von Menschen verzahnt sind. Mit institutionellen Festlegungen und Eingriffen werden in der Folge gleichzeitig Eingriffe im menschlichen Lebenslauf vollzogen. So betrachtet, bedeutet Individualisierung: Institutionalisierung und institutionelle Prägung, also auch politische Gestaltbarkeit von Lebensläufen und Lebenslagen. Durch die Abhängigkeit von Institutionen wächst auch die Krisenanfälligkeit entstehender Individuallagen. Sicherheiten sind nur noch für einen geringen Teil der Bevölkerung gegeben. Viele Menschen geraten in das existentielle Abseits wenn sie institutionelle Entwicklungsaufgaben nicht bewältigen. Beispielsweise ist der Schlüssel für die Lebenssicherung der Arbeitsmarkt, die Arbeitsmarkttauglichkeit ist wiederum abhängig von der Bildung des Einzelnen, so bestimmt sich für den Einzelnen der Einstieg und der Ausstieg aus der Gesellschaft. Die Individualisierung von Lebenslagen und Lebensverläufen bedeutet, dass eine sozial vorgegebene Biographie in eine selbstherzustellende und selbsthergestellte Biographie umgewandelt wird. Ebenso bedeutet dies, dass Entscheidungen über beispielsweise Ausbildung, Beruf, Arbeitsplatz, Wohnort, Ehepartner oder Kinderzahl nicht mehr nur getroffen werden können, sondern getroffen werden müssen und der Einzelne die Konsequenzen von nicht getroffenen Entscheidungen tragen muss. Die Normalbiographie entwickelt sich zu einer Wahlbiographie. Das Entweder-Oder von reichen und benachteiligten Lebens- und Konfliktlagen wird durch lebensphasenspezifische Problemkumulationen relativiert. In der individualisierten Gesellschaft muss der Einzelne lernen, sich selbst als Handlungszentrum und Planungsbüro in Bezug auf seinen eigenen Lebenslauf, seine Fähigkeiten, Orientierungen und Partnerschaften zu begreifen. Der Einzelne wird also gezwungen ein Ich-zentriertes Weltbild zu entwickeln. Institutionelle Lagen, wie das Erreichen oder nicht Erreichen von Schulabschlüssen, Arbeitslosigkeit oder Scheidung sind dabei keine Ereignisse die über den Einzelnen hereinbrechen, sondern Konsequenzen der von ihm selbst getroffenen Entscheidungen, die er als solche sehen und verarbeiten muss. Es entstehen somit nicht nur vermehrte und erhöhte Risiken für Individuen, sondern auch neue Formen persönlicher Risiken. Aus diesen Zwängen der Selbstverarbeitung, Selbstplanung und Selbstherstellung von Biographien, entstehen auch neue Anforderungen an Ausbildung, Betreuung, Therapie und Politik.3 Wie wachsen Kinder und Jugendliche demnach heute auf? Keupp (1996) beschreibt das Aufwachsen für Kinder und Jugendliche in der Postmoderne, als riskanter werdende Chancen. Kinder und Jugendliche wachsen in einer Fülle von Erlebnis- und Erfahrungsbezügen auf, die sich allerdings in kein Gesamtbild mehr fügen lassen. Traditionelle Gemeinschaften schwinden, und gehen einher mit dem Verlust von Geborgenheit und Gemeinschaftserfahrungen. Dieser Enttraditionalisierungsprozess wird begleitet von Entsolidarisierungs- und Individualisierungsprozessen. Die Folgen von Migration, Arbeitslosigkeit, Armutsentwicklungen, die Einflüsse neuer Medienwelten und normative Verunsicherungen können bei den Kindern und Jugendlichen zu Desorientierung im eigenen Leben führen. Um dem entgegenzuwirken, benötigen Kinder und Jugendliche Selbstkontrolle, Disziplin, Empathie und ein hohes Maß an kritischer Selbstreflexion. Um diese Fähigkeiten auszubilden und moderne Individualisierungsaufgaben zu bewältigen, sowie am gesellschaftlichen Reichtum partizipieren zu können, brauchen Kinder das soziale Kapital ihrer Herkunftsfamilie. In Bezug auf das Aufwachsen mit diesem sozialen Kapital herrscht eine große Differenz. Ein Großteil von Kindern wächst in einer pädagogisch hoch angereicherten Lebenswelt auf, während auf der anderen Seite ein ebenso großer Teil von Kindern in deprivierteren Lebenswelten aufwächst.4 Auch Hurrelmann (1994) stellt diese Spannung der Lebenswelt von Kindern und Jugendlichen fest, wenn er darauf hinweist, dass zwar die Freiheitsgrade der eigenen Lebensgestaltung sehr hoch sind, dass diese aber einhergehen mit der Lockerung von sozialen und kulturellen Bindungen, vor allem im familialen Bereich. Kinder und Jugendliche blicken auf ihrem Lebensweg in eine zunehmende soziale und kulturelle Ungewissheit, in moralische und wertemäßige Widersprüchlichkeit und eine erhebliche Zukunftsunsicherheit. Diese Lebensbedingungen bringen ein hohes Maß an Belastungspotenzial mit sich. Risiken des Leidens, des Unbehagens und der Unruhe überfordern viele Kinder und Jugendliche in ihren Bewältigungskapazitäten. Trotz eines hohen Lebensstandards steigt dementsprechend der gesellschaftliche Anteil an Kindern und Jugendlichen, die im psychischen, sozialen oder physischen Bereich ihrer Entwicklung erheblichen Belastungen und Problemen ausgesetzt sind, und sich in Folge dessen nicht nach ihren Möglichkeiten und Zielvorstellungen entwickeln können. Ebenfalls von Bedeutung ist eine Umwelt mit veränderten kommerzialisierten Freizeitangeboten, in der pluralistische Wertorientierungen und Sinngebungsangebote vorherrschen und die in eine ökologische Krise geraten ist.5 Auch die sozialen Rahmenbedingungen für die Gestaltung der Eltern-Kind-Beziehung haben sich in den letzten Jahrzehnten in den modernen Industriegesellschaften verändert. Traditionelle Muster des Zusammenlebens von Eltern als Partnern lösen sich auf, es gibt eine Vielzahl unterschiedlicher Familienformen und Formen des Zusammenlebens, infolgedessen die Eltern-Kind-Beziehung einen Strukturwandel durchgemacht hat, welcher wiederum Auswirkungen auf die Persönlichkeitsentwicklung von Kindern hat. Dieser Strukturwandel hat natürlich nicht in jedem Falle negative Auswirkungen auf die Persönlichkeitsentwicklung von Kindern und Jugendlichen, für einen Teil jedoch, der im Zuge dieser Entwicklung sich immer fortwährenden veränderten Beziehungsstrukturen ausgesetzt wird, oder der den Verlust von einem leiblichen Elternteil aufgrund von Scheidung zu erleiden hat, ist die Sicherstellung der Grundbedürfnisse der Persönlichkeitsentwicklung nicht gewährleistet.6 Im Vergleich zu 1996, wo rund 12% der Kinder bei alleinerziehenden Elternteilen aufwuchsen, wachsen inzwischen rund 16 % der Minderjährigen bei alleinerziehenden Elternteilen auf.7 Postman und weitere Autoren sprechen weiterhin von einem Verschwinden der Kindheit, von einer Auflösung der Differenz zwischen Kindern und Erwachsenen, von einer Verkürzung der Kindheit und eines früheren Einsetzens der Jugendzeit, als dies noch vor 20 Jahren der Fall war. Der prinzipielle Wissensvorsprung der Erwachsenen gegenüber den Kindern, ist im Zuge der Entwicklung der Medienlandschaft verloren gegangen. Cormann (2007) spricht davon, dass auch das traditionelle Rollenvorbild des Erwachsenen verschwunden sei, da Kinder immer erwachsener, und die Erwachsenen immer kindlicher werden, und das es noch keine gesellschaftliche Neudefinition dieses Rollenvorbilds gäbe. Weiterhin wird in der Literatur, beispielsweise durch Hurrelmann, darauf verwiesen, dass Kinder heutzutage immer weniger Kinderkrankheiten und stattdessen vermehrt Erwachsenenerkrankungen zu erleiden haben. Psychosen treten wesentlich früher auf, und Suizidalhandlungen von Zehn- bis Vierzehnjährigen, welche bis vor 20 Jahren noch eine Seltenheit waren, stellen heutzutage keine Besonderheit mehr dar. Verhaltensauffälligkeiten, Verhaltensstörungen und psychische Erkrankungen, die früher erst nach dem normativen Beginn der Jugendzeit auftraten, sind heute schon bei Zehn- bis Vierzehnjährigen zu beobachten.8 Die Zunahme dieser psychosozialen Beeinträchtigungen ist ein Zeichen dafür, dass die Bewältigung altersspezifischer Entwicklungsaufgaben schwieriger geworden ist. Kinder und Jugendliche erfahren soziale Orientierungslosigkeit, die aus dem Verschwimmen der Grenzen verschiedener Lebensabschnitte resultiert. Das Aufbauen persönlicher Orientierungssysteme, und somit einer eigenen Persönlichkeit, ist zu einer schwer erfüllbaren Aufgabe geworden. In welcher Lebenssituation befinden sich Kinder und Jugendliche in Deutschland aktuell, wie gestalten sie ihre Sozialisation und welchen Risiken sind sozial benachteiligte Kinder und Jugendliche konkret ausgesetzt?

1.2 Sozialisation und Lebenswelten im Wandel: Kindheit und Jugend zwischen Zukunftsoptimismus und Orientierungslosigkeit

Das Aufwachsen in Sicherheit und Geborgenheit ist eine wünschenswerte Entwicklung für jedes Kind. Eine Bildung zu erhalten, die den eigenen Kompetenzen entspricht, vertrauensvolle Beziehungen zu Erwachsenen und Freunden aufzubauen und das Gefühl zu bekommen, in einer Welt zu leben, in der man angenommen wird und in der man sich wohlfühlt ist die Basis für ein Kind, sich und die eigenen Lebensvorstellungen, geschützt durch Erwachsene, zu entwickeln.

Der Begriff „Kindeswohl“ ist ein komplexes begriffliches Konstrukt und wird von Seithe (2001) als die Gesamtheit der erforderlichen Sozialisationsbedingungen, definiert. Sie beschreibt eine Vielzahl von Merkmalen, die sich mit den Leitbildern einer gedeihlichen Kindheit verbinden. So beispielsweise gute Ernährung, ausreichende körperliche Pflege, angemessene Kleidung, geschützter Wohnraum, Platz für Spiel und Bewegung, ausreichende medizinische Versorgung, Anleitung zur Körperpflege, förderliche Bedingungen für Aneignungs- Lern- und Erfahrungsprozesse, strukturierte Alltagsbedingungen, Interesse an der geistigen Entwicklung des Kindes, Förderung sozialer Beziehungen, eine förderliche ElternKind - Beziehung und Verlässlichkeit und Sicherheit.9

Die Daten der internationalen ‚ UNICEF-Studie ’ von 2007 belegen, dass Deutschland sich in der Dimension 'kindliches Wohlbefinden' in den Bereichen Gesundheit, ökonomischer Sicherheit, Familienbeziehungen und Risiken von Kindern und Jugendlichen im Mittelfeld im Vergleich zu den anderen OECD - Ländern bewegt.10 Im Bereich Gesundheit liegt Deutschland auf Platz elf von den insgesamt 21 untersuchten Ländern, obwohl Deutschland mehr finanzielle Mittel in das Gesundheitssystem investiert als die zehn Länder, die im Vergleich vor Deutschland liegen. Der Bereich „materielles Wohlbefinden“ bezieht sich in der Interpretation von ‚ UNICEF ’ auf die unterschiedlichen Teilhabemöglichkeiten von Kindern im kulturellen, sozialen und ökonomischen Bereich. Zwischen neun und elf Prozent aller Kinder bis zum achtzehnten Lebensjahr sind in Deutschland von relativer Armut betroffen. Relative Armut bezieht sich dabei auf die relative Einkommensarmut der Eltern. Wobei die Kinderarmut in den neuen Bundesländern eindeutig höher ausgeprägt ist. Die Qualität der Beziehungen zu Gleichaltrigen und zur Familie ist nur schwer messbar, dennoch lässt sich in Bezug auf die Eltern-Kind-Beziehung aus dem internationalen Vergleich ableiten, dass in Deutschland aus Sicht der Kinder die Kommunikation mit den Eltern eher ambivalent eingeschätzt wird und Freunde für die Kinder und Jugendlichen eine große Rolle spielen. Von großer Bedeutung ist auch der Zusammenhang zwischen sozioökonomischen Status und Gesundheitszustand von Kindern und Jugendlichen. Nach Ergebnissen der Einschulungsuntersuchungen in Brandenburg im Jahr 2005 werden bei Kindern aus Familien mit niedrigem Sozialstatus weitaus häufiger Entwicklungsverzögerungen festgestellt. Besonders deutlich zeigt sich dies in Bezug auf Sehstörungen, Sprach-, Sprech- und Stimmstörungen, Wahrnehmungs- und psychomotorischen Störungen, intellektuellen Entwicklungsverzögerungen, emotionalen und sozialen Störungen sowie psychiatrischen Auffälligkeiten. Auch chronische Krankheiten, wie beispielsweise Diabetes mellitus, Psoriasis, zerebrales Anfallsleiden, bronchitisches Syndrom sowie Herzfehler und Herzerkrankungen, treten bei ihnen gehäuft auf. Außerdem werden mit den Ergebnissen der Untersuchung Zusammenhänge zwischen dem sozialen Status und Unfallverletzungen belegt. Daten der gesetzlichen Krankenversicherung und des Öffentlichen Gesundheitsdienstes weisen darauf hin, dass sozial benachteiligte Kinder im Vergleich zu den besser gestellten Gleichaltrigen etwa 1,5- bis 2-mal häufiger von Unfällen betroffen sind. Am deutlichsten kommen diese Unterschiede bei Verkehrsunfällen sowie Verbrennungen und Verbrühungen zum Ausdruck.11 Vom 15. Mai 2003 bis 6. Mai 2006 wurde vom Robert-Koch Institut der bundesweit repräsentative „ Kinder- und Jugendgesundheitssurvey “ durchgeführt. Grundlage bildete dabei eine gesundheitliche Untersuchung von Kindern und Jugendlichen zwischen null und 18 Jahren. Dabei wurden in Anlehnung an das WHO-Gesundheitsmodell Merkmale zu körperlicher, seelischer und sozialer Gesundheit erhoben. In Bezug auf die psychische Gesundheit sind laut Ergebnissen des Surveys die gefundenen Prävalenzen von Verhaltensauffälligkeiten, psychischen Problemen, Essstörungen und diagnostizierter ADHS als hoch zu bezeichnen. Wichtiges Ergebnis ist auch, dass nahezu alle Parameter der Gesundheit von Kindern und Jugendlichen stark mit den sozioökonomischen Bedingungen in denen die Kinder und ihre Familien leben, variieren.12 Kinder und Jugendliche aus Familien mit niedrigem Sozialstatus weisen demnach zu 32% einen sehr guten allgemeinen Gesundheitszustand auf, im Vergleich zu 38% beziehungsweise 48% derer aus Familien mit mittlerem und hohem Sozialstatus. Kinder und Jugendliche mit niedrigen sozialen Status sind 2,3-mal häufiger von Übergewicht betroffen, als Kinder und Jugendlichen aus Familien mit hohen sozialen Status. Psychische Auffälligkeiten sowie Verhaltensauffälligkeiten sind bei ihnen 3,8-mal häufiger festzustellen. Der vergleichsweise schlechtere Gesundheitszustand von Kindern und Jugendlichen, die in sozial benachteiligten Verhältnissen aufwachsen, wird außerdem durch geringere körperlich-sportliche Aktivität, stärkeren Defiziten der motorischen Entwicklung und einer ungesünderen Ernährung, negativ beeinflusst. Die Ergebnisse zeigen allerdings auch, dass eine benachteiligte Lebenslage nicht zwangsläufig mit einer schlechteren Gesundheit und einem riskanteren Gesundheitsverhalten einhergehen muss. Bei Kindern und Jugendlichen aus Familien mit niedrigem Sozialstatus, die über gute soziale und personale Ressourcen verfügen, sind die negativen Folgen für den Gesundheitszustand weniger ausgeprägt. Dies wird auch durch Ergebnisse der „ Health Behaviour in School-aged Children Studie “ aus dem Jahr 2002/2003 bestätigt. Jugendliche mit vertrauenbasierten und unterstützenden Sozialbeziehungen in der Familie, im Freundeskreis, in der Nachbarschaft oder in der Schule und in Vereinen, haben seltener gesundheitliche Probleme als diejenigen ohne solche Bindungen. Gleiche Ergebnisse sind auch bei Jugendlichen in den sozial besser gestellten Gruppen festzustellen.13 Gelingende Sozialisation bedingt demnach vor allem stabile, soziale Bindungen. Was ist für gelingende Sozialisation außerdem von Relevanz?

In seiner Sozialisationstheorie geht Hurrelmann (2002) von der These aus, dass der Mensch sich sein ganzes Leben lang mit inneren und äußeren Anforderungen der Lebensrealität auseinandersetzt und dabei flexibel seine eigene Persönlichkeit formt. Sozialisation ist laut der Theorie von Hurrelmann, der Prozess der Verarbeitung der inneren und äußeren Realität. Die innere Realität bilden dabei die körperlichen und psychischen Grundstrukturen und die äußere Realität bilden die sozialen und physikalischen Umweltbedingungen. Für eine gelingende Persönlichkeitsentwicklung ist das Individuum auf wichtige Sozialisationsinstanzen wie beispielsweise die Familie, Kindergarten, Schule und Freunde, angewiesen. Als Ergebnis einer gelingenden Sozialisation und eines erfolgreichen Bewältigungsprozesses markiert Hurrelmann die Indikatoren soziale Integration, psychisches Wohlbefinden und körperliche Identität. 14 Im Laufe der Sozialisation lernt das heranwachsende Individuum sich in der Komplexität seiner Lebensumstände zu orientieren und es entwickelt eine eigene Weltsicht aus dem familialen Mikrokosmos im Kontext einer sozialhistorisch-kulturellen Gesellschaftlichkeit. Kinder und Jugendliche machen dabei wichtige Erfahrungen mit den Beziehungsqualitäten der Bindung und Verbundenheit, der Zustimmung und Zugehörigkeit, sowie der Ablösung und des Getrenntseins und bilden in diesem Kontext ihre Kommunikations- und Beziehungsgestaltungsmöglichkeiten aus. Kinder und Jugendliche schaffen sich ihre eigene Welt in Form einer Persönlichkeitslandschaft und streben nach einem Gleichgewicht in dieser eigenen Welt. Anpassung und Einflussnahme auf sich verändernde Umweltbedingungen bilden dabei die zwei Aspekte der Lebensgestaltung. Können diese durch erhöhte Belastung und Risikobedingungen nicht stattfinden, wird das Gleichgewicht gestört, und es können sich in Folge von Kompensationsversuchen psychosomatische Störungen und Verhaltensauffälligkeiten entwickeln.15 Böhnisch & Schefold betonen in ihrer Sozialisationstheorie den wichtigen Stellenwert des gesellschaftlichen Kontexts. Demnach hat das Individuum, im Zuge der Gestaltung eines Lebensentwurfs, verschiedene Entwicklungsaufgaben zu bewältigen und versucht dabei das Gleichgewicht zwischen der Befriedigung persönlicher Bedürfnisse und der Erfüllung gesellschaftlicher Anforderungen zu finden. Der eigene Lebensentwurf orientiert sich dabei an dem durchschnittlichen Lebensentwurf einer Gesellschaft. Da sich die Ausgangsbedingungen der Sozialisation in der modernen Gesellschaft jedoch stark in die Richtung der Pluralisierung von Lebensentwürfen verändert haben, kann nicht mehr von einer Normalität von durchschnittlichen Lebensentwürfen gesprochen werden. Ebenso wenig kann Normalität von allgemeingültigen Werten und Normen abgeleitet werden und weiterhin als Orientierung für den Sozialisationsprozess gesehen werden. Vielmehr sollte von Lebensbewältigung gesprochen werden, welche davon abhängt, welche psychischen, materiellen und sozialen Möglichkeiten das Individuum in seinen Handlungsfeldern sieht. Die Korrespondenz zwischen Lebensbewältigung und sozialer Lebenslage spielt eine wesentliche Rolle im Lebenslagenkonzept von Weisser & Nahnsen und wird von Böhnisch & Schefold in deren Sozialisationstheorie mit einbezogen. Demnach entwickeln sich Lebenslagen in Abhängigkeit von gesellschaftlichen Entwicklungen, Lebensbewältigung hat immer einen gesellschaftlichen Bezug und soll ihren Ausgangspunkt immer aus der Perspektive des Subjekts nehmen.16 Wie sehen die Perspektiven dieser Strukturbedingungen des Aufwachsens aus? Nach Bingel, Nordmann & Münchmeier (2008) ist Jugend vor allem eine gesellschaftlich verortete Lebenslage. Der Arbeitsmarkt, das Bildungssystem, die sozioökonomischen Lebensbedingungen, Medien und öffentlicher Raum, bestimmen die Lebenslagen von Jugendlichen stärker als ihre individuellen Dispositionen und persönlichen Fähigkeiten. Die objektiven Bedingungen des Aufwachsens bestimmen dabei die subjektiven Bewältigungsmöglichkeiten der Kinder und Jugendlichen. Die Jugendphase ist heutzutage als solch ein Abschnitt gekennzeichnet, in dem sich die heranwachsenden Individuen zu stabilen Persönlichkeiten entwickeln sollen, und soziale Fertigkeiten und Kompetenzen herausbilden sollen, die sie benötigen, um in einer Arbeits- und Leistungsgesellschaft, die sich immer mehr individualisiert und soziale Orientierungsmarken und Kontrollen durch soziale Milieus abbaut, leben zu können. Böhnisch (2005) sieht Jugend in erster Linie als eine Bewältigungsaufgabe, da Jugend gesellschaftlich strukturiert und organisiert ist und Jugendliche sich diese vorgegebenen Lebensformen und Strukturen aneignen müssen. Die Ressourcen für diese Bewältigung sind in unserer Gesellschaft ungleich verteilt und ungleich zugänglich.17 Ferchhoff & Neubauer (1997) erklären in diesem Zusammenhang: „ Die Differenzen innerhalb der heutigen Jugendkohorte scheinen gr öß er und bedeutsamer als die zwischen Generationen zu sein “ 18 Die Krisen im Erwerbsarbeitssektor, Arbeitslosigkeit, Globalisierung, Rationalisierung, der Abbau und die Verlagerung der Beschäftigung, Sozialabbau und Verarmungsprozesse sind für Jugendliche heutzutage keine Randbedingungen des Aufwachsens, die hauptsächlich Erwachsene betreffen, sondern präsenter und sorgenvoller Bestandteil alltäglicher Lebensbewältigung. Dabei zeigen sich keine großen Unterschiede in Bezug auf die Schichtzugehörigkeit. Sicherlich haben Jugendliche aus den unteren Schichten etwas mehr Angst vor beispielsweise der prekären Situation auf dem Arbeitsmarkt, aber insgesamt zeigen sich dennoch alle Gruppen von Jugendlichen ängstlich in Bezug auf Arbeitslosigkeit und Beschäftigung.19 Diese Angst geht einher mit einer erhöhten Leistungsbereitschaft und Bildungsbeteiligung der Jugendlichen, die vor allem Mädchen und junge Frauen betrifft. Das Problem welches dabei für die Jugendlichen entsteht, ist einmal dass sie sich nicht mehr an den Biografien ihrer Eltern orientieren können, und zum anderen wächst der Druck , trotz sich verschlechternder Zukunftschancen, eine aussichtsvolle Zukunft zu erreichen. Die Jugendlichen müssen in ihrem Lebenslauf eigene Ziele und Wege finden, ohne zu wissen welche Entscheidungen mit welchen Risiken und Chancen verbunden sein können. Aufgrund dieses Drucks und dieser Anforderungen wachsen, vor allem für sozial benachteiligte Kinder und Jugendliche, die Orientierungs- und Anpassungsprobleme in der Gesellschaft. Zu erwähnen sei in diesem Zusammenhang auch die besondere Situation, die sich dabei für jugendliche MigrantInnen ergibt. Die Entwicklung einer Jugendidentität ist für sie erschwert. Sie müssen sich als Individuen in den ihnen zugänglichen Strukturen behaupten und dabei danach streben nicht als ‚Fremde’ betrachtet zu werden oder sich selbst als solche zu erleben. Im Prozess der Integration haben sie mit einer Reihe von Barrieren und Problemen zu kämpfen, die über typische Probleme des Jugendalters hinausgehen.20 In Bezug auf den Bildungserfolg von jungen MigrantInnen lässt sich feststellen, dass Kinder von gering qualifizierten Zuwanderern sehr häufig nur den Hauptschulabschluss erreichen, während Kinder qualifizierter Zuwanderer ebenso häufig wie deutsche Kinder studieren.21 In Bezug auf das Armutsrisiko von MigrantInnen zeigt sich, das die Armutsrisikoquote von Kindern und Jugendlichen unter 15 Jahren mit Migrationshintergrund 32,6% beträgt, während diese Quote bei Kindern und Jugendlichen ohne Migrationshintergrund bei nur 13,7% liegt.22 Die Flexibilisierung von Beschäftigungsverhältnissen und die Zunahme prekärer Beschäftigungssituationen führen zu einer Flexibilisierung der Erwerbsbiographien junger Menschen und somit zu einer Pluralisierung von Ausbildungsorten und kognitiven Ausbildungsanforderungen. Laut der Shell-Jugendstudie von 2006 („ Shell Deutschland Holding 2006 “) ist die Angst der jungen Menschen, keinen Arbeitsplatz zu finden oder diesen zu verlieren, in den letzten Jahren stetig gestiegen. Waren es im Jahr 2002 noch 55% besorgte Jugendliche, sind es im Jahr 2006 bereits 69% gewesen. 50% der Jugendlichen sehen ihre Zukunft dennoch eher zuversichtlich, 42% sehen ihre Zukunft eher gemischt und 8% haben eine düstere Zukunftsvorstellung. Jugendliche müssen heute sehr früh ihren eigenen Lebensstil entwickeln, einen Lebensplan definieren, mit Widersprüchlichkeiten ihrer Lebenslage umgehen und ihre Selbstdefinition auf diesen schwierigen Sachverhalt ausrichten. Die Bedeutung von Familie und Freundeskreis nehmen im Zuge dessen bei der jungen Generation zu. In einer Gesellschaft, in der der existentielle Druck wächst und von einer Chancengleichheit nicht mehr gesprochen werden kann, ist die Wichtigkeit von Rückhalt und befriedigenden persönlichen Beziehungen größer denn je.23 Nach Bingel (2006) gibt es einen signifikanten Zusammenhang zwischen strukturellen Bedingungen des Lebensraums von Jugendlichen und ihren Zukunftschancen. Alle für das Aufwachsen von Jugendlichen relevanten Lebensräume sind gesellschaftlich strukturierte Räume und prägen die gesellschaftlichen Bedingungen ihres Aufwachsens. Diese Lebensräume sind außerdem mit der Erwartung an gesellschaftlich produktive Schritte, wie der Persönlichkeitsentwicklung und dem Qualifikationserwerb, verbunden, welche wiederum mit gesellschaftlichen Erwartungen und Sanktionierungen verbunden sind. Diese Persönlichkeitsentwicklungs- und Bildungsprozesse von Jugendlichen verlaufen sehr unterschiedlich. Einem Teil der Jugendlichen gelingt es, diese erfolgreich in die Lebensplanung zu integrieren und zu bewältigen, und eine anderer Teil bleibt dabei auf der Strecke, weil die Zugänglichkeit und die Ressourcenhaltigkeit von Lebensräumen gesellschaftlich strukturiert sind, sozial differieren und somit gute Bedingungen des Aufwachsens belasten oder fördern können. Die Bewältigungsmöglichkeiten gesellschaftlicher Anforderungen werden dann für viele Jugendliche prekär. Für diese Jugendlichen werden die gesellschaftlichen Risiken direkt wirksam, weil ihnen Entwicklungsräume verschlossen bleiben, die sie zur sozialen, sozialökonomischen und biografischen Lebensbewältigung benötigen. Durch das Brüchigwerden von Institutionen und damit dem Verlust von Sicherheit, Struktur und Stabilität, vollzieht sich ein Kontrollverlust über das Aufwachsen vieler Jugendlicher. An die Stelle von Institutionen, treten soziale Räume für die Lebensperspektive und Lebensbewältigung der Jugendlichen. Das bedeutet, dass durch die Individualisierung struktureller Probleme, Jugendliche sich verstärkt im öffentlichen Raum bewegen. Genauer gesagt dient diese Bewegung im öffentlichen Raum als biografisches Bewältigungsmuster soziokultureller und ökonomisch erfahrener Krisen, weil sich Jugendliche nicht in den entsprechenden Institutionen wie Schule, Ausbildungsplatz und Arbeitsplatz bewegen können oder wollen. Für einen Teil der Jugendlichen sind diese Räume problematisch, weil sie sozial benachteiligend strukturiert sind und demnach keine potentiellen Bewältigungsorte darstellen. Die Lebenswege von Jugendlichen verlieren also insgesamt an Struktur und Sicherheit und es kommt zu Warteschleifen, Brüchen und Umwegen im Lebenslauf. Wenn die Jugendlichen dann nicht auf genügend Privatressourcen zurückgreifen können, verstärkt sich ihre soziale Benachteiligung zusätzlich. Für die Betrachtung von Lebensräumen spielt die gesellschaftliche Struktur der sozialen Schichtung eine entscheidende Rolle. Die soziale Herkunft entscheidet darüber, wie der Heranwachsende die ihn umgebene Lebenswelt nutzen kann oder muss und welche Verhaltenserwartungen damit verbunden sind. Dieser vorgegebene und genutzte Lebensraum vermittelt gesellschaftliche Macht- und Ungleichheitsverhältnisse. Wenn ein Jugendlicher beispielsweise in einem benachteiligenden Stadtteil lebt, hat er wenig soziale und ökonomische Ressourcen zur Verfügung und ist damit in seiner Mobilität und dem Zugang zu anderen soziokulturellen Feldern der Stadt oder zu einem Lebensraum mit besseren Bedingungen, eingeschränkt. Diese sozialökologischen Distanzen, die sich aus dem Zusammenwirken von sozialer Benachteiligung und sozial-räumlichen Kontexten ergeben, können nur schwer überwunden werden. Nach Bertram (1981) weisen Ergebnisse über nachhaltige und langfristige Wirkungen sozialkultureller Bedingungen des Aufwachsens auf beispielsweise biografische Gestaltungsspielräume von Jugendlichen, auf einen engen Zusammenhang von Sozialkultur und Lebenschancen hin.24

Dieser Betrachtung der gesellschaftlichen Rahmenbedingungen für die Sozialisation von Kindern und Jugendlichen auf der Makroebene, soll nun die Erörterung auf der Mikroebene, nämlich hinsichtlich der konkreten Bedeutung sozialer Benachteiligung und sozialer Ungleichheit und hinsichtlich konkreter Risiken und deren Auswirkungen, folgen.

2. Sozial benachteiligte Kinder und Jugendliche und das

Aufwachsen in risikoreichen Lebenslagen

„ Da wachsen Kinder auf an Fensterstufen, die immer in demselben Schatten sind, und wissen nicht, dass drau ß en Blumen rufen zu einem Tag voll Weite, Glück und Wind, und müssen Kind sein und sind traurig Kind. “ (Rainer Maria Rilke)

2.1 Soziale Ungleichheit und soziale Benachteiligung

Nach Kreckel (2004) leben wir heutzutage in einer Gesellschaft, in der soziale Ungleichheit eine von Menschen gemachte und von Menschen veränderbare Grundtatsache des Lebens darstellt. Veränderbar ist sie vor allem deshalb, weil soziale Wirklichkeit als das Produkt von bewusstem menschlichen Handeln in der Vergangenheit, und auch in der Zukunft, aufgefasst werden kann. Die soziale Wirklichkeit entsteht dabei durch das bewusste und unbewusste Handeln aller Akteure in einer Gesellschaft. Historisch betrachtet, gibt es verschiedene Formen strukturierter sozialer Ungleichheit, welche alle auf Machtverhältnisse und kulturelle Gegebenheiten zurückzuführen sind und sich auf Ungleichheitsverhältnisse beziehen, die die Prägung langfristig wirksamer Lebenschancen ganzer Generationen zur Folge haben. Für unseren Kulturraum ist beispielsweise die ungleiche Verteilung des sozialen Ansehens in Deutschland ein Beispiel für strukturierte soziale Ungleichheit. Kreckel schafft einen sozialwissenschaftlich definierten Begriff sozialer Ungleichheit, nach dem diese zu verstehen sei, als gesellschaftlich verankerte Form der Begünstigung einiger und der Benachteiligung und Diskriminierung anderer, wobei es nicht um die Diskriminierung und Benachteiligung aufgrund der biologischen Grundausstattung geht, sondern um die Verhinderung sozialer Teilhabe durch soziale Kräfteverhältnisse. Eine präzise Begriffbestimmung kann heißen: „ Soziale Ungleichheit in weiteren Sinne liegtüberall dort vor, wo die Möglichkeiten des Zugangs zu allgemein verfügbaren und erstrebenswerten sozialen Gütern und / oder zu sozialen Positionen, die mit ungleichen Macht- und / oder Interaktionsmöglichkeiten ausgestattet sind, dauerhafte Einschränkungen erfahren und dadurch die Lebenschancen der betroffenen Individuen, Gruppen oder Gesellschaften beeinträchtigt bzw. begünstigt werden. “ (Kreckel, 17).25 Um diesen Begriff im engeren Sinne zu definieren, müssen einzelne Bereiche sozialer Ungleichheit beleuchtet werden. Diese bezieht sich auf geschlechtsspezifische Ungleichheiten, regionale Disparitäten, Benachteiligungen von Minderheiten und sozialen Randgruppen, Diskrepanzen zwischen Erwerbstätigen und Nichterwerbstätigen, die Ungleichverteilung der Wohlfahrtsteilhabe und des Zugangs zu öffentlichen Gütern, die Ungleichgewichtigkeit von sozialen Lasten, und auch die Ungleichheiten zwischen armen und reichen, mächtigen und ohnmächtigen Ländern und Regierungen im Weltmaßstab. Diese Bereiche sind als Formen von Ungleichheiten zu sehen, welche sich in den letzten Jahrzehnten unseres Jahrhunderts entwickelt haben und welche im Brennpunkt gesellschaftlicher Konflikte stehen. Strukturierte soziale Ungleichheit tritt in zwei ‚ Aggregatzuständen ’ auf. Zum einen als ‚ relationale ’ Ungleichheit (sozial strukturierte Beziehungsungleichheit), welche die asymmetrische Beziehung zwischen Menschen meint, und bei welcher es um direkte Abhängigkeits- und Herrschaftsbeziehungen und Prozesse sozialer Diskriminierung geht, welche die Lebenschancen der Betroffenen langfristig beeinträchtigen oder begünstigen. Zum anderen tritt sie als ‚ distributive ’ Form (sozial strukturierte Verteilungsungleichheit) auf, welche sich auf die ungleiche Verteilung und Möglichkeiten des Zugangs von Reichtum und Wissen bezieht, und ebenfalls die Lebenschancen der Betroffenen beeinträchtigt, beziehungsweise begünstigt. Beide Formen der sozialen Ungleichheit bilden strukturelle Ressourcen in Form von materiellem Reichtum, symbolischem Wissen, hierarchischen Organisationen und selektiven Assoziation, welche bei ungleicher Verteilung zu „ objektiver “ Ungleichheit führen. Diese zeigt sich darin, dass Diejenigen, welche privilegierten Zugang zu solchen Ressourcen haben, dadurch günstigere objektive Bedingungen für die Realisierung von speziellen Wünschen, Bedürfnissen und Lebensentwürfen vorfinden, und somit mehr Handlungsspielräume haben, als Diejenigen, die von diesen Ressourcen ausgeschlossen bleiben und begrenzten Handlungsbedingungen ausgesetzt sind.26

Soziale Benachteiligung bezieht sich auf die Lebensumstände, die die Entwicklung und Bildung von jungen Menschen im Vergleich zu Gleichaltrigen erschweren oder beeinträchtigen. Die Ausgangsbedingungen der persönlichen, sozialen, schulischen und beruflichen Entwicklung sind dabei gestört und die Betroffenen sind mit einer eingeschränkten Teilhabe am ökonomischen, kulturellen und kommunalen Leben, konfrontiert. Dabei entsteht die Gefahr der sozialen Ausgrenzung. Diese besteht beispielsweise für Kinder die in den ersten Lebensjahren psychosozialen Risiken ausgesetzt sind, Kinder die in sogenannten Brennpunktbereichen leben und aufwachsen, Kinder und Jugendliche aus sozialen Milieus mit eingeschränkter familiärer Sozialisation oder fehlender Unterstützung durch die Familie, junge Menschen mit schlechten Kenntnissen und mangelhaften Fähigkeiten in den Kulturtechniken und junge Menschen mit fehlender Qualifikation im schulischen und beruflichen Kontext.

Kinder und Jugendliche die in Armut leben sind dieser Gefahr der sozialen Ausgrenzung ausgesetzt und in hohem Maße von sozialer Benachteiligung betroffen. Was bedeutet Armut in einer modernen Gesellschaft? Nach Chassé (2000) lässt sich Armut in zwei Begriffen unterscheiden und definieren. ‚ Absolute Armut ’ ist empirisch nicht absolut bestimmbar und stellt eine Durchschnittsgröße dar, die sich am historischen und kulturell entwickelten Stand der Befriedigung der Grundbedürfnisse, wie Ernährung, Wohnen und Haushaltsartikel, orientiert. ‚ Absolute Armut ’ bedroht den physischen Erhalt des Lebens und existiert in den hochentwickelten Ländern, im Gegensatz zur ‚ Dritten Welt ’, nur in Ausnahmefällen. ‚ Relative Armut ’ (genauer: ‚ relative Einkommensarmut ’) bezieht sich hauptsächlich auf die empirischen Messungen bezüglich des Einkommens. Keine Beachtung finden dabei die Bereiche Vermögen und Schulden. Laut dem Ratsbeschluss der ‚ Europäischen Gemeinschaft ’,von 1984, gelten in der ‚ Europäischen Union ’ Personen dann als ‚ relativ arm ’, wenn sie über so geringe materielle Mittel verfügen, dass sie von einer Lebensweise ausgeschlossen sind, die in dem Mitgliedsstaat, in dem sie leben, als Minimum annehmbar sind. Quantitativ wird die Armutsgrenze bei 50% des gewichteten durchschnittlichen Pro- Kopf- Einkommens bestimmt. Es gibt eine Reihe von Armutskonzepten zur Lebensstandardbestimmung. ‚ Unterversorgungskonzepte ’ von ‚ relativer Armut ’ definieren Armut als Problem der Verteilungsgerechtigkeit eines Sozial- und Wirtschaftssystems, welches nicht auf individuelles Versagen zurückgeführt werden kann, und erweitern die Sichtweise von Armut um eine psychosoziale Ebene. Betroffene erfahren eine multidimensionale Unterversorgung in zentralen Lebensqualitätsbereichen der Gesellschaft, wie Ernährung, Arbeit, Bildung, Wohnen, Gesundheit und sozialer Teilhabe. Ein weiteres Armutskonzept ist das ‚ der sozialen Ausgrenzung ’ . Im Fokus dieses Konzepts steht der Zusammenhang zwischen Armut und die damit verbundenen abgestuften Prozesse sozialen Ausschlusses aus zentralen gesellschaftlichen Integrationsbereichen. Darunter zu zählen sind Phänomene wie der Verlust des Arbeitsplatzes und Ausschlüsse aus den Bereichen Konsum, Freizeit, Urlaub und Reisen. Materielle Benachteiligung, welche soziale Integration erschwert oder verwehrt und zu sozialem Ausschluss führt, wird in diesem Konzept als Armut definiert. Diese Ausschließung orientiert sich in den Armutsprogrammen der ‚ Europäischen Union ’ an dem Ausschluss von angemessener Wohnung, angemessener Ernährung, Ausbildung und Berufsqualifikation, der Infrastruktur, der Arbeit, den sozialen Beziehungen und der Persönlichkeitsentwicklung für Kinder. Das Konzept der ‚ Armut als Lebenslage ’ geht ebenfalls davon aus, dass materielle Benachteiligung systematisch verbunden ist mit der Benachteiligung in den Bereichen Ernährung, Bildung, Wohnen und Gesundheit. Im Fokus dieses Konzepts stehen die Spielräume zur Lebensgestaltung. Demnach bezeichnet Armut eine Verengung oder den Verlust subjektiver Handlungsspielräume zur Lebensgestaltung in den zentralen Bereichen der Lebenserhaltung: Arbeit, Bildung, Kommunikation, Regeneration, Partizipation und den Sozialisationsbedingungen. Betroffenen haben wenig oder keine Entfaltungsmöglichkeiten und sind in wesentlichen Lebensbereichen, ihren sozialen Beziehungen und ihrer Persönlichkeitsentwicklung benachteiligt. „ Das Pentagon der Armut “ des Schweizer Sozialwissenschaftlers Tschümperlin ist eine systemtheoretisch - interaktionistische Darstellung von fünf verschiedenen Ebenen der Armut. Dazu gehören die Biografie, soziale Netze, gesellschaftliche Wertehaltungen, Arbeit und Einkommen und Kosten und Konsum, welche allesamt in Verbindung miteinander stehen. Bei einem Einschnitt in einem der fünf Bereiche, wird dabei das gesamte Gefüge negativ beeinflusst. Das ‚ sozialpädagogische Konzept der Lebenslage ’ betont die Verschränkung sozialstaatlicher Strukturierung von Lebenslagen und subjektiven Wahrnehmungs- und Bewältigungsmöglichkeiten. Die sozialpolitisch vermittelten Lebensverhältnisse strukturieren und vermitteln die Lebenslage. Die sozialstaatliche Anerkennung oder Nichtanerkennung wird dabei zu einem konstitutiven Problem von Lebenslagen für beispielsweise Alleinerziehende, arbeitslose Jugendliche und Nichtsesshafte. Der Begriff der ‚ Neuen Armut ’ tritt in der dynamischen Armutsforschung ’ auf. Hier wird Armut im Zeitverlauf und im Zusammenspiel mit Lebenslauf- und Biografieforschung untersucht. Armut versteht sich dabei als vorübergehende Phase im Lebenslauf und reicht als latentes Risiko in mittlere soziale Schichten hinein. Betroffen von Armut sind in diesem Sinne beispielsweise arbeitslose Akademiker und Beschäftigte, welche ein zu niedriges Einkommen haben und ergänzende Leistungen in Anspruch nehmen müssen.27 Ein Leben führen zu können, für welches man sich mit guten Gründen entscheiden kann, und welches die Grundlage der Selbstachtung nicht in Frage stellt, Verwirklichungschancen zu bekommen und sich dabei zu entwickeln, das ist die Grundlage sozialer Gerechtigkeit. Dabei darf nicht nur nach Vorhandenen Ressourcen und deren Verteilung gefragt werden, sondern es muss auch um die Befähigung zur Ausbildung und Nutzung dieser Ressourcen gehen.28 Aus den Bedingungsfaktoren auf makrosozialer Ebene, ergeben sich die Risiken auf der mikroindividuellen Ebene. Welche psychosozialen Risikofaktoren sich für Kinder und Jugendliche demnach ergeben können, und warum dies so ist, soll im Folgenden näher beleuchtet werden.

2.2 Das Aufwachsen in risikoreichen Lebenslagen - psychosoziale Risiken als Mikroebene sozialer Benachteiligung

Viele Kinder finden sich bereits ab dem Kleinkindalter in einer familialen und gesellschaftlichen Realität, in der ihre Bedürfnisse nach Liebe, Zuwendung, Schutz, Sicherheit und Unterstützung nicht erfüllt werden können. Sie sind aufgrund von psychischen, ökonomischen und sozialen Bedingungen in ihrer Umwelt, psychosozialen Risiken ausgesetzt, die ihre Entwicklung beeinträchtigen und hemmen oder stören können.29 Diese psychosozialen Risiken können, müssen aber nicht, zu sozialer Benachteiligung führen. Es sei darauf hingewiesen, dass die folgenden aufgeführten Gruppen sozial benachteiligter Kinder und Jugendlicher nur einen Teil der Betroffenen darstellen, und nicht alle Gruppen von Kindern und Jugendlichen umschreiben, die dazu zu zählen sind.

Kinder und Jugendliche müssen im Laufe ihrer Entwicklung verschiedene altersspezifische Entwicklungsaufgaben meistern, für die sie altersangemessene Fähigkeiten und Kompetenzen benötigen. Im Kindesalter gehören zu diesen Aufgaben, der Aufbau seelischen Vertrauens und eines sozialen Bindungsverhaltens, die Entwicklung sensomotorischer Intelligenz und grundlegender sensomotorischer Fähigkeiten, die Reifung symbolischer und sprachlicher Ausdrucksfähigkeit, die Herausbildung von Wissen, Moral und Wertorientierungen, der Aufbau von Konzepten und Denkschemata und das Erlernen grundlegender Fertigkeiten und Kulturtechniken sozialer Kooperation mit Altersgenossen. Zu den Entwicklungsaufgaben im Jugendalter gehören, die Entwicklung intellektueller und sozialer Kompetenzen, die Entwicklung des inneren Bildes der Geschlechtszugehörigkeit und die Herausbildung eines Werte- und Normensystems und eines ethischen und politischen Bewusstseins.30 Risikofaktoren behindern die erfolgreiche Bewältigung dieser Entwicklungsaufgaben. Zu den Risikofaktoren, deren Einfluss auf die kindliche Entwicklung langfristig untersucht worden ist, gehören familiäre Faktoren, wie wirtschaftliche Notlage der Familie, psychische Krankheit und Alkoholismus der Eltern, Missbrauch/Misshandlungen und Vernachlässigung der Kinder und Komplikationen bei der Geburt.31 Weitere Risikofaktoren sind familiäre Prozesse wie Scheidung und Trennung, der Verlust der Eltern oder eines Elternteils und familiäre (physische und psychische) Gewalt. Zu den außersystemischen und soziodemographischen Risiken gehören Armut, Niedrigeinkommen und städtische Gewaltmilieus. Zander (2009) hält die Ausweitung des Risikobegriffs für notwendig und spricht von gesellschaftlichen Bedingungen des Aufwachsens und von gesellschaftlich erzeugten Problemlagen wie Diskriminierung von Minderheiten und benachteiligten Personen. Zander bezieht die Makroebene der Betrachtung mit ein und wird damit der Forderung von LÖSEL & BENDER gerecht:

„ Bisher beschäftigte sich der Gro ß teil der Forschung zur Resilienz mit individuellen und mikrosozialen Faktoren, die Einflüsse der Gemeinde oder der makrosozialen Ebene sind dagegen weit weniger untersucht. “32 Ebenso wie die Bedingungen von Sozialisation auf der Makroebene betrachtet werden können, wie unter Punkt 1.2 ausgeführt wurde, können und sollten also auch entsprechende resilienzfördernde Prozesse auf der Makroebene erforscht werden.

Nach Petermann & Wiedebusch, weisen Kinder die Risikofaktoren ausgesetzt sind, in der Regel Defizite in ihrer emotionalen Entwicklung und mangelnde emotionale Fertigkeiten, auf. Vor allem in den ersten Lebensjahren machen Kinder starke Fortschritte in ihrer emotionalen Entwicklung und erlernen eine Reihe emotionaler

Fertigkeiten. Durch Risikofaktoren des Kindes und der Eltern kann diese Entwicklung gestört werden. Kinder die solchen Risikofaktoren ausgesetzt sind, können in ihrem Umgang mit Gefühlen erhebliche Beeinträchtigungen zeigen, die wiederum zu der Entwicklung von psychischen Störungen führen können. Zu den Risikofaktoren der emotionalen Entwicklung gehören psychische Störungen eines Elternteils (beispielsweise eine depressive Störung der Mutter) sowie unangemessenes Elternverhalten wie Vernachlässigung und Misshandlung. Jene Eltern leben ihren Kindern keinen angemessenen Umgang mit Gefühlen vor und dies wirkt sich negativ auf den Ausdruck, das Verständnis, und die Regulation von Emotionen der Kinder aus. Neben dem hohen Risiko der Entwicklung von psychischen Störungen, zeigen diese Kinder häufig ein auffälliges Sozialverhalten, niedrige soziale Kompetenz, Verhaltensauffälligkeiten und Verhaltensstörungen.33 Der ‚ Family Adversity Index ’ nach Rutter und Quinton erfasst psychosoziale Risiken auf familiärer Ebene, welche nachteilige Langzeitfolgen für die Entwicklung von Kindern und Jugendlichen als gesichert gelten lassen. Der Index deklariert acht psychosoziale Risiken: psychische Erkrankung einer Hauptbezugsperson, Vater ist oder war bereits straffällig, Vater ohne qualifizierten Schulabschluss oder ohne Berufsausbildung, Vater oder Mutter alleinerziehend, kritisch gespannte Partnerschaft, vier oder mehr Kinder in der Familie, enge Wohnverhältnisse, und das Kind war oder ist fremduntergebracht. Zu erwähnen sind auch die gesundheitlichen Folgen für das Aufwachsen in risikoreichen Lebenslagen. Erkenntnisse aus der Stressforschung legen Ergebnisse zu Langzeiteffekten chronischer Belastungen und kritischer Lebensereignisse auf den Gesundheitszustand vor. Demnach haben chronische Belastungen beispielsweise Auswirkungen auf das Immunsystem. So geht die „ wear-and-tear-Hypothes “ davon aus, dass das Immunsystem unter chronischer Belastung vorschnell altert. Des Weiteren gibt es einige Studien zu den Zusammenhängen von kritischen Lebensereignissen und ausgewählten Krankheitsbildern34

Es sollen nun spezielle Risiken näher beleuchtet werden. Wie bereits erwähnt sind Kinder die in Armut leben in hohem Maße von sozialer Benachteiligung betroffen. Kindliche Armut ist ein multidimensionales Phänomen und geht mit einer Kumulation verschiedener Risikofaktoren einher, die den Zugang zu Lebensbereichen wie Gesundheit, Bildung und soziale Kontakte, erheblich beeinflussen und negative Auswirkungen auf das Selbstwertgefühl, die Intelligenzentwicklung, das Verhalten und die Sozialentwicklung haben. Bei Kindern und Jugendlichen zeigen sich häufig Entwicklungsdefizite, emotionale Instabilität, Verhaltensauffälligkeiten, Unterversorgung mit der Folge gesundheitlicher Probleme und soziale Benachteiligungen, etwa durch mangelnde Integration in der Schule und unter den Gleichaltrigen. Es besteht auch ein Zusammenhang zwischen körperlicher und seelischer gesundheitlicher Entwicklung und materieller Versorgung. Das Ernährungs- und Gesundheitsverhalten von Kindern und Jugendlichen die in Armut leben sind stark beeinträchtigt, da nur knappe sozioökonomischen Ressourcen zur Verfügung stehen, die sich beispielsweise negativ auf die Ernährung auswirken. Beeinträchtigt werden auch die kognitive und sprachliche Entwicklung sowie die schulischen Leistungen von Kindern die in Armut leben. Kinder sind insbesondere dann armutsgefährdet, wenn ihre Eltern arbeitslos sind oder wenn ihre Eltern zwar arbeiten, aber das Arbeitsentgelt nicht ausreicht, um den Unterhalt der gesamten Familie zu sichern.35 Das Lebenslagenkonzept, welches von Otto Neurath zu Beginn des 20. Jahrhunderts eingeführt wurde, um das Wohlergehen von Individuen in einer Gesellschaft zu vergleichen, wird mittlerweile in verschiedenen Studien zu Kinderarmut auf die Analyse von kindlichen Lebenslagen übertragen. Bezugnehmend auf das Lebenslagenkonzept ergeben sich vielfältige Auswirkungen von Kinderarmut auf die Sozialisation und Entwicklungsmöglichkeiten von Kindern. So können sich für Kinder in materiellen Notlagen eingeschränkte Lern- und Erfahrungsräume ergeben, die für den späteren Entwicklungsverlauf prägend sein können. Ferner können sich Beeinträchtigungen in dem Aufbau und der Pflege sozialer Kontakte ergeben, wenn Kinder die nur eingeschränkte materielle Ressourcen zur Verfügung haben, nicht an sozialen Situationen, wie Kindergeburtstagen oder Ausflügen mit Freunden teilnehmen können. Es besteht die Gefahr, dass jene Kinder Ausgrenzungserfahrungen machen, und somit eventuell nicht die Möglichkeit haben, wichtige und unterstützende soziale Netzwerke aufzubauen, die, wie empirische Ergebnisse der Resilienzforschung zeigen (auf die an späterer Stelle näher eingegangen wird) eine wichtige Bewältigungsressource darstellen. Weiterhin haben Kinder in Armutslagen wenige Spiel- Freizeitbeschäftigungs- und Erholungsmöglichkeiten, ihnen stehen nur wenige oder gar keine Regenerationsräume zur Verfügung und ihre Neigungen und Fähigkeiten können infolgedessen nicht ausreichend gefördert werden.36 Auch Einschränkungen im Familienleben, durch den Verzicht auf Urlaub oder Ausflüge, konfrontieren das Kind mit den verschiedenen Aspekten der unzulänglichen materiellen Familiensituation. Ebenso hinsichtlich des physischen und psychischen Gesundheitszustandes sind Kinder und Jugendliche in Armutslagen sehr beeinträchtigt und es zeigt sich ein deutlicher Zusammenhang zwischen sozialer Ungleichheit und gesundheitlicher Ungleichheit.37 Die Beeinflussung des Gesundheitszustandes erfolgt dabei indirekt, aufgrund der Lebensbedingungen und unzureichender finanzieller Mittel für eine gesunde Lebensführung. Um den Begriff sozial benachteiligter Kinder und Jugendlicher und deren Risikolagen umfassend umschreiben zu können, bedarf es der Betrachtung verschiedenster Risikofaktoren. Kinder die in Armut leben bilden eine Risikogruppe. Zu einer weiteren Risikogruppe gehören Kinder psychisch kranker Eltern.

Wenn Menschen an einer psychischen Krankheit oder Störung leiden, sind in der Regel auch die Angehörigen, also auch die Kinder dieser Menschen von der Krankheit und den daraus entstehenden Belastungen, betroffen. Es gibt eine Vielzahl psychischer Störungen und Krankheiten und je nach Schweregrad und Symptomatik werden die Kinder mit charakteristischen störungsspezifischen und beziehungsspezifischen Problemen konfrontiert. Durch soziökonomische Probleme, die häufige Isolation der Familie, gesellschaftliche Stigmatisierungen und Beziehungskonflikte der Eltern, entstehen für die Kinder und Jugendlichen erhebliche Entwicklungsrisiken. Die erkrankten Eltern weisen Defizite in der Beziehungsgestaltung und Erziehungskompetenz auf und nicht selten kommt es dazu, dass die Kinder die Rolle der Eltern oder die einer Partnerfunktion einnehmen. Die psychisch belasteten und erkrankten Eltern sind in ihren Möglichkeiten des gegenseitigen lebendigen affektiven Austauschs mit ihren Kindern häufig eingeschränkt. Viele der Kinder leiden unter Angst- und Schuldgefühlen und einige Kinder sind der Gefahr der Verwahrlosung und der psychischen und körperlichen Misshandlung ausgesetzt. Dunn (1993) hat eine retrospektive Befragung von mittlerweile erwachsenen Kindern psychisch kranker Eltern zu ihren Erfahrungen und Lebensstrategien durchgeführt. Die Aussagen der Befragten drehten sich um die Themen Einsamkeit, Isolation und Entfremdung. Lenz (2005) hat eine qualitative Untersuchung von Kindern psychisch kranker Eltern, im Alter von sieben bis 18

Jahren durchgeführt. Die Ergebnisse zeigen, dass die psychische Erkrankung der Eltern eine schmerzhafte Verlusterfahrung für die Kinder darstellte. Aufgrund fehlenden Wissens über die Krankheit entstehen bei den Kindern und Jugendlichen große Unsicherheiten und Ängste. Die Gefühlswelt der Kinder ist gekennzeichnet durch Wut, Trauer, Hoffnungslosigkeit und Resignation. Bei Jugendlichen kommen Ängste einer möglichen eigenen Erkrankung, starke Schuldgefühle nach Abgrenzungs- und Distanzierungsversuchen von der Familie, starkes Verantwortungsgefühl und die Trauer über den Verlust einer elterlichen Identifikationsfigur, dazu. Oft sind die Kinder und Jugendlichen in dieser Situation allein, da sie selten verständnisvolle Bezugspersonen haben. Häufige Klinikaufenthalte, vor allem wenn es die Mutter betrifft, hinterlassen das Gefühl des Alleinseins und der Leere. Häufig richten die Kinder ihr Verhalten überwiegend nach den Bedürfnissen des erkrankten Elternteils aus. Sie übernehmen häufig im hohen Maße Verantwortung für das erkrankte Elternteil. So beispielsweise in der Geschwisterbetreuung, der Kontrolle der Medikamenteneinnahme des erkrankten Elternteils und die Strukturierung des Tagesablaufs der Familie. Häufig werden sie so zu therapeutischen Helfern sowohl des gesunden als auch des erkrankten Elterteils und bekommen dafür nur selten angemessene Anerkennung. Ein großer Teil der Kinder und Jugendlichen neigt zu defensiv- vermeidenden Bewältigungsstrategien und zeigt eine schwach ausgeprägte Netzwerkorientierung.38 Ein Ergebnis der Mannheimer Risikokinderstudie von Laucht et al. belegt, dass die psychische Erkrankung eines Elternteils einen hauptsächlichen Voraussagefaktor für emotionale Störungen im Kindesalter darstellt, und das die Eltern- Kind - Interaktion dabei die wesentliche Vermittlerrolle spielt. Um ihr psychisches und körperliches Wohlbefinden zu sichern, passen sich die Kinder und Jugendlichen psychisch kranker Eltern häufig deren eingeschränkten Kommunikations- und Beziehungsbedürfnissen an. Trepte (2006) weist darauf hin, dass betroffene Kinder und Jugendliche vor allem in der Jugendhilfe als Risikogruppe vernachlässigt werden, und so lange sie unauffällig sind, kaum wahrgenommen werden.39 In Bezug auf das Erziehungsverhalten der erkrankten Eltern ergeben sich vielfältige Auswirkungen auf die Kinder und Jugendlichen. Beispielsweise haben depressive Mütter oftmals ein feindseliges, negatives Interaktionsverhalten gegenüber ihren Kindern, zeigen wenig emotionale Beteiligung im Kontakt mit ihren Kindern und haben wenig Interesse an deren Aktivitäten. Oyserman et al. (2005) führten eine Untersuchung über den Erziehungsstil psychisch kranker Eltern durch und die Ergebnisse weisen darauf hin, dass jene Eltern einen permissiven Erziehungsstil zeigen. Das heißt, dass sie nur wenig Anspruch an die Kinder stellen und mit wenig Reglementierung, Strukturierung, Verantwortlichkeit und Wärme agieren.40 Ähnliches ergibt sich auch für Kinder und Jugendliche aus alkoholbelasteten Familien.

Kinder von Eltern mit Alkoholerkrankung stellen die größte bekannte Risikogruppe im Hinblick auf die Entwicklung einer eigenen Suchterkrankung dar. Das Risiko selbst an einer Alkoholabhängigkeit zu erkranken, ist für diese Kinder um das Sechsfache erhöht und mehr als 30% von ihnen werden im Laufe ihres Lebens alkoholabhängig.41 Es gibt eine Reihe empirischer Ergebnisse, die sich auf solche und andere Defizite und Störungen konzentrieren, die sich für Kinder aus alkoholbelasteten Familien ergeben können. Wenig Beachtung finden allerdings die Kompetenzen und Fähigkeiten dieser Kinder. Einige Experten, so beispielsweise Chiauzzi (1996) meinen, dass Probleme von Kindern aus alkoholbelasteten Familien oft dramatisch überschätzt werden und Betroffenen in der Öffentlichkeit als unvermeidlich gestört dargestellt werden. Um die Darstellung von Defiziten und Störungen der Kinder und Jugendlichen in dieser besonderen Lebenslage soll es in diesem Punkt nicht gehen, von Bedeutung sind jedoch die familiären Rahmenbedingungen von Kindern und Jugendlichen aus alkoholbelasteten Familien. Insgesamt sind Entwicklungsverläufe im Einzelnen schwer vorhersehbar. Kinder und Jugendliche aus alkoholbelasteten Familien stellen eine heterogene Gruppe dar, in der es stark belastete und auch resiliente Betroffene gibt. In jedem Falle leben diese Kinder und Jugendlichen in einer Familie, in der die Familienatmosphäre geprägt ist von mangelnder Förderung und Zuneigung, sowie Vernachlässigung. Die Entwicklungsmöglichkeiten der Kinder und Jugendlichen werden in Folge dessen beeinträchtigt. Die Suchterkrankung eines Elternteils verändert das tägliche Leben aller Betroffenen grundlegend. Die alkoholabhängige Mutter oder der alkoholabhängige Vater zeigen sehr ambivalente Verhaltensweisen, je nachdem ob sie betrunken oder nüchtern sind. Dabei stehen für die Kinder das Erleben von Fürsorge und Versprechungen im Gegensatz zu Desinteresse und Ablehnung. Im Fokus des abhängigen Elternteils steht der Alkohol und die Belange von den Kindern werden vernachlässigt. Vor allem wenn die Mutter alkoholabhängig ist, haben die Kinder, vor allem Kleinkinder, unter körperlicher und emotionaler Vernachlässigung zu leiden. Eine sichere Mutter-Kind - Bindung kann so nicht aufgebaut werden. Die Folgen für die Kinder sind Verunsicherung in Verbindung mit der Entwicklung von Misstrauen und dem Abspalten von Gefühlen wie Wut, Trauer und Angst. Das Risiko für häusliche Gewalt, im Sinne körperlicher und psychischer Misshandlungen, ist für die Kinder und Jugendlichen deutlich höher als in Familien ohne Alkoholproblematik. Insgesamt sind die häuslichen Verhältnisse in alkoholbelasteten Familien gekennzeichnet durch Instabilität, emotionale Kälte, Willkür, unklare Grenzen, wenig Familienorganisation- und Familienzusammenhalt, Respektlosigkeit, mangelnde Förderung und Interesse seitens der Eltern, Disharmonie, verminderte Problemlösefähigkeiten und negative Kommunikation.42

Kritische Lebensereignisse wie Scheidung, Trennung oder Tod der Eltern, bilden weitere Risikofaktoren der Entwicklung. Auf dem Gebiet der Trennungs- und Scheidungsforschung gibt es zahlreiche Studien, definierte Scheidungsphasenmodelle und empirische Befunde zu Auswirkungen auf die Kinder und Jugendlichen. Hurrelmann (1994) weist auf empirische Ergebnisse hin, die aussagen, dass Kinder geschiedener Eltern ein Leben lang mit den belastenden Folgen konfrontiert sind. Ihre schulischen Leistungen und späteren beruflichen Erfolge sind im Durchschnitt geringer, sie verdienen im Durchschnitt weniger als Kinder aus vollständigen Familien, sie heiraten seltener, lassen sich öfter scheiden, bekommen ihr erstes Kind sehr früh und werden häufiger als Kinder aus Vergleichsgruppen zu Alleinerziehenden. Auch soziale Folgen wie das Einüben von Alters- und Geschlechtsrollen und die Vorbereitung auf Partnerschaft und Familie sind gestört, da den Kindern der zweite Elternteil fehlt, der das ergänzende Verhaltensmodell abgibt.43 Auf der anderen Seite gibt es auch Studien die Kinder aus Trennungsfamilien nicht nur als Problemfälle beschreiben, sondern auch positive Entwicklungsfolgen herausstellen. Zu Anfang der 70er Jahre gingen die Überlegungen der Scheidungsforschung noch von einem ‚Desorganisationsmodell’ aus. Nach diesem Modell bedeutet die Scheidung der Eltern die Auflösung der Familie und das Ende der familiären Entwicklung, wobei sich für die betroffenen Kinder eine pathogene Situation ergebe. In den 80er Jahren dann wurde dieses Modell von dem ‚Reorganisationsmodell’ abgelöst, bei diesem Modell steht die Neudefinition von Rollen, Aufgaben und sozialen Beziehungen im Mittelpunkt. Der Scheidungsprozess ist dabei durch verschiedene Stressoren gekennzeichnet, die die Kinder zu Anpassungsleistungen zwingen und Entwicklungsrisiken mit sich bringen. Nach dem ‚Reorganisationsmodell’ gehört das familiale System nicht auf zu existieren, es besteht weiter und wird nach einer Trennung oder Scheidung umstrukturiert und führt zu neuen Familienformen mit veränderten Beziehungskonstellationen. Mit Trennung und Scheidung sind Stressoren besonderer Art verbunden. Es findet eine Kumulation von Belastungen statt und es kommt zu einer erschwerten Bewältigung von Entwicklungsaufgaben.44 In jedem Fall soll darauf hingewiesen sein, dass Trennung und Scheidung aus systemischer Sichtweise Übergangsphasen und familiäre Entwicklungsprozesse sind, die durch die Reorganisation der Eltern- Kind Beziehung und der Reorganisation der Elternrolle, gekennzeichnet sind.45 Sind Scheidung und Trennung als kritische Lebensereignisse für Kinder und Jugendliche einzuordnen, handelt es sich bei dem Verlust von Eltern durch Tod, um traumatische Lebensereignisse für Kinder und Jugendliche. Leider gibt es wenige Studien und dementsprechend nur wenige Daten zu dieser speziellen Thematik. Wenn Kinder ihre Eltern verlieren, kann das die Unterbringung in einem Heim zur Folge haben. Aber auch andere Umstände können zu einer Fremdunterbringung von Kindern und Jugendlichen in einem Heim oder einer Pflegefamilie führen. Kinder die im Heim aufwachsen oder temporär dort leben und Kinder die in Pflegefamilien leben, sind einer besonderen Form von Risiko ausgesetzt. Sie wurden aus ihrer Ursprungsfamilie herausgelöst, weil sie dort großen Belastungen ausgesetzt waren, das heißt, dass die Kumulation von Risiken zu einer Situation führt, die ebenfalls ein Risiko für die kindliche Entwicklung darstellen kann.46 Heimkinder und Pflegekinder wachsen in einem Milieu auf, welches von dem gängigen Familienmodell in Bezug auf Entwicklungsaufgaben, der Frage nach Bindung und Ablösung und Identität und Herkunft in vielerlei Hinsicht abweicht. Die Mehrzahl dieser Kinder hat einige Jahre bei ihren leiblichen Eltern gelebt und hat dementsprechend auch eine verbindende gemeinsame Geschichte mit den Herkunftseltern. Nach Blandow (2004) lebt ein Großteil der Eltern zum Zeitpunkt der Fremdunterbringung ihres Kindes in lückenhaften, gebrochenen und unvollständigen, oftmals kaum vorhandenen informellen Netzbeziehungen und blickt oft selbst auf leidvolle biografische und soziale Erfahrungen zurück.47 Genauere Hintergründe von Inpflegenahme und Inpflegegabe sind aus qualitativer Sicht wenig erforscht. Meist wird mangelnde Betreuung im Zuge familiärer Krisensituationen zum Grund einer Inpflegegabe. Zentrale Themen sind dabei Drogen- oder Alkoholmissbrauch, Trennung oder Scheidung, psychische Erkrankung der Eltern oder Inhaftierung. Oft steht dies im Zusammenhang mit Vernachlässigung und Misshandlung, unzureichender Versorgung und sexuellen Missbrauch des Heranwachsenden. Zudem verstärken schwierige existentielle Rahmenbedingungen die ohnehin brüchigen und instabilen Familienverhältnisse und haben eine erhebliche Dauerbelastung der Betroffenen zur Folge. Oftmals sind es aber auch Gründe wie Tod, Krankheit oder Behinderung der Eltern oder eines Elternteils. Viele der betroffenen Kinder werden in anderen Erziehungseinrichtungen durch Schulprobleme, Verwahrlosungserscheinungen, Aggressionen oder anderen Verhaltensoriginalitäten auffällig. Die betroffenen Kinder und Jugendlichen sind in diesem Kontext komplexen Problemlagen mit wenig Handlungsspielraum ihrerseits ausgesetzt. Es sei daraufhingewiesen, dass dennoch nicht alle Pflegekinder oder Heimkinder pauschal als „geschädigt“ charakterisiert werden dürfen, und auch nicht alle Eltern Täter, sondern oftmals auch einfach Opfer gesellschaftlicher Schieflagen sind. Eine Inpflegegabe kann dann auch eine Möglichkeit der familiären Bewältigung akuter und kurzfristiger Krisen sein.48

Was sich aus den definierten objektiven Inhalten sozialer Ungleichheit und sozialer Benachteiligung, mit den implizierten Bedingungen des Aufwachsen von Kindern und Jugendlichen in risikoreichen Lebenslagen nicht ableiten lässt, ist deren subjektives Handeln in diesen Lebenslagen. Einem Teil von risikobelasteten Kindern geling die Sozialisation unter diesen Bedingungen nicht ohne Entwicklungsstörungen. Ein anderer Teil jedoch entwickelt sich zu stabilen, widerstandsfähigen Persönlichkeiten. Dieser Teil steht in dem Fokus von ResilienzforscherInnen, welche versuchen die Bedingungen und Faktoren hierfür zu ergründen. Im Folgenden soll diese Thematik ausführlich dargestellt werden.

[...]


1 Vgl. Nevermann, Christiane / Reicher, Hannelore (2001),S.149-150

2 Vgl. Opp, Günther / Fingerle, Michael / Freytag, Andreas (1999), S.10

3 Vgl. Beck, Ulrich (1986): Risikogesellschaft, S.205-219

4 Vgl. Opp, Günther / Fingerle, Michael / Freytag, Andreas (1999), S.10-16

5 Vgl. Hurrelmann, Klaus (1994): Familienstress, Schulstress, Freizeitstress, S. 59

6 Vgl.ebd., S.84-100

7 Vgl. Bundesministerium für Arbeit und Soziales, Bundesregierung (Hrsg.) (2008), S. XXI

8 Vgl. Cormann, Walther (2007): Menschwerdung, S.176-179

9 Vgl. Chassé, K.A / Zander, M. / Rasch, K. (2005), S.57

10 Vgl. Bertram, Hans (2008), S.38

11 Vgl. Bundesministerium für Arbeit und Soziales, Bundesregierung (Hrsg.) (2008), S.107-108

12 Vgl. Bertram, Hans (2008), S.104 -192

13 Vgl. Bundesministerium für Arbeit und Soziales, Bundesregierung (Hrsg.) (2008), S.108-109

14 Vgl. Zander, Margherita (2009), S.21

15 Vgl. Cormann, Walther (2007), S.30-36

16 Vgl. Zander, Margherita (2009), S.24-27

17 Vgl. Bingel, Gabriele/Nordmann, Antje/ Münchmeier,Richard (2008), S.9-17

18 Vgl. Münchmeier, R., In: Bingel, /Nordmann / Münchmeier (2008), S.17

19 Vgl. ebd., S.18-19

20 Vgl. Münchmeier, R. (2008), In: Bingel, /Nordmann, / Münchmeier, (2008), S.18-25

21 Vgl. Bundesministerium für Arbeit und Soziales, Bundesregierung (Hrsg.) (2008), S.XIX

22 Vgl. ebd., S.141

23 Vgl. Böllert, Karin (2008), In: Bingel, /Nordmann, / Münchmeier, (2008), S.30-31

24 Vgl. Bingel, Gabriele (2008), In: Bingel, /Nordmann, / Münchmeier, (2008), S. 95-109

25 Vgl. Kreckel, Reinhard (2004), S.13-19

26 Vgl. ebd., S.17-21

27 Vgl. Chassé, Karl-August, In: Weiß, Hans (2000), S. 13-18

28 Vgl. Böllert, Karin (2008), In: Bingel, /Nordmann / Münchmeier (2008), S.32

29 Vgl. Klein, Gerhard (2002), S.8

30 Vgl. Hurrelmann, Klaus (2004), S.26-27

31 Vgl. Welter - Enderlin , Rosemarie / Hildebrand, Bruno (2008), S.28

32 Vgl. Filipp, Sigrun-Heide / Aymanns, Peter (2010), S.71

33 Vgl. Petermann , Franz / Wiedebusch, Silvia (2003), S.95-98

34 Vgl. Seiffge-Krenke, Inge / Lohaus, Arnold (2007), S.128

35 Vgl. Bundesministerium für Arbeit und Soziales, Bundesregierung (Hrsg.) (2008), S.88-90

36 Vgl. Zander, Margherita (2009), S.98-130

37 Vgl. Langness, Anja (2007), S.

38 Vgl. Lenz, Albert / Jungbauer, Johannes (2008), S.7-12

39 Vgl. ebd., S.81-82

40 Vgl. Lenz, Albert / Jungbauer, Johannes (2008), S.99

41 Vgl. ebd., S.94

42 Vgl. Zobel, Martin (2006), S.21-53

43 Vgl. Hurrelmann, Klaus (1994), S.92-93

44 Vgl. Schmidt-Denter,U. (2001), In: Walper, Sabine/Pekrun,Reinhard (2001), S.291-311

45 Vgl. Kardas, Jeannette / Langenmayr, Arnold (1996), S.

46 Vgl. Pietsch, Claudia (2009), S. 10

47 Vgl. Pietsch, Claudia (2009), S. 26

48 Vgl. ebd., S. 27-29

Ende der Leseprobe aus 142 Seiten

Details

Titel
Das gelingende Leben: Lebensentwürfe, Lebenswelt und Perspektiven in der Lebensbewältigung, für sozial benachteiligte Kinder und Jugendliche, aus Sicht des Resilienzkonzepts
Hochschule
Otto-von-Guericke-Universität Magdeburg  (Institut für Erziehungswissenschaften)
Note
1,3
Autor
Jahr
2011
Seiten
142
Katalognummer
V191066
ISBN (eBook)
9783656156567
ISBN (Buch)
9783656156437
Dateigröße
993 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
soziale Benachteiligung, soziale Ungleichheit, Armut, Resilienzförderung, Salutogenese, Lebensbewältigung, Lebensentwürfe, Resilienzmodelle
Arbeit zitieren
Maria Sydow (Autor), 2011, Das gelingende Leben: Lebensentwürfe, Lebenswelt und Perspektiven in der Lebensbewältigung, für sozial benachteiligte Kinder und Jugendliche, aus Sicht des Resilienzkonzepts, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/191066

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