Die Darstellung der Barocklyriker in Günter Grass' "Das Treffen in Telgte "

Am Beispiel von Simon Dach, Hans Jakob Christoffel von Grimmelshausen und Andreas Gryphius


Hausarbeit, 2010
21 Seiten, Note: 1,0

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Vorwort

2 Die Darstellung der Barocklyriker in Günter Grass' Das Treffen in Telgte - am Beispiel von Simon Dach, Hans Jakob Christoffel von Grimmelshausen und Andreas Gryphius
2.1 Simon Dach
2.1.1 Simon Dach und Hans Werner Richter
2.1.2 Einflüsse des historischen Simon Dach
2.1.3 Das Treffen in Telgte als Casualpoesie
2.2 Hans Jakob Christoffel von Grimmelshausen
2.2.1 Grimmelshausens Werk als erzählerische Folie des Treffens
2.2.2 Grass und Gelnhausen
2.3 Andreas Gryphius
2.3.1 Gryphius - Alles ist eitel!
2.3.2 Gryphius Körperlichkeit

3 Nachwort

Literaturverzeichnis

1 Vorwort

Ich habe immer schon eine Vorliebe zur Barockliteratur gehabt, eine der reichsten Perioden der Literatur.[1]

Günter Grass' Neigungen für die Epoche des deutschsprachigen Barocks des 17. Jahrhunderts haben sich vielfältig in seinem Werk niedergeschlagen. Sie treten jedoch v.a. in der 1979 erschienenen Erzählung Das Treffen in Telgte hervor. Der Autor versammelt hier eine Gruppe von 21 Dichtern, Verlegern und Komponisten, die besonders für das Bergen der schief-runden Perlen verantwortlich zeichneten, u.a. bis in die heutige Zeit wirkende Persönlichkeiten wie Simon Dach oder Paul Gerhardt.[2] In der nahe Münster gelegenen Stadt Telgte finden sie sich an drei Tagen und Nächten zusammen und lesen einander aus ihren Werken vor. Zwischen Speis und Trank und anderen Vergnügungen sitzen die Poeten des Weiteren bei ausführlichen Diskussionsrunden beisammen, in denen insbesondere der Zustand der deutschen Sprache kritisch hinterfragt und um eine angemessene Dichtung gerungen wird. Schließlich wird unter den Eindrücken des Dreißigjährigen Krieges nach einigen Formulierungsgefechten ein Friedensmanifest aufgesetzt, welchesjedoch mit ihrer Unterkunft in Flammen aufgehen wird.

Diese Arbeit beschäftigt sich mit der Darstellung dieser Barockdichter. Welche Einflüsse hat Günter Grass in der Zeichnung seiner Figuren untergebracht? Auf welche Quellen hat er sich gestützt und mit welchen Strategien hat er sie in Das Treffen in Telgte eingeflochten? Eine Auseinandersetzung mit allen auftretenden Personen wäre sicherlich vermessen, insofern soll die Konzentration hier nur drei Figuren gelten, die jedoch für die Erzählung von besonderer Bedeutung sind. So wird als erstes (Kapitel 2.1) Simon Dach behandelt werden, der als der Organisator des fiktiven Treffens auftritt. Es wird sich zeigen, dass es in erster Linie die außerliterarischen Bezüge sind (2.1.2), die dabei in den Fokus gerückt werden müssen. Im Abschnitt 2.2 wird Hans Jakob Christoffel von Grimmelshausen im Mittelpunkt stehen. Sein Telgte-Auftritt ist nicht nur insofern interessant, als dass er die anreisenden Poeten letztlich mit Unterkunft und Verpflegung versorgt. Nein, der barocke Romanautor spielt für Grass eine besondere Rolle, ist doch auch schon in seiner mit dem Nobelpreis prämierten Blechtrommel von ihm die Rede. Kapitel 2.3 dreht sich abschließend um den wohl bekanntesten deutschsprachigen Sonettdichter Andreas Gryphius. Auch zu ihm, die Analyse wird es verdeutlichen, steht der Autor in einer besonderen Beziehung: Bereits in dem zwei Jahre zuvor veröffentlichten Roman Der Butt lässt er den Logauer Dichter und den Begründer der Schlesischen Poetenschule Martin Opitz aufeinander treffen. Die Entwicklung dieses Gryphius-Bildes soll u.a. Bestandteil der Auseinandersetzung mit dem Treffen sein.

Die Beschäftigung mit den barocken Einflüssen darf dabei nicht Günter Grass' Bezug zur Gruppe 47 außer Acht lassen. Dieser wird bei der Beobachtung der Figuren immer eine Rolle spielen müssen.

2 Die Darstellung der Barocklyriker in Günter Grass' Das Treffen in Telgte - am Beispiel von Simon Dach, Hans Jakob Christoffel von Grimmelshausen und Andreas Gryphius

2.1 Simon Dach

2.1.1 Simon Dach und Hans Werner Richter

Zwar sucht Günter Grass in seiner Erzählung eine Verbindung zwischen Barocklyrikem ein Jahr vor dem Ende des Dreißigjährigen Krieges einerseits und Mitgliedern der Gruppe 47 zwei Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs andererseits herzustellen. Das Treffen in Telgte ist deswegen aber nicht als Schlüsseltext zu lesen. Nicht jedem Autor oder Verleger des 20. Jahrhunderts kann ein Dichter des 17. Jahrhunderts eindeutig zugeordnet werden.[3] „Nur eine einzige Figur, Simon Dach aus Königsberg, wird zu einer Spiegelung von Hans Werner Richter.“[4] Diese Identifikation wurde nicht nur von zahlreichen Rezensenten anerkannt und bestätigt.[5] Dass Richter eine besondere Rolle in dem Buch zugedacht ist, wurde auch von Grass, in einem Brief, den er im Herbst 1978 an ihn schrieb, angezeigt: “Es macht mir Schreibspaß, Dich und uns alle, einen verqueren barocken Haufen, während drei Tagen zwischen Münster und Osnabrück zu versammeln.”[6] Schließlich fand sich auch der als barocker Lyriker Ausgezeichnete selbst im Text wieder:

Er [Günter Grass; Anm. d. Verf.] fuhr nach Münster und fand dort einen Ort, der Telgte hieß. Dort, so beschloß er, sollten sich die Literaten der damaligen Zeit treffen, eingeladen von Simon Dach, der aus Königsberg kam und der ich sein sollte. Ich als Simon Dach. Das Porträt ist ihm fast gelungen, bei einigen Anstrengungen konnte ich mich selbst erkennen, den Rundkopf, ja [...] und einiges andere auch.[7]

Diese Gleichschaltung, die Grass vorgenommen hat, muss bei der Analyse der Darstellung der Figur Simon Dachs immer berücksichtigt werden. Wenn der Königsberger als „der souveräne, väterliche und autoritäre, anregende und besänftigende, einladende und ermahnende Lenker und Organisator“[8] des Dichtertreffens auftritt, so ist dies in erster Linie als eine Hommage an die Art und Weise zu interpretieren, in der Hans Werner Richter die Tagungen der Gruppe 47 führte. Es ist wiederum Günter Grass, der diese Interpretation mit eigenen Worten nährt: In einem Interview mit Susanne Müller-Hanpft aus dem Jahre 1979 macht er deutlich, dass Richter es war, der diese Zusammenkünfte „so selbstlos, so vergnügt und ausgleichend und auch in der Form eines aufgeklärten Despoten organisiert“[9] hat. Ihm blieb es unbenommen, die jeweiligen Autoren und Verleger mit ausschließlich handschriftlichen Einladungen einmal im Jahr persönlich zusammenzuführen[10] - und so wird auch Simon Dach im Treffen von Telgte als alleiniger Ausgangspunkt der Bemühungen kenntlich gemacht:

Zwar den weitesten Weg, vom Königsbergschen Kneiphofher, doch den sichersten, weil im Gefolge seines Landesfürsten, nahm Simon Dach, dessen Einladungen diesen Aufwand ausgelöst hatten. Schon im Vorjahr [...] waren die vielen einladenden und den Treffpunkt beschreibenden Briefe geschrieben und war, mit Hilfe des Kurfürsten, für derenZustellung gesorgt worden. (vgl. 8)[11]

Die barocken Vorlesungen auf dem Brückenhof werden in der Folge von heftigen Wortgefechten der Beteiligten begleitet, sodass der Einladende immer wieder nicht nur ordnend, sondern auch beschwichtigend eingreifen muss[12]. Hans Werner Richter sah darin bei der Lektüre des Werkes sein Bestreben “immer nach einem Ausgleich zu suchen, wenn engstirnige Verbohrtheit ein solches Treffen zu sprengen drohte”[13], literarisch verarbeitet. Grass bestätigt indirekt, dass diese führende Hand in den fiktiven Königsberger Dichter übergegangen ist, wenn er, zur Organisation der Gruppe 47 befragt, hervorhebt, dass „er [Hans Werner Richter; Anm. d. Verf.] es gewesen [sei], seine Person, die es verstanden hat, jenen Haufen von kreativ Verrückten zusammen zu halten“[14] und seine herausragende Leistung, „uns auf unmerkliche Art und Weise eine Lektion in Toleranz zu erteilen“[15].

2.1.2 Einflüsse des historischen Simon Dach

„Die Schichten, in denen man Grass' Erzähltext lesen kann, werden vielfältig: Einmal als Auftritt des historischen Simon Dach, einmal als Spiegelung dieses Auftritts als Hommage à Hans Werner Richter“[16] - Hasslinger zeigt an, dass Grass' fiktiver Poet in vielerlei Hinsicht mit Bedeutung aufgeladen ist. So sehr aber über den Schulterschluss der literarischen Dach-Figur und dem führenden Mann der 47er Einigkeit besteht, bleibt die Frage bestehen, inwieweit der Barocklyriker bis auf das onomastische Wortspiel - “'Wollen wir nun, liebwerte Freunde, in meinem Namen - denn ich habe euch geladen - wie unter einem Dache beisammen sein'” (27) - dafür prädestiniert, des fiktiven Dichterkreises Vorsitzender zu sein?

Wie Grass' Dach und Hans Werner Richter, gehörte auch die historische Person einem Zusammenschluss von Autoren, der Musicalischen Kürbs-Hütte, an. Wulf Segebrecht wies in seinem Aufsatz Simon Dach und die Königsberger daraufhin, dem preußischen Dichter hätte „jene literarische Führungsrolle wohl ferngelegen, mit der ihn Günter Grass in seiner Erzählung Das Treffen in Telgte (1979) ausgezeichnet hat“[17]. Dach zählte gewiss zum engsten Kreis, er istjedoch weder als treibende denn als integrierende Kraft bekannt.[18] Grass allerdings schreibt dem Königsberger aufgrund seiner Erfahrungen im Umfeld einer poetischen Gesellschaft genau jene zusammenraffende Kraft zu:

Simon Dach jedenfalls war, wenn nicht seiner, dann der Versammlung Bedeutung gewiß. Hatte er doch im Kleinen - und weitab vom Schuß, wie man in Königsberg sagte - Poeten und Kunstfreunde um sich versammelt. Nicht nur in der Magistergasse, wo er dank eines Kneiphöfischen Beschlusses lebenslang Wohnung hatte, auch in des Domorganisten Heinrich Albert Sommergärtchen auf der Pregelinsel Lomse war man zusammengekommen, um sich vorzulesen, was zumeist bei Gelegenheit oder im Auftrag sein Versmaß gefunden hatte [...]. Kürbishüttengesellschaft nannten sich die Freunde im Scherz. (26)

Jedoch sind natürlich auch die anderen Poeten größtenteils in literarischen Gemeinschaften, z.B. die Pegnesische, die Fruchtbringende oder die Tannengesellschaft, involviert, sodass dies kein Alleinstellungsmerkmal für einen Initiator Dach sein kann. Allerdings gleichen sich die Organisationsformen beider Zusammenschlüsse, der Kürbishüttengesellschaft und der Gruppe des 20. Jahrhunderts. Grass betonte, dass „die Gruppe 47 zwanzig Jahre lang ohne Statut und festgeschriebene Mitgliedschaft bestehen konnte“[19] und auch die Königsberger, wenn wir Segebrecht folgen, „gaben sich keine Satzungen und führten keine Mitgliederlisten, sie kannten keine festgeschriebenen Versammlungsrituale und gründeten kein Archiv; von einer 'Dichtervereinigung' kann unter solchen Umständen kaum die Rede sein.“[20]

[...]


[1] Günter Grass in einem Interview, geführt am 12. August 1987 von Susanne Müller-Hanpft.

[2] Die anderen sind Heinrich Albert, Sigmund von Birken, August Buchner, Daniel Czepko von Reigersfeld, Georg Greflinger, Hans Jacob Christoffel von Grimmelshausen (im Treffen als Gelnhausen auftretend), Andreas Gryphius, Georg Philipp Harsdörffer, Christian Hoffmann von Hoffmannswaldau, Johann Lauremberg, Friedrich von Logau, Johann Michael Moscherosch, Johann Rist, Johannes Scheffler, der sich später Angelus Silesius nannte, Johann Matthias Schneuber, der Kaufmann Wilhelm Schlegel, der Komponist Heinrich Schütz, Georg RodolfWeckherlin und Philipp von Zesen, welcher später der erste deutsche Berufsschriftsteller wurde.

[3] „Wer ich gewesen bin? Weder Logau noch Gelnhausen...“ (Vgl. dazu Füssel (1999): S. 12).

[4] Füssel (1999): S. 9

[5] Rühle schreibt dazu: “Unschwer ist er [Hans Werner Richter; Anm. d. Verf.] (dem das Buch gewidmet ist) zu erkennen im Königsberger Lyriker Simon Dach” (Rühle (1979): S. 109). Auch Hollington (1980) und Füssel (1999) nehmen die Gleichsetzung vor.

[6] Neunzig (1979): S. 199

[7] Vgl. Richter (1986): S. 156

[8] Füssel (1999): S. 9

[9] Müller-Hanpft (1987): S. 100

[10] Vgl. Füssel (1999): S. 7f.

[11] Alle Quellenangaben beziehen sich, so weit nicht anders angegeben, auf Grass (1979).

[12] Es bieten sich dafür unzählige Belege im Treffen in Telgte an, z.B. S. 106: “Man brach nicht gleich auf. Dach bestand auf Ordnung. Er sagte, noch stehe es ihm zu, die Versammlung aufzulösen. Er werde weitere Wortmeldung und Gegenworte annehmen.” Siehe aber auch S. 34, 72 oder 132 u.v.a.m.

[13] Richter (1986): S. 156

[14] Vgl. Müller-Hanpft (1987): S. 95

[15] Müller-Hanpft (1987): S. 101

[16] Hasslinger (1985): S. 80

[17] Segebrecht (1984): S. 243

[18] Segebrecht erkennt vielmehr in Heinrich Albert die „eigentliche Integrationsfigur der Königsberger“ (Segebrecht (1984): 256), denn letztlich sei es sein Garten gewesen „der den Freunden als arkadischer Rückzugsort freundschaftlich-heiterer Geselligkeit diente“. Auch führt er den hochgebildeten Robert Roberthin, einen engen Freund Simon Dachs, an, denn er sei es gewesen, „der vorgeschlagen habe, die von Albert auf die Kürbisse des Gartens geschriebenen Verse in Musik zu setzen, um sie gemeinsam singen zu können“ (Segebrecht (1984): 257).

[19] Müller-Hanpft (1987): S. 95

[20] Segebrecht (1984): S. 256

Ende der Leseprobe aus 21 Seiten

Details

Titel
Die Darstellung der Barocklyriker in Günter Grass' "Das Treffen in Telgte "
Untertitel
Am Beispiel von Simon Dach, Hans Jakob Christoffel von Grimmelshausen und Andreas Gryphius
Hochschule
Universität Leipzig  (Germanistik)
Veranstaltung
Barocklyrik
Note
1,0
Autor
Jahr
2010
Seiten
21
Katalognummer
V191083
ISBN (eBook)
9783656157571
ISBN (Buch)
9783656157823
Dateigröße
471 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
darstellung, barocklyriker, günter, grass, treffen, telgte, beispiel, simon, dach, hans, jakob, christoffel, grimmelshausen, andreas, gryphius
Arbeit zitieren
David Blum (Autor), 2010, Die Darstellung der Barocklyriker in Günter Grass' "Das Treffen in Telgte ", München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/191083

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