Die Moral der Tiere: Ein Aufruf zur doppelten Verantwortungsethik


Hausarbeit (Hauptseminar), 2012

25 Seiten, Note: 2,0


Leseprobe

Gliederung

1. Einleitung

2. Tierethik in der Theologie
2.1. Tierethik in der Bibel
2.2. Eugen Drewermann: „Die Unsterblichkeit der Tiere“

3. Ethik im Tierreich?
3.1. anthropozentrische und biozentrische Tierethik
3.2. Warum ist eine Hierarchisierung in der biozentrischen Ethik der Tiere notwendig?
3.2.1. Kriterium I: Differenzierung nach biologischen Systematiken
3.2.2. Kriterium II: Differenzierung nach biologischer Masse
3.2.3. Kriterium III: Differenzierung nach Sozialverhalten
3.3. Interaktionsstrategien im Tierreich – Grundformen der Ethik?
3.4. Ethisches Konzept der Tiere nach Konrad Lorenz
3.5. Ethisches Konzept der Tiere nach Frans De Waals

4. Bewertung:
4.1. Die Folgen für die Perspektive der Theologie:
Neue Sicht auf den Herrschaftsbefehl?
4.2. Die Folgen für die Perspektive der Biologie:

Ist der Mensch nicht auch nur ein Tier?
5. Schlussfolgerung:
5.1. Modell
5.2. Ethik der doppelten Verantwortung

6. Zusammenfassung:

7. Anmerkungen:

8. Literaturverzeichnis:

1. Einleitung:

Dass man die Begriffe „Tier“ und „Ethik“, „Moral“ und „Gerechtigkeit“ in einem Zusammenhang liest, ist eine relativ moderne Erscheinung. Jedoch ist, seitdem dieses Thema aktuell geworden ist, die Konstellation dieser Begriffe immer wieder dieselbe: Ethik und Moral werden immer verstanden als Gerechtigkeit für Tiere.

Von diesem Dativus commudi , der nur ein monoperspektivisches und vor allem anthropozentrisches Bild der Welt zulässt, will diese Arbeit abweichen und diskutieren, ob eine biozentrische Ethik auf Grund einer natürlichen Ethik haltbar ist.

Es wird versucht, das Äquivalent im Tierreich zu den anthropozentrischen Konstrukten Ethik, Moral und Gerechtigkeit zu finden. Spätestens seit Charles Darwins Werk „Origins of species“ weiß die Welt, dass der Mensch im weiteren Sinne nicht immer als Homo Sapiens auf der Erde existiert hat. Vielmehr finden Genetiker Jahr für Jahr heraus, dass sich unzählige ganze Genome urzeitlicher Lebewesen in dem Humangenom verbergen. An diese Erkenntnis schließt sich die Frage an, ob Ethik (Gerechtigkeit/Moral) ausschließlich seine Wurzel in der zivilisatorischen Wiege des modernen Menschen hat, oder ebenfalls einen evolutiven Ursprung besitzt?

Um dieser Frage auf den Grund zu gehen, werden sowohl theologische und philosophische Betrachtungsweisen als auch verhaltensbiologische Beobachtungen in diese Arbeit einfließen.

Unterliegen die Interaktionen verschiedener Tiere ausschließlich in all ihrer Komplexität bzw. Simplizität nur den natürlichen Reflexen und Instinkten? Oder weisen diese Interaktionen (abhängig bzw. unabhängig von Reflexen und Instinkten) Strukturen ethisch/moralischen Handelns auf?

Da diese Hypothese nicht auf die gesamte Biodiversität der Erde gleichermaßen angewandt werden kann, werden im Laufe der Arbeit einige notwendige Differenzierungen durchgeführt, um die Vergleichbarkeit zu einer anthropologischen Ethik zu gewährleisten.

2. Tierethik in der Theologie

2.1. Tierethik in der Bibel

Sofern man nach ethischen Konzepten rund um das Themenfeld Tier in der Bibel sucht, wird diese Suche in den allermeisten Fällen mit dem Konzept des ethischen Umgangs mit Tieren erfüllt. Ethik für Tiere zeigt erneut die anthropozentrische Grundausrichtung der Bibel. Dabei kann man verschiedene Ethikkonzepte bezüglich des Umgangs mit Tieren finden. Das so genannte „Dominium terrae“ , der Herrschaftsbefehl[1] Gottes an den Menschen über die Natur und damit auch über die Tiere zu herrschen, ist eines der bekanntesten Konzepte für den Umgang mit Tieren. Gott fordert den Menschen auf, sich die Welt untertan zumachen. Dieser Befehl stellt auf der einen Seite die besondere Rolle des Menschen in der Schöpfung in den Vordergrund, andererseits drängt er ihn auch in eine Verantwortungsebene, nach der er für die Natur und für die Tiere zu sorgen hat.

Ein anderes Beispiel für eine Verantwortungsethik von Mensch zu Tier findet sich in Dtn. 22, 6-7. Ein Mensch, der zufällig ein Nest mit Jungvögeln bzw. Eiern und Muttertier findet, soll die Mutter wegfliegen lassen und nur die Jungtiere bzw. Eier entnehmen, „[…] auf dass es dir wohl ergehe und du lange lebest“ .[2] Der letzte Teil dieser Weisung zielt darauf ab, dass der Mensch durch einen Generationenvertrag mit der Natur verbunden ist. Folglich bedeutet nachhaltiges Wirtschaften Wohlergehen und ein langes Leben.

Ein weiters interessantes und vor allem bedenkliches Ethikkonzept wird in Genesis 6-9, der Sintfluterzählung, aufgeführt. Die Sündhaftigkeit der Menschen veranlasst Gott dazu, die Welt mit einer gewaltigen Flut überspülen zulassen. Noah und seine Familie sollen zusammen mit je zwei getrennt geschlechtlichen Tieren jeder Art das Fundament für das neue Leben nach der Sintflut auf der Erde legen. Diese göttliche Strafe trifft jedoch nicht nur die sündhaften Menschen, sondern auch die Tiere, die allerdings durch Artenschutzmaßnahmen („Nimm dir von allen reinen Tieren je sieben, Männchen und Weibchen, von den unreinen Tieren aber je ein Paar, ein Männchen und ein Weibchen “[3] ) , nicht Tierschutzmaßnahmen, weiter auf der Erde existieren dürfen. Nicht individuelle Gerechtigkeit gegenüber jedem Tier steht in dieser Textstelle im Vordergrund, sondern nur der Erhalt der zoologischen Vielfalt. Gott lässt also in diesem Fall nicht allgemeine Gerechtigkeit wallten, sondern bestraft die Tierwelt gleichermaßen wie die Menschen.

Fern von den anthropozentrischen Tierethikkonzepten versucht diese Seminararbeit jedoch zu diskutieren, ob es auch ethische Veranlagungen im Tierreich gibt. Die Bibel ist für diese Überlegung keine ergiebige Quelle, jedoch wird in der Textstelle Numeri 22 , 21-28 eine sehr interessante tierethische Dimension aufgeführt. Der Seher Bileam, der mit seiner Eselin reist, soll von einem Engel des Herrn an seiner Reise gehindert werden. Bileam sieht jedoch den Engel, der sich dreimal mit einem Schwert in der Hand in seinen Weg stellt, nicht. Nur die Eselin empfindet Frucht und weicht deshalb immer wieder vom Weg ab, was dazu führt, dass Bileam sie gewaltsam auf den Weg zurück drängt. Ganz zuletzt greift Gott in das Gesehen ein: „Der Herr aber tat der Eselin den Mund auf, und sie sprach zu Bileam: Was habe ich dir getan, dass du mich nun schon dreimal geschlagen hast?“[4]

Später spricht die Eselin dann noch: „Bin ich nicht deine Eselin, auf der du geritten bist von jeher bis auf diesen Tag? War es je meine Art, mich so gegen dich zu benehmen?“[5] Diese beiden Aussagen zeigen die moralischen Prinzipien der Eselin. Sie beklagt sein Verhalten, verurteilt es jedoch nicht. Und weiter akzeptiert sie ihren Status der Unterordnung und erinnert Bileam an ihr konstant loyales Verhalten. In dieser Textstelle wird das Tier als die moralische Instanz präsentiert, nicht der Mensch. Über diese neue Erkenntnis hinaus verbirgt sich ein weiteres wichtiges Detail in der Textstelle. Gott tut der Eselin den Mund auf. Tiere bedürfen also nach biblischen Vorstellungen Gott, um in Kommunikation mit dem Menschen treten zu können.

Diese beiden wichtigen biblischen Erkenntnisse, dass Tiere über eine innere Moral verfügen und auf Grund des Sprachdefizits sich nicht mitteilen können, sollen im Auswertungsteil mit den anderen Perspektiven verglichen und weiterführend diskutiert werden.

2.2. Eugen Drewermann: „Die Unsterblichkeit der Tiere“

Der katholische Theologe Eugen Drewermann spricht in seinem ethischen Konzept den Tieren das Abstraktum der Unsterblichkeit zu. Unsterblichkeit bezieht sich in diesem Verständnis keinesfalls auf eine physiologische Dimension, sondern ausschließlich auf die metaphysische Ebene. Unsterblichkeit bedarf der Existenz einer Seele. Diese Notwendigkeit verbindet Drewermann mit der philosophischen „Seelenwanderungslehre“ von Platon, der sowohl den Menschen als auch den Tieren den Besitz einer Seele zuspricht. Demnach sind die Grenzen zwischen den beseelten Wesen (Mensch und Tier) graduell fließend und nicht statisch fixiert.[6] Erst die Anthroprozentrik der Theologie hat die Tiere von der Vorstellungsebene des beseelten Lebens entfernt. Drewermann beklagt in diesem Zusammenhang, dass die Schöpfung viel zu oft anthropozentrisch gelesen wird, nach der Vorstellung, dass alles auf den Menschen hin geschaffen sei

[...]


[1] vgl. Gen. 1, 28

[2] Dtn. 22, 7

[3] Gen. 7, 2

[4] Num. 22, 28

[5] Num. 22, 30

[6] vgl. Drewermann, Eugen: „Über die Unsterblichkeit der Tiere“, S. 21

Ende der Leseprobe aus 25 Seiten

Details

Titel
Die Moral der Tiere: Ein Aufruf zur doppelten Verantwortungsethik
Hochschule
Ruhr-Universität Bochum
Note
2,0
Autor
Jahr
2012
Seiten
25
Katalognummer
V192117
ISBN (eBook)
9783656170167
ISBN (Buch)
9783656176015
Dateigröße
618 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
moral, tiere, aufruf, verantwortungsethik, Ethik
Arbeit zitieren
Niklas Peuckmann (Autor), 2012, Die Moral der Tiere: Ein Aufruf zur doppelten Verantwortungsethik, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/192117

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