Fugenelemente und ihre Funktionen


Hausarbeit (Hauptseminar), 2010

18 Seiten, Note: 2,3


Leseprobe

Inhalt

1. Einleitung

2. Fugenelemente
2.1. Begriffe
2.2. Definitionen
2.3.Entwicklung
2.4. Inventar

3. Funktionen
3.1. Fugenelemente als Flexionsaffixe
3.2. Fugenelemente als Artikulationserleichterung
3.3. Fugenelemente als rhythmische Optimierung
3.4. Fugenelemente als Strukturierung komplexerer Komposita
3.5. Fugenelemente als Indikatoren für geringe phonologische Wortqualität
3.6. Weitere Funktionen

4. Schluss

5. Literatur

1. Einleitung

Fugenelemente werden manchmal in Verbindung mit dem Wort „Phänomen“ verwendet. Das kann damit zusammenhängen, dass die Verfugung im Deutschen noch nicht endgültig entziffert wurde. Zwar sind mehrere Linguisten seit Jahren auf der Suche nach der besagten Fugengrammatik und manche meinen sogar sehr nahe an der Lösung zu sein, dennoch muss die offene Problematik zugegeben werden. Kaum wird eine plausible These aufgestellt, schon wird sie vom nächsten Forscher gnadenlos widerlegt. Was sind also die Aussichten?

In der vorliegenden Arbeit habe ich mir vorgenommen, einen Überblick über die Si- tuation auf dem Forschungsfeld „Fugenelemente“ zu schaffen. Dafür habe ich manche Aufsätze von solchen bedeutenden Linguisten, wie Fuhrhop, Donalies, Nübling und Szczepaniak untersucht. Ich werde versuchen in ihren Beiträgen Gemeinsamkeiten und Unterschiede festzustellen und eine Art Leitfaden zu finden. Ich gehe wie folgt vor:

Nachdem in der Einleitung (Kap.1.) mein Vorhaben kurz geschildert wird, wende ich mich den Fugenelementen selbst zu (Kap. 2.). In Rahmen dieses Kapitels wird über Begriffe (Kap. 2.1.), über Definitionen (2.2.), über die Entwicklung von Fugenelementen (Kap. 2.3.) und über das Inventar (2.4.) geschildert.

Weiter versuche ich einen Überblick über die vermuteten Funktionen von Fugenelementen zu schaffen (Kap. 3.). Danach wird ein Fazit gezogen (Kap. 4.). Mit der vorliegenden Arbeit beanspruche ich weder eine fachliche Vollständigkeit, die allerdings angestrebt wird, noch hoffe ich den Forschungsstand zu verän-dern/weiterzubringen. Dennoch werde ich nach Möglichkeit Ansätze und Hypothesen kritisch betrachten und meine Meinung dazu bilden.

2. Fugenelemente

Eine der Besonderheiten der deutschen Sprache ist ihre Wortbildung, d.h. die Art Wörter zu bilden. Die produktivste Art, neue sprachliche Einheiten zu bilden war und bleibt Komposition, oder anders genannt Zusammensetzung. Das bedeutet, dass Wörter nach bestimmten Prinzipien zusammengesetzt werden. Die Semantik dieser Kompo- nenten „schmilzt“ zusammen und das neue Wort wird natürlich zusammengeschrieben. Dieser Weg, neue Wörter zu bilden ist ziemlich bequem und dankbar. Denn wenn man die oben genannten Prinzipien verinnerlicht hat, lassen sich Wörter nach Analogien ziemlich frei zusammensetzen. Aber was passiert den zwischen den Wörtern? Werden sie einfach unverändert zusammengestellt?

2.1 Begriffe

Fangen wir mit folgendem Beispiel an: das Wirtshaus: hier wurden die Wörter der Wirt und das Haus zusammengesetzt = Wirt+s+haus. Wie man sieht, befindet sich zwischen den beiden Wörtern ein zusätzliches Element -s-. Solche Elemente werden im Deutschen Fugenelemente genannt. Weitere Variationen dieses Begriffes: Fuge, Fugenzeichen, Fugenlaute, Fugenmorpheme usw. Als nächstes versuche ich diese Termini von einander etwas zu trennen.

- das Wort Fuge gehört zum allgemeinem Lexikon und bedeutet eine Verbin dungsstelle oder eine Nahtstelle. Als ein Bild könnte man sich zwei Keramikf- liesen vorstellen, die ebenso miteinander verfugt werden zur Vollendung der Optik und Funktionalität. Verfugen ist also gleich verbinden. Die Linguistik hat diesen Begriff für die Bezeichnung von Verbindungsstellen in Komposita übernommen.
- Das Wort Fugenelement ist etwas genauer und bedeutet etwas, was die Fuge ausfüllt. Dieser Begriff ist sehr verbreitet und wird von meisten Linguisten für die Bezeichnung von Verbindungselementen in Komposita benutzt.
- Das Begriff Fugenzeichen ist etwas problematisch. Verwirrend und irritie rend ist die unfreiwillige Andeutung auf de Saussure`s Zeichentheorie. Da Fugenzeichen keineswegs ähnliche Charakteristiken (z.B. Bilateralität) besit zen, distanzieren sich die meisten Linguisten von diesem Termin im Bezug auf Fugenelemente1.
- Die Bezeichnung Fugenlaute wird äußerst selten benutzt und hat rein phonologischen Charakter.
- Fugenmorphem ist eine Bezeichnungsvariation aus der Sicht der Morpholo gie.

Da die Bezeichnung Fugenelement am meisten verbreitet ist, wird sie für die vorliegende Arbeit im Allgemeinen übernommen.

2.2 Definitionen

Nachdem ein Überblick über die Begrifflichkeit geschaffen wurde, möchte ich mich nun den Definitionen wenden. Was verstehen einzelne Linguisten unter Fugenelementen? Inwiefern sind sie einig und welche sind die grundlegenden Unterschiede? Hier zum Vergleich einige Stimmen dazu:

- Altmann und Kemmerling schreiben: „Unter diesem Termin verstehen wir die lautliche Verbindung zwischen den Gliedern eines Determinativkompositums…“2 und beschränken sich auf dem phonetischen Aspekt, was ganz offensichtlich nicht ausrei- chend sein kann.
- Fleischer und Batz meinen, Fugenelemente seien „semantisch leere Segmente“3.
- Nübling und Szczepaniak: „Fugenelemente sind Einheiten der Wortbildung, genauer der Komposition. … Das Fugenelement wird definiert als das phonetische Material, um das das Bestimmungswort eines Kompositums im Vergleich zu seiner Nennform (=Nom.Sg.) erweitert wird: Kunde > Kunde+n+dienst;…“4. Diese Autoren beschränken sich auf der Komposition, obwohl Fugenelemente durchaus auch in Derivationsprodukten vorkommen können: fr ü hling+s+haft.
- Elke Donalies: „Fugenelemente sind im Gegensatz zu allen anderen Wortbildungseinheiten semantisch leer, sie bedeuten nichts.“5 In Verbindung mit dieser Definition versuchen wir in der vorliegenden Arbeit unter Anderem festzustellen, dass es in manchen Fugenelementen doch eventuell eine Bedeutung (z.B. Plural) steckt.

Wie man sieht, sind die Definitionen sehr unterschiedlich. Und zwar unterscheiden sie sich bereits darin, dass die Autoren verschiede Ebenen (phonologische oder inhaltli- che) angehen. Wahrscheinlich liegt es daran, dass der Forschungsstand noch weit davon entfernt ist, die Systematik der Fugenelemente zu verstehen und zu beschreiben. Bis jetzt bezeichnen sich die meisten wissenschaftliche Artikel über Fugenelemente als „Versuche“ und unterstreichen am Ende die Unvollständigkeit des Beitrages. Einig sind sich die Wissenschaftler z.B. darin, dass Fugenelemente auf keinen Fall willkürlich eingesetzt werden, d.h. dass es eine Systematik geben muss. Die schwierigsten Fragen sind wann? ob? und welche? Fugenelemente eingesetzt werden. Einig sind sich die For- scher ebenfalls im Punkto Sprecherintuition: anscheinend unterstützt diese die Spre- cher dabei zu entscheiden, ob und welche Fugenelemente verwendet werden sollten. Faszinierend erscheint mir diese These aus folgendem Grund: da sich die meisten Spre- cher in der Verwendung von Fugenelementen relativ einig sind (sonst könnten keine Tendenzen festgestellt werden), müsste es so etwas wie kollektives Sprachgefühl ge- ben.

2.3 Entwicklung

Als nächstes beschäftige ich mich mit der Herkunft von Fugenelementen. Wie haben sie sich entwickeln?

Sprachhistorisch gesehen sind Fugenelemente aus Flexionsmorphemen entstanden. Anscheinend hatten Genitivkonstruktionen in früherem Deutsch andere Reihenfolge, Demske bringt hierzu folgendes Beispiel: des Teufels Sohn > der Teufel+s+sohn6. Sol- cher pränominale Genetiv war in Alt- und Mittelhochdeutsch relativ häufig. Heute wird diese Konstruktion entweder bei Eigennamen (Simons Laden) oder in Redewendungen (in Teufels K ü che kommen) verwendet.7 Ähnlich könnte man die Entwicklung des Fu genelementes -n- in Wörtern wie Storchenschnabel oder Hahnenfu ß. Hier zu bedenken ist die Tatsache, dass manche Substantive im Laufe der Sprachentwicklung ihre Klassen gewechselt haben: im Gen. Sg. des Hahnen und des Storchen.8

Wichtig und hilfreich für die Suche nach Systematik bei Fugenelementen ist die Unterscheidung zwischen paradigmatischen und unparadigmatischen Fugenelemen- ten. Diese Differenzierung stammt von Nana Fuhrhop: paradigmatisch sind die Fugen- elemente, die homophon mit einer der möglichen Wortformen des gleichen Substantivs sind9, z.B.: der Teufel+ s +kreis (des Teufel s ) oder der Kind+ er +wagen (die Kind er ). Bei nichtparadigmatischen Fugenelementen besteht solche Übereinstimmung nicht: Hochzeit+ s +auto (?). Diese Klassifikation von Nana Fuhrhop ist sehr hilfreich bei sol- chen Fragestellungen, wie: Woher kommt das -s- als Fugenelement bei Feminina. Wie bekannt hatte Feminina nie eine Genitivform mit -s-. Dies lässt sich nur so erklären, dass das -s- zwar vom Genetiv stammt, sich aber davon gelöst hat (verselbständigt) und mit allen möglichen Erstgliedern kompatibel geworden ist. Das würde heißen, dass die kollektive Sprachintuition das Bedürfnis nach Fugenelementen bei Feminina- Erstgliedern entwickelt hat und nach bekannten Analogien -s- eingesetzt hat. -S- kann also sowohl paradigmatisch, als auch unparadigmatisch sein und ist somit das produk- tivste Fugenelement.

2.4 Inventar

Was das Inventar von Fugenelementen in deutscher Sprache betrifft, sind sich Sprachwissenschaftler nicht ganz einig. Nübling und Szczepaniak zählen sehr ausführlich und kommen auf 10 Fugenelementen:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

[...]


1 Vgl. Dürscheid, Christa/Kircher, Hartmut/Sowinski, Bernhard (1994): Germanistik. Eine Einführung. Köln, Weimer, Wien, S. 23

2 Altmann, Hans/Kemmerling, Silke (2000): Wortbildung fürs Examen. Studien- und Arbeitsbuch. Wies- baden, S. 27

3 Fleischer, Wolfgang/Batz, Irmhild (1995): Wortbildung der deutschen Gegenwartsprache. Tübingen, S. 32

4 Nübling, Damaris/Szczepaniak, Renate (2009): Fugenelemente als Marker phonologischer Wortgren- zen, in Peter o. Müller (Hrsg.): Studien zur Fremdforschung, Germanistische Linguistik, Olms Verlag, S. 196

5 Donalies, Elke (2007): Basiswissen Deutsche Wortbildung. A. Francke Verlag Tübingen und Basel, S. 30

6 Vgl. Demske, Ulrike (2001): Merkmale und Relationen. Diachrone Studien zur Nominalphrase des Deutschen, Berlin/New York, S. 297

7 Nübling, Damaris (2006): Historische Sprachwissenschaft des Deutschen. Tübingen, Narr, S. 100

8 Nübling, Damaris/Szczepaniak, Renate (2009): Fugenelemente als Marker phonologischer Wortgren- zen, in Peter o. Müller (Hrsg.): Studien zur Fremdforschung, Germanistische Linguistik, Olms Verlag, S. 198

9 Vgl. Fuhrhop, Nana (1995): Fugenelemente. In Ewald Lang/Gisela Zifonun: Deutsch - typologisch, Institut für Deutsche Sprache, Jahrbuch 1995, Walter de Guyter, Berlin, S. 529

Ende der Leseprobe aus 18 Seiten

Details

Titel
Fugenelemente und ihre Funktionen
Hochschule
Ludwig-Maximilians-Universität München  (Deutsche Philologie )
Veranstaltung
Problemfälle der Morphologie
Note
2,3
Autor
Jahr
2010
Seiten
18
Katalognummer
V192119
ISBN (eBook)
9783656179047
ISBN (Buch)
9783656179917
Dateigröße
471 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
fugenelemente, funktionen, Zusammensetzung, Fugen, Morphologie, Syntax, Verbindungselemente
Arbeit zitieren
Natalia Lavreniuc (Autor), 2010, Fugenelemente und ihre Funktionen, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/192119

Kommentare

  • Noch keine Kommentare.
Im eBook lesen
Titel: Fugenelemente und ihre Funktionen



Ihre Arbeit hochladen

Ihre Hausarbeit / Abschlussarbeit:

- Publikation als eBook und Buch
- Hohes Honorar auf die Verkäufe
- Für Sie komplett kostenlos – mit ISBN
- Es dauert nur 5 Minuten
- Jede Arbeit findet Leser

Kostenlos Autor werden