Web 2.0 im B2B-Kontext: Eine Analyse der Anwendbarkeit neuer internet-basierter Konzepte im Hinblick auf die speziellen Anforderungen im Business-to-Business-Segment


Masterarbeit, 2010
95 Seiten, Note: 1,7

Leseprobe

Inhalt

1. Einleitung

2. Methodologie

3. Grundlagen des Web 2.0
3.1 Begriffsdefinition
3.2 Die Tragsäulen des Web 2.0 Konzeptes
3.3 Web 2.0 Technologien
3.3.1 Tags
3.3.2 Trackbacks und Pingbacks
3.3.3 Feeds
3.4 Mikrokonzepte des Web 2.0
3.4.1 Von der Taxonomie zur Folksonomie
3.4.2 Blogs
3.4.3 Wikis
3.4.4 Soziale Netzwerke
3.4.5 Sonstige Mikrokonzepte

4. Grundlagen des Business-to-Business
4.1 Begriffsdefinition
4.2 Vergleich zwischen B2B und B2C
4.3 B2B - Typologien
4.4 Geschäftsbeziehungen im B2B
4.5 Anforderungsprofile im B2B

5. Das Web 2.0 - Konzept im B2B
5.1 Web 2.0 im Anlagengeschäft
5.2 Web 2.0 im Systemgeschäft
5.3 Web 2.0 im Zuliefergeschäft
5.4 Web 2.0 im Produktgeschäft
5.5 Typenübergreifende Anwendungsbereiche
5.5.1 Web 2.0 im Buying Center
5.5.2 Web 2.0 im Brand Management
5.5.3 Web 2.0 im Supply Chain Management

6. Fazit

7. Schlussbetrachtung

8. Quellenverzeichnis

Abkürzungsverzeichnis

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildungsverzeichnis

Abbildung 1: Google Trends Analyse zum Begriff „Web 2.0"

Abbildung 2: Integrierte Trackbacks - Funktion bei Wordpress

Abbildung 3: Feed Abonnement Angebot der Stellenbörse der FH Münster

Abbildung 4: Wachstum der eingetragenen gegenüber aktiven Webseiten

Abbildung 5: Tag Cloud der Blogplattform Wordpress

Abbildung 6: Stichprobe zur Ermittlung der Tagpopularität

Abbildung 7: Genutzte Sprachen in unterschiedlichen Folksonomien

Abbildung 8: Google Trend Analyse "Flickr.com"

Abbildung 9: Aktive Blogs 2003 - 2007 (Technorati)

Abbildung 10: Zielsetzungen sozialer Netzwerke

Abbildung 11: Typologie der B2B-Transaktionen nach Kleinaltenkamp

Abbildung 12: Relationship Buying und Relationship Selling

Abbildung 13: Vier-Typenansatz von Backhaus und Voeth

Abbildung 14: Kategorisierung von Geschäftsbeziehungen

Abbildung 15: Rollen und Funktionen im Buying Center

Abbildung 16: Einfluss kontextueller Faktoren im Brand Management

Abbildung 17: Branding Triangle

Abbildung 18: Markenfunktionen im B2B und im B2C Markt

Abbildung 19: Anwendungsgebiete des Web 2.0 im B2B

1. Einleitung

Das Internet hat sich in den letzten Jahren stark verändert. Neue Technologien und Konzepte, die oft unter dem Begriff „Web 2.0“ zusammengefasst werden, haben sich mittlerweile nicht nur im Internet etabliert. Sie erlauben schnellen und direkten Zugriff auf eine Vielzahl von Informationen und wirken sich damit in vielen gesellschaftlichen Bereichen aus. Nutzergenerierte Inhalte rücken in den Vordergrund und eröffnen neue Dimensionen der Informationsverarbeitung während die wachsende Informationsübermittlungsgeschwindigkeit im Internet diese Entwicklung begünstigt.

Das Web 2.0 Konzept hat mittlerweile auch Einzug im Konsumgütermarkt gehalten und seine Effektivität und Effizienz in der Gestaltung von direkten wechselseitigen Beziehun- gen mit den Kunden unter Beweis gestellt. Darüber hinaus finden einzelne Teilaspekte des Gesamtkonzeptes auch innerbetriebliche Anwendung.1 Nichtsdestotrotz bleibt die Anwendbarkeit des Web 2.0 Konzeptes in zwischenbetrieblichen Prozessen noch wenig erforscht.

Obwohl das Konzept Web 2.0 noch verhältnismäßig neu ist, wurde es bereits im Rah- men zahlreicher Forschungsarbeiten untersucht. Dabei basieren die meisten For- schungsarbeiten auf einem induktiven Ansatz, bei dem bestehende internetbasierte Konzepte und Technologien untersucht und in ein theoretisches Gesamtkonstrukt zu- sammengefügt werden.2 Während die Erforschung des Gesamtphänomens immer noch andauert, beschäftigen sich gleichzeitig mehr und mehr Forschungsarbeiten mit dem Einfluss des Web 2.0 Konzeptes in unterschiedlichen Bereichen, darunter auch im Un- ternehmenskontext. Die letzten Untersuchungen haben dabei einen starken Zusammen- hang zwischen den Kernaspekten des Web 2.0 Konzeptes und den unterschiedlichen unternehmensinternen Anforderungen aufgezeigt.3 Nichtsdestotrotz zeigt die Untersu- chung der einschlägigen Literatur, dass die Anwendbarkeit von Web 2.0 Teilkonzepten und Technologien im Zusammenhang mit den spezifischen Anforderungen innerhalb des Business-to-Business-Segments (B2B) weitgehend unerforscht geblieben ist.

Die folgende Arbeit beschäftigt sich daher mit der Fragestellung der Anwendbarkeit des Web 2.0 Konzeptes im B2B Kontext. Dazu werden zunächst die Kernaspekte sowie die technologischen und inhaltlichen Ausprägungen des Web 2.0 Konzeptes im Rahmen des dritten Kapitels untersucht. Im Anschluss erfolgt eine ausführliche Analyse des B2B Segments. Dazu wird zunächst eine begriffliche und thematische Abgrenzung vorgenommen bevor im Rahmen einer Typologisierung des Gesamtsegments die speziellen Anforderungen von einzelnen Untersegmenten differenziert untersucht werden. Im fünften Kapitel wird schließlich die Vereinbarkeit des Web 2.0 Konzeptes mit den speziellen Anforderungen im Rahmen des B2B Segments geprüft.

Da es sich um eine theorieorientierte Forschungsarbeit handelt, wird zwar eine praxisre- levante Forschungsausrichtung angestrebt, eine empirische Überprüfung der Ergebnisse kann jedoch aus Gründen der engen zeitlichen Rahmensetzung nicht erfolgen. Da es sich beim Web 2.0 Konzept um ein Themengebiet handelt, das aktuell einem schnellen Wandlungsprozess unterliegt, wird darüber hinaus eine zeitliche Einschränkung vorge- nommen. Es werden nur Entwicklungen und entsprechende Publikationen berücksichtigt, die bis zum 1. Oktober 2009 bekannt waren. Aus Vereinfachungsgründen wurde außer- dem auf eine doppelte Bezeichnung sämtlicher personenbezogener Begriffe im Sinne einer geschlechterneutralen Schreibweise verzichtet. An dieser Stelle soll aber explizit erwähnt werden, dass sich alle personenbezogenen Bezeichnungen auf beide Ge- schlechter gleichermaßen beziehen.

2. Methodologie

Nachdem die grundsätzliche Zielsetzung der Arbeit erläutert wurde, soll nun auf die dabei zugrundeliegende Methodologie eingegangen werden. Die vorliegende Forschungsarbeit beschäftigt sich mit der Fragestellung der Anwendbarkeit des Web 2.0 Konzeptes im B2B Kontext. Somit lautet die zu untersuchende Hypothese:

Das Web 2.0 Konzept bietet entscheidende Möglichkeiten, die speziellen Anforderungen und Aufgaben im B2B Kontext zu erfüllen.

Im Rahmen einer explorativen Forschung werden qualitative Inhaltsanalysen die Grund- lage der Arbeit bilden. Zur Untersuchung des Web 2.0 Konzeptes werden eine Reihe von Primärquellen ausgewählt, die anschließend kritisch hinterfragt werden und deren Inhalte mit den aktuellen internetbasierten Entwicklungen verglichen wird. Auf der Basis dieser Quellen werden mit Rückgriff auf aktuelle Plattformen und Technologien die Kernaspekte des Web 2.0 Konzeptes erarbeitet. Im zweiten Abschnitt wird das B2B Segment anhand etablierter Theorien beschrieben und im Rahmen von Anforderungsprofilen differenziert untersucht. Im letzten Schritt erfolgt dann die Prüfung der Anwendbarkeit der untersuch- ten Kernaspekte des Web 2.0 Konzeptes in Abhängigkeit von den identifizierten Anforde- rungsprofilen im B2B. Bei einer Bestätigung der o.g. Hypothese soll eine Analyse der Systematik der Anwendbarkeit des Web 2.0 Konzeptes im B2B erfolgen während bei einer Ablehnung der Hypothese eine Analyse der Hinderungsgründe für die Anwendung erfolgen soll.

Um die interne und externe Validität der Forschungsarbeit zu gewährleisten, wird ein besonderes Augenmerk auf die Widerspruchsfreiheit und Kontinuität der Argumentationskette sowie die Plausibilität der zu machenden Aussagen gelegt.4 Die explorative Art der vorliegenden Forschungsarbeite bedingt ein von Emergenz gekennzeichnetes Forschungsdesign, bei dem das exakte Vorgehen in Abhängigkeit von den erzielten Zwischenergebnissen variieren kann.

3. Grundlagen des Web 2.0

Als der Begriff „Web 2.0“ im Rahmen einer Brainstorming-Session von Tim O'Reilly 2004 aufgegriffen5 wurde, konnte sich kaum jemand vorstellen, welche Wellen dies schlagen würde.6 Die zunehmende Popularität des Begriffes führte zu einer kontroversen Diskussion über den Sinn und Unsinn der neuen Bezeichnung. Doch gegenwärtig lassen sich Anzeichen dafür entdecken, dass der Hype um den Begriff Web 2.0 vorbei ist. Am deutlichsten lässt sich das anhand der Suchwortanalyse erfassen. Abbildung 1 stellt die Zugriffszahlen im Rahmen der von Google angebotenen Suchmaschine für den Suchbe- griff „Web 2.0“ grafisch dar. Es zeigt sich, dass während zwischen 2005 und 2007 ein enormer Anstieg der Suchanfragen zum Thema Web 2.0 verzeichnet werden konnte, die Zahlen seitdem stark zurückgegangen sind. Dabei handelt es sich wohlgemerkt lediglich um die Suchzugriffe zu dem genannten Schlagwort, nicht jedoch zu internetbasierten Diensten, die mit dem Begriff „Web 2.0“ in Zusammenhang gebracht werden.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 1: Google Trends Analyse zum Begriff „Web 2.0"7

Obwohl die in Abbildung 1 dargestellte Analyse einige Kritikpunkte im Hinblick auf die fehlenden tatsächlichen Zugriffszahlen sowie die von Google verwendeten Näherungs- werte aufweist, bietet sie dennoch eine übersichtliche Darstellung des Gesamttrends der letzten Jahre. Die starke Popularität der internetbasierten Google Suche trägt dabei zu einer relativ starken Repräsentativität der Resultate bei, was die Übertragbarkeit der Er- gebnisse auf die Gesamtpopularität einzelner Begriffe stützt. Die dargestellte Populari- tätsentwicklung ermöglicht mittlerweile eine nüchterne Betrachtung des Begriffes „Web 2.0“ sowie der dahinter stehenden internetbasierten Konzepte und eine kritische Reflektion der Erwartungen an und der tatsächlichen Möglichkeiten von dieser neuen Entwicklungsrichtung im Internet.

Im folgenden Kapitel soll eine Untersuchung des Begriffs sowie der damit in Verbindung gebrachten Konzepte erfolgen. Dazu wird zunächst eine Begriffsabgrenzung vorgenom- men bevor die Tragsäulen des Web 2.0 Konzeptes dargestellt werden. Im Anschluss daran werden einzelne internetbasierte Technologien vorgestellt, auf denen die meisten Mikrokonzepte aufbauen, die mit dem Begriff Web 2.0 in Zusammenhang gebracht wer- den. Auf eine detaillierte Beschreibung und Untersuchung von Internettechnologien wird hierbei verzichtet, da diese nicht der Zielsetzung der vorliegenden Forschungsarbeit dient. Stattdessen werden im Rahmen der Technologieübersicht wesentliche technologi- sche Konzepte dargestellt, die in direktem Zusammenhang mit den Tragsäulen des Web 2.0 Konzepts stehen. Die im Anschluss untersuchten Mikrokonzepte des Web 2.0 dienen dem detaillierten Verständnis der einzelnen Ausprägungen des Gesamtkonzepts und bilden gleichzeitig die Grundlage zur Untersuchung der Anwendbarkeit des Web 2.0 im B2B-Segment, die im fünften Kapitel erfolgt.

3.1 Begriffsdefinition

Der Begriff Web 2.0 suggeriert - in Anlehnung an das Software Release Format - eine deutliche Weiterentwicklung des ursprünglichen Internetkonzeptes. Die zum Teil pau- schale Verwendung des Begriffs erschwert jedoch die Definition erheblich. In einem in- duktiven Ansatz wird deswegen meist versucht, gemeinsame Aspekte bestehender Web 2.0 Dienste zu identifizieren und entsprechend zusammenzufassen. Zunächst handelt es sich bei allen mit dem Begriff „Web 2.0“ bezeichneten Diensten um internetbasierte Kon- zepte. Diese unterscheiden sich aber von früheren internetbasierten Diensten vor allem durch die hochgradige Fokussierung auf die kollaborative Interaktionskomponente, bei der nutzergenerierten Inhalten eine besondere Rolle zukommt. Auf der Grundlage der gegenwärtigen Entwicklungen im Internet kann der Begriff „Web 2.0“ also als die Ge- samtheit aller internetbasierter Anwendungen, Dienste und Konzepte abgegrenzt wer- den, die nutzergenerierte Inhalte im Rahmen von kollaborationsorientierten Lösungen verwenden. Der Begriff „Lösungen“ bezieht sich dabei auf eine Vielzahl von Fragestel- lungen, die der Schaffung eines Mehrwertes bei der jeweiligen Zielgruppe dienen. Dabei wird die klassische daten- und funktionenorientierte Ausrichtung von Internetdiensten um die soziale Interaktionsdimension zwischen den Nutzern ergänzt.8

Der Begriff „Web 2.0“ wurde aber in den letzten Jahren gleichzeitig zum Teil stark kriti- siert. Die Tatsache, dass eine fließende Entwicklung des Internets damit in zwei Ab- schnitte geteilt und als das Web 1.0 und das Web 2.0 definiert werden soll ist alles ande- re als unproblematisch. So wird der Begriff für verschiedene Entwicklungsrichtungen im Internet benutzt, die dann in einem induktiven Ansatz zu einem Gesamtkonzept zusam- mengefasst werden. Die Schwierigkeit besteht dabei in der Heterogenität dieser Entwick- lungen und der daraus resultierenden Verwirrung um den Begriff Web 2.0. Darüber hin- aus werden Entwicklungen unter dem Begriff Web 2.0 zusammengefasst, die von Kriti- kern als Modeerscheinungen interpretiert werden. Besonders für Menschen, die sich nur flüchtig mit der Materie beschäftigen, bleibt das Web 2.0 somit ein undurchsichtiges Konzept von einzelnen Maßnahmen und Dienstleistungen, deren Nutzen nicht auf An- hieb erkannt werden kann. Die Dehnbarkeit des Begriffs trägt damit sowohl zur heftigen Diskussion darüber als auch zur oft eintretenden Ablehnung des Gesamtkonzeptes bei.9

Bei aller Kritik an der Begriffsabgrenzung und dem Sinn oder Unsinn der genauen Begriffsbezeichnung, hat sich das Web 2.0 als Konzept bereits im Internet und darüber hinaus gesellschaftlich etabliert. Web 2.0 Dienste beeinflussen fast alle Aspekte des gesellschaftlichen und damit auch des wirtschaftlichen Lebens und haben in den letzten Jahren zu einer „Neuentdeckung“ des Internets geführt. Im folgenden Abschnitt sollen deswegen die wesentlichen Tragsäulen des Web 2.0 Konzeptes näher beleuchtet werden, um einen detaillierten Überblick über das Gesamtkonzept zu erhalten.

3.2 Die Tragsäulen des Web 2.0 Konzeptes

Einer der ersten Versuche, das Web 2.0 Konzept im Rahmen eines induktiven Ansatzes zu definieren und abzugrenzen wurde 2005 von O’Reilly unternommen. Die von ihm entwickelten Tragsäulen von Web 2.0-Diensten basieren auf den induktiven Erkenntnissen, die nach dem Zusammenbruch der New Economy gewonnen wurden. Sie beschreiben die Kernkompetenzen von Unternehmen, die sich der gravierenden Veränderung des Internets angepasst haben:

1) Nutzung des Internets als Plattform
2) Einbeziehung der kollektiven Intelligenz der Nutzer
3) Verfügbarkeit von schwer zugänglichen Daten
4) Miteinbeziehung von Nutzern bei der Entwicklung von Software
5) Stark vereinfachte Programmiermodelle
6) Medien- und Geräteübergreifende Softwarelösungen
7) Anwendung des „Long Tail“ Prinzips durch Kundeneinbindung10 Im Folgenden sollen die einzelnen Aspekte ausführlich erläutert werden.

Durch die rasante Entwicklung der Internetinfrastruktur sind die Verfügbarkeit und die Bandbreite der Internetanschlüsse in den letzten Jahren enorm gestiegen. Immer mehr Aufgaben, die früher lokal auf dem PC erledigt wurden, werden nun ins Internet verla- gert. Mittlerweile werden neben Terminplanungs- und Projektmanagementlösungen auch ganze Office-Software-Pakete auf Internetplattformen bereitgestellt. Gleichzeitig vollzieht sich eine Wandlung von produktorientierter Software hin zu Serviceplattformen. Während Softwareprogramme mit Patches11 und neuen Versionen aktualisiert werden müssen, erfolgt die Aktualisierung von Internetdiensten laufend und meist im Hintergrund. Durch die Nutzung von Internetplattformen entfällt die Notwendigkeit der Softwareinstallation und -pflege auf einem lokalen Computer sowie die Kompatibilitätsproblematik, die in Abhängigkeit vom benutzten Betriebssystem und -gerät auftreten kann. Darüber hinaus werden Barrieren zur Einführung kooperativer Arbeitsformen durch die flächendeckende Verfügbarkeit internetbasierter Technologien und Konzepte abgebaut und die endgerä- teunabhängige Verfügbarkeit von persönlichen Informationen erhöht. Der letztgenannte Aspekt unterliegt gleichzeitig der größten Kritik im Hinblick auf den Datenschutz. So ist es für den Anwender oft schwer nachzuvollziehen, inwiefern seine Daten auf der jeweili- gen Plattform sicher gespeichert werden. Ein hundertprozentiger Datenschutz ist bei der Sicherung persönlicher Daten im Internet zudem kaum möglich.12

Nutzergenerierte Inhalte spielen eine wichtige Rolle im Web 2.0 Konzept. Viele der neu- en Internetdienste nutzen die kollektive Intelligenz der Nutzer sowie Netzwerkeffekte, um einen maßgeblichen Kundenvorteil zu erzielen. Bei vielen Diensten (wie z.B. sozialen Netzwerken und Wikis) bedarf es zunächst einer kritischen Menge an Nutzern um über- haupt einen messbaren Kundenvorteil zu bewirken. Der Stellenwert von nutzergenerier- ten Inhalten hat auch dazu geführt, dass die Benutzerfreundlichkeit der Internetdienste in den letzten Jahren erheblich verbessert wurde. Ein wesentliches Merkmal der neuen Internetdienste besteht darin, dass diese fast ohne technische Vorkenntnisse genutzt werden können. Entgegen vielen Kritikern entwickelten sich viele der dezentral geführten Internetplattformen (zum Teil ohne redaktionelle Steuerung) erfolgreich zu effektiven Netzwerksystemen.13

Die Vielfalt und Qualität nutzergenerierter Daten auf Web 2.0 Plattformen ist beeindru- ckend. Viele Millionen Nutzer veröffentlichen Ihre Daten in sozialen Netzwerken, teilen ihr Wissen in Wikis und tragen durch eigene Fotos zur digitalen Erfassung der ganzen Welt bei. Die strukturierte Zusammenführung dieser Daten stellt sowohl eine besondere Herausforderung als auch eine wichtige Chance für die Weiterentwicklung von internetbasierten Diensten dar.14

Durch den bereits angesprochenen Wandel von produktorientierter Software hin zu Serviceplattformen wurde der klassische Software-Release-Prozess erheblich verändert. Viele neue Funktionen und Verbesserungen werden bereits in der Beta-Phase15 veröffentlicht. Durch das schnelle und aussagekräftige Feedback seitens der Nutzer können Entwickler zeitnah auf Verbesserungswünsche reagieren. Auf der anderen Seite profitieren auch die Nutzer von der kürzeren Produkteinführungszeit, da sie so schneller in den Genuss neuer Funktionen und Verbesserungen kommen. Die Vorbehalte gegenüber der Beta-Version von Software und internetbasierten Dienstleistungen hat sich durch die Verantwortung, die die Unternehmen gegenüber den Nutzern tragen ebenfalls relativiert. So weisen mittlerweile viele Produkte und Dienste bereits in der Beta-Phase eine stabile Infrastruktur und eine deutlich verbesserte Qualität auf.16

Im Internet vollzieht sich ein weiterer wichtiger Wandlungsprozess, der ohne Hintergrundwissen oft nicht ersichtlich wird. Die Bereitstellung von Daten erfolgt dank modernen Datenbanksystemen und leicht zu bedienenden Schnittstellen nun schneller und effektiver. Die großen Mengen an nutzergenerierten Daten lassen sich mithilfe von sogenannten Application Programming Interfaces17 (APIs) unterschiedlich kombinieren, was zusätzlichen Kundennutzen erzeugt. Ein Beispiel für die erfolgreiche Anwendung von APIs bietet der Dienst Google Earth, bei dem geografische Daten mit nutzergenerierten Fotos, Videos und Wikipedia-Einträgen kombiniert werden.18

Die zunehmende Verfügbarkeit des Internetzugriffs auf verschiedenen mobilen Geräten (PDAs, Mobiltelefone, MP3-Player) bietet eine neue Entwicklungsdimension für Internet- dienste. Die Idee einer geräte- und medienübergreifenden Internetverfügbarkeit ist wahr- lich nicht neu, doch die Möglichkeiten der einheitlichen Darstellung von internetbasierten Inhalten, die technologische Weiterentwicklung des mobilen Internets (insbesondere im Hinblick auf die Verbindungsgeschwindigkeit) sowie der starke Preisverfall im Bereich des mobilen Internetzugangs haben zu einer Wiederbelebung des Konzepts geführt. Die Erhöhung der Übertragungsgeschwindigkeiten von mobilen Geräten hat in den letzten Jahren auch dazu geführt, dass zunehmend große Datenmengen (wie z.B. Videos und Fotos) von und zu mobilen Geräten via Internet übertragen werden. So werden Informationen aus dem Internet bspw. dazu verwendet, Video- und Fotoaufnahmen sowie GPSDaten von Mobiltelefonen mit zusätzlichen Daten zu ergänzen.19

Das „Long Tail“ Konzept basiert auf der Annahme, dass es für einige wenige Produkte eine große Anzahl an potentiellen Abnehmern gibt während eine Vielzahl von Produkten nur wenige potentielle Abnehmer finden. Diese Vielzahl an weniger nachgefragten Pro- dukten (im Hinblick auf das Verhältnis der Nachfrage je Produkt) stellt den sogenannten „long tail“ dar. Die drastische Senkung der Transaktionskosten im Internethandel hat bereits dazu geführt, dass viele der weniger nachgefragten Produkte durchaus rentabel vertrieben werden können. Die nun einsetzende Einbeziehung der Nutzer, die hier auch als potentielle Käufer betrachtet werden können, bietet eine weitere Möglichkeit der kos- tengünstigen Konfiguration von individualisierten Produkten. Der T-Shirt-Versand Spreadshirt.com lässt bspw. die Nutzer seiner Internetplattform eigene Produkte desig- nen und diese in Eigenregie vertreiben. Das Unternehmen übernimmt dann den Druck und Versand der T-Shirts. Damit positioniert sich das Unternehmen am Ende des „Long Tails“ und macht seinen Umsatz mit einer großen Anzahl von individuellen Produkten mit relativ kleinen Gewinnmargen. Dies ist nur durch die individuelle Ansprache jedes ein- zelnen Nutzers bei einer gleichzeitig großen Gesamtanzahl an Nutzern im Rahmen der neuen Internetkonzepte möglich. Im Web 2.0 Kontext beschreibt das „Long Tail“ Konzept damit die Möglichkeit, durch dezentralisierte Informationsbereitstellung die Nachfrage einer große Anzahl von Nischen zu befriedigen.20

Die vorgestellten Tragsäulen basieren auf dem Grundkonzept des Web 2.0, das im Rahmen der Begriffsdefinition vorgestellt wurde. Gleichzeitig beziehen sie sich auf die Gesamtentwicklung des Internets, in deren Kontext das Web 2.0 Konzept zu sehen ist. Im nächsten Schritt wird nun auf die maßgeblichen technologischen Konzepte eingegangen, die den Mikrokonzepten des Web 2.0 zu Grunde liegen.

3.3 Web 2.0 Technologien

Zur ganzheitlichen Darstellung und Erklärung des Web 2.0 Konzeptes müssen zunächst die maßgeblichen Aspekte aufgezeigt werden, durch die die Web 2.0 Anwendungen und Dienste geprägt werden. Auf der konzeptionellen Ebene sind das die bereits vorgestell- ten Tragsäulen des Web 2.0 Konzeptes. Da es sich aber um ein Konzept handelt, das im Rahmen des World Wide Webs seine technische Realisierung findet, bedarf es auch der Erläuterung von wesentlichen technischen Aspekten. Da der Fokus der vorliegenden Arbeit jedoch nicht im technischen Realisierungsbereich des Web 2.0 Konzeptes liegt, soll auf eine ausführliche Darstellung der entsprechenden technischen Realisierung ver- zichtet werden. Vielmehr geht es in diesem Kapitel darum, internetbasierte Technologien inhaltlich vorzustellen, die den primären Aufgaben von Web 2.0 Diensten und Anwen- dungen dienen und von diesen auch maßgeblich geprägt werden.

3.3.1 Tags

Die im Rahmen von internetbasierten Plattformen oft benutzten „Tags“ (engl. für „Etikett“ oder „Aufkleber“) sind nichts anderes als Markierungselemente, die mit Hilfe von Schlagwörtern realisiert werden. So können Objekte (wie z.B. Blogeinträge oder Dateien) oder ganze Webseiten mit einer zusätzlichen Informationsebene versehen werden, die der Indexierung des Inhalts dient. Mit Hilfe der frei zu vergebenden Schlagworte können verschiedenste Elemente nach Belieben etikettiert werden, um sie später einfacher wie- derzufinden. In den gegenwärtig meistverwendeten internetbasierten Programmierspra- chen spielen Tags eine wichtige Rolle bei der Klassifikation und Strukturierung von Da- ten.21

Tags werden meist durch die jeweiligen Nutzer einer internetbasierten Plattform vergeben, um bestimmte Inhalte schnell zu kennzeichnen und Kategorien zuzuordnen. Dabei kann ein Objekt oder Eintrag mehrere Tags enthalten und somit zu mehreren Kategorien zugeordnet werden. Möchte ein Nutzer beispielsweise ein Urlaubsfoto seines Partners aus dem letzten Jahr vor dem Empire State Building „vertaggen“, könnte er folgende Tags vergeben (abhängig von der jeweiligen Plattform können unter Umständen auch Tags vergeben werden, die aus mehreren Wörtern bestehen):

- USA
- Urlaub
- Partner
- NYC
- 2008

In der so entstehenden persönlichen Tag-Liste können die jeweiligen Objekte gemäß den vergebenen Tags jederzeit aufgerufen werden. Klickt der Nutzer beispielsweise auf den Tag „USA“ bekommt er alle Bilder angezeigt, die mit diesem Tag versehen wurden. Je nach Gestaltung der Plattform, auf der Tags zum Einsatz kommen kann eine solche Suche auf die eigenen Objekte eingeschränkt werden oder sämtliche auf der Plattform publizierte Objekte, die mit dem gleichen Schlagwort getaggt wurden, miteinbeziehen.22

Wie Tags zu einer neuen Art der Indexierung im Web 2.0 beitragen, wird im Unterabschnitt 3.4.1 ausführlich erläutert.

3.3.2 Trackbacks und Pingbacks

Die Begriffe „Trackbacks“ und „Pingbacks“ werden meist im Zusammenhang mit Blogs verwendet. Mit beiden Technologien lässt sich feststellen, welche Webseiten auf die ei- gene Webseite (bzw. Blog) verlinken. Man kann sich das Prinzip anschaulich vorstellen, indem man die vorliegende Arbeit als Beispiel nimmt. Die in den Fußnoten verwendeten Literaturhinweise würden mit Hilfe der o.g. Technologien die Autoren (bzw. die Verleger) dieser Bücher automatisch davon in Kenntnis setzen, dass auf ihre Werke Bezug ge- nommen wurde.23

Die technische Realisierung erfolgt bei den ursprünglich durch die Firma Six Apart entwi- ckelten Trackbacks mit Hilfe eines standardisierten Protokolls, das im Rahmen von RDF (Ressource Description Framework) - einem Datenmodell zur Beschreibung von Meta- daten im Internet - erstellt wurde. Indem das RDF Protokoll in beide Webseiten (sowohl die verlinkende als auch die empfangende) integriert wird, kann dieser Prozess automa- tisiert werden.24

Abbildung 2 stellt die Trackbacks-Funktion im Rahmen der Blogging-Plattform Word press (www.wordpress.com) dar. Der untere markierte Bereich kennzeichnet dabei die Funktion „Trackbacks setzen“, wobei diese manuell durch Eingabe der Internetadressen der zu benachrichtigenden Empfänger gesetzt werden müssen.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 2: Integrierte Trackbacks - Funktion bei Wordpress25

Tatsächlich erfordert das Setzen eines Trackbacks trotz der weitverbreiteten Technolo- gie bei den meisten Diensten die manuelle Eingabe der URL26 - oft am Ende eines Bei trags. Viele Blogs erlauben auch die Angabe eines Trackbacks im Rahmen von Blog kommentaren. Diese Möglichkeit bietet jedoch eine erhöhte Gefahr von Spamlinks, sofern die Kommentarfunktion ohne Einschränkungen angeboten wird.27

Die Pingback Technologie verfolgt grundsätzlich das gleiche Ziel wie bei Trackbacks. Dabei wird jedoch kein RDF Protokoll benötigt, da Pingbacks direkt in den Quellcode einer Webseite kopiert werden können. Die Funktion wird in den sogenannten „Header“ einer Webseite kopiert - also in die ersten Zeilen des Quellcodes, in denen sich auch die Metadaten befinden. Die Pingback-Funktion erlaubt die automatische Identifikation und Benachrichtigung der im Text angegebenen Links. Die Benachrichtigung funktioniert aber nur wenn die zu benachrichtigende Seite ebenfalls mit der Pingback-Technologie arbeitet. Damit wird es mit Hilfe von Pingbacks möglich, die Kommunikation zwischen verschiedenen Webseiten im Internet weiter zu automatisieren.28

Ein wesentliches Problem von Pingbacks und Trackbacks besteht darin, dass diese Technologie auch von Anbietern verwendet wird, die sie im kriminellen Zusammenhang anwenden. So werden insbesondere in Blog-Kommentaren vermehrt Spam-Trackbacks hinterlassen, die dann auf unerwünschte Webseiten führen und den betroffenen Compu- ter somit infizieren können. Diese Entwicklung sowie die verspätete Implementierung von effektiven Filtern haben dazu geführt, dass die zunächst entstandene Euphorie gegen- über Trackbacks wieder abgeflacht ist und viele Blogs auf diese Art von Verlinkungen verzichtet haben.

Gegenwärtig arbeiten aber die meisten großen Bloganbieter wieder mit Trackbacks und Pingbacks - zum einen wegen der verbesserten Filtertechnik und zum anderen wegen des nicht zu verachtenden Nutzens, den diese Technologie im Hinblick auf die Verbin- dung zwischen einzelnen Informationsquellen zu globalen Netzwerken im Internet dar- stellt.

3.3.3 Feeds

Ein Feed (engl. Zuführung, Einspeisung) ist eine internetbasierte Technologie, die es ermöglicht, Überschriften und Textabschnitte von neuen Einträgen einer Webseite (mit einem Link auf den Gesamteintrag) an interessierte Nutzer zu versenden.

Die Vielseitigkeit der Anwendungsbereiche von Feeds, die in jede Internetseite mit relativ wenig Aufwand integriert werden können, macht diese zu einem wirksamen Werkzeug um den klassischen Informationsfluss im Internet erheblich zu verändern. Abbildung 3 zeigt am Beispiel der Stellenbörse der FH Münster wie ein Nutzer mit Hilfe eines Feeds auf eine einfache Art und Weise die für ihn oder sie relevanten Informationen abonnieren kann.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 3: Feed Abonnement Angebot der Stellenbörse der FH Münster29

Einmal abonniert, wird der Empfänger so mit Hilfe eines Feeds stets über Neuerungen und Veränderungen von Einträgen (z.B. per Email oder durch spezielle Programme) in- formiert. Der dadurch erzielte Pull-Effekt dient sowohl der Vereinfachung des Informati- onsflusses als auch der langfristigen Bindung von Abonnenten an einen oder mehrere Anbieter.30

Während Newsletters und Emailkampagnen den Nutzer einzig auf dem Weg der elektro- nischen Briefkommunikation zu erreichen vermochten, können Feeds flexibel eingesetzt werden. Über spezielle Programme (sogenannte Feedreader) und Internetdienste las- sen sich Feeds sowohl in Internetbrowsern als auch auf den Desktops sämtlicher Be- triebssysteme anzeigen. Die meisten Email-Clients sind mittlerweile fähig, Feeds zu empfangen und darzustellen. Darüber hinaus können Feeds - auch dank der relativ ein- fachen und leichtgewichtigen Programmierstruktur - auf mobilen Geräten mit Internetzu- gang genutzt werden. Durch die standardisierte Darstellung von Informationen in Inter- netfeeds können diese für Maschinen lesbar gemacht werden, wodurch Informationen von einer Internetseite beinahe zeitgleich auf anderen Seiten im gleichen Format veröf- fentlicht werden können.31

Das am häufigsten verwendete Feed-Format ist das sogenannte RSS Format. Bis zur Version 0.9x war die vollständige Bezeichnung für RSS Rich Site Summary. Mit der Ver- sion 1.0 wurde die Bezeichnung zu RDF Site Summary verändert. Dies lag vor allem an der maßgeblichen Rolle, die das RDF - ein Modell zur Beschreibung von Metadaten im Internet - bei der Entwicklung von RSS 1.0 spielte. Schlussendlich war es RSS 2.0, das die größte Verbreitung im Internet schaffte und auch heute zum meistverwendeten For- mat bei Internetfeeds gehört. Die vollständige Bezeichnung der aktuellen RSS Version lautet Really Simple Syndication. Durch einen Bruch innerhalb der RSS- Entwicklergemeinde wurde neben RSS ein konkurrierendes Feedformat geschaffen: das „Atom“. Einige strukturelle Probleme von RSS wurden durch Atom beseitigt, weswegen es als zuverlässiger und flexibler gilt. Die starke Verbreitung von RSS führt jedoch dazu, dass neue Feeds gegenwärtig meist auch in diesem Format angeboten werden.32

3.4 Mikrokonzepte des Web 2.0

Nachdem im Rahmen der Abschnitte 3.2 und 3.3 das Konzept des Web 2.0 sowie die damit einhergehenden maßgeblichen internetbasierten Technologien beschrieben wur- den, werden im Folgenden die Mikrokonzepte des Web 2.0 vorgestellt. Als Mikrokonzep- te werden in diesem Zusammenhang relativ homogene Cluster aktueller internetbasierter Dienste verstanden, die inhaltlich auf den Tragsäulen des Web 2.0 Konzeptes basieren. Eine Ausnahme bildet das im Unterabschnitt 3.4.1 dargestellte Konzept der Folksono- mie. Obwohl es sich nicht um einen internetbasierten Dienst im engeren Sinne handelt, findet dieses Konzept eine so breite Verwendung im Rahmen diverser Web 2.0 Plattfor- men, dass eine ausführliche Beschreibung des Konzeptes sinnvoll erscheint. Inhaltlich ließe sich die Folksonomie zwischen den bereits dargestellten Web 2.0 Technologien (auf denen das Konzept teilweise basiert) und den Mikrokonzepten des Web 2.0 (die teilweise auf dem Konzept der Folksonomie basieren) einordnen. Die Entscheidung, die- ses inhaltliche Konzept letztendlich den Mikrokonzepten des Web 2.0 zuzuordnen ist vor allem dem Stellenwert geschuldet, den die Folksonomie im Web 2.0 Kontext einnimmt.

Die in den Unterabschnitten 3.4.2 bis 3.4.4 dargestellten Mikrokonzepte wurden vor al- lem wegen ihrer Verbreitung und Popularität ausgewählt, wobei mit der Popularität die Größe und das Wachstum von Plattformen gemeint ist, die auf diesen Mikrokonzepten basieren. Im Rahmen des Unterabschnitts 3.4.5 werden anschließend sonstige Mikro- konzepte des Web 2.0 dargestellt, die zwar nicht über das gleiche Ausmaß an Populari- tät und Verbreitung verfügen, jedoch entscheidend zum Profil des Gesamtkonzeptes des Web 2.0 beitragen.

3.4.1 Von der Taxonomie zur Folksonomie

Zu Beginn des WWW - Zeitalters am Anfang der neunziger Jahre gab es relativ wenige Informationen, die über das Internet zugänglich waren. So konnten diese Informationen und damit die Webseiten, die diese Informationen enthielten, in Verzeichnissen indexiert und allen Nutzern einer Suchmaschine zur Verfügung gestellt werden. Yahoo! - eine der führenden Suchmaschinen der neunziger Jahre - war damit nichts anderes als ein groß- angelegtes Verzeichnis von Webseiten, die thematisch gruppiert und für alle Nutzer frei zugänglich waren. Ein Webseitenanbieter musste damals noch seine Internetseite bei Yahoo! Für die entsprechenden Kategorie anmelden und ein Yahoo!-Mitarbeiter diese Anmeldung manuell prüfen bevor die Seite ins Gesamtverzeichnis integriert werden konnte. Dieses Vorgehen - also die Einordnung von Webseiten in ein bestimmtes Ver zeichnis nach einem zuvor festgelegten hierarchischen Klassifikationsschema - wird als Taxonomie (aus dem Griechischen taxis - Ordnung und nomia - Verwaltung) bezeich- net.33

Doch mit dem zunehmenden Wachstum der Anzahl von Webseiten wurde eine effiziente Indexierung kaum mehr möglich. Abbildung 4 stellt in diesem Zusammenhang das rasante Wachstum der Anzahl von registrierten Internetseiten und die sich immer weiter öffnende Schere zwischen der Gesamtanzahl registrierter Internetadressen (Hostnames) und den tatsächlichen aktiv gepflegten Webseiten (Active).

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 4: Wachstum der eingetragenen gegenüber aktiven Webseiten34

Daneben eröffneten sich die Probleme der thematischen Überlappung innerhalb des Verzeichnisses und damit der Relevanz der Suchergebnisse. Bei der Erstellung eines Verzeichnisses greift man nämlich auf kein objektives Konstrukt von Klassifikationen zurück, sondern es spielen stets auch eigene subjektive Klassifikationsmodelle eine Rol- le. So liegt es im Auge des Betrachters, ob z.B. bestimmte prominente inhaftierte Perso- nen unter „politische Gefangene“, „Terroristen“ oder „Prominente“ eingeordnet werden.

Selbstverständlich könnte man diese im Zweifel unter allen drei Kategorien eintragen, doch würde dies unweigerlich zu einem starken Anstieg der Intransparenz des gesamten Verzeichnisses führen.35

Um das immense Wachstum der Webseitenanzahl im Internet im Rahmen von Suchma- schinen in den Griff zu bekommen, verzichtete man teilweise auf die manuelle Überprü- fung der Webseiten vor ihrer Integration ins Gesamtverzeichnis. Damit wurde jedoch ein weiteres wichtiges Problem offenbart - die zunehmende Schere zwischen der Gesamt- anzahl der angemeldeten Webseiten und der Anzahl der tatsächlich aktiv betriebenen und besuchten Webseiten (in Abb. 4 als Differenz zwischen den beiden Graphen „Host- names“ und „Active“ zu sehen). Damit war die große Stunde von Google gekommen, denn es gelang dem Unternehmen einen Algorithmus zu entwickeln, der sämtliche Web- seiten mithilfe von Crawlern36 indexierte und gleichzeitig die Relevanz der Suchergeb- nisse anhand der Popularität, Aktualität und anderen Merkmalen ermittelte. So wurden bspw. die auf die Zielseite eingehenden Verlinkungen mit in die Betrachtung aufgenom- men und gewichtet. Diese Bewertungsmethode - das sogenannte PageRank, das bereits 1998 von Sergey Brin und Lawrence Page entwickelt wurde - sicherte im Wesentlichen den Erfolg für Google und revolutionierte den Suchmaschinenmarkt.37

Die Fortschritte der Suchmaschinen, allen voran Google, haben dazu geführt, dass der Benutzer sich mittlerweile daran gewöhnt hat, einen einfachen Suchbegriff einzugeben statt in großen Verzeichnissen die passenden Einträge herauszusuchen. Obwohl diese nutzerfreundliche und höchsteffektive Suchmethode meist als überlegen angesehen wird, haben auch Taxonomie-basierte Verzeichnisse ihre Vorteile. Da diese meist durch Experten erstellt werden (wie bspw. dmoz.de), ist die Nachvollziehbarkeit der qualitativen Auswahl der Einträge wesentlich höher als in Suchmaschinen. Besonders Themengebie- te, die häufig kommerziell genutzt werden, laufen Gefahr, nicht zielführende Einträge in den Suchmaschinen zu erzeugen. Eine Suche mit den Stichworten „Costa Brava Rei- seinformationen“ ergibt beispielsweise eine Vielzahl an kommerziellen Einträgen, die sich weniger mit tatsächlichen Reiseinformationen als mit Reiseangeboten auseinander- setzen. Darüber hinaus gibt es auch Einsatzgebiete, die am besten durch die klassische Taxonomie abgedeckt werden können. Wer z.B. bei Ebay auf der Suche nach einem Schreibtisch aus Holz in einer bestimmten Farbe ist, kommt sehr gut mit dem durch Ebay zur Verfügung gestellten Verzeichnis zurecht. Wenn man aber die Suchparameter als Stichworte bei der Suche eingibt, bekommt man auch eine Vielzahl an nicht zielführenden Einträgen.38

Die Wortschöpfung „Folksonomy“, die sich aus den Begriffen „Folks“ (engl. Leute) und „Taxonomy“ zusammensetzt, hat die Mitgestaltung eines Verzeichnisses durch Nutzer zur Grundlage. Im Gegensatz zur Taxonomie gibt es hierbei keine Redaktion, die Inhalte in großem Maße bearbeitet, sondern meist nur Administratoren, die den Rahmen zur Gestaltung des Verzeichnisses bereitstellen, Verbesserungen integrieren und Miss- brauch vorbeugen. Inhalte und Einträge des Verzeichnisses werden dann durch die Nut- zer selbst indexiert.39

Der Begriff „Folksonomy“ wurde erst vor dem Hintergrund von Diensten bekannt, die diese Art der Verzeichnismitgestaltung in großem Maß integrierten. Obwohl das Konzept bereits in den 80er Jahren durch Lotus Magellan angewandt wurde, fand es erst ab 2003 eine breite Verwendung - nicht zuletzt durch die Firmen Delicious (http://delicious.com) und Flickr (http://www.flickr.com). Als in 2004 die Frage nach einer Bezeichnung dieses Phänomens immer häufiger auftrat, wurde mit „Folksonomy“ ein Wort geschaffen, das den Grundgedanken dieses Konzeptes widerspiegelte.40

Einen zentralen Punkt bilden dabei die im Unterabschnitt 3.3.1 dargestellten Tags, die hierbei als Etikettierungsworte genutzt werden. Die Tatsache, dass Tags meist nicht hierarchisch geordnet werden führt dazu, dass das gesamte mit Hilfe von Tags erstellte Verzeichnis aus nur einer Ebene von Einträgen besteht und so sehr schnell unübersichtlich wird. Um diesem Problem zu begegnen und auch um die Interaktion zwischen den Nutzern zu fördern, werden plattformintern sogenannte Tag Clouds erzeugt, die die populärsten Tags - also Schlagworte die am meisten angeklickt werden - abbilden. Dabei wird die Popularität eines Schlagwortes durch dessen Größe abgebildet: je populärer ein Tag ist, desto größer erscheint er in der Schlagwortwolke.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 5: Tag Cloud der Blogplattform Wordpress41

Wird eine solche Darstellungsform jedoch als integraler Bestandteil einer Folksonomie betrachtet, so birgt es ein schwerwiegendes Problem. Die Darstellungsform der Schlagwörter spiegelt nicht nur deren Popularität wieder, sondern trägt auch dazu bei, dass diese wiederum öfter angeklickt werden. Dieser Kreislauf kann die Repräsentativität der Tag Cloud maßgeblich beeinträchtigen.42

Ein weiterer Kritikpunkt, der im Zusammenhang mit Folksonomien oft geäußert wird, ist die Frage, inwieweit eine Folksonomie tatsächlich der Aufgabe gerecht wird, Inhalte strukturiert und übersichtlich darzustellen. Die Tatsache, dass es innerhalb einer Folk- sonomie jedem Nutzer überlassen wird, welche Tags er in welcher Sprache verfasst und welchen Inhalten zuordnet, kann dazu führen, dass die Homogenität des Verzeichnisses gefährdet wird. Allerdings zeigen mehrere Untersuchungen, dass diese Kritikpunkte zwar wichtig bei der Betrachtung der Gefahren einer unausgereiften Folksonomie sind, jedoch nicht in einem Maße auftreten, das die Grundfunktionen des Verzeichnisses in Frage stellen würde. Die Untersuchung von Guy und Tonkin, die im Rahmen der Abbil- dung 6 grafisch dargestellt ist, zeigt bspw.

[...]


1 Vgl. Newman/Thomas (2009)

2 Vgl. Alby (2007) und Alpar/Blaschke (2008)

3 Vgl. Casarez/Cripe/Sini/Weckerle (2009), Koch/Haarland (2004), Scott (2007), Wright (2006) und Yee (2008)

4 Vgl. Bortz/Döring (2006), S. 329 ff.

5 Der Begriff Web 2.0 wurde von O’Reilly tatsächlich aufgegriffen und nicht neu erschaffen, wie viele vermuten. Tatsächlich lässt sich nachweisen, dass dieser Begriff bereits 2003 von Eric Knorr in Anlehnung an Scott Dietzen sinngemäß benutzt wurde: Vgl. Knorr, E. (2004), S. 90.

6 Vgl. Alby (2007), S. 15.

7 In: http://www.google.de/trends?q=web+2.0&ctab=0&geo=all&date=all&sort=1 (Zugegriffen am 12. Januar 2010). Die sich über dem Graphen befindenden Buchstaben beziehen sich auf die Berichterstattung zum gewählten Suchbegriff und wurden von Google Trends zur Verfügung ge- stellt.

8 Vgl. Alpar/Blaschke (2008), S. 5 und Vossen/Hagemann (2007), S. 2

9 Vgl. Alby (2007), S. 16 f.

10 Vgl. Alby (2007), S. 15 und O’Reilly (2005), http://oreilly.com/pub/a/web2/archive/what-is-web-

20.html. (zugegriffen am 01.11.2009).

11 Als Patches werden kleine Programme zur Nachbesserung bestehender Software bezeichnet.

12 Vgl. Ebersbach/Glaser/Heigl (2008), S. 24 f.

13 Ebd.

14 Ebd.

15 Als Beta-Phase wird meist das Entwicklungsstadium einer Software bezeichnet, in dem das Programm noch wesentliche Fehler enthält. Um die Fehler zu erkennen, wird das Programm Testpersonen zur Verfügung gestellt, die diese dann dokumentieren: Vgl. Hoffmann (2008), S.

169 f.

16 Vgl. Ebersbach/Glaser/Heigl (2008), S. 26.

17 Als Application Programming Interface (API) wird eine Schnittstelle zur Programmierung von Anwendungen bezeichnet.

18 Vgl. Ebersbach/Glaser/Heigl (2008), S. 26.

19 Vgl. Ebersbach/Glaser/Heigl (2008), S. 27.

20 Vgl. Koch/Richter (2007 ), S. 160.

21 Vgl. Koch/Haarland (2004), 65 ff.

22 Vgl. Alby, T. (2007), S. 121 f.

23 Vgl. Koch/Haarland (2004), S. 146 und Newman/Thomas (2009), S. 219 f.

24 Vgl. Newman/Thomas (2009), S. 220.

25 In: http://www4biz.wordpress.com/wp-admin/post-new.php. Zugegriffen am 19. September 2009

26 Als Uniform Resource Locator (URL) wird die Identifikation des Ortes einer Ressource im

Netzwerk bezeichnet. Im Zusammenhang mit dem Internet wird die URL als Synonym zur Internetadresse benutzt.

27 Vgl. Brown (2007), S. 37 f.

28 Vgl. Cass (2007), S. 86 und Newman/Thomas (2009), S. 220.

29 In: http://stellenmarkt.fh-muenster.de/index.php?id=592&type=110&atyp=job&no_cache=1. Zugegriffen am 12..Januar 2010

30 Vgl. Koch/ Haarland (2004), S. 148.

31 Vgl. Hammersley (2005), S. 10 ff.

32 Vgl. Maurice (2007), S. 93 ff.

33 Vgl. Alby (2007), S. 115.

34 Mit freundlicher Erlaubnis zur Nutzung durch die Hybrid GmbH (2005),

http://www.hybrid.de/wissen/anzahl_webseiten_langsamer_steigend.htm Zugegriffen am 06. Oktober 2009.

35 Ebd.

36 Ein Crawler ist ein Computerprogramm, das das Internet durchsucht, indem es über Hyperlinks von einer Webseite zur nächsten wandert und die Webseiten dabei abhängig von ihren Inhalten indexiert.

37 Vgl. Embacher, http://homepage.univie.ac.at/Franz.Embacher/Lehre/aussermathAnw/Google.html

38 Vgl. Alby (2007), S. 119 ff.

39 Ebd.

40 Vander Wal (2007), http://vanderwal.net/folksonomy.html.

41 In: http://en.wordpress.com/tags/ Zugegriffen am 13. Oktober 2009

42 Vgl. Alby (2007), S. 122 f.

Ende der Leseprobe aus 95 Seiten

Details

Titel
Web 2.0 im B2B-Kontext: Eine Analyse der Anwendbarkeit neuer internet-basierter Konzepte im Hinblick auf die speziellen Anforderungen im Business-to-Business-Segment
Hochschule
Fachhochschule Münster
Veranstaltung
International Management
Note
1,7
Autor
Jahr
2010
Seiten
95
Katalognummer
V192158
ISBN (eBook)
9783656177272
ISBN (Buch)
9783656177395
Dateigröße
6204 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Web 2.0, B2B
Arbeit zitieren
Yury Braun (Autor), 2010, Web 2.0 im B2B-Kontext: Eine Analyse der Anwendbarkeit neuer internet-basierter Konzepte im Hinblick auf die speziellen Anforderungen im Business-to-Business-Segment, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/192158

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