"Die Stunde Null" - "Die Stunde der Frauen"?!

Das Rollenbild der Frau in der Nachkriegszeit des Zweiten Weltkrieges


Essay, 2011
11 Seiten, Note: 1,7

Leseprobe

„Blicken wir heute auf die Arbeitsteilungen der Frau im Rahmen des Wiederaufbaus Berlins, insbesondere bei den Enttrümmerungsarbeiten, so finden wir, daß gerade die Frauen die Zeichen der Zeit verstanden haben und sich mutig und willig den harten Gegebenheiten anpassen.“[1]

Anhand dieser wenigen Zeilen aus einem Rechenschaftsbericht eines Magistrats im Jahr 1946 lässt sich erkennen, wie diskrepant das Rollenbild der Frau in der Nachkriegszeit gesehen werden kann. Einerseits wird die „mutige“ Mithilfe bei den Wiederaufbauarbeiten angepriesen und wohl auch hoch gelobt, was auf eine neue Rolle der Frau als arbeitende, selbstbewusste Person schließen lässt. Andererseits würden sich die Frauen „willig den harten Gegebenheiten anpassen“, was auf alte Rollenmuster der unterdrückten und von Männern geleiteten Frau Bezug nimmt. Wie war es nun wirklich? Hat sich das Rollenbild der Frau in der Nachkriegszeit des Zweiten Weltkrieges verändert? Wurden Trümmerfrauen durch die Übernahme zuvor männlicher Tätigkeiten selbstbewusster? Wieso aber führte dieses Selbstbewusstsein nach 1949 nicht zu einer Emanzipationsbewegung? Oder vielleicht doch?

Diesen Fragestellungen möchte ich in meinem Essay nachgehen. Als erstes werde ich anhand des wissenschaftlichen Textes von der Autorin Karin Hausen „Die Polarisierung der ‚Geschlechtercharaktere‘. Eine Spiegelung der Dissoziation von Erwerbs- und Familienleben.“ die nach ihrer Auffassung natürlichen Wesenszüge eines Mannes und einer Frau herausarbeiten, um dann begründen zu können, inwiefern sich das Rollenbild der Frau in der Nachkriegszeit verändert hat. Im weiteren Verlauf meines Essays möchte ich diskutieren, ob diese Veränderungen des weiblichen Rollenverständnisses zu einem neuen Selbstbewusstsein der Frauen in der Nachkriegszeit geführt haben. Da es zu dieser Fragestellung in der Forschung mehrere Sichtweisen gibt, erscheint es mir sinnvoll, hier zwei verschiedene Auffassungen gegenüberzustellen, um dann zu einem eigenen Ergebnis gelangen zu können. Aus diesem Grund habe ich mich auf der einen Seite für den Text „Frauenmehrheit verpflichtet. Überlegungen zum Zusammenhang von erweiterter Frauenarbeit und kapitalistischem Wiederaufbau in Westdeutschland“ von der Autorin Doris Schubert und andererseits für den Text „Frauen auf dem Weg zur Gleichberechtigung – Hindernisse, Umleitungen, Einbahnstraßen“ von der Autorin Ute Frevert entschieden.

Im Vorfeld möchte ich jedoch kurz den historischen Kontext dieses Essays erläutern.

Zurzeit des Nationalsozialismus wurden die Frauen zwar in die Politik als Hausfrauen, Arbeitskräfte und Mütter und als Mitglieder starker Frauenorganisationen mit einbezogen, jedoch stellte sich schnell heraus, dass diese Teilhabe nur von Männern gelenkt wurde. Frauen waren im „Dritten Reich“ vor allem in der Rolle der Mutter und Versorgerin der Familie anerkannt, die für den Nachwuchs des „arischen Volkes“ sorgte. Demnach wurden die Frauen in ihr privates Umfeld zurückgedrängt und von vielen zuvor erkämpften Freiheiten entledigt.[2] Schon im Krieg mussten Frauen die Männer ersetzen. Das Kriegsende 1945 wurde für viele Frauen nicht als „Neubeginn“, sondern zuerst als „Zusammenbruch“ gesehen. Frau Fischer, Jahrgang 1910: „Während des Krieges gab es eine einigermaßen gesicherte Versorgung, aber Bombenangriffe; nach Kriegsende gab es zwar keine Bombenangriffe mehr, aber auch kein Essen.“[3] Im Krieg war die Versorgungslage der Bevölkerung weitgehend auf Kosten der Zwangsarbeiter, der Kriegsgefangenen und der Bewohner der besetzten Länder gesichert. Nach 1945 führten Kriegszerstörungen in der Landwirtschaft, die Verluste der agrarischen Ostgebiete, die Zerschlagung gewachsener Wirtschaftsbeziehungen und die Zerstörung der Transportwege zu Armut und Hunger. Die Nachkriegsjahre waren gekennzeichnet von starker Lebensmittelknappheit, Wohnungsnot (45 % aller Wohnungen waren völlig zerstört oder erheblich beschädigt) sowie von der Zerrüttung menschlicher Beziehungen, vor allem im ehelichen und familiären Umfeld. Für die meisten Frauen bedeutete das Kriegsende somit ein Kampf ums Überleben und eine ständige Zukunftsangst.[4]

Der wissenschaftliche Text „Die Polarisierung der ‚Geschlechtercharaktere‘. Eine Spiegelung der Dissoziation von Erwerbs- und Familienleben.“ von Karin Hausen wurde im Jahr 1976 veröffentlicht. Zwar ist der Text nach der Nachkriegszeit entstanden, sodass die Autorin die Entwicklungen in dieser Zeit durchaus wahrgenommen hat, jedoch bezieht sich der Text vor allem auf die Entwicklung der Geschlechtercharaktere im 19. Jahrhundert. Karin Hausen geht davon aus, dass „Aussagen über die Geschlechtercharaktere die Natur bzw. das Wesen von Mann und Frau erfassen.“[5] Der Mann sei das Familienoberhaupt und demnach zuständig für alles Öffentliche und Weite (Erwerbsarbeit, politische Mitgestaltung etc.). Er besitze Energie, Willenskraft, Stärke, Festigkeit, Tapferkeit und Kühnheit. Demgegenüber sei die Frau zuständig für alles Innere und Nahe (Hausarbeit, Kindererziehung). Sie sei meist eher schwach, bescheiden und wankelmütig. Frauen seien damit zu Hingebung und Ergebung verpflichtet. Männer seien in ihrem Tun selbstständig, zielgerichtet, erwerbend und gebend. Frauen hingegen seien abhängig, betriebsam, bewahrend und empfangend. In der Frau vereine sich alles Emotionale – das Gefühl, die Liebe. Der Mann stehe eher für Gewalt und Antagonismus. Er sei das denkende und wissende Wesen.[6]

Karin Hausen stellt heraus, dass Geschlechter von Natur aus polar jedoch trotzdem komplementär seien. Sie zitiert hier den Brockhaus aus dem Jahr 1815, in dem Mann und Frau eine „Entgegensetzung zusammengehöriger und zu gemeinschaftlichem Produktionszweck wirkende Kräfte“ seien. Schon hier lässt sich die erste Veränderung im Rollenbild der Frauen in der Nachkriegszeit erkennen, da diese Definition den Rollenbildern nach dem Zweitem Weltkrieg nicht mehr entsprechen konnte. Nach 1945 gab es in Deutschland 7,3 Millionen mehr Frauen als Männer. 3,76 Millionen Männer waren im Krieg gefallen, 11,7 Millionen Männer befanden sich in Kriegsgefangenschaft und zwei Millionen Männer galten zu diesem Zeitpunkt als vermisst. Demnach konnte von einem „gemeinschaftlichen Produktionszweck“ nicht mehr die Rede sein. Die Frauen waren nach dem Zweiten Weltkrieg auf sich gestellt.[7]

Karin Hausen geht davon aus, dass das Wesen und die Natur der Geschlechter im Zusammenhang mit geschlechtsspezifischer Arbeitsteilung stehen und die Familie als „natürlichem Ort“ das Wechselspiel zwischen Normativität und Realität erkennbar werden lassen.[8] Dies trifft in der unmittelbaren Nachkriegszeit zu. Gerade im privaten Umfeld lässt sich erkennen, dass Normativität und Realität auseinandergehen. Die „natürlichen“ Wesenszüge der Frau (Normativität), aber auch die des Mannes verändern sich in dieser Krisenzeit (Realität). Da der Mann durch seine Abwesenheit nicht mehr das Familienoberhaupt sein kann, muss die Frau diese Rolle in der Familie übernehmen. Frauen beanspruchten demnach eine dreifache Belastung: Das Hausfrauensein, die Versorgung der Familie und die Erziehung der Kinder. Wenn ich nach den Wesenszügen urteile, die von Karin Hausen herausgestellt wurden, sind Frauen nach 1945 „aktiver“ geworden. In der unmittelbaren Nachkriegszeit fehlte es an allem – an Nahrung, Wasser, Kleidung, Medikamenten und Heizmaterial. Das Schwergewicht der wirtschaftlichen Produktion lag zu dieser Zeit nicht im Versorgungs-, sondern im Grundstoffbereich, um so die Widerankurbelung der kapitalistischen Wirtschaft zu sichern. Aus diesem Grund waren die Frauen gezwungen, die Hausarbeit zu erweitern und zu intensivieren.[9] Kleidung wurde selbst hergestellt und Lebensmittel wurden auf dem Balkon oder wenn vorhanden in einem Schrebergarten / Garten selbst angebaut. Außerdem wurde auf alte Traditionen wie das Konservieren von Lebensmitteln oder das Sammeln von essbaren Beeren und Pflanzen sowie auf die Kleintierhaltung zurückgegriffen. Sachwerte und Naturalien traten an die Stelle des Geldwertes: „An die Stelle des Einkommens sind die direkten Verfügungsmöglichkeiten über die Waren selbst getreten. Diese Verfügungsmöglichkeiten bestehen […] in Sachvermögensbeständen, die mit ihren Nutzungen dem eigenen Verbrauch dienen oder als hochbegehrte ‚Zahlungsmittel‘ direkt oder indirekt verwendet werden.“[10] Das zeigt vor allem der in den 40er Jahren des 19. Jahrhunderts sehr bedeutende Schwarzmarkthandel. Frauen produzierten z. B. Puppen, Strümpfe oder andere Kleidung, um die Waren auf dem Schwarzmarkt einzutauschen.[11] Frau Hildebrandt, Jahrgang 1912:

„Es wurde damals in Berlin mehr geschoben, als es öffentlich zu kaufen gab.“[12] Nach Karin Hausen verbindet man mit den Wesenszügen der Frau immer eine liebenswürdige und gütige Person. Schwarzmarkthandel und Hamstern – in der Nachkriegszeit zwar alltägliche Dinge – waren trotzdem illegal. Auch hier nahmen Frauen männliche Züge an, denn illegales Treiben hätte man einer Frau zuvor nie zugetraut – geschweige denn zugestanden. Zusätzlich mussten vor allem Frauen aus Städten in umliegenden Dörfern „hamstern“ gehen und waren so nicht mehr nur an Heim und Herd gebunden. Sie entfernten sich zunehmend von der „passiven“ und an das „Häusliche“ gebundene Rollenbild. Frau Berg, Jahrgang 1910: „Am Sonnabend, Sonntag kamen dann meine Eltern hierher, um die Kinder zu hüten. Meine Schwester und ich setzten uns aufs Fahrrad und fuhren ins havelländische Luch, um Kartoffeln, Mohrrüben, rote Rüben und Kohlrabi anzuschaffen, die wir auf Schleichwegen durch die Mark Brandenburg transportierten, um dann von Nauen aus mit dem Vorortzug oder dem Fernzug zu fahren. […] Jeder hatte so viel aufgeladen, wie es nur eben ging. […] Es war also ausgesprochen strapaziös, aber wir machten es beinahe jedes Wochenende.“[13]

[...]


[1] Vgl. Meyer, Sibylle und Eva Schulze: Wie wir das alles geschafft haben. Alleinstehende Frauen berichten über ihr Leben nach 1945 (München, 3. Aufl. 1985), S. 97

[2] Ute Frevert: „Frauen auf dem Weg zur Gleichberechtigung – Hindernisse, Umleitungen, Einbahnstraßen“, in: Martin Broszat (Hg.), Zäsuren nach 1945. Essays zur Periodisierung der deutschen Nachkriegsgeschichte (München, 1990), S. 116

[3] Vgl. Meyer/Schulze: Wie wir das alles geschafft haben, S. 92

[4] Doris Schubert: „Frauenmehrheit verpflichtet. Überlegungen zum Zusammenhang von erweiterter Frauenarbeit und kapitalistischem Wiederaufbau in Westdeutschland“, in: Anna-Elisabeth Freier und Annette Kuhn (Hg.), Frauen in der Geschichte V (Düsseldorf, 1984), S. 234

[5] Vgl. Hausen, Karin: „Die Polarisierung der ‚Geschlechtercharaktere‘. Eine Spiegelung der Dissoziation von Erwerbs- und Familienleben“, in: Werner Conze (Hg.), Sozialgeschichte der Familie in der Neuzeit Europas (Stuttgart, 1976), S. 363

[6] Hausen: Geschlechtercharaktere, S. 368

[7] Schubert: Frauenmehrheit, S. 235

[8] Hausen: Geschlechtercharaktere, S. 363

[9] Schubert: Frauenmehrheit, S. 234-236

[10] Vgl. Schubert: Frauenmehrheit, S. 240

[11] Meyer/Schulze: Wie wir das alles geschafft haben, S. 100f.

[12] Vgl. Meyer/Schulze: Wie wir das alles geschafft haben, S. 103

[13] Vgl. ebd. S. 104f.

Ende der Leseprobe aus 11 Seiten

Details

Titel
"Die Stunde Null" - "Die Stunde der Frauen"?!
Untertitel
Das Rollenbild der Frau in der Nachkriegszeit des Zweiten Weltkrieges
Hochschule
Westfälische Wilhelms-Universität Münster
Note
1,7
Autor
Jahr
2011
Seiten
11
Katalognummer
V192582
ISBN (eBook)
9783656175315
Dateigröße
440 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Stunde Null, Nachkriegszeit, Zweiter Weltkrieg, Frauen
Arbeit zitieren
Julia Potthast (Autor), 2011, "Die Stunde Null" - "Die Stunde der Frauen"?!, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/192582

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