Liegen der aktuellen Hilfeplanung der ambulanten Eingliederung psychisch kranker Menschen die Prinzipien des Case Managements zugrunde?


Hausarbeit, 2011
21 Seiten, Note: 1,0

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

A) Bearbeitung der Fragestellung

1. Herleitung der Fragestellung

2. Ziele der ambulanten Eingliederungshilfe
2.1. Begriffsklärung „Ambulant Betreutes Wohnen“
2.2. Hilfeplanung
2.3. Die aktuelle Hilfeplanung des LVR - der IHP 3
2.4. Aufhebung von Prinzipien stationärer Langzeitunterbringung
2.5. Zielsetzungen des Betreuten Wohnens

3. Was sind die Leitprinzipien des Case Managements?
3.1. Die Professionalisierung der Sozialen Arbeit und die Entstehung des Case Managements
3.2. Begriffsklärung Case Management
3.3. Die Hilfeplanung des Case Managements
3.4. Leitprinzipien

4. Fazit: Überschneidungen und Unterschiede der Hilfe- planungen in den beiden beschriebenen Praxisbereichen

5. Ausblick

B) Erklärung der Bearbeiterin

C) Literaturverzeichnis

D) Anhang

1. Herleitung der Fragestellung

Da das Case Management nicht im Sozialgesetzbuch verankert ist gibt es keine Kostenträgerschaft. Es gibt Ideen, die Profession der rechtlichen Betreuer in Richtung Case Management zu qualifizieren, aber die Frage der Kostenträgerschaft zwischen der Justiz und der Sozialverwaltung ist ungelöst. Hinsichtlich meiner Fragestellung bleibt jedoch festzustellen, dass die Prinzipien des Case Managements mittlerweile sowohl auf der Verwaltungsebene (Konzeption der individuellen Hilfeplanung durch den LVR), als auch auf der Handlungsebene (Beziehungsgestaltung in der Ambulanten Eingliederungshilfe) Einzug gehalten haben.

2. Ziele der ambulanten Eingliederungshilfe

2.1. Begriffsklärung „Ambulant Betreutes Wohnen“

, §§ 53, 54 SGB XII i.V.m. § 55 SGB IX

Das Ambulant Betreute Wohnen ist ein gemeindeintegriertes Hilfeangebot, das der betreuten Person ein selbstbestimmtes Leben in der eigenen Wohnung ermöglicht. Es orientiert sich flexibel am individuellen Hilfebedarf der betreuten Person und ist ein verbindlich vereinbartes Betreuungsangebot, das sich auf ein breites Spektrum an Hilfestellungen im Bereich Wohnen bezieht.1 Betreutes Wohnen versteht sich nicht als Behandlung und ist auch keine zeitlich beschränkte Rehabilitationsmaßnahme im engeren Sinne. Viel mehr soll die soziale Integration ermöglicht und die persönliche Entwicklung desjenigen, der die Hilfe in Anspruch nimmt gefördert werden. Das Hilfeangebot bietet einen Rahmen, in dem therapeutische Prozesse angestoßen werden können.2 Die betreute Person soll befähigt werden, ihr Leben unabhängig von der Schwere der Behinderung weitgehend eigenständig zu gestalten. Das wird durch soziale Eingliederung und Teilhabe am Leben in der Gemeinde ermöglicht.

Einzelziele sind hier insbesondere die Beseitigung, Milderung oder Verhütung von Verschlimmerung einer vorhandenen Behinderung oder deren Folgen, eine angemessene Tagesstruktur der betreuten Person, die Förderung der weitestgehenden Unabhängigkeit von Betreuung und die Befähigung zur Konflikt- und Krisenbewältigung.3 Konkrete Ziele werden im Rahmen der individuellen Hilfeplanung formuliert.

2.2. Begriffsklärung „Hilfeplanung“

Die individuelle Hilfeplanung soll dem Einzelnen einen bestmöglichen Zugang zum psychiatrischen Hilfesystem gewährleisten. Den Leitgedanke für das personenbezogene Hilfesystem nannte Peter Kruckenberg das „sozialpsychiatrische Paradigma“: „Das System psychiatrischer Hilfen ist so zu gestalten, dass einem akut oder chronisch erkrankten Menschen in jeder Situation und zu jedem Zeitpunkt eine auf seine individuellen Bedürfnisse und seine Fähigkeiten und die Besonderheit seiner individuellen Lebenswelt ausgerichtete integrierte Behandlung und Betreuung gewährt wird.“4 Mit der Übernahme der Zuständigkeit für die ambulanten Eingliederungshilfen zum Wohnen im Sommer 2003 hat der LVR ein individuelles Hilfeplanverfahren entwickelt. Es geht davon aus, dass der Mensch mit Behinderung Experte seiner Lebenssituation ist und deshalb im Zentrum des Verfahrens steht. Der Landschaftsverband Rheinland erfasst mit seiner Hilfeplanung für das Ambulant Betreute Wohnen die Ziele und Wünsche des psychisch behinderten Menschen, aber auch seine Fähigkeiten, die er zur Erreichung der Hilfeplanziele einsetzen kann. So kann eine passgenaue Hilfe „gestrickt“ werden.

Voraussetzung für die Antragstellung ist eine fachärztliche Stellungnahme (Psychiater), in dem eine schwerwiegende psychische Behinderung attestiert wird und die jeweiligen Einschränkungen in der Funktionsfähigkeit, bzw. seine mangelnde gesellschaftliche Partizipation genannt werden.

Das individuelle Hilfeplanverfahren selbst besteht aus der Formulierung des Hilfeplans. Aufgrund der hohen Fallzahl arbeitet der LVR mit Sozialpsychiatrischen Zentren (SPZ), Koordinierungs-, Kontakt- und Beratungsstellen für Menschen mit geistiger Behinderung (KoKoBe) und den Leistungserbringern zusammen, die die Hilfeplangespräche für den LVR führen.5 Die Grundlage der Hilfeplangestaltung ist der Individuelle Hilfeplan, der IHP. Der Hilfeplan muss alle Informationen enthalten, die für eine Entscheidung über die beantragte Leistung notwendig sind. Insbesondere zielt er ab auf die Beschreibung der aktuellen Situation in den Bereichen Wohnen, Arbeit, soziale Beziehungen und Freizeit. Darüber hinaus erfragt er Ressourcen des behinderten Menschen, sowie Hinderungsgründe an der Umsetzung der vorher formulierten persönlichen Ziele. Mit dem Instrument der Hilfeplankonferenz hat der LVR in der Region ein Gremium geschaffen, das in regelmäßigen Abständen alle eingehenden Hilfepläne diskutiert und damit Entscheidungen vorbereitet. Diese Hilfeplankonferenzen finden vor Ort in den Städten statt, unter Leitung der Fallmanager des LVRs treffen sich Fachleute aus der Region (Sozialpsychiatrischer Dienst, ARGE, Kommune, Beratungsstellen, Anbieter) mit den Antragstellern und diskutieren den vorgelegten Hilfeplan.

2.3. Die aktuelle Hilfeplanung des LVR - der IHP 3

Im Juli 2010 wurde vom LVR der sogenannte IHP 3 (die dritte Version des Hilfeplans) vorgestellt, die sich nach den Prinzipien des ICFs (Internationale Klassifikation der Funktionsfähigkeit, Behinderung und Gesundheit6 ) aufbaut. Im Zentrum dieses Klassifikationssystems steht nicht mehr die Beschreibung der psychischen Symptomatik, die vorher viele Hilfepläne dominierte, sondern viel mehr der Gedanke der Funktionsfähigkeit und der gesellschaftlichen Partizipation. Eine entscheidende Veränderung liegt in der Konkretisierung der persönlichen Ziele des Antragsstellers. Diese werden nun mehr nach den sogenannten SMART-Kriterien definiert:7 S - Spezifisch, das heißt, die Ziele sind nicht allgemeiner Natur (Förderung der Selbstständigkeit), sondern Ausdruck der besonderen Situation des Einzelfalls.

M - Messbar, d.h., die Zielerreichung muss überprüfbar sein, unbestimmte Begriffe die der Auslegung bedürfen (besser, schlechter, weniger, etc.) werden vermieden.

A - Attraktiv (auch: Akzeptiert), d.h., das Ziel sollte vom Leistungsberechtigten erreicht werden wollen. Es wird akzeptiert und angestrebt.

R - Realistisch, d.h., dass es im Kern darum geht, Erfolge zu organisieren, nicht Misserfolge. Das angestrebte Ziel sollte erreicht werden können. Die Hilfeplanung muss sich an den Fähigkeiten des Leistungsberechtigten orientieren und die für die Umsetzung erforderlichen Ressourcen stärken.

T - Terminiert, d.h., der Zeitpunkt der Zielerreichung bzw. Zielüberprüfung wird in der Hilfeplanung festgelegt.

Neu hinzugekommen ist auch die Bewertung des bisher Erreichten, die Ziele des vergangenen Bewilligungszeitraumes werden erneut benannt und eine genaue Überprüfung des bisherigen BeWo-Prozesses findet statt. Durch das vorgestellte Verfahren findet eine Operationalisierung statt, die den interpersonellen Aspekt des BeWo-Prozesses zwar nicht außer acht lässt, wohl aber auf eine Arbeitsbeziehung abstellt, in der bestimmte Aufträge in Form von SMART-Zielen fokussiert werden. Auf diese Weise fühlt sich der Klient herausgefordert den BeWo-Prozess als ein Veränderungsmanagement zu begreifen, das ihm nur temporär zur Verfügung gestellt wird. (Manchmal allerdings durchaus auch für mehrere Jahre.) Die aktuelle Hilfeplanung des LVRs betont damit die Subjekthaftigkeit des individuellen Hilfeplanverfahrens und stellt den Menschen mit Behinderung in den Mittelpunkt des Verwaltungsgeschehens und des BeWo-Prozesses.

2.4. Aufhebung von Prinzipien stationärer Langzeitunterbringung

Die Behandlung kranker und behinderter Menschen war immer abhängig von der geistigen Strömung die in der jeweiligen Zeit galt. Im 19. Jahrhundert wurden psychisch kranke Menschen in psychiatrischen Heil- und Pflegeanstalten behandelt, hier sollten sie vor selbstgefährdendem Verhalten und den Ansprüchen der Gesellschaft geschützt werden. Das Ziel der Behandlung in solch einer Anstalt war nicht die Wiedereingliederung in die Gesellschaft, der der Betroffene nicht gewachsen schien, sondern der bessere Umgang mit der Behinderung durch Isolierung. Nach Entdeckung von Psychopharmaka in den 1950-er Jahren verkürzten sich die stationären Aufenthalte der meisten akut Erkrankten auf zwischen vier bis 12 Wochen. Die psychiatrischen Heil- und Pflegeanstalten mussten umstrukturiert werden, um den medizinischen Errungenschaften Rechnung zu tragen und die Chancen, die sich daraus für die Betroffenen ergaben, zu ermöglichen. Durch eine Neuordnung der Versorgung psychisch Kranker und Behinderter sollte „die Notwendigkeit stationärer Behandlung durch ambulante und halbstationäre Maßnahmen verringert und damit die Ausgliederung des psychisch Kranken und Behinderten aus seinen Lebensbereichen vermieden werden.“8 Den Betroffenen soll trotz und mit ihrer Behinderung ein „möglichst unabhängiges, von institutionellen Zwängen freies Leben geboten werden.“9 Grundbedingungen für diese Umstrukturierung der deutschen Psychiatrie-Landschaft sind:

- Das Prinzip der gemeindenahen Versorgung, (also der Vorrang ambulanter vor stationärer Hilfe),
- das Prinzip der bedarfsgerechten und umfassenden Versorgung aller psychisch Kranken und Behinderten.

[...]


1 Landschaftsverband Rheinland, Leistungs- und Prüfungsvereinbarung gem. §§ 75 ff. SGB XII für den Leistungsbereich Ambulant Betreutes Wohnen für Menschen mit Behinderung, S.2

2 Brill et. al., Psychosoziale Arbeitshilfen, Betreutes Wohnen, Grundlagen, Strukturen, Finanzierung einer gemeindepsychiatrischen Basishilfe, S.7

3 LVR, s.o., S.3

4 Peter Kruckenberg, Sozialpsychiatrische Information 3/2000, Bonn 2000, S. 18

5 Vgl. im Anhang, Interview mit Lothar Flemming, LVR-Dezernat Soziales und Integration, Fachbereichsleiter 73

6 weitere Ausführungen sind in diesem Rahmen leider nicht möglich

7 LVR, IHP 3, Handbuch zur individuellen Hilfeplanung, www.lvr.de/app/resources/handbuchihp3.pdf, Stand: 2.1.2011, 11:05 Uhr

8 Psychiatrieenquete, Unterrichtung durch die Bundesregierung, Bonner Universitäts-Buchdruckerei, 1975, S.189

9 Mühlich et.al., Ein Bett ist keine Wohnung, Bedürfnisse und Wünsche Psychiatrischer Langzeitpatienten, Psychiatrie-Verlag, 1982, S.50

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Details

Titel
Liegen der aktuellen Hilfeplanung der ambulanten Eingliederung psychisch kranker Menschen die Prinzipien des Case Managements zugrunde?
Hochschule
Katholische Hochschule Nordrhein-Westfalen  (Fachbereich Sozialwesen)
Veranstaltung
Theorien Sozialer Arbeit
Note
1,0
Autor
Jahr
2011
Seiten
21
Katalognummer
V193249
ISBN (eBook)
9783656185635
ISBN (Buch)
9783656187608
Dateigröße
466 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Case Management, Hilfeplanung, Ambulant Betreutes Wohnen, Eingleiderungshilfe, § 53 SGB XII
Arbeit zitieren
Klara Maria Niermann (Autor), 2011, Liegen der aktuellen Hilfeplanung der ambulanten Eingliederung psychisch kranker Menschen die Prinzipien des Case Managements zugrunde?, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/193249

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